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Anemoia

von Wheezy
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Lavender Brown Pansy Parkinson
13.12.2018
19.12.2019
9
13.570
4
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
20.01.2019 1.239
 
A/N: Hallo zusammen! Herzliches Dankeschön an Rosethouartsick für die tolle Rückmeldung :D
Dieses Kapitel ist ein Beitrag für die Challenge OTP – 100 Szenen der einzig wahren Pairings (Link: https://forum.fanfiktion.de/t/60664/1) zu meinem absoluten Lieblingspairing (neben den unangefochtenen femslash Pairs^^) Remus/Sirius ^.^
Die Zahl ist 21 und das dazugehörige Stichwort lautet Mondlicht.


Ich wünsche viel Spaß beim Lesen!




 



Don’t tell me the moon is shining;
show me the glint of light on
broken glass.
(anton chekhov)


Remus saß aufrecht im Bett und betrachtete den Streifen Mondlicht, der durch das geöffnete Fenster fiel. Die salzige Meeresluft erfüllte den gesamten Raum, und er brauchte sich dank des nahenden Vollmonds auch nicht sonderlich anstrengen, um das Grollen der Wellen zu hören. Wenn er die Augen schloss, konnte er sich sogar einbilden, das kalte Mondlicht auf seinem nackten Oberkörper zu spüren. Anders als das Sonnenlicht enthüllte es die hässlichen Geheimnisse des Lebens.

Wenn er den Arm hob und ihn ins Licht hielt, fügte seine Vorstellungskraft wie von selbst das hervorsprießendes Fell dazu, er sah die Krallen, zu denen sich seine Fingernägel formten und spürte das vertraute Ziehen seiner Muskeln, wie sie sich bei seiner Verwandlung schmerzhaft dehnten.

Das Bett bewegte sich und Remus‘ Blick wanderte von seinem Arm zu dem Körper, der neben ihm auf dem Bauch lag. Sirius‘ Gesicht lag im Schatten, seine Haare waren wild über das Kissen verteilt und eine Hand krallte sich lose in das Bettlaken neben Remus‘ Beinen. Er schien zu träumen, Remus konnte seine Augenlider sacht flattern sehen.

Remus schluckte, holte tief Luft und wandte den Blick wieder zum offenen Fenster. Das silberne Licht tränkte beinahe das gesamte Zimmer, keine einzige Wolke zog am Himmel vorbei, um ihn zu verdecken. Dabei hätte Remus sich ausnahmsweise einen kräftigen Sturm gewünscht. Einen Sturm, so heftig, dass er ihn unter sich begraben und den Mond vom Himmel reißen würde.

»Du grübelst schon wieder.«

Remus zuckte zusammen. Sirius war wach und blinzelte zu ihm auf. Er hatte seine Position verändert, sich leicht aufgestützt, so dass das Mondlicht seine grauen Augen silbern schimmern ließ. In ihnen lag dieser zärtliche Ausdruck, der nur für Remus reserviert war, und seine Stimme war noch rau vom Schlaf.

»Entschuldige, wenn ich dich wach gemacht habe«, murmelte Remus, statt auf die Aussage zu reagieren. Er hätte nicht gewusst, wie.

Sirius griff nach der Hand, die auf Remus‘ Schoß lag, und zeichnete seine Adern nach, die Schatten wie dunkle Narben auf seine Haut warfen. Remus‘ bernsteinfarbene Augen verfolgten die Bewegungen der schlanken Finger, vor denen er sich anfangs so sehr gefürchtet hatte. Angst gehabt hatte, sie würden die Narben spüren, die Unebenheiten seines Körpers und entscheiden, er wäre nicht schön genug. Und gefürchtet hatte er sich vor diesen grauen, durchdringenden Augen, die absolut alles sahen, wenn sie nur wollten. Er hatte regelrecht Panik gehabt, sie würden bis auf seine zerrissene Seele sehen, gespalten in einen Jungen und ein Monster, und sie für unwürdig erachten.

»Hör auf damit.« Sirius‘ Stimme klang bestimmt, als er das sagte. Nur widerwillig hob Remus den Blick zu dem anderen, der ihn anklagend anblickte. »Du hast versprochen, dir nicht so viele Gedanken zu machen.«

»Ich weiß«, erwiderte Remus betroffen, »aber ich kann nicht schlafen. Es ist fast Vollmond. Meine Gedanken hören einfach nicht auf, zu kreisen.« Es war, als hätte er einen wütenden Schwarm Bienen im Kopf, die ihn einfach nicht in Ruhe lassen wollten. Normalerweise verschwanden sie, sobald er mit Sirius die Schwelle der kleinen Hütte übertrat, die sie als ihr ganz eigenes Refugium auserkoren hatten. Sie hatte nur einen großen Raum, der eigentlich immer kalt war, und der nur, wie jetzt, im Sommer angenehm warm wurde, aber das Beste daran: sie war abgeschieden von der Welt. Hier, umgeben von frischer Salzluft und den Geräuschen des Meeres, waren Sirius und er sicher. Es gab keine Todesser hier, keinen Krieg und keine angewiderten Blicke, wenn sie sich küssten.

Sirius wusste genau, was die Hütte für Remus war. Er setzte sich auf, schloss ihn in seine Arme und stützte sein Kinn auf die knochige Schulter des jungen Zauberers.
»Ich weiß, dass es viel ist«, flüsterte er und senkte seine Lippen an Remus‘ Hals, so dass er seinen Puls spüren konnte. »Aber hier sind wir sicher. Das weißt du. Außerdem würde ich nie zulassen, dass dir etwas passiert.«

Remus neigte den Kopf zu Sirius und schloss gequält die Augen. »Das ist es nicht. Ich kann einfach nicht …« Er suchte nach Worten, die seinen Schmerz ausdrücken konnten. »Es ist dieser verdammte Mond. Je voller er wird, desto stärker tut mir alles weh. Ich hab Angst, dass …«
Dieses Mal musste er nicht weitersprechen. Sirius verstand ihn auch so, sie hatten schon unzählige Male über dieses Thema gesprochen.

»Vom ersten Lichtstrahl des Vollmonds bis zum letzten bin ich bei dir.«

Remus öffnete die Augen, sah Sirius an, der einen beinahe genauso gequälten Ausdruck in seinen Augen hatte wie Remus selbst. Er verstärkte seinen Griff um Remus und stieß einen ärgerlichen Laut aus. »Ich wünschte, ich könnte irgendwas gegen deine Schmerzen tun.«

»Du tust genug, indem du bei mir bleibst«, entgegnete Remus und drückte seine Lippen dankbar gegen Sirius‘. Sein Seelenheil war längst verloren, aber Sirius schaffte es, ihm zumindest das Gefühl zu geben, er wäre kein Mosaikkunstwerk, dessen einzelne Splitter von einzelnen Klebefäden gerade so zusammengehalten wurde.

Diese Nächte waren erträglich. Diese Nächte, in denen der Mond ihn stumm beobachtete und Sirius ihn vor der gewaltigen Macht des kalten Lichts abschirmte und auffing, wenn er taumelte.

Die schlimmsten Nächte waren diese, in denen Remus sich in den dunklen Ecken eines kleinen Zimmers verkroch, weil seine Haut vom Licht des Mondes schmerzte. Rote Striemen zogen sich dann über seine Haut, weil sie juckte und brannte und stach und er nichts machen konnte, außer sie wie ihm Wahn zu kratzen. Tränen glänzten auf seinen Wangen, der Schmerz zwang seine Kiefer auseinander, um sich in einem Brüllen zu entladen.

Sirius saß hilflos auf der anderen Seite des Raumes auf dem Boden, vollständig in das Licht des Vollmonds getaucht, das unausweichlich auch auf Remus zu kroch. Als ein Krampf durch Remus‘ Körper lief, ballte Sirius die Fäuste. Verzweiflung stand ihm quer über das scharf gezeichnete Gesicht geschrieben. Er konnte nichts tun, außer Remus bei seinen Qualen zu beobachten und ihm anschließend als Tatze beizustehen, bis ihn erneute Schmerzen zurück in seinen menschlichen Körper zwangen.
»Gleich wird es besser«, beschwor Sirius den sich vor Schmerzen windenden Jungen, »Gleich wird es besser, versprochen«, immer wieder, wie ein Mantra. Remus heulte auf, es klang schon nicht mehr menschlich. Sirius biss die Zähne so fest aufeinander, dass sie ungesund knirschten.

»Mach, dass es aufhört«, gurgelte Remus, »bitte! Es soll aufhören.« Er war kaum noch zu verstehen durch den Kiefer, der sich krachend verschob. Sirius schlug beide Fäuste gegen die Wand hinter sich, Tränen strömten über sein Gesicht, als er Remus immer wieder sagte: »Es wird alles gut, es wird alles gut.«

Als der Tag anbrach, hielt Sirius den bewusstlosen, zitternden Remus in den Armen und weinte, weil er sich hilflos fühlte, und weil es so beschissen war, nichts tun zu können außer zuzusehen. Er war verdammt zum Nichtstun und das machte ihn rasend. Wenn er könnte, hätte er mit Remus getauscht. Aber er konnte nicht.

Und das waren die schlimmsten Nächte. Die Nächte, in denen Sirius nichts gegen die Gewalt des Vollmonds unternehmen konnte und sein Herz jedes Mal einen weiteren Sprung bekam, wenn Remus schrie.
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