Kalte Fusion

GeschichteRomanze, Fantasy / P16 Slash
OC (Own Character)
19.12.2018
09.11.2019
23
96438
11
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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Was soll ich sagen? Ihr findet das vorherige Kapitel bei Unter dem Eis :)

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Die Tanzvorführung war für die Kinder ein voller Erfolg, denn sie hatten Freude auf der Bühne und der Applaus der Eltern und Freunde war alles, was sie brauchten. Leuchtende Kinderaugen, Tüll der raschelte, wenn sich die Kleinen ihren Eltern in die Arme warfen und umher gewirbelt wurden. Betty in ihrem sonnengelben Kleid und den aufgedrehten Locken war ein Lichtstrahl zwischen all den lachenden Kindern und tatsächlich konnte Marc für diese Zeit seine kreisenden Gedanken ausschalten und genießen. Das Lachen seiner Schwester, die Nähe der Herde, die ihn genauso stürmisch begrüßt hatten, dass sie anschließend nicht drum herum kamen bei Bernardo auf der Veranda zu sitzen um die Aufführung ausklingen zu lassen. Aber nicht nur Shoana, Betty und er waren da, sondern die halbe Herde versammelte sich spontan hier im Zentrum des Orts, es wurden Feuer entzündet, Glühwein für die Erwachsenen und alkoholfreier Punsch für die Kinder ausgeschenkt während sich wechselnde Gruppen um die Feuer bildeten. Eine kleine 'After-show-Darbietung' wurde von den kleinen Pferden präsentiert, diesmal jedoch in gewandelter Gestalt, was für reichlich Gelächter und noch mehr Fotos führte, die später liebevoll gepflegte Fotoalben schmücken würden.
Er war zu Hause.

Mit einem Glühwein - vermutlich dem dritten und damit bereits zwei zu viel - in der Hand saß Marc in eine Wolldecke gewickelt am Feuer, die Füße der Hitze entgegengestreckt und war wie immer fasziniert, wie kälteresistent Gestaltwandler waren. Und wie aufmerksam, denn nicht nur einmal war er von Nachbarn gefragt worden, ob ihm auch ja warm genug war, was er bei der zweiten Decke dann wahrheitsgemäß bejahen konnte und er fühlte sich auch nicht gekränkt. Er liebte seine Herde.
Holz schabte über Holz und der mit Leder bespannte Stuhl wurde neben ihn in die Nähe des Feuers gezogen, bevor sich Bernardos stämmige Gestalt neben Marc hineinfallen ließ, dabei geschickt den eigenen Glühwein ausbalancierend.
"Schön, dass du es zur Aufführung geschafft hast, Junge." Grinste der halbe Spanier, klopfte Marc auf die Schulter und seine grünen Augen funkelten lebendig, als er einen Schluck nahm. Marc hatte nicht widersprochen, als alle angenommen hatten, dass er genau aus diesem Grund den Weg nach Hause angetreten hatte und er war auch wirklich froh diesen Moment nicht verpasst zu haben. Einfach weil Betty sein Goldstück war, dass er liebte und schätzte und zu erwähnen, dass er aus persönlichen, verwirrenden Gründen die Strecke fuhr aber nicht für sie, hätte sie verletzt. Hn. Er war wirklich nicht der beste große Bruder, den sie verdiente - aber er tat was er konnte sein Leben auf die Reihe zu bekommen und gleichzeitig Betty nicht mit seinen Problemen zu belasten.
"Ja, es war wirklich sehenswert - und vor allem die After-Show lohnt sich!" Schmunzelnd hob er prostend sein Glas und Bernardo tat es ihm gleich, sich ihm weiter zu drehend, ihn musternd.
"Nun erzähl schon - wie ist es im TWM? Berufliche Neugier natürlich." Aber natürlich!
"Es ist überwältigend." Gab Marc ehrlich zu. "Du kennst es doch - nach meiner vorherigen Klinik ist dieser Maximalversorger ein Traum."
"Natürlich kenn ich es - wer es irgendwie mit der Herde oder dem Rudel vereinbaren kann versucht zumindest ein paar Jahre dort zu arbeiten. Die Erfahrungen die dein Vater dort gesammelt hat, kamen immer der Herde zugute, auch wenn ich schubweise etwas neidisch auf ihn war, dass er dort arbeiten konnte."
Es war Jahre her und in der Mitte der Herde war es kein Problem über seine Eltern zu sprechen.
"Dafür war er öfter unterwegs und du konntest hier sein. Es hat doch alles vor und Nachteile. Ich vermisse euch sehr, wenn ich fort bin." Euch. Die gesamte Herde. Eine große Hand strich ihm durch das Haar, als wäre er noch ein kleiner Junge.
"Dann sieh zu, dass du fertig wirst und komm nach Hause, Marc."
"Hn… hier vor Ort haben wir aber - hoffentlich - nicht so viel Verwendung für einen Neurochirurgen." Bernardo legte den Kopf schräg, sodass seine braunen Locken um sein Gesicht rutschten.
"Du hältst immer noch an diesem Steckenpferd fest?" Sich an die beiden Operationen der letzten Tage erinnernd - die eine war keine vierundzwanzig Stunden her - nickte Marc mit leuchtenden Augen.
"Kann gar nicht anders - wenn ich ein offenes Hirn vor mir liegen habe, werde ich fast wahnsinnig. Es ist so faszinierend, so filigran und so leicht zerstörbar! Erst heute Nacht ließ mich mein Mentor in einem Notfall die Kraniotomie durchführen!" Verständnis und Staunen war in Bernardos Zügen zu lesen, welche unter seinem Lächeln warm und weich wirkten.
"Ich gratuliere dir. Es ist immer ein Segen, wenn man mit Leidenschaft seiner Arbeit nachgehen kann. Ist dein Mentor Neurochirurg?"
Marc nippte an seinem Wein und schüttelte den Kopf, als er an Dr. Venandi dachte.
"Nein. Er ist … also anscheinend ist er ein Bekannter meines Vaters gewesen und er will mich fördern, hat er gesagt." Mit den drei Gläsern Glühwein war es irgendwie leichter über das verwirrende Thema zu sprechen und Bernardo sah ihn interessiert ein.
"Oh wer? Ich kenne ein paar von Gabriels Kollegen, da wir sie ab und an um Rat kontaktiert haben oder für eine Zweitmeinung, wenn wir uns nicht sicher waren."
Beide Finger um das Glas legend um die Restwärme des Getränkes aufzunehmen fragte sich Marc, wieso er das Thema überhaut angesprochen hatte, antwortete dann aber.
"Dr. Venandi." Dabei sah er Bernardo an und registrierte das sachte Weiten seiner Augen, wie seine Nasenflügel bebten, als er Luft holte und offensichtlich an Marcs Geruch dessen Reaktion abzuschätzen versuchte, bevor er langsam ausatmete.
"So, du hast Cajetan also wirklich kennengelernt." Die Leichtigkeit in seinem Blick war einem tieferen Ernst gewichen, als er Marc aufmerksam musterte. "Wie geht es dir damit?"
"Wie es mir damit geht?" Schnaubend stieß Marc die Luft aus, klang aber nicht ungehalten, sondern eher leicht verwirrt, der Wärme des Feuers und der Wirkung des Weines nachgebend. "Verwirrt, da anscheinend nicht nur Shoana, sondern auch du und was weiß ich wer sonst noch davon wusste, dass Vater eine mediale Bekanntschaft hatte, von der er Ma und mir nichts erzählt hat." Doch als Bernardo etwas sagen wollte, sprach Marc schon weiter. "Wobei ich mir heute dazu schon ausreichend Gedanken gemacht habe und mir eingestehen muss, dass ich Pa's Entscheidung es meiner Mutter nicht zu erzählen nachvollziehen kann. Aber mir hätte er es doch vielleicht…"
"Das hätte er auch getan. Im richtigen Moment." Die Stimme des Heilers war von einer stillen Überzeugung unterlegt.
"Und wann wäre dieser Moment gewesen?"
"Vermutlich, wenn du bei ihm im TWM angefangen hättest. Was er sich gewünscht hatte von dem Moment an, als du zu studieren begonnen hattest." Marc schmunzelte sachte.
"Ja, das hat er mal erwähnt… so ein… zwei … dreihundert Mal."
"Aber er hat auch verstanden, dass du zunächst an einer 'normalen' Klinik arbeiten müsstest um deine Erfahrungen zu sammeln. Das TWM ist einfach anders."
"Dr. Venandi ist anders!" Brach es aus Marc hervor und entlockte Bernardo damit ein tiefes Lachen.
"Das kannst du laut sagen."
Bevor er es sich anders überlegen konnte meinte er:
"Kannten die beiden sich lange?"
"Cajetan und Gabriel?" Tiefer in seinem Stuhl versinkend schob Bernardo seine Stiefel gefährlich nahe an das Feuer in welches er hineinblickte. "Ungefähr zehn Jahre… ja, jetzt im Herbst müsste es zehn Jahre her sein."
"Hat er ihn in der Klinik kennengelernt?" Fragte Marc wider besseren Wissens, denn Venandi hatte ja bereits gesagt, dass er auf Empfehlung eines Freundes im TWM angefangen hatte. Wen also prüfte er? Den Medialen, ob dieser vielleicht nicht die Wahrheit gesprochen hatte? Sich selbst, ob er ihn nicht falsch verstanden hatte oder gar seinen Vater, ob er der Herde vielleicht nicht die Wahrheit erzählt hatte?
"Nein. Gabriel hat ihm die Stelle dort erst verschafft. Es war ein … kleiner Aufstand in der Verwaltung, wie er mir erzählte und ich bin wirklich erstaunt, dass dies nie zu Melissa und dir durchgedrungen war."
Mit einer Hand zog Marc die Decke enger um sich.
"Wie haben sie sich denn dann kennengelernt? Auf einem Kongress? Immerhin ist Kanada nicht gerade für seine hohe Medialen-Dichte bekannt." Eigentlich hatte er mit Shoana darüber sprechen wollen, aber dass er hier so unerwartet Informationen bekommen würde, motivierte ihn weiter zu fragen, doch Bernardo musterte ihn aufmerksam von der Seite.
"Wieso möchtest du das wissen?"
"Weil … ich ihn verstehen möchte."
"Cajetan? Er ist ein Medialer, Junge. Du wirst ihn nie verstehen."
"Aber ich möchte wissen… muss wissen …" er brach ab und ließ das leere Glas auf sein Bein sinken. "… ob ich ihm vertrauen kann." Wirklich? War das der Grund? Vertraute er dem Mann nicht bereits genug um mit ihm zusammenzuarbeiten?
Bernardo blickte in sein noch halbvolles Glas.
"Dein Vater hat ihm vertraut."
"Wieso?" Der Heiler wandte den Kopf und sah ihm in die Augen.
"Weil Cajetan ihm das Leben gerettet hat…" rasch schüttelte er den Kopf, als Marc nach Luft japste und bereits weiter fragen wollte. "… und nein, mehr erzähle ich dir nicht. Es ist nicht meine Geschichte, sondern Gabriels und Cajetans. Wenn du mehr wissen willst, musst du ihn fragen und gegebenenfalls damit leben, dass er dir nicht antworten wird. Und ob du ihm vertraust, musst du selbst herausfinden." Seine ernsten Worte dämpfte er mit einem warmen Lächeln. "Doch er wird sich kaum die Mühe machen dein Mentor zu werden, wenn… er dir etwas schlechtes wollte."
Marc saß da und sah den Heiler an, nickte wie ferngesteuert, während dessen Worte in seinem Schädel wiederhallten: weil Cajetan ihm das Leben gerettet hat. WAS verdammt noch mal? Vor zehn Jahren? Damals hatte er bereits mit dem Studium angefangen, aber wenn sein Vater in Lebensgefahr gewesen wäre, dann hätte er doch etwas davon gehört.
"Herbst vor zehn Jahren meintest du? Gut… ich werde ihn fragen." Ihn.
"Mach das - aber jetzt genieß erstmal deine freie Zeit. Wie lange bleibst du? Am Wochenende feiern wir das Lichterfest…" mit der Hand deutete er in die Richtung des Sees und wehmütig dachte Marc an die alljährlichen Feste bei denen die Mustangs Papierlaternen von Booten auf dem See aufsteigen ließen um den Winter zu begrüßen.
"Da bin ich leider schon wieder in der Klinik - aber schickt mir bitte die Aufnahmen. Für nächstes Jahr muss ich mir unbedingt freinehmen." Was nicht nur leere Worte waren, sondern ein fester Vorsatz.
Kurz darauf kam Shoana mit einem kleinen, schlafenden Pony-Bündel auf dem Arm zu ihm und fragte, ob er noch bleiben wolle, aber Marc schüttelte den Kopf.
"Nein, ich brauche auch eine Mütze voll Schlaf." Aufstehend klopfte er Bernardo auf die Schulter und lächelte. "Danke für das Gespräch, du hast mir weitergeholfen!" Dann nahm er seiner Tante seine Schwester ab und drückte ihren warmen, duftenden Körper an sich.
"Gern geschehen Junge. Halt mich auf dem laufenden."
"Das mach ich. Gute Nacht."

Das Pony-Bündel war zu Bett gebracht und Shoana beobachtete ihn, wie er die Decken glattstrich, einen letzten Kuss auf die braunen Strähnen gab und sich dann zurückzog, die Zimmertür anlehnend.
"Kommst du noch mit ins Wohnzimmer?" Obgleich es spät war, war es für seine Nachteulen-Tante noch keine Zeit um ins Bett zu gehen, denn jetzt würde sie erst wirklich kreativ werden - oder auch gesprächig, wie er wusste. Doch er schüttelte den Kopf und gab auch ihr einen Kuss.
"Heute nicht. Ich muss noch über einiges nachdenken und ich bin müde. Wenn du willst kann ich den Wildfang morgen zur Schule bringen, dann kannst du ausschlafen." Früh aufstehen war für ihn kein Problem und würde ihn erst recht für seine Zeit als Venandis Mentee vorbereiten, aber für Shoana war jeder Morgen eine mentale Anstrengung, ihre Nichte für die Schule vorzubereiten, da ihr Rhythmus einfach ein anderer war. Daher strahlte sie ihn an.
"Das wäre nicht nötig ... Aber es ist so lieb von dir, da kann ich nicht nein sagen!" Sie umarmte ihn fest, sagte ihm nochmal die genauen Zeiten für Bettys Morgenritual und verzog sich nach unten.
In seinem Zimmer schloss er leise die Tür hinter sich und blickte zu dem Aktenkarton. Hm. Er zog sein Shirt aus und schlüpfte in seinen Pyjama, nur um nochmal auf den Karton zu blicken, den er beiseite räumen musste, wenn er schlafen wollte. Erst einmal ins Bad. Er begegnete seinem eigenen Blick im Spiegel während er sich die Zähne schrubbte.
Herbst vor zehn Jahren. Das grenzte die Suche ziemlich ein. Als er den Mund ausspülte merkte er die Stoppeln an seinem Kinn, da er sich heute früh nicht mehr rasiert hatte, beließ es aber dabei und kehrte in sein Zimmer zurück, wo immer noch herausfordernd und irgendwie anklagend der Karton stand.
… musst du ihn fragen
Bernardos Stimme im Ohr löschte er das Deckenlicht, sodass nur noch die kleine Leuchte auf dem Nachtschrank Licht spendete und welche Dinosaurier an die Decke warf, welche auf den Lampenschirm gedruckt waren. Ein Überbleibsel seiner Kindheit, von dem er sich selbst nach Jahren nicht hatte trennen können. Ohne den Karton anzufassen schlug Marc die Decke so weit zurück, dass er darunter klettern und sie sich über die Knie legen konnte, dann legte er die Hände an die Pappe und zog das Ding zu sich heran.
"Pa … wie hast du Venandi kennengelernt?" Fragte er halblaut in den Raum und nahm den Deckel ab. Wie bereits am Nachmittag strichen seine Fingerspitzen fast ehrfürchtig über die Buchrücken, diesmal jedoch den Jahreszahlen folgend.
"Du bist auch der Meinung, dass es wichtig für mich ist, dies zu wissen, oder?" Sprach er weiter, bis seine Finger die Zahlen fanden. Zweitausendeinundsiebzig. Noch einmal atmete er tief durch und zog dann das Buch heraus. Nicht immer füllte ein Jahr genau ein Buch und sein Vater war kein verschwenderischer Typ gewesen, daher gingen die Jahreszahlen in einem Buch fließend ineinander über und die Daten in diesem ersten Buch erzählten vom Frühjahr und Sommer. Marc verstaute es wieder und wählte das nächste, diesmal langsamer durch die Seiten blätternd. Er wollte nicht in die Privatsphäre seines Vaters eindringen, daher überflog sein Blick die Seiten, als er im 'Herbst' angekommen war zunächst nur auf Auffälligkeiten. Und Namen.
Nicht in seine Privatsphäre eindringen?
Marc holte tief Luft und ließ das Buch, einen Finger zwischen den Seiten, sinken und presste die Lippen zusammen. Doch genau das wollte und würde er tun. Denn Venandi würde ihm diese Frage nicht beantworten. Und er wollte es wissen. Musste es wissen? Rechtfertigte sein Wollen diesen Einbruch? Aber war es denn noch ein Einbruch, da sein Vater bereits tot war? Aber Venandi lebte noch … mit den Zähnen knirschend ließ er sich zurück gegen das Kopfende des Bettes fallen, welches verdächtig knarzte. Wie gut, dass er hierher nie jemanden über Nacht mitgebracht hatte - seine Tante hätte alles gehört… hnn…
"Verzeih mir Pa…" murmelte er und schlug das Buch wieder auf.
Die Einträge waren fließend, ohne erkennbaren Unterschied in einer üblichen mittleren Länge, welche für den Alltag des Mustangs gereicht hatte, auch wenn Geburtstagsfeiern manchmal den Durchschnitt sprengten. Marc blätterte weiter, schon vermutend, dass sich Bernardo vielleicht geirrt hatte, blätterte und blätterte ohne zu lesen, sondern nach dem neuen Datum Ausschau haltend - doch es kam keines, wie er auf der fünften Seite erst realisierte. Marc hörte auf zu blättern und weigerte sich ein Wort zu lesen, sein Herz klopfte, als er den Anfang des Tages aufsuchte und sich sicher war, gefunden zu haben was er suchte. Das Datum umfasste im Gegensatz zu sonst drei ganze Tage und plötzlich unsicher strich er mit bebenden Fingerspitzen über die längst getrocknete Tinte.
"Verzeih…"
… und begann zu lesen.


Es ist eines dieser seltenen freien Wochenenden, bei dem ich nicht in der Klinik arbeiten muss, Marc ist auf der Uni und ich will die Tage mit Melissa und unserem Wirbelwind verbringen. Selbst krabbelnd ist meine Betty bereits das lebhafteste und süßeste Ding der Welt. Erwähnte ich bereits, dass ich ein Glückspilz bin? Leider bin ich auch ein gehorsamer Mustang und Jakob hat mir von den immer wieder auftauchenden Fallen im nördlichen Bereich des Waldes erzählt. Die Luchse hatten Marie auch angesprochen und letztendlich bin ich nun dran eine Runde durch den Wald zu Laufen. Ich liebe diese Jahreszeit, wenn das Laub bereits fast vollständig abgeworfen ist, um die Hufe raschelt und ich mit meinem braunem Fell - ja, Melissa sagt es sei 'hellbraun-beige' - kaum mehr zu sehen bin. Der beginnende Modergeruch, welchen wir mit dem Herbstlaub verbinden, die kürzer werdenden Tage, welche uns erlauben länger zu Hause und bei unseren Lieben zu sein. Es ist eine wunderschöne Jahreszeit und ich breche besonders früh auf um möglichst vor Sonnenuntergang wieder da zu sein. Mehr als eine große Tasche nehme ich nicht mit, nur für den Fall, dass ich wirklich eine solche Falle finde und sie entfernen werde. Eigentlich mag ich es in dieser Gestalt nicht etwas mit mir herum zu schleppen, aber barfuß will ich auch nicht nach Hause zurückkehren.
Vielleicht lasse ich mich von dem sonnigen Tag wirklich etwas ablenken, aber vielleicht ist es auch dieser Geruch, welcher sich irgendwann in meine Nase schleicht. Im ersten Moment glaube ich, es sei eine der Fallen, denn es riecht metallisch und kalt. Aber nicht nach Rost. Bald habe ich ein Gebiet erreicht, wo es immer intensiver riecht, aber keine einzige Falle gefunden, egal wie oft ich das Laub beiseite scharre und meine Laune wird schlechter. So sehr können die Dinger doch nicht stinken, dass man sie kilometerweit riecht aber nicht findet? Es ist noch nicht Mittag, aber meine Laune durch meine gereizte Nase und ergebnislose Suche bereits im Keller. Wieso suchen die Luchse nicht selbst?
Ich kann nicht sagen was es ist, das Metall in meiner Nase, welches mich verwirrt, das Laub, welches ein verräterisches Schimmern verhindert? Oder schlicht meine Unaufmerksamkeit, weil ich mir vorstelle, ich könnte jetzt bei Melissa und Betty sein. Egal was es ist - ich finde auf jeden Fall auf recht spektakuläre Art meine erste Falle.
Etwas gibt unter meinem linken Hinterhuf nach und noch während ich verwirrt über den veränderten Untergrund nachdenke beißen sich die metallischen Kiefer in meinem Fleisch fest. Die Falle klirrt und es knackt beängstigend, aber der Schmerz folgt erst verzögert, sodass ich sogar noch versuche einen Schritt nach vorne zu gehen und stolpere, weil mein Lauf festgehalten wird. Dann bricht der Schmerz in mein Nervensystem ein und ich stürze ins Laub. Ich schätze ich schreie erbärmlich, aber genau weiß ich es nicht. Bis ich die Panik und die Instinkte meines Hengstes niedergekämpft habe um auch nur irgendeinen klaren Gedanken zu fassen habe ich das Laub im Umkreis von mir fortgefegt, aber natürlich nicht mein Bein befreit. Ich muss mich zur Ruhe zwingen, was unter dem anhaltenden Hämmern kaum zu erreichen ist. Die Falle hat den Knochen zersplittert, ich kann das Blut riechen und weiß, dass ich nicht der Einzige bin, der es riecht. Aber einem Wunder gleich nähert sich kein anderes Raubtier - vielleicht riechen sie, dass ich kein Tier bin - nicht nur oder der metallische Geruch, der über allem hier liegt hält klügere Tiere als mich einfach weiterhin fern.
Ich kann nicht sagen, wie lange ich hier liege, realisiere aber irgendwie, dass ich zwar schwer verletzt bin, aber zumindest keine Arterie getroffen ist. Ich blute weiter, langsam aber stetig, vor allem immer, wenn mein Tier meint ausbrechen zu müssen. Wieder einmal bestätigt sich die Tatsache, dass es schier unmöglich ist sich zu wandeln, wenn starke Schmerzen den Körper plagen. Aber was für einen Sinn hat es denn? Ich sinniere in meinem Zustand über den Sinn einer Wandlung nach. Ich könnte vielleicht - vielleicht! - die Falle öffnen, aber dann? Kaum nach Hause laufen mit einem zertrümmerten Bein und nackt. Ja, nackt im Wald im Herbst. Bis jetzt friere ich noch nicht, da ich im Laub in der Sonne liege und der Herbst bereits mein Winterfell dicht und warm hat werden lassen, aber als Mensch habe ich keine Chance. Nicht bei der Strecke, die ich bereits gelaufen bin. Und zurückverwandeln? Ich bin mir nicht sicher, ob ich es danach noch einmal schaffen werde, auch wenn ich auf drei Beinen eine größere Überlebenschance hätte.

Schließlich höre ich, worauf das Tier bereits die ganze Zeit lauscht. Nicht einmal ein Rascheln - aber ein Atmen. Beutetiere sind leise, aber Jäger lautlos. Ruckartig hebe ich den Kopf und durch den benommenen Nebel kann ich diesen Jäger erst gar nicht erkennen, bis ich begreife, dass ich kein Tier vor mir habe, sondern einen Mann. Seine Kleidung verwischt regelrecht mit der Umgebung da die Tarnflecken darauf perfekt auf das Laub und das Lichterspiel abgestimmt zu sein scheinen.
Einer der Jäger, die diese Fallen ausgelegt haben? Der metallische Geruch, den ich die ganze Zeit in der Nase habe wird stärker, obgleich ich keine Fallen an seinem Körper sehen kann - hat er sie bereits alle ausgelegt?
Verschwinde oder ich breche dir jeden Knochen! Lasse ich ihn wissen und tatsächlich bleibt der Mann schließlich stehen, lässt den Blick über mich wandern. Seine Augen sind so blass, dass man das Blau darin kaum erkennen kann und eine Mütze bedeckt - ebenfalls laubfarben - seinen Schädel, sodass ich seine Haarfarbe nicht ausmachen kann.
"Ihr Hinterlauf ist gebrochen." Seine Stimme ist ein ruhiger Bariton, welcher keinerlei Emotionen erkennen lässt und es fühlt sich skurril an, von diesem Fremden so angesprochen zu werden. Immerhin liege ich hier in meiner Tiergestalt. "Aber sie hatten Glück, anscheinend wurden die großen Gefäße nicht getroffen."
Als der Mann noch einen Schritt auf ihn zumacht sammle ich meine Kräfte und versuche hoch zu kommen. Ich spüre die Aggression und die Panik meines Tieres, welches die Verletzung ignorieren wird, wenn die Panik überwiegt. Er wird einfach losstürmen, was die Verletzungen noch verschlimmern wird und ihn nicht befreit. Dankbarerweise jedoch bleibt der Mann stehen und ich kann die Kontrolle so weit zurückgewinnen.
"Sie sollten liegenbleiben, sonst verschlimmern Sie die Verletzungen noch." Seine Stimme ist rau, klingt unbenutzt als habe der Mann seit langem nicht mehr gesprochen. Mir kommt der irrwitzige Gedanke, wie lächerlich es aussehen mag, wenn ich jetzt kein Gestaltwandler wäre, sondern einfach nur ein Pferd? Aber der Mann fährt einfach fort.
"Ich werde Ihnen helfen, aber Sie müssen ruhig bleiben."
Helfen? Ich frage mich, ob ich mich verhört habe, doch der Mann nähert sich mit sparsamen Bewegungen, welche auch in meinem Tier keinen erneuten Fluchtreflex auslösen und ich beobachte ihn aufmerksam, wie er an meinem Hinterlauf in die Hocke geht um sich die Wunde und die Falle anzusehen. Ist ihm klar, dass ein Tritt meines - gesunden - Laufes seinen Schädel zertrümmert? Aber ich beherrsche mich in der irren Hoffnung, dass der Mann es ernst meint. Er streift seine Handschuhe ab, verstaut sie in einer der vielen Taschen seiner Montur und greift nach dem Eisen, was mich trotz meiner Beherrschung zucken lässt.
"Ich löse das Eisen beidseits Ihres Beines mit dem Laser. Bleiben Sie bitte ruhig liegen, sonst verletzte ich Sie." Wieder ist seine Stimme ruhig und leise, als habe er alle Zeit der Welt und tatsächlich hält er mich in seinem Bann. Aus einer seiner Tasche holt er einen kleinen Handlaser heraus und setzt das Gerät mit einigem Abstand von meinem Körper an und durchtrennt tatsächlich die beiden 'Kiefer'. Als sich der erste löst, stöhne ich, aber ich lasse den Kopf einfach ins Laub sinken. Ich kann nichts an der Situation ändern und konzentriere mich darauf ruhig zu bleiben und möglichst nicht zu zucken, wie er es verlangt hat - auch wenn es höllisch schmerzt. Ich kann hören, wie die Zähne in meinen Knochen knirschen.
Ich höre es Klirren, als beide Seiten durchtrennt sind und die Falle ins Laub fällt, also hebe ich den Kopf und sehe auf mein Bein, wohl wissend, dass der schmerzhafte Teil jetzt kommt.
Doch der Mann zieht erst ein kleines Paket aus einer der Taschen hervor - ist wirklich gut ausgerüstet, stelle ich für mich fest - und streift sich doch tatsächlich Gummihandschuhe über, als sei dies alltäglich für ihn.
Dieser emotionsfreie Blick sucht wieder den meinen, während er mich informiert:
"Ich entferne nun das Eisen…" und ohne Verzögerung seinen Worten Taten folgen lässt.
Ich schreie - schon wieder - bringe es aber fertig nicht nach meinem Helfer zu treten, welcher Kompressen auf die nun frische Blutung presst. Hierbei knirschen meine Knochen und in Gedanken verabschiede ich mich nach und nach pathetisch von langen Läufen in vollem Galopp durch meine Wälder. Ich zucke, als sich diese Erkenntnis mit dem Schmerz mischt, aber der Mann gibt mein Bein nicht frei.
"Bleiben Sie liegen - ich sagte doch ihr Bein ist gebrochen und Sie sind augenscheinlich geschwächt. Wie weit haben Sie es nach Hause?"
Wieder sieht er mich an, als könnte er den Menschen in mir sehen und beantwortet dann seine Frage selbst.
"Zu weit, schätze ich." Er wirft einen Blick zum Himmel, wohl den Sonnenstand prüfend. "Nichts, was Sie in diesem Zustand schaffen würden." Erneut blickt er mich an.
"Ich kann Ihr Bein versorgen - wenn Sie sich wandeln."
Meint er das ernst? Er hat mich zwar von der Falle befreit, aber … was habe ich denn zu verlieren? Also nicke ich und der Mann lässt mich los um zurückzutreten.

Es ist schwer. Höllisch schwer. Ich lehre meine Patienten Atemtechniken, welche sie fokussieren, chronische Schmerzpatienten erlernen Bewältigungsmechanismen um mit den anhaltenden Schmerzen in ihrem Leben zurechtzukommen. Aber wenn man selbst vor dem Problem steht, versteht man letztendlich erst die Dimension. Ruhe und Schmerz scheinen sich auszuschließen und kommt dann noch der Mitspieler 'Angst' dazu, scheint es ein Ding der unmöglich zu sein. Doch ich habe keine Wahl. Ich will zu meiner Frau, zu meinen Kindern und so lege ich den Kopf in das Laub, welches mir inzwischen nicht mehr duftend vorkommt, sondern verhasst. Ich denke an Melissa und berühre das Band, welches uns verbindet. Es erdet mich. Ich atme, beruhige mich, langsamer, immer langsamer und strecke mich nach dem aus, was mein menschlicher Körper ist um mich dann dem orgastischen Schmerz der Verwandlung zu überlassen, der mich zerreißt und wieder zusammenfügt.
Bebend krümme ich mich zusammen und ziehe in einem Schutzreflex das linke Bein an den Körper, wage aber nicht danach zu greifen. Mit einem Mal ist mir kalt, ohne Fell, schweißbedeckt und gewiss nah an einem Schock. Es knistert und eine hauchdünne Decke wird über mich gebreitet, welche augenblicklich Wärme verströmt, als hätte der Mann meine Gedanken gelesen. Wobei es gewiss nicht schwer ist, mir meinen Zustand abzulesen.
"Danke…"
Auf meinen Dank hin ernte ich einen erneuten Blick aus dem blassen Blau und ein knappes Nicken, bevor der Mann die Reste der Falle mit seinem schweren Stiefel beiseiteschiebt um dann wieder neben mir in die Hocke zu gehen. Ich wage einen Blick auf mein Bein und muss feststellen, dass es nun deutlich stärker blutet, aber er presst bereits frische Kompressen auf die Wunde. Es wirkt fast, als sinniere er über die Wunde, als er auf seine Hände und mein Bein starrt, doch je länger er das macht, desto weniger werden die Schmerzen. Ich muss halluzinieren. Es ist das Adrenalin, welches durch meine Adern rauscht.
"Schienbein und Wadenbein sind zertrümmert." Feinfühlig ist diese Feststellung nicht, aber sie trifft meine Vermutung und ich kann nicht anders als ein hartes Lachen von mir zu geben, die einzige Möglichkeit gerade mit der Situation umzugehen. Was mir aber einen dezent irritierten Blick meines Retters einträgt und ich stelle ebenfalls irritiert fest, dass dies die erste angedeutete Emotion ist, die ich bisher an ihm gesehen habe.
"Was ist Ihrer Meinung nach daran amüsant?" Ich beiße die Zähne zusammen und drehe mich etwas, bis ich auf dem Rücken liegen und mich auf die Ellenbogen stützen kann. Es schmerzt, aber somit komme ich angedeutet auf gleiche Augenhöhe mit dem Mann.
"Wenn der Heiler einen Heiler braucht." Erkläre ich mein bitteres Amüsement.
"Sie sind Heiler?" Ich nicke.
"Und der nächste ist gewiss drei Stunden entfernt - wie ich als Hengst laufe." Also keine Strecke, die ich nackt und mit eventuell improvisierter Krücke zurücklegen kann.
"Das schaffen Sie nicht. Ich schiene Ihnen das Bein provisorisch und dann nehme ich Sie mit zu mir. Dort kümmere ich mich dann um den Bruch."
Ich hebe eine Braue und mustere den Mann in der eindeutig militärischen Kleidung noch einmal genauer.
"Können Sie das denn? Sie sehen eher aus wie ein Soldat." Dann suche ich nach Worten um meinen Retter nicht zu verprellen und dennoch meiner Sorge Ausdruck zu verleihen. "Verstehen Sie mich nicht falsch… aber ich hatte vor wieder zu laufen und vielleicht könnten Sie ja meine Herde benachrichtigen…"
Keine Kränkung ist auf seinen Zügen zu sehen, keinerlei Regung.
"Ich habe ein Satellitentelefon und sollte ihre Herde über einen Hubschrauber verfügen schätze ich, dass Sie in vielleicht zwei Stunden da sein könnte. Bis Sie dann bei einem Heiler oder noch besser einer Klinik sind, welche sich damit auskennt, wird das Hämatom in ihrem Muskelgewebe zu einem Kompartment geführt haben."
Vermutlich werde ich blass, als der Mann so routiniert mit den Fachbegriffen um sich wirft, welche mich als Konsequenz hier draußen mein Bein kosten werden. Ich setze mich auf und taste nun doch meine Wade hinab, soweit ich komme. Sie ist prall und der Schmerz nimmt tatsächlich eine neue Qualität an, während wir miteinander sprechen, doch der Mann, der Soldat, fährt einfach fort.
"Die beginnende Infektion bedarf einer sofortigen Therapie und wenn Sie auch nur eine Hoffnung haben wollen, dass sie keine neurologischen Schäden davontragen werden - selbst, wenn sie es ohne Kompartment und mit guter Wundheilung überstehen - sollten Sie mich das behandeln lassen." Er braucht es mir nicht genauer zu erklären, die Konsequenzen sind mir nur zu klar.
"Sie… sind kein Soldat?"
"Ich habe eine medizinische Ausbildung."
Noch einmal taste ich die Wunde ab und bin unsicher. Ein Satellitentelefon. Ich könnte Jakob anrufen und er wird den Hubschrauber organisieren. Bernardo ist beim Rudel, er kann mich stabilisieren, aber selbst ein Flug bis zum TWM wird lange dauern. ZU lange.
"Ich habe Schmerzen - aber zu wenig für diese Art der Komplikation." Ich will es immer noch nicht wahrhaben.
"Weil ich Ihre Schmerzen blockiert habe."
"Das können Sie nicht!" Stoße ich hervor und starre den Fremden trotz der prekären Situation meines Beines fassungslos an. Dieser Mann ist kein Gestaltwandler, er kann keine Schmerzen blockieren!
"Darüber wollen Sie doch jetzt nicht mit mir diskutieren. Ich schätze, sie wollen Ihr Bein behalten, also tun Sie nun was ich sage oder ich kann Sie auch einfach hier lassen - was vielleicht gnädiger wäre als ein verkrüppelter Hengst zu sein."
Nein. Feinfühlend ist der Kerl nicht, aber der Schlag den dieser mir mithilfe seiner eigenen Angst versetzt sitzt. Ich merke, wie ich blasser werde und wie ferngesteuert nicke.
"Wenn Sie mir helfen können, dann bitte tun Sie es."

Mehr Erlaubnis scheint er nicht zu brauchen, denn er bedeutet mir mich hinzulegen und während er mein Bein in der Hand hält, sinken die Schmerzen erneut - spürbar. Er tastet meine Pulse am Fuß und legt einen provisorischen Verband an, den ich in einer solchen Situation nicht besser hinbekommen würde.
"Scheinbein und Wadenbein sind momentan instabil - ich muss Ihren Unterschenkel in der Streckung des Knies über den Oberschenkel fixieren, sonst verursachen Sie in der ungewollten Rotation des Bruches noch mehr Schäden." Alles was er sagt ist logisch und er lässt mich für den Zeitraum allein, den er benötigt um passende Äste für die Schiene zu besorgen. Zeit in welcher ich über diesen Mann sinniere. Kein Gestaltwandler. Aber gewiss Arzt. Mehr als ein Arzt. Kein menschlicher Arzt kann die Schmerzrezeptoren ohne Medikation betäuben und die letzte Gattung, welche in Frage kommt … tut so etwas nicht.
"So kann ich aber nicht gehen." Merke ich an, als die Schiene angepasst ist.
"Sie könne sowieso nicht gehen - nicht auf diesem unsicheren Untergrund und barfuß." Womit er ja recht hat, aber …
"… wie stellen Sie sich dann vor, dass ich von hier wegkommen soll?"
Mein Retter antwortet nicht, sondern prüft nur den Sitz der Schiene.
"Sind die Schmerzen erträglich?"
"Ja, aber wie…" Frage ich, doch er lässt mich nicht ausreden.
"Es ist nicht weit."
Der Mann verstaut seine Sachen, selbst die blutigen Kompressen und die Reste der Falle sammelt er ein, bevor er neben mir in die Hocke geht. Ich will erneut fragen was er vorhat, doch dann schiebt er einfach die Arme unter mich und hebt mich hoch als wöge ich nichts!
Ich habe geflucht, schreibe dies hier aber nicht auf, falls das jemals eines meiner Kinder liest, davon abgesehen hat es den Mann nicht weiter beeindruckt.
Reflexartig halte ich mich an ihm fest und fühle mich wie in einem falschen Film gefangen. Frauen machen das so, wenn ihr Retter sie durch die Gegend trägt, sich an ihn klammern und große Augen machen. Ich mache auch große Augen und halte mich an ihm fest, feststellend, dass die Muskeln, welche ich unter der Montur ertaste eindeutig reichen um selbst meinen schweren Gestaltwandlerkörper zu tragen.
"Das ist nicht Ihr Ernst!" Das muss ich sagen um anzudeuten, dass ich eigentlich damit nicht einverstanden bin, aber keine andere Wahl habe. Aber anscheinend hält der Mann es nicht für nötig die Ernsthaftigkeit seiner offensichtlichen Taten noch zu bestätigen und trägt mich so vorsichtig wie möglich durch den Wald. Dennoch erschüttern die leise gesetzten Schritte meinen Körper und ich weiß, dass ich zittere. Aber immerhin kommt kein Schmerzenslaut über meine Lippen.

Die Dämmerung ist hereingebrochen als wir ankommen, wohin auch immer er mich bringt und ich erkenne die versteckte Tür welche halb unter Erdniveau in einen kleinen Hügel eingelassen ist erst, als er mich absetzt um sie zu öffnen. Mit seiner Hilfe schaffe ich es durch den niedrigen Eingang hinein in seinen … Unterschlupf.
Ich weiß nicht, wie ich diese Höhle beschreiben soll. Es ist eine Mischung aus Höhle und Loch, welche teilweise dem steinernen Erdreich abgetrotzt wirkt, aber erweitert. Der Raum befindet sich zu zwei Dritteln unter Bodennievau, die Decke ist verstärkt und die frische Luft spricht für ein ausgeklügeltes Lüftungssystem. Es plätschert leise und ich schmecke die Frische von Quellwasser in der Luft, was mir meinen Durst bewusst macht. Hier sieht es nicht aus, als hätte sich mein Retter nur für ein paar Tage hier eingerichtet. Es gibt Elektrizität, wie die Lampen zeigen und an einer Seite erkenne ich einen Wärmegenerator, der aber momentan nicht eingeschaltet ist. Ordentlich sortierte Pakete säumen die Wände, wobei ich nicht auf deren Inhalt schließen kann. Alles in allem sieht es mehr wie ein kleines Militärlager aus, was wiederum zu meinem Retter passt.
Nach den wenigen Schritten, auf seinen Arm gestützt, bin ich bereits außer Atem, mehr außer Atem als der Mann, der mich hierhergetragen hat und er hilft mir mich auf eine Schilfmatte zu setzen, welche anscheinend das einzige Lager ist, welches es hier gibt. Ich ziehe das dünne Gewebe der Wärmedecke um mich und beobachte, wie der Mann in eine Art 'Arbeitsmodus' überging.
Als erstes bekomme ich etwas zu trinken, dann legt der Mann Mütze, Jacke und eine Unzahl an Waffen ab, die mir bisher nicht aufgefallen sind. Das Blond unter der Mütze ist militärisch kurz. Die Reste der Fallen werden verstaut, Hände gewaschen, dann geht er neben mir in die Hocke.
"Allergien? Medikamente, welche Sie einnehmen?" Ich verneine beide Fragen mit einem Kopfschütteln und trinke lieber noch einen Schluck aus der Wasserflasche.
"Gut." Dann presst er einen Injektor gegen meinen Oberarm, es ziept kurz als ein Medikament den Weg in meinen Körper findet und kurz darauf noch ein weiteres. Hoffe ich zumindest.
"Was war das?" Beiläufig nennt er mir Wirkstoff und Dosis eines Antibiotikums und eines Schmerzmittels, welche ich nicht anders wählen würde und drückt mich dann zurück auf die Matte.
"Es wird nicht alles betäuben, nur erleichtern - aber wenn Sie wollen kann ich Sie sedieren."
Betäuben? Ich verdanke dem Mann zwar vielleicht mein Leben, aber ich will nicht wehrlos sein. Was er anscheinend an meinem Blick ablesen kann.
"Hatte ich auch nicht erwartet."

Er löst die improvisierte Schiene und wickelt den Verband ab, tastet noch einmal über den Fuß und warnt mich noch vor: "Desinfektion." bevor er die Lösung über die Wunde kippt. Ich bin stolz auf mich, da ich nur wenig zucke, anscheinend helfen die Schmerzmittel und was auch immer er mit mir getan hat. Aber er warnt mich nicht mehr vor, als er meinen Unterschenkel packt und diesen mit einem raschen Zug wieder in die richtige Position bringt.
Diesmal schreie ich wirklich und ich schäme mich nicht - es tut verdammt weh, meine Wasserflasche habe ich auch verloren, doch mein Retter beruhigt mich, immer noch so emotionsfrei wie die ganze Zeit.
"Das war das Schlimmste."
"Ach?!" kommt es mir über die Lippen, während der Mann mein Bein immer noch unter Zug hält und darauf starrt, als könnte er die Knochen darin sehen. "Sind Sie immer so einfühlsam bei Ihren Patienten?" Mein bissiger Ton sei dem Stress und den Schmerzen geschuldet und ich will gewiss nicht undankbar sein.
"Ich bin nicht einfühlsam, sondern medial." Das sagt er leise, sichtlich abgelenkt in seiner Konzentration.
Deshalb sieht er meinen verwirrten und schließlich entsetzten Blick nicht.
Medial? Nein. Mediale retten und heilen keine Gestaltwandler.
Meine Gedanken beginnen zu kreisen und ich hyperventiliere fast bei der Erkenntnis, die ich nicht zugelassen habe, seit ich das erste Mal diesen metallischen Geruch in meinem Wald gerochen habe. Jeder weiß wie Mediale riechen. Dieses Kalte, Beißende und doch, als ich DAS in meinem Wald finde, realisiere ich es nicht. Selbst seine Reaktionen, seine Gefühllosigkeit dringen nicht bis in meinen Verstand vor.
Doch als er es ausspricht, macht es Sinn. Dass mein Wald nach ihm riecht, wenn er schon eine Weile hier ist - worauf dieses Lager schließen lässt. Seine Fähigkeit, welche er zwar eigentlich nicht auf meinen Körper anwenden können darf, es aber dennoch tut. Ich spüre es ja. Wie der Schmerz jeden Moment weniger wird und als sein blasser Blick sich kurz von meinem Bein löst und zu mir hoch wandert, löst sich die Atemnot auf, die ich glaube zu haben. Wie Ruhe durch meinen Körper wandert. Entspannung. Dann gibt mich der Blick wieder frei und der sich auflösende Schmerz fordert seinen Tribut. Auch wenn mein Verstand sagt ich muss aufpassen, darf ihm nicht vertrauen, ergibt sich mein Körper der Wärme und Erschöpfung.

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Unter weiter wird es dann wieder bei 'Unter dem Eis' gehen. Noch ist das Crossover nicht zuende :)
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