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The Power of Persuasion // Die Macht der Überzeugung

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Het
Albus Dumbledore Horace Slughorn Lord Voldemort / Tom Vorlost Riddle OC (Own Character)
22.12.2018
11.07.2022
6
13.687
16
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16.04.2020 1.698
 
Ihre Knie schlotterten vor Aufregung und Kälte zugleich, als sich Marilyn auf dem Weg zum Büro von Professor Slughorn begab. Nicht einmal ihre blickdichte Strumpfhose war warm genug für die kühlen Temperaturen des unbeheizten Schlosses. Schon eine halbe Stunde vor Beginn hatte Marilyn den Gemeinschaftsraum verlassen, da sie es unbedingt vermeiden wollte, zu spät zu kommen. Außerdem wollte sie ihrer besten Freundin entkommen, auf deren gutgemeinten Ratschläge sie verzichten konnte.

Sie vertrat sich die Beine, wanderte eine halbe Ewigkeit durch die Gänge und musste ausgerechnet in ihren Mitschüler Steve Hooper laufen, der gerade auf dem Weg zum Ravenclaw-Turm war. „Wen haben wir denn da?“, fragte er und konnte sich eine abfällige Bemerkung nicht verkneifen, „Für wen hast du dich so schick gemacht? Nicht doch für mich, oder?“.

Steve war im selben Jahrgang wie sie und beide konnten sich seit dem ersten Jahr nicht ausstehen. Er war ein eingebildeter, besserwisserischer Pöbel aus reichem Hause, der sie seit der ersten Klasse nicht in Ruhe ließ. Marilyn begegnete seinen Gemeinheiten stets mit Schweigen, um eine Auseinandersetzung zu vermeiden, was ihn nicht davon abhielt, sich der Mitschülerin zu nähern und sie zu fragen: „Was ist, Reynolds? Hat es dir die Sprache verschlagen?“, „Lass mich in Ruhe, Hooper.“, entgegnete sie schroff und würdigte ihn keines Blickes.

Aber Steve ließ sie nicht gehen, ohne sie in die Enge zu treiben: „Ich habe gar nicht gewusst, dass in dir eine Detektivin steckt. Der Tagesprophet hat euren Familiennamen aller Ehre gemacht. Und dir dazu noch eine Einladung im Slug-Club verschafft.“. Aufgebracht stieß sie einen Luftstoß aus ihren Lungen und wandte sich dem üblen Ravenclaw zu, der viel besser in das Haus Slytherin gepasst hätte. Was sich der sprechende Hut nur bei ihm gedacht hatte?

„Das kann dir doch egal sein.“, meinte sie, aber Steve schüttelte den Kopf und lachte: „Andere Leute wären dort besser aufgehoben. Aber ich werde Slughorn schon noch zeigen, was in mir steckt. Dann können wir beim nächsten Mal gemeinsam auftauchen.“. Er wollte nach ihrer Hand greifen, aber Marilyn entzog sich seiner Nähe und begab sich schleunigst zu Slughorns Privatgemächer. Sie hasste Steve Hooper über alles und würde alles daran setzen, um sein vorlautes Mundwerk zu stopfen. Aber sie hatte keine Zeit, sich Gedanken um ihn zu machen. Vor allem musste sie mit Blick auf ihre Armbanduhr erkennen, dass sie viel zu spät dran war.

Ihre wackeligen Füße trugen sie zum Eingang des besagten Raumes, der auf der Einladung verzeichnet war. Die Tür stand offen und erlaubte einen Blick ins Innere. Dort hatten sich bereits mehrere Schüler eingefunden, nur Schüler. Kein einziges Mädchen war zu sehen – abgesehen von ihr. Aufgeregt hielt sie ihre kleine, schwarze Handtasche fest, während sich die Gruppe von bekannten Schülern mit Professor Slughorn an einem langen, kastanienbraunen Tisch unterhielt. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sollte sie anklopfen? Oder einfach reinpreschen? Aber wie würde das aussehen? Sie entschied sich vorerst stehen zu bleiben und das Vorgehen im Raum zu beobachten, sowie die anwesenden Gäste, die nur aus Schülern des Hauses Slytherin bestanden. Sollte sie das verwundern? Wohl eher nicht, Professor Slughorn war Hauslehrer von Slytherin. Es sollte sie eher verwundern, dass er eine Schülerin der Ravenclaws zu diesen Treffen eingeladen hatte.

Das erste bekannte Gesicht, das sie am Tisch entdeckte, war das von Alphard aus der berühmten, reinblütigen Zauberfamilie Black, die einen großen Wert auf ihre Abstammung legte. Neben ihm saß Abraham Lestrange, der auf einen Witz von Professor Slughorn hin lachte, während Clyde Avery ihm zustimmte und in das Gelächter einstimmte. Doch von allen Gestalten stach das Verhalten des jungen Tom Riddles heraus, der mit hochgezogenen Augenbrauen das Tischgeschehen verfolgte. Mit seiner Hand umfasste er die porzellanene Teetasse und rieb sich nachdenklich das ausgeprägte Kinn. Doch sein Kopf schwenkte in die Richtung des Eingangs, wo sich ihre Augen trafen und Marilyn erschrocken innehielt.

„Ach, Miss Reynolds!“, rief Professor Slughorn erfreut, „Schön, dass Sie es einrichten konnten!“. Glücklicherweise entdeckte der Gastgeber den Neuzugang seiner privaten Versammlung. Die Ravenclaw betrat zuversichtlich den Raum und kam ihm entgegen: „Tut mir leid für die Verspätung.“, „Das macht nichts. Hauptsache Sie sind hier.“, erwiderte er und ging um den Tisch herum, um ihr einen Platz direkt gegenüber von ihm anzubieten.

Als er den Stuhl an der Lehne festhielt und Marilyn sich setzte, warf er einen musternden Blick auf das bezaubernde Auftreten der Schülerin und war gänzlich von ihrer Garderobe beeindruckt: „Ein äußerst schönes Kleid tragen Sie, Marilyn. Findet ihr nicht auch?“. Alle anderen wussten darauf nichts zu sagen, sie nickten nur zustimmend. Peinlich berührt senkte sie den Kopf und stellte ihre Handtasche zu Boden, um festzustellen, dass sie ausgerechnet neben dem Jungen sitzen musste, dessen Kontakt sie meiden wollte. Richtig: Tom Vorlost Riddle.

Während der Gastgeber zurück zu seinem Platz wanderte, warf Marilyn einen Blick auf die Inneneinrichtung des kleinen Saals, der mit interessanten Gegenständen gefüllt war. Sie wusste gar nicht, wo sie hinschauen sollte, bei all diesen Dingen: Eine große Sanduhr prangerte auf seinem Schreibtisch, auf dem Regal neben dem entfachten Kaminfeuer standen etliche Portraits in hochwertigen Bilderrahmen und silberne Kerzenständer so weit das Auge reichte. Slughorn war nun mal ein Kenner des guten Geschmacks und legte einen hohen Wert auf stilvolles Ambiente. Und wer konnte ihm das schon verübeln.

Der Professor fackelte nicht lange und ließ die Nachspeise hereinbringen, die ihm zum Anlass des Abends die Hauselfen des Kellers gezaubert hatten. Englischer Früchtekuchen landete vor den Augen seiner Gäste auf den langgezogenen Tisch, worüber sich alle der anwesenden Schüler freuten. „Na dann, warten wir nicht länger. Lasst es euch schmecken.“, verkündete er.

Mary wollte gerade eine Gabel zu ihrem Mund führen, da richtete der Professor sofort das Wort an sie: „Ach, Marilyn. Es ist doch immer wieder schön, ein neues Gesicht in unserer Runde willkommen zu heißen. Umso mehr bin ich gespannt, was Sie uns alles erzählen können.“, „Ich… ich weiß nicht so recht, Sir.“, „Sie sind viel zu bescheiden, Miss Reynolds. Ich glaube wir alle haben den Artikel im Tagespropheten gesehen.“, meinte Slughorn, „Das müssen wohl aufregende Ferien gewesen sein.“.

Nachdenklich senkte Marilyn den Blick und wischte sich den Mund mit der weißen Serviette ab. Diese Frage interessierte ihn brennend, sodass er auf eine Antwort nicht nach dem Nachtisch warten konnte: „Nun, man klärt nicht alle Ferien Mordfälle auf. Das war alles andere als geplant gewesen. Meine Mutter arbeitet ja als Journalistin und ich durfte sie zu einem Interview begleiten. Er war ein Sammler von Gegenständen, nur stellte ich fest, dass er eine seltsame Kette in seinem Wohnzimmer aufbewahrte, die der Kette der ermordeten Mrs. Robertson unglaublich ähnelte. Ich konnte mich daran erinnern, weil ich ein Foto von ihr im Tagespropheten gesehen habe. Und ja, es stellte sich heraus, dass er der Mörder von Mrs. Robertson war.", „Unglaublich…“, wisperte Slughorn, der mit hohem Interesse die Erzählung der Schülerin verfolgte. Auch der Rest der Anwesenden lauschte gespannt ihren Worten.

Erfreut klatschte der Gastgeber in die Hände und wandte sich wieder seinem Kuchen zu: „Für Ihr Alter möchte man das kaum glauben, dass Sie bereits einen Mordfall aufgedeckt haben. Ihre Mutter kann wahrlich stolz auf Sie sein, dass in Ihrer Familie eine solch begabte Hexe steckt. Nun, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm…“, lachte er.

Eigentlich hatte Marilyn gehofft, mit dieser Geschichte seine Neugierde gestillt zu haben, aber der Professor hatte noch einige Fragen an die Musterschülerin im Repertoire, um sie besser kennenzulernen: „Und Ihre Mutter arbeitet also beim Tagespropheten? Ich durfte sie noch nicht kennenlernen, aber dafür ihren Arbeitgeber Mr. Crawley, dem Verleger des Tagespropheten. Mit Ihrem Können, Marilyn, wird er sicherlich auch nach Ihrem Schulabschluss Interesse an Sie hegen. Solch begabte Hexen braucht die Zauberwelt.“, „Danke, Professor. Aber das war nichts Besonderes.“, wiederholte sie das, was sie bereits vor einigen Tagen zu Charlotte gesagt hatte.

Damit widmete er sich an seinen Sitznachbar Avery und bohrte in dessen Familiengeschichte nach, wobei sich herausstellte, dass seine Eltern in der Abteilung für magische Strafverfolgung arbeiteten. Als wäre das ein entscheidendes Kriterium für die Teilhabe am Slug-Club, der soziale Status, der maßgeblich vom Beruf der Eltern beeinflusst wurde. Nur Marilyn hielt das für Unsinn, als ob das irgendetwas über den Menschen auszusagen vermochte.

„Möchtest du noch etwas Tee?“, fragte ihr Sitznachbar. Marilyn schaute in Toms Augen, die ihr einen kalten Schauer über den Rücken jagten. Sie nickte, fraglos, woher diese Aufmerksamkeit plötzlich kam. Ohne seinen Zauberstab zu zücken, ohne einen Zauberspruch zu sprechen, flog die Teekanne vorsichtig in die Höhe, schwebte in der Luft hinüber zu ihnen und steuerte gefährlich nahe auf sie zu, sodass Marilyn das Schlimmste erwartete. Wollte er etwa den Tee über sie verschütten und sie bloßstellen? Vor Slughorn? Traute sich Riddle das zu?

Nein, natürlich nicht. Zum Glück kam die Teekanne zum Stehen, die sich leicht neigte und ihre Tasse halbvoll mit heißem Pfefferminztee befüllte, ehe Tom sie zurück auf den Tisch schweben ließ. Das Kunststück hatte Slughorn mit Begeisterung verfolgt: „Alle Achtung, Mr. Riddle. Wären wir im Unterricht, würde ich Ihnen jetzt 10 Punkte für Slytherin gutschreiben. Aber das geht ja nicht hier im Rahmen unserer Treffen.“. Das war also seine Absicht. Er wollte sich vor Slughorn beweisen. Das war kein Akt der Nächstenliebe, das war ein Akt der Selbstsucht.

Zu ihrem Übel kam Slughorn zurück auf sie zu sprechen: „Wir haben ja viel über Ihre Mutter gesprochen. Darf ich fragen, was Ihr Vater macht?“. Mit einem Male wurde alles still. Die Ravenclaw hätte beinahe die Gabel fallen gelassen. Auf diese Frage hin musste sie schwer schlucken. Befangen senkte sie ihre Augen, als sie zu einer Antwort ansetzte: „Abteilungsleiter. Er… er war…“. Verwirrt kniff der Professor die Augen zusammen, kratzte sich nachdenklich im Gesicht und fuhr ihr über den Mund: „Ich kenne alle Abteilungsleiter im Ministerium, aber keinen mit dem Namen Reynolds.“, „Das glaube ich auch. Denn er ist tot.“.

Alles wurde still. Bedrückt sackte Slughorn in sich zusammen, sie hörte, wie schwerfällig er das Kuchenstück hinunterschluckte und die Gabel senkte. Er bereute es, diese Frage gestellt zu haben, aber fand schnell wieder die Fassung und sprach: „Das tut mir leid.“, „Das muss es nicht.“, entgegnete Marilyn, „Es ist jetzt schon fünf Jahre her. Und ich hab ja noch meine Mutter.“, und versuchte damit die angespannte Stimmung etwas zu lösen. Mit Erfolg.
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