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Second Life as an Elemental.

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18 / Gen
13.12.2018
20.06.2020
21
124.349
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22.06.2019 6.915
 
„Verdammt.“

Mit diesem einen Wort spreche ich meine Frustration in einem so leisen Ton aus, dass nur ich es hören kann. Für mein negatives Gefühl gibt es zwei Gründe. Der Erste, der allerdings nur einen sehr kleinen Teil ausmacht, ist dass ich Raiga nicht doch mit in die Stadt genommen habe. Um diesen Eren zu retten brauche ich natürlich meinen treuen Wolf als Reittier. Doch aufgrund meiner eigenen Idee ist genau dieser ja leider nicht anwesend, sondern wartet am Waldrand auf mich. Hätte ich zuvor besser nachgedacht, dann wäre mir wahrscheinlich auch eingefallen dass Raiga ja seine Größe verändern kann. Er hätte sich also so klein wie ein Hund machen können um keine Furcht zu erzeugen. Diese Tatsache ist jedoch eher ein kleines Hindernis, da Raiga mit seiner Schnelligkeit in Handumdrehen hier sein kann.
Der wichtige Grund für meine Frustration ist die Entfernung von der Stadt zur Mine. Nachdem ich den Auftrag zur Rettung von Roland’s Lehrling an Land gezogen habe, wurde mir von den Wachleuten eine Karte der Umgebung gezeigt. Ich habe natürlich keine Ahnung in welchem Maßstab diese Karte ist und weiß daher auch nicht die wirkliche Distanz, aber es scheinen einige Kilometer zu sein, denn Joren brauchte ungefähr eine Stunde um von der Mine zurückzukehren. Und das mit Pferd. Vermutlich konnte er aufgrund seiner Verletzung aber nicht im vollen Tempo reiten.
Und ganz nebenbei musste ich nachdem ich dies hörte zugeben, dass er ganz schön robust ist. Einen Ritt für so lange mit seiner Wunde durchzuhalten und lebend anzukommen ist beachtenswert.

Leider ist aber genau diese Zeit der grundlegende Dorn in der sonst für mich perfekten Situation. Selbstverständlich sollte es für Raiga keine große Sache sein die Strecke wesentlich schneller zu überwinden. Bei vollem Tempo wird es schätzungsweise nicht mehr als 10 Minuten dauern, im Extremfall maximal 20, jedoch bedeutet es bedauerlicherweise auch dass selbst im besten Fall bereits eine Stunde und 10 Minuten seit dem Überfall vergangen sind wenn ich den besagten Ort erreiche.
Das wiederum heißt dass Eren eventuell schon nicht mehr am Leben ist. In diesem Fall wäre mein Plan ruiniert. Grund genug um frustriert zu sein. Jedoch bringt es auch nicht wirklich etwas groß darüber nachzudenken. Es kann ja durchaus auch sein dass der Lehrling noch lebt, also ist Zeit von absoluter Wichtigkeit.

Mit diesem Gedanken und der Hoffnung auf ein positives Ergebnis stelle ich eine mentale Verbindung zu dem Rudelführer der Wölfe her.

„Raiga!“

„Ja Meister“ antwortet er auf der Stelle.

„Ich habe keine Zeit zu erklären, aber wir haben hier eine kleine Notlage. Komm so schnell du kannst her!“

„Jawohl.“

„Ich befinde mich am hinteren Eingang der Stadt. Am besten gehst du auß-“


Doch noch bevor ich diesen Satz beenden kann, erklingt ein mir unbekanntes Geräusch zu meiner linken Seite. Instinktiv schaue ich auch sofort in die entsprechende Richtung. Was ich nun sehe lässt mich verstummen.
An der Umgebung selbst hat sich absolut nichts geändert, aber trotzdem kann ich etwas Unglaubliches erkennen.

Meinen Schatten.

Meinen Schatten, der sich nicht wie für die Gesetze der Natur üblich einfach nur glatt auf dem Boden befindet.

Meinen Schatten, aus dem sich eine seltsame Substanz nach oben ausbreitet. Was auch immer es ist, es hat zumindest die gleiche schwarze Farbe. Es wirkt irgendwie zähflüssig. Spontan würde ich es einfach als schwarzes Wasser oder Öl bezeichnen. Es breitet sich soweit kreisförmig aus, bis es eine Höhe von ca. 10 Zentimeter und einen Durchmesser von über einem Meter erreicht. Ja, mein Schatten wurde breiter, was eigentlich unmöglich ist wenn sich mein Körper nicht verändert.

Plötzlich springt etwas aus dieser Substanz heraus. Bei dem Anblick weiten sich meine Augen aufs Maximum. Total von diesem Bild geschockt finde ich keine Worte und starre die mir bekannte Kreatur wortlos an.
Der vor wenigen Sekunden noch ein gutes Stück entfernte Wolf steht nun direkt vor mir und wartet auf meine Reaktion. Eine Reaktion, die durch den Schock ausbleibt. Stattdessen reagieren andere Anwesende.

„Woah…ein Monster!“ ruft einer der Wachmänner.

„Wo kommt das denn her?“ meldet sich ein Weiterer.

Diese Worte und das Bereithalten ihrer Waffen befreien mich aus meiner Schockstarre. Auf der Stelle erkläre ich dass dieses Monster zu mir gehört. Um keine Fragen zu wecken, deren Antwort ich selbst nicht habe, erzähle ich dass ich diesen Wolf beschworen habe um auf ihn zu reiten. Immerhin keine komplette Lüge.
Die Wachen wirken überzeugt, da sie ihre Waffen wieder wegstecken und ihre Körperhaltung sich entspannt. Ich nutze einen kurzen Moment indem sich die Männer untereinander besprechen und wende mich an Raiga.

„Wie hast du das gerade gemacht?“

„Mit der Fähigkeit Schattenschritt.“

Der Name klingt auf jeden Fall schon mal passend und irgendwie cool. Allerdings wüsste ich gerne was genau das für ein Skill ist. Also wende ich mich nun an diejenige, die es vermutlich weiß.

Libra?

[Schattenschritt ist eine Fähigkeit, die es dem Nutzer ermöglicht einen Schatten zu betreten und an einem anderen wieder herauszukommen. Zusätzlich kann sich der Nutzer auch in den Schatten verstecken. Die Reichweite der überwindbaren Distanz zwischen zwei Schatten ist abhängig von der Stärke des Nutzers.]

Einfach genial dass Libra im Grunde mit meinen Gedanken verbunden ist, denn ich musste nicht einmal explizit meine Frage formulieren. Und dieser Skill ist extrem nützlich. An sich ist es ein Mittel eine Distanz in Sekundenschnelle zu überwinden. Diese Technik muss ich mir später von Raiga beibringen lassen.
Aber die Zeit drängt, also ist jetzt nicht wirklich der passende Augenblick beeindruckt zu sein. Ohne weiter zu zögern sitze ich auch direkt auf meinen Gefährten auf.

„Raiga, wie eben schon gesagt eilt es sehr. Folge diesem Weg so schnell wie möglich“ spreche ich zu dem Rudelführer und zeige dabei auf dem Weg, der von der Stadt wegführt.

„Zu Befehl“ antwortet er und dreht sich in die angedeutete Richtung.

Zu meiner Überraschung geht der Wolf zusätzlich in Position indem er sich etwas nach unten neigt. Seine Haltung erinnert an ein Raubtier, das kurz vor einem Angriff steht. Wie von mir angewiesen wird er wohl wirklich mit vollem Tempo starten.

„Meister, haltet euch gut fest.“

„In Ordnung“ antworte ich und befolge seinen Rat.

Mit ganzer Kraft halte ich mich an seinem Fell fest. Seine Geschwindigkeit hatte mich ja schon beim ersten Ritt überrascht. Wenn das noch nicht einmal seine Bestleistung war, dann besteht wirklich die Möglichkeit dass ich ohne richtiges Festhalten abgeworfen werde. Also lieber auf Nummer sicher gehen. Ich neige mich auch etwas nach vorne um den Start standzuhalten.
Dann geschieht es.

Raiga startet.

Sofort werde ich von einem extremen Winddruck von der Front kommend ergriffen. Entgegen meinen Willen werde ich dadurch aus meiner gebeugten Haltung gerissen und wieder leicht nach hinten gedrückt. Hätte ich mich nicht so gut festgehalten, dann wäre ich ohne Zweifel bereits heruntergefallen.
Der Grund für diesen starken Druck wird beim Anblick der Umgebung deutlich. Ich kann sie nämlich nicht erkennen. Genauer gesagt kann ich sie erkennen, aber lediglich als verzerrte Bilder. Das Umland zieht einfach zu schnell an uns vorbei um ein scharfes Bild zu bekommen. Ich habe selbst noch keine Erfahrung damit, aber ich vermute das ist es was für gewöhnlich als Tunnelblick bezeichnet wird.

Wir sind einfach zu schnell. Nein, Raiga ist einfach zu schnell. Sein bisher gezeigtes Tempo kommt nicht einmal annähernd an unsere aktuelle Geschwindigkeit heran. Um einzuschätzen wie schnell wir gerade sind drehe ich meinen Kopf nach hinten um zu sehen wie weit wir schon von der Stadt entfernt sind.
Doch was ich erkenne, löst einen erneuten Schock aus. Es ist nämlich keine Stadt mehr zu sehen. Nur noch eine verschwommene Silhouette. In diesen wenigen Sekunden haben wir uns bereits so weit entfernt, dass der Wohnort schon nicht mehr richtig zu sehen ist.
Dagegen würde selbst ein Sportwagen der obersten Klasse alt aussehen. Und dass ich trotz dieses Drucks und meiner eingesetzten Kraft zum Festhalten das Fell von Raiga nicht herausreiße ist auch irgendwie erstaunlich.

Wie zur Hölle ist das möglich? Wie kann dieser Wolf so ein Tempo haben? Das er bisher noch nicht seinen Top-Speed gezeigt hatte war mir ja bewusst, aber das hier sprengt einfach alle Grenzen. Woher nimmt er diese Kraft?

[Das Individuum Raiga nutzt die Raijin-Klan spezifische Fähigkeit Statik-Boost.]

Statik-Boost? Was ist das denn nun wieder für ein Skill?

[Durch das Stimulieren der Muskeln mit elektronischen Impulsen steigert der Nutzer dieser Fähigkeit sämtliche physische Attribute.]

Das erklärt natürlich diese enorme Geschwindigkeit. Raiga stärkt  die Muskeln seiner Beine mit Elektrizität und holt so mehr Leistung aus ihnen heraus. Vorsichtig schaue ich an der linken Seite des Wolfes hinunter um zu sehen ob man den Einsatz dieses Skills irgendwie erkennen kann. Und tatsächlich kann ich ab und an kleine Blitze erkennen, die an seinen Beinen von oben nach unten verlaufen.
Was habe ich da nur für eine Kreatur erschaffen?

Moment mal! Raijin-Klan spezifisch? Heißt das alle Wölfe im Rudel können diese Fähigkeit?

[Korrekt.]

Heilige Scheiße! Na wenn das mal nicht die Grundlage für eine übernatürliche Kavallerie ist. Stellt sich nur die Frage ob die Goblins sich auch festhalten können. Aber selbst die Wölfe alleine sind dank diesem Skill eine Klasse für sich wenn es um militärische Macht geht.
Und wie erwartet von der göttlichen Bibliothek Libra. Obwohl sie am Anfang keinerlei Informationen über die bisher unbekannte Evolution der Wölfe hatte, so hat sie sich von selbst nach kurzer Zeit bereits aktualisiert.

Nach diesem kurzen Gespräch mit der monotonen Libra konzentriere ich mich wieder auf die Reise. Ich nutze meine verbesserte Sicht um den Tunnelblick entgegenzuwirken. Es hilft zumindest genug um die Umgebung vor uns besser zu erkennen.
Als ich dann einen kleinen Berg oder eher Felsformation erkenne, in welcher sich die Mine befindet, zeige ich mit meiner linken Hand in die Richtung und weise meinem Reittier dorthin. Dabei bin ich sehr vorsichtig mich trotzdem richtig festzuhalten um nicht runterzufallen.
Raiga ändert auch direkt seinen Kurs in die gewünschte Richtung. Ein kleines Stück Wald befindet sich vor der Mine und liegt direkt in unserem Weg. Für einen Augenblick hatte ich Angst wir rammen frontal gegen einen Baum, aber der Rudelführer bahnt sich mit Leichtigkeit seinen Weg durch den Wald.
Dank meines magischen Spürsinns kann ich auch schon einige Signale wahrnehmen. Die Banditen sind also noch da. Nun kommt es darauf an was mit dem Lehrling passiert ist.

„Da vorne ist eine Gruppe Menschen. Das ist unser Ziel.“

Kaum das ich diese Worte ausgesprochen habe ist die restliche Strecke auch bereits überwunden. Raiga wird kurz vor dem Ende des Waldes langsamer und hält an nachdem wir ihn verlassen haben. Fünf Minuten. Lediglich fünf Minuten haben wir für diese Reise gebraucht. Soviel zu meiner vorherigen Schätzung. Zumindest lag ich positiv gesehen falsch, da wir ja schneller waren.
Noch auf dem Wolf sitzend schaue ich mich flüchtig um.

Auf der Stelle kann ich mehrere Personen erkennen. Die meisten bewegen sich zwischen einem Holzkarren und einem Eingang in der Felsformation hin und her. Ich schätze mal dass ist der Mineneingang und die Leute beladen gerade den Wagen. Nach ihrem Aussehen zu schließen haben diese Banditen sogar einen Dresscode, da sie so ziemlich die gleichen Sachen tragen. Ihre Ähnlichkeit zu den beiden Angreifern von vorher beweist wohl dass sie alle zusammen gehören.
Einer der Männer steht einfach nur am Karren und schaut den anderen zu. Vermutlich der Anführer der Gruppe. Er ist auch anders gekleidet und trägt ein ziemlich großes Schwert auf dem Rücken. Die Klinge von dem Ding alleine ist bestimmt schon 1,50m lang.
Außerdem erblicke ich noch einen jung wirkenden Mann, welcher an einem Rad des Karrens angelehnt auf dem Boden liegt. Er unterscheidet sich deutlich von der Gruppe, denn er trägt einen orangen Overall und hat eine Art Fliegerbrille über seinen Kopf gespannt. Sein langes kastanienbraunes Haar und der große Schraubenschlüssel um seine Hüfte sind Indiz genug. Das muss Eren sein. Dank einer kurzen Überprüfung mit meinem Magie-Sinn kann ich glücklicherweise noch ein Lebenszeichen von ihm empfangen. Er ist also noch am Leben, obwohl er anscheinend als Sandsack benutzt wurde. Sein Gesicht ist stark geschwollen und seine Kleidung ist an einigen Stellen zerfetzt.

Dann schweift mein Blick auf eine weitere Person. Doch in dem Moment als ich sie erblicke, hält die Zeit für mich an. Ich weiß nicht genau was es ist, aber es ist wunderschön. Es ist eine Frau. Ich kann sie lediglich von der Seite sehen, aber das alleine ist mehr als genug um in ihrem Bann gezogen zu werden. Ich kann es nicht beschreiben, aber es ist als hätte ich zum ersten Mal in meinem Leben ein wirklich reines Geschöpf gesehen.
Natürlich habe ich in meinem früheren Leben viele Frauen gesehen, welche schön, sexy oder sogar beides waren, aber diesmal ist es völlig anders. Sie strahlt eine unglaubliche Reinheit aus, welche fast schon engelsgleich wirkt. Ich habe nie an Gott oder andere heilige Sachen geglaubt, aber bei ihrem Anblick kann ich einfach an nichts anderes denken.
Sie ist über 2 Meter groß und besitzt einen dunkelbraunen Hauttyp. Ihre Kleidung kann ich ehrlich gesagt nicht wirklich definieren, da ich so etwas noch nie gesehen habe. Auffallend ist dass ihr Outfit komplett in schwarz gehalten ist. Sie hat sehr langes, reinweißes Haar, welches beinahe im Sonnenschein glänzt. Zusätzlich hat sie zwei große Ohren, welche von ihrem Stirnansatz nach oben gehen und starke Ähnlichkeit mit Hasenohren haben. Sie sind länger als ihr Kopf selbst.
Das Gesamtbild kann man durchaus als alles andere als rein oder engelgleich bezeichnen, aber dennoch fallen mir keine passendere Worte ein um sie zu beschreiben.

Eine Handbewegung einer der Banditen holt mich aus meiner Trance. Er zeigt mit seinem Finger zu mir. Sie haben mich wohl endlich bemerkt. Erstaunlicherweise hat Raiga nicht die erwarteten Geräusche gemacht. Trotz der Geschwindigkeit war er beinahe lautlos und Staub wurde auch nur in einem sehr kleinen Maße aufgewirbelt. Ich habe keine Ahnung welches physikalische Prinzip dahinter steckt, aber es hat vermutlich etwas mit seinem Skill zu tun. Noch eine positive Überraschung.
Während sich die anderen Personen zu uns drehen steige ich von dem Rudelführer ab und stelle mich schräg davor.
Der vermeintliche Anführer der Gruppe kommt mir ein Stück entgegen und bleibt ein paar Meter vor mir stehen.

„Wer bist du denn?“

„Ich bin Leo“ antworte ich kurz.

„Wie du siehst sind wir beschäftigt. Wenn du etwas willst, dann warte eine Weile“ spricht er recht gelassen.

Anscheinend sieht er mich und Raiga nicht wirklich als Bedrohung an, da er kein bisschen besorgt oder eingeschüchtert wirkt. Ich kann auch keine Vorsicht in seiner Körperhaltung erkennen.

„Das ist schon in Ordnung. Ich bin lediglich hier weil ich damit beauftragt wurde den etwas mitgenommen wirkenden Typ da hinten nach Hause zu bringen“ entgegne ich und zeige dabei auf den genannten Eren.

„Verschwinde!“ spricht der Anführer nun recht laut.

Soviel zur friedlichen Verhandlung. Auf seine Anweisung hin, kommen ihm auch drei seiner Männer zur Hilfe. Ein Kampf ist wohl unausweichlich. Naja, ich habe mir ja nicht gerade viel Hoffnung auf einen einfachen Ablauf gemacht. Einen leisen Seufzer kann ich mir nicht verkneifen.

„Herzlich gern, aber nicht ohne ihn.“

„Boss, sollen wir-“

„Arbeitet weiter, wir haben nicht ewig Zeit. Um den Kerl kümmere ich mich“ antwortet der Anführer noch bevor sein Untergebener seinen Satz beenden kann.

Während die drei Männer sich wieder umdrehen und zurück an ihre Aufgabe gehen, zieht er sein großes Schwert.

„Du hättest lieber verschwinden sollen. Jetzt wirst du sterben“ spricht er und geht in Angriffsposition.

„Raiga, ich kümmere mich um den Kerl. Geh du zurück in den Wald und nutze Schattenschritt um zu den anderen Banditen zu gelangen. Schalte sie aus, aber versuch sie dabei am Leben zu lassen“ weise ich mental meinen Gefährten an.

„Jawohl“ antwortet der Wolf während ich auch eine leichte Kampfhaltung annehme.

Das Zurückziehen des Rudelführers scheint den Banditenboss auch nicht weiter zu interessieren, da er seinen Blick komplett auf mich fixiert hat.
Kurz darauf beginnt er seinen Angriff und kommt auf mich zugestürmt. Sein Schwert hält er auf seiner rechten Seite und bereitet einen Schwung vor. Auch ohne wirkliche Erfahrung im Schwertkampf kann ich sofort erkennen, dass er einen starken seitlichen Schwung einsetzen will. Ich habe jedoch keine Bedenken, denn mit meinen Reflexen und meiner Geschwindigkeit sollte es kein Problem sein dem Angriff ohne Schaden auszuweichen. Gelassen bleibe ich während seiner Annäherung stehen. Als er fast angekommen ist beginnt er seinen Schwertschwung. Wie erwartet ist es ein Angriff von seiner rechten Seite zur linken. Rechtzeitig mache ich einen Satz nach hinten um auszuweichen.
Sein Schwung selbst ist überraschend schnell. Dieser Mann hat durchaus Kraft in den Armen, was ihm so einen Schwung ermöglicht. Trotzdem liegen zwischen meinem Körper und der Klingenspitze gute 50 Zentimeter als die Waffe den weitesten Punkt des Schwunges erreicht hat und direkt auf mich gerichtet ist. Mein Ausweichmanöver war erfolgreich.

Das denke ich zumindest als plötzlich ein Geräusch ertönt, welches dem Zerfetzen von Kleidung ähnelt. Ich schaue an mir hinunter und kann auch sofort die Quelle entdecken. Mein Mantel ist auf Brusthöhe eingeschnitten. Diese Tatsache erwischt mich leicht auf falschen Fuß, doch ich kann immer noch klar genug denken um nicht in Panik zu verfallen. Augenblicklich richte ich meinen Blick wieder auf meinen Kontrahenten.
Die Frage ist nur wie er das geschafft hat. Ich bin definitiv ausgewichen und es war genug Abstand zwischen seiner Waffe und mir. Also wie hat er so einen Schnitt geschafft?
Um dies herauszufinden, stärke ich meine Konzentration auf meine Sicht in Verbindung mit dem Magie-Sinn und schaue mir meinen Gegner noch einmal genau an. Nun kann ich den Trick dahinter auch direkt erkennen. Allerdings sollte ich statt Trick wohl eher Skill sagen. Ich weiß nicht was es für eine Fähigkeit ist, aber sein Schwert ist von einem intensiven Wind umgeben. Es ist ein durch Magicules erzeugter Wind und daher nur schwer erkennbar. Seine Klinge ist dadurch im Grunde unsichtbar verlängert und die Schnittkraft ist vermutlich auch stärker.

„Netten Skill hast du da“ sage ich mit einem leichten Lächeln und fasse mir dabei mit meiner rechten Hand an die Schnittstelle des Mantels.

Komischerweise hat der Banditenanführer einfach nur siegessicher zu mir gesehen und auf eine Reaktion gewartet. Ich weiß nicht ob er mich testen wollte oder einfach nur extrem selbstsicher ist, aber im Moment zeigt er keinerlei Angriffswillen.

„Alle Achtung, du hast es nach nur einem Angriff erkannt“ antwortet er mir und hebt dabei sein Schwert vor seinem Körper um es zur Schau zu stellen. „Die meisten Leute kommen nicht so schnell dahinter. Das ist der Skill Windklinge.“

Ok, eine Sache steht schon einmal fest. Der Typ ist ein Idiot. Nicht nur dass er gewartet hat, nun nennt er mir auch noch die Fähigkeit. Er ist nicht nur selbstsicher, sondern auch noch ein Angeber-Typ. Na immerhin ist er im gewissen Sinne durchaus ehrlich für einen Banditen.

„Ich sollte mich also vor deinem Schwert und seiner Reichweite in Acht nehmen“ entgegne ich ihm um etwas eingeschüchtert zu wirken.

Es ist ja nicht so dass mir die Technik gefährlich werden könnte, aber das muss er ja nicht wissen.

„Oh, aber das ist noch lange nicht alles was dieser Skill kann.“

Er hebt seine Waffe in die Höhe als wolle er einen kraftvollen Abwärtsschwung durchführen. Dank meiner nach wie vor gestärkten Sinne bemerke ich wie sich Magicules in seinem Schwert sammeln. Es sind deutlich mehr als im vorherigen Angriff, also wird diese Attacke wohl auch stärker. Sicherheitshalber mache ich noch einen Sprung zurück um mehr Distanz zu gewinnen. Unbeeindruckt davon lädt mein Gegner seinen Angriff weiter auf. Das und sein eigenartig positiv wirkendes Grinsen lösen eine gewisse Vorahnung in mir aus. Ich kann mir irgendwie denken was passieren wird.
Und dann passiert es auch. Ein starker Schwertschwung geht von oben zum Boden hinunter. Die gesammelte Energie bündelt sich dabei an der Schneide der Klinge und erzeugt eine kraftvolle Klinge aus Wind, welche nun direkt auf mich zu fliegt. Diese ist senkrecht und diesmal deutlich sichtbar. Während sie sich ihren Weg zu mir bahnt, schneidet sie sogar ein kleines Stück in den Boden.
Allerdings kommt es für mich nicht wirklich überraschend, da ich genau mit so etwas gerechnet habe. Ein kurzer Satz nach rechts reicht mir um diesem Angriff zu entkommen. Die Klinge fliegt an mir vorbei und trifft auf dem Wald. Der erste Baum in dessen Pfad wird sauber gespaltet. Noch ein paar Meter mehr fliegt die Attacke bevor die Energie aufgebraucht ist und sie verschwindet.
Nach der Beobachtung dieser leichten Zerstörung einiger Bäume drehe ich mich wieder zu meinem Kontrahenten.

„Verstehe. Eine fliegende Klinge also.“

„Ganz genau. Dem Schwert auszuweichen bringt also gar nichts und Distanz ist auch kein Problem wie du gesehen hast“ erklärt er total von seinem Sieg überzeugt.

Ehrlich gesagt geht mir seine Einstellung gerade ein wenig gegen den Strich. Also beschließe ich etwas gegenzuhalten. Ich erhebe meine rechte Hand und ziele mit der Handfläche auf ihn.

„Das kann ich auch.“

Diese paar Worte bringen ihn aus seinem Konzept, denn sein arrogantes Grinsen verschwindet. Ich habe jedoch nicht vor zu warten und aktiviere daher meinen Skill.

Wasserklinge!“

Eine etwas mehr als einen Meter breite, waagerechte Klinge aus Wasser wird erzeugt und schießt auf den Banditen zu. Ich kann den Schock in seinem Gesichtsausdruck sofort erkennen. Damit hat er jedenfalls nicht gerechnet. Er schafft es aber gerade noch rechtzeitig sich nach hinten zu Boden fallen zu lassen um meinem Angriff auszuweichen. Die Klinge fliegt somit über ihm hinweg und trifft einige Meter weiter hinten auf die Felsformation. Ich habe mich natürlich stark zurückgehalten um nicht schon wieder eine halbe Katastrophe zu erzeugen, daher ist der Einschnitt in dem Felsen auch nicht sehr tief. Dennoch war genug Kraft dahinter um einen Menschen zu zweiteilen.
Mein Gegner erholt sich recht schnell und steht schon wenige Sekunden später wieder auf.

„Tatsächlich. Anderes Element, aber an sich die gleiche Technik“ spricht er und klopft dabei den Staub von seinen Sachen.

Er wirkt erstaunlich ruhig, allerdings kann ich nicht sagen ob es geschauspielert oder wirklich so ist.

„Sogar die Stärke ist fast gleich. Das heißt dann wohl dass der erste von uns, der einen guten Treffer landet, der Sieger ist“ fährt er fort.

Wenn wir Zwei tatsächlich gleich stark wären, dann hätte er sogar recht mit seiner Aussage.

„Da du aber schneller bist als ich, habe ich keine andere Wahl als mich voll reinzuhängen.“

Nachdem er diesen Satz ausgesprochen hat rammt er sein Schwert vor ihm in den Boden. Gleich darauf kreuzt er seine Arme vor seiner Brust. Seine Hände ballt er zu Fäusten. Seine ganze Körperhaltung wirkt auf einmal konzentriert, oder eher angestrengt. Ich kann spüren wie er seine Magicules sammelt. Zweifellos bereitet er einen Skill vor. Sogar eine grünliche Aura wird erkennbar, wenn auch nur sehr schwach.

Trugbild.“

Nun streckt er seine Arme seitlich aus und öffnet die Hände wieder. Dabei sind sie schräg zum Boden gerichtet. Die Aura wandert von seinem Körper in seine beiden Arme und dann bis zu seine Hände. Die Magicules, in Form der grünen Aura, verlassen ihn und sammeln sich auf der Zielstelle am Boden. Plötzlich beginnt das Licht sich zu etwas zu formen. Einige Sekunden vergehen bis es die Wandlung vollzogen hat. Als es fertig ist stehen zwei weitere Personen vor mir. Zwei Personen, die genau wie der Banditenführer aussehen.
Er hat Klone von sich erschaffen. Das ist wirklich mal etwas anderes. Mein erster Gedanke nach diesem Anblick schwebt um das Wort Ninja. Obwohl noch nicht klar ist ob es echte physische Kopien sind oder wie der Name des Skills besagt nur Trugbilder.

„Das sollte die Chancen etwas ausgleichen. Oder eher in meinen Vorteil verwandeln.“

Seine Arme hat er wieder runtergenommen und noch dazu hat er erneut seinen arroganten Gesichtsausdruck bekommen. Im Augenblick ist mir dies aber ziemlich egal, da ich neugierig auf diese Technik bin. Ich hoffe nur er hat diese Klone nicht zur Täuschung erstellt, denn dank des Magie-Sinn kann ich ohne Schwierigkeiten das Original erkennen. Die Magicules der Kopien sind deutlicher zu erkennen. Vermutlich weil sie nur daraus bestehen. Das lässt außerdem vermuten dass sie keinen physischen Körper haben, aber in dieser Welt kann man sich ja nie ganz genau sicher sein.
Das alles speilt jedoch keine Rolle, denn Fakt sind zwei Sachen. Erstens will ich diese Fähigkeit und zweitens habe ich nicht wirklich Zeit für Spielchen, denn mein Ziel ist ja weiterhin die Rettung des Lehrlings. Daher beschließe ich auch direkt in Aktion zu treten.

„Das werden wir ja sehen“ entgegne ich auf seine Aussage.

Gleich darauf renne ich auf ihn zu. Diesmal scheint er nicht abwarten zu wollen und reagiert auch sofort. Seine zwei Klone zielen mit ihren Händen auf mich und feuern Windklingen ab. Im Vergleich zur vorherigen sind diese jedoch kleiner und schwächer was die magische Kraft angeht. Ohne meinen Ansturm zu unterbrechen weiche ich den Angriffen aus. Nun bereitet auch mein Gegner ein weiteres Mal einen Angriff vor indem er sein Schwert seitlich hält und einen Schwung vorbereitet. Es sammelt seine Energie daran, was wohl bedeutet dass er wieder eine kraftvolle Windattacke einsetzen will.
Selbstverständlich habe ich nicht vor einfach nur zuzusehen. Und dass ich nur noch wenige Meter von ihm entfernt bin kommt mir da sehr gelegen. Nachdem ich einem weiteren Fernangriff einer seiner Kopien ausweiche, ziele ich mit meiner rechten Handfläche auf das Original der Drei.

Schallwelle.“

Darauffolgend entsteht ein 1 Meter breiter Strahl aus Schallwellen und schießt auf den Banditen zu. Die Geschwindigkeit meiner Attacke gleicht der einer Pistolenkugel und erreicht ihn im Handumdrehen. Komplett unvorbereitet wird er davon erfasst. Die Wirkung entfaltet sich sofort. Die Schmerzen der Wellen sind so stark, dass er sein Schwert fallen lässt und sich mit seinen Händen an seinen Kopf fasst. Stöhnend vor Schmerzen fällt er auf die Knie.
Meine Fähigkeit aufrecht haltend nähere ich mich weiter an. Seine Konzentration wurde durch den Schmerz gebrochen, was dazu führt dass die Kontrolle über seine Klone auch verschwunden ist. Diese stehen nämlich nur regungslos da.
Kurz bevor ich ankomme ändere ich meinen Kurs und steuere den Klon zu meiner rechten Seite an. Etwas weniger als einem Meter davon entfernt beende ich meinen Schallangriff und richte meine rechte Hand zu der Kopie.

Absorption.“

Mit der Aktivierung der Fähigkeit kommt Blut aus der Handfläche und umschließt das Abbild des Banditen. Während dies passiert hebe ich meine linke Hand an und ziele auf das andere Trugbild.

Wasserklinge.“

Die elementare Attacke schneidet durch ihn hindurch, woraufhin sich das Abbild in die grüne Aura zurückverwandelt und sich im Nichts auflöst. Zur gleichen Zeit hat mein Blut dessen Ziel komplett umschlossen und kehrt mit der Aufnahme wieder in meine Hand zurück.

[Fähigkeiten Doppelgänger und Sturmklinge erlangt.]

Mit der Bestätigung der göttlichen, jedoch monotonen Stimme in meinem Kopf wende ich mich wieder meinem Kontrahenten zu. Dieser ist mittlerweile mit allen Vieren auf dem Boden. Ich habe mich zwar mit der Schallattacke zurückgehalten, aber selbst der Nacheffekt scheint nicht ohne zu sein. Na immerhin gibt er keine schmerzhaften Geräusche mehr von sich. Seine Atmung hingegen ist recht schwer geworden.
Gelassen gehe ich zwei Schritte zu ihm um mich vor ihm zu stellen. Mit einem schmerzverzogenen Gesicht schaut er zu mir hinauf. Auch Schock und Verwirrung kann ich erkennen. Er hat wohl endlich begriffen, dass wir nicht wirklich auf dem gleichen Level sind.

„Sorry, aber ich habe keine Zeit mich mit dir zu beschäftigen“ sage ich zu ihm und ziele mit meiner rechten Hand auf den Mann.

Ein weiterer Angriff sollte reichen um ihm sein Bewusstsein zu nehmen. Gerade als ich den Skill starten will, passiert jedoch etwas Unerwartetes. Er wendet seinen Blick von mir ab und schaut zu seiner Kameradin hinüber. Ich halte mit seinem Angriff inne und folge seinem Blick.

„Schnapp ihn dir!“ ruft er zu ihr.

Ohne Zögern greift sie wortlos zu ihrem Rücken und holt einen Bogen hervor. Mir ist bei ihrem Anblick zuvor nicht einmal aufgefallen, dass sie überhaupt eine Waffe mit sich trägt. In einer fließenden Bewegung richtet sie die Fernwaffe auf mich und setzt einen Pfeil in Anschlag. Keine Sekunde später lässt sie die Bogensehne los und der Pfeil fliegt auf mich zu. Gezwungenermaßen springe ich zur Seite um dem Geschoss zu entkommen.
Ehrlich gesagt hatte ich gehofft nicht gegen sie kämpfen zu müssen, aber die Situation lässt mir wohl keine Wahl. Während meiner Enttäuschung über diese Tatsache holt die Frau einen weiteren Pfeil hervor und legt diesen an. Diesmal zielt sie allerdings nicht auf mich, sondern schräg nach oben in meine Richtung. Dazu kommt dass sich magische Kraft in der Pfeilspitze sammelt. Es gibt mir ein ungutes Gefühl, vor allem weil sie zum Himmel zielt anstatt direkt auf mich.
Darüber nachdenken kann ich aber nicht, da sie den Schuss loslässt und der Pfeil nach oben fliegt. Als das Geschoss den Scheitelpunkt seiner Flugbahn erreicht, explodiert die Energie darin und erzeugt eine zwei Meter große, hell leuchtende Lichtkugel. Plötzlich schießen unzählige Lichtpfeile wie Regen aus der Kugel.
Ich reagiere auf der Stelle beim Anblick dieses Flächenangriffs und richte meine Hand nach oben.

Wasser-Blast!“ rufe ich und erzeuge eine Kugel des entsprechenden Elements vor meiner Hand.

Da ich nicht viel Zeit habe nutze ich nicht viele Magicules für den Skill, aber mein Ziel ist auch nicht eine kraftvolle Attacke. Ich schieße den Ball dem ankommenden Pfeilregen entgegen. Ein paar Meter über mir trifft sie auf einen der Pfeile und explodiert daraufhin. Sie wächst dadurch zu einem Durchmesser von mehr als zwei Meter an und neutralisiert somit umliegende Pfeile ebenso. Wie geplant dient mein Wasserangriff als eine Art Regenschirm. Die nicht abgefangenen Pfeile treffen um mich herum auf den Boden. Doch schon nach wenigen Sekunden verschwinden sie auch wieder. Der Regenschauer hält nicht lange an und auch meine Wasserkugel verliert ihre Größe und verschwindet langsam. Es kam etwas unerwartet, aber ich konnte diesen Angriff abwehren.
Um die Sache schnell zu beenden gehe ich nun selbst in die Offensive. Ich ziele auf meine hübsche Gegnerin und aktiviere die Fähigkeit Schallwelle. Trotz der Geschwindigkeit der Attacke schafft sie es dennoch auszuweichen indem sie nach oben springt. Ihre dabei gezeigte Sprungkraft ist unglaublich, da sie mehrere Meter in die Höhe geht. Mein Angriff schießt unter ihr hindurch.
Ohne mir eine Pause zu gönnen hat sie während des Sprunges bereits erneut ihren Bogen gespannt und zielt auf mich. Wie beim letzten Mal sammelt sich magische Energie in der Spitze, doch diesmal ist sie stärker als zuvor und hat eine blaue Farbe. Nach einem kurzen Moment des Sammelns lässt sie los und der Pfeil schießt auf mich zu. Mit einem deutlich größeren Tempo.
Ich schaffe es gerade noch so zu ducken um dem Geschoss auszuweichen. Es fliegt über meinem Kopf hinweg und trifft darauf auf den Boden. Den Einschlag kann ich zwar nicht sehen, da ich meinen Blick weiterhin auf meine Gegnerin gerichtet habe, aber ein passendes Geräusch reicht als Bestätigung.
Als ich wieder eine aufrechte Haltung einnehmen will erfasst mein Magie-Sinn eine Anhäufung an Magicules hinter mir. Dies kommt so unerwartet, dass ich für einen Moment erstarre. Doch genau dieser Moment, so kurz er auch ist, wird mir zum Verhängnis.
Ein lautes Geräusch, was ich noch nie gehört habe, ertönt bevor mich etwas von hinten erwischt und in sich einsperrt.

Erneut bin ich erstarrt, jedoch nicht durch Schock oder dergleichen, sondern weil ich komplett eingeschlossen bin. Ich kann mich nicht bewegen. Nicht einmal einen Finger. Selbst meine Augen rühren sich kein Stück.
In diesem Augenblick kommt mir eine Vermutung für das, was gerade passiert ist und worin ich gefangen bin. Es könnte natürlich sein dass ich durch das Treffen mit Bahamut beeinflusst bin, aber in meinen Gedanken kommt nur eine Sache als mein Gefängnis in Frage.

Eis.

Auch wenn der blaue Schein des zuvor abgeschossenen Pfeiles kein wirklicher Beweis ist, so verstärkt es zumindest meine Theorie. Das war ein ziemlich cleverer Zug von ihr mich so von hinten anzugreifen ohne es deutlich zu offenbaren.
Ich sollte wohl glücklich sein die Fähigkeit Thermalkontrolle zu besitzen. Nach wie vor kann ich nämlich keinerlei Veränderung meiner Körpertemperatur spüren. Wenn es sich hierbei tatsächlich um Eis handelt, dann hat mir der Skill vermutlich sogar mein Leben gerettet. Denn ich kann mir nicht vorstellen das Einfrieren für ein Blutelementar, also einem Wesen bestehend aus der Flüssigkeit Blut, eine positive Sache ist.
Ob nun Eis oder nicht, meine Bewegungslosigkeit besteht trotzdem. Es stellt sich also die Frage wie ich mich befreien soll. Mit körperlicher Kraft wird das wohl nichts, denn obwohl ich physisch gesehen recht stark bin kann ich meine Stärke nicht einsetzen. Da ich mich nicht bewegen kann, kann ich somit auch keinen Schwung für einen Schlag aufbauen. Mich wortwörtlich herauszuschlagen hat sich damit schon einmal erledigt.
Absorbieren ist auch keine Möglichkeit, da ich das Eis ja nicht komplett umschließen kann um es zu verschlingen.
Na klar könnte ich meine gesamte magische Kraft entfalten und ohne weiteres entkommen, aber da ich keine schlafenden Hunde wecken will steht das ebenso außer Frage. Ich möchte noch keine Aufmerksamkeit erregen um mächtige Gegner anzulocken, denn ich glaube nicht dass mein Dorf damit zu Recht kommen würde. Aufs Ganze gehen ist also der absolut letzte Ausweg.
Selbst mit meiner Sicht und meinen Sinnen kann ich nicht wirklich eine Schwachstelle in dem Eis erkennen.

Das ist es!

Die Sicht!

Die Sicht durch diese Substanz ist stark beeinträchtigt. Die Transparenz dieses Eises ähnelt der Tür einer Dusche. Sogar schlechter um genau zu sein. Ich kann lediglich Schatten erkennen. Selbst den Unterschied zwischen Menschen und anderen Sachen herauszufinden fällt sehr schwer. Und wenn das für mich der Fall ist, dann ist es umgekehrt genauso.
Also kann ich eine Sache tun ohne dabei gesehen zu werden. Meine Idee setze ich auf der Stelle in die Tat um und verändere die Form meiner Arme. Ich lasse sie vom Umfang her schrumpfen und verkürze zusätzlich die Länge meiner Unterarme um die Hälfte. Vermutlich sehe ich wie ein Alien aus, aber weder die Anderen, noch ich selbst können die Verformung sehen. Also was soll‘s.
Nachdem ich die gewünschte Form erreicht habe wird es Zeit für den nächsten Teil des Planes.

Schwarze Flamme!

Vor meinen Handflächen erzeuge ich die dunklen Flammen und nutze dabei eine gute Anzahl an Magicules. Das Eis, welches direkt im Kontakt mit dem Feuer ist, schmilzt und verdunstet innerhalb einer Sekunde. Durch die Hitze entsteht ein immer größer werdender Raum innerhalb meines Gefängnisses. Als dann das Eis beginnt an einigen Stellen zu brechen, nutze ich die Gelegenheit.
Ich beende meinen Skill und führe einen kraftvollen Schlag mit meinem rechten Arm aus. Gleichzeitig wechsle ich wieder zu meiner normalen Form. Der Freiraum ist ausreichend um genug Schwung aufzubauen. Das Eis wird von der Wucht zersplittert und fällt als viele kleine Eisbrocken zu Boden.

„Das war etwas knapp“ sage ich zu meiner Kontrahentin, nachdem ich komplett befreit und ein paar Schritte zu ihr gegangen bin.

Doch zu meiner Überraschung wirkt sie kein bisschen überrascht. Zumindest zeigt sie keinerlei solcher Reaktion. Ob sie damit gerechnet hat oder generell nur schwer aus der Fassung zu bringen ist sei jetzt einfach mal dahin gestellt.

„Nutzlos“ meint der Banditenführer leise.

Er ist mittlerweile auch wieder aufgestanden und hat sich anscheinend ein wenig von seinen Schmerzen erholt.
Ich sehe die Sache allerdings ganz anders.

„Wieso arbeitest du für diese Idioten? So wie ich das sehe bist du stärker als jeder Einzelne von denen.“

Mit diesen Worten wende ich mich an das weibliche Geschöpf. Dabei handelt es sich um meine tatsächliche Einschätzung. Allein ihre magische Kraft ist größer als die dieser Banditen. Ganz zu schweigen von ihren Fähigkeiten.
Wieder zeigt sie jedoch keine Reaktion. Nicht einmal eine Antwort gibt sie mir. Doch plötzlich beginnt der Anführer laut zu lachen. Wortlos richte ich meinen Blick auf ihn. Es dauert ein paar Sekunden bevor er sich wieder einkriegt.

„Du bist nicht aus dieser Gegend oder?“

Mir fehlt zwar die Verbindung zu meiner Frage, aber ich antworte dennoch.

„Kann man so sagen.“

„Dann schau dir ihren Hals doch mal etwas genauer an“ entgegnet er und deutet mit seinem Kopf in die Richtung seiner Kameradin.

Ich befolge seine Anweisung und schaue mir ihren Hals an. Beim Anblick weiten sich meine Augen leicht. Noch etwas, was ich bei meiner vorherigen Bewunderung total übersehen habe. Auf der Haut um ihren Hals ist eine Art Tattoo. Vom Aussehen her schließe ich jedoch einfache Kunst auf ihrer Haut aus. Es wirkt mehr wie ein Zauber.

„Das ist ein Sklavensiegel. Dieses Ding da ist mein Eigentum!“

Das Wort Ding hebt er stimmlich besonders hervor, doch das bekomme ich kaum noch mit, denn mit seinem letzten Satz erweckt er etwas in meinem Inneren.

„Meine Waffe, die dank des Siegels jeden Befehl folgen muss. Und da ich es dem Befehl gegeben habe nicht zu reden, gibt es auch kein Gejammer.“

Gelassenheit… Zurückhaltung… Vorsicht… All diese Dinge zerbrechen in mir und machen Platz für ein einziges Gefühl.

Hass.

Unbewusst spanne ich meinen Körper an und balle meine Hände zu Fäusten. Mein Blick verschärft sich, doch der Banditenführer bekommt nichts davon mit und redet weiter.

„Blöd nur dass meine Waffe kein Problem mit sterben hat, denn obwohl das Siegel tödlich ist falls ich sterbe, hat sie nicht vor mein Schild zu sein. Zu schade, dass die Persönlichkeit nicht auch unterdrückt wird.“

„Halt die Klappe.“

Meine Worte sind klar, eher leise und frei von Emotionen. Das genaue Gegenteil zu meinem inneren Zorn und die von den Worten des Anführers hervorgerufenen Erinnerungen an den Geschäftsführer meines ehemaligen Arbeitsplatzes.
Dieser Mistkerl hatte nämlich auch keinen Respekt gegenüber seinen Angestellten. Genau wie der Bandit vor meinen Augen.

„Hmmm? Was war das?“

Meine Antwort bekommt er sofort. Mit einem kraftvollen Satz bin ich innerhalb von einer Sekunde vor ihm und schlage ihn mit meiner rechten Faust in den Magen. Ein lauter Schmerzensschrei ertönt, doch ihm bleibt keine Zeit für eine andere Reaktion. Mit einem ebenso kraftvollen Tritt meines linken Fußes fliegt er gegen einen Baum am Waldrand. Mit meiner rechten Hand ziele ich auf ihn und aktiviere den Klebefaden um ihn am Baum zu fesseln. Diesmal zeigt er aber keine Reaktion mehr, da er bereits nach meinen Faustschlag bewusstlos wurde.
Meine Wut und Frustration damit wieder besänftigt, beruhige ich mich und drehe mich zur Frau um.

„Willst du frei sein?“

Zum ersten Mal kann ich eine Emotion in ihrem Gesicht erkennen, wenn auch nur sehr schwach. Meine Frage kam wohl etwas unerwartet für sie.

„Wie du bestimmt vorhin mitbekommen hast, habe ich die Fähigkeit bestimmte Dinge zu absorbieren. Soll ich das gleiche mit deinem Sklavensiegel machen? Wenn du das willst, dann nicke einfach.“

Nun sieht sie leicht unentschlossen aus. Bei dieser Entwicklung ist das aber auch verständlich. Sie gibt mir auch keine Antwort. Weder positiv noch negativ.

„Ehrlich gesagt habe ich es noch nie probiert ein Siegel zu verschlingen und kann daher keine Garantie aussprechen, aber was hast du schon zu verlieren? Wenn es klappt bist du frei und wenn nicht bleibt alles beim Alten. Und da du anscheinend den Tod anstelle des Lebens als Sklave vorziehst, ist es nicht wirklich ein Problem wenn es bei dem Siegel eine Sicherung gibt. Also, was soll es sein?“

Ein Moment der Stille entsteht indem wir uns gegenseitig in die Augen schauen. Dann nickt sie. Ohne etwas zu sagen gehe ich zu ihr herüber. Als ich direkt vor ihr stehe wird mir der Größenunterschied zwischen uns erst so richtig bewusst.

„Du hast ja gesehen wie es funktioniert, also nicht erschrecken und still bleiben“ erkläre ich, woraufhin sie ein weiteres Mal nickt.

Ich erhebe meine rechte Hand und lege sie sanft auf ihren Hals. Für mehr Konzentration schließe ich meine Augen. Ich starte den Skill Absorption und lasse mein Blut über das Siegel laufen. Nachdem es komplett umhüllt ist versuche ich die Signatur der magischen Kraft zu erkennen. Gute Sache, dass ich daran mit dem Registrieren der ganzen Goblins im mentalen Netzwerk bereits Erfahrung sammeln konnte. Da musste ich schließlich auch die ganzen Auren auf engstem Raum auseinanderhalten.
Nach ein paar Sekunden erkenne ich den Unterschied zwischen der Energie des Siegels und der Unbekannten. Mit meiner Fähigkeit sauge ich die von der Frau abweichenden Magicules auf.

[Extra-Fähigkeit Sklavenritual erlangt.]

Es hat funktioniert. Ich ziehe mein Blut zurück in meine Hand und entferne sie.

„Es war erfolgreich. Du bist nun frei“ spreche ich mit einem Lächeln und öffne meine Augen wieder.

Sofort fasst sie sich an den Hals als würde sie eine Bestätigung für meine Aussage suchen. Ich bezweifle allerdings dass sie durch einfaches tasten einen Unterschied merkt.

„Vielen Dank.“

Selbst ihre Stimme hat etwas Reines an sich. Sie klingt beinahe himmlisch. Und dass sie sprechen kann ist auch der Beweis für den Erfolg. Immerhin hatte der Anführer ihr dies ja verboten.
Dann bleibt nur noch eins. Ich drehe mich zum Banditenboss und ziele mit meiner Hand auf ihn.

Windklinge.“

Eine eher schwach gehaltene Klinge fliegt auf ihn zu. Direkt in der Mitte seines Halses schneidet sie waagerecht durch sein Fleisch und ein Stück in den Baum, an dem er gefesselt ist. Einen Augenblick später fällt der dadurch abgetrennte Kopf nach vorne und auf den Boden. Aus dem Hals sprudelt eine kleine Blutfontäne. Es dauert nicht lange bis seine Weste in Blut getränkt wird.
Es ist vielleicht nicht die beste Vorgehensweise und man kann es nennen wie man will, aber was diesen Typen angeht ist mir alles egal. Sogar meine selbst aufgestellten Regeln. Er musste sterben. Für mich konnte die Sache nicht anders enden als in seinem Tod. Und damit ist meine Mission auch endlich abgeschlossen. Anhand der fehlenden Geräusche gehe ich davon aus dass Raiga auch bereits fertig ist mit seiner Aufgabe.
Der Ablauf war ein wenig anders als erwartet, aber mit dem Erlangen neuer Skills, dem Befreien der unbekannten Schönheit und dem noch lebenden Eren kann ich diese Rettungsmission wohl als positiv beendet einstufen.
Also nix wie zurück und die Belohnung einfordern.
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