Mosquito im Schatten

von -Rhea-
GeschichteFreundschaft / P16 Slash
17.12.2018
17.12.2018
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Hallihallo und schön, dass ihr meine Geschichte lest!

Die nachfolgende Geschichte ist, tatsächlich, nicht völlig frei erfunden.Sie basiert auf realen Ereignissen, die ich mit Hilfe künstlerischer Freiheit, in eine Geschichte eingefasst habe.
Wer irgendwelche Rechtschreib- oder Grammatikfehler findet, kann sie mir gerne sagen, dann korrigiere ich sie:)

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen,

Liebe Grüße, Rhea

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Natürlich.
Selbstverständlich musste es heute regnen.
Naja, wenn man die Regentonne pro Quadratmeter, die sich seit heute morgen ununterbrochen über Eisenberg entleerte, überhaupt noch als Regen sehen konnte.
Meiner Meinung nach war das schon die Hand Gottes, die uns etwas mitzuteilen hatte.
Oder die Allahs. Oder Buddhas. Oder sonst von irgendjemandem, normal war diese Sintflut jedenfalls nicht.

Mit grantiger Miene und aus allen Poren tropfend betrat ich mein Büro. Ein Blick auf die große Uhr an der Wand bestätigte meine schlechte Laune. Es war halb sechs. Seit zwei Stunden hatte ich Feierabend, war aber immer noch hier.
Der Hausbesuch hatte länger gedauert als erwartet und bei diesem Wetter streikte der Nahverkehr völlig. Die Busse und Bahnen die noch fuhren, taten es so langsam, dass man zu Fuß beinahe schneller war.
Ich warf meinen Regenmantel über den obligatorischen Besucherstuhl, wo er fröhlich auf den beigefarbenen Teppichboden tropfte.
Ich ließ mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen und schüttelte meine zerzauste Haarmähne, um etwas von dem Wasser loszuwerden, das mich allmählich frösteln ließ.
Meine schlechte Laune war eigentlich lächerlich, hatte ich mich doch inzwischen  an die Überstunden gewöhnt und es war ja jetzt nicht so als würde irgendjemand zuhause auf mich warten.

Gerade hatte ich beschlossen, mir die schlechte Laune für zuhause  aufzuheben und wenigstens noch schnell meine E-Mails zu lesen, wenn ich schon hier saß, als mich eine hohe, geschäftig klingende Stimme aus meiner düsteren Gewittergedankenwolke riss.
„Lilly? Lilly? Bist du noch hier?“

Ich blickte hoch. Eine junge Frau mit weißblonder Hochsteckfigur und Bleistiftrock tippelte auf mich zu. Wie jeden Tag fragte ich mich, wie sie es in ihren enorm hohen Schuhen schaffte, den Halt auf dem Teppich nicht zu verlieren. In ihrer Hand schwankte ein Stapel Papier gefährlich.

Ich nickte unwirsch zum Zeichen dass sie hereinkommen konnte.

„Hey Süße. Ich weiß du hast in ein paar Minuten Feierabend. Aber kannst du mir biiiitte den Bericht über die beiden Müller-Kinder abheften? Bitte? Ich hab es vergessen und du weißt, ich hab keinen Schlüssel für den Aktenschrank.“

Ich sah die junge Frau an und verzichtete auf die Berichtigung, dass ich bereits seit zwei Stunden Feierabend hatte.
Anna-Lena war die leitende Sekretärin im Stadtjugendamt Eisenberg, in dem ich seit meinem Studium als Sozialarbeiterin beschäftigt war.
Hier zu arbeiten hinterließ normalerweise schnell Spuren, was man an jedem einzelnen Mitarbeiter sehen konnte. Das tadellose Auftreten, mit dem man sich im Vorstellungsgespräch gezeigt hatte, verblasste und machte einem mürrischen Alltagsauftritt Platz. Ich arbeitete seit fast vier Jahren hier und niemand, weder Büroangestellter noch Sozialarbeiter, hielt seine positive Einstellung länger als ein paar Monate.
Und obwohl ich meinen Job liebte, verpasste er mir beinahe täglich einen Schlag ins Gesicht.
Zu viel passierte, zu wenig konnte man dagegen tun, zu schlecht war die Bezahlung.

Doch nicht Anna-Lena. Sie war etwas, was ich mangels besserer Worte gerne als den Sonnenschein des Büros bezeichnete. Sie war immer optimistisch gestimmt, hatte eine heile Ehe und Familie, sah grandios aus und hatte eine fast unnormal perfekte Sozialkompetenz.
Jeder mochte sie, ich war da keine Ausnahme.

Ich nickte also, nahm die Berichte entgegen und kramte zwischen meinen Ordnern nach der richtigen Akte. Im Moment versuchte die Behörde alle Akten zu digitalisieren, was zur Folge hatte, dass die Hälfte meiner Klienten im Computer, die andere Hälfte in meinem Regal ihren Platz hatte. Lediglich mein penibler Sinn für Ordnung und Struktur waren dafür verantwortlich, dass ich in diesem Chaos überhaupt noch irgendetwas fand.

Anna-Lena lächelte mich an.
„Danke!“, sagte sie erleichtert und schielte auf meine durchnässte Kleidung. Ich bemerkte ihren Blick.

„Ich gehe jetzt heim, keine Sorge.“

„Wann warst du eigentlich das letzte Mal weg?“, fragte Anna-Lena und musterte mich weiterhin, ohne meinen Einwand zu beachten.

Ich starrte sie an.
„Gerade eben. Es schifft wie aus Kübeln.“

Sie verdrehte die hellblauen Barbie-Augen.
„Ich meine außerhalb dieses Ladens hier. Weg, feiern, trinken, reden, lachen?“

Na toll. Die Nummer also.
„Ich gehe nicht gerne weg Anny. Das weißt du.“
Rasch fuhr ich den PC herunter und griff nach meiner Jacke und den Autoschlüsseln.

„Könntest du was für mich tun?“, fragte sie und lächelte.

„Hm?“, machte ich.

„Gehst du dieses Wochenende weg?“, bohrte sie und lächelte hoffnungsvoll, „Ich mache mir Sorgen um dich und ich glaube, das könnte helfen. Was meinst du?“

Ich stöhnte. Anny konnte stur sein wenn sie wollte und ich begann allmählich zu zittern.
„Ja, mache ich, versprochen. Darf ich jetzt gehen?“

Sie strahlte mich an.

„Mach‘s gut Anny! Schönes Wochenende!“, rief ich und quetschte mich an ihr vorbei nach draußen.

Ich flüchtete beinahe in Richtung Tiefgarage.

Wenn es etwas gab, worüber ich nicht gerne redete, dann war es mein nicht vorhandenes Privatleben. Mein Freund und ich hatten uns vor einem Jahr getrennt und das nach einer fast vierjährigen Beziehung. Die Gründe dafür waren vielfältig gewesen. Über seine Familie, die mich nicht hatte akzeptieren können bis hin zu seiner semi-emotionalen Art, alles war irgendwann zusammengebrochen. Die Trennung war einvernehmlich gewesen, doch die Art wie wir damit umgingen, hätte nicht unterschiedlicher sein können.
Er war fröhlich in die nächste Beziehung geschlittert und ich war so geblieben, wie er mich zurückgelassen hatte. Unzufrieden und mit äußerst begrenzter Sozialkompetenz.
Ich war eigentlich nicht gerne alleine. Doch mich mit anderen Menschen zu treffen bedeutete auch meistens, dass ich mich unterhalten musste und dass war nun wirklich nicht mein Fall.
In meinem Job konnte ich das gut, doch da ging es schließlich auch nicht um mich.

Das Daten hatte ich seit Sebastian verschwunden war, gänzlich eingestellt.
Wenn ich es mir recht überlegte, fragte ich mich immer wieder, wie ich es überhaupt geschafft hatte, ihn kennenzulernen….

Der Verkehr war die Hölle. Die Straßen standen unter Wasser, nicht hoch, jedoch hoch genug, dass jeder Bürger aus Eisenberg und Umgebung, der hier unterwegs war, vorsorglich auf die Hupe drückte. Als ob das den zähen Verkehr beschleunigen würde.

Endlich in unserer Tiefgarage angekommen, sah ich einen schwarzen Mercedes auf dem Nachbarparkplatz stehen. Mein Mitbewohner und bester Freund  schien wohl zuhause zu sein.
Ich blickte in den Rückspiegel. Ich sah gruslig aus.
Blass, mit gerötetem Gesicht und Augenringen, in denen ein Kobold hätte schaukeln können. Rasch stieg ich aus, um diesen unschönen Anblick hinter mir zu lassen, stürmte die Treppe hoch und polterte dann, zitternd vor Kälte in die Wohnung. Noch im Flur zog ich mich bis auf die Unterwäsche aus. Mir war so kalt, dass ich ohne Umwege unter die Dusche wollte.

„JOEY!“, brüllte ich und warf meine nassen Sachen in den Waschkorb, „ICH BIN ZUHAUSE, GEHE ABER GLEICH DUSCHEN, SONST FRIERE ICH EIN!“

Ich erhielt keine Antwort, doch das war mir ehrlich gesagt egal.

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Eine halbe Stunde später fror ich nicht mehr. Das warme Wasser hatte wirklich gut getan. Ich kämmte mir die Haare und warf einen Blick in den Spiegel.

Eigentlich war ich wirklich nicht hässlich. Ich hatte zwar ein etwas breites Gesicht, dafür jedoch sehr große, dunkelbraune Augen, die das ganze kaschierten. Meine langen Haare waren goldblond und leicht gewellt. Ich war groß, 1,75m, weder dick noch dünn und doch: Wohl fühlte ich mich nicht in meiner Haut. Doch das war schon immer so, seit ich denken konnte.

Genauso war das mit meinen Freunden. Ich war nirgends unbeliebt, doch gute Freunde waren limitiert auf Joey und meine beste Freundin Gina, die aber vor zwei Jahren nach London gezogen und dort geheiratet hatte. Mit 23 Jahren.
Gut, wenn es passte…

Ich föhnte meine Haare nicht, tat ich nie und stiefelte in meiner ranzigsten Jogginghose in das gemeinsame Wohnzimmer.

Joey war tatsächlich da, doch er war nicht alleine. Ein Kerl um die 25 saß bei ihm und sie beide sahen mich belustigt an.

„Hey Mosquito“, grüßte mich mein Mitbewohner und runzelte besorgt die Stirn, „du kommst spät?“

„Hm“, muffelte ich und ging in die Küche.
Joey nannte mich immer Mosquito. Das war nicht unbedingt charmant, doch ganz unrecht hatte er leider nicht. Mein Charme überstieg den einer Stechmücke nur knapp.

„Schlechte Laune, was?“

„Hm“, wiederholte ich mich.

„Das ist übrigens Simon“, erklärte er und wies auf den blonden Kerl auf dem Sofa. Ich versuchte freundlich zu lächeln. Simon grinste mich an.

„Da passt Mosquito ja fast besser, bei dem Namen Lilly hätte ich ehrlich gesagt an eine etwas gesprächigere Persönlichkeit gedacht.“

„Stell dich hinten an.“

„Lilly!“, bellte Joey vorwurfsvoll. Er war sowas wie meine Benimmpolizei

„Entschuldige. Wo sind meine Manieren. Hi, ich bin Lilly. Du bist ein Freund von Joey?“, fragte ich betont liebenswürdig. Joey hatte recht und das wusste ich. Was fiel mir eigentlich ein, den beiden den Nachmittag zu vermiesen. Musste ja nicht jeder unter meiner schlechten Laune leiden.

„Schon besser“, brummte Joey und reichte mir seinen Tee, „Stress auf der Arbeit gehabt?“

Ich nickte, während ich die Tasse leerte.

„Was machst du denn?“, fragte Simon, der angesichts meines Sinneswandels ermutigt schien, ein Gespräch zu beginnen.

Joey gluckste.„Lilly ist Sozialarbeiterin, Erzieherin und hat einen Abschluss in Tiefenpsychologie.“

Simon starrte mich an. Seine hellen Augenbrauen waren beinahe unter seinem Haaransatz verschwunden.

„Ja, sie ist nicht immer so ein Herzchen“, sprach Joey ungerührt weiter. Mein Blick ließ ihn unbeeindruckt. „Aber seit ihr Ex abgedampft ist, gleichen ihre Geduld, ihre Freundlichkeit und ihr Taktgefühl denen eines Elefanten, den man in einen Porzellanladen stellt.“

Oh Gott. Ich würde ihn so gerne erwürgen.
Ich war es gewohnt, dass man unter Joeys direkter Art nie verschont blieb. Doch ich hasste es dennoch, wenn er ins Schwarze traf.

Mürrisch stand ich auf und ging in die Küche, um die Tasse in die Spüle zu stellen.

„Bin mir sicher, Sex hatte sie auch schon ewig keinen mehr, das macht es wohl nicht besser…“Die geflüsterten, aber mitfühlend gesprochenen Worte waren wohl nicht für meine Ohren bestimmt, doch ich wusste, es störte Joey auch nicht, dass ich sie gehört hatte.
Simon kicherte leise.

Ich griff mir zwei Scheiben Toast mitsamt dem Toaster, stapelte das Marmeladenglas obendrauf, fauchte „Halt die Klappe Joey“ und stampfte divamäßig an den beiden vorbei in mein Zimmer, wo ich die Tür zuknallte.

Joey hatte recht, das wusste ich.
Doch ich fand es unangenehm, wenn er darüber sprach.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             Seit Sebastian nicht mehr da war, war ich weder ausgegangen, noch hatte ich Sex gehabt. Das war richtig. Es war zum Verrücktwerden…Vor allem wenn man mit Joey unter einem Dach lebte, der mit Dating so überhaupt keine Probleme hatte. Er ging einfach weg und blieb dann bis zum nächsten Morgen fort. Und wenn er dann irgendwann zur Tür hereinstürmte, sah er entspannt und glücklich aus. Immer.

Ich rammte den Stecker des Toasters in die Steckdose und ließ mich auf mein Bett fallen. Immerhin war mir nicht mehr kalt….

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Ich sah dem Himmel zu, wie er sich langsam verdunkelte, der Regen allerdings hörte einfach nicht auf. Irgendwann war ich wohl weggedämmert, denn als ich die Augen wieder öffnete, war es in meinem Zimmer beinahe dunkel.
Ich sah Joey im Türrahmen stehen, doch das überraschte mich nicht.
Ich seufzte.

„Komm rein, Dr. Van Groelsen.“
Auch wenn er es nur selten beabsichtigte, Joey war manchmal schlimmer als jeder Psychologe.

„Sehr witzig. Hör mal, du machst mir Sorgen.“

„Ich weiß.“

Joey setzte sich neben mich und blickte mit gerunzelter Stirn zu mir herunter.

„Wie geht es Sebastian?“, fragte er kühl.
Ein überdimensionaler Eiszapfen schien sich durch den dicken Pullover in mein Herz zu bohren. Ich zuckte zusammen.

„Gut“, sagte ich mit belegter Stimme.

„Hm“, machte Joey und fuhr fort, „hat er deine Nachfolgerin noch?“
Warum tat er das?

„Ja.“

„Hm, und warum versuchst du nicht einmal, das Thema zu wechseln, obwohl du offensichtlich nicht darüber sprechen willst?“, fragte er, setzte sich neben mich und zog mich zu sich.
Ich hatte nicht bemerkt, dass ich zu weinen begonnen hatte.
Einen Augenblick wollte ich ihm sagen, er solle mich mit meinen Problemen in Ruhe lassen, doch ich tat es nicht.
Was soll‘s, dachte ich, krallte mich in sein Shirt und begann, mein erbärmliches Leben in den weichen Stoff zu heulen. Joey seufzte nur und strich mir über den Rücken.

„Es kann einfach nicht sein, dass dieses Arschloch immer noch in deinem Kopf hängt. Meine Güte, wer ist er denn schon, ein saudischer Prinz??“

„Nein“, schniefte ich, „das wärst dann eher du…“

„Halt die Klappe, Mosquito“, sagte Joey mild und piekste mich in die Seite.

Es war immer wieder lustig, wenn man Joeys lockeres Studentenleben, seine Dates und seine Bodenständigkeit neben die charakteristischen Eigenschaften seiner Familie stellte.
Johannes van Groelsen, wie Joey tatsächlich hieß, entstammte einer Adelslinie aus dem Norden. Er war nach Eisenberg gezogen, um hier Forstwissenschaft und Biologie zu studieren. Eine Entscheidung, die von seiner Familie sehr unterschiedlich aufgenommen wurde…
Die eine Hälfte fand es gut, dass er seiner Schwester die Familiengeschäfte überließ, die offensichtlich begabter und interessierter war als er, die andere Hälfte, zu der auch seine Eltern gehörten, hing sich daran auf, dass Maren nicht die Erstgeborene war. Absolut lächerlich….

„Wo ist Simon?“, fragte ich ihn, als sich mein schlechtes Gewissen zurückmeldete.

„Er schläft, habe ihm gesagt er kann hier schlafen.“

„Es tut mir leid…“, murmelte ich, während ich mein verquollenes Gesicht wieder in seinem T-Shirt versteckte.

„Was denn?“, fragte er und strich mir wieder über den Rücken, so als hätte ich nicht gerade seinen Abend ruiniert.

„Dass ich deinen Abend vermasselt habe?“, wiederholte ich das offensichtliche.

„Ist kein Problem, Simon versteht das, ist ein netter Kerl. Schlaf jetzt, okay?“

Ich nickte und ließ ihn los. Die Tatsache, dass ich Anny versprochen hatte, morgen auszugehen, lag mir schwer im Magen. Ich hatte das ungute Gefühl, sie würde es wissen, wenn ich nicht gehen würde…

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Lynn: Kommt heute jmd mit ins Kallooo?

Mira: Kann leider nicht, muss arbeiten, sry

Lynn: Da is hheute black Saturday, also alle in schwarz

Emily: Geil! Bin dabei!

Justin: me2

Sophie:  Auch! Aba wo? Ihr wisst, bin neu hier :D

Seufzend starrte ich auf mein Handy, das eine Art Dauervibration gestartet hatte, wie es das jeden Samstag tat, wenn Lynn ihre Anfragen in die Gruppe mit dem schneidigen Namen „Partyyyyyeeee <3<3<3<3“ schickte.

Von den etwa dreißig Leuten darin, kannte ich eigentlich nur Lynn und Emily. Ich wusste selbst nicht, warum ich nicht schon längst aus der Gruppe ausgetreten war, doch irgendwie amüsierte mich ihr Gebrabbel, genau wie ihre zum Teil unterirdische Rechtschreibung.

Ich sah in meinen Schrank. Das mit den schwarzen Klamotten kam mir sehr entgegen, dennoch würde ich mich vermutlich nicht wohlfühlen. Tatsächlich sah dieser Schrank, wenn man sich meinen aktuellen Kleidungsstil ansah, so aus, als würde er nicht mir gehören. In meiner Zeit mit Sebastian war ich um einiges eleganter aufgetreten, offensichtlich musste ich das heute wieder tun.
Ich griff nach meinem Handy, das seine Vibration endlich eingestellt hatte und tippte los.

Lilly: Wäre es okay wenn ich heute mitkomme?

Ich hatte es kaum zurück aufs Bett gelegt, als die Antwortlawine hereindonnerte.

Lynn: Woaaaaa, geil! Hab dich eewig nicht mehr gesehn!!!!!

Emily: Cool, Lilly, freut uns meega!

Sophie: Wer ist das?

Justin: Wers das?

Lynn: Lilly, alte Freundin von uns, geht eher weniger weg, stimmts??

Emily: Treffen 20.30 am Kallooo, denkt an den Dresscode! Byyyye!

Irgendwann würde ich vielleicht verstehen, was diese Begeisterung sollte, doch nicht jetzt. Ich sah auf die Uhr. Es war kurz nach sechs. Ich ging ins Wohnzimmer, wo ich Joey vor seiner Xbox und neben seinem Handy vorfand.

Er grinste mich an.

„Wir gehen heute ins Kallooo?“, fragte er und zwinkerte mir zu, während er einen der Zombies aus dem Bildschirm schoss, ohne überhaupt hinzusehen.

Ich starrte ihn an.
„Woher-“, begann ich, doch er kam mir zuvor.

„Ich hab so meine Quellen…“, grinste er und hackte auf seinem Controller herum.

„Du bist nicht in dieser Gruppe!“, empörte ich mich.

Er drückte auf Pause und stand auf.
„Nein, das bin ich nicht“, versicherte er, grinste aber schelmisch.

Ich schnaufte.

„Simon allerdings schon“, kicherte er und ging in die Küche.

Ich stöhnte. Tatsächlich hatte ich gehofft, das vor ihm geheim halten zu können, doch von diesem Gedanken konnte ich mich wohl verabschieden.

„Also“, sagte er und kam mit einem Glas in der Hand zurück ins Wohnzimmer, „woher der plötzliche Drang in einen Club zu gehen?“

„Von Drang kann da keine Rede sein“, murmelte ich.

„Achso?“

„Ich habe es Anny versprochen!“, fauchte ich und kam mir ziemlich dumm vor dabei.

Joey lächelte freundlich.
Ich fragte mich öfter, warum er eigentlich als Single lebte. Er war charakterlich eigentlich der geborene Beziehungsmensch. Lieb, freundlich, treu und aufopferungsvoll.  Er half jedem, dem er helfen konnte und das mit Freude… Und er sah gut aus. Extrem gut sogar. Groß, muskulös, kurze, rabenschwarze Haare und grüne Augen. Das einzige nicht blonde Mitglied seiner Familie….

„Ich finde das gut. Versuch, dich ein bisschen zu amüsieren, ja?“, bat er mich.

Ich sah ihn einen Moment verzweifelt an, nickte dann aber und ging ins Bad um zu duschen.

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Im Club war es laut und stickig.
Gut was hatte ich schon erwartet, einen frischen Frühlingswind?
Ich schlug mich bis jetzt ganz gut, fand ich. Lynn hatte mich auf die Tanzfläche geschleift, wo ich es etwa eine halbe Stunde ausgehalten hatte, dann hatte ich in einer ruhigeren Ecke etwa zwanzig Minuten mit Emily geredet. Den Rest der Zeit hatte ich an der Bar gestanden und den anderen beim tanzen zugeschaut. Der Club war mit Schwarzlicht beleuchtet, was die Menge in ihrer dunklen Kleidung fast unsichtbar machte. Nur der Boden und die Bänder an der Decke leuchteten in hellem weiß.

Langsam taten mir die Füße weh. Ich sah auf die Uhr. Es war kurz vor zwölf. Joeys Ausführungen nach konnte ich mich gegen eins verdünnisieren, ohne als Loser dazustehen.

Jetzt war es zwölf.

Fünf nach zwölf.

„Hey Lilly!“, sprach mich eine leicht lallende Stimme an. Wenn ich mich richtig erinnerte, dann war das Sophie. Mit gewaltigem Pegel.

„Hey“, grüßte ich zurück und streckte reflexartig meine Hand aus, als sie begann zu schwanken.

„Kannnsstt duu mmichh zu also rauss bringnn?“, nuschelte sie.

Ich nahm ihre Hand ohne zu antworten und zog sie in Richtung Ausgang, wo ich sie musterte. Es war offensichtlich, dass sie nicht mehr klar sehen konnte, außerdem schwankte sie bedenklich.

Ich erblickte ein Taxi. Gott sei Dank.

Rasch verfrachtete ich sie auf den Rücksitz und setzte mich neben sie.

„Wo wohnst du?“, fragte ich Sophie.

„Inn der Süüdtangentennnstraßße. 45.“

„Fahren sie bitte dorthin“, bat ich den Taxifahrer und dieser fuhr los.

„Wie hast du dich denn so abgeschossen?“, fragte ich Sophie verwirrt. Nicht dass ich nicht froh war, dass sie mir eine Ausrede geliefert hatte, den Club zu verlassen, aber etwa eine Viertelstunde vorher hatte ich sie noch gesehen und da war sie halbwegs nüchtern aufgetreten.

Sophie zuckte mit den Schultern.

„Wohnst du alleine?“, fragte ich besorgt.

Sie schüttelte den Kopf. „Mmmitbewwohneriin.“

Der Fahrer hielt. Ich nahm ihre Tasche und kramte nach dem Schlüssel.

„Warten Sie bitte, ich würde gerne wieder mitfahren“, sagte ich zum Fahrer und verfrachtete Sophie in ihre Wohnung, in der ihre Mitbewohnerin dem Himmel sei Dank noch nicht schlief.

Wieder im Taxi ließ ich mich nach Hause fahren und holte mein Handy hervor.

Lilly: Ich habe Sophie nach Hause gebracht, sie war kurz vorm umfallen. War ein schöner Abend mit euch, gehe jetzt aber heim, sehe ziemlich durch aus!

Der Fahrer hielt vor meiner Haustür, ich bezahlte ihm die horrente Summe und schloss dann meine Wohnungstür auf. Ich genoss das Gefühl, aus meinen Schuhen raus zu sein und ging dann ins Bad, um mich abzuschminken. Joey war nicht im Wohnzimmer, was mich aber nicht wunderte. Es war Samstag, vermutlich war er nicht da.

Kurz dachte ich über den Abend nach. Lynn und Emily hatten sich wirklich gefreut, mich zu sehen. Es war nicht schlimm dort gewesen, aber dennoch: Jeden Samstag brauchte ich das nicht….
Ich war mir nicht sicher, ob ich wieder einen Freund wollte und noch weniger, ob um diesen zu finden ein Ort wie das Kallooo der richtige war und doch war mein Widerwille meine Wohnung zu verlassen etwas gelockert. Denn dort würde ich auf keinen Fall jemanden finden.
Anny würde glücklich sein....

Als ich aus dem Bad kam sah ich, dass ich mich geirrt hatte. Joey schien doch da zu sein. Ein schwacher Lichtschein war unter seiner Tür zu sehen. Ich zuckte die Schultern und ging vorbei, um mich endlich in mein Bett zu legen, als ich Joey sprechen hörte. Nun, das war jetzt per se nichts Ungewöhnliches, doch sein Tonfall verursachte bei mir eine Gänsehaut.

„Hör auf….bitte.“

Joey wimmerte. Allerdings nicht so, als hätte er Schmerzen, sondern so, als wäre er fertig mit den Nerven. Einen Moment überlegte ich, ob ich reingehen sollte, doch im nächsten Moment war ich unendlich dankbar, dass ich immer überlegte, bevor ich handelte.

„Ach ja? Wirklich?“

Joey war nicht allein. Die Stimme, die ihm geantwortet hatte, kam mir bekannt vor. Ich überlegte kurz, bevor ich mir dachte, dass es vermutlich Simon war, der Kerl von heute Mittag.
Was trieben die beiden bitte??

Es dauerte einen Moment bis mir klar wurde, dass mich das rein überhaupt nichts anging.
Gerade machte ich einen möglichst leisen Schritt in Richtung meiner Zimmertür, als ich Joey stöhnen hörte. Ich war mir sicher, dass er es war, warum wusste ich nicht. Ich spürte, wie sich die Gänsehaut auf meinem Körper weiter ausbreitete, vermischt mit dem jetzt drängenden Gefühl, dass ich eigentlich  wirklich nicht hier sein sollte.

Irgendetwas in dem Zimmer rumpelte, bevor jemand leise lachte.

Ich tat nun etwas, für das ich mich vermutlich bis an mein Lebensende schämen würde, doch die Versuchung war zu groß. Das Haus in dem wir wohnten war alt, was bedeutete, die Türen waren abschließbar mit großen, altmodischen Schlüsseln. Die waren zwar schon seit dem Vormieter verschwunden, doch die Schlüssellöcher waren geblieben. Ich kniete mich also vor die Tür meines besten Freundes und presste eines meiner geschlossenen Augen gegen das Schlüsselloch. Etwa vier Sekunden lang hielt mich mein schlechtes Gewissen davon ab, dann schlug die Neugier es k.o. und ich spähte in den Raum dahinter.

Das Zimmer von Joey war so chaotisch wie immer. Auf dem Boden verteilt lagen seine Handballtrikots und Alltagskleidung, auf seinem Schreibtisch und seinen Schränken stapelten sich seine Studienunterlagen. Als ich Joey fand, biss ich mir hart auf die Zunge. Er stand an eng an die Wand gedrängt, genau zwischen seinen beiden Fenstern, was jedoch nicht das erwähnenswerte war. Joey war nackt. Seine Kleidung lag zu seinen Füßen und er atmete schwer. Die helle Haut war schweißbedeckt, er wirkte, als würde er jeden Moment zusammenbrechen.
Der offensichtliche Grund für diesen Zustand stand direkt vor ihm. Noch angezogen, aber nicht weniger schwer atmend hatte Simon eine Hand um Joeys Mitte gelegt, die andere war in den schwarzen Haaren vergraben und zog den Kopf in den Nacken, sodass Simon, der einen halben Kopf kleiner war als Joey, besser an seinen Hals herankam.
Ich wusste, spätestens jetzt hätte ich gehen müssen, ich hatte gesehen was los war, aber ich konnte nicht. Mein Mund war ausgetrocknet, meine Knie waren scheinbar am Boden festgeklebt.

Ich war mir ziemlich sicher, noch nie etwas so sinnliches gesehen zu haben wie Joey, wie er zitternd vor Lust an seiner Wand lehnte und jeder Zentimeter von ihm nach mehr bettelte.
Und allein für diesen Gedanken hätte ich mich in Grund und Boden schämen können.

Joey öffnete die Augen und sah zu Simon hinunter.

„Du hast gewonnen“, flüsterte er heiser.

Ich sah Simon grinsen. Er beugte sich vor, ließ ihn los, vergrub dann beide Hände in Joeys Haaren, presste sich an den nackten Körper vor ihm und küsste ihn dann so heftig, dass Joey umgefallen wäre, hätte er nicht an der Wand gestanden.

Ich war fasziniert. Am Rande fragte ich mich, bei was genau Simon wohl gewonnen hatte, doch mein Fokus lag immer noch auf Joeys Gesicht. Inzwischen wirkte er leicht weggetreten. Simon hatte ihn losgelassen und sank jetzt vor ihm auf die Knie. Ich sah, wie sich Joeys Atmung noch weiter beschleunigte und als Simon seine Lippen um ihn legte, stöhnte er so laut, dass ich unbewusst zusammenzuckte. Meine Beine waren inzwischen eingeschlafen, doch ich bemerkte es nicht. Immer noch starrte ich auf Joeys Mimik, bis er sich schließlich auf die Lippen biss, brüllte und in Simons Mund kam. Einen Augenblick bebte er, dann rutschte er kraftlos an der Wand hinunter.

Simons Hand strich beruhigend über seinen Bauch, während sich Joeys Atmung wieder normalisierte. Sein Gegenüber, der im Schneidersitz vor Joey saß, grinste.

„Ich gehe duschen“, sagte Joey leise und stützte sich an Simon ab, als er mit zitternden Knien aufstand.

Ich reagierte gerade noch rechtzeitig. Ich zog mich am Türrahmen hoch schwankte kurz und sprintete in mein Zimmer. Meine Beine drohten von dem langen Knien nachzugeben und ich fiel geräuschvoll auf mein Bett. Ich war mir sicher, dass Joey in seinem benebelten Post-Orgasmus-Dasein mich nicht hören würde. Simon allerdings war ziemlich bei sich….

Ich schloss die Tür, zog mir mein Kleid über den Kopf und kramte in meinem Bett nach meinem Schlaf-T-Shirt, gerade als mir auffiel, dass ich meine Tasche im Bad vergessen hatte.
Selbst wenn mein selten dämliches Bespannen zweier Menschen, die nur ihre Ruhe wollten überraschenderweise unbemerkt geblieben war, so konnte ich also sicher sein, dass die beiden jetzt wissen würden dass ich a) ziemlich früh zuhause war und b) noch wach war.

Super. Einsame Spitze.

Seufzend öffnete ich also meine Zimmertür…

…und stand Simon gegenüber.
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