Silent night, devil's night

GeschichteMystery, Schmerz/Trost / P16
Ben Jack John Locke Kate OC (Own Character) Richard
21.12.2018
24.12.2018
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23. Dezember 2004
17:23 Uhr, verbleibende Zeit: 23 Stunden und 37 Minuten


You know where you are
You're in the jungle baby
You're gonna die
In the jungle
(Welcome to the jungle, Guns N’ Roses)


Langsam senkt sich die Sonne, bis sie bald verschwinden wird um der Dunkelheit Platz zu machen. Du streckst deine Hände über den Kopf und atmest tief ein. „Hier steckst du!“ Hugo Reyes gesellt sich zu dir und reicht dir die Hälfte einer Mango. Dankend nickst du ihm zu und setzt dich in den warmen Sand. Er tut es dir gleich und schaut dich mit seinen großen, runden Augen an. „Glaubst du, dass sie immer noch nach uns suchen?“ Genüsslich beißt du in die süße Frucht und richtest deinen Blick wieder auf den Horizont. „Wie lange sind wir jetzt auf der Insel Hurley?“ „So um die drei Monate denke ich.“ Du zuckst resigniert mit den Schultern, das reicht als Antwort. Hugo verzieht die Mundwinkel nach unten, sein Gesichtsausdruck gleicht dem eines traurigen Hundes. „Dann glaubst du also, dass uns niemand finden wird.“ „Ich würde es gerne, aber...“ „Oh, okay.“ Schweigend beißt auch er in die Mango. „Ich mein ja nur, vielleicht brauchen die nur noch ein paar Tage.“ Wie gerne würdest du ihm zustimmen, versuchen, optimistisch zu sein. Doch das kannst du nicht mehr. Bevor du etwas erwidern kannst, siehst du Kate Austen, die auf euch zukommt. „Jack will mit uns reden.“ Na was für eine Überraschung. „Kommt ihr?“ Hurley steht langsam auf und reicht dir seine Hand. Du greifst nach hier und gemeinsam folgt ihr der Brünetten zurück ins Camp der Überlebenden des Oceanic-Fluges 815.

James Ford, von den anderen „Sawyer“ genannt, wirft Kate einen spitzbübischen Blick zu als ihr zu den übrigen stoßt. „Na, Sommersprosse, hast du dir zwei DUFFs besorgt?“ „Halt die Klappe Sawyer.“ Hurleys Blick erinnert an einen Welpen. Betroffen blickt er zu Boden. „Alter, wir sind nicht unsichtbar.“ „Reg dich ab, Dickerchen.“ „Hurley.“ Drei Augenpaare sind mit einem Mal auf dich gerichtet. „Sein Name ist Hurley.“ Sawyer geht ein paar Schritte auf dich zu. „Seit wann hast du hier was zu melden Missy?“ In diesem Moment erscheint Jack Shephard und legt seine Hand auf James‘ Schulter. „Hier hat jeder was zu melden. Wenn du damit nicht klar kommst, musst du gehen.“ Sawyer kneift die Augen zusammen und legt den Kopf zur Seite. „Du kannst nicht die ganze Welt retten, Doc.“ Jacks Mund verzieht sich zu einem Lächeln. „Wenigstens für heute. Zusammen Leben, alleine Sterben.“ Hurley fühlt sich sichtlich unwohl, daher durchbricht er das entstandene Schweigen und setzt sich zu den Überlebenden ans Lagerfeuer. „Was liegt an?“ Jack räuspert sich und wendet sich an die anderen. „Wir sind jetzt 93 Tage auf der Insel. Wisst ihr, welcher Tag heute ist?“ „Du wirst uns sicher gleich erleuchten, Buddha.“ Jack ignoriert Sawyers Bemerkung und sucht Claire Littletons Blick. Diese nickt und stellt sich neben den Chirurgen. „Morgen ist Heiligabend, der 24. Dezember also.“ „Du nimmst uns doch auf den Arm, Blondie.“ Kate wirft Sawyer einen warnenden Blick zu. Die Angesprochene lässt sich jedoch nicht verunsichern. „Nein, es stimmt. Wir haben Weihnachten.“ Hurley macht große Augen. „Alter…“ Jack ergreift wieder das Wort. „Und darum wollten wir mit euch reden. Wir wollen eine kleine Weihnachtsfeier veranstalten.“ Sawyer dreht sich um. „Unsere kleine Farm für Arme? Ho ho ho, Charles Ingalls, ohne mich.“ Mit schnellen Schritten geht er zu seinem Zelt, während Kate ihm hinterhersieht. Claire sieht die Überlebenden abwechselnd an. „Was ist mit euch?“ Charlie Pace, der Bassist von Drive Shaft, lächelt ihr zu. „Ja, ich bin dabei. Lasst uns ´ne Weihnachtsfeier schmeißen. Für den kleinen Aaron wird es das erste Weihnachtsfest, da müssen wir ordentlich einen raushauen!“ Auch John Locke nickt Claire aufmunternd zu. „Wir können uns weiterhin beschweren oder aber wir erkennen unser Schicksal an und werden nicht weiterhin Trübsal blasen. Auf mich kannst du zählen.“ Auch die übrigen stimmen mit ein. Aufgeregt unterhält sich die Gruppe über die Vorbereitungen, die zu treffen sind. Die Stimmen deiner Mitüberlebenden werden dumpfer bis sie schließlich weit entfernt klingen. Du schließt die Augen.

Als du sie wieder öffnest, bist du plötzlich zurück am 24. Dezember 1988. Es ist bereits schon nach 23 Uhr, doch an Schlaf ist nicht zu denken. Du bist sieben Jahre alt und starrst seit Stunden durch das Fenster auf die Straße. Es liegen mindestens 20 cm Schnee. Die Scheibe ist schon ganz beschlagen von deinem Atem. Fasziniert beobachtest du die Schneeflocken, die sich einen Weg auf die Erde bahnen. Es fühlt sich an, als würde die Zeit langsamer vergehen. Natürlich weißt du, dass Zeit immer im gleichen Tempo verstreicht, doch fernab der Hektik auf den Straßen und in der Stadt hast du ein ganz anderes Zeitgefühl. Du wohnst in einem kleinen Dorf, eine Stunde von der kanadischen Grenze entfernt. Du beobachtest den jungen Elch, Sonny, wie du ihn getauft hast, welcher zaghaft durch euren Garten streift. Das Tier hinterlässt eine kleine Fährte im frischen Schnee. Es schaut unsicher umher, als würde es jeden Moment von einem Puma oder einem Schwarzbär geschnappt werden. Plötzlich vernimmst du ein dumpfes Grollen, einen tiefen Donnerschlag, der aus der Erde kommt. Der Elch ist aus deinem Blickfeld verschwunden. Panisch rennst du aus deinem Zimmer die Treppe herunter.

Hurleys Stimme bringt dich zurück ins Hier und Jetzt. Er schaut dich abwartend an. „Was hältst du davon?“ „Wovon?“, fragst du irritiert. Claire streicht ihre blonden Engelslocken zurück und schenkt dir ein Lächeln. „Möchtest du uns bei der Dekoration helfen?“ Bevor du auch nur einen weiteren Gedanken fassen kannst, spürst du, wie dein Kopf zu nicken beginnt. Hurley strahlt über das ganze Gesicht. „Sehr gut, das wird die beste Weihnachtsfeier aller Zeiten!“

Es sind noch keine fünf Minuten vergangen, als du deine Entscheidung bereits bereust. Charlie hat es sich zur Aufgabe gemacht, jeden mit seiner übertrieben guten Laune anzustecken, oder anders ausgedrückt: dich in den Wahnsinn zu treiben. Dass er ununterbrochen Weihnachtslieder summt macht die Sache nicht gerade erträglicher. Na immerhin besser als „You all everybody“ in Dauerschleife zu hören. Doch bis auf Sawyer, der sich mit einigem Sicherheitsabstand zurückhält, bist du die einzige, die Charlie mit einem genervten Blick beobachtet. Claire wirkt so glücklich wie seit Wochen nicht mehr, selbst Sun und Jin Kwon wirken vertrauter als sonst, alles in allem liegt dieser besondere bla-bla-Zauber in der Luft, den einige meinen an Weihnachten spüren zu können. Schwachsinn. „Hey, alles klar?“ Du hebst deinen Blick. Sayid Jarrah mustert dich mit seinen dunklen, wachsamen Augen. Er reicht dir eine halb gefüllte Wasserflasche und setzt sich neben dich in den noch immer erwärmten Sand. „Du scheinst dieses Fest nicht sonderlich zu mögen, habe ich Recht?“ „Was ist mit dir?“, konterst du. Der Araber lächelt. „Ich bin Moslem.“ „Verstehe.“ „Möchtest du darüber reden?“ Sayid ist mit der Gabe gesegnet, über eine erstaunlich gute Menschenkenntnis zu verfügen. Er ist nicht nur ein menschlicher Lügendetektor, sondern auch wachsam, zu jeder Zeit. Spionage- und Folteraktivitäten sei Dank. Du winkst ab und leerst die Plastikflasche in einem Zug. Sayid hebt misstrauisch seine Augenbrauen. „Na schön, wie du willst. Aber mach dir bitte klar, dass du dich irgendwann deiner Vergangenheit stellen musst. So unschön sie auch ist.“

Als ob die Situation nicht schon schlimm genug wäre, stürmt eine dreiviertel Stunde später Michael Dawson aufgebracht durch das Camp. „ICH BRINGE IHN UM! WO IST DER MISTKERL?!“ Jack tauscht einen überraschten Blick mit Kate, bevor er sich erhebt. „Was ist passiert Michael?“ „OH WENN ICH DEN IN DIE FINGER KRIEGE!“ Kate, welche neben dir sitzt und an einem aus Palmblättern und roten Blüten und Beeren bestehenden Kranz bastelt, stellt sich neben Jack. „Hey, beruhige dich!“ Neben Hurley gesellen sich auch Sun, Jin und Charlie zu euch. Michael’s Blick ist eiskalt. Aufgeregt läuft er zwischen den Überlebenden hin und her. Jin flüstert seiner Frau etwas auf Koreanisch zu, diese nickt widerwillig und folgt ihrem Mann, welcher die entgegengesetzte Richtung ansteuert, aus welcher Michael gestürmt kam. Du beobachtest das Geschehen mit einem unverständlichen Ausdruck im Gesicht. Diese komplizierte Dreiecks-Geschichte ist zu viel Drama für deinen Geschmack. Es reicht schon, dass Kate je nach Lust und Laune Bäumchen-wechsel-dich mit Jack und Sawyer spielt. Michael steuert wutentbrannt auf John Lockes Schlafplatz zu und beginnt hektisch seine Sachen zu durchwühlen. „Hey, hey! Was glaubst du, was du da tust?“, Charlie fasst Michael am Arm, um ihn zurück zu ziehen, doch Walts Vater schüttelt den Bassisten mürrisch ab. Sawyers amüsierter Ausdruck ist nicht schwer zu deuten: Endlich ist hier mal was los. „Na, wonach suchst du denn, Lassie?“ Keine Reaktion. Jack versucht es mit etwas mehr Feingefühl. Behutsam geht er neben Michael in die Hocke. „Möchtest du uns nicht erzählen was passiert ist?“ Die Halsschlagader des Angesprochenen pulsiert. „Es ist… Walt. Er ist verschwunden! Aber ich weiß schon, wo er ist. Bei diesem Möchtegern-Ich-überlebe-in-der-Wildnis-wie-kein-anderer-Meister-Propper.“ „Wenn du mich meinst, Michael, ich bin hier.“ Die Camper drehen sich um, um den Ursprung der Stimme zu finden. John taucht aus dem Dschungel auf, Walt an seiner Seite. Michael springt auf und rennt auf seinen Sohn zu. „WAAALT! Wo warst du denn? Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Was machst du eigentlich alleine im Dschungel?“ Der Junge wirft einen Blick auf John. „Ich war nicht alleine, Dad.“ „Ich will nicht, dass du so viel Zeit mit ihm verbringst.“ Walt bekommt einen unverständlichen Ausdruck. „Aber, Dad, du weißt nicht was-“ „Ich verbiete dir, mit ihm zusammen zu sein!“, unterbricht Michael seinen Sohn aufgebracht. Allmählich verwandelt sich Walts Ausdruck in Trotz. „Du kapierst es einfach nicht! Vincent war verschwunden! John hat ihn gefunden, schon wieder! Aber das interessiert dich ja nicht. Ich hasse dich!“ Mit diesen Worten stürmt Walt an seinem Vater vorbei. Sawyer stößt die Luft aus. „Oh oh, der bockige Teenager hat soeben das Gebäude verlassen.“ John geht auf Michael zu und hebt freundschaftlich die Hand. „Vielleicht sollte ich mit Walt sprech-“ „NEIN! Gar nichts wirst du! ER IST MEIN SOHN, KAPIERT?!“ John lächelt. „Wie du willst. Für den Fall, dass du es dir anders überlegen solltest, weißt du ja, wo du mich findest.“ Mittlerweile widmen sich die Überlebenden wieder ihren Aufgaben. Die Show ist vorbei, selbst Sawyer trottet zurück zu seinem Unterstand. Kate hilft dir, die roten Beeren und Blüten an den Palmzweigen zu befestigen. Michael setzt sich mit Hurley ein paar Meter neben euch in den Sand. Es ist unvermeidlich, ihr Gespräch nicht mit an zuhören. „Du solltest dich wieder beruhigen, Alter.“ „Du verstehst das einfach nicht, Hurley. Wir dürfen ihm nicht vertrauen. Ich hab da ein ganz schlechtes Gefühl.“ „Warum eigentlich? Was hast du gegen John?“ Michael schließt die Augen. In Gedanken geht er zurück. Zurück zu dem Zeitpunkt, als er John das erste Mal sah. Am Flughafen, in Sydney. Eine Stunde, bevor die Maschine 815 ihre letzte Reise antreten würde.


Walt blättert in einem Magazin, bedacht darauf, möglichst wenig Blickkontakt zu Michael aufzubauen. Nach dem Streit im Hotel herrscht bisher nur Schweigen zwischen Vater und Sohn. Michael reibt sich müde über die Augen. Ob er jemals einen guten Draht zu Walt aufbauen kann? Er kennt ihn ja noch nicht mal. „Was liest du denn da?“ Sein Sohn hebt mürrisch seinen Blick. „Interessiert dich eh nicht.“ „Doch, Mann, das tut es. Walt, ich bin nicht der perfekte Vorzeige-Daddy, hab ich kapiert. Aber bitte, behandle mich nicht wie einen Schwerverbrecher.“ „Oh verstehe, jetzt willst du mir noch sagen: Ich bin einer von den guten? Lass mal gut sein.“ Der Junge steuert die Toilette an, würdigt Michael keines Blickes. „In dem Alter sind sie nie einfach.“ Michael stöhnt genervt, Ratschläge eines perfekten Daddys will er jetzt garantiert nicht annehmen. Überrascht blickt Michael zu dem Mann im Rollstuhl. „Ach, und woher wollen Sie das wissen?“ Der glatzköpfige Mann lächelt. „Ich war genauso in seinem Alter.“ „Was Sie nicht sagen.“ „Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf, versuchen Sie es mit etwas mehr Verständnis.“ Michael hebt seinen Blick, Walt kommt gerade von den Toiletten. „Tja, war nett mit Ihnen zu plaudern Mister-“ „Locke. John Locke. Hat mich auch gefreut, Michael.“ Überrascht wirft er dem Mann im Rollstuhl einen letzten Blick zu. Woher kennt er seinen Namen? In der nächsten Sekunde durchbricht die Lautsprecher Durchsage Michaels Gedanken, da seine Reihe gerade aufgerufen wird. Er steuert mit seinem Sohn das Gate 23 an und wirft nochmal einen Blick über seine Schulter, der Mann im Rollstuhl ist verschwunden.


Michael öffnet seine Augen wieder. „Er ist nicht der, für den wir ihn halten.“  

Du stößt genervt die Luft aus. Kate sieht dich überrascht an. „Was ist?“ Dein Blick fällt auf das Gestrüpp in deinen Händen. „Ich bin wohl nicht so talentiert.“ Die Beeren sind zum großen Teil zerquetscht, deine Hände sehen aus, als hättest du jemanden umgebracht. Kate lächelt. „In der Schule habe ich Kunst als erstes abgewählt. Vielleicht hast du beim Flechten der Gräser mehr Glück. Vorher solltest du aber die Schweinerei abwaschen.“ Du hebst deine blutroten Hände und kannst dir ein kleines Lächeln ebenfalls nicht verkneifen. Du stehst auf und läufst mit erhobenen Händen auf das Wasser zu. Sawyer kommt dir entgegen und verzieht angewidert das Gesicht. „Wen hast du denn gekillt? Oh, bin ich jetzt in Gefahr, Missy, weil ich dich auf frischer Tat ertappt habe? Brauche ich etwa einen Anwalt?“ Du ziehst die Augenbrauen hoch. „Wenn du mich weiter so nervst, erfährst du es vielleicht nicht mehr.“ Der Blonde verzieht seine Lippen zu einem schiefen Grinsen. „Na, das wollen wir ja mal nicht hoffen.“ Du tauchst deine Hände in das Salzwasser und beobachtest, wie sich die rote Farbe der Beeren wie eine Wolke von deiner Haut löst. Für einen Moment, nur für einen winzigen Moment, glaubst du, in dieser Wolke etwas zu sehen. Du kneifst die Augen etwas zusammen. Was ist das? Die rote Wolke im Wasser formt einen Abdruck. Genauer gesagt, einen gespaltenen Hufabdruck. Du schüttelst den Kopf und wischst mit deiner Hand die Wolke fort. Jetzt werde ich noch verrückt, denkst du, bevor du dich wieder auf den Weg zu Kate und dem Kranz machst. Ein unbehagliches Gefühl bleibt dennoch, erst recht, als sich die rote Wolke im Wasser verflüchtigt und den Blick auf den frischen Hufabdruck im feuchten Sand freigibt.

***




Hallo zusammen :)
dies ist meine erste Lost-FF, die ich nun passend zu Weihnachten veröffentlichen nöchte.  Nur zur Info: ich werde mich nicht streng an den Verlauf der Serie halten, so tauchen auch manche Charaktere nicht auf, oder aber leben noch. Meine Geschichte besteht aus vier Kapiteln, die ich nun täglich hochladen werde.

Viel Spaß beim Lesen :)
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