Der Tod ist kein Einzelgänger

MitmachgeschichteAllgemein / P16 Slash
Alma Coin Beetee Caesar Flickerman Coriolanus Snow Haymitch Abernathy OC (Own Character)
15.12.2018
22.09.2019
16
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Adara Grace, Mentorin aus Distrikt 2

„Hat dich jemand gesehen?“, begrüße ich Jeremy, obwohl mich die Antwort nur wenig interessiert. Wichtig ist nur, dass er jetzt hier ist. Winzige Tropfen perlen von seinem silbernen Regenmantel ab und durchnässen den teuren Teppich, den man für eine Siegerin der einundfünfzigsten Hungerspiele für nötig befunden hat. „Uns erwartet wahrscheinlich wieder das volle Programm in den Medien“, erwidert er, schält sich aus dem Mantel, den er routiniert hinter sich aufhängt. Ich seufze auf. „Adara Grace- auf der Suche nach einem Ersatz für ihren Verbündeten? Teilt Jeremy mehr Gemeinsamkeiten als den Anfangsbuchstaben mit John? Siegerin empfindet ihrem Sponsor gegenüber mehr als nur Dankbarkeit! Wölbt sich da etwa ein Bäuchlein?“, zitiere ich die Schlagzeilen der vergangenen Woche. „Ein Bäuchlein?“ Jeremy lacht auf, bevor er gespielt besorgt zu mir kommt und vor mir auf die Knie fällt. Irritiert halte ich inne, während er sein Ohr auf meinen Bauch legt. „Jeremy, du weißt, dass ich nicht schwanger sein k...“ „Scht!“, unterbricht er mich. „Hallo, kleines Wesen. Was bist du nur? Zu viel Nudeln oder doch ein Dessert aus Schokolade und Obst?“ Ich schnappe nach Luft und stoße ihn von mir, sodass er auf dem Teppich landet, den er zuvor so schön durchnässt hat. Jeremy verzieht jedoch keine Miene und beginnt stattdessen, schallend zu lachen. „Du bist blöd“, teile ich ihm mit, kann mir ein Grinsen jedoch nicht verkneifen. Wie kannst du hier stehen und mit ihm herumalbern, wie du es mit John getan hast, bevor du ihn getötet hast? Mein Lächeln gefriert augenblicklich. Wortlos helfe ich Jeremy auf, in Gedanken bin ich jedoch nicht bei ihm.

„Na komm, Adara, wir sollten dein Bäuchlein noch ein Stückchen aufplustern, Schokolade hilft.“ Ohne meine Zustimmung abzuwarten, nimmt er mich auf seinen Arm und trägt mich ins Esszimmer. „Wie sieht es denn hier aus?“ Jeremy lässt mich beinahe fallen und angesichts seines schockierten Blicks schleicht sich doch ein Lächeln auf meine Lippen. Scherben in verschiedenen Farben liegen auf dem Boden verstreut und reflektieren das Licht des elektrischen Kronleuchters. „Scherben bringen Glück“, erkläre ich. Das habe ich mir jedenfalls gesagt, nachdem ich einen dezenten Ausraster hatte, da man mich für ein Interview in einer Woche im Kapitol sehen möchte. Jeremys erstarrte Miene weicht langsam auf, sodass er schließlich grinsend zu einem Besen greift. „Oh, ein Kind des Kapitols putzt selbstständig.“ Ich kann mir eine spöttische Bemerkung nicht verkneifen, während ich dabei zusehe, wie die Tätowierungen auf seinen Armen leicht zu tanzen beginnen, da er seine Muskulatur leicht anspannt. „Das ist neu!“, wird es mir bewusst, als meine Augen an einer Art Knoten der silbernen Linien hängen bleiben. Ich halte seinen Arm behutsam fest, damit ich mir das neue Tattoo in Ruhe ansehen kann. „Ein Herz.“

„Adara“, Jeremy sieht mich besorgt an. In seinen Augen liegt ein panischer Glanz. „Ich… Wollen wir uns setzen?“ Schweigend gehen wir zu der Sofaecke, während Gedanken durch meinen Kopf wirbeln, kreischen, sich verknoten. Er hat seinem Vater versprechen müssen, eines Tages mit einer Siegerin zusammenzukommen, um den Familienruf zu fördern. Wir kennen uns jetzt schon sieben Jahre lang. Er erinnert mich manchmal an John. Vielleicht liebt er mich wirklich. Wenn ich ihn heirate, werden sich die Medien auf uns stürzen. Ich… „Adara“, setzt Jeremy erneut an. Seine Hand zuckt in meine Richtung, als wolle er meine ergreifen, um mir Halt zu geben. Doch er lässt sie zwischen uns ruhen, seine dunkle Haut hebt sich deutlich von dem champagnerfarbenen Polster des Sofas ab. „Adara, ich wollte...“

„Meine Damen und Herren!“ Wir zucken beide zusammen, als hätte uns Caeser Flickerman bei irgendetwas Verbotenem erwischt. Sein Anzug ist rabenschwarz und hebt sich so deutlich von der funkelnden, schrillen Bühne ab. „Ich möchte Sie für einen Augenblick um Ihre Aufmerksamkeit bitten. Vor einem Monat verstarb die geliebte Cecilia Snow, Schwester unseres ehrwürdigen Präsidenten.“ Caesers Miene strahlt echte Betroffenheit aus. Vielleicht kannte er sie, vielleicht ist er in all den Jahren als Moderator an seiner Aufgabe als Schauspieler gewachsen. „Obwohl unser Präsident zutiefst trauert, ist er seinen Pflichten nachgekommen und hat einen neuen Obersten Spielmacher für die diesjährigen, achtundfünfzigsten Hungerspiele erwählt. Ich möchte Ihnen nun Eram Leathan vorstellen!“ Den Namen ruft Caeser laut aus, plötzlich ist da keine Trauer mehr in seiner Stimme. Ein junger Mann betritt die Bühne, dunkle Haare, selbstbewusster Gang, neutraler Blick und doch strahlt er eine gewisse Abneigung aus, wogegen kann ich nicht sagen. „Kennst du ihn?“ Jeremys Augenbrauen haben sich zusammengezogen, doch er schüttelt den Kopf. „Nein.“ Nein. Aber Jeremy kennt beinahe jeden, der im Kapitol Rang und Namen hat. Wenn ich zu Feierlichkeiten erscheinen musste, war Jeremy stets zur Stelle und hat mir durch seine amüsanten Hintergrundinformationen zu all den schrillen Persönlichkeiten des Kapitols durch die Abende geholfen. Was hat es also zu bedeuten, dass dieser Mann, der neue Oberste Spielmacher, scheinbar aus dem Nichts auftaucht?

„Guten Abend, Panem!“ Leathans Stimme ist ernst, bedeutungsgeschwängert. „Heute Abend soll es nicht um mich gehen“, verkündet er, Caeser kommentiert seine Worte mit einem Kopfschütteln. „Ich habe mich mit unserem Präsidenten intensiv beraten und nach einer Lösung gesucht, wie wir unserer geschätzten Cecilia die letzte Ehre am besten erweisen und unserem Präsidenten Beistand leisten können.“ Ich setze mich ein Stückchen aufrechter. Meine Hand greift instinktiv nach Jeremys Arm. „Bitte, Leathan, spannen Sie uns nicht weiter auf die Folter“, bittet Caeser mit einem erwartungsvollen Lächeln auf den Lippen. „Caeser, man sagt, geteiltes Leid sei halbes Leid, nicht wahr?“ Caeser stimmt dem Mann zu, der mir mit jedem Wort bedrohlicher vorkommt. „Deshalb möchten wir unserem werten Präsidenten einen Teil seines Leids nehmen und Cecilia ein Denkmal setzen, indem wir die Bedingungen der diesjährigen Hungerspiele ein wenig verändern.“ Meine Finger bohren sich in Jeremys Fleisch. Übelkeit wallt in mir auf. „Alles wird gut, Adara, ich bin da, du bist nicht alleine, du musst nicht in die Arena, was auch immer die sich ausgedacht haben. So sind die Regeln“, murmelt Jeremy beruhigend auf mich ein. Und so gerne ich auf seine Worte vertrauen möchte, gelingt es mir nicht, meine Nervosität zu bändigen.

„Meine Damen, meine Herren, Panem“, holt Leathan aus. „In diesem Jahr, anlässlich der achtundfünfzigsten Hungerspiele, werden nur Geschwister in die Arena ziehen. Um das Leid des Präsidenten nachzuvollziehen, zu teilen und zu mindern.“ Schweigen. Ich bin wie erstarrt, sodass ich nicht schnell genug aufspringe und die helle Sofagarnitur mit Galle besprenkle. „Das sind solche Monster“, keuche ich. Zu dem Erbrochenem an meinem Kinn gesellen sich Tränen. Jeremy holt keine Schüssel, für den Fall, dass ich mich noch einmal übergeben muss. Das Sofa ist ohnehin nicht mehr zu retten. Stattdessen streicht er mit kreisenden Bewegungen über meinen Rücken. „Sieh dir das an! Die applaudieren, Jeremy! Haben die im Kapitol denn gar kein Herz?“ Ich bin froh, dass ich sein Gesicht nicht sehen muss, da ich mich erneut übergebe. Jeremy stammt aus dem Kapitol. „Das ist… Mir fehlen die Worte, was für eine geniale Idee, Leathan! Ich denke, ich kann für ganz Panem spreche, wenn ich Ihnen dafür danke, dass Sie es uns so ermöglichen, unser Beileid kundzutun.“ „Können Sie nicht, Caeser, kein Geschwisterkind wird Ihnen dafür danken“, kreische ich und werde von Heulkrämpfen übermannt.

Behutsam tupft Jeremy mein Gesicht mit einem feuchten Tuch ab. Ich will dieses Tuch nicht auf meiner Haut spüren. Es ist zu weich, riecht zu sehr nach Lavendel, ist mit zu teuren Stickereien verziert. Ein Geschenk des Kapitols. Und doch wehre ich mich nicht. „Darf ich?“ Ich hebe benommen meine Arme, um ihm zu signalisieren, dass es mir nichts ausmacht, wenn er mich in Unterwäsche sieht, um mich von dem besudelten Pullover zu befreien. Vorsichtig stützt er mich, da meine Knie noch immer nicht aus Knochen zu bestehen scheinen, und führt mich zu einem Sessel, um das Sofa in Ruhe säubern zu können.

Die Lampen des Wohnzimmers schwimmen in meinen Tränen, vermischen sich zu undefinierten Lichtsoßen. Wie kann man so etwas tun? Geschwister dazu zwingen, sich gegenseitig zu ermorden. Wie soll ich entscheiden, welchen Tribut ich dazu verdamme, meine Unterstützung zu erhalten und vielleicht als Sieger aus den Hungerspielen hervorzugehen, ohne sein Geschwisterkind. Wie soll ich diese Entscheidung den Eltern erklären?

Jeremy stellt eine dampfende Teetasse vor mich, hockt sich daneben, sieht mich an. Erst jetzt wird mir bewusst, dass der Fernseher sich wieder ausgestellt hat und erdrückende Stille in diesem Raum herrscht, einem Wohnzimmer des Kapitols. Ich muss hier raus. „Bring mich hier weg!“, flehe ich Jeremy an. Und er bringt mich hier weg. Wortlos hilft er mir auf, sieht sich nach einem neuen Oberteil für mich um, wählt schließlich wahllos eine graue Bluse aus meinem Schrank, streift mir eine Regenjacke über, bindet meine Schuhe zu, reicht mir seine Hand, an die ich mich klammere und führt mich hinaus in den Regen.

Harte Regentropfen peitschen in mein Gesicht. Ein fernes Grollen droht mir mit einem Gewitter, das ich nur begrüße. Meine Kapuze streife ich ab, lasse meine dunklen Haare fluten. Ich schließe die Augen, halte mich weiterhin an Jeremy fest und versuche mit aller Macht, meine Gedanken zu ertränken.
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Hey,

hier kommt auch schon das erste Kapitel.
Zur Erstversion sind damals einige Fragen bezüglich der Geschwisterregelung aufgetreten, die ich hier noch einmal beantworten möchte. Wenn ihr einen Steckbrief erstellt, müsst ihr euch keine Sorgen darüber machen, ob die Geschwister zueinander passen. Ihr füllt ihn ganz normal aus, ich versuche anschließend eine Kombination beider Charaktere pro Distrikt zu erstellen. User A steuert so zum Beispiel die Eltern für Distrikt X bei, User B erfindet ein drittes Geschwisterkind. Falls ihr nun noch immer Fragen habt, könnt ihr mir diese gerne per Mail stellen.
Adara ist der Charakter von LucediDio, welchen ich in meiner MMFF "Blut schmeckt salzig, Rache süß" zur Siegerin erklärt habe.
An diejenigen, die die Erstversion kennen: Ihr werdet nun festgestellt haben, dass ich den Großteil dieses Kapitels nicht verändert habe. Momentan plane ich jedoch Kapitel, die es beim letzten Mal nicht gegeben hat. Deshalb würde ich euch raten, die Kapitel wenigstens zu überfliegen, damit ihr keine Neuigkeiten verpasst;)
Abschließend möchte ich mich für die ersten Favoriteneinträge bedanken!

Liebe Grüße,
Geschichtenlover
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