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Vergeben, nicht vergessen

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P6 / Gen
Dudley Dursley Harry Potter Lily Potter Petunia Dursley Severus Snape
11.12.2018
14.09.2019
9
17.726
66
Alle Kapitel
50 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
11.12.2018 1.998
 
“I wanted there to be redemption and I wanted there to be forgiveness.“


J. K. Rowling über die Beziehung zwischen Harry Potter und Severus Snape




…und meiner Meinung nach ist diese Vergebung und Erlösung erst viel zu spät gekommen und keiner der beiden, Severus voran, hatte noch die Zeit, sie zu genießen und etwas daraus zu machen.

Darum diese kleine Weihnachtsgeschichte, die der vielleicht etwas naive, aber hoffentlich herzwärmende Versuch ist, Severus schon ein wenig früher etwas Last abzunehmen und den beiden einen besseren Start in ihre gemeinsame Beziehung zu ermöglichen. Dies ist der Versuch, zwei sehr unterschiedlichen, aber gleichsam einsamen Menschen im Sinne des oben erwähnten Zitats ein schöneres Weihnachten und vielleicht sogar ein leichteres Leben zu schenken.

Außerdem: Tausend Dank an die Person(en), die diese Geschichte in den Kategorien "Beste Geschichte - Alternate Universe" und "Beste Geschichte - Gen / ohne Pairing" für den Harry Potter Award 2019/20 nominiert hat/haben! Ich fühle mich geehrt, dass jemand bei der Fülle der Geschichten auf diesem Forum an mich gedacht hat! Die Abstimmung  läuft noch bis Ende Juni, und zwar in echt vielen Kategorien, falls ihr eure Stimme abgeben möchtet - ihr findet sie hier.

Disclaimer: Charaktere, Orte und die ganze Harry-Potter-Welt gehören selbstverständlich einzig und allein J. K. Rowling. Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte (und bezweifle auch, dass mir jemand welches dafür zahlen würde). Der Disclaimer gilt für sämtliche Kapitel dieser Geschichte!




Ein kalter, kalter Wintertag

Es war der kälteste Nachmittag, den das Jahr 1990 bisher erlebt hatte, als ein dürrer, hakennasiger Mann aus seiner schäbigen Haustür in eine noch schäbigere, graue Straße floh. Er trug einen langen, schwarzen Mantel, der im Dezemberwind hinter ihm her flatterte wie sein schlechter Ruf,  auf dem Gesicht den Ausdruck völliger Gleichgültigkeit und im Herzen die altbekannte Last einer Schuld, die zu tragen er für den Rest seines Lebens als seine Aufgabe ansah. Dünne Schneekristalle flimmerten halbherzig durch die Luft und zum ersten Mal seit vielen Jahren kam es vor, dass sogar der Rand des Flusses von einer Eisschicht bedeckt war und das schlammige Wasser nur in einer schmalen Rinne in der Mitte träge Richtung Meer schwappte.

Severus Snape hatte den Tag begonnen wie jeden anderen verfluchten Ferientag in seinem kleinen Elternhaus ganz am Ende von Spinner’s End. Er war früh aufgewacht, hatte einen missmutigen Blick in den Nebel geworfen, der vom nahen, schlammigen Fluss zu seinen schmutzigen Fenstern hinaufwaberte, und hatte mit einem Seufzen ein paar Löffel Haferflocken mit Milch in seinen Mund geschoben, ohne jedoch etwas zu schmecken. Dann hatte er sich in seinem kleinen, düsteren Wohnzimmer vor dem Kamin niedergelassen und mit der Arbeit begonnen. Wütend und schonungslos hatte seine Feder über unzählige Rollen Pergament gekratzt und die traurigen Versuche unzähliger Schüler mitleidlos niedergemacht. Severus hasste seine Arbeit. Niemals hatte er von seinen Schülern etwas zu lesen bekommen, das auch nur ansatzweise seinen Ansprüchen genügte. Diese Aufsätze zu korrigieren, war wirklich eine Qual.

Heute aber war der Tag, der Moment gekommen, den Severus in jeden Ferien fürchtete – der Moment, in dem er jeden noch so schlechten Aufsatz korrigiert, jede unliebsame Unterrichtsstunde der kommenden Wochen bis ins Detail geplant und sogar den Tagespropheten, dieses Schundblatt, ausgelesen hatte... Und plötzlich war er allein gewesen, allein mit sich selbst, ohne Arbeit, ohne Ablenkung und nur mit seinen Gedanken.

Er hatte an seinem Schreibtisch gesessen, die leidigen Aufsätze ordentlich zu einem Stapel aufgeschichtet, die Feder auf der Tischplatte abgelegt, das Tintenfass zugeschraubt… und plötzlich war ihm eine Kälte in die Glieder gekrochen, die nichts mit dem Winter zu tun hatte. Es war ein Gefühl, das ihn seit zehn Jahren umgab, stets darauf lauerte, dass er innehielt, dass er es wagte, zurückzudenken… Und besonders in diesem Haus sickerte aus jeder Ecke die Vergangenheit, hüllte ihn ein und schlang sich um seinen Hals wie ein zu enger Schal, wartete nur darauf, dass er unachtsam wurde. Er hatte bewegungslos dagesessen, ins Dunkel gestarrt und gespürt, wie es unaufhaltsam auf ihn zukroch – etwas, das er nur zu gut kannte, das ihn nicht erreichen durfte, nicht hier, nicht jetzt…

Hastig hatte er sich den Mantel übergeworfen, hatte den Zauberstab in den Jackenärmel gleiten lassen und war hinaus in den Winternachmittag gehastet. Atemlos eilte er jetzt durch die tristen, verlassenen Straßen. Die Schornsteine der nahen Fabrik ragten starr und kalt in den bleichen Winterhimmel wie mahnende Zeigefinger. Severus glitt vorüber wie ein Schatten. Sein Gesicht verriet nichts von dem, was wirklich in ihm vorging. Die dunklen Brauen waren finster zusammengezogen, die stechenden schwarzen Augen blickten missmutig über die krumme Nase in den Winternachmittag.

Für gewöhnlich, wenn die Vergangenheit nach ihm packte, ertränkte er die aufkommenden Gefühle in Wut. So war es auch diesmal. Einem streunenden, mageren Hund, der es wagte, Severus ein paar Schritte nachzulaufen und ihn bettelnd anzublicken, warf er einen so vernichtenden Blick zu, dass das Tier winselnd den Schwanz zwischen die Beine klemmte und machte, dass es wegkam.

Severus mangelte es nie an Gründen, wütend zu sein. Streunende Hunde waren nur der Anfang. Bei weitem schlimmer als diese war diese ganze unnötige Aufregung um Weihnachten. Immerhin war seine Wohngegend so heruntergekommen, dass die wenigsten Bewohner kitschige Figuren in ihren Vorgärten aufstellen konnten – schon allein deshalb, weil kaum jemand überhaupt einen Vorgarten besaß – aber das konnte den Pöbel offensichtlich nicht daran hindern, grelle, glitzernde, blinkende Girlanden, Sterne und Weihnachtsmänner aufzuhängen. Severus wurde ganz übel von der ganzen geheuchelten Fröhlichkeit. Verachtenswert, diese künstliche Einträchtigkeit, die die Menschen einmal im Jahr zur Schau stellten, obwohl die meisten hier sich an Weihnachten nur betranken und sich mit fettem, billigen Fleisch vollstopften, bevor sie mit ihren Verwandten in Streit gerieten. Da war man schon besser das ganze Jahr über allein und schlecht gelaunt. So wie er. Nein danke, Severus vermisste Weihnachten wirklich nicht. Unnötig zu erwähnen, dass es in seinem Haus noch nicht einmal einen einzigen, schlichten Strohstern gab.

Mit hochgezogenen Schultern und über die Maßen mürrisch schlug Severus den Weg zum Fluss ein. Es gab wahrscheinlich nur eine Sache, die er noch mehr hasste, und das waren… Kinder. Kleine, kreischende, rotznäsige, unbegabte Kinder. Und auf zwei ganz besonders üble Exemplare stieß er am Flussufer.

Es waren ein kleiner, dürrer und ein schweinchenfarbener, fetter Junge, vielleicht zehn Jahre alt und offensichtlich schlechter erzogen als der gesamte erste Jahrgang Gryffindors zusammen. Der große, hässliche Junge watschelte mit einem hämischen Lachen knapp an Severus vorbei Richtung Flussufer und hatte eine fette, rosa Faust in die Höhe gestreckt, mit der er eine Mütze festhielt, die aussah, als hätte man sie aus einer überfahrenen, sehr alten Katze genäht. Offenbar gehörte sie dem kleineren Jungen, der zwar um einiges flinker war, aber dennoch keine Chance hatte, die Mütze zu erreichen, weil der dicke Junge ihn immer wieder mit Leichtigkeit wegstieß.

Severus verzog angeekelt das Gesicht. Was waren Kinder doch für kleine Scheusale! Wenn er diese Bengel jemals in Hogwarts wiedersehen sollte, würde er ihnen von vorneherein die Hölle heiß machen! Vor allem dem kleinen Wicht, denn der hatte jetzt mit nervtötend schriller Stimme zu zetern begonnen, und Severus spürte, wie sich bei ihm eine Migräne ankündigte.

Er warf einen vernichtenden Blick zurück und sah, dass die Mütze mittlerweile auf dem Eis am Rand des Flusses lag. Mit einem bösen Grinsen und ein wenig besser gelaunt setzte Severus raschen Schrittes seinen Weg fort. Tja, da hatte das Kind mit der schrillen Stimme jetzt wohl Pech gehabt. Ungezogenes Pack.

Eine Sekunde später hatte seine Laune wieder den absoluten Gefrierpunkt erreicht, als der Schweinchenjunge schwabbelnd, schnaufend, und fies kichernd an ihm vorbeihoppelte und die Frechheit besaß, ihn dabei anzurempeln.

„Junge!“, explodierte Severus und verzog sein Gesicht zu einer unschönen Grimasse, die ein wenig an den Wasserspeier vor Dumbledores Büro erinnerte – aber anstatt dass der Bengel sich entschuldigte, wie es sich gehörte, konnte er plötzlich doch schneller rennen, als Severus ihm zugetraut hätte, und nahm die Beine in die Hand.

Auf Severus Gesicht hatte sich eine einzelne, steile Zornesfalte gebildet. Oh, wie er solche Kinder hasste! Anscheinend hatte er sich geirrt, das dicke war noch schlimmer als das mit der schrillen Stimme. Er knirschte mit den Zähnen und wollte gerade düster weiter stapfen, als er ein hässliches Knirschen und dann ein lautes Platschen hörte.

Severus riss die Augen auf und handelte mit der Intuition eines Lehrers, der es gewohnt war, Schüler von explosionsgefährdeten Kesseln wegzuzerren. Er fuhr mit wirbelndem Mantel herum und hechtete mit wenigen Sätzen zum Flussufer, das bis gerade eben noch von einer schwachen Eisschicht bedeckt gewesen war. Jetzt allerdings war sie in dünne Schollen zerbrochen und von dem Kind war nur noch ein unordentlicher Haarschopf zu sehen. Intuitiv ließ Severus sich auf den Bauch fallen und packte seinen Zauberstab, aber der Junge hatte es mittlerweile selbst an die Oberfläche geschafft. Resolut packte Severus den Bengel am Kragen und zerrte ihn aus dem eiskalten Wasser. Er setzte das zitternde Häufchen Elend am Ufer ab, baute sich atemlos vor ihm auf und funkelte dann mit seinem tödlichsten Blick bedrohlich auf das Kind herab. „Was um alles in der Welt hast du dir dabei gedacht?!“, fauchte er und seine Finger zuckten vor Zorn. Mittlerweile hatte er tatsächlich Kopfschmerzen.

Das Kind antwortete nicht, sondern starrte Severus nur eingeschüchtert an. Das machte diesen jedoch nur noch wütender. „Denkst du, ich habe nichts Besseres zu tun, als dämliche Muggelkinder aus dem Fluss zu fischen?!“, donnerte er und dachte gar nicht daran, seine Wut dem Bengel zuliebe zu zügeln. „Hast du überhaupt nicht nachgedacht? Was wäre wohl passiert, wenn ich nicht zufällig in der Nähe gewesen wäre, he?! Du hattest ein unverschämtes Glück, dass die Strömung an der Stelle nicht stärker war!“ Heftig atmend blickte Severus auf den Jungen herab und musterte ihn schließlich genauer. Er war vielleicht zehn Jahre alt, schmächtig und knochig gebaut und steckte in einem seltsamen Sammelsurium aus viel zu großer Kleidung. Aus dem schwarzen Haar, das ihm jetzt durchnässt und platt auf der Stirn klebte, troff das Wasser und tropfte auf die Schultern des zitternden Kindes. Durch die runde Brille, die wie durch ein Wunder noch schief auf der Nase des Jungen hing, starrten Severus zwei erschrockene grüne Augen entgegen – zwei ziemlich feuchte grüne Augen.

Severus stockte eine halbe Sekunde, schob den Gedanken aber sofort beiseite – er wurde noch verrückt. Stattdessen verzog er angeekelt das Gesicht. Der Knirps sollte sich hüten, jetzt auch noch zu heulen anzufangen. Merlin, wenn er eins mehr hasste als kreischende Kinder, dann waren es heulende Kinder. Heulende Kinder waren das allerschlimmste. „Wo wohnst du?“, herrschte er den Jungen unwirsch an.

„L-Little Whinging“, piepste der und sah mit großen Augen zu Severus auf.

„So, du willst mich jetzt noch anlügen, was?!“, fauchte er, packte das Kind am Arm und zog es auf die Füße. „Das ist ja ein schöner Dank! Glaub mir, ich sehe genau in welches Viertel von Cokeworth du gehörst!“

Der Junge schniefte, leistete aber kaum Gegenwehr – ein Glück für den Bengel! Er zitterte erbärmlich und starrte auf seine Schuhe. Ganz offensichtlich saß ihm der Schreck noch in den Gliedern – und ganz sicher auch die Kälte. Aber oh nein, Severus würde ihn ganz sicher nicht mit einem unauffälligen Zauberstabschlenker trocknen. Was sich dieses unmögliche Wesen eingebrockt hatte, sollte es gefälligst auch ausbaden!

„Also?“, forderte Severus eisig und mit seiner besten Sag-mir,-warum-du-deinen-Kessel-in-die-Luft-gejagt-hast-Stimme, „Adresse?“

„Ich… ich weiß nicht“, stammelte der Junge. „Meine Verwandten… wir sind nur übers Wochenende hier.“ Wieder schniefte er erbärmlich und wenn Severus sich nicht irrte, heulte der Satansbraten jetzt wirklich.

Severus stöhnte und starrte unwillig hinab auf das nasse Häufchen Elend, das er da gerade gegen seinen Willen aus dem Fluss gerettet hatte. Im Grunde blieb ihm nichts anderes übrig als das Kind nach Hause zu bringen, wenn er auch gewährleisten wollte, dass es auch sicher dort ankam und nicht auf dem Weg irgendwo festfror. Unmöglicher Bengel! „Na gut“, schnappte er, „ich begleite dich. In dem Zustand kann ich dich ja nicht allein gehen lassen. Und wehe dir, wenn du den Weg nicht auf der Stelle findest!“
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