Die letzte Nacht

von Neferure
OneshotAllgemein / P12
Der Wächter (männlich)
17.12.2018
17.12.2018
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Ich spüre ihre warme Hand, die noch einmal meine Wange streichelt. Anscheinend denkt sie, ich wäre schon eingeschlafen, als ich nicht darauf reagiere. Die Tür öffnet und schließt sich fast lautlos, dann ist sie fort. Ich bleibe im Dunkel der Nacht zurück und starre an die Zimmerdecke. So wirklich werde ich mich nie an solche Räume gewöhnen, dauerhaft hinter Mauern leben, dass ist nichts für mich. Ein bisschen kann ich Oghren verstehen, der wie fast alle Zwerge sein Leben unterirdisch verbrachte und sogar etwas Angst vor dem Himmel hatte. Nur, dass ich gerade das Leben als Nomade unter freiem Himmel gewohnt war. Auch wenn ich so manche meiner ursprünglichen Meinungen über die Menschen geändert habe, im Herzen bin ich noch immer ein Dalish und wie ich es dem zukünftigen König Alistair einmal geantwortet habe, mein wirkliches Zuhause wird stets dort sein, wo mein Clan ist.

Mein Blick gleitet zur im Dunkeln fast unsichtbaren Tür. Was habe ich gerade getan, geht es mir durch den Kopf und ich setze mich auf. Woher weiß ich, dass mich Morrigan nicht doch herein gelegt hat? Andererseits muss ich da gerade reden. Ich habe Flemeth damals verschont und ihre Tochter belogen, ein Grund dafür war, dass diese Hexe ohnehin nicht wirklich sterben kann. Das Buch hatte ich trotzdem bekommen. Hat Morrigan diese Lüge vielleicht durchschaut und dies ist nun ihre Rache? Mich glauben zu lassen, dass ich nicht gemeinsam mit dem Erzdämon sterben muss, wenn ich mit ihr dieses Ritual vollziehe um dann genüsslich zuzusehen, wie mein Leben endet? Aber nun ist es geschehen. Ich habe zugestimmt, mit ihr das Bett geteilt, es sogar genossen und ich möchte glauben, sie auch. Und dabei ihren Worten zufolge ein Kind gezeugt, dass die Seele eines Gottes in sich tragen wird und mich damit vor dem Tod bewahrt.

Nun bleibt mir nichts weiter übrig als zu hoffen und zu allen Göttern zu beten, dass Morrigan recht behält. Sie wird gehen, sobald alles vorüber ist und ich werde sie nicht wieder sehen. Und auch dieses Kind, mein Kind, werde ich niemals zu Gesicht bekommen, denke ich und es versetzt mir doch einen Stich ins Herz. Denn eigentlich hatte es ganz natürlich zu meiner Lebensplanung in meinem Clan dazugehört, irgendwann zu heiraten und Kinder zu bekommen. Jetzt erfüllt sich dieser Wunsch auf eine Weise, die ich mir niemals hätte träumen lassen. Sollte ich es wirklich schaffen, werde ich dieses Geheimnis dennoch für mich behalten. Es ist besser wenn Alistair die Details nicht erfährt, auch wenn er sich ziemlich wundern wird, dass ich dann noch lebe. Was täte er an meiner Stelle? Ich traue ihm sogar zu, dass er entschlossen ablehnen würde. Zumal er mit seiner Rolle als zukünftiger König von Ferelden nicht gerade glücklich ist und dies vor allem mein Verdienst ist, der mir schon eine ganz schöne Standpauke seinerseits einbrachte. Außerdem waren er und Morrigan sich nicht gerade sympathisch. Ich glaube, Alistair würde sich lieber opfern, mit größtem Vergnügen vielleicht sogar. Nein, diese Bürde eines „besonderen“ Kindes sollte er nicht auch noch tragen müssen, also nehme ich sie ihm ab, ohne dass er überhaupt davon weiß. Und vor allem wegen Leliana, der Bardin, der Menschenfrau, die mein Elfenherz erobert hat. Ich erinnere mich an die erste Nacht im Lager, die wir zusammen in ihrem Zelt verbrachten und uns einander hingaben. Auch sie soll es nicht erfahren. Es war schwer genug sie zu überzeugen, dass mir Zevrans Annäherungsversuche nichts bedeuteten, jedenfalls nicht auf dieser körperlichen Ebene. Morrigan meint zwar, gerade Leliana mit ihrem Gerechtigkeitsempfinden und ihren Gefühlen für mich würde, wenn sie es wüsste, lieber diese Nacht mit ihr wählen als mich in den sicheren Tod zu schicken.
Jetzt gibt es sowieso kein zurück mehr, das Ritual ist vollendet und wird eine Frucht hervor bringen, die ich niemals sehen und ihr dennoch mein Leben verdanken werde. Und kann man mir meine Entscheidung zum Vorwurf machen?, frage ich mich seufzend. Trotz meinem eigenen Wunsch, unter allen Umständen diejenigen zu beschützen, die mir etwas bedeuten, so hänge ich doch am Leben wie jeder Andere auch. Ich habe so viel überstanden, seit ich mehr oder weniger freiwillig ein Grauer Wächter wurde. Manchmal wünsche ich mir immer noch, Tamlen und ich hätten diesen Spiegel nie gefunden. Das Ergebnis unserer Neugier war sein Tod und meine Infizierung mit der Verderbnis, deren einzige „Heilung“ darin bestand, meinen Clan wahrscheinlich für immer zu verlassen, um den Wächtern beizutreten. Ich habe Ostagar überlebt, als eine von nur zwei Personen, die Andere ist Alistair. Ich habe von sämtlichen Völkern die Unterstützung zu dieser kommenden, alles entscheidenden Schlacht gewonnen und bei alldem Abenteuer überstanden, bei denen so Manche lieber die Flucht ergriffen hätten. Ich habe Gefährten, ja Freunde gefunden, von denen einer sogar ursprünglich als Mörder auf mich angesetzt worden war. Ich habe die Liebe entdeckt. Und nun soll ich mich und all das opfern? Wenn es dieses Ritual nicht gäbe, wäre die Sache eine andere. Und dann würde lieber ich mich opfern, als das von Alistair zu verlangen, er wird meiner Ansicht nach dringender im Land gebraucht als ich. Ich bin als Krieger ersetzbar, jedoch nicht ein zukünftiger Herrscher Fereldens. Und da es einen Weg gibt, dem Tod zu entgehen, würde nicht jeder nach diesem Strohhalm greifen? Ich habe es getan. Ein rituell in der Dunkelheit einer Nacht gezeugtes Kind, dass seinen Vater nie kennen lernen wird, ist also der Preis für mein Weiterleben. Ist er zu hoch? Ich weiß es nicht, aber ich habe ihn gezahlt.

Ich lege mich zurück und ziehe mir die Decke bis zum Kinn hinauf. Ich muss mich ausruhen, solange ich kann, morgen in aller Frühe ziehen wir nach Denerim, sozusagen um zu retten was zu retten ist. Denn wir wissen, die Dunkle Brut wird uns auf jeden Fall zuvor kommen. Ich male mir lieber nicht aus, was uns für ein Anblick erwartet, wenn wir da sind. Ich schließe die Augen. Bitte keine Träume die mich ständig wieder aufschrecken lassen, denke ich dabei und seufze wieder. Ich werde schließlich alle meine Kräfte brauchen, wenn wir uns in die Schlacht stürzen. Ob die Armeen unserer Verbündeten  bereits nach Denerim aufgebrochen sind? Sie alle haben einen ebenso weiten Weg vor sich, um die Stadt zu erreichen, wie wir. Vor allem denke ich an die Dalish-Elfen, mein Volk. Ob auch einige Leute meines eigenen Clans dabei sind? Plötzlich werde ich von Furcht gepackt und kämpfe dagegen an. Nur jetzt nicht aufgeben oder alles war umsonst! Ich muss einfach darauf vertrauen, dass wir es schaffen können, wenn wir nur alle vereint kämpfen. Es wird viele Verluste geben, aber die sind nun mal unvermeidbar, vor allem in einem handfesten Krieg, wie dies einer ist. Ich werde dafür sorgen, dass kein Opfer vergessen wird. „Ich darf nicht versagen!“, flüstere ich ins Dunkel und dann lauter: „Ich werde nicht versagen!“ Dabei balle ich entschlossen die Fäuste. Vier Verderbnisse hat die Welt überstanden. Und auch die Fünfte wird sie überstehen, dafür werde ich sorgen und falls das Ritual doch schief gelaufen oder Morrigans Falle gewesen ist, dann eben auch mit meinen Leben. Für meine Freunde, meinen Clan, meine Heimat! Wir werden gewinnen egal wie! Wir werden gewinnen. Ich wiederhole den Satz leise, bis mir endlich die Augen zu fallen.

Am nächsten Morgen erwache ich von den Geräuschen aller, die sich zum Aufbruch rüsten. Ich stehe auf und mit dem Satz „Wir werden gewinnen!“ den ich erneut mehrmals vor mich hin murmele, lege ich meine Rüstung und Waffen an. Dann trete ich auf den Gang hinaus. In der großen Halle treffen wir uns alle und grüßen wir uns gegenseitig, jedoch kurz und niemand spricht dabei ein Wort. Alistair, der künftige König. Der Graue Wächter Riordan, Arl Eamon und Teagen. Stan und Oghren, Wynne und Zevran, Shale, der Golem. Leliana, in deren Augen ich die Sorge vor allem um mich deutlich lesen kann. Alle mit ihren besten Rüstungen und Waffen. Selbst mein treuer Wotan kommt auf mich zu gelaufen, wedelt mit dem Schwanz und bellt, als wollte er sagen „Verzage nicht, alles wird gut!“, woraufhin ich ihm dankbar über den Kopf streichle. Und Morrigan, ein wenig abseits stehend, ihre Augen haben ein bestimmtes Funkeln in sich und ihre Lippen umspielt ein Lächeln, dass nur ich verstehe. Ich nicke ihr kurz zu, weiche aber ihrem direkten Blick aus. Hoffentlich bin ich jetzt nicht noch rot geworden, nicht dass sich jemand noch Gedanken macht. Aber ich merke schnell, keiner hat diesem Augenblick wirkliche Beachtung geschenkt. Und ich beschließe still und heimlich, Morrigan und mein Kind irgendwann doch zu suchen und zu finden. Aber zuerst zählt nur die Schlacht und deren Ausgang. Draußen wartet unsere Armee, die aus jedem Mann besteht, der kämpfen kann. Alistair kommt auf mich zu und legt mir die Hand auf die Schulter, mit einem Lächeln. „Es ist soweit.“, sagt er. „Die alles entscheidende Schlacht und wir werden den Erzdämon bezwingen. Es wird wohl der schwerste Kampf unseres Lebens, aber wir werden siegen!“ Ich nicke wieder und diesmal teile ich lächelnd seine Zuversicht ohne zu zweifeln. „Ich bin bereit. Wir werden siegen!“
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