Mittelerde Adventskalender 2018 – „Winterfrieden“

OneshotFamilie / P12
Boromir Denethor II. Finduilas von Dol Amroth
14.12.2018
14.12.2018
1
1853
3
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Es folgt mein Beitrag zum Mittelerde Adventskalender 2018, der von Pethryn organisiert wird.
Vielen Dank fürs Organisieren und an alle Teilnehmer für die wunderbaren Türchen, die wir bereits öffnen durften.
Mein Stichwort ist „Ersehnter Weltfrieden“.

Ich wünsche euch noch eine schöne – und hoffentlich friedliche – Adventszeit. :)




Mittelerde Adventskalender 2018 – „Winterfrieden“
     


„Vater?“
„Hm“, antwortete Denethor geistesabwesend. Er saß am Fenster und hatte – in einem seltenen Moment der Ruhe – den großen weißen Flocken hinter den Scheiben dabei zugesehen, wie sie langsam auf die Mauern und Zinnen von Minas Tirith herabsanken. Die Weiße Stadt in reinstes Weiß gehüllt. Es geschah nicht oft, dass die Häuser und Straßen von Gondors Hauptstadt unter so großen Schneemassen begraben wurden; dazu war es üblicherweise nicht kalt genug.

Finduilas war natürlich entzückt gewesen, als sie am Morgen aus dem Fenster gesehen hatte. Er hatte zugesehen, wie sie sich in ihren wärmsten Umhang wickelte, und sie bis zur nächsten Tür ins Freie begleitet. Eine Weile waren sie schweigend nebeneinander gestanden, während Finduilas in tiefen Zügen die schneidend kalte, frische Luft eingeatmet hatte. Dann hatte sie mit ihren mittlerweile eisigen Fingern nach seiner Hand gegriffen.
„Sieh nur wie wunderschön es ist, Denethor.“ Er war ihrem Blick gefolgt und hatte versucht, zu sehen, was sie sah. Doch alles, was er erkennen konnte, war eine Stadt, in der wegen des vielen Schnees bald Unruhe und Aufregung herrschen würden. Die Treppen und Wege mussten geschaufelt, bestimmte Dächer von der Last des Schnees befreit werden. Und wenn es so viel schneite, dass die Straßen rund um Minas Tirith für längere Zeit nicht mehr passierbar waren, würden sie das Essen rationieren müssen.
„Der Schnee macht alles weicher“, hatte seine Frau schließlich mit warmer Stimme erklärt und ihn aus seinen Gedanken geholt. Ihr Blick hatte sich in der Ferne verloren. „Selbst der Schatten im Osten scheint mir heute weniger…“
Sie hatte ihren Satz nicht zu Ende geführt, aber er konnte sich denken, was sie meinte: bedrohlich, furchteinflößend, schrecklich.

„Vater!“ Er sah auf und blickte zu Boromir hinüber. Der Junge saß am Tisch neben dem Fenster und wenn ihn seine mittlerweile doch nicht mehr so jungen Augen nicht trogen, hatte sein Sohn es bereits vor einiger Zeit aufgegeben, an seinen Sätzen zu schreiben, und stattdessen eine ganze Herde von Rehen und anderen Wildtieren gemalt.
„Ja, mein Sohn?“, fragte er und sah ausnahmsweise großzügig darüber hinweg, dass Boromir spielte, anstatt sich seinen Aufgaben zu widmen. Immerhin herrschte in Minas Tirith ein durch den Schnee und das herannahende Mittwinterfest bedingter Ausnahmezustand. Warum sollte der Truchsess da nicht auch einmal ein Auge zudrücken? Finduilas‘ Stimme in seinen Gedanken – „Siehst du, ich hatte recht. Der Schnee macht alles weicher.“ – ließ ihn schmunzeln.

Boromir schien ob seines Lächelns kurz verunsichert, strahlte ihn dann aber glücklich an. Wann hatte sein Sohn  einen weiteren Schneidezahn verloren? Da war eine Lücke neben dem neuen, etwas größeren Zahn, auf den er so stolz war. „Es regiert Frieden, oder?“
Diese Frage brachte Denethor kurz aus dem Konzept, bevor er verstand und geduldig erklärte: „Es heißt „Frieden herrschen“. Und du hast recht. In Gondor herrscht zurzeit Frieden.“
Sein Sohn zog nachdenklich die Stirn kraus. „Herrscht der Frieden nicht über die ganze Welt?“
Denethor hielt inne, schüttelte dann den Kopf. „Nein, Boromir. Es gibt Völker, die… sich nicht einig sind und sich bekriegen, wie die Rohirrim und die Dunländer vor nicht allzu langer Zeit. Gondor selbst war in viele Kriege verwickelt. Noch zu meinen Lebzeiten-“
Boromir, der wahrscheinlich eine spontane Schulstunde über Gondors Geschichte befürchtete – und das nicht zu Unrecht – warf schnell ein: „Kann man den Menschen nicht einfach sagen, dass sie Frieden schließen sollen?“
Denethor zog in einer Mischung aus Überraschung und Skepsis die Augenbrauen hoch. „Wie kommst du darauf, dass es so einfach ist?“

Ermutigt durch das Interesse seines Vaters legte Boromir die Schreibfeder nun endgültig beiseite. Wo die Spitze das Papier berührte, entstand ein kleiner schwarzer Fleck und Denethor juckte es in den Fingern, die Feder zu nehmen und in die dafür vorgesehene Halterung an dem Tintenfässchen zu stellen, wo sie hingehörte.
Sein Sohn schien weder von dem Tintenfleck noch von Denethors innerem Dilemma Notiz zu nehmen. „Heute habe ich mit meinen Freunden Zwerge und Drachen gespielt“, erzählte er. „Faramir wollte auch mitspielen, aber ich habe ihm gesagt, dass er dazu viel zu langsam ist. Das ist die Wahrheit!“ Er sah zu seinem Vater auf, so als wollte er herausfinden, ob es nötig war, sich weiter zu verteidigen.
Als Denethor schwieg, fuhr er fort: „Dann ist Faramir zu Mutter gelaufen. Er hat gar nichts gesagt, aber er hat sie so angesehen, mit seinem traurigen Blick. Du weißt schon.“ Boromir hielt in seiner Erzählung inne, um ihm einen Blick zuzuwerfen, der Faramirs verblüffend ähnlich war: große, unschuldige Augen, die suchend zu ihm aufsahen. Bloß die Melancholie und der Ernst, die für ein so kleines Kind im Grunde genommen unpassend waren, fehlten.
Auf Denethors leichtes Nicken hin, fuhr Boromir fort: „Mutter hat das Spiel unterbrochen und wir mussten Frieden schließen. Ich habe mich entschuldigt und Faramir durfte auf einen Edelstein aufpassen. Das kann sogar er.“ Sein Sohn sah kurz über die Schulter, als wollte er sich vergewissern, dass Faramir nicht gleich durch die Tür kam, bevor er sich zu ihm beugte und flüsterte: „Es ist gar kein echter Edelstein sondern nur eine Glasmurmel, weißt du?“ Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und schien auf eine Antwort zu warten.

Denethor räusperte sich, während er sich seine nächsten Worte zurechtlegte. „Es war richtig von dir, auf deine Mutter zu hören und dich mit deinem Bruder zu versöhnen“, lobte er und unterdrückte neuerdings ein Schmunzeln, als sein Sohn vor Stolz ein paar Fingerbreit zu wachsen schien. „Aber nicht alle Menschen haben eine Mutter. Wer könnte allen Menschen auf der ganzen Welt sagen, dass sie Frieden schließen sollen?“
Boromir sah ihn an, als wäre die Antwort auf seine Frage selbstverständlich. „Na du. Du bist doch der Truchsess von Gondor.“
Er konnte beinahe spüren, wie seine Stimmung langsam sank. „Das ist nicht so einfach, wie du denkst, Boromir“, sagte er, wobei er versucht war, einen neutralen Tonfall beizubehalten. „Das wirst du noch lernen.“ Lernen müssen.
Bei dem Gedanken, dass seinen Söhnen mit allzu großer Wahrscheinlichkeit keine sehr friedliche Zukunft bevorstand, näherte sich seine Laune dem Gefrierpunkt. Denethor unterdrückte ein Seufzen und wandte sich wieder dem Fenster zu, vor dem es immer noch in dicken Flocken schneite. Boromir schien den Wink nicht zu verstehen.
„Aber ich weiß doch, dass es ganz einfach ist“, sagte er mit einer Überzeugung, die Denethor nur bewundern konnte. „Man gibt sich einfach die Hand und dann streitet man nicht mehr.“ Er unterstrich seine Worte mit einem entschiedenen Nicken und wartete, was sein Vater darauf sagen würde. Vor langer Zeit mochte dieser ähnlich gedacht haben. Ein wenig Entgegenkommen von beiden Seiten, mehr brauchte es nicht. Doch schon in seiner späteren Jugend hatte er die Hoffnung auf Frieden in allen Teilen Mittelerdes aufgegeben. Dazu waren die Unruhen zu groß und der Schatten im Osten zu drückend.

„Aber du kannst niemanden dazu zwingen, dir die Hand zu reichen.“ Denethors Geduld war beinahe erschöpft und sein Tonfall wurde schärfer. „Soll ich, der Truchsess von Gondor, andere Länder und Völker etwa überfallen und ihnen die Wahl zwischen einem Schwert an ihrer Kehle oder dem Frieden lassen?“
Boromir bemerkte anscheinend weder seinen sarkastischen Ton noch die wenig friedvolle Natur seines Vorschlags, denn er war offenbar begeistert. „Ja!“, rief er so laut, dass Denethor befürchtete Faramir und Finduilas, die sich im Nebenraum ein wenig hingelegt hatten, könnten davon aufwachen. Seine Sätzen waren vergessen; Boromir sprang auf und kam zu ihm ans Fenster. „Du überfällst sie mit Frieden und alle müssen sich die Hand geben, wie Faramir und ich. Und weil sich keiner mehr streitet, hast du ganz viel Zeit und wir machen eine Schneeballschlacht, bis es draußen finster wird. Und dann gehen wir zu Mutter und Faramir und trinken warme Milch mit Honig. Und vor dem Zubettgehen…“

Während der amtierende Truchsess von Gondor seinem Sohn zuhörte, wie er all die Dinge aufzählte, die sie nach seinem Friedensüberfall gemeinsam machen würden, konnte er nicht umhin, leise zu seufzen. Auch er würde gerne mehr Zeit mit seinen Söhnen verbringen, obwohl er wahrscheinlich andere Aktivitäten bevorzugen würde als die, die Boromir soeben nannte. Was für eine Wohltat wäre es, das kommende Mittwinterfest in dem Wissen feiern zu können, dass in ganz Mittelerde Frieden herrschte und Gondor keine Gefahr von außen drohte? Er könnte Zeit mit seiner Familie verbringen und einen Abend lang an etwas anderes denken als die Probleme und Sorgen, die ihn Tag und Nacht quälten.
Allerdings war Denethor nicht naiv genug, sich diesem Sehnen länger als ein paar Augenblicke hinzugeben.

In einer seltenen Geste der Zuneigung strich er seinem Sohn über den wirren Haarschopf und brachte ihn damit zum Schweigen. Boromir sah mit roten Wangen und leuchtenden Augen zu ihm auf; manchmal erstaunte es ihn, wie lebhaft er war und wie viel Freude und Übermut er ausstrahlte. Anders, als er selbst als Kind gewesen war. Faramir war ihm in dieser Hinsicht ähnlicher.
Sie wechselten einen bedeutungsschweren Blick zwischen Vater und Sohn, bevor Denethor sich räusperte und sich demonstrativ dem Papier zuwandte, auf das Boromir eine ganze Herde von Tieren gezeichnet hatte.
„Komm, mein Sohn. Mach deine Aufgaben.“ Als er sah, dass Boromir widersprechen wollte, hob er streng seine Hand. „Du machst jetzt deine Aufgaben. Ich habe dir schon mehrmals erklärt, warum das so wichtig ist.“
Nachdem sich sein Sohn mit einem schweren Seufzen wieder gesetzt und seinen Sätzen zugewandt hatte, fügte Denethor hinzu: „Und wenn du fertig bist, können wir sehen, ob deine Mutter und Faramir einen kleinen Spaziergang mit uns machen wollen.“

Boromir wagte es nicht, zu ihm aufzusehen, aber die Feder kratzte etwas schneller über das Papier. Zufrieden nahm der Truchsess ein paar Briefe auf, die gelesen und beantwortet werden wollten, bevor er sich wieder dem Fenster zuwandte.
Der Schnee fiel immer noch unverändert stark vom Himmel und würde wohl auch in den nächsten Stunden nicht aufhören, die Welt ein bisschen schöner und vielleicht auch die Herzen der Menschen Gondors ein bisschen weicher zu machen.



Mein Dank geht an Thainwyn, die sich den „Friedensüberfall“ gewünscht und mir mit dem Titel geholfen hat. ^^
Review schreiben