Coming home...

KurzgeschichteAbenteuer, Romanze / P12
10.12.2018
10.12.2018
1
2158
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
 
Endlich hatte er ihn gefunden.
All die Jahre der Suche endlich vorbei.
„Black Hat..."
Er wandte sich der sanften Stimme zu, doch als er sich umsah konnte er niemanden entdecken.
Natürlich nicht, er war alleine. Wie schon die letzten Male.
Warum fiel er immer wieder aufs Neue auf dieses Trugbild herein, dieses Echo?
Mit einem genervten Schnauben wandte er sich wieder der großen Aussichtsscheibe zu und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Nicht mehr lange und sein Schiff hätte den Planeten erreicht.
Es war ein einfaches Modell für eine Person, mit einem hervorragenden Autopilot. Natürlich, handelte es sich ja auch um ein Raumschiff der Organisation, mit etwas anderem hätte er sich auch nicht zufrieden gegeben, als er der Erde den Rücken zugekehrt hatte.
Seitdem hastete er von Planet zu Planet, inzwischen schon...
Er runzelte die Stirn, seine großen Augenbrauen berührten sich dabei.
Wie lange war er eigentlich schon unterwegs?
Drei-vier Jahre?
Eine lächerlich kurze Zeit für jemanden wie ihn...
Eine Zeit ohne Tumult, ohne Explosion, ohne Videoaufnahmen, ohne versuchte Umarmungen von diesem schiefgelaufenem Experiment - nur er und die Stille. Und der Typ, hinter dem er her war.
Er nannte sich Alpha und hatte es bis jetzt geschafft aus seinen Fängen zu entkommen, hatte ihn inzwischen mehrmals im Kampf geschlagen. Eine Schmach, die er nicht ertragen konnte.
Er würde Alpha vernichten und wenn es das Letzte war, dass er tat.
Seine rechte Hand ballte sich zur Faust, ein breites irres Grinsen zierte sein Gesicht, als er sich vorstellte, wie die Knochen unter seinen Händen brachen, dieser sogenannte Held sein Leben aushauchte.
Was für ein Fest würde er auf seinen blutigen Überresten feiern!
Er gluckste dunkel, während der Autopilot das Raumschiff geschickt durch die Atmosphäre des Planeten steuerte, auf einer großen offenen Fläche landete.
Nicht, dass es auf diesem Gesteinsbrocken irgendetwas gegeben hätte, das sich auch nur halbwegs lebendig schimpfen durfte.
Black Hat rückte seinen Trenchcoat zurecht und wandte sich der Plattform zu, die sich langsam herab senkte und es ihm ermöglichte das elegante schwarze Schiff zu verlassen.
Wie er es geahnt hatte, wurde er bereits erwartet.
Der breitschultrige Mann vor ihm fuhr sich durch die kurzen schwarzen Haare, hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Dr. Flug, wenn dieser seine Papiertüte nicht trug und mehrere Tage wieder ununterbrochen gearbeitet hatte.
Hastig verdrängte er den letzten Gedanken und setzte dafür sein bestes Grinsen auf.
„Keine Lust mehr davon zu laufen?", kicherte er und Alpha atmete tief durch, vergrub die Hände in seiner Jeans. Sein hellblaues Hemd war zerrissen und dreckig, die Schuhe die er trug hatten auch schon einmal besser ausgesehen.
„So kann man es wohl sagen...Ich kann nicht mehr. Seit sieben Jahren jagst du mich nun schon durch das Universum, hältst mich von meiner Frau und meinem kleinen Mädchen fern..."
Black Hat verdrehte die Augen.
Nicht schon wieder ein moralischer Vortrag...
Aber die Jahreszahl hatte ihn doch etwas überrascht.
Sieben Jahre, hm?
„Ich weiß nicht einmal, ob sie sich noch an mich erinnern. Vermutlich kennst du das nicht, diese Einsamkeit - immerhin hast du ohne groß zu überlegen deine Firma zurück gelassen. Kein kluger Schachzug, wenn ich das so sagen darf...Beantworte mir nämlich diese eine Frage: Was machst du, sobald du mich getötet hast?"
Black Hat setzte zu sprechen an, schloss dann wieder den Mund.
Eine gute Frage…
Was sollte er tun? Sich irgendeinen neuen Planeten suchen und von vorne anfangen? Wieder selbst für Chaos sorgen? Sich langweilen?
Er knurrte genervt auf und warf diesem Alpha einen vernichtenden Blick zu.
„Das dachte ich mir...Black Hat, ich möchte dir einen Deal vorschlagen."
Oh? Das könnte interessant werden.
„Spuck's aus!", fauchte er und der Mann trat näher an ihn heran.
„Wenn du mich jetzt nicht tötest und mich auf die Erde zurückzukehren lässt, werde ich weiterhin gegen dich kämpfen und dir somit die Langeweile vertreiben", schlug er vor und hielt dem Superbösewicht die Hand entgegen.
„Und was, wenn ich dieses Angebot ablehne?"
„Dann wird das unser letzter Kampf", war die einfache Antwort darauf.
Verdammter Mist!
Er hatte sich zwar immer vorgestellt, was er mit seinem Nemesis alles antun würde, aber er hatte nie daran gedacht, was er danach anstellen würde.
Dementia hatte anscheinend doch etwas auf ihn abgefärbt...Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie Flug ihn für diese Schlamperei rügen würde, wie diese blauen Augen leuchteten, wie er die Hände in die Hüften gestemmt hätte...
Warum hatte er nicht daran gedacht, dass er irgendwann einmal zurück kehren könnte? War es ihm überhaupt möglich? Oder würde er diese unangenehme, kalte unwillkommene Stille noch länger ertragen? Vielleicht bis zu seinem nie kommenden Tod?
„Wie sieht es aus, Black Hat? Haben wir einen Deal?"
Er tauchte aus seinen Gedanken auf, betrachtete zuerst das erschöpfte Gesicht und dann die ausgestreckte Hand.
War Flug genau so erschöpft oder hatten sie ihn gar vergessen?
Diese Frage ließ sein schwarzes Herz kurzzeitig aussetzen und er wusste, dass er keinen festen Gedanken mehr fassen würde können, wenn er die Antwort nicht bald in Händen hielt.
Er seufzte frustriert und wandte sich von dem Helden ab, Schritt zurück zu seinem Schiff.
„Black Hat?"
„Wir sehen uns auf der Erde", knurrte er über die Schulter, froh, dass er das erleichterte Grinsen nicht sehen konnte. Mit einem leisen zischen hob sich die Plattform wieder und das Raumschiff fuhr seine Elektronik hoch.
Stille.
Dunkelheit.
Erinnerungen.
Einsamkeit.
„Autopilot - Kurs auf die Erde. Schnellste Strecke", befahl er leise und ließ sich auf dem Pilotensitz nieder, verschränkte die Arme vor der Brust.
Dieser verdammte Alpha hatte es tatsächlich geschafft, alles was er verdrängt hatte aufzuwirbeln.
Die Triebwerke liefen an und im nächsten Moment stob das Schiff hinaus in die Weiten des Alls.

Er hatte das Raumschiff außerhalb Hatvilles gelandet und den Autopiloten angewiesen es wieder in den Hangar zu fliegen.
Nun schritt er zügig durch die düsteren Straßen, die Hände in den Taschen seines Trenchcoats und den Hut ins Gesicht gezogen. Passanten denen er begegnete suchten eilig das Weite, ein paar schienen ihn jedoch nicht zu kennen und sahen ihm neugierig hinterher.
Es war lästig und er riss sich zusammen um ihnen nicht gleich zu demonstrieren, dass man sich ihm gegenüber nicht respektlos verhalten sollte. Aber es gab wichtigeres...
Endlich erreichte er den Platz in dessen Mitte sein Anwesen thronte, so prachtvoll und furchteinflößend wie eh und je.
Aufgrund der aufziehenden Dämmerung schimmerte hinter ein paar der rötlichen Fenster Licht, wirkten auf ihn wie eine Einladung.
Ein Willkommensgruß.
Das Tor knarrte wie immer leise, als er es öffnete und ein leichtes Lächeln legte sich auf sein sonst so ernstes Gesicht. Doch es verschwand, je näher er der Haustür kam.
Sein Herz pochte schneller als er es gewohnt war, ihm wurde schlecht.
Fühlte es sich so an, wenn man vor etwas Angst hatte?
Es war nicht wirklich etwas, dass ihm gefiel, im Gegensatz zu manch anderen Gefühlen, denen er bereits begegnet war und die ihn noch immer begleiteten - auch wenn er sie für sieben Jahre lang verdrängt und vergessen hatte.
Sieben Jahre...
Was hatte diese Zeit nur mit seinen Angestellten gemacht?
In ihrem Vertrag war geregelt, dass sie ohne seine Einwilligung nicht sterben konnten, aber es gab so viel, was stattdessen passieren hätte können…
Er stand inzwischen vor der Eingangstür, den Schlüssel in Händen und zögerte.
Was wenn sie doch nicht mehr hier waren, was, wenn sie ihn gar nicht mehr sehen wollten?
Verdammt nochmal, er war Black Hat und das war sein Haus!
Was sollten ihn schon die anderen interessieren?
Sie konnten ihn nicht vor die Tür setzten und wenn sie es dennoch versuchen würden, dann musste er ihnen wieder zeigen, wer der Herr des Hauses war.
Mit einem kurzen Anflug von Entschlossenheit schloss er auf und trat in die Eingangshalle.
Der gewohnte Geruch von Rauch, Chemie und Essen lag in der Luft, vermischt mit etwas altem Blut - welches sich über die Jahre in Teppich und Wände gezogen hatte - sowie dem Duft schwarzer Rosen.
Er war wieder Zuhause...doch etwas störte ihn gewaltig.
Es war still.
Beinahe genau so Still wie die letzten Jahre auf diesem Raumschiff.
Waren sie doch gegangen?
Er wollte sich soeben der Treppe hinunter zum Labor zuwenden, als sich für ihn unverwechselbare Schritte von eben dort näherten. Snikers auf Teppichboden, leicht und federnd.
Im nächsten Moment erschien er, die schwarzen Haare unordentlich und die blauen Augen entschlossen auf ein Klemmbrett gerichtet, das er in der rechten Hand hielt. Mit links balancierte er zwei chemische Mischungen. Der Laborkittel wies ein paar getrocknete Blutspritzer auf, das Flugzeug-T-Shirt hingegen war makellos, ebenso die Jeans.
Er wirkte ausgeschlafen, aber definitiv frustriert.
Black Hat's Herz hielt kurz inne, nur um dann umso heftiger zu schlagen.
Dr. Flug, sein Wissenschaftler, sein...
Flug sah von seinem Klemmbrett auf und mit einem lauten klirren zerbrachen die Glasbehälter der chemischen Flüssigkeiten, die sich zischend in den Boden fraßen. Das Klemmbrett glücklicherweise außerhalb der Zerstörung.
Schock und Unglauben standen dem kleineren Mann im Gesicht, als er zuerst stocksteif stehen blieb, dann zögerlich auf Black Hat zuging.
„Jefecito...Du bist wieder gekommen?"
„Warum nicht?", entgegnete er leise, sein typisches Grinsen hatte sich auf sein Gesicht geschlichen, als er Flugs vertraute Stimme wieder einmal real gehört hatte.
Kein Echo das ihn verfolgte…
Es verschwand jedoch sofort, als er jeweils links und rechts eine saftige Ohrfeige kassierte, die ihm beinahe den Zylinder vom Kopf warf.
Verwirrt blinzelte er, sah zu Flug, der vor Wut bebte, die Hand noch immer erhoben. Tränen rannen dem Wissenschaftler übers Gesicht und sein Innerstes zog sich unangenehm zusammen.
„Was fällt dir eigentlich ein?", schrie Flug ihn an.
Black Hat, noch immer irritiert, blieb stumm.
„Du arrogantes Arschloch! Ich weiß ja, dass du unausstehlich sein kannst, aber das geht zu weit. Was denkst du eigentlich, gibt dir das Recht nach so langer Zeit hier wieder aufzukreuzen und mich anzugrinsen, als wärst du nicht von einen Tag auf den anderen ohne ein Wort des Abschieds verschwunden? Sieben Jahre, Black Hat! Sieben gottverdammte, harte Jahre für uns!"
Flug zitterte immer mehr, doch er schien mit jedem Wort noch lauter zu werden. Inzwischen näherten sich noch andere Schritte.
Das lief irgendwie nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte...
„Flug..."
„Nein, ich will gar nicht wissen, was du zu sagen hast! Es ist mir egal, hörst du! Du hast kein Recht hier zu sein, verstehst du? Wir haben die Organisation auch ohne dich über Wasser halten können, wir haben gekämpft, verloren und wieder gewonnen. Wir sind ausgebrochen und haben gehofft, dass du wieder zurück kommst. Zwei, drei Jahre lang - hab ich gehofft du kommst wieder. Aber nein, du hast uns fallen gelassen! Du hast mich verlassen!"
Flug begann zu hyperventilieren, doch die soeben erschiene Dementia, sowie 5.0.5. blieben auf ihrer Treppe stehen, wagten sich nicht in die Nähe des wütenden Doktors.
Black Hat war inzwischen völlig überfordert.
Ihm war klar geworden, dass er Flug vermisst hatte, dass er sie alle vermisst hatte und nun wich sein Doktor vor ihm zurück, sobald er sich näherte. Es tat weh, mehr als jede körperliche Wunde, die ihm zugefügt worden war.
„Flug, bitte..."
„Hast du in all der Zeit überhaupt einmal an uns Gedacht? Hast du dich nur einmal gefragt, wie es uns geht? Ob wir überhaupt noch am Leben sind?"
„Das hab ich", antwortete Black Hat hastig und ausnahmsweise ehrlich.
„Was?"
Ungläubig sah Flug zu ihm auf und bevor der Wissenschaftler reagieren konnte, schloss Black Hat ihn in die Arme, drückte ihn gegen seine Brust und fuhr mit seinen Händen über den schmalen Rücken.
Ihm war bewusst, dass er nur diese eine Chance hatte, alles zu retten, was ihm etwas bedeutete.
„Es tut mir leid, Flug. Ich hab einen Fehler gemacht, einen ziemlich großen, dummen Fehler. Aber ich würde dich niemals verlassen, ich könnte es nicht – was sollte ich auch ohne dich machen? Und jetzt bin ich zurück und hab auch nicht vor wieder zu gehen", murmelte er, strich sanft durch die schwarzen Haare.
Flug vergrub sein Gesicht inzwischen in Black Hat's Hemd, schluchzte weiterhin.
„Ich werd dich nicht wieder verlassen, Flug... mein Flug...mein liebevoller, verrückter, genialer Flug..."
Endlich erwiderte der Wissenschaftler die Umarmung und Black Hat atmete erleichtert aus, legte sein Kinn auf Flugs Kopf ab, sah hinauf zu den anderen beiden. 5.0.5. lächelte ihn an, während Dementia mit den Tränen kämpfte, ihm jedoch mit dem ausgestreckten Daumen ihr Ok ausdrückte.
Er war wieder Zuhause.
Review schreiben