Wasseroberflächen im Winter

OneshotAllgemein / P12
19.12.2018
19.12.2018
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Wasseroberflächen im Winter


Endloses Weiß vor meinen Augen. Ich stehe reglos da und blicke umher. Nichts sieht aus wie sonst – alles weiß. Bäume türmen sich wie eisige Riesen in den Himmel und starren bösartig auf mich hinab. Sie beobachten mich.
Und ich. Ich stehe da.
Unbeweglich.
Mein Atem wird sichtbar in der klaren Winterluft und verdunstet binnen weniger Augenblicke, doch für einen kurzen Moment fühle ich mich lebendig. So lebendig wie man sein kann. Ich sehe meinen Atem.
Es ist absolut still um mich herum, sogar das Flüstern des Baches ist verschwunden. Es wird von einer Eisschicht verschluckt. Sie glitzert und birgt unendliche Schönheit, doch weiß ich, dass sie genau so todbringend sein kann.
Würde ich darauf stehen, bräche sie ein.
Und ich. Ich würde sterben.
Unbemerkt.
Geradezu desinteressiert scheint das Bächlein in meiner Fantasie, die allmählich an Fahrt aufnimmt. Die bösartigen Eisriesen entwurzeln sich und gehen elegant umher, verfolgen mich vielleicht, doch könnte ich ihnen genau so egal sein.
Das werde ich nicht herausfinden.
Denn sie bewegen sich nur in meiner Fantasie.
Oder?
Zwischen ihren knorrigen Beinen kann ich einen Schatten ausmachen und er schleicht nur zögernd aus dem nackten Dickicht hervor, um seine eigentliche Gestalt zu enthüllen.
Ein Reh.
Es sieht ängstlich aus, es sieht sich aufmerksam in alle Richtungen um. Es erblickt mich nicht, deshalb wagt es sich vollständig aus dem Schatten heraus und geht vorsichtig über die Schneedecke auf mich zu, weiter zum Bach.
Auch seinen Atem kann ich in der klaren Luft erkennen, es ist lebendig wie ich. Vielleicht war es nie lebendiger als heute.
Ob es seinen Atem auch sieht und bemerkt?
Ob es auch Angst vor den eisigen Riesen hat, die schelmisch herunterschauen?
Vermutlich nicht.
Es geht weiter, bewegt seine vier Beine in einem seltsamen Rhythmus nach vorne, sinkt in die Schneedecke ein und dreht die Ohren in jede Himmelsrichtung, doch ist dort immer noch kein einziges Geräusch.
Nur seine eigenen Schritte sind dumpf zu hören, wenn es mit seinem Gewicht die dichte Masse zerdrückt und auf den Boden schiebt. Tiefe Spuren bleiben übrig und es fällt ein Schatten in sie hinein. Sie sind Abgründe.
Gebannt beobachte ich das Reh, das sich dem zugefrorenen Bächlein nähert, doch als es kein plätscherndes Wasser an der vermutlich gewohnten Stelle finden kann, macht es kehrt. Ich strecke unwillkürlich meine Hand aus und will rufen, doch erschrickt das Reh und dreht den Kopf ruckartig in meine Richtung.
Ich sehe die blanke Angst in seinen Augen, dann springt es fort und verschwindet innerhalb weniger Wimpernschläge erneut im dunklen Wald, geschützt von den Eisriesen, die den Eingang streng vor Eindringlingen wie mir schützen.
Instinktiv will ich hinterher, ich laufe los und vergesse jede Vorsicht, ich laufe und trete auf die vereiste Oberfläche des Bachs. Sie bricht und mein Fuß wird sofort ins kalte Wasser gezogen.
Ich falle nach hinten, versuche mich zu retten, setze mich auf den Boden, den nassen Fuß bereits aus dem Wasser gezogen. Kleine Schollen sind aus der einst glatten Oberfläche gebrochen und sie treiben seicht hin und her.
Jede von ihnen ist ein Rettungsanker.
Und ich. Ich würde mich an ihnen festklammern.
Unsinnigerweise.
Sie würden mich nicht retten. Auch sie würden mich ertrinken lassen. Ich würde panisch mit meinen Armen rudern, nach dem Wasser unter mir treten und dann kraftlos auf den Grund der peitschenden Flut sinken.
Die Eisriesen stünden am Ufer und blickten auf das Bett des Gewässers, wohl wissend, dass ich es selbst schuld bin.
Mein Atem geht schwer, ich sehe es an der Dichte des weißen Dunstes, der meinen keuchenden Mund verlässt. Er geht unregelmäßig, verschwindet langsamer als meine vorherigen Luftzüge. Ich fühle mich noch lebendiger als zuvor.
Überlebendig.
Überlebend.
Drüber.
Drauf.
Ich beginne zu frieren und will eigentlich aufstehen, doch kann ich es nicht. Eine Bewegung am Waldrand lässt mich innehalten. Zwei schwarze Augen blicken mich an, versteckt hinter einer immergrünen Fichte.
Es sind die Augen des Rehs.
Während ich mich nicht rühre, kommt es wieder näher. Ich kann die Muskeln unter dem dichten braunen Fell erkennen, die sich mit jeder Bewegung anspannen. Der Geruch von Wild steigt in meine Nase.
Das Reh steht nun fast genau vor mir. Es hat neue Spuren im Schnee hinterlassen. Dann beugt es sich über das gesplitterte Loch in der Eisschicht des Bachs und trinkt.
Und ich. Ich sehe zu.
Unbeweglich.
Unbemerkt.
Überlebend.

Anmerkung: Hier geht es zu Teil 1 – Wellenbewegungen im Frühling, Teil 2 – Schallschutzmauern im Sommer und Teil 3 – Massensterben im Herbst.
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