Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Drama / Die Perle

Die Perle

von Fanni84
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
18.12.2018
11.01.2019
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Rayleigh, ein Marktflecken in Essex, 1957

Abbygail Johnson sah Dr. Richfield genau an.
Sie war Mitte zwanzig, trug ihr Haar entgegen der Mode kurz, zudem steckte sie in einer Latzhose, sowie einem alten Pullover was ihr ein eher Jungenhaftes aussehen gab.
Der Doktor war eben aus dem Zimmer ihrer Mutter gekommen.
Ella Johnson litt schon den ganzen Sommer über an einer Grippe.
Nun schien sich daraus eine ernste Lungenentzündung entwickelt zu haben!
Ella arbeitet als Haushälterin für den ehemaligen Banker Owen Hunter, der in Rayleigh einem kleinen Marktflecken, in der Grafschaft Essex residierte.
Sein Haus stand etwas Abseits vom Ort und war sicherlich das Repräsentabelste in der Gegend.
Die Leute im Dorf machten schon beinahe einen Hofknicks wenn Mr. Hunter nur vorbei- ging.
Was er aber nicht oft tat.
Meistens war er zu Hause, scheuchte sein Personal rum.
Ella, Mrs Trimmer, die Köchin, und Hawkins, den Gärtner.
Zudem noch Willson, seinen persönlichen  Butler.
Warum ein einzelner Mann soviel Personal brauchte, war unverständlich.
Abbygail hatte ein Lehrerinnen Studium angefangen, aber als der Vater gestorben war, war wenig Geld übriggeblieben.
Damals hatten sie in London gewohnt, dann hatte Ella auf Empfehlung ihrer Patentante, die früher hier gewirtschaftet hatte, ihre Nachfolge angetreten.
Abbygail hatte erst nicht gewusst, was sie mit sich und ihrer Zeit anfangen sollte.
Aber ihre Mutter hatte Mr. Hunter überredet, sie als eine Art zweite Hilfskraft im Haus einzusetzen.
Betten machen, Badezimmer putzen, diverse Räume abstauben.
Nur ehe Abbygail erstmals des Essen servieren durfte, hatte es eine Weile gedauert.
Ella dachte wohl ihre Tochter liesse gleich die Schüsseln fallen!
Aber nicht mal Warren Bailey, Mr. Hunters Neffe, der an jenem Tag auch da gewesen war, hatte Abbygail aus der Ruhe gebracht.
Obwohl der Junge sie angestarrt hatte, als hätte er noch nie eine Frau gesehen!
Abbygail war schon Anfang zwanzig, Warren mit seinen damals knapp achtzehn Jahren, war für sie wirklich noch ein " Junge".
Er ging in Harrow zur Schule und Mr. Hunter hatte nie einen Hehl daraus gemacht, den Jungen später nach Oxford oder Cambridge zu schicken um Rechtsanwalt zu werden.
Nur war dies nicht in Warrens Sinn...
Abbygail konzentrierte sich wieder auf Dr. Richfield.
Er war der Dorf Arzt, um die vierzig und sehr nett.
Aus dem Krieg hatte er ein leichtes Hinken zurück behalten, was ihn aber nicht davon abhielt, die meisten Patientenbesuche zu Fuss zu machen.
Zudem war er eher klein, hatte schon leicht schütteres Haar.
" Ein persönlicher Schock!" flüsterten die Leute hinter seinem Rücken, den seine Frau war kurz nach dem Krieg einfach fortgegangen.
" Tut mir leid, Miss Johnson, aber ihre Mutter muss vorerst im Bett bleiben. Scheint eine Lungenentzündung zu sein," sagte Dr. Richfield gerade.
Abbygail sah ihn wieder fest an.
" Wird sie....?"
In diesem Moment sah sie Willson, den Butler, über den Hof kommen.
Abbygail und Ella wohnten wie die übrigen Dienstboten in Nebengebäuden.
Willson war eine Ausnahme, den Mr. Hunter wollte ihn dauernd in der Nähe haben.
Im Gegensatz zu Richfield war Hector Willson das Ideal von einem Mann: Ein geschmeidiger, fast schon athletischer Körperbau, dazu gross und Dunkelblond, mit einem kleinen Schnurrbart.
Wenn er nur nicht immer diesen verschlagenen Ausdruck in den Augen gehabt hätte!
" Dr. Richfield, sie sollen zu Mr. Hunter kommen! Es eilt!"
" Moment. Ich bin hier noch nicht fertig."
Abbygail bewunderte den Doktor.
Er und Mr. Hunter waren alte Freunde, sonst hätte es Keiner gewagt, dem alten Ekel zu widersprechen!
" Mr. Hunter ist schrecklich aufgeregt", tönte Willson weiter.
" Ach!"
" Ja, es ist wegen.... sein Neffe kommt doch Morgen."
" Das ist doch nicht Neues. Owen regt sich immer auf, wenn der Junge herkommt."
Willson sah so aus, als hätte er auf eine Zitrone gebissen.
Abbygail bemerkte - nicht zum ersten Mal- dass er Warren nicht mochte.
" Ich komme gleich."
Richfield drehte sich wieder zu Abbygail, indes Willson verschwand.

Etwa eine halbe Stunde später ging Abbygail mit einem Tablett den Korridor von der Küche zum Wohnzimmer entlang.
Auf dem Tablett, welches aus echtem Silber war, lagen Scones, einige Stücke Kuchen, sowie kleine Gurkensandwiches.
Abbygail hatte sich rasch umgezogen, trug nun einen schwarzen Rock, sowie eine weisse Bluse, denn Mr. Hunter konnte es nicht leiden, wenn in Latzhose und Pullover serviert wurde! Egal, um welches Mahlzeit es sich handelte.
Mrs. Trimmer, ebenfalls in schwarz, schnaufte hinter Abbygail her, beladen mit dem Teeservice.
" Wie der reinste Rückfall ins 19. oder Anfang des 20. Jahrhundert!" dachte sich Abbygail.
Dr. Richfield war noch immer hier, wie sie feststellte.
Und offenbar würde er gleich mit Mr. Hunter den Nachmittagstee einnehmen.
Owen Hunter trug eine Brille, war ziemlich beleibt, was ihn aber nicht davon abhielt, sich häufig in einen Dreireiher zu kleiden: Hemd, Weste, Jackett.
Sein Haar war schon ergraut, er trug es kurz, aber die beginnende Kahlheit konnte er trotz allem nicht verbergen.
Mrs. Trimmer war schon verschwunden, nach dem sie ihr Tablett abgesetzt hatte und Abbygail wollte es ihr folgen, als Mr. Hunter sie aufhielt.
" Miss Johnson, ich höre, ihrer Mutter geht es immer noch nicht besser."
" Verschleppte Lungenentzündung, Sir."
" Hm. Ich werde nachher mal selber nach ihr sehen. Mein Neffe kommt Morgen her, es sind ja Sommerferien. Sein Zimmer sollte in Ordnung gebracht werden."
Natürlich sagte Mr. Hunter niemals " bitte", oder "danke."
Alles was aus seinem Mund kam, war ein Befehl, dem man sich am Besten nicht widersetzte.
Und es war klar, dass Abbygail ihre Mutter "vertreten" sollte!
" Sehr wohl, Sir," kam es von ihr.
Diese Arbeit mochte sie gerne, den Warrens Zimmer war bei weitem das interessanteste im  ganzen Haus.
" Ach, falls Master Warrens Krempel sie behindert,  schmeissen sie ruhig etwas davon  weg! Ist ehe nichts Wert!"
Abbygail deutete nur einen leichten Knicks an und flüchtete beinahe zurück in die Küche.
Mit Sicherheit würde sie nichts von Warrens Sachen wegschmeissen!
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