Hastur

von Dracu98
KurzgeschichteFantasy, Übernatürlich / P16
OC (Own Character)
13.12.2018
13.12.2018
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Hastur




Die feuchte Kälte der Zelle fraß sich unbarmherzig in die Knochen ihres einzigen Insassen. Der einsame Insasse starrte stumm an den Gittern vorbei hinaus in die Stadt – der einzige Kontakt zur Außenwelt, der ihm noch blieb. Schweigend beobachtete der Halbelf das wenige vom Stadtgeschehen, was sich vor der vergitterten Öffnung abspielte. Die einkehrende Nacht hüllte die Stadt langsam in einen Mantel der friedlichen Dunkelheit, welche der Halbelf in seinen freien Momenten so sehr geschätzt hatte. Eine kleine Truppe von uniformierten Männern arbeitete nun schon mehrere Stunden an einer eindeutigen Holzkonstruktion. Ein kleines, rasch gebautes Podest, gut von der Zelle aus sichtbar. Darauf angebracht, bedrohlich über der Zelle thronend, ein massiver Holzblock mit einer halbkreisförmigen Vertiefung auf der Oberseite. Obwohl es zunehmend dunkler wurde, waren noch keine Fackeln erleuchtet worden. Umso einschüchternder wirkte die Silhouette des Holzblocks, auf welchem der Gefangene wohl schon bald sein Leben aushauchen würde.



„Hastur“ hörte der Halbelf seinen Namen hinter sich.

Er wandte sich zum ersten Mal seit Stunden von dem Gitterschacht ab und blickte in das Gesicht des Mannes, welcher ihm diese ganze Misere eingebrockt hatte. Ein kräftiger, hochgewachsener Glatzkopf hatte sich vor seiner Zellentür aufgebaut. Er war in eine schwere, prachtvoll ausgestattete Rüstung gekleidet. Die zahlreichen Orden und Anhänger auf derselbigen wiesen ihn als ein hochdekoriertes Mitglied der örtlichen Kirche aus.



„Ihr habt meinen Namen.“ Stellte Hastur in neutralem Tonfall fest. Ein süffisantes Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. „Dann bedeutet das wohl, dass meine lieben Kameraden gesungen haben?“



„Wie Chorknaben“ erwiderte der Glatzkopf. „Nicht, dass sie viel zu erzählen gehabt hätten.“



„Nun,“ kicherte Hastur, „wir kannten uns schließlich auch nicht lange. Sie wussten wohl genauso wenig wie ihr, wen oder was sie vor sich hatten.“



„Einen Wahnsinnigen Okkultisten? Denn das ist die einzige Erklärung, die ich für…das hier habe“ rief er mit zunehmender Erregung und machte eine ausschweifende Handbewegung in Richtung der Zelle.



Hastur drehte unbekümmert den Kopf zu den Wänden hin.



„Gefällt es euch nicht? Dabei habe ich so viel Herzblut hineinfließen lassen.“ Er kicherte leise, während er seinen Blick über die Zellwände schweifen ließ.



Diese waren mit dunkelroten, verkrusteten Zeichnungen verschmiert. Runen und Symbole jenseits der Alphabete zivilisierter Kulturen zierten das feste Mauerwerk, gepaart mit den niedersten Lästerungen und Schmähungen gegen die „Neuen Götter“. Kaum ein Zentimeter der Wände war nicht mit der dunkelroten Flüssigkeit bedeckt, welche Preisungen auf die großen Alten aussprach und ihre nihilistischen Lehren zelebrierte. Hasturs‘ aufgesprungene Fingerspitzen sonderten noch immer dumpfe Wellen des Schmerzes ab, doch betrachtete er diesen nur als einen Beweis seiner Loyalität. Er wusste, dass sich die Götter nicht um einen niederen Sterblichen wie ihn scherten – doch erregte ihn dieser Gedanke nur umso mehr und feuerte ihn an, seinen Körper zu weiterer Selbstzerstörung zu treiben.



„Sind dies die ketzerischen Grundsätze, welche dieser furchtbare Wälzer in euren Verstand gebrannt hat? Ich bedaure euch, Hastur – Ich wünschte, ich könnte euch den Weg zeigen. Ich wünschte, meine Gebete könnten zu euch durchdringen.“



Die Erinnerung an den Verlust seines geliebten Necronomicon stach wie ein Pfeil in Hasturs‘ Brust, doch er weigerte sich, dem Kleriker zu zeigen, wie tief er saß.



„Dies sind meine eigenen Gebete.“ Erwiderte er stattdessen, seine kokette Maskerade wahrend. „Dies sind meine Aufrufe an die einzig wahren Götter. In ihrem fauligen Licht brauche ich keine Unterstützung, keinen geistigen Beistand von einem Mann von derart beschränktem Auffassungsvermögen, wie ihr es seid.“ Seine Miene verfinsterte sich, während er sich zunehmend in seinem Monolog verrannte. „Ich brauche keine selbstgerechte Götzenfigur, um mich mächtig zu fühlen in dieser Welt. Ich greife nicht auf die Kraft eines selbsternannten, oberflächlichen ‚Gottes‘ zurück.“ Er drehte sich auf dem Absatz um und deutete mit ausgestreckter Hand auf den Priester. „Ihr versteckt euch hinter eurem Glauben, ihr haltet euch für erhaben, ihr glaubt, ihr wüsstet, was recht und was falsch ist. Doch ihr seid nicht weniger als ein ängstliches Kind, dass sich weigert, die Wahrheit zu sehen.“ Sein Gesicht bekam den Ausdruck manischer Euphorie, seine Augen glühten in fanatischem Eifer. „Denn die Wahrheit ist, dass eure ‚Götter‘ eine Lüge sind. Sie sind nichts weiter als vorübergehende Emporkömmlinge. Sie werden gehen, sowie Menschen und ihre Zivilisationen gehen. Langsam werden sie zerfallen, ausgelöscht aus dem Gedächtnis der Welt, wenn ihre Anhänger nach und nach der Zeit anheimfallen. Die Zukunft wird sie austauschen gegen andere Götzen, andere Lügen, die wiederrum den Menschen vor seiner eigenen Unwissenheit schützen sollen.“ Seine Stimme überschlug sich, wuchs zu einem ketzerischen Gesang heran. „Doch Ich, Ich habe über die lachhaften Grenzen von Moral, Tugend und Ethik geblickt! Ich habe die modernen Götter als das entlarvt, was sie wirklich sind, und vor der entsetzlichen Fratze der Wahrheit schrecke ich nicht zurück! Die großen Alten sind die einzigen Wesen im gesamten Kosmos, welche den Titel eines Gottes wahrhaft für sich beanspruchen dürfen! Sie waren schon antik, als das Universum noch jung war. Als unser Planet aus der Schwärze des Alls erwuchs, hatten sie bereits Sonnen kollabieren sehen und Sterne dominiert. Das, was ihr einen ‚Gott‘ schimpft, ist so insignifikant an Macht und Einfluss gegenüber den Alten, dass sie ihre Existenz nicht einmal anmerken müssen. Sie müssen sie nicht bekämpfen, sich nicht mit ihnen verbünden, sie müssen sie nicht einmal beachten…denn sie haben die Zeit auf ihrer Seite! Sie waren Zeugen, wie Millionen und Abermillionen falsche Götter zu erdlichem Ruhm fanden, um doch wieder im Vergessen zu verschwinden. Welche Götter sollte ich anbeten, anstatt dieser? Welche sonst als jene, welche sich, genau wie ich, im Klaren sind über die Sinnlosigkeit, die Unbedeutsamkeit dieser gesamten Scharade?“ Er schrie den Priester mittlerweile an und versuchte in einem Moment der Ekstase, durch die Gitter nach ihm zu greifen. Seine aufgerissenen Fingerspitzen kamen nur eine Haarbreite vor seinem Gesicht zu stehen. „Teilt die Wahrheit mit mir! Der Tod ist für einen eingeschränkten Narren wie euch das nächstbeste Mittel, die Wahrheit zu fin-“ seine Worte gingen in einem Schmerzensschrei unter, als der Kleriker seinen Arm verdrehte und ihn mit unerwarteter Wucht zurück in die Mitte der Zelle schleuderte.



Hastur brauchte eine Sekunde, um seine Gedanken wieder zu ordnen, während er seinen schmerzenden Arm hielt. Er hatte von der süßen Ekstase der Wahrheit gekostet. Er wusste, dass er den Mann niemals von seinem Glauben abbringen könnte – dafür fürchtete er die Wahrheit zu sehr. Doch es bereitete ihm ein kindisches Vergnügen, sein wutverzerrtes, rotes Gesicht zu betrachten.



„Seht euch nur an.“ Brachte er leise zwischen einzelnen, abhackten Lachern hervor.



„Ihr behauptet von euch, redlich zu sein – ein guter Mensch. Doch ihr genießt die Gewalt genau so sehr wie ich. Ihr liebt es, mir überlegen zu sein, über mir zu stehen. Ihr genießt die Macht, genau wie jedes andere Wesen dort draußen. Ihr versteckt euer wahres Gesicht hinter dieser Maske, die ihr ‚Religion‘ nennt. Und dies ist der einzige Unterschied zwischen uns beiden…ich verstecke mich nicht. Ich sehe das Gesamtbild nicht nur, ich zelebriere es in all seiner Willkür und Grausamkeit. Etwas, wozu ihr zu geistesschwach seid.“



Leise kichernd ließ er sich in das verschmutzte Heu seiner Zelle sinken und richtete den Blick wieder der Nacht entgegen.



„Ich – Ich hatte gehofft, euch helfen zu können.“ Presste der Kleriker zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. „Ich dachte, da wäre noch etwas von einem guten Wesen in euch drin. Etwas, was zu retten sich lohnte. Etwas, dass…zumindest einen Ansatz von Reue in sich trägt! Wäre dies der Fall gewesen, hätte ich euch guten Gewissens dem Herrn übergeben können, auf das er euch beurteile. Doch nun…nun sehe ich, dass ihr verdorben bis zum Kern seid. Ihr seid ein Ketzer, und wie ein solcher werde ich euch behandeln!“



„Tut mit meinem Körper, was ihr wollt.“ Erwiderte Hastur gelassen. „Schneidet ihn, ritzt mir ein hübsches Muster ein, oder drückt mir ein liebliches Brandzeichen in den Bauch. Tobt euch aus! Doch meine Gedanken werden euch niemals gehören. Meinen Geist könnt ihr nicht zähmen. Er ist mein, und mein allein…etwas, was ihr nicht von euch behaupten könnt.“



„Wie schön, dass ein grausames Biest wie ihr mit sich im Reinen ist! Denn morgen um diese Zeit wird der Henker eure lästerlichen Gedanken von euren Schultern trennen!“



Die Stadtglocke schlug zur siebten Abendstunde, und die ersten Fackeln wurden auf den Straßen angezündet. Ein siegesgewisses Grinsen kräuselte Hasturs‘ Lippen.



„Hervorragend.“, flüsterte er zu sich selbst, bevor er die nasskalte Zelle für die Nacht hinter sich ließ und Zuflucht suchte in den dunkelsten Abgründen und verdorbensten Winkeln seines Verstandes.



*




Am nächsten Tage wurde Hastur in Fesseln gelegt, um seinen Richtern öffentlich vorgeführt zu werden. Seine knochendünnen Arme waren zu dünn für die schweren Eisenketten, und so wurde beschlossen, dass er durch schlichte Fesseln gebändigt werden sollte. Auf diese Weise, mit den Händen auf dem Rücken gebunden, wurde er pünktlich zur siebten Abendstunde aus seiner Zelle hinaus auf den öffentlichen Marktplatz geführt. Das Podest wirkte nun, da er nicht von unterhalb zu ihm herauf blicken musste, bedeutend weniger einschüchternd. Betrübt stellte Hastur fest, dass es seine Aura von Endgültigkeit und Tod verloren hatte. Selbst der Hinrichtungsblock wirkte nun wie ein simples, grobschlächtiges Stück Holz.



Auf dem Podest befanden sich der Bürgermeister, welcher heute als Richter fungieren sollte, sowie der Kommandant der Stadtwache und der Kleriker, welcher ihn vor wenigen Tagen überführt hatte. Vor dem Podest hatte sich eine kleine Menge von Stadtleuten versammelt – von besorgten, passionierten Bürgern bis hin zu neugierigem Laufpublikum. Er herrschte noch immer reger Betrieb in der Stadt, und dennoch gab es nicht den Tumult, mit dem jemand gerechnet hätte, als Hastur der Meute vorgeführt wurde. Es überraschte ihn nicht, dass sie lediglich in skeptisches Raunen und Geflüster verfielen – seine Verbrechen erschienen ihnen marginal, und sie wussten zu wenig über ihn, um ihn vollen Herzens hassen zu können. Sie mochten sich selbst weisgemacht haben, dass sie tatsächliches Interesse an dem Fall des okkulten Halbelfen hatten – Doch dieser wusste es besser. Sie waren schlichtweg aus purer Langeweile aufgetaucht. Die Tristesse ihres Alltags hielt sie in festem Griff, und das Spektakel einer Hinrichtung bot eine Willkommene Abwechslung zu derselbigen. Hastur konnte es ihnen nicht übelnehmen. Er kannte die Pein, die quälende Langeweile mit sich brachte, nur zu gut. Und genau wie diese scheinbar gewöhnlichen Menschen hatte er einen Ausweg in Hedonismus und ausschweifender Grausamkeit gesucht.



Die Glocke schlug sieben, und zu Hasturs‘ zunehmender Erregung wurden die ersten Fackeln rundum den Marktplatz gezündet.



Da es keine Aufschreie zu verstummen gab, begann der Bürgermeister sofort mit dem Verfahren. Er war ein älterer, drahtiger Mann, welcher seine besten Jahre zwar hinter sich zu haben schien, aber dennoch eine Aura von Autorität und Kontrolle verströmte.



„Halbelf Hastur ohne Familie, ihr steht heute als Angeklagter im Lichte der Götter vor uns. Ihr habt gegen die Gesetze unserer Stadt gebrochen, als ihr Magie innerhalb ihrer Grenzen angewendet habt – Einen Illusionszauber. Dies allein hätte nur für eine Verwarnung gereicht, doch fanden wir bei eurer Leibesdurchsuchung jenes schändliche Machwerk, dessen Besitzes ihr euch schuldig gemacht habt!“



Zu Hasturs‘ Abscheu hielt er das Necronomicon hoch, seine heilige Schrift, seine in Haut gebundene Lebensphilosophie, das Buch, dass er mehr liebte als jeden Menschen, wo es ihn doch in all seinen Ansichten bestätigte, Ansichten, für welche man ihn einen wahnsinnigen, einen erkrankten Geist, genannt hatte. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer hasserfüllten Grimasse. Der Bürgermeister, dieser lächerliche Witz von einem Mann, hatte nicht das Recht, dieses Buch zu halten. Es war Hastur vorbehalten, der es einem Leichnam entnommen hatte, Hastur, dem einzigen, der seine Lehren nicht nur verstand, sondern sie freudig in sich aufnahm, sie zelebrierte in all ihrer lästerlichen, okkulten Schönheit. Er wollte dieses Buch haben, er musste es haben, die Liebkosung seiner verdrehten Ethik erneut empfangen, ihm all seine Geheimnisse entlocken wie einem geliebten Partner, er musste es wieder in den Händen halten, denn niemand sonst würde es verstehen, es begreifen. Jeder andere würde seine nihilistischen Litaneien verschreien, dass Buch verbrennen, oder es bestenfalls in einem uralten Archiv zum verstauben zurücklassen. Das durfte nicht passieren. Hastur musste es zurückgewinnen, um jeden Preis.



„In diesem Buch fanden wir ketzerische Lobpreisungen auf falsche, schwarze Götter von fürchterlichem Ausmaß. Wir fanden dunkle Rituale der übelsten Art beschrieben und Zauber unaussprechlicher Grausamkeit, wie sie sich nur ein Dämon in seinen düstersten Träumen ausdenken konnte. Unsere Befürchtung, dass ihr, Hastur, von seinen Lehren infiziert wäret, bestätigten sich rasch – mit Zähnen und Klauen versuchtet ihr, der Gefangenschaft zu entgehen und dieses teuflische Machwerk wieder an euch zu bringen. Nun wart ihr eine Woche in den Zellen, frei von den Bezauberungen schwarzer Magie, und dennoch scheint sich euer Zustand kein bisschen gebessert zu haben. Es dauert mich, dies zu sagen, doch die einzige Möglichkeit, eine solche Infektion zu bekämpfen, ist, indem wir sie direkt aus unserer Gesellschaft herausschneiden. Das Urteil für eure Verbrechen – Die Ausübung schwarzer Magie und der Anbetung falscher Götter – ist der Tod. Habt ihr etwas zu eurer Verteidigung zu sagen?“



Hastur hatte dem Mann nur mit einem Ohr zugehört. In Wahrheit konzentrierte er sich darauf, seinen Geist nach den Flammen um sich herum auszustrecken. Seine Finger waren breit gespreizt, während sich sein Verstand wie dutzende kleine Tentakel ausbreitete, um die Fackeln um sich herum zu ertasten. Er brauchte nur etwas mehr Zeit, um seine Magie zu sammeln – und er hatte gemerkt, dass es nun seine Zeit zu sprechen war.



„Ihr sprecht, als wäre dieses Buch für alles verantwortlich, was mich ausmacht – Nur ein Mann mit schwachen, wankelmütigen Überzeugungen könnte so denken. Glaubtet ihr, ich wäre ein einsames, verängstigtes Kind, korrumpiert von einer schwarzen Macht, der ich mich einfach nicht erwehren kann?“ Er verzog das Gesicht spöttisch zu einer Schnute. „Ihr seid lächerlich, wenn ihr das wirklich glaubt. Ein Buch könnte mich niemals so verdrehen, wie es eure heiligen Schriften mit euch getan haben. Was ihr hier vor euch seht, ist mein wahres Ich – So, wie es immer war und immer sein wird. Ich bin nicht wie ihr, ich ertränke mein wahres Wesen nicht unter unzähligen Passagen über Tugend und Anstand – Passagen, mit welchen ihr ohnehin nur euren eigenen Blutdurst maskiert. Nein, ich war schon immer so, wie ihr mich jetzt seht. Mein geliebtes Necronomicon hat mich lediglich in meinen Überzeugungen gefestigt, hat mit bewiesen, dass ich nicht der einzige meiner Art bin – Der einzige, der es wagt, frei von den Ketten der Moral zu denken. Mein einziges Verbrechen ist, über euch zu stehen – besser zu sein als ihr, die ihr euch wie Kinder vor der Fratze eurer wahren Natur unter dem Rock einer falschen Religion versteckt. Ich stehe über euch, und deshalb fürchtet und verachtet ihr mich. Nicht, weil ihr mich vernichtet sehen wollt, sondern weil ihr meinem Beispiel folgen wollt. Weil ihr wisst, dass ich die Wahrheit spreche.“



Eine kurze Stille hielt den Marktplatz gefangen. Dann brach die Menge aus ihrem Bann, und eine Flut an Schmährufen und Beleidigungen schlug über Hastur herein. Er begann, arrogant zu lachen. Er hatte ihnen die Wahrheit ins Gesicht geschleudert, und nun endlich wollten sie ihn tot sehen.



„Ich bedaure es.“ Sprach der Bürgermeister, nachdem er die Menge zum Schweigen gebracht hatte. „Ich bedaure es aufrichtig, dass ihr mich zu dem folgenden zwingt. Doch ich sehe nun, dass euer Geist nicht mehr gerettet werden kann. Ihr seid verdorben bis zum Kern – Und somit eine Gefahr für unsere friedliche Gesellschaft. Henker! Tut eure Pflicht.“



„Ihr bedauert es nicht!“ rief Hastur, während der vermummte Mann auf ihn zuschritt. „Ihr bedauert es nicht, ihr genießt es! Ihr genießt den Tumult, die aufkochenden Emotionen! Ihr zelebriert den Tod selbst!“



Der Henker stieß ihm mit dem Stiel seines massiven Beils in die Knie und brachte ihn zu Fall.



„Doch schämt euch nicht, mein Lieber!“



Der Henker drückte Hasturs‘ Kopf nach unten, in die Öffnung des Blocks hinein. Er hob das Beil, um seinem Befehl nachzukommen. Er beachtete die gespreizten Finger des Halbelfen nicht, welche sich urplötzlich zur Faust ballten.



„Denn wir zelebrieren gemeinsam!“



Mit einem Mal schossen die Flammen aus dutzenden von Fackeln auf das hölzerne Podest zu und verschlangen Hastur und seinen vermeintlichen Henker. Für einige lange Sekunden spürte er die schmerzende Liebkosung der Flammen auf seiner Haut, bevor er seine Magie in einem letzten Kraftakt manifestierte.



Nachdem die Flammen erloschen waren, fielen die Blicke des Richters nacheinander auf zwei Dinge. Das erste war die verkohlte Leiche des Halbelfen, welcher sich wohl, im letzten Moment seinem Überlebensinstinkt erliegend, vom Hinrichtungsblock wegbewegt hatte. Ein verzweifelter Versuch, den unersättlichen Flammen zu entkommen. Das zweite war der immer noch brennende Henker, welcher in Agonie um sich schlug und ungelenk vom Podest stolperte und durch die Menge rannte, panisch auf der Suche nach Wasser.



„Holt ihn!“ Schrie der Bürgermeister. „Löscht den armen Mann, bei den Göttern, helft ihm!“ Der Geruch verbrannten Fleisches stieg ihm in die Nase, und erst nach einigen furchtbar langen Momenten erwachten die Soldaten aus ihrem Stupor und setzten dem Henker nach.



„Bei den Göttern, was für ein Monster hielten wir in unserer Mitte…?“ flüsterte der Bürgermeister zu sich selbst, sein Gesicht eine Visage des blanken Entsetzens und der Ungläubigkeit.



„Ein passendes Ende für diesen kranken Bastard.“, meldete sich der Kleriker nun zu Wort. „Es war nicht sein Schicksal, dass ihm Sorgen bereitete. Es machte ihn schlichtweg krank, es nicht selbst bestimmen zu können. Dieses widerliche Schwein…“ er spuckte auf den Leichnam und presste die Worte zwischen den Zähnen hervor. „Ich habe mit einem Selbstmord gerechnet, aber verdammt, ich hatte gehofft, er beißt sich auf die Zunge oder etwas dergleichen. Verdammter, armer Ketzer…“



*




Während Hastur durch die betriebsamen Straßen der Stadt eilte, löste er den Tarnzauber auf, welcher ihm die Gestalt des Henkers verliehen hatte. Viele Leute starrten ihn an oder sprangen ihm aus dem Weg, doch alle waren sie zu entsetzt, um ihm nachzusetzen. Er warf sich in eine schlammige Pfütze, um die Flammen zu löschen, und sprang mit der Geschwindigkeit eines Besessenen in die nächste Gasse. Er ignorierte den Schmerz nicht, der ihm die Freiheit geschenkt hatte – er genoss ihn, nahm ihn mit aller Gewissheit war und ließ nicht zu, dass der Schockzustand oder ein Adrenalinkick ihn unterdrückte. Wie wunderschön sein zerstörter Körper doch war. Er rannte weiter, stürmte von einer Gasse in die nächste, ohne ein Muster, dass man verfolgen könnte, bis er schließlich in einer dunklen, heruntergekommenen Ecke zum Stehen kam. Er fürchtete weder die Wachen noch die Zivilisten – Erstere suchten nach einem bulligen Henker, letztere hatten sein Gesicht nicht klar erkennen können. Doch seine Kleidung war ein Problem. Es war die eines niederen Häftlings oder Bettlers, und er konnte keinerlei Waffen mehr sein Eigen nennen. Kaum hatte er diesen Gedanken geäußert, drang ein grobes Schnarchen an sein Ohr. Nur wenige Fuß von ihm entfernt schlief ein unglücklicher Gossenmensch scheinbar seinen Rausch aus. Hasturs‘ Gesicht wurde von einem grausamen, vorfreudigen Grinsen entstellt. Das war schonmal ein Anfang. Nach seinen jüngsten Entbehrungen könnte er ein wenig Kontrolle, ein wenig Spaß gebrauchen.



*




Am nächsten Morgen saß der Kleriker auf seinem bulligen Pferd auf und blickte dem Sonnenaufgang entgegen. Es dauerte ihn, dass sie den Henker nicht mehr gefunden hatten, doch er würde ruhiger schlafen in dem Wissen, dass der ketzerische Halbelf sein Ende in den Flammen gefunden hatte. Er warf noch einmal einen Blick auf das in Haut gebundene, häretische Werk, dass er ihm abgenommen hatte. Er schauderte bei seinem Anblick. War dieses Buch von einem schwarzen Zauber besessen, und würde er sich in den folgenden Nächten von seinen falschen Geboten bedrängt und bezaubert finden? Oder war dieser Halbelf wirklich schon immer so niederträchtig und verdorben gewesen? …Nein. Nein, letzteres konnte nicht der Fall sein. Die Götter würden es niemals zulassen, dass ein solches Wesen entstehen könnte. Dieses scheußliche Werk, dieses ‚Necronomicon‘, es war ein Werk des tiefsten Bösen, dass zweifelsohne den geringen Verstand des armen Halbelfen schnellsten überwältigt und für sich beansprucht hat. Es konnte nicht anders sein. Doch er war anders, dachte er, während er das Buch zurück in seine Tasche steckte und das Kreuz um seinen Hals küsste. Er würde widerstehen. Er wurde kämpfen, und durch die Kraft des Herrn würde er gewinnen. Denn er war anders. Besser. Er gab seinem Pferd das Kommando und begann seinen Weg zu den Meistern seines Ordens. Sie würden wissen, wie mit dieser ketzerischen Schrift umzugehen sei. Sie würden es untersuchen und ihr Urteil fällen, und wie immer würde es richtig sein. Er bemerkte nicht, dass sich eine in Bettellumpen vermummte Gestalt in sicherer Entfernung an seine Fersen heftete, in ihren Augen ein fanatisches Glimmen.







Und da wären wir! Ich hoffe, die Story hat euch gefallen und ihr habt dem Geschehen folgen können - basiert nämlich eigentlich auf einer Kampagne von mir und meinen DnD-Kumpels. Sollten Fragen offen sein, haut raus! Ich kümmere mich gerne darum. Kritik ist jederzeit erwünscht, sagt mir was ihr denkt, und damit bis denne ^^
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