Victoria - Wiedergeburt eines Imperiums

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18
15.12.2018
25.08.2019
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“Genießt Euren Triumph, Dovahkiin. Dies war nicht das letzte Mal, dass Ihr Euer Zeichen auf den Strömen der Zeit hinterlassen habt.”
  -Paarthurnax, nach Alduins Niederlage

Einsamkeit, Himmelsrand, 4. Sonnenhöhe (Juli) des Jahres 202 der Vierten Ära

Die Straße, die Schloss Elend mit dem Blauen Palast verband, wurde von einer riesigen Menschenmenge gesäumt. Sogar aus dem Ausland waren die Leute in die Hauptstadt gekommen, um dem Triumphzug anlässlich des kaiserlichen Sieges über die Sturmmäntel sowie der Krönung Elisifs der Liebreizenden zur Großkönigin von Himmelsrand beizuwohnen. Aus allen Fenstern hingen die roten kaiserlichen Fahnen mit dem rautenförmigen Drachenemblem, selbst an den Häusern, deren Bewohner für das Reich nichts übrig hatten - dafür hatte Falk Feuerbart, Elisifs Vogt, gesorgt.
  Voranil Adaire warf seinem Zwillingsbruder Vanus, der mit sichtlicher Mühe ein Gähnen unterdrückte, einen kurzen Blick zu und grinste. Er konnte es auch kaum erwarten, dass diese Veranstaltung zu Ende ging und sie zusammen ein paar Krüge von dem Met kippen konnten, an dem die beiden Hochelfen - oder Altmer, wie ihr Volk sich selbst nannte - solchen Gefallen gefunden hatten. Seit Stunden schon standen sie sich hier die Beine in den Bauch, obwohl die Krönung noch gar nicht begonnen hatte. Warum nur waren sie ausgerechnet heute Elenwens persönlicher Leibwache zugeteilt worden?
  Das ist doch kein Wunder, teilte ihm Vanus gedanklich mit. Nicht nach der Sache mit den Reikmannen.  Schon seit frühster Kindheit besaßen die Brüder die Gabe, sich miteinander telepathisch verständigen zu können. Dadurch standen sie sich noch näher, als es bei Zwillingen gewöhnlich sowieso der Fall war.
  Erst vor wenigen Wochen hatten sie Statthalter Ondolemar, der für die Überwachung der Einhaltung des Verbots der Talos-Verehrung in Himmelsrand zuständig war, vor einem Hinterhalt der Abgeschworenen gerettet. Dabei handelte es sich um Aufständische aus dem Fürstentum Reach, die allen Fremden gegenüber feindselig eingestellt waren. Diese verrückten Mistkerle hatten mit Ausnahme der Adaire-Zwillinge Ondolemars gesamte Eskorte abgeschlachtet, bevor Vanus, Voranil und der Statthalter den Kampf doch noch zu ihren Gunsten wenden konnten. Anschließend waren die Zwillinge befördert worden und durften von nun an die Vulkanglasrüstungen der Elitetruppen des Aldmeri-Bundes tragen. Es sollte wohl eine besondere Ehre sein, dass Elenwen sich heute von ihnen bewachen ließ. Nur war es eben eine recht langweilige Angelegenheit, langweiliger, als es der Wachdienst sonst sowieso war. Ein Trost war nur, dass die Zeremonien daheim in Alinor weitaus länger dauerten als die der Menschen!

Die kaiserlichen Soldaten, die an der Parade teilnahmen, näherten sich in Reih und Glied dem Blauen Palast. Es waren insgesamt tausend und sie boten einen beeindruckenden Anblick. Die meisten Legionäre waren leicht gerüstete Infanteristen, die einzelnen Abteilungen wurden von Offizieren und Bannerträgern angeführt. Eine kleine berittene Einheit bildete die Vorhut. Die Kavalleristen saßen auf stämmigen, struppigen Pferden, die zwar etwas plump aussahen, aber ideal an dieses raue Land angepasst waren.
  Die drei Reiter ganz vorn jedoch wurden von prachtvollen Rössern aus Cyrodiil, dem Herzland des Imperiums, getragen. Diese Tiere waren nicht so sehr für den Einsatz in Himmelsrand geeignet, aber bei der Parade machten sie eine gute Figur. Der vorderste Reiter war natürlich General Tullius, der Oberbefehlshaber der Vierten Legion. Er trug eine mit Gold verzierte Prunkrüstung und einen goldenen Helm mit rotem Federkamm. Zu seiner Rechten, leicht nach hinten versetzt, ritt Legat Rikke, seine Vizebefehlshaberin, die eine einfache Offiziersrüstung anhatte. Doch der Jubel der Massen galt hauptsächlich der Reiterin zur Linken des Generals: Barenziah von Dhalmora trug eine graue Drachenschuppenrüstung und einen Helm, der mit vier geschwungenen, nach hinten gerichteten Hörnern geschmückt war. Es gab kein sichtbares Kennzeichen ihrer Zugehörigkeit zur Kaiserlichen Legion - dies war auch nicht notwendig, denn in ganz Himmelsrand gab es nur eine einzige Dunkelelfe, beziehungsweise Dunmer, die solch eine Rüstung besaß. Jeder im Land wusste, wer sie war.
  Während Tullius und Rikke auf weißen Pferden ritten, saß Legat Barenziah auf einem schwarzen Hengst mit glänzendem Fell, der eines Kaisers würdig gewesen wäre. Die Hochelfen kannten den Namen des Tieres: Imperator. Die Dunmer hatte es anscheinend schon vor ihrer Ankunft in Himmelsrand erworben.
  “Dovahkiin! Dovahkiin!”, skandierte die Menge.
  Vorsichtig schielte Voranil zu Elenwen. Die Erste Abgesandte des Aldmeri-Bundes war groß gewachsen, schlank und hatte eine goldfarbene Haut, wie alle Altmer. Sie trug die schwarze Robe mit Goldverzierungen, die unter den Angehörigen der Thalmor, den Machthabern des mit dem Kaiserreich um die Vorherrschaft in Tamriel konkurrierenden Bundes, so beliebt war. Anders als Ondolemar, der ebenfalls anwesend war, hatte Elenwen ihre Kapuze zurückgeschlagen. Ihr langes Haar war blond, das Gesicht schmal und hohlwangig. In ihren gelben Augen lag etwas Grausames.
  Mit versteinerter Miene saß sie auf ihrem Tribünensitz und starrte Barenziah an wie eine Schlange eine Maus, die ihr hinter einer sicheren Glasscheibe frech die Zunge herausstreckte. Die Dunkelelfe hatte sich vor einigen Monaten während eines Empfangs in der Botschaft der Thalmor Zutritt zu den für Gäste verbotenen Bereichen verschafft, mehrere Wachen und den Dritten Abgesandten Rulindil getötet, geheime Dokumente gestohlen und einen Gefangenen zur Flucht verholfen. Zudem galt es als sicher, dass Barenziah für den Angriff auf die von den Thalmor kontrollierte Festung Nordwacht verantwortlich war, wobei die Garnison ausgelöscht und die dort eingekerkerten Gefangenen befreit worden waren. Dazu kamen noch weitere Todesfälle unter den Thalmor in Himmelsrand, mit denen Barenziah in Verbindung gebracht wurde.
  Nur gab es für all das keine stichfesten Beweise, nicht einmal für den Vorfall in der Botschaft. General Tullius hatte Elenwens Forderung nach Barenziahs Auslieferung höflich, aber bestimmt abgelehnt und angemerkt, dass hier wohl eine Verwechslung vorliegen müsse. Er wäre auch verrückt gewesen, seine beste Frau ans Messer zu liefern. Voranil vermutete, dass der General danach ein ernstes Wörtchen mit seiner Untergebenen gesprochen hatte.
  Da Elenwen auf offiziellen Wegen nicht weitergekommen war, hatte sie die Sache selbst in die Hand genommen. Doch keiner ihrer Agenten war zurückgekehrt und Barenziah von Dhalmora erfreute sich immer noch bester Gesundheit. Man konnte der Ersten Abgesandten ihre offensichtlich schlechte Laune also kaum verübeln.

Fanfarenstöße ertönten und alle Legionäre standen still. Wie Donnerhall erklang das Geräusch hunderter Soldatenstiefel, die zum Salut auf das Straßenpflaster stampften. Tullius und die zwei weiblichen Legaten stiegen von den Pferden und schritten zwischen den beiden Ehrentribünen, die eigens für diesen Anlass errichtet worden waren, zum Torbogen des Palastes. Dort warteten Jarl Elisif von Einsamkeit, ihre Höflinge, Hohepriester Rorlund und die anderen acht Jarl von Himmelsrand zusammen mit ihren Huscarls. Elisif die Liebreizende, eine junge Frau mit braunen Haaren und fein geschnittenen Zügen, trug ihren Namen zurecht. Gut möglich, dass man einst Balladen über ihre Schönheit verfassen würde.
  Der General nahm seinen Helm ab, der kurzes graues Haar und ein strenges Gesicht enthüllte, und klemmte ihn sich unter den Arm, während Rikke und Barenziah die ihren aufbehielten. Die Dunkelelfe hielt einen mit rotem Samt umhüllten Gegenstand in den Händen.
  Tullius machte eine förmliche Verbeugung vor Elisif - als wäre es nicht er selbst, der in Himmelsrand das Sagen hatte, dachte Voranil belustigt - und wandte sich dann zu der Menge um.
  “Volk von Himmelsrand, hochverehrte Gäste aus fernen Ländern”, sprach er mit klarer, kraftvoller Stimme. “Heute feiern wir den Sieg über den Königsmörder und Verräter Ulfric Sturmmantel und die Krönung Elisifs, der rechtmäßigen Großkönigin von Himmelsrand. In Anbetracht der Verdienste Legat Barenziahs, die Ihr alle als das Drachenblut kennt, wurde beschlossen, dass sie Elisif die Krone aufsetzen soll”, verkündete Tullius.
  Applaus brandete auf.
  Voranil wusste, Barenziahs Ruhm basierte nicht nur darauf, dass sie den Rebellenführer Ulfric erschlagen hatte - sie war auch eine sehr erfolgreiche Drachentöterin. Soweit es dem Hochelfen bekannt war, verfügte sie, eben weil sie ein Drachenblut war, über die Gabe, die Kräfte der von ihr erschlagenen Drachen zu stehlen.
  Als vor etwa einem Jahr die vor langer Zeit verschwundenen Flugechsen nach Himmelsrand zurückgekehrt waren, hatte manch einer geglaubt, das Ende der Welt sei gekommen. Doch zeitgleich mit der Wiederkehr der Drachen war das Drachenblut auf den Plan getreten. Göttliche Fügung nannte man das wohl. Barenziah hatte die Ungeheuer soweit dezimiert, dass jetzt nur noch wenige von ihnen übrig waren. In den Tavernen sangen die Barden gar von einem Drachen namens Alduin, der angeblich ein Gott war und die Welt verschlingen wollte, aber von Barenziah besiegt worden war. Die Nord, die Einwohner Himmelsrands, schienen das für bare Münze zu nehmen.
  “Geschickt”, murmelte Elenwen Ondolemar zu. “Besser hätten sie sich Barenziahs Popularität gar nicht zunutze machen können. Die unbesiegbare Drachentöterin und Paladin des Kaiserreiches krönt die kaiserliche Marionette.”
  “Und es ist nicht irgendeine Krone”, sagte Tullius und gab Barenziah ein Handzeichen. Die Dunmer wickelte das Bündel in ihren Händen aus und zum Vorschein kam eine Helmkrone aus Drachenknochen und -zähnen. Obwohl sie unbeschädigt zu sein schien, sah man ihr an, dass sie uralt war.
  “Seht die Zackenkrone, die einst die Häupter der Könige des Ersten Reiches der Nordmänner zierte!” Der General war bekannt dafür, dass er von der Geschichte und den Traditionen der Nord nicht viel verstand und sich auch nicht dafür interessierte. Dass Tullius die Krone nicht aus Ignoranz den Sturmmänteln überlassen hatte, war anscheinend nur Legat Rikkes Ratschlägen zu verdanken. “Nun soll sie Großkönigin Elisif tragen, als Symbol ihrer rechtmäßigen Autorität!”
  Erneut ertönte Jubel und Elenwen flüsterte spöttisch: “Welche Autorität?”
  “Man muss eben den Schein wahren”, murmelte Ondolemar zurück.
  Nun trat Rorlund, der in eine einfache braune Robe gewandte Hohepriester der Acht Göttlichen, zu Elisif hin und sie kniete in ihrem prachtvollen Gewand vor ihm nieder. Rorlund war ein Mann mittleren Alters mit einem größtenteils kahlen Schädel, an dessen Seiten lange braune Haarsträhnen wuchsen. Sein Gesicht war ernst und feierlich.
  “Mit dem Segen der Acht Göttlichen”, ergriff der Hohepriester mit seiner ruhigen und zugleich weit tragenden Stimme das Wort, “der Gnade des Kaisers und der Zustimmung der Volksversammlung erkläre ich…”
  “SCHWEIGT, KETZER!!”, donnerte da jemand zornig. Alle erstarrten.
  Aus der Menge traten etwa hundert in weite Umhänge gehüllte Männer und Frauen hervor. Die Mäntel wurden abgeworfen und schimmernde Stahlrüstungen und blanke Schwerter, Äxte und Streitkolben kamen zum Vorschein.
  “FÜR ULFRIC STURMMANTEL!”, brüllte der rothaarige, bärtige Mann, der eben dazwischengerufen hatte. “FÜR TALOS! FÜR HIMMELSRAND!!!”
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