Kalte Fusion

GeschichteRomanze, Fantasy / P16 Slash
OC (Own Character)
19.12.2018
19.03.2020
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"Er operiert wieder!"
Eine Hand packte ihn am Oberarm, griff sein Shirt und zog daran, was in Folge seinen ganzen Arm samt Oberkörper rucken ließ. Und damit auch die Suppe vom Löffel in seiner anderen Hand sprang, spritzend halb auf dem Keramikrand seines Tellers landend und halb auf dem duftenden Fladenbrot daneben.
"Wahaas…. Hey pass doch auf - was soll das?"
Aber die Hand ließ ihn nicht los, sondern zerrte weiter an dem sowieso bereits zerknitterten Hemd, welches die letzten vierundzwanzig Stunden auf dem Boden seines Spints verbracht hatte, weil er fast zu spät zu seiner Schicht gekommen wäre und leider keine Zeit mehr gehabt hatte es ordentlich zu falten.
"Na komm schon - er operiert."
Marc hob eine Braue und war anscheinend nicht gewillt sich von seinem Essen zu trennen, legte den inzwischen wieder leeren Löffel neben den Teller, während er zu Isabeau aufsah.
"Von wem zur Hölle redest du?" Fast erwartete er einen Schlag auf den Hinterkopf, weil er wieder geflucht hatte, aber seine Mutter war nicht hier und die vollbusige, schwarzhaarige und perfekt gestylte Kollegin hatte nichts mit seiner Mutter gemein und strafte ihn nicht wegen seiner Wortwahl. Sie rollte nur mit den Augen - was bei der grünbraunen Melange ihrer Augenfarbe ein beeindruckendes Schauspiel war - und zog erneut.
"Wer?"
"Der Jäger!"
Wer bitte war das denn? Marc schüttelte den Kopf. "Ehrlich Iz, ich hab ne Horrorschicht hinter mir und will nur ins Bett. Wer auch immer das ist, ich habe schon andere das tun sehen und er wird es wieder tun…"
"Nein, hast du nicht mein Lieber. Sowas hast du noch nicht gesehen." Fast hätte ER mit den Augen gerollt. Diese Angewohnheit dieser Frau alles und jeden als Lieber … Chéri … Schatz oder sonst wie zu bezeichnen, ging ihm gegen den Strich. Er war weder IHRER noch ihr LIEBER. Er kannte sie erst seit wenigen Wochen und auch wenn die stets gut gelaunte, niemals müde und immer blendend aussehende Iz ein Lichtblick in diesem stressigen Alltag war, sie … zog ihn schon wieder!
"Jetzt komm bevor alle Plätze weg sind."
Da Marc jetzt fast vom Stuhl rutschte, griff er nach seinem Fladenbrot und der Trinkflasche, bevor er sich ihrem Befehl übergab. "Ich habe Hunger… " maulte er noch, seufzend einen Blick auf die Suppe werfend, welche zwar nicht so gut geschmeckt hatte wie der Eintopf seiner Mutter, aber … sie war heiß und nahrhaft! Und sein Kühlschrank zu Hause war leer. Genau wie sein Magen!
Fast wäre sein Rucksack liegen geblieben, als Iz sich Mühe gab ihm wirklich die Schulter auszukugeln in ihrer Eile. Im letzten Moment raffte er sich den Riemen, welcher über der Stuhllehne gehangen hatte und verfiel dann erst in einen raschen Trab. Welcher der Furie nicht reichte, denn diese sprintete mit ihrem 'Anhängsel' mehr als ungehörig durch die Gänge, wobei die Gummisohlen ihrer Arbeitsschuhe protestierend-quietschende Geräusche von sich gaben. Seine Turnschuhe waren da besser geeignet, ganz im Gegensatz zu seiner Müdigkeit, welche auch durch das von ihrer Eile ansatzweise geputschte Adrenalin nur marginal besser wurde.
"Welche… Plätze meinst du?" Er kämpfte um seinen Halt um Fladenbrot, Flasche und Tasche, als sie um eine Ecke schlitterten und sich die Antwort bereits erklärte, als sie nicht den OP-Trakt ansteuerte, sondern den Umweg zur Galerie nahm.
Das Krankenhaus nahm seinen Lehrauftrag - auch wenn es nicht zu den größten gehörte - sehr ernst und besaß OP-Säle, welche nicht nur mit verglasten Galerien ausgestattet waren, sondern auch jede Menge Kameras über dem OP-Feld (meist in die schwenkbaren Lampen eingebaut) um Lernwilligen einen möglichst guten Blick auf das Geschehen zu bieten. Je nach Operateur durfte die Galerie besucht werden oder man gestattete sogar die Kameras und Mikrofone zu aktivieren. Tatsächlich war die Galerie gar nicht so schlecht frequentiert, denn für die Assistenten war es eine gute Möglichkeit IN einen OP-Situs zu blicken, mitzudenken, zu lernen. Immerhin war dies ein Fach, welches davon lebte es zu sehen und dann umzusetzen. Aber vielleicht wollte die Klinik auch einfach nur mit der hypermodernen Einrichtung prahlen, welche sie angeschafft hatten. Eine Ausstattung, welche nicht nur Patienten anlockte, sondern erst recht aufstrebende oder bereits bekannte Ärzte. Forschende Ärzte, welche an der Spitze mitarbeiten wollten ohne sich gleich in eine der medizinischen Megakomplexe stürzen zu müssen. Hier konnte man in einem relativ kleinen Klinikum hochwertige Medizin betreiben, forschen und arbeiten.
In seinem Fall mehr Arbeiten und Geld verdienen und Lernen - ein Trio, welches sich sehr gut vereinen ließ, wenn man gewillt war die weniger beliebten Nachtschichten zu bedienen. Hier verdiente man erstens mehr, zweitens durfte und musste man einfach mehr selbst machen und man kam an Operationen heran, welche man im Stationsalltag seltener zu sehen bekam, weil einfach mehr Kollegen anwesend waren. Zumal er - im Gegensatz zu manchen Kollegen - hier vor Ort keine Familie hatte, welche ihn abends zurückerwartete, da konnte er leichter Mal eine Doppelschicht übernehmen und anschließend einfach halbtot in sein Bett fallen. Hatte auch seine Vorteile - er machte keine Unordnung in seiner kleinen Wohnung, welche er hätte aufräumen müssen. Davon abgesehen hatte er hart gearbeitet - erst im Studium und in seiner letzten Klinik um schließlich hier eine der begehrten Stellen für Nicht-Gestaltwandler zu bekommen. Das wollte er sich nicht versauen in dem er faulenzte …  
 
Iz sprang die Stufen zu dem Flur hinauf, welcher die Galerien umspannte. Diese hingen wie längliche, verglaste Bienenkörbe an den Wänden der OP-Säle, ragte hinein um den bestmöglichsten Blick auf alles zu bieten. Selbst der Boden war auf den letzten Meter hin verglast, aber nur in eine Richtung durchsichtig. Erst hatte er sich gefragt, wieso von Seiten des Operationssaals der Boden der Galerie wie mit Holz verkleidet wirkte, doch es hatte ihm nicht viel Mühe bereitet sich aus diesem Blickwinkel die Aussicht vorzustellen. Schuhsohlen, Knöchel, Hosen … Röcke. Nein, diese Besonderheit machte wirklich Sinn.
Hinter ihnen hörte er weitere hektische Schritte, aber er sah sich nicht um - hatte gar keine Gelegenheit dazu, da Iz ihn in einer Geschwindigkeit mit sich schleppte, welche die Gazelle in ihr verriet.
"Ha!" Stieß sie triumphierend aus, als sie ihn in die angestrebte Galerie zerrte und noch freie Plätze in der ersten Reihe entdeckte. Aber anscheinend zu laut, denn es hob ein mehrstimmiges, zischendes "SHT!" an, wobei die Mahnenden jedoch nicht den Blick von der Szene unter ihnen oder den Bildschirmen auf ihrem Knieen nahmen, welche alle das OP-Gebiet zeigten.
Iz sparte sich die Entschuldigung, welche dafür Marc wiederholt murmelte, da sie ihn in ihrer Gier nach vorne zu kommen immer wieder aus dem Gleichgewicht warf und dabei gegen Knie, Rücken oder auf Füße der Beobachter dirigierte. Erst als sie ihr Ziel erreicht hatte, ließ sie ihn los und da sich hinter ihnen wie in einer heranbrandenden Flut die Galerie zu füllen schien, blieb ihm auch nichts anderes übrig als sich auf den Stuhl sinken zu lassen.
Trotz der Menge an Leuten - einige davon kannte er bereits, die meisten waren ihm jedoch in seiner Zeit hier noch nicht über den Weg gelaufen - kam nicht die übliche Unruhe auf, als sie sich in die Reihen zwängten, sich Bildschirme teilten oder sogar am Rand am Boden saßen um etwas sehen zu können. Und die ganze Zeit hörte man sonst … nichts. Gerade fragte sich Marc, ob die Mikrofone überhaupt eingeschaltet waren, dann erklang eine ruhige, tiefe Stimme: "Patschini."
Er hörte auf, die hereindrängende Menge zu bestaunen und wandte sich schaudernd dem hell beleuchteten und blutigen Geschehen zu.
Gerade reichte der Pfleger den kleinen, an der Einführungsoptik leicht gebogenen Laser an den Operateur weiter, welcher den Blick nicht von seinem OP-Situs nahm, sondern lediglich eine Hand aufhielt.
"Patschini." Bestätigte der Pfleger, wobei seine Stimme weniger entspannt klang als der Bariton des Arztes. Das war Pete. Marc mochte vielleicht keine so feine Nase haben wie all die Gestaltwandler um ihn herum und oft fiel es ihm schwer sich Gesichter und Namen zu merken - als verschwänden die Gesichter von Personen in dem Moment, wenn sie sich umwandten - aber er hatte ein unfassbar gutes Gehör. Also nicht gut - aber differenziert. Stimmen waren seine Sicherheit. Hatte er sie einmal gehört, dann erinnerte er sich daran, konnte die Situation und manchmal sogar rückwirkend Name und Gesicht der Person aufrufen. Was im OP eine ganz praktische Gabe war, wenn jeder mit Haube und Mundschutz gleich aussah. Daher erkannte er Pete, mit dem er letzte Woche erst in der Nacht bei einer Not-OP gestanden hatte und ganz begeistert gewesen war, wie ruhig der Pfleger gewesen war. Jetzt nicht mehr.
Marc beugte sich vor und betrachtete das blutige Feld unter ihm, während er leise seinen Nachbar fragte, welcher schon vor ihm hier gewesen war: "Ist das nicht das Mädchen, welche vor einer halben Stunde angekündigt worden war?" Beim Verlassen der Notaufnahme hatte er die Meldung über den eingehenden Notfall noch gehört. Halbiertes Kind. War das fliegende Wort gewesen und Marc hatte es abgetan als Übertreibung - oder eben Todesurteil. Es war wirklich eine leichte Übertreibung gewesen, denn offensichtlich war das vielleicht zehnjährige Mädchen noch an einem Stück, wobei er zugeben musste, dass die Wunde, welche in ihrem Abdomen klaffte mehr als ein quer verlaufender Laparotomieschnitt war.
"Unglaubliches Glück gehabt, die Kleine. Glück im Unglück." Antwortete sein Nachbar kaum hörbar, war vermutlich an die guten Ohren eines Gestaltwandlers gewohnt und Marc fragte sich, wo dabei das Glück sein mochte. "Autounfall - herumfliegendes Metallstück hat sie mittig erwischt. Verkantete sich in ihrer Wirbelsäule, steckte dort fest."
"Das nennst du Glück?"
"Sht!" Wieder zu laut gewesen, trotz der konzentrierten Stille unter ihnen.
"Ersthelfer vor Ort kannte einen Teleporter. Sie war fast sofort hier - nächstgelegenes Krankenhaus mit entsprechender Ausstattung und Personal."
Das Mädchen müsste doch längst verblutet sein! Marc starrte auf das Rot, welches fast beweisend rechts und links über die hellgrüne Abdeckung zu Boden tropfte. Auch die Hektik jenseits der Blut-Hirn-Schranke (dieser Ausdruck war gewiss hundert Jahre alt und prinzipiell von Chirurgen nicht gerne gehört) auf der Seite der Anästhesie sprach Bände. Doch ein stetes, aber unfassbar langsames Hüpfen des EKGs, begleitet von einem weiterhin vorhandenen Piepen bewies das Gegenteil.  War das Mädchen heruntergekühlt worden? Wieso war ihr Puls so langsam? Marc blieb fast immer das eigene Herz stehen, wenn er auf das unglaublich verzögerte nächste Piepen wartete, welche das noch anhaltende Leben des Kindes verriet.

Anscheinend fühlte sich sein Nachbar nun beauftragt ihn über das bisher Geschehene zu informieren, denn noch immer zu Marc gelehnt raunte er weiter: "Ich war durch Zufall hier oben - hab gelernt, es war ruhig, daher war ich von Anfang an da. Noch nie hab‘ ich gesehen, wie jemand derart schnell die Gefäße unterbunden hat. Nach unten. Zumindest die größten - die kleinen übernimmt gerade Prof‘ Mitchel - all das Chaos nachdem sie die Platte durch den Teleporter hatten entfernen lassen! Aber Jäger hat einfach seine Hand in ihren Bauch gesteckt und … seitdem nicht mehr rausgenommen."
Dieser Umstand war Marc auch bereits aufgefallen. Die Linke des Operateurs ruhte regelrecht im offenen Abdomen des Mädchens, während seine andere Hand nun den Patschini-Laser drehte, ihn in einem Winkel über den ausgestreckten Kleinfinger stabilisierte und ebenso ruhig wie eben dem zweiten Assistenten befahl: "Saugen." Was so viel bedeutete: jetzt hier bei mir und nicht bei der Professorin saugen! Das stetig schlürfende Geräusch, welches für Marc nichts als ein Hintergrundrauschen war verstummte kurz, es zischte Luft durch den Schlauch welcher sonst Tropfen um Tropfen, Liter um Liter Blut saugte, dann verschob sich der Ansatz und schaffte diesem Jäger kurz Sicht. Der Patschini zirrte auf die ihm typische Art, es blitzte kurz sichtbar. Eine weitere Drehung der belegten Hand, ein weiterer Befehl und wieder tat der Laser sein Werk.
"Hält er die Aorta in der Hand und repariert sie mit dem Patschini?" Ein Schulterzucken, welches Marc nur aus dem Augenwinkel wahrnahm, da er inzwischen genauso gebannt nach unten starrte, wie alle anderen. Die Luft hier oben war zum Schneiden dick aufgrund der Menge der Leute hier drin, aber durch die beiden geöffneten Türen - in denen noch weitere Personen standen - drang zumindest etwas frische Luft ein und die Klimaanlage lief auf Hochtouren.
"Wie macht er das?" wisperte jemand irgendwo hinter ihm.
"Wieso ein Nano-Patch?" weitere leise Fragen raunten durch die Menge, welche diesmal kein Ge-Shhh-te hinter sich heraufbeschworen.
Gute Fragen. Sehr gute Fragen. Marc sah von dem Mann nur seine breiten Schultern und die großen Hände, welche viel zu riesig für das fragile OP-Gebiet wirkten und dennoch so zielsicher durch das Blut fuhren, dass die hektischen Bewegungen der Professorin an seiner Seite an Panik erinnerten. Was der Chefärztin der Chirurgie dieser Klinik natürlich niemand gesagt hätte. Der zweite Assistent, den Marc noch nicht identifiziert hatte zumindest war eindeutig in Panik - er stand Jäger gegenüber und somit konnte er dessen schweißnasses Gesicht sehen.
Wieso rührte dieser Kerl seine linke Hand nicht? Klemmte er damit die Bauchschlagader nach oben hin ab - was eine sehr ineffektive Art wäre gegenüber jeder gut gesetzten Klemme? Aber was auch immer er tat, er kam in seinen Bewegungen kein einziges Mal aus dem gleichmäßigen Rhythmus, verlangte andere Instrumente und setzte seine Arbeit fort.

Wie die Ruhe in Person. Egal wie hektisch die Professorin in der zierlichen Patientin herum fuhrwerkte, die Bewegungen des Jägers waren langsam - nein, sparsam. Das war die richtige Beschreibung. Keinen Zentimeter zu viel, keine unnötige Drehung oder Schlenker. Selbst als er altmodische Fäden verlangte statt der üblichen Lasernaht schien jede Naht zu sitzen - verflucht wie machte er das mit nur einer Hand und was tat er mit der anderen? Marc nahm den Blick von dem Situs und rückte zu seinem Nachbarn um auf dessen Tablet zu blicken, welches eine nähere Aufnahme des Geschehens bot. Regelrecht leise Befehle in diesem vibrierenden Bariton brachten den Assistenten dazu Klemmen anders zu setzen, hier zu Saugen, dort zu Tupfen und seine Aufmerksamkeit zwischen den beiden Operateuren aufzuteilen. Es war… unfassbar. Wenn Marc ehrlich war, verstand er nur einen Bruchteil dessen was Jäger da tat - oder besser gesagt, WIE er es tat. Er erkannte das Ergebnis, sah, welche Strukturen er gerade repariert hatte, erkannte die Adaptationsnähte, sah wie Gewebe sich wieder verfärbten nachdem Gefäße repariert worden waren. Beobachtete wie dieser Mann das Wunder vollbrachte in unvorstellbar kurzer Zeit die eingerissene Bauchschlagader mit einem Nanopatch zu verschließen.
Dass ihm der Mund offenstand, bemerkte er nicht einmal mehr.
Solch eine Präzision hatte er noch nie erlebt.
 
Doch der Rhythmus dort unten geriet aus dem Takt, als Professorin Mitchel scharf die Luft einsog und einen mehr als unprofessionellen Fluch ausstieß. Jägers Kopf drehte sich und schien das Problem ins Auge zu fassen.
"Wir wechseln." Bemerkte er nur an, völlig ignorierend, dass er gerade seiner Chefin einen Befehl gab, dann gab er erst den Punktlaser zurück mit welchem er soeben zerfleddertes Gewebe herausgelöst hatte und meinte dann: "Vorsicht." Aber anscheinend meinte er nicht seine Kollegen, denn als er nun die zweite Hand aus dem Situs nahm kam Unruhe in die betreuende Riege der Anästhesisten. Piep----------Piep----------Piep- - - PiepPiepPiep-PiepPiep-PiepPiepPiep. Aus kaum hörbar wurde arrhythmisch-hektisch und Jägers ruhigen Bewegungen wurden schneller, wenn auch nicht erregt. Mit zwei Händen griff er in die kleine Tiefe des jungen Körpers, wo Mitchel eben noch gearbeitet hatte und verharrte dort. Tat gar nichts.
Marc sog gierig die Luft ein, als ihm auffiel, dass er den Atem angehalten hatte und flüsterte: "Wieso tut er nichts?"
"Shh… sieh hin …" Dies war Iz, welche sich halb über ihn gelehnt hatte um ebenfalls einen Blick auf das Tablet werfen zu können.
Er sah doch zu! Und der Kerl machte gar nichts! Hatte er vielleicht auch noch die Augen geschlossen? So regungslos wie er dastand, könnte er auch eingeschlafen sein! Doch reglos war nicht entspannt - zwar sah Marc nur den Rücken, aber der Schwung der Schultern war angespannt, der Kopf etwas gebeugt und die Nackenmuskeln wirkten selbst von hier oben wie Stein. Das wenige blonde Haar in Jägers Nacken, welches nicht durch die Haube bedeckt war glänzte feucht. Sekunden zogen sich in die Länge, zu Minuten, während die beiden anderen Operateure sich kaum rührten, als wagten sie es nicht Jäger bei was auch immer zu stören. Bis schließlich ein tiefer Atemzug die Spannung unterbrach, den Rücken des Mannes aufrichtete und er sich wieder aus der Position löste. "Das hält bis Sie den Patch angebracht haben." Und als sei nichts passiert wechselte er an seine vorherige Stelle zurück, ließ sich sein Instrument geben - und machte einfach weiter. Der stolpernde Galopp des Pulses fand wieder seinen verstörend langsamen Rhythmus.
"Was zur Hölle…?"
"Still!" - "SHT!" Mehrstimmig wurde sein Fluch unterbrochen, als käme die Strafe seiner Mutter über ihn und Marc schloss den Mund, welcher ganz trocken war, so lange hatte er offen gestanden. Er begriff es nicht - aber er SAH es. Und konnte nicht fort sehen. Konnte keinen Moment den Blick abwenden, während Jäger und seine Helfer aus dem zerfledderten Inneren des Kindes wieder einen Körper herstellten, welcher vielleicht sogar funktionieren mochte.

Die Zeit zog sich dahin - für Marc unbemerkt, hätten sich in seinem Umfeld nicht nach und nach Kollegen zurückgezogen um durch andere, deren Schicht beendet war, ersetzt zu werden. Irgendwann wurde der zweite Assistent ausgelöst, als dieser darum bat und zartere Finger ersetzten die seinen, wobei immer noch zu wenig Platz in dem Bauch zu sein schien, solange Jäger seine großen Hände darin hatte. Dennoch kollidierten die Handgriffe nie, als die drei fortfuhren zerstörten Darm zu resezieren, die Enden zusammenzufügen.
Das fragile Gewebe der Bauchspeicheldrüse folgte, dann die lädierte Leber, welche aber noch ganz gut davongekommen war. Sorgfältig durchforstete Jäger den Bauch, ruhig, als hätte er alle Zeit der Welt nachdem die Durchblutung wiederhergestellt worden war. Immer wieder fand er Risse, welche Marcs Meinung nach bereits das Mädchen hätten das Leben kosten müssen, es aber nicht getan hatten. Hier ein Verschluss mit dem Laser auf derart kleinem Raum, dort eher eine Naht oder ein Patch.  Als Jäger unter der Kamera die Milz inspizierte, vermutete Marc bereits, dass diese den Weg alles Irdischen gehen würde, doch der Operateur widmete sich auch diesem Organ regelrecht pedantisch und reparierte es. Wieviel Stunden mochten vergangen sein? Marc wusste es nicht, doch als sich selbst Mitchel von ihrem leitenden Oberarzt ablösen ließ wurde er sich des vertrockneten Fladenbrotes auf seinem Schoß bewusst und schluckte. Trocken. Durstig! Neben seinem Rucksack am Boden stand seine Flasche und in der Unruhe, welche der Wechsel auslöste leerte er das Wasser gierig. Er war müde - und konnte dennoch nicht nach Hause gehen. Obgleich ihm die Doppelschicht in den Gliedern saß, fesselte ihn diese Kunst so sehr, dass er sich nicht rühren konnte. Selbst Iz verabschiedete sich schließlich zähneknirschend, weil ihr Pieper sie bereits mehrmals daran erinnert, dass sie ja Dienst hatte und hier nicht nur zu ihrem Vergnügen saß.
Jäger wandte sich schließlich an die Anästhesisten jenseits der grünen Wand und meinte: "Ich gebe sie jetzt frei. Das Abdomen ist stabil genug für den Druck." Dann zog er beide Hände an sich, faltete sie ruhig vor seinem Solarplexus und blickte von den Monitoren, welche in rege Betriebsamkeit ausbrachen hin zu dem Kind vor ihm auf dem Tisch. Der bisher vorgeherrschte, kaum wahrnehmbare Pulsschlag des Mädchens schnellte in die Höhe, von wenigen zehn Schlägen in der Minute auf gefühlt hämmernde Hundertzehn. Marc spürte, wie sein eigenes Adrenalin durch die Decke ging, als er über die Kamera in den Bauch hineinblickte und erwartete, dass mit einem Schlag alle Nähte platzen würden, die Patientin auslaufen würde wie ein mehrfach angestochener Wasserballon … doch nichts. Ruhe.
Genauso ruhig verharrte Jäger und beobachtete seine Arbeit, während auch seine beiden Assistenten still warteten, abwarteten, als kannten sie dieses Verhalten des Operateurs bereits. Schließlich rollte der Mann die Schultern zurück und nickte.
"Beenden wir das." Und dann ging er mit zwei Händen ans Werk und überwand anscheinend die Grenzen von Raum und Zeit in seiner Arbeit. Der zweite Assistent trat zurück, da keine drei Paar Hände mehr gebraucht wurden und Jäger und der Oberarzt als eingespieltes Team den Bauch spülten, wuschen und dann Stück für Stück verschlossen, was noch offen war.  Selbst die Hautnaht versorgte Jäger mit sorgfältigen feinen Laserstichen, bis nur noch eine feine lange Linie quer über die Haut verlief, welche gerade vom Blut gereinigt wurde.
Fertig.
Ein lebendes Kind mit stabilen Vitalfunktionen lag auf dem OP-Tisch und Jäger strich ein letztes Mal über den Bauch, bevor er den Pfleger heran winkte den Verbandsschaum auf die restliche Naht aufzutragen, welcher die frische Haut schützen und zusätzlich stabilisieren würde.
"Sie bleibt beatmet, bis ich sie in sechs Stunden visitiert habe. Bei Instabilität rufen sie mich sofort. Und wenn es möglich ist, lasst den Heiler ihres Rudels herkommen." Dann griff er nach dem Kragen seines Kittels und zog kräftig daran. Der Verschluss in seinem Nacken riss auf, dann wiederholte er das gleiche nochmal an seiner Hüfte, sodass sich auch dort der Gurt löste und er den Kittel nach vorne abstreifen konnte, zusammen mit seinen Handschuhen. Der Kasak darunter war nicht feucht, sondern nass, klebte an seinem Körper, genauso wie die Hose. Der Kittel mochte es angedeutet haben, aber nun konnte die Kleidung nicht mehr verbergen, wie groß und trainiert dieser Mann war - Beine, welche unverschämt lang waren und die schlanke Taille wurde durch den eng gezurrten Hosenbund noch betont. Kräftige Hände, welche das Desinfektionsmittel aufeinander verteilten und die Unterarme hinauf in routinierten Bewegungen verstrichen. Ein letzter Blick auf das Kind, dann wandte sich Jäger ab um zu gehen…
… doch hob er noch sein Augenmerk hinauf zur Galerie, welcher er in den ganzen Stunden keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
Klirrendes Eisblau, so blass, dass es fast grau wirkte, fixierte Marc für einen Moment. Pfählte ihn regelrecht auf seinem Stuhl, als bohrte sich nicht nur der Blick des Mannes in seinen, sondern auch dessen Verstand.
Heilige Scheiße!
Nur der Bruchteil einer Sekunde, bevor Jägers Aufmerksamkeit über ihn hinwegglitt zu seinem Nachbarn und all den anderen hier oben und Marc nichts anderes war als ein Gesicht in der Masse.
Was muss ich tun um von diesem Mann zu lernen?
Dann war Jäger durch die Tür nach draußen und überließ seine Patienten der Überwachung der Anästhesisten.
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