Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Drama / Die Perle

Die Perle

von Fanni84
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
18.12.2018
11.01.2019
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London,1961

Die Dame, welche im langen Abendkleid die Stufen zur Galerie des Apollo-Theater hinaufschritt, hatte nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem Mädchen, welches sie noch vor drei Jahren gewesen war.
Abbygail holte Luft, setzte sich etwas umständlich auf ihren Platz. Es war ungewohnt, ein bodenlanges Kleid zutragen. Es hatte mal Ella gehört, war violett mit schmalen Trägern und einem passenden Jäckchen aus Tüll dazu. Abbygail war nur ganz dezent geschminkt, sie wusste nicht, wie er reagieren würde.
Vielleicht wollte er sie gar nicht sehen, oder er hatte später keine Zeit. Natürlich war es kein Rendezvous im üblichen Sinne, denn er würde spielen, sie zusehen. Zudem wusste er ja nicht mal, dass sie hier war!
In besagtem Theater wurde heute Abend " After the Dance" nach einem Stück von Terrence Rattigan gespielt.
Und es war Warrens erstes öffentliches Auftreten, nach drei Jahren Schauspielstudium.
Typisch, dass er sich Terrence Rattigan für seine Feuertaufe ausgesucht hatte!
Schon jetzt überschlugen sich die Zeitungen, Fachblätter sowie weniger seriöse Zeitschriften mit Lobeshymen über Warren, als aufgehenden Stern am Theaterhimmel. Bewusst hatte Abbygail noch kein Interview mit ihm gelesen, sie fand es irgendwie komisch. Zudem hatte sie weiss Gott genug zu tun: Täglich fünfundzwanzig Kindern das lesen, schreiben , sowie Grundwissen zu vermitteln, war nicht leicht. Zum Glück gab es noch einen Mathematiklehrer, sowie den Sport- und die Handarbeitslehrerin.

Langsam füllte sich das Theater, auch wenn das Stück schon über zwei Monate lief, kamen Abend für Abend Leute.
Abbygail war froh, alleine gekommen zu sein, Absichtlich hatte sie nicht den Premierenabend gewählt. Warren wäre ohnehin nervös gewesen, wie sie zu Recht vermutete.
Ein Klingelzeichen, und der Vorhang hob sich.

Abbygail war nicht sicher, was sie erwartet hatte, aber gewiss nicht dass!
Der Mann, welcher da unten auf der Bühne stand, den David Scott- Fowler gab (einen Mann zwischen zwei Frauen), hatte nicht mehr viel mit dem Warren gemeinsam, den sie gekannt hatte. Hier war ein echter Profi am Werk! Noch dazu schien er älter, reifer geworden zu sein. Noch immer schlank, gross, aber nicht mehr so jungenhaft. Sein Spiel riss mit, Abbygail merkte, wie einige junge Damen leise seufzten.

Nach dem Schlussapplaus blieb sie erst mal sitzen. D
as Stück hatte berührt, sie war ganz benommen.
Wie weiter?
Einfach an seiner Garderobe klopfen ging nicht, er wurde gewiss etwas abgeschirmt.
Ein Glück nur, hatte Abbygail immer etwas zum Schreiben dabei.
"Lieber Warren,
Falls du Zeit hast, würde ich dich gerne kurz sehen. Abbygail Johnson".
Sie faltete den Zettel zusammen, stand auf.

Seit fünf Minuten stand sie dumm vor dem Theater, denn Zettel immer noch in der Abendtasche.
Gegenüber verkaufte ein Mann noch Blumen, obwohl es spät war. Aber es war eine laue Sommernacht. Abbygail ging auf ihn zu, sah auf den ersten Blick das er Freesien hatte! Sie bezahlte ein, brach den Stiel ab.
Wieder im Theater stiess sie auf den Pförtner, bat ihn, Mr. Bailey den Zettel zugeben, falls er noch im Haus war. Die Freesie lag etwas zusammengedrückt im Umschlag. Der Pförtner watschelte davon.

" Herein!" Warren schminkte sich gerade ab, als es klopfte.
" Mr. Bailey, das ist etwas für sie! Es ist dringen, hat die Dame gesagt!"
" Nanu!"
Seit er Theater spielte, und auch schon auf der Schule, hatten immer wieder verschiedene Frauen versucht, Warrens Aufmerksamkeit zu erringen. Kolleginnen, sowie Damen aus der Gesellschaft, die im Publikum zu finden waren. Bis jetzt ohne Erfolg.
" Wie sieht sie denn aus?"
" Sie ist "come il faut." Wenn ich das sagen darf."
" Das gibt es nicht!" rief Warren, als er den Zettel gelesen hatte.
" Mr. Bailey...."
" Rasch, meinen Morgenmantel! Ich muss sie sehen, eher glaube ich es nicht!"
Vor Auftritten trug Warren immer einem Morgenmantel, um die Kostüme zu schonen.
Der Portier half ihm hinein und ohne Schuhe jagte Warren ins Vestibül, wo noch einige Leute herumstanden.
Abbygail sass auf einer dieser Plüschbänke und war schön wie ein Traum.
Kaum hatte sie Warren gesehen, als er sie schon umarmte  und an sich drückte, als wolle er sie nie wieder loslassen.
" Du bist es wirklich! Sag mir, dass ich nicht spinne!"
Sie lachte, wischte sich die Tränen ab.
" Doch noch der selbe! Ich dachte vorhin.... "
Warren hielt sie eine Armlänge von sich entfernt. Parfüm, Puder, dazu der dezente rote Lippenstift.
" Warum hast du denn nicht angerufen? Oder dir eine Karte schicken lassen? Du hast doch die Adresse."
" Ja, schon."
In den letzten drei Jahren hatten sie über Briefe miteinander kommuniziert.
" Ich wollte dich überraschen."
" Ist dir gelungen. Ich bin gleich soweit, denn können wir die Stadt auf den Kopf stellen!"


Sie sassen einander in einem der zahlreichen Restaurants des West End gegenüber.
Warren hatte keines der Stammlokale gewählt, da traf man immer Kollegen(was sonst praktisch war) oder Presseleute,  (weniger günstig) manchmal auch heimliche Verehrerinnen( ganz peinlich!).
Aber heute wollte er mit Abbygail alleine sein.
Sie assen irgendetwas (Schinkensandwiches), sahen sich dabei tief in die Augen.
" Und deine Arbeit? Du hast doch im letzten Brief etwas von dieser " Fox Schule" geschrieben. Jedenfalls freute es mich, dass du auch in London bist."
" Es ist anstrengend, aber auch schön."
" Ich wette, deine Zöglinge hängen an deinen Lippen und beten dich an! Ich würde es tun."
" Und ich wette, du wirst von vielen Frauen umschwärmt! Das Stück war übrigens gut."
Warren grinste, indes er noch einen Schluck Wein nahm. Er trug einen schwarzen Anzug, blütenweisses Hemd mit passendem Einstecktuch.
" Keine Angst, ich bin nicht der Mann für kurzlebige Affären! Ausserdem hat es für mich immer nur eine gegeben!"
Er sah sie fest an, sodass Abbygail das Gefühl hatte, in seinen hellen Augen zu ertrinken.
" Wie geht es deinem Onkel?"
" Welchem?  Onkel Owen kann  ganz gut gehen, nur manchmal kommen Zeiten, da ist der Rollstuhl besser. Die übrigen Hunters sind auch noch alle da. Zur Premiere war jedenfalls die vollzählige Familie erschienen . Hector ist  immer noch auf dem Posten, wenn er nicht gerade... Aber das weisst du sicher von Ella."
" Das sie und Hector heiraten wollen?"
" Das meinte ich. Hast du deswegen.... hast du mich deswegen solange gemieden?"
" Habe ich doch gar nicht! Du hattest zu tun."
" Für dich habe ich immer Zeit."
" Du bist älter geworden."
" Das ist doch mal ein Kompliment!"
" Nein, es steht dir gut."
" Hm".

Später, sie warteten auf ein Taxi fragte, Warren: " Wo wohnst du?"
" Lass uns kein Taxi nehmen!"
Schön."
Sie gingen der Themse entlang, immer gerade aus, fanden einen Nachtclub mit Musik.
" Lass uns tanzen!" sagte Abbygail, kaum dass sie drinnen waren.
" Ich kann das doch nicht!"
" Komm, dass macht Spass!"
Also drehte Warren sie immer im Kreis, um ihre eigene Achse, bis ihr schwindlig wurde.

" Wo wohnst du?" fragte er plötzlich wieder. Scheinbar gab er keine Ruhe, wollte sie sicher nach Hause bringen.
" Hamsted. Aber ich wollte eigentlich...sehen, wie du wohnst."
" Willst du mich verführen? Oder verführt werden?"
" Sowohl als auch."
" Klingt gefährlich."
" Du weisst ja, ich bin unberechenbar."

Warren wohnte an der Terpentine Lane, im Stadtteil Pimlico. Ein Backsteinhaus, wahrscheinlich zu Beginn des Jahrhunderts erbaut.Die Wohnung lag im zweiten Stock.
" Es ist etwas Chaos. Bis jetzt habe ich sie mit einem Freund geteilt, aber der hat sich kürzlich verheiratet, jetzt steht noch sein Zeug rum. Wenn ich nicht bald jemanden finde, muss ich auch ausziehen. Die Miete ist für einen zu teuer, und ich verdiene noch nicht so gut."
Er führte Abbygail ins Wohnzimmer, wo allerlei Kram in Kisten herumstand.
" Das Wohnzimmer gehörte uns beiden, dann hatte jeder ein Schlafzimmer. Warte mal kurz."
Warren kramte im Schlafzimmer herum, kam wieder mit einer kleinen Schachtel.
" Ich habe es schon lange gekauft, wollte es dir zu Weihnachten schenken, traute mich aber nicht."
Vorsichtig öffnete er den Deckel, ein Amethyst Anhänger an einer silbernen  Kette kam zum Vorschein.
" Heute passt er ja bestens zum Kleid. Du siehst ganz bezaubernd aus! Hatte ich das schon gesagt?"
Während Warren Abbygail die Kette umlegte und verschloss, sagte sie: " Nicht mit Worten. Und du bist sehr anziehend. Sehr...."
" Was?".
Sie beugte sich vor, flüsterte ihm zu: " Sehr sexy."
" Oho, du gehst aber ran! Und wenn ich nun nicht will?"
" Was nicht willst?"
" Was immer du im Begriff bist, gerade zu tun."
" Ich mache doch gar nichts." Abbygail verschränkte ihre Hände im Schoss.
Warren hob ihr Kinn sanft an.
" Ich liebe dich," kam es von Abbygail.
" Ich dich schon lange! Meine Liebe zu dir war immer etwas Reines. Ich möchte nicht, dass sie so rasch zerstört wird. Jedenfalls nicht heute Nacht."
" Keine Angst, es war nur..., ich wollte dich ein bisschen aufziehen."
" Wie immer. Aber jetzt bin ich mal dran."

Eine Viertelstunde später lag Abbygails Kopf auf Warrens Schulter, während er ihr Haar küsste. Nach den intensiven Küssen war dies eine Erholung.
" Du riechst wieder so gut! " Warren vergrub die Nase in ihrem süss duftenden Haar.
" Darf ich heute Nacht hier bleiben?"
" Nur heute Nacht?"
"Oder für... immer?"
Rasch sah er sie an.
" Du hast doch gesagt, du brauchst jemanden der dir hilft, die Miete zu bezahlen."
" Hm."

Noch später machte Warren Tee, Abbygail trank keinen Kaffee.
" Ich habe mich noch gar nicht für die Kette bedankt."
Wieder Küsse.
Plötzlich fühlte Abbygail sich zerschlagen.
" Ist das Bett von deinem Freund schon abgebaut?"
" Ist noch da. Aber ich gehe auf die Couch, die legst dich in mein Bett."
" Mit Sicherheit nicht!"
" Schön! Ich suche dir einen Pyjama, wenn's recht ist."
Brummend ging Warren davon.

Mitten in der Nacht wurde er wach, als jemand ihn sanft am Arm berührte.
Er lag in seinem Bett, Abbygail hatte in James Bett geschlafen. Nun hockte sie da. Warren knipste die Nachttischlampe an. Sie war orientalisch, sah aus wie aus "1001 Nacht", funktionierte aber mit Strom.
" Wunderschön!"
" Ein Geschenk von Esther Hunter. Fehlt dir was?"
" Du. Ich kann in diesem Teil nicht schlafen."
Warren sie sie einen Augenblick an. Sie sah süss aus in seinem Pyjama. Genau genommen trug sie nur das Oberteil, welches eher wie ein Nachthemd an ihr herunterhing.
Stumm rutschte er zur Seite, machte ihr platz.
" Mir ist noch immer schwindlig vom Tanzen."
" Du hast mal gesagt, irgendwann müsste ich dran glauben. "
" Was ist nun? Nimmst du mich als deine Mitbewohnerin?"
" Du willst ernsthaft um vier Uhr morgens so was besprechen?"
" Ja."
" Nein, du tyrannisierst mich schon jetzt! Geh wieder!"
" Gut."
" Erst Morgen früh," Warren hielt sie fest." Ich will nicht, dass dir unterwegs was passiert."
" Als ob du mich je wieder loswürdest!"
" Gott sei Dank!"

Am Morgen, als Warren die Augen öffnete, lag Abbygail neben ihm, das Gesicht aufgestützt.
" Schon wach?"
" Überhaupt nicht."
" Schlaf noch ein bisschen."
" Wann musst du im Theater sein?"
" Erst gegen Abend. Bis dahin kann ich tun, was ich will."
Genüsslich schloss er wieder die Augen, Abbygail gab ihm einen Kuss, schmiegte sich in seine Armbeuge.
Und damit begann ein neuer Lebensabschnitt.
                                                             


                                                                              ENDE
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