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Vom Himmel hoch

von Aglaia16
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
Dr. Rolf Kaminski
19.12.2018
19.12.2018
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2.714
 
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19.12.2018 2.714
 
„Verdammt!“
    Dr. Rolf Kaminski schaute nach unten auf seinen nassen Schuh. Auf dem unebenen Kopfsteinpflaster war er soeben in eine mit Schneematsch gefüllte Vertiefung getreten, die er nicht gesehen hatte. Er blieb stehen und versuchte, den Matsch vom Schuh zu schütteln. Wie er dieses Wetter hasste! Der Winter in Deutschland bestand in den letzten Jahren eigentlich nur aus Schneeregen und Temperaturen um die 0°C. Früher war alles besser! Er erinnerte sich an Weihnachtsfeste mit in der Sonne glitzernden Schneefeldern, Schneemännern im Garten, Schlittenfahrten mit der ganzen Familie, Eislaufen auf zugefrorenen Seen bei -20°C. Nur zu gern würde er jetzt seinen Regenschirm aufspannen, der den Regen daran hindern würde, sich auf seinem Gesicht niederzulassen. Glücklicherweise hatte er wenigstens seinen Hut aufgesetzt, bevor er das Haus verlassen hatte.
    Gerade eilte er die Straße entlang, um Einkäufe zu erledigen. Naja, eigentlich war es nur ein Einkauf, der ihn an die nasskalte Luft jagte. Die „Pyramide des Pharaos“! So ein Unsinn konnte auch nur Fabian einfallen. Mehrmals hatte er in den letzten Wochen mit seinem Sohn in Sydney telefoniert wegen des Weihnachtsgeschenks für seinen Enkel Jack. Und jedes Mal, wenn sie sich nach längerer Diskussion geeinigt hatten, kam ein neuer Anruf mit einem anderen Geschenkewunsch. Kaminski war sich sicher, dass es nicht Jack war, der sich nicht entscheiden konnte. Eigentlich hielt er auch Schwiegertochter Mae für gefestigt genug, bei einer einmal getroffenen Entscheidung zu bleiben. Also musste wohl Fabian derjenige sein, der sich den Verlockungen der Spielzeugindustrie nicht entziehen konnte und sich dieses Spielzeug für sich selbst wünschte. Vermutlich war das eine Art Vergeltung Fabians, dessen Nummern eins bis drei seines jährlichen Wunschzettels so gut wie nie unterm Weihnachtsbaum gelegen hatten, denn seine Eltern hatten ihn lieber mit nützlichen Dingen, wie Kleidung oder Büchern, beschenkt.
    Nun war es also „Die Pyramide des Pharaos“! Der Urologe hielt seinen vierjährigen Enkel für zu jung, um schon mit Leichen zu spielen, auch wenn sie aus Plastik und etwas netter als „Mumien“ tituliert waren. Wäre es nach Kaminski gegangen, hätte Jack eine hübsche Holzeisenbahn bekommen, mit kleinen Häusern, Bäumen, Tieren und allem, was dazugehörte. Eventuell auch mit einer elektrischen Lok. Kaminski sah sich mit Jack auf dem Fußboden liegen und die Züge manövrieren. Er sah den Glanz in Jacks Augen, hörte sein Jauchzen, als der kleine Zug über die Brücke fuhr, dann den Berg hinunter, durch den Tunnel und an dem kleinen Dorf vorbei, das sie gemeinsam aufgebaut hatten. Er seufzte. Das würde es nicht geben. Heiligabend würde er – wie in den letzten Jahren – arbeiten. Damit andere Ärzte mit ihren Familien feiern konnten. 'Sei ehrlich', dachte er, 'du willst nur nicht allein zu Hause und dem festtäglichen Fernsehprogramm mit seinen Schnulzen ausgesetzt sein müssen, das jedes Jahr aufs Neue die Zahl der mit Suizidverdacht in die Klinik eingelieferten Patienten über den Jahresdurchschnitt anhebt!' Eine Einladung nach Australien hatte er nicht bekommen. Schade eigentlich! Das Wetter war dort sicher besser: sonnig und heiß, das Meer warm genug zum Baden. Kein Wunder, wenn man da an Ägypten denken musste... Aber Weihnachten in Badehose? Das wiederum konnte sich Kaminski noch viel weniger vorstellen.
    „Last Christmas I gave you my heart...“ grölte es irgendwo über ihm aus einem Lautsprecher. Er zuckte zusammen. Wie oft hatte er dieses Lied heute schon vernommen? Fünfmal? Sechsmal? Er konnte es nicht mehr hören! Da änderte es auch nichts, wenn es verschiedene Versionen des Liedes waren. Drei Spielzeugläden musste er abklappern, um dieses dämliche Geschenk zu finden, offensichtlich war es der diesjährige „letzte Schrei“. Den würde er gerade auch am liebsten ausstoßen: „Dreht den Krach ab! Noch einmal und ich lauf hier Amok“, brummte er grimmig und dachte daran, wie er sich vorhin deswegen beinahe den Kopf gestoßen hatte. Im dritten Laden hatte er Glück, erwischte die letzte Pyramide und verbrachte Ewigkeiten mit dem Warten an der Kasse. Die Weihnachtslieder, die wohl eine weihnachtliche Stimmung verbreiten sollten, kannte er mittlerweile auswendig, die CD lief wohl in Dauerschleife. Als wieder „Last Christmas“ ertönte, bezahlte er gerade und setzte alles daran, schnell zu verschwinden. Beim Versuch, wieder aus dem überheizten, hell beleuchteten und vor allem mit gestressten Kunden vollgestopften Kaufhaus herauszukommen, stand ihm einer der gefühlt hundert hässlichen Plastik-Weihnachtsbäume im Weg. Er trat einen Schritt zur Seite und wäre beinahe gegen einen der vielen Spiegel gelaufen, die das Glitzern der elektrischen Baumbeleuchtung und der unzähligen Lampen noch vervielfältigten.
    Und nun also wieder! Gab's keine anderen Lieder? Früher wurde deutsch gesungen, „Morgen Kinder wird’s was geben“, „Süßer die Glocken nie klingen“ oder so was. Lernten das die Kinder heute überhaupt noch? Sie wurden mit teuren Geschenken überhäuft und motzten, wenn nicht das neueste Tablet oder Smartphone unterm Baum lag. Hektik und Konsumrausch hatten die Adventszeit vollständig im Griff. Überfüllte Straßen, Parkplätze und Geschäfte waren die Folge. Erstaunlicherweise trotz der Möglichkeit der Internet-Bestellungen. Natürlich hätte er die „Pyramide“ auch im Netz bestellen und problemlos nach Sydney liefern lassen können – vorausgesetzt, Fabian hätte sich schon vor einem Monat endgültig für dieses Geschenk entschieden, denn mittlerweile war sie auch im Online-Handel nicht mehr aufzutreiben, zumindest nicht so, dass sie noch rechtzeitig zur Bescherung ankäme. Aber so hatte Kaminski sie noch einpacken lassen müssen und befand sich nun auf dem Weg zur Post, wo sie erneut verpackt und frankiert auf ihre weite Reise geschickt werden würde. Ob er wenigstens live via „skype“ dabei sein könnte, wenn Jack das Paket auspacken würde? Ach nein, vielleicht lieber nicht. Bei der Eisenbahn allerdings hätte er liebend gern Jacks Gesichtchen strahlen gesehen...
    So hetzte er nun also die Straße entlang Richtung Post, soweit das die Menschenmengen um ihn herum zuließen, mit nasser Nase und – schlimmer noch – nassem Fuß, berieselt, nein, eher bebrüllt von Liedern aus den Lautsprechern des nahegelegenen Weihnachtsmarktes. Von Besinnlichkeit in der Vorweihnachtszeit war sowieso keine Rede mehr, wenn er die Kollegen im Ärztezimmer so reden hörte:
    „Haben Sie schon alle Geschenke gekauft?“
    „Nein, mir fehlt immer noch 'was für Tante Karin, und ich hab überhaupt keine Idee.“
    „Wie wär's denn mit dieser tollen Küchenmaschine? Wie heißt die doch gleich? Ist zwar etwas teurer, aber die ist wirklich großartig. Kinderleicht zu bedienen, nur Zutaten rein und den Knopf drücken. Ein ganzes Menü in nur einem Topf! Irgendwas mit 'E'. Oder 'T'? Ach, Sie wissen schon!“
    „Hatte meine Mutter schon, das Gericht nennt sich Eintopf“, warf Kaminski ein und erntete wie erwartet ungehaltene Blicke.
    „Was mischen Sie sich eigentlich ungefragt ein?“
    „Geschenkt.“ Schon war er aus der Tür. Er hasste derlei sinnloses Gerede.
    Sein Blick fiel auf den Eingang eines Kaufhauses. Auf einen kleinen Umweg kam es jetzt auch nicht mehr an! 'Wenn schon allein zu Hause, dann doch wenigstens mit meinem Lieblingswhisky', dachte er. Im Supermarkt, wo er gewöhnlich einkaufte, hatte er ihn nicht finden können, seit dort mal wieder umgeräumt worden war. Der Platz war wohl schon seit Ende August den Lebkuchen und Schoko-Weihnachtsmännern überlassen worden. Suchend hatte er sich nach einem Verkäufer umgesehen, aber sobald jemand den hilflos umherschauenden Mann erblickte, dachte das Personal wohl: „Achtung, Kunde droht mit Frage!“, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand. Endlich hatte er einen Azubi aufgetrieben. Bis zum Bauchnabel im Kühlregal verschwunden hatte dieser Joghurts aus dem Regal geräumt, die Becher der neuen Lieferung von Rollwagen genommen, sie sorgfältig hinten im Regal gestapelt und anschließend die vorher herausgeräumten Becher wieder davorgestellt. 'Blödsinnige Arbeit!' hatte Kaminski gedacht. Der nächste Kunde würde natürlich alles wieder ausräumen und einen frischen Joghurt aus den Tiefen des Regals angeln. Also hatte er sich entschlossen, den armen Jungen zu erlösen und ihn gezwungen, ihm zum Whisky-Regal zu führen. Der Platz im Regal war leer gewesen. Mit ein paar nicht gerade schmeichelhaften Bemerkungen hatte er den Azubi zurück zum Kühlregal geschickt. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, hatte Kaminski grimmig gemurmelt, als er den Supermarkt verließ.
    Nun holte er tief Luft und betrat das Kaufhaus. Abgestandene Hitze schlug ihm entgegen. Kurz nur hielt er inne und unterdrückte die aufkeimende Übelkeit. Er schlängelte sich an aufgeregten Kunden, den schon zur Genüge bekannten Plastik-Weihnachtsbäumen und Verkäuferinnen mit dämlichen Nikolaus-Mützen zur Rolltreppe. In der Delikatess-Abteilung des Kaufhauses wurde er glücklicherweise fündig. Vielleicht war Weihnachten, sein Weihnachten, doch noch zu retten?
    Ja, aber wie sollte sein Weihnachten denn sein? Allein mit einem guten Buch und seiner Lieblingsmusik? Oder am OP-Tisch? Am schönsten war Weihnachten da, wo Kinder sind. So hatte er jedenfalls früher empfunden. Früher. Als seine Welt noch in Ordnung war. Als er noch eine Familie und Kinder hatte. Lange, sehr lange her. Die Erinnerung tat weh. Bei Fabian, Mae und Jack? Das wäre vielleicht recht nett, aber die Traditionen wären andere, er wäre nur Gast. Nun ja, vermutlich doch Buch, Musik und Whisky. Und Kartoffelsalat mit Würstchen. Richtig! Das hatte es früher immer gegeben. Ob es so etwas hier auch zu kaufen gab? Vor ein paar Jahren hatte er das zum letzten Mal gegessen. Mit Elena.
    Elena. Es gab Tage, da vermisste er sie, dass es schon weh tat. Er erinnerte sich an früher, als sie noch Kollegen waren. Er spürte wieder die unbestimmte Nervosität, die ihn jedes Mal befiel, kurz bevor er das Ärztezimmer betrat. Oftmals zögerte er kurz vorm Betreten aus Furcht, sie unverhofft anzutreffen. Seine Gefühle fuhren dann immer Achterbahn und es kostete ihn viel Kraft, sich das ihr gegenüber nicht anmerken zu lassen. Schlimmer war es allerdings, wenn er enttäuscht feststellen musste, dass sie nicht da war. Dann konnte es passieren, dass die anderen Kollegen eine zynische Bemerkung kassierten, es aber mit einem „Typisch, Kaminski!“ oder „Der hat ja wieder 'ne Laune!“ übergingen.
    Nun war sie zwar schon einige Zeit nicht mehr in Leipzig, aber dennoch zögerte er noch manches Mal vor dem Ärztezimmer. Schade, dass sie nicht mehr da war! Sie hatte sich in Melbourne (Australien – warum nur verschwanden alle Menschen, die ihm etwas bedeuteten, nach Australien?) eingelebt, hatte mittlerweile einen guten Job in einer renommierten Klinik und schien sich wohlzufühlen. Zumindest war das vor ein paar Monaten noch der Fall gewesen. Sie hatten zu seinem Geburtstag telefoniert, genaugenommen hatte sie ihn angerufen. Er hatte es schon lange nicht mehr übers Herz gebracht, sich bei ihr zu melden. Anfangs gingen zahlreiche Emails zwischen beiden hin und her, mehrmals im Monat auch ein Telefonat. Aber dann wurden die Abstände mit der Zeit immer länger. Klar, jeder hatte zu tun, musste sein Leben ordnen: Elena hatte sich in ihrer neuen Klinik einzuarbeiten, er hatte nach der OP und Reha auch seine eigenen Probleme zu bewältigen. Die bekannte Nervosität verlagerte sich nun vom Ärztezimmer auf Telefonklingeln und Email-Postfach, wenn es „1 neue Nachricht“ anzeigte. Sein Herz setzte kurz aus aus, vor Vorfreude, sie könnte sich melden, und gleichzeitig aus Angst, sie könnte sich melden. Er war kein Teenager mehr, benahm sich aber so, und es fiel ihm sehr schwer, dagegen anzukommen. Mit der Zeit wurde es leichter. Er merkte, dass es ihm guttat, sie loszulassen. Das Leben ging weiter. Für sie ihn Melbourne, für ihn in Leipzig.
    Verbissen schob er sich wieder durch die Menschenmenge in der Fußgängerzone, in der einen Hand die „Pyramide“, die immer schwerer wurde, in der anderen Hand die auch nicht gerade leichte Tasche mit Whisky, Kartoffelsalat und Würstchen. 'Jetzt noch schnell zur Post, bevor die geschlossen wird', dachte er. Er versuchte, mit einem Schritt nach rechts einer Gestalt im roten Mantel aus dem Weg zu gehen. Die Person trat allerdings im gleichen Moment nach links. Also trat er nach links, um dem Rotmantel Platz zu machen, Rotmantel trat aber ebenfalls nach rechts. Weihnachtsmänner fand man derzeit ja überall in der Stadt, erstaunlich, dass es tatsächlich noch Kinder geben sollte, die an ihn glaubten. „Das könnten ja eigentlich nur „nicht Undumme“ sein“, dachte Kaminski und freute sich heimlich über sein Wortspiel. Genervt von der Anhänglichkeit des Weihnachtsmannes hielt Kaminski an und schaute dem Weihnachtsmann ins Gesicht. „Was soll das? Lassen Sie mich endlich vorbei!“
    Statt des erwarteten weißen Bartes blickte er in ein hübsches Mädchengesicht. Das Mädchen lächelte ihn freundlich an. Ihr Blick fesselte ihn. Wie alt mochte sie sein? Sechzehn, siebzehn? Ihr warmer Blick traf ihn tief ins Herz. Er kannte diesen Blick. An irgendwen erinnerte ihn das Mädchen. An wen nur? Diese Augen, der Mund, die Grübchen beim Lachen. Es fiel ihm nicht ein. Er spürte nur, dass eine warme Ruhe von ihr ausging. „Tut mir leid!“ sagte sie mit einer angenehmen Stimme, „ich lass sie ja schon vorbei.“ Verwirrt blickte er in ihre Augen, während er an ihr vorbeiging. Als er sich umdrehte, um seinen Weg fortzusetzen, spürte er eine Berührung und drehte sich nochmals nach ihr um. „Frohe Weihnachten!“ sagte sie und schenkte ihm ein letztes Lächeln, bevor ihr roter Mantel in der Menschenmenge verschwand. Kaminski blickte ihr verwirrt hinterher, bis er von einem unsanften Schubs eines vorbei eilenden Mannes daran erinnert wurde, dass er mitten auf der Fußgängerzone stand und die anderen Passanten behinderte.
    Er setzte, nun weniger hektisch, in Gedanken noch damit beschäftigt, an wen das Mädchen ihn erinnerte, seinen Weg fort. Als er sich umschaute, befand er sich bereits auf dem Weihnachtsmarkt. Es duftete nach Glühwein und gebrannten Mandeln. Er ließ sich von der Menschenmenge an eine Hauswand schieben und beobachtete die Szenerie. Mitten auf dem Platz stand eine große Holz-Pyramide, mit Engeln, Hirten und der Heiligen Familie, wie es sich gehörte. Keine aus Plastik, keine mit Mumien. Doch das Bild der Spielzeugpyramide auf deren Verpackung hatte lustig ausgesehen, vielleicht würde Jack doch Spaß daran haben, mit den Figuren Archäologe zu spielen und das Grab des Pharaos zu entdecken. Ob man die Mumien ein- und auswickeln konnte? Wenn er das nächste Mal Fabian besuchte, müsste er Jack das unbedingt fragen. Vielleicht würde er sich auch mit ihm auf den Fußboden legen und mit ihm auf Entdeckungstour durch Ägypten gehen?
    Beinahe wäre Kaminski über die ausgestreckten Beine eines Bettlers gestolpert. In eine dicke Decke eingehüllt, saß er an die Hauswand gelehnt am Rande des Weihnachtsmarktes. Ein Wunder, dass ihn die Ordnungshüter noch nicht von hier vertrieben hatten, er störte definitiv das romantische Ortsbild! Kaminski dachte daran, wie er vor Jahren Familie und Zuhause durch den verflixten Brand verloren hatte. Die Tüten in der eine Hand, kramte er mit der anderen in seiner Manteltasche nach Münzgeld, fand aber keines. Da zog er sein Portemonnaie heraus und steckte dem überraschten Mann einen grünen Schein in die Hand. „Schlafen Sie sich mal eine Nacht richtig aus, im Warmen mit einem guten Essen vorher!“ meinte er zu dem Bettler, ehe er weiterging. Kaminskis Hand glitt erneut in die Manteltasche. Er hatte zwar kein Geld gespürt, aber einen kleinen Gegenstand. Neugierig nahm er ihn heraus. Es war eine kleine Walnussschale, golden angemalt, darin drei Figuren, die unschwer als die Heilige Familie zu erkennen waren. Eine hübsche kleine, sehr filigrane Arbeit. Aber wie kam die in seine Tasche?
     Und wieder zuckte er zusammen. Aus dem Lautsprecher über ihm erklang erneut Musik, diesmal nicht aus der Konserve, sondern von der Bühne des Weihnachtsmarktes. Eine warme Mädchenstimme sang „Have yourself a merry little Christmas“. Er reckte den Kopf, um die Sängerin zu sehen. In ihrem roten Mantel stand sie auf der Bühne und sang. Ihr Blick begegnete dem Seinen und ein erkennendes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
    Kaminski erwiderte das Lächeln, bevor er wieder auf die kleine Krippe in seiner Hand blickte. Ja, er würde sein eigenes kleines Weihnachtsfest feiern, mit Musik, Kartoffelsalat und Whisky. Statt des Buches würde er aber Reisekataloge studieren und seinen Jahresurlaub planen. Im Frühjahr oder Sommer würde es in Australien bestimmt schön sein. Er würde mit Fabian besprechen, wann es am besten passte. Und dann würde er auch Elena anrufen, weil er auch ein paar Tage mit ihr verbringen wollte. Das würde ein wahrer Traumurlaub werden!
     Beschwingt durch die Vorfreude auf seinen Urlaub und leise die letzten Zeilen des Liedes mitsingend, setzte Dr. Rolf Kaminski seinen Weg zur Post fort, damit Jack pünktlich sein Weihnachtsgeschenk würde in den Händen halten können, während sich eine Schneeflocke auf seine Nasenspitze setzte.
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