739.652 Schritte bis nach oben

OneshotAbenteuer / P12
13.12.2018
13.12.2018
1
915
6
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Du setzt deinen Fuß ein Stück tiefer. Ja, jetzt geht es.
Du drückst dich nach oben, der Stein drückt durch deinen Handschuh in deine Haut, aber das macht nichts, denn du bist deinem Ziel, dem Gipfel, ein weiteres Stück näher gekommen.

Dein Atem geht stoßweise, den geringen Sauerstoffgehalt bekommst du jetzt deutlich zu spüren. Du machst eine kurze Pause, siehst dich über deine Schulter nach dem Tal um, aber da sind nur Wolken, die dir den Blick ins tiefe Darunter versperren. Und weil du das Tal nicht sehen kannst, verschiebst du deine Erschöpfung nach hinten und hangelst dich nach dem nächsten Felsvorsprung.

Du liebst das Klettern, es entspannt dich. Andere Menschen finden nicht, dass die Gefahr, über dreitausend Meter tief zu fallen, entspannend ist, aber für dich scheint diese Möglichkeit entspannend.
Denn solltest du wirklich fallen, wird der Berg dich auffangen.

Wegen diesem irgendwie philosophischen Gedanken musst du lächeln. Solche tiefgründigen Gedanken bist du von dir selber nicht gewohnt, es muss wohl am Sauerstoffgehalt liegen, dass du jetzt auf solche Ideen kommst.
Deine Gedanken schweifen ab, du schüttelst den Kopf, konzentrierst dich wieder auf den Fels vor dir, der darauf wartet, dass du den Gipfel erreichst.

Ein tiefes Durchatmen von dir, dann suchst du nach einem weiteren Felsvorsprung. Du findest ihn, stützt dich nach oben und fügst einen weiteren Schritt in deinen Gedanken hinzu.
Wie lange du bereits hier oben bist, kannst du nicht sagen, du bist um den Berg gewandert, um die perfekte Kletterstelle zu finden, du hast die Orientierung verloren.
Aber das ist gut so, denn der Berg ist ja da.

Solange der Berg da ist, solange du klettern darfst, ist alles in Ordnung.

Du denkst wieder kurz, nur ganz kurz, an deine Familie, die dich für dumm, hirnrissig erklärt hat, als du gesagt hast, was dein Ziel ist. Du erinnerst dich wieder an die entsetzten, ungläubigen Gesichter, an die komplette Fassungslosigkeit in den Augen deiner Blutsverwandten, an die Schreie, die an dich gerichtet waren, als deine Mutter die Fassung verloren hat.

Der eiskalte Wind lässt die Träne auf deiner Wange fast gefrieren, so kalt ist es hier oben.

Du schüttelst wieder den Kopf, deine Blutsverwandten sollen nicht hier sein. Seit dein Onkel bei einem Kletterunglück gestorben ist, hasst deine Familie dieses Hobby, sie verachtet es. Und jetzt verachtet sie dich, weil es dein Hobby ist.
Aber es sind nur noch deine Blutsverwandten, sie haben nicht hier zu sein, denn sie haben nicht das Recht, dich bei deinem größten Projekt zu begleiten.
Sie haben dich ausgestoßen, sie wollen dich nie wiedersehen, also haben sie nicht das Recht, jetzt und hier dabei zu sein.

Du ziehst dich wieder nach oben, du bist stolz, so stolz auf dich, weil dein Körper das Klettern automatisiert hat, weil er von alleine weiß, was er zu tun hat. Deine Hand greift nach dem nächsten Vorsprung, dein Fuß klemmt sich in eine Felsspalte und schon kommt ein weiterer Schritt hinzu.
Du bist stolz.

Ein riesiges Hochgefühl oberkommt dich, ob das an der Höhe liegt oder einfach daran, dass es nur noch ein bisschen ist, bis du oben bist, das kannst du nicht sagen.
Aber es fühlt sich gut an.

/././././././././././././././././././././././././

Es fühlt sich gut an.

So unendlich unendlich unendlich gut.

Du bist oben, betrachtest die Wolken, die viele viele viele Meter unter dir vorbeiziehen und den Menschen da unten den Himmel verdecken. Von hier oben kannst du alles betrachten, du bist höher als jeder andere gerade, du bist oben.

Du hast es geschafft.

Dieser Satz bestimmt dein Denken, pulsiert durch deinen Geist, bringt alles in dir zum Beben. Du hast geschafft, was du dir dein Leben lang vorgenommen hast, und allein deswegen brichst du jetzt in Tränen aus, weil du geschafft hast, deinen größten Wunsch Realität werden zu lassen.

Die Kamera piept. Anscheinend ist der Akku runter. Du nimmst sie von deinem Helm ab, deine Live-Übertragung und die Aufzeichnung sind erfolgreich geworden, das sagt dir dein Bekannter über das kleine Headset, das du eben gerade eingeschaltet hast.
Dein Weg zum Gipfel sollte nicht gestört werden. Also hast du es erst vor ein paar Minuten eingeschaltet.

,,Leute..."

Dir gehen nach diesem einen Wort schon die anderen Worte aus. Dein Hochgefühl ist nicht zu beschreiben, es fühlt sich so so so verdammt gut an!

,,Leute..." Du schniefst. Aber du willst diesen Satz jetzt zu Ende bringen, das haben sie verdient. ,,Ich bin wirklich froh, dass ihr dabei wart. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was es für mich bedeutet, jetzt hier zu sein."

Du schwenkst die Kamera, deutest auf die Wolken unter dir, zeigst alles um dich herum, damit man sich davon überzeugen kann, dass du wirklich da warst, am Gipfel.

,,Eigentlich wollte ich mich nur für´s Einschalten bedanken."

Du zögerst kurz. Sollst du es sagen? Deine Liste, die du seit unten geführt hast, preisgeben?
Wieso nicht?
Die Öffentlichkeit war Teil deines Aufstiegs, sie hat ihn mit dir live miterlebt. Sie haben alle miterlebt, wie du nach Halt gesucht hast, sie haben miterlebt, wie du gezögert hast, als die Gedanken deiner Familie dich überrannt haben.
Sie haben ein Recht darauf.

,,Und übrigens...von unten waren das genau siebenhundertneununddreißigtausendsechshundertzweiundfünfzig Schritte."

In den Schnee malst du die Zahl 739.652, weil du wissen willst, wie viele Schritte du gebraucht hast, wenn du das nächste Mal wiederkommst.
Review schreiben