Der erste Schnee

von KiraNear
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P6
Conan Edogawa Ran Mori
12.12.2018
12.12.2018
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„Also dann, Sonoko, wir sehen uns dann nächste Woche in der Schule wieder! Und richte deinen Großvater doch bitte einen Gruß aus, er war neulich sehr freundlich zu uns!“, rief Ran ihrer besten Freundin zu, die ihr nun ebenfalls zum Abschied ein Lächeln schenkte. Freitagmittag, der Unterricht endete für ihre Klasse früher als erwartet, weshalb Ran und ihre Mitschüler bereits zur Mittagszeit nach Hause gehen konnten. Der Himmel, vollständig mit Wolken bedeckt und die trübe, farblose Atmosphäre hinterließ auch an Ran seine Spuren. Kaum war ihre beste Freundin um eine Ecke verschwunden, verschwand auch ihr Lächeln und sie blickte sehnsüchtig in den Himmel hinauf. Als würde er ihr in jeder Sekunde all seine Geheimnisse, alle Antworten auf ihre Fragen mitteilen können, sobald sich nur ein kleiner Spalt in die Wolkendecke drängen würde. Doch das Wetter war nicht auf ihrer Seite, stattdessen verdichteten sich die Wolken noch immer mehr. Nach einem kurzen Blick in jede Richtung, verstärkte Ran ihren Griff um ihre Schultaschen und schritt die Treppen hinauf.

Mit einem leichten Seufzen betrat sie das Büro ihres Vaters, aktivierte den Lichtschalter und schob die Tür langsam hinter ihr zu. Wie erwartet fand sie das Büro leer vor und es gab auch keine Anzeichen dafür, dass sich jemand vor ihr in dem Zimmer aufgehalten hatte. Ihr Vater war, wie er ihr hastig am Telefon erklärt hatte, spontan von seinen Freunden, mit welchem er sich seine wöchentlichen Mah-Jongg-Freuden teilte,  zu einem gemeinsam Treffpunkt in den Bergen aufgebrochen. Sie wusste, dass dieses Treffen das komplette Wochenende für sich beanspruchen würde und sie ihm mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit vor dem nächsten Montag nicht zurückerwarten musste. Doch so sehr sie seine Spielleidenschaft nicht verstehen konnte, war sie doch um ein paar wenige Tage frei von der Detektivarbeit ihres Vaters erleichtert. Zwei weitere Morde hatten die bisherige Woche bereits gekennzeichnet, ein Schicksal, an welches sie sich nie gewöhnen konnte. An welches sie sich nicht gewöhnen wollte. Es würde ein ruhiges und entspanntes Wochenende werden, das hatte sie sich fest vorgenommen.

Vielleicht kann ich ja Conan dazu überreden, dass wir uns zusammen einen Kinofilm ansehen oder etwas anderes unternehmen. Er ist zwar heute mit seinen kleinen Freunden bei Professor Agasa, aber die restlichen zwei Tage soll er sich ja auch nicht allzu sehr langweilen …

Sie legte ihre Tasche auf dem Sofa ab und sah aus dem Fenster hinaus. Etwas hatte aus dem Augenwinkel heraus ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen und erst jetzt erkannte sie, worum es sich handelte. Viele weiße Flocken, erst kleine, dann große flockige, fielen in einem wirren Tanz in verschiedenen Richtungen vom Himmel hinab auf die Erde. Der Boden war bereits so weit herunter gekühlt, dass der Schnee problemlos liegen bleiben konnte. Ran trat an das Fenster heran, betrachtete abwechselnd den fallenden Schnee und die Menschen, die sich auf den Gehwegen vor ihrem Haus aufhielten. Manche von ihnen hatten sich bereits vorbereitet und öffneten ihre Schirme, um sich vor der kalten Pracht zu schützen. Andere wiederum sahen die Angelegenheit locker oder beschleunigten ihr Tempo, um so wenig Schnee wie möglich abzubekommen. Ran beobachtete sie alle, bis sich ihre Sicht mit einem Mal verschlechterte, ihre Augen brannten und ihre Sicht wurde immer verschwommener.

Warum nur?, sagte sie ihn Gedanken und begann, ihre Tränen wegzuwischen.

Warum nur kannst du nicht endlich nach Hause kommen? Du bist schon so lange weg und ich vermisse dich so. Dabei hatte ich so darauf gehofft, dass wir uns den ersten Schnee des Jahres gemeinsam ansehen könnten. So wie früher, wenn unsere Schneeanzüge angezogen haben, damit wir mit dem ersten Schnee etwas zusammen bauen konnten, selbst, wenn es eigentlich nicht zusammengehalten hat. Wo bist du nur? Warum kannst du nicht endlich zu uns zurückkommen?

Ran unterdrückte ein Schluchzen, doch die Tränen, die ihr immer mehr und mehr aus der Seele und damit aus ihren Augen flossen, konnte sie nicht mehr aufhalten.

Ich wollte doch nicht mehr weinen – und doch tut es so weh. Warum tust du mir nur so weh damit? Wie lange wird es dauern, bis wir uns wiedersehen? Bis ich wieder deine Stimme hören kann? Bis du dich dazu entschließt, für immer bei mir zu bleiben?

Erneut wischte sie ihre Tränen weg, mehrere Male, doch dann gab sie es schließlich auf.

Ich wollte doch stark sein. So oft muss ich stark sein, aber ich kann es nicht, ich kann es nicht mehr. Bitte, Shinichi, ich kann es nicht mehr. Es ist so schwer und du bist nicht bei mir,  um mit mir den ersten Schnee zu betrachten, wie wir es sonst immer getan haben. Ob du jetzt in diesem Moment auch an einem Fenster stehst? Siehst du dir jetzt auch den gleichen Himmel an, den gleichen Schnee? Ach Shinichi, wenn ich doch nur wüsste, was mit dir los ist …

Ein letztes Mal wischte sie sich mit der Handfläche über ihre Augen, zog ihre Nase hoch und sah immer weiter den Schnee an. Dabei bemerkte sie nicht, wie etwas an ihrem Winterrock zog, erst, als sie ein zartes „Ran?“ hörte, versuchte sie das Beben ihrer Brust zu kontrollieren und blickte zu dem Besitzer der Stimme herunter.

„Conan, du bist wieder zuhause?“, fragte sie, während sie versuchte, so fröhlich wie möglich zu klingen. Sie wusste, sie konnte dem kleinen, schlauen Jungen nichts vormachen, vor allem mit den verweinten Augen. Ihm entging nicht einmal das kleinste Detail, was sie wiederum erneut an Shinichi erinnerte, selbst, wenn es nicht zur Absicht des kleinen Jungen gehörte.

„Ran, ist alles in Ordnung?“, fragte Conan sanft mit seiner Kinderstimme, was ein weiteres Mal Muttergefühle in der jungen Frau erweckten. Sie tupfte sich die Augenränder mit ihrem Ärmel ab und zwang sich zu einem Lächeln, was ihr nun auch deutlich leichter fiel.

„Ja, aber auch nur aus Freude. Es ist der erste Schnee in diesem Winter und er hatte etwas … magisches an sich, da konnte ich einfach meine Freude darüber nicht verbergen. Wie du ja weißt, kann man auch weinen, wenn man sich über etwas freut, du musst dir also keine Sorgen machen, dass ich traurig bin“, versuchte sie ihn und auch ein wenig sich selbst zu überzeugen. Besorgt sah der Kleine sie an, wenige Sekunden später lag jedoch ein Lächeln auf seinen Lippen.

„Sag mal, Conan, wolltest du nicht mit deinen Freunden zu Professor Agasa gehen?“, versuchte sie das Thema in eine andere Richtung zu lenken. Worauf Conan auch gleich ansprang.

„Nun ja, das hatten wir vor, allerdings ist der Professor wohl ziemlich erkältet und er will nicht, dass wir uns bei ihm anstecken. Das mit dem Computerspiel holen wir nach, wenn es ihm wieder besser geht, hat er uns gesagt“, sagte er und ließ Rans Rock wieder los.

Erst jetzt bemerkte Ran, dass sich kleine, glitzernde Wassertropfen in den Haaren des Grundschülers befanden. Offenbar war in den Schnee hineingeraten und an seiner Schuluniform befand sich zu seinem Nachteil keine Kapuze. Ran kicherte ein wenig.

„Du Armer, du bist ja ein wenig nass geworden durch den Schnee. Ich mache dir einen Vorschlag, erst werde ich dich ein wenig trockenrubbeln und dir warme Kleidung geben. Danach werde ich uns ein kleines Mittagessen machen und wir schauen uns dann gemeinsam den ersten Schnee an? Was denkst du, ist das eine gute Idee?“, fragte sie ihn und lächelte ihn dabei an. Conan nickte, hatte er doch die Maskerade längst durchschaut, machte aber selbst gute Miene zum bösen Spiel.

„Was ist mit dem Onkelchen, wird er denn nicht mitessen?“

Dabei sah er sich demonstrativ um, so, als wäre er wie Conan bereits nach Hause gekommen, ohne, dass es jemand mitbekommen hatte. Doch Ran schüttelte mit dem Kopf.

„Nein, er und ein paar Freunde sind übers Wochenende in die Berge zu fahren, um Mah-Jongg zu spielen. Ich verstehe zwar nicht, warum man dafür ausgerechnet in die Berge fahren muss, aber wenn es ihm Spaß macht, warum nicht? Außerdem haben wir dadurch ein paar Tage für uns und müssen uns nicht mit einem neuen, fürchterlichen Fall herumschlagen.“

Sie ließ einen Seufzer von sich, pure Erleichterung sprach aus ihr heraus. Eine Tatsache, die Conan durchaus nachvollziehen konnte.

„Nun gut“, sagte Ran nun etwas gefestigter, „dann warte hier kurz auf mich, ich hole dir nur schnell aus der Wohnung ein Handtuch und Wechselsachen. Leg doch schon mal deine Tasche ab und zieh deine Sachen aus, ich bin gleich wieder zurück.“

„In Ordnung“, erwiderte Conan, da hatte Ran bereits das Büro wieder verlassen. Seine Maske bekam einen Bruch und für einen kurzen Augenblick sah er ihr traurig nach.

Du musst mir nichts vormachen … ich weiß doch ganz genau, was dich beschäftigt. Es tut mir Leid, Ran, dass ich dich schon wieder zum Weinen gebracht habe. Doch ich verspreche dir, eines Tages werden wir uns den Schnee gemeinsam ansehen können, ganz so, wie du es dir wünscht.

Er betrachtete die Tür noch für einen kurzen Moment, kaum konnte er Rans Schritte auf der Treppe vernehmen, setzte er seine innere Maske wieder auf und lächelte die junge Dame an. Dabei legte er seine Schultasche neben der von Ran ab.

„Nun aber schnell raus aus den nassen Sachen. Du möchtest dich doch nicht schon wieder erkälten, oder?“

„Nein, natürlich nicht“, sagte Conan mit einer kindlichen Leichtigkeit in seiner Stimme, die auch Ran fröhlich stimmte. Diese schnappte sich das Handtuch, half Conan aus seiner halbnassen Kinderkleidung heraus und setzte ihn zu sich auf die gegenüberliegende Couch.

„Gut, das wird jetzt nicht lange dauern“, sagte sie und begann vorsichtig den Jungen vor sich abzutrocknen. „Ist dir das zu fest?“

„Nein“, sagte Conan und schüttelte leicht mit dem Kopf, was er jedoch schnell wieder bleiben ließ, verteilte er einzelne Tropfen auf dem Sofa, Ran und sich selbst. Ran kicherte.

„Ach, Conan … es ist egal, wie erwachsen du dich gibst, im Grunde bist du immer noch der gleiche, niedliche Junge“, sagte sie amüsiert.

Ja … das bin ich wohl, dachte er und ließ sich weiterhin von ihr die Haare trocknen. Dabei sah er ihr in die Augen und lächelte, was sie auf eine warme und herzliche Art erwiderte.
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