Die Reisenden

LeseprobeAbenteuer, Fantasy / P12
12.12.2018
11.01.2019
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Annabelle und Jason bogen gerade rechtzeitig um die Ecke, als sie Stimmen hörten, die bei Rafael ankamen. Er lenkte die Wächter geistesgegenwärtig in die entgegengesetzte Richtung. Die beiden rannten durch verwinkelte, identisch aussehende Korridore, ohne jemandem zu begegnen. Annabelle lief der Schweiß kalt den Nacken herunter, als sie durch die Fenster sah und dutzende weiße Uniformen entdeckte, die unten ausschwärmten. Von weitem sah sie die Flieger in ihrem Turm. Jason keuchte außer Atem, doch Annabelle rannte ohne Pause weiter. Sie wagten es nicht, den Aufzug zu nehmen, und sprinteten die Treppen hinunter. Je tiefer sie kamen, desto mehr Menschen kamen ihnen entgegen, doch keine Wächter. Abrupt zog sie eine Seitentür auf und schob Jason hinein. Sie hoffte, das Türschild richtig gedeutet zu haben, und atmete erleichtert auf, als sie sich zwischen ordentlich zusammengefalteten Uniformen wiederfanden. Hinter den Regalen hörten sie Waschmaschinen schleudern. Annabelle schielte hinter einem der Regale hervor und sah die massigen Geräte, die von zierlichen Frauen und Männern in Grau bedient wurden. Niemand schien sie bemerkt zu haben und sie stellte sich vorsichtig auf die Zehenspitzen, um an den braunen Lederstoff heran zu reichen. Mit einem Ruck zog sie zwei Uniformen vom Stapel und reichte Jason die größere.
»Zieh es an«, zischte sie. Adrenalin pumpte durch ihre Adern und sie zitterte, als sie sich die Lederjacke vom Leib riss und die Uniform anzog. Sicherheitshalber steckte sie noch die goldene Karte in die Seitentasche der hautengen Lederuniform, die ihr fast die Luft zum Atmen nahm. Jason zog sich den Pullover über den Kopf und legte die braune Jacke an, die locker an seinem Körper hing. Annabelle lauschte, doch kam niemand, als sie die Lederhose über ihre Jeans zog. Die Jeans rutschte nach oben, doch das kümmerte sie wenig, als die Maschinen abrupt zum Stillstand kamen. Jason zog sich die Hose über die Hüften und Annabelle spähte vorsichtig durch die Tür in den Gang hinaus. Lederjacke und Pullover stopften sie zwischen die aufgestapelten Uniformen und stahlen sich hinaus, bevor sie von Wäschern entdeckt wurden.
»Was soll das?«, presste Jason hervor und deutete auf die braune Lederkleidung.
»Jäger tragen sie«, murmelte sie, als sie die letzte Treppe hinunter eilte. In der überfüllten Eingangshalle sah sie hin und wieder einen Wächter zwischen den bunten Klamotten. Annabelle und Jason senkten die Köpfe und drängelten sich durch die Menge zum Ausgang. Als die Menschen ihre braune Kleidung sahen, machten sie Platz und ließen sie hindurch. Sie schafften es auf die Straßen, auf denen dutzende Männer und Frauen in Weiß lauerten. Doch die Jägeruniformen erfüllten ihren Zweck und die Wächter sahen durch die Reisenden hindurch. Jason lobte Annabelle innerlich für die gute Idee und zog sie in eine angrenzende Gasse. Unzählige Menschen in grauen und beigen Uniformen starrten die beiden unverhohlen an und Annabelle erkannte, wo sie sich befanden. Sie liefen nicht mehr zwischen den modernen und gläsernen Gebäuden, sondern zwischen den alten Häusern, in denen die untere Schicht des Volkes lebte. Kein Wächter patrouillierte hier, doch hörte Annabelle ihren Namen.
»Annabelle«, hörte sie die junge Stimme. Sie drehte sich um und sah Collin. Nachdenklich musterte er sie und wollte ihnen folgen, doch ein blonder junger Mann erschien aus dem Nichts und zog ihn beiseite. Annabelle erkannte ihn. Sie war mit ihm geflogen, als Elyas sie aus dem Peridon gezogen hatte, doch hatte sie seinen Namen nie erfahren. Der Blonde sah zu ihnen und starrte ihr tief in die Augen, bevor er Collin mit sich auf die sicheren Straßen zog. Sie konnte ihre Dankbarkeit nicht in Worten ausdrücken, als sie sich weiter durch die unsicheren Straßen kämpften. Sie bogen um die Ecke, entdeckten den Turm und Annabelle rannte geradewegs gegen einen Mann, der sie mit fahlem Gesicht angrinste. Höhnisch sah er auf sie herab. Verfaulte Zähne blitzten zwischen den zurückgezogenen Lippen hervor, als er nach ihr griff, und sie trat ihm geistesgegenwärtig mit aller Kraft gegen das Schienbein. Ihre Zehen schmerzten, als der Mann keuchend das Gesicht verzog und auf die Knie sank. Annabelle zog Jason die lange Straße hinunter, doch ihre Schnürsenkel öffneten sich und sie geriet ins Stolpern. Hektisch blickten die beiden sich um, entdeckten jedoch keine Verfolger. Der schmierige Kerl kniete noch am Boden und ein kleiner Junge lief auf ihn zu. Flink huschten sie durch die Tür des hohen Turms und der Geruch von Heu und frisch gemähtem Gras stieg ihnen in die Nase. Heuballen erstreckten sich zu beiden Seiten des Stalls, in dem mehrere Adler schliefen. Die Vögel lagen ohne erkennbare Ordnung auf dem Heu und einige rissen die Augen auf, als Jason und Annabelle sich durch das Gefieder der schlafenden Tiere schlängelten. Das klaffende Loch in der stadtseitigen Mauer ließ die Geräusche der Menschen hinein und Annabelle entdeckte eine weitere Öffnung, durch die blendendes Licht schien, denn die Sonne schob sich über den Horizont und verfärbte die Wiesen und Felder rosarot. Annabelle staunte, wie langsam die Zeit vorbeigegangen war. Sie glaubte, den Sonnenuntergang vor wenigen Stunden gesehen zu haben, doch war die Nacht bereits vorbei. Die Reisende konnte nicht ausmachen, wie lange sie im Verhörraum gesessen und auf Maverick gewartet hatten.
Direkt unter dem Ausgang entdeckte sie das zwischen Heuschichten versteckte, feuerrote Gefieder. Sie sprang über den Flügel eines blauen Fliegers, der ausgestreckt am Boden lag und erreichte Elyas. Durch den dumpfen Aufprall schreckte er auf und schüttelte das Heu von den Federn. Er krähte und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Die schwarzen Augen musterten sie eindringlich, als sie ihm zitternd die Hand auf den Schnabel legte. Sie betete, dass er sie gewähren ließ, damit sie auf ihn klettern konnten. Von draußen hörten sie die Aufruhr der Bürger und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Elyas senkte den Kopf und breitete die Flügel aus, um die beiden aufsteigen zu lassen. Im Augenwinkel bemerkte sie silberne Waffen, die mit einem Lederband unter dem Flügel angebracht waren.
»Du weißt, wo Catille liegt, oder?«, nuschelte Jason, als er hinter ihr aufstieg und sich an ihr festklammerte. Sie antwortete nicht. Elyas gab gurgelnde Geräusche von sich und seine Augen huschten umher. Sie spürten jede Bewegung unter den Schenkeln, als er sich bewegte und auf den Sims der Maueröffnung sprang. Annabelle und Jason duckten sich geschwind, um nicht gegen die Turmwand zu stoßen. Zu ihrer Verwunderung bot sich ihrem Blick ein hunderte Meter tiefer Abgrund dar. Ein Stein löste sich von der Steinmauer, auf der sie standen, und kugelte über die felsige Wand in ein wüstenähnliches Gebiet. Annabelle schrie auf, als Elyas sich nach vorn lehnte und seine Flügel blitzschnell ausbreitete. Mit einem Ruck wurden die beiden nach unten gezogen und krallten die Finger in die feinen Federn, bevor ihr Fall ebenso plötzlich aufgehalten wurde und sie empor glitten. Annabelle hoffte, Elyas wusste, was er tat. Sie vertraute darauf, das er sein Ziel kannte, denn sie hatte seine Reaktion gesehen, als Jason den Ortsnamen Catille ausgesprochen hatte.
Der Flieger lehnte sich scharf zur Seite. Mit heftigen Flügelschlägen glitten sie über die mit Wächtern besetzte Mauer und die Wächter erkannten nicht, dass er nicht Rafael trug, sondern flüchtende Reisende. Annabelle duckte sich und vergrub das Gesicht im weichen Gefieder des Vogels, das sie vor dem kühlen Wind schützte. Jason lehnte sich gegen ihren Rücken, er atmete schwer und sein Atem kitzelte ihren Nacken. Angstschweiß tropfte ihm von der Stirn und Annabelle glaubte, seinen heftigen Herzschlag an ihren Schulterblättern zu spüren. Sie ließen die Stadtmauer hinter sich, atmeten befreit atmeten sie die frische Morgenluft ein und schlossen für einen Moment die Augen, bis Wind in ihre etwas zu weiten Uniformen drang und Annabelle trotz der zwei Lagen Kleidung fror.
Sie konnte nicht glauben, was in den letzten Minuten passiert war. Das Adrenalin und panische Zittern ebbten ab. Vor wenigen Stunden hatte sie in ihrem Bett gelegen und sich trotz gemischter Gefühle darauf gefreut, wieder nach Eris zu reisen. Nichtsahnend hatte sie vor den Mauern des Reiches gestanden. Sie hätten noch umkehren können. Leilas Tod war der Wendepunkt, die beiden waren verhört und beraubt worden und der Weg nach Hause war ihnen mit einem Mal verwehrt. Enttäuschung und Wut machten sich in ihr breit. Sie hoffte einzuschlafen und festzustellen, Eris, Alyntos und Maverick seien nur ein Traum gewesen. Tränen sammelten sich in ihren Augen, sie blinzelte sie weg, kniff die Lider zu und atmete tief durch. Eine Träne entkam und kullerte über ihre Wange, wo sie vom Wind getrocknet wurde. Ihr Kopf war wie leer gefegt. Sie schaffte es keinen klaren Gedanken zu fassen, weshalb sie an den aufgeplusterten Federn an Elyas Nacken vorbei spähte und den Sonnenaufgang beobachtete. Er flog mit mehreren hundert Metern Abstand zur Mauer und Annabelle sah die vielen drängelnden Wächter. Einige schauten dem feuerroten Adler nach, doch sie schreckte auf, als ein dunkelblauer Flieger vom Turm in die Luft stieg.
»Jason!«, rief sie und zeigte zu dem Dutzend Adler, die ihnen dicht auf den Fersen waren. Sie spürte nicht, dass sie an Elyas’ Federn zog, bis dieser den Kopf schüttelte. Er bemerkte ihre Verfolger und flog tiefer. Sie steuerten auf den Peridon zu und Annabelle fürchtete schon, sie verfingen sich in den Baumkronen, doch lenkte er sie geschickt zwischen den Stämmen hindurch. Jason keuchte, während er Halt im rutschigen Gefieder suchte, sich dann doch mit letzter Kraft an Annabelle festhielt. Elyas flog erstaunliche Wenden und Ausweichmanöver und sie schloss zitternd die Augen. Nur den peitschenden Wind und die raschelnden Blätter vernahm sie und die kraftvollen Flügelschläge rüttelten sie durch. Jason drehte den Kopf, doch entdeckte er keine Verfolger. Die dichten Baumkronen und Äste versperrten die Sicht.
Annabelle hätte niemals geglaubt, einem Tier so sehr vertrauen zu können. Sie wusste, ihr Leben stand bei dieser Flucht auf dem Spiel. Fiele sie in diesem Moment, so würde sie sich mehrere Knochen brechen, geschnappt und vermutlich wie Cecelia nach Zavor gebracht werden. Sie mussten landen, dachte sie. Ewig konnten sie sich unter den Dächern der Bäume nicht verstecken. Die Wächter würden sie finden. Unter Ihnen war jedoch nichts außer dem Erdboden und vereinzelten Büschen. Elyas ging in Sinkflug, sie berührten nun fast den Boden und die braunen Stämme rasten an ihnen vorbei, während sie durch das Unterholz rauschten.
Die Baumstämme vor ihnen verblassten und eine dichter werdende Nebelschicht baute sich auf. Die Äste krachten, als ein dunkelblauer Flieger sich durch die Baumkronen kämpfte. Annabelle versuchte, etwas im Nebel zu erkennen und betete, keine abgemagerte Gestalt darin zu sehen. Sie erschauderte beim bloßen Gedanken, sich einem Todesengel gegenüber wiederzufinden. Elyas zog dicht vor dem Nebel steil nach oben, als Annabelle unter seinen Flügel nach einer Waffe griff. Sie wollte nicht schutzlos sein. Ihre Finger glitten durch das Federkleid, als die Schwerkraft einsetzte und sie brutal nach unten gezogen wurde. Sie schaffte es eines der Messer zu lösen und umklammerte es fest. Jason fiel nach unten und zog sie mit sich. Hart prallten sie auf den steinigen Erdboden und Schmerzen breiteten sich rasend schnell in ihren Gliedern aus. Sie stöhnte, doch sah sie Elyas stur weiterfliegen. Er ließ sie zurück, dachte sie. Jason stützte sich auf die Ellenbogen, bevor er mit aufgerissenen Augen aufsprang und sie mit sich zog. Sie ignorierten die Schmerzen und das Stechen in ihren Seiten, als sie den Wächter sahen, der sie verfolgte. Annabelle stolperte über Wurzeln, die über den Waldboden ragten und fiel auf die Knie. Mit brennendem Schienbein rappelte sie sich wieder auf und hechtete zu Jason. Sie liefen im Zickzack, in der Hoffnung, den Wächter zu verlieren. Der Boden vibrierte und sie wagte es nicht, zur Seite zu sehen. Sie ahnte, was auf sie zu kam, doch ließ sie sich nicht vom Weg abbringen. Sie rannten, bis sie grünes Wasser vor sich sahen, das von mehreren Bäumen umgrenzt war. Abrupt stoppte Annabelle und hielt die Hand ausgestreckt zur Seite. Jason knallte mit voller Wucht dagegen und taumelte zurück. Sie hatte den Abgrund rechtzeitig gesehen, bevor sie gefallen wären. Hufen trampelten über den Erdboden und Tierschreie ertönten. Der Flieger des Wächters kämpfte sich hinter ihnen durch das Geäst.
»Spring!«,  rief Annabelle.
»Was?«, brüllte Jason, doch zu spät.
Sie schritt zurück, nahm Anlauf und sprang. Er griff nach ihrem Arm, um sie aufzuhalten, doch taumelte er und fiel. Ihre Haare wirbelten durch die Luft und behinderten ihre Sicht. Annabelle holte tief Luft und hielt den Atem an, bevor sie schmerzhaft die Wasseroberfläche durchbrach und weit hinunter tauchte. Die Augen kniffen sie zusammen, sobald sie die eisige Kälte spürten. Ihre Glieder protestierten und wurden steif. Das Wasser sog sich durch Leder und Baumwolle. Annabelle glaubte, wie ein Stein zu sinken. Das Wasser brannte auf ihrer Haut, als hielte sie sie über eine Flamme. Krampfhaft versuchten sie aufzutauchen. Ihre Hände und Füße wurden taub, doch gaben sie nicht auf. Annabelle stieß Luftblasen aus dem Mund, um herauszufinden, wo oben war. Stück für Stück kämpften sie sich hinauf, während der Druck auf ihren Lungen zunahm. Das Blut in ihren Adern schien zu gefrieren. Salzwasser drang durch ihre Lippen und Schatten umkreisten sie. Jason zappelte wild mit den Händen, als sich etwas an seinem Bein festbiss. Er spürte, wie sich dünne Zähne durch das Leder bohrten und ihm millimetertief in die Haut drangen, und trat mit seinem anderen Bein gegen das fingerlange Tier. Es ließ von ihm ab, nachdem er es kraftvoll von sich getreten hatte, doch ihm ging die Luft aus und er unterdrückte verzweifelt den Drang einzuatmen. Nur noch einen Meter, dann hatten sie es geschafft.
Würgend stießen sie durch die Oberfläche und suchten nach Halt. Ein weiteres Tierchen attackierte Annabelles Hüfte. Sie keuchte und blinzelte die brennenden Wassertropfen aus dem Augen, biss die Zähne aufeinander und strampelte zur Felswand, von der sie gesprungen waren. Niedrige Wellen klatschten gegen das Gestein. Sie sah nach Jason, der ebenfalls auf die Felsen zusteuerte. Sein Gehirn war wie gefroren, als er sich mit letzter Kraft aus dem Wasser zog. Heftig hustete er und hielt ihr die Hand entgegen. Schmerzerfüllt umklammerte sie ihre Hüfte. Ein junger Hai, groß wie ein Barsch, zappelte verbissen daran und ließ erst los, als sie ihm mit der Faust auf die Nase schlug. Die Augen des Hais schlossen sich, bevor sich die scharfen Zähne lösten und eine tiefe Bisswunde zurückließen. Platschend fiel der Räuber in das aufgewühlte Gewässer zurück und Sand wirbelte wie kleine Stürme unter Wasser. Jason röchelte und begutachtete sein Bein, an dem er ähnliche Bisswunden entdeckte. Der Hai hatte sich durch die Kleidung gebissen, doch waren die Zähne nicht so weit vorgedrungen, wie bei Annabelle. Diese drückte die Hand auf die offene Wunde und suchte am Himmel nach ihren Verfolgern, doch niemand war zu sehen.
Sie spuckten Salzwasser aus und Jason schüttelte den Kopf, um den Druck und das Wasser aus seinen Ohren zu lassen. Annabelles Haar hing nass im Gesicht und die Wimpern klebten aneinander und trübten ihre Sicht. Frischer Wind zog um ihre zitternden Körper und raubte ihnen die restliche Wärme. Die Lippen blau angelaufen umschlangen sie ihre an die Brust gezogenen Knie.
»Verdammt«, fluchte er.
Annabelle hörte seine Stimme dumpf und undeutlich. Wasser hatte sich in ihrem Gehörgang gesammelt, weshalb sie mit den Händen gegen ihre Schläfe klopfte.
Sie runzelte die Stirn und war bereit aufzuspringen, als sie aus den Augenwinkeln eine zierliche Gestalt wahrnahm. Reflexartig griff sie nach dem Messer, das sie achtlos auf den Felsen geworfen hatte. Es steckte fest. Annabelle fuhr zu der sich vorsichtig nähernden Gestalt herum. Es war ein Mädchen, ihr blondes Haar zu struppigen Zöpfen geflochten. Sie trug eine Hose, ähnlich der Jäger, auch ihr Oberteil erinnerte an eine Rüstung. Unschlüssig starrte sie die Reisenden an und legte den Kopf schief.
»Ihr seid geflohen!« Sie deutete zum Himmel.
Annabelle nickte heftig. Sie spürte ihre Füße und Hände nicht mehr. Ihre Finger glitten bei jedem Versuch ab, die Klinge zwischen den Steinen hervor zu ziehen. Sie rutschte zu Jason, der das Mädchen musterte. Er staunte über das Auftreten der jungen Frau, als er die glänzenden Klingen an der Hüfte entdeckte.
»Du bist ein Gewandelter?«, fragte das Mädchen und näherte sich Jason, der hektisch den Kopf schüttelte. Niedergeschlagen senkte sie den Kopf und sah auf ihre Wunden.
»Reisende also?«, hakte sie nach.
»Ja«, hustete Annabelle und schaffte es, das Messer zu befreien. Hastig wich das Mädchen zurück, als sie die Klinge in ihren Händen sah und legte selbst die Hand an ihre Hüfte.
Beruhigend hob Annabelle die Hände und steckte das Messer in eine Seitentasche der Uniform.
»Wir sind aus Alyntos geflohen«, fügte sie hinzu.
»Lilian«, brüllte eine tiefe Stimme und schwere Schritte polterten über die Steine. Ein Mann sprang an die Seite des Mädchens und zerrte sie hinter sich. Er war älter, hatte einen weißen Bart und vereinzelt Haare auf dem Kopf. Er starrte sie misstrauisch aus zusammengekniffenen Augen an. Die Stirn gerunzelt, hielt er abwehrend die mit Narben versehene Hand wie ein Schild vor sich.
»Wer seid ihr? Was macht ihr hier?«, zischte er bedrohlich und verdeckte das Mädchen.
»Sie sind geflohene Reisende aus Alyntos«, mischte Lilian sich ein und legte ihre Hand auf seinen ausgestreckten Arm. Augenblicklich senkte er ihn und die Anspannung fiel ab. Seine Mundwinkel zuckten, Jason meinte, ein Lächeln zu sehen. Verwundert sahen sich die Reisenden an.
»Ihr seid von dort oben gesprungen?«, fragte er und sah zur Felskante, bevor er mit hochgezogenen Brauen zu ihnen hinunter blickte. Jason nickte zitternd und klapperte laut mit den Zähnen.
»Kommt«, bat der Mann sie nach raschem Blick auf ihre blutigen Wunden.
Schlotternd erhoben sich die Reisenden. Ihre Kleidung klebte wie eine zweite Haut an ihnen. Der Wind pfiff um ihre Beine und ließ sie erschaudern. Sie überlegten keinen Moment, ob der Mann sie verletzen oder ausliefern würde, dafür waren ihre Gehirne zu überfordert. Die Augen fielen ihnen immer wieder zu und Annabelle wollte nur noch schlafen. Der Mann führte sie über rutschige Felsen weiter am See entlang und sie hielten sich an der Steinwand fest, um nicht erneut in das Eiswasser zu fallen. Ein weiteres Bad würde sie nicht überstehen, da war Annabelle sich sicher. Sie hatte keine Kraft mehr und staunte, dass sie weitere fünfzig Meter durchhielt. Das Gewässer hier war klar und stellenweise gefroren. Sie wunderte sich über die herrschenden Temperaturunterschiede. In der Luft und auf der Kante des Abgrundes hatte sie kaum gefroren, es war angenehm frisch gewesen, doch unten herrschten Temperaturen im Minusbereich.
Kurz bevor sie ein angrenzendes Waldstück erreichten, hielt der Mann an und legte die Finger auf einen Stein in der Felswand.
Auf magische Weise fiel der Schleier, der einen Durchgang getarnt hatte, und ein Tunnel erstreckte sich statt des Fels vor ihnen. Jason schreckte zurück, er wäre fast wieder in den See gefallen, hätte Annabelle nicht rechtzeitig seinen Arm gepackt. Verdattert tastete sie nach der Wand, die sich in Luft auflöste, und fasste ins Nichts. Der Fremde schob sie hinein, doch Annabelles Verstand meldete sich und sie blieb abrupt stehen.
»Wer sind Sie überhaupt?«, fragte sie und sah den Bärtigen an. Er schmunzelte, bevor er aus dem Tunnel spähte und den Schleier schloss. Sie standen in einem stockdunklen Gang und sie hatten keine Wahl, außer sich an den steinigen Wänden entlang zu tasten. Ein Brummen und Plätschern waren zu hören. Jason ging voraus, während der Fremde das Schlusslicht bildete.
Ein dumpfer Schlag, gefolgt von einem Fluchen hallten durch den Tunnel. Annabelle grinste unwillkürlich, als Jason stöhnte, dann sah sie ein Licht am Ende des Tunnels und atmete erleichtert auf, als ihre unterirdische Wanderung in einem schlichten Wohnbereich endete. Mehrere mit fetten Glühwürmchen gefüllten Glasbehälter erleuchteten den Raum. Hungrig klebten sie am Glas und warteten auf Nahrung. Lilian warf ihnen mehrere Blätter und kleine Insekten zu, die sie im Beutel gesammelt hatte, und schloss den Deckel wieder. Erstaunt beobachtete Annabelle die brummenden, bunten Leuchtkäfer. Wasser tröpfelte aus einem Loch in der Wand und sammelte sich in Lachen am Boden, bis es durch die Felsen sickerte.
»Ich bin Jack«, stellte sich der Bärtige vor und bot ihnen einen Platz auf einem der gepolsterten Sessel an. Verwirrt betrachteten sie die Möbelstücke, die durcheinander in der Höhle standen. Manche standen schief und drohten, beim bloßen Berühren umzufallen. Die Kälte drang nicht bis in Höhle vor, doch spürte Annabelle gelegentlich einen frischen Luftzug um die nassen Beine.
Sie riss die Augen auf, als sie den Namen hörte.
»Kennen Sie Anna Dumont?«, fragte sie, doch schüttelte der Bärtige stirnrunzelnd den Kopf und wartete, bis sich die Reisenden vorstellten. Auch wenn Jack Mister Cole, dem Altersheimleiter, bis auf den Bart kaum ähnelte, hatte sie gehofft, eine Person aus Annas Vergangenheit zu finden, die ihr Antworten geben konnte.
»Ich bin Annabelle. Das ist Jason«, meinte sie und setzte sich zögerlich auf das Polster. Sie wollte den Stoff nicht mit ihren durchnässten Klamotten ruinieren, doch Lilian reichte jedem von ihnen einen Stapel Kleidung. Es waren Jägeruniformen. Annabelle kniff die Augen zusammen und besah die lederne Rüstung. Jack bemerkte ihren Blick und beantwortete die stumme Frage.
»Man sollte nichts verschwenden, was die Person nicht mehr gebrauchen kann«
»Ihr könnt euch umziehen, damit eure Kleidung trocknen kann. So holt ihr euch nur den Tod. Auch wenn ich überrascht bin, dass ihr den Sturz überlebt habt. Ich habe schon ein paar von euch gesehen, die in diesem See ertrunken sind. Die Körper werden hier angeschwemmt«, murmelte er und stand auf. Lilian saß vor einem Kamin, der die Höhle erwärmte. Jason sah sich zähneklappernd um, suchte einen Ort, um sich ungestört umziehen zu können.
»Äh … wo?«, stotterte er und griff nach der trockenen Kleidung.
»Dort hinten. Ihr könnt eure Sachen einfach dazu hängen«, meinte Jack und wies auf eine Ecke der Höhle, die in einen weiteren Raum führte. Jason schlurfte hinüber und Wasser quoll aus den Löchern seiner Sneaker. Auch Annabelle fühlte die Flüssigkeit in den Schuhen und die eisigen Socken.
»Danke«
Annabelles Stimme war heiser und rau. Jack sah sie schwach lächelnd an, bevor er einen mit Wasser gefüllten Kessel über das Feuer hängte. Lilian machte es sich davor auf einem durchgesessenen Sofa bequem.
»Tee?«, fragte er, als Jason wiederkam. Der nickte dankbar. Annabelle schnappte sich den übrigen Stoffberg und huschte um die Ecke. Der Raum war schwach beleuchtet, nur zwei Leuchtkäfer schwirrten in einem Glasgefäß. Schnüre zogen sich von einer Seite zur anderen und sie sah die tropfenden Hosen Jasons am Rande. Schlotternd vor Kälte zog sie die Jacke aus, die an ihrem Shirt klebte. Dumpf fiel sie auf den Steinboden, genauso die Lederhose. Ihr Shirt war klamm und auch die Jeans klebte wie eine zweite Haut an ihr und ließ sich nur schwer über ihre Schenkel ziehen. Das feuchte Gefühl blieb, selbst als sie die trockene Kleidung an hatte, doch ließ das Gefühl der Enge nach. Einzig die Schuhe behielt sie in der Hand, um sie neben das Feuer zu stellen. Ihr Zittern hörte auf, als sie sich neben Lilian ans Feuer setzten und ihre Füße wärmten. Frisch gebrühter Tee, der herrlich nach Waldkräutern und Luzerne roch, erwärmte ihre Körper von innen.
»Wieso haben Sie uns geholfen?«, fragte Annabelle und nippte an dem Getränk, das heiß auf ihrer Zunge brannte und sie schaudern ließ. Sie kam nicht umhin zu fürchten, erneut betrogen zu werden. Ihr verankertes Menschenbild ließ nicht zu, zu denken, Jack tue dies aus Nettigkeit. Dafür war sie schon zu oft hintergangen worden und doch war sie naiv genug, den Menschen zu vertrauen.
Jack sah sie verwirrt an und senkte den Kopf:
»Sie haben euch die Portalträger gestohlen, oder?«
»Ja«, seufzte sie leise und kuschelte sich in die Decke, die neben ihr gelegen hatte.
»Das ist der erste Schritt«, murmelte Jack bedrückt und setzte sich neben sie. Jason lag zusammengerollt neben ihr, lauschte und starrte in die lodernden Flammen.
»Der erste Schritt von was?«, fragte sie.
»Früher oder später nehmen sie Alle. Alle kompatiblen Reisenden, alle Gewandelten, das Volk der unteren Schicht. Der Schwarze Regen hat uns verändert. Ihr habt jedes Recht zu wissen, wofür ihr euer Leben hättet geben sollen. Ihr könnt euch glücklich schätzen, nur die Wenigsten schaffen es aus den Reichen zu fliehen, bevor sie nichtsahnend an Orte wie Zavor gebracht werden. Ihr seid geflohen, was bedeutet, ihr seid kompatibel«, begann er und sie sah endlich die Chance, zu erfahren, um was es sich bei dem gefürchteten Ort handelte.
»Was ist Zavor eigentlich? Ich habe den Namen schon oft gehört, seit ich hier bin. Ist es ein Gefängnis?«
Er schüttelte den Kopf und sah in die Flammen, die sich in den dunkeln Augen spiegelten.
»Das wäre zu schön. Zavor ist viel mehr als ein Gefängnis. Es gibt zwei Versionen, die Offizielle würde dich mit einer Definition eines Instituts zur Heilung von Gewandelten abspeisen«
»Und die Inoffizielle?«
»Ein Ort, an dem unschuldige Menschen wie ihr, dazu benutzt werden, die Krankheit, wie man es nennt, zu bekämpfen«, spuckte Jack hervor.
»Wieso wir? Und was bedeutet dieses kompatibel?«, murmelte Jason und gähnte ausgiebig. Er hatte seit mehr als 30 Stunden nicht geschlafen und das sah man ihm an. Er konnte kaum die Augen offen halten, befand sich auf der Kante zwischen Schlafen und Wachsein.
»Seit Jahrzehnten gibt es Reisende. Doch war kein Braunäugiger betroffen. Man hat sich in den Kopf gesetzt, dass ihr das Heilmittel seid, dass etwas an euch anders ist und ihr besonders seid. Jedoch nicht alle Reisenden sind kompatibel, weshalb sie zuerst euer Blut testen. Einige sind zu schwach und sterben bei den einfachsten Eingriffen.«
»Wieso lässt Maverick dann sein Volk nach Zavor bringen. Das ist doch unlogisch. Er verkleinert sein Reich doch nur«, warf Annabelle ein.
»Das tun sie fast nie, es ist meist nur eine Verwarnung. Der alte Allonis würde nichts tun, das die Größe seines Reiches verkleinern würde. Die, die wirklich nach Zavor gebracht werden, müssen entweder Alyntos verraten, oder jemanden umgebracht haben. Die blauäugigen Reinen haben keinen Wert auf dieser Insel, sie sind nur dazu da, um die Normalwerte bei den Tests zu registrieren«
»Sie meinen Tests, wie die Abnahme von Blut?«, fragte sie, doch als sie die Frage gestellt hatte, zweifelte sie selbst daran. Die Menschen würden sich nicht vor so etwas fürchten.
»Ich bin kein Arzt, doch wird denen nicht einfach Blut abgezapft. Niemand stirbt bei einer Blutabnahme, es sei denn, man besitzt danach kein Blut mehr«
»Die Menschen sterben? Aber ihr Gewandelten seid doch auch nicht gestorben, wieso sollte man Methoden anwenden, die das Leben gefährden?«
»Zavor heißt nicht umsonst die Insel ohne Rückkehr. Niemand, der je dort hingebracht wurde, hat es heraus geschafft. Zumindest nicht lebend. Manchmal werden an den Küsten Leichen angespült. Die meisten aber werden von den Meerestieren auseinandergenommen«
Fassungslos verinnerlichte sie die Aussagen. Sie hatte nicht erwartet, dass es ein derart grausamer Ort war, an dem Menschen wie Versuchskaninchen behandelt wurden. Unwillkürlich erschien das Bild einer Rothaarigen vor ihrem inneren Auge. Cecelia hatte gelächelt.
Vor dem Abflug nach Zavor hatte sie gelächelt, als ob sie nicht wüsste, welches Schicksal sie erwartete, und Annabelle fragte sich, wie ahnungslos Cecelia gewesen war, als sie den Fuß auf die Insel gesetzt hatte.
»Entschuldigung, dass ich Sie das frage, doch sie sehen nicht krank aus«, stammelte Annabelle und wollte keineswegs unhöflich sein. Jacks Mundwinkel zuckten und er hob die Hand. Wie am See hielt er sie ausgestreckt mit offener Handfläche vor sich. Sie lehnte sich vor, um zu sehen, was passierte. Schwarze Funken, gleich der abgekühlten Glut, stoben aus seinen Fingern und rieselten zu Boden. Die aschenähnliche Ansammlung bewegte sich und formte sich auf magische Weise zu einem Vögelchen, das fröhlich zwitscherte, vom Boden abhob und Kreise über ihren Köpfen zog. Mit einem Schnippen Jacks verpuffte das kleine Tier und glühende Asche rieselte herunter, erreichte jedoch nie am Boden, sondern löste sich in der Luft auf. Sie riss die Augen auf und starrte ihn begeistert an.
»Was … Wie …?«, stammelte sie ungläubig. Jason schreckte aus dem Halbschlaf hoch und stieß gegen Lilian, die neben ihm eingeschlafen war. Fassungslos sah er in die Luft, in der wenige Sekunden zuvor ein Vogel, ähnlich einem Phönix in Asche aufgegangen war.
»Ich denke, ihr habt die falsche Vorstellung, was es bedeutet, ein Gewandelter zu sein«, schmunzelte Jack und lehnte sich zurück, während die Reisenden ihn mit offenen Mündern musterten.
»Ich … Habe bisher nur … Einen Todesengel gesehen. Ich dachte …«, bekam Annabelle heraus. Schallendes Gelächter unterbrach sie.
»Du dachtest, jeder Gewandelte ist ein Todesengel? Die sind hier seltener als freie Reisende. Du scheinst wirklich Glück zu haben. Es gab bisher niemand, der diese Gewandelten gesehen hat. Zumindest hat man nie von so jemand gehört«, sagte er.
»Nein … Ich dachte nur, Sie seien … Grausam«, murmelte sie. Sie verstand nicht, wieso diese wunderbare Art der Magie geheilt werden musste. Lange hätte sie dem magischen Vogel zugesehen, wie er elegant seine Kreise drehte und fröhlich zwitscherte.
»Nicht jeder von uns hat die komplette Kontrolle über seine Kräfte verloren. Es wird nur gern so dargestellt, um den Reinen einen Grund zu liefern, warum wir gefährlich sind. Wir werden als Bedrohung dargestellt, die jeden umbringt. Wir sind nicht alle gleich. Jeder hat seine eigenen Kräfte. Meine ist die Verbundenheit mit Tieren. Ich kann sie verstehen, ich kann sie herbeirufen und mich in eines verwandeln«
Die Müdigkeit schwand aus Annabelles Gesicht, als sie sich neugierig aufsetzte.
»Es gibt verschiedene Arten von Gewandelten?«
»Ja, Arten ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es gibt elf Gruppen von Magiewirkern, wir bevorzugen diese Bezeichnung. Die Luft-, Wasser- und Feuerwirker beherrschen das betreffende Element. Die Todesengel, die aus jeglichen Wesen das Leben heraus saugen, um selbst zu überleben. Sie sind in der ersten Stufe in der Lage die Toten zu sehen«
»Was ist die erste Stufe?«
»In den meisten Fällen gibt es drei Stufen, die ein Magiewirker durchlebt und dabei lernt, die ihm zuteil gewordene Magie immer besser zu nutzen. Jeder findet dabei seinen eigenen Weg. Ich konnte zuerst die Tiere verstehen und sie verstanden mich. In der zweiten Stufe konnte ich sie herbeirufen und kontrollieren, in der dritten kann man sich selbst verwandeln. Natürlich ist das bei allen Magiewirkern verschieden. Ein Todesengel, sieht zuerst die Toten, dann kommuniziert er mit ihnen, bis er selbst fast zu einem wird.«
»Wie lange dauert eine Stufe an?«
»Das ist unterschiedlich. Die Lebensengel brauchten Jahre um es zur dritten Stufe zu schaffen. Sie sind in der Lage, zuerst Pflanzen, dann Tiere und dann Menschen wieder zu beleben«
»Das Gegenteil der Todesengel«, murmelte Annabelle. Jack nickte und fuhr fort.
»Unsere Heiler können, wie ihr Name schon sagt, Wunden heilen und Tränke aus speziellen Kräutern brauen, die zur Heilung beitragen. Formwirker können sich in jeden beliebigen Gegenstand oder Person verwandeln, während sich Tarnwirker wie ein Chamäleon anpassen können, bis sie komplett unsichtbar sind. Die Kraftwirker spüren Energie, können sie leiten und erzeugen. Zeitwirker können die Zeit für wenige Sekunden beeinflussen. Und schließlich gibt es die Animalen, wie mich«, endete Jack, während Annabelle versuchte, die neuen Informationen abzuspeichern. Sie empfand es als aufregend und furchteinflößend, zu wissen, dass dies keine Lügen waren. Dass es diese Gewandelten tatsächlich gab, faszinierte sie. Zwei von ihnen hatte sie schon kennengelernt. Sie verstand, worauf er hinaus wollte. Man konnte Animalen nicht mit Todesengeln vergleichen. Überfordert bemühte sie sich die neuen Wörter und Bedeutungen einzuprägen.
»Ich verstehe nicht, wieso man davon geheilt werden will. Außer natürlich diese Todesengel, die haben jeden Grund«, fragte Jason. Auch Annabelle schwirrte diese Frage im Kopf. Auf der Erde würde man versuchen, solche Kräfte zu erlangen und effektiv zu nutzen, statt sie aufzuhalten.
»Wer sagt denn, dass ich geheilt werden möchte? Die Wenigsten wollen geheilt werden. Doch gibt es Einige, die viel Unheil mit ihren unkontrollierten Ausbrüchen anrichten. Viele haben wegen ihrer Kräfte ihre Familie verloren und einige haben ihre Liebsten unabsichtlich selbst getötet. Diese Heilung wäre eben nicht für jeden ein Geschenk. Ich würde meine Kräfte nie mehr hergeben wollen. Tiere sind viel witziger und intelligenter als manche Menschen«, lachte Jack, während Jason an seiner Aussage zweifelte.
»Sie halten Glühwürmchen in einem Glas fest«, nuschelte der Reisende und deutete zu den von der Decke herabhängenden Lichtquellen, die die Höhle in ein sanftes Grün tauchten.
»Die sind freiwillig hier. Ziemlich faul. Ich gebe ihnen etwas zum Fressen und einen Unterschlupf. Sie geben uns im Gegenzug Licht. Glaubt mir, es wäre ziemlich schwer diese Leuchtkäfer zu fangen, sie können ganz schön flink sein«, erwiderte Jack.
»Wenn wir schon bei dem Thema sind, wo wollt ihr eigentlich hin? Ohne eure kleinen Portalträger kommt ihr nicht von hier weg«, fügte er hinzu und stützte sich auf die Knie.
Beide schwiegen. Sie wollten nicht riskieren, gefunden zu werden. Gleichzeitig fragten sie sich jedoch, wieso Jack sie wie Gäste aufgenommen hatte, obwohl er die Möglichkeit hatte, sie an die Jäger auszuliefern. Dieser bemerkte die bedrückte Stimmung und hob einen Mundwinkel an.
»Entweder ihr wisst nicht, wohin ihr geht, oder ihr wisst es ganz genau. Glaubt mir, ich werde es nicht weitersagen. Wieso auch? Ihr müsst es mir nicht sagen. Wenn ich gewollt hätte, würdet ihr in diesem Moment durch den Peridon rennen und vielleicht wärst du dort, so viel Glück wie ihr habt, deinem zweiten Todesengel begegnet«
Gerade als Annabelle sich entschied, dem bärtigen Mann zu antworten, schlug etwas schweres auf dem See vor der Höhle auf. Reflexartig verkrampften sie sich und Jack sprang auf.
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