Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Drama / Die Perle

Die Perle

von Fanni84
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
18.12.2018
11.01.2019
15
23644
3
Alle Kapitel
9 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
Abbygail setzte ihren Hut auf, besah sich kritisch im Spiegel. Ihr Kleid war schwarz und schlicht, denn auf dem Land war es Pflicht, zum Kirchgang in schwarz zu erschienen! Die Glocken läuteten schon eine geraume Zeit, aber Abbygail trödelte vor sich hin.
Ella stiess die Türe auf, sah ihre Tochter an.
" Weisst du wie spät es ist?!" Ella stand in der Schürze da, sie konnte schon wieder etwas arbeiten, aber für " Gesellschaftliche Anlässe" schien sie doch noch etwas schwach. Daher hatte sie angeboten, das Mittagessen auf zu tragen.
" Ja, doch ich gehe schon!"
Abbygail wischte an ihrer Mutter vorbei, gab ihr einen flüchtigen Kuss.
" Die anderen sind schon alle in der Kirche!"

Abbygail rannte, den es war ja eine gewisse Strecke, vom Herrenhaus zum Dorf. Die Glocken waren verstummt, als sie endlich am Tor angelangt war. Sie holte Luft, betrat die Kirche.
Ein Glück, die Orgel spielte noch. Abbygail wollte auf ihren Platz huschen, als ihr jemand winkte. Überrascht stellte sie fest, dass es Warren war. Sie machte ihm ein Zeichen, hoffte, dass er verstand. Sie wollte jetzt nicht neben ihm sitzen, wo das halbe Dorf da war!

Nach dem Gottesdienst schlenderte Abbygail etwas über den Friedhof, der direkt neben der Kirche lag. Die Kirche selber bestand aus einen viereckigen Turm aus grauen Steinen. Drinnen war es kalt gewesen, hier schien die Sonne. Sie sah Warren, aber noch ehe er bei ihr war, stand Richfield vor ihr.
Abbygail hatte absolut kein Bedürfnis, mit ihm zu sprechen! Warren sah die beiden, hielt inne.
" Wie geht es ihnen?"  kam es von Richfield.
" Plötzlich so förmlich."
" Es sind noch Leute hier."
Während geschlagener fünf Minuten betrieben die beiden nichtssagende Konversation. Dann schienen sie endlich allein zu sein.
" Ich habe dir sagen wollen, dass ich mit dem Zustand deiner Mutter sehr zufrieden bin, doch bist du mir ausgewichen. Warum?"
" Wenn ihnen ihr Seelenheil lieb ist, fragen sie nicht. Wie geht es Mr. Hunter? Ich höre, er macht Vorschritte bei der Therapie. Kann er bald nach Hause?"
" Du bist geschickt im Themenumgehen. Was ist los?"
Abbygail schwieg. Ein Knacken, sie meinte Warren hinter einem der Büsche gesehen zu haben. Fest sah sie Richfield an.
Dieser schien zu warten.
" Ich sagte ihnen ja schon Lebewohl."
" Ja,  nur begreife ich nicht, warum? Falls ich dir helfen kann..."
" Nein! Und jetzt fragen sie bitte nichts mehr!" Sie drehte sich um, lief einfach weg.

" Abbygail! Wo bist du?!"
Verzweifelt rannte Warren über die Wiese, dem Wald zu. Er hatte Abbygail und Richfield nicht aus den Augen gelassen, hatte Abbygail folgen wollen, als sie plötzlich weggerannt war.
Doch da war Billy gekommen, einen Brief schwenkend.
" Master Warren, Mrs. McKinnley schickt mich!"
Mrs. McKinnley betrieb den Postladen.
" Ein Telegramm für sie! Eben reingekommen!"
"Am Sonntag?"
Billy überreichte es nur stumm, Warren riss den Umschlag auf. Das Telegramm schien aus Liverpool zu kommen.
" Gestern in Liverpool eingetroffen-Stop- danke für deinen Brief- nehme Angebot an, werde in  ein, bis zwei Tagen in Rayleig sein -Stop- Tut mir leid, wegen Owen- Grüsse William Hunter und Familie".
" Das kann ja heiter werden! Hier, lauf damit zu Mr. Bailey. Ich komme nach. Da!", er gab Billy ein ganzes Pfund, rannte über den Friedhof.

Abbygail lehnte an der Brücke, als Warren sie endlich fand. Stumm starrte sie ins Wasser. Leise nährte sich Warren, er hatte etwas Angst sie würde...
Dann stand er hinter ihr, umschlang sie fest mit seinen Armen. Erschrocken wehrte sich Abbygail, bis sie sah, wer sie da festhielt.
" Tut mir leid. Aber ich wollte noch nicht nach Hause. Habe ich dir Angst eingejagt?"
"Ich habe immer Angst um dich. Manchmal auch vor dir, es gibt Zeiten, da  bist du unberechenbar. Soll ich lieber gehen? Wenn du allein..."
" Bleib nur hier. Ich ... ich war etwas aufgeregt. Zudem habe ich mich ziemlich kindisch benommen."
" Das tun wir manchmal alle. William Hunter hat sich angemeldet. Ist schon in Liverpool, kommt in ein-zwei Tagen her."
Die Nachricht hatte den gewünschten Erfolg: " Komm, es gibt Gewiss viel zu tun!"
Abbygail packte Warren am Handgelenk und eilte voraus. " Zudem habe ich Hunger. Mrs. Trimmer und Mutter werden schon schimpfen."

Es war am Dienstagmorgen, zwei Tage nach dem Telegramm.
" Wenn er wenigstens geschrieben hätte, ob man ihn vom Bahnhof abholen soll oder nicht!"
Warren ging im Wohnzimmer auf und ab, Hector sah ihm zu.
" Ich sagte doch, wir schicken Hawkins dahin, der kennt ihn ja. Hör auf, setzt dich hin!"
Warren gehorchte, wenn auch nur, damit Hector Ruhe gab. Die Gästezimmer waren in aller Eile hergerichtet worden, da es nicht feststand, wie lange William Hunter zu bleiben gedachte.
" Ob die Kleinen sehr gewachsen sind? Ich meine die beiden Jungen," überlegte Warren laut.
" Ich dachte, du kennst die Familie nicht!"
" Flüchtig. Muss etwa vier, fünf Jahre her sein, da hatten sie mich überraschend in Harrow besucht. William musste irgendwas fürs Museum liefern, einige  seiner Ausgrabungen. Wir verbrachten einen ganzen Tag, es war zum Glück Wochenende. Die Jungen waren goldig, besonders Mark, der Jüngere. Patrick ist eher der Bücherwurm."
" Und  Mr. und Mrs. Hunter?"
" William ist ein leidenschaftlicher Erzähler! Lässt aber auch andere zu Wort kommen. Und wenn er merkt, dass man nicht draus kommt, oder sich nicht für das Thema interessiert, wechselt er es geschickt. Esther.... ich meine Mrs. Hunter.... nun, ich habe mich damals nicht sehr für sie interessiert."
Warren war leicht rot geworden, Hector bemerkte es schmunzelnd.
In diesem Moment hupte jemand, ein Auto rumpelte in den Hof, das alles in den Schränken klirrte.
Warren und Hector eilten nach draussen, stiessen fast mit Abbygail und Hawkins zusammen. Ella und Mrs. Trimmer stürzten ebenfalls hinaus.
Im Hof stand einer dieser roten Lastwagen, welche kurz nach Kriegsende überall gefahren worden waren. Er war voll bepackt bis unter das Dach, der Motor wurde abgewürgt, ein Mann in mittleren Jahren sprang heraus. Er war fest so gross wie Onkel Owen, aber bei weitem schlanker. Sein braunes Haar stand in alle Richtungen ab, er trug einen Anzug, der ihm aber schlecht stand.
" Hallo, hallo, da wären wir!"
Mit Schwung stürmte er auf Warren zu, drückte ihn an sich.
" Meine Güte, die bist ja schon ein Richtiger Mann! Ist das herrlich hier!"
Da bemerkte er, dass eine Menge Leute herumstanden, ihn ansahen.
" Für uns hättest du das Personal aber nicht antreten lassen müssen! Wir sind doch nicht die heiligen Drei Könige!"
" Hol mal Luft und hilf mir hier raus!" erklang eine Stimme aus dem Lastwagen.
William Hunter stürzte zu der Beifahrertüre, die anderen hinterher. Eine rothaarige Dame mit lauter Sommersprossen, kletterte etwas mühsam hinaus, nachdem William ihr die Hand gereicht hatte. Sie war offensichtlich hochschwanger. Eine Art Tunika umschloss ihre hohe Gestalt.
Sie blieb vor Hector stehen, stellte sich als Esther Hunter vor, dann sah sie Warren.
Sanft zog sie ihn in eine Umarmung, gab ihm zwei Wangenküsse. Warren konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, er hatte schon immer heimlich für sie geschwärmt.
" Jetzt hör schon auf!" Esther drehte sich um, ein Junge hing buchstäblich an ihrem Rockzipfel. " Du kennst doch Warren noch."
Warren beugte sich vor." Hallo Mark," vorsichtig legte er dem Jungen die Hand auf den Kopf. Schliesslich bequemte sich sogar Patrick zum aussteigen. Er machte eine mürrische Mine.
" Dann wollen wir mal," kam es von William. " Wo sollen wir unsere Sachen unterbringen?"


Die nächsten Tage verbrachten alle im Haus damit, Williams Sachen unterzubringen, welche weniger aus Kleidern und persönlichen Gegenständen, sondern zur Hauptsache aus Artefakten bestanden. William und sein Schwiegervater hatten vorwiegen im Iran und oder Irak, sowie in Ägypten Ausgrabungen gemacht. William hatte viele Kopien besagter Artefakten bei sich, wie zum Beispiel eine Sammlung seltener Skarabäus Käfer oder eine kleine Büste der Nofretete. Unzälige Tonscherben, welche er und Esther wieder zu Vasen oder anderen Gefässen zusammen fügten, lagerten in Schachteln. Hinzu kamen Schmuckstücke, Geschirr, Lampen von Basaran oder Trödelmärkten.

William besuchte gleich am nächsten Tag mit Warren Onkel Owen und erklärte ihm, ein fester Wohnsitz sei nötig, da die Jungen endlich  zur Schule gehen sollten und nicht dauernd von einem Ort zum anderen ziehen sollten. Zudem kam ja blad das dritte hinzu.
" Ich fürchte, ihr werdet zwei Kleinkinder haben! Sie lassen mich in einigen Tagen hier raus, aber ich bin vorerst auf einen Rollstuhl angewiesen.  Erst mal einige Zeit im Sanatorium. Natürlich kämme später ein  Pflegeheim in Frage."
" Das kommt nicht in die Tüte!" ereiferte  sich Warren.
" Ach Junge! Hast du eine Ahnung, was dass für Umbauten im Haus bedeuten würde? Ich kann ja nicht mal Treppensteigen."

Etwas niedergeschlagen machte sich Warren mit William auf den Heimweg.
Im Hof trafen sie auf Patrick, welcher bei den Ställen herumlungerte und noch immer mürrisch drein sah. Abbygail kam heraus, flüsterte Warren und William etwas zu.
" Bei Mrs. Hunter haben die Wehen eingesetzt. Die Hebamme ist schon da, meinte aber, es könne noch hübsch lange gehen."
William rannte hinauf, Warren und Abbygail sahen sich an.
" Ich kümmere mich um die Jungen. Wo steckt den Mark?"
" In der Küche. Ich schicke ihn hinaus."
" Ich gehe mit ihnen in den Wald. Komm doch auch mit!"
Abbygail schüttelte den Kopf.
" Ich soll helfen. Richfield ist momentan nicht abkömmlich. Mutter wird auch dabei sein."
" Reicht das nicht?"
" Ich..."
Warren sah Abbygail genau an.
" Also, jetzt überrascht du mich wirklich! Du möchtest es gerne selber sehen."
" Ja," sagte sie nur.

Eine halbe Stunde später hockte Warrenmit Patrick und Mark auf einem Baumstumpf, sie versuchten Stöcke zu schnitzen.
" Mama bekommt ein Kind," sagte Patrick plötzlich. Warren überlegte, wie alt der Junge war. Acht? Zehn? Mark war ungefähr fünf oder sechs.
" Kinder kommen mit dem Storch, " liess sich Mark vernehmen.
" Bist du dumm!" Patrick sah seinen Bruder  geringschätzig an. " Das Kind kommt aus dem Bauch! Warum glaubst du wohl, ist Mamas Bauch so dick!?"
"Sie isst viel. Sie sagt immer, sie muss für zwei essen."
" Siehst du!"
" Aber wie kommt es in den Bauch?"
" Frag Warren! Ich wette, er weiss es!" Patrick sah Warren herausfordernd an.
" Wollen wir nicht etwas anderes.... Wie gefällt es auch den hier?"
" Ich wette, er hat schon einen Schatz!"
Patrick war nicht zum Schweigen zu bringen.
" Vielleicht hast du ja auch einen Schatz," gab Warren zurück. " Eine Königin wie Noftretete."
" Dauernd schleppt Vati dieses Ding mit! Und uns schleppt er auch immer herum! Dauernd umziehen! Dann wieder Wochenlang in irgendwelchen Zelten, oder bei Beduinen! Mal wieder ein Hotel, oder sonst ein Verwandter, der uns aufnimmt! Dazwischen Schiffe, Züge, Autos, oder Busse! Ich hasse dass! Und hier ist es ganz schrecklich! Und jetzt wird mich niemand mehr wollen, wenn noch ein Baby da ist! Alle sagen bloss, wie süss es ist! So wie bei dem da!" er wies mit dem Kinn zu Mark.
Warren kniete sich nieder, strich Patrick sanft über das Haar. Plötzlich fing der Junge an zu weinen, klammerte sich an Warren. Warren hob ihn auf, sah zu Mark, welcher stumm zugesehen hatte und jetzt am Daumen lutschte.
" Es gab eine Zeit, da dachte ich, keiner liebt mich. Ich habe keine Eltern mehr und ich denke, du kannst glücklich sein, dass du deine noch hast. Auch wenn ihr häufig umgezogen seit, wart ihr immer zusammen. Egal was passiert, ihr haltet zusammen, weil ihr eine Familie seit.  Und wir alle sind froh, dass ihr hier seit. So, und jetzt wollen wir sehen, was es in der Küche gibt!"
Warren machte sich auf den Heimweg, Patrick immer noch auf dem Arm, während Mark sich an seiner freien Hand festhielt.
Abbygail kam ihnen etwas atemlos entgegen. Bei Warrens Anblick blieb sie stehen. Er lächelte ihr zu.
" Es ist da! Ihr habt eine kleine Schwester bekommen," sagte sie zu Patrick und Mark. Sofort sah Patrick freundlicher aus.
" Wie siehst sie aus? "
" Hübsch."
Warren dankte Gott, dass Abbygail nicht "süss" gesagt hatte.
" Sie hat dunkles, wuscheliges Haar, grosse Augen, dafür kleine Hände."
" Ich will sie sehen! Und Mama auch!"
" Halt!" befahl Warren," erst gehen wir zu Mrs. Trimmer, wir können nicht alle da raufstürmen!"
Aber Patrick war nicht mehr zu halten.


" Fang mich!" Patrick rannte vor Warren davon, der ihn rasch eingefangen hätte, wenn er gewollt hätte. Aber das wäre unfair gewesen, als nahm er sich Zeit, tat langsam. Währenddessen sassen vier Erwachsenen auf dem Rasen hinter dem Haus, sahen ihnen zu.
Esther stillte Mary, während Mark ihr zusah, ab und zu das Kleine auch im Arm hielt, was er sehr geschickt machte. Hector und William unterhielten sich, während die vierte Gestalt, Onkel Owen ihnen vom Rollstuhl aus zu sah.
Seit einigen Wochen war er wieder zu Hause, konnte schon wieder einige Schritte gehen. Aber oft war er müde.
Es war Warrens letzter Tag, morgen würde sein erstes Jahr als Schauspielschüler anfangen! In London hatte er schon eine Unterkunft, eine Art Jungen WG.
William, Esther und Hector würden hier bleiben. Hector vorläufig, denn Onkel Owen wollte noch einige Zeit ans Meer fahren um sich noch etwas mehr erholen zu können und wollte seinen "Willson" nicht missen.
Die beiden Jungs hatten sich eingelebt, gingen zur Schule.
Richfields Frau war kürzlich zurückgekehrt, hatte ihn gebeten sie wieder aufzunehmen.
Mrs. Trimmer und Hawkins hatten so gut wie keine Fehden mehr, Ella Johnson war wieder ganz hergestellt.
Alles gut.
Nur wenn Warren an Abbygail dachte, wurde ihm mulmig.

Nach dem Essen, ging er alleine zur Brücke hinaus, nachdem er noch lange mit Hector und Owen geredet hatte. So gern er nach London ging, dass hier würde ihm alles fehlen.
Aber so war nun mal der Lauf der Welt!
Da stand Abbygail vor ihm.
" Ich wollte mich schon jetzt von dir verabschieden. Morgen ist sicher keine Zeit mehr.
" Ich will nicht, dass wir Abschied nehmen! Wir bleiben doch in Verbindung! Ach, ich würde dich am liebsten bitten, mit mir zu kommen!"
" Das ist nett, aber ich gehe bald nach Oxford. Mein Studium wartet. Das Geld reicht, ausserdem... es haben alle noch etwas dazu gelegt."
" Lehrerin, nicht wahr?"
" Ja."
" Warum hast du nicht eher etwas gesagt? Ich will dich doch zu nichts zwingen! Ich habe nur Angst... dich zu verlieren."
" Ich bleibe immer bei dir, auch wenn wir uns nicht mehr jeden Tag sehen können. Sieh nur: Eine Sternschnuppe!"
Und stumm sahen beide zu, indessen sie sich etwas wünschten.
Review schreiben