Cursed

GeschichteMystery, Angst / P16
OC (Own Character) Professor Eibe
09.12.2018
14.09.2019
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„Wie seid ihr überhaupt hier her gekommen? Eigentlich besitze nur ich den Schlüssel für die Türen hier unten. Und was wollt ihr jetzt tun? Mich verhaften und in irgendein dunkles Loch sperren, sodass ich nie wieder das Licht der Sonne erblicke?“, kam es lässig von Alexander. Er wirkte beunruhigend selbstsicher.
Raissa schluckte bei dem Gedanken, dass momentan eher sie selbst in einem dunklen Loch eingesperrt war und eventuell nie wieder die angenehm warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut spüren würde. Gleichzeitig schoss ihr in diesem Moment auch die Frage in den Kopf, was in dieser Nacht eigentlich mit Alexander passiert war – oder noch passieren würde.
„Wieso tun sie den Alpollo all das an?“, kam es herrisch von der Arenaleiterin, die aggressiv einen Schritt auf den Wissenschaftler zutrat. „Und die Staralili, von denen die Rede war..!“
„Wieso? Nun, wenn du es genau wissen willst, bitte, hier ist meine Geschichte, es macht eh keinen Unterschied. Chorea Huntington. Oder auf einfach nur die 'Huntington-Krankheit' genannt. An diesem Gendefekt ist meine geliebte Frau Jolanda vor einigen Jahren gestorben. Falls ihr es nicht wisst: Dabei handelt es sich um eine unheilbare Erbkrankheit, die den oder die Betroffene circa im mittleren Alter langsam durchdrehen und schließlich dahinraffen lässt. Bei Jolanda hat es ziemlich früh eingesetzt – Emilia war damals aber noch sehr klein, deswegen wird sie sich wohl nicht erinnern.
Aber wenn wir schon bei Emilia sind: Sie hat diese Krankheit ebenfalls von ihrer Mutter geerbt. Ich habe sie wenige Jahre nach dem Tod meiner Frau heimlich testen lassen, das Kind selbst weiß aber natürlich nichts davon. Diese Gewissheit... könnte mein armes Mädchen nicht ertragen. Ich werde sie aber beschützen, was mir bei Jolanda leider nicht gelungen ist.
Ihr seid zu jung um bereits selbst Kinder zu haben, aber lasst euch gesagt sein: Wenn die Frau, die ihr über alles liebt, an Huntington zugrunde geht und ihr dabei nur schmerzhaft zusehen und nichts dagegen zusehen könnt, stirbt etwas in eurem Inneren. Und wenn ihr dann noch erfährt, dass das einzige, was euch noch geblieben ist – euer Kind – ebenfalls dieses Schicksal erleiden wird, bricht eine Welt für euch zusammen.
Aber ich wollte nicht tatenlos bleiben. Lange Jahre habe ich nach irgendeiner Möglichkeit gesucht, um eine wirksame Therapie zu finden und mich durch ein Buch nach dem anderen gewälzt. Dabei bin ich schließlich auf etwas Interessantes gestoßen. Geist-Pokémon bergen scheinbar noch immer weitestgehend unerforschte Kräfte, die unser menschliches Verständnis von den Naturwissenschaften komplett auf den Kopf stellen. Ich sah darin eine Chance, womöglich ein Heilmittel zu finden. Also habe ich damit angefangen, die Alpollo zu erforschen – und dabei ist mir jedes Mittel recht, solange ich Emilia retten kann.
Walter bietet mir durch einen glücklichen Unfall – ihr habt es sicher schon gelesen, so wie ihr ausseht – die ideale Vorlage. Er muss zwar Medikamente einnehmen, aber er erfreut sich ungemeiner Gesundheit und ich bin gespannt zu sehen, wie viele Jahre er wohl noch leben wird. So wie es momentan aussieht, ist der in der Lage, ein stolzes Alter von fast 200 Jahren zu erreichen!
Oder welche Kräfte er mittlerweile sogar entwickelt hat, es ist unglaublich. Ich hatte geplant, noch für die nächsten paar Jahre ein paar Testreihen an ihm durchzuführen, ehe ich Emilia auch mit einem Geist verschmelzen lasse, um sie zu retten. Sie hat manchmal auch so schon etwas Gespenstisches an sich, meint ihr nicht?“
„Retten?“, kreischte Silvana entsetzt. „Das können sie dem Mädchen doch nicht antun... ihrer eigenen Tochter!“

Raissa hielt geschockt den Atem an. Das waren zu viele Informationen auf einmal und ehrlich gesagt hatte sie keine derart offene, direkte Antwort erwartet. Dieses zuvor noch so idyllisch wirkende Landhaus – es barg ein schreckliches Geheimnis. Und auf irgendeine Art und Weise konnte sie Alexander sogar verstehen. Als ihre Mutter vor einigen Jahren mit ihrer eigentlichen jüngeren Schwester schwanger war und erfahren hatte, dass das Kind nicht lebend zur Welt kommen würde, war diese auch für eine lange Zeit komplett am Boden zerstört gewesen. Alexander wollte seine Tochter nicht an dieselbe Krankheit verlieren, die ihm schon seine Frau entrissen hatte. Aber war das der richtige Weg? Waren die Leben der ganzen Pokémon nicht auch wichtig? Sie wurden hier definitiv nicht gut behandelt... aber was, wenn Alexander wirklich eine Art 'Heilmittel' damit gefunden hätte? Man könnte das Leben vieler weiterer Menschen und vor allem auch das von Emilia retten. Heiligte der Zweck das Mittel? War dieses utilitaristische Denken gerechtfertigt und auf irgendeine Weise sogar wirklich ethisch vertretbar?

„Ansichtssache. Ist es dir lieber, wenn ich sie an dieser grausamen Krankheit zugrunde gehen lasse?“, kam es lediglich schulterzuckend von Alexander als Antwort auf Silvanas Ausbruch. „Jedenfalls kostet Forschung Geld. Viel Geld. Meine Frau und ich konnten durch Erbschaft zwar durchaus eine beträchtliche Summe unser Eigen nennen – aber irgendwann war dieser Vorrat einfach erschöpft. Zu dieser Zeit wusste ich selbst nicht mehr, was ich tun soll, ehe ich mich dann schließlich an die Silph Co. wandte, die nach talentierten Forschern Ausschau hielt. Das war meine ideale Chance, um wieder an die nötigen, finanziellen Mittel zu gelangen.
Die Silph Co. weiß, nebenbei gesagt, nichts von meinen Methoden. Dieser einfältige Petrol interessiert sich nur für die Resultate, mit denen er sich eine goldene Nase verdienen will – weshalb er mich auch schließlich eingestellt hatte. Die einzige Bedingung war, dass ich ihn auch an meinen Ergebnissen bezüglich der Alpollo teilhaben lasse, aber damit habe ich kein Problem – und von dem kleinen Missgeschick mit Walter muss er ja nichts wissen. Da ich mich schon ganz gut mit Geist-Pokémon auskenne, ging auch die Forschung an Rotom schnell voran. Ich liefere die Ergebnisse, Petrol liefert das Geld. Oh und falls ihr diese kurios anmutende Maschine im anderen Raum schon gesehen habt: Keine Sorge, damit experimentiere ich nur, wie man mit Rotom Strom erzeugen kann. Es ist nach den Versuchen oft ziemlich ausgelaugt, hat aber keine Schmerzen. Ich will nicht mehr Leid verursachen als es für meine Forschung unbedingt nötig ist, immerhin bin ich auch kein Unmensch.
Naja, wie dem auch sei. Eigentlich wollte ich mit der Aktion heute Abend weitere Sponsoren finden, da Petrol mich darum gebeten hat und meine Wissenschaft seine mit Abstand teuerste Investition ist. Wenn ich gewusst hätte, dass soetwas passieren würde... haha naja. Raissa, hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du eine ganz besondere Ausstrahlung an dir hast?“

„..ja“, antwortete die Grünhaarige lediglich zögerlich mit trockenem Hals, obwohl sie Alexander eigentlich gerne noch unzählige andere Dinge gesagt hätte. Emilia hatte ihr das vorhin bereits erwähnt und es war ein seltsames Gefühl, wenn Leute solche Sachen zu ihr sagten – immerhin war Raissa ansonsten auch nie wirklich irgendwo aufgefallen.
Ihr Kopf fühlte sich absolut leer an, während sie paradoxerweise gleichzeitig auch spürte, dass er wahrscheinlich gleich aufgrund dieser schieren Unmenge an wilden Gedankenfetzen platzen würde. Hatte sie jetzt alle Puzzlestücke zusammen?
„Abgesehen davon hat aber auch dieser violette Abdruck an dem Handgelenk mein Interesse erweckt. Darf ich erfahren, woher du ihn hast? Hattest du kürzlich eine Begegnung mit einem Alpollo?“, kam es interessiert von dem Wissenschaftler, der sich mit der freien Hand durch die Haare fuhr.
„Lass sie in Ruhe!“, schrie Silvana nun dem Wissenschaftler wütend entgegen. „Du hast genug angerichtet! All diese Pokémon werden unverzüglich wieder in die Freiheit entlassen!“
„Ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee wäre“, seufzte Alexander und zuckte mit den Schultern. Da musste ihm Raissa sogar ausnahmsweise Recht geben. „Wisst ihr, ihr beiden... meine Alpollo sind momentan ziemli-“
„Sie haben keine andere Wahl!“, unterbrach ihn die Arenaleiterin aufgebracht und ließ ihe Hand demonstrativ zu ihrem Gürtel mit ihren Pokébällen wandern.
Der Wissenschaftler lachte nur und zog in Windeseile ebenfalls eine der weiß-roten Kapseln hervor, aus der er sein Rotom befreite. Noch ehe eine der Frauen reagieren konnte, befahl Alexander ohne mit der Wimper zu zucken den Angriff: „Setz sie außer Gefecht, Rotom.“
Nur wenige Momente später durchfuhr ein unangenehmes Kribbeln Raissas Körper, ehe ihr schwarz vor Augen wurde und sie zu Boden fiel.
„Gute Nacht ihr beiden. Ich kümmere mich später um euch.“

Die Glieder der jungen Frau schmerzten und fühlten sich steif an, als sie glaubte, langsam wieder ihr Bewusstsein zu erlangen. Noch während sie die Augen geschlossen hielt, atmete sie tief durch und wackelte mit Fingern und Zehen. Ja, alles funktionierte wohl irgendwie noch. Sie lag rücklings auf einem kalten, harten Untergrund, was nicht sonderlich bequem war.
Als sie sich dazu entschloss – trotz des Horrors, der sie danach vielleicht erwarten würde – die Augen aufzuschlagen, kam der erste Schock: Sie sah nichts. Erschrocken richtete Raissa ihren Oberkörper auf und schnappte nach Luft, während sie instinktiv ihr Gesicht abtastete und wild ihren Kopf herumwarf um sich umzusehen. War sie erblindet? Das... würde ihr sicheres Ende bedeuten!
„Oh, auch endlich erwacht, Dornröschen?“, ertönte plötzlich Silvanas verbitterte Stimme aus nächster Nähe, sodass die Grünhaarige hektisch herumfuhr. „Gehts dir gut?“
„Den Umständen entsprechend“, krächzte die junge Trainerin atemlos zur Antwort. „B-bist du auch.. blind geworden?“
„Ach Quatsch“, kam es nun zurück. „Wir sind sicher nicht blind, sondern einfach in einem stockdunklen Raum. Hab nach nem Lichtschalter getastet, aber keinen gefunden. Und unsere Pokébälle hat uns der Sack auch abgenommen.. Raissa wir müssen hier – wo auch immer wir gelandet sind – so schnell wie nur möglich heraus. Hast du den Schlüssel noch bei dir oder sonst irgendetwas nützliches?“
Raissa hielt gespannt die Luft an, als sie ihre Taschen abtastete und nichts fand. Weder ihren PokéDex, noch den Schlüssel oder Chaneiras Pokéball. Leise Panik stieg in der jungen Frau auf. „Nein, nichts.“
„Okay dann anders“, kam es in einem noch immer recht zuversichtlichen Ton von der Arenaleiterin. „Ich habe die Tür schon gefunden und lehne mich zur Sicherheit gerade auch dran. Naja, Not macht erfinderisch, also - krieg ich dann vielleicht mal deine Spange? Oh man, ich glaube wenn ich dir sein Tagebuch nicht vorgelesen hätte, hätten wir rechtzeitig bemerkt, dass dieser Ovary-Typ aufgekreuzt ist, tut mir leid. Und wahrscheinlich hätte er meine Stimme nicht gehört und wäre dementsprechend nicht sofort in ausgerechnet diesen Raum gestolpert.“
„Sch-schon okay..“, murmelte Raissa, die nicht wusste, was sie ansonsten sagen sollte. Beeinflusste ihre Anwesenheit die Geschehnisse dieser unheilvollen Nacht?
Vorsichtig tastete sie nach der schmalen, länglichen Haarspange in ihrer Mähne – die zum Glück noch da war - und hielt sie in die Richtung, aus der sie Silvanas Stimme vernommen hatte. „Hier.“
Die Arenaleiterin benötigte ebenfalls einige Sekunden, bis sie die Hand ihrer Komplizin ertastet hatte, ehe sie diese schließlich fand und vorsichtig den Haarclip in Empfang nahm. Ein paar leise Klickgeräusche ertönten – die Rothaarige versuchte gerade wohl, irgendwie die Spange in das Schloss einzuführen. War natürlich denkbar schwierig, wenn man nichts sehen konnte.
In der Dunkelheit schien die Zeit noch quälend langsamer zu vergehen, als sie es wohl so schon in dieser Situation getan hätte. Raissa nutzte diese ruhigen Minuten dazu, um ihre Gedanken ein wenig zu sortieren – in ihrem Kopf herrschte ein einziges Chaos.
Der Butler war besessen. Alexander führte unmenschliche Experimente an den Alpollo und dem alten Mann aus. Emilia hatte Chorea Huntington...
Die Grünhaarige leckte sich beunruhigt über ihre trockenen Lippen als sie daran dachte, dass auch irgendetwas passiert sein musste, dass die Alpollo plötzlich befreit worden waren und den Fluch ausgesprochen hatten. Hatte es einen Unfall gegeben? Die letzten Puzzlestücke fehlten noch immer.

Ein leises Knacken ertönte, gefolgt von einem Fluch. „Verdammt, ich glaube ich habs verhauen“, gab die Arenaleiterin zerknirscht von sich. „Ach Scheiße was hab ich denn falsch gemacht? Wie kommen wir hier ansonsten raus?“
„Alles in Ordnung?“, piepste Raissa ängstlich, worauf sie eine ehrliche, resignierte Antwort erhielt: „Nein. Der Haarclip ist abgebrochen. Hast du zufällig noch einen? Ich hatte eigentlich selbst noch ein, zwei kleine Sachen zum Schlösserknacken in meiner Hosentasche, aber die hat mir der Sack auch abgenommen.“
„Nein, leider nicht“, kam es unsicher von der Grünhaarigen.
„Dann“, verkündete Silvana hörbar frustriert, „Sitzen wir hier fest. Scheiße.“
Der Herzschlag der Grünhaarigen beschleunigte sich augenblicklich. Das konnte doch nicht wahr sein! „Es muss doch noch einen anderen Ausweg geben“, gab diese verzweifelt von sich. Sie wollte hier nicht festsitzen müssen..!
„Lass uns mal abtasten, was in diesem Raum hier so alles rumsteht. Aber ich denke nicht, dass dieser Verrückte uns irgendwo eingesperrt hätte, wenn wir uns selbstständig befreien könnten“, schlug Silvana mit einem eher weniger hoffnungsvollen Unterton vor. „Oder wir probieren, gemeinsam die Tür einzutreten... aber das Ding wirkt echt massiv.“
„Lieber erstmal erkunden, was hier rumsteht“, gab Raissa unsicher von sich und lehnte sich vorsichtig gegen die Wand, ehe sie sich an dieser weiter vortastete. Unfassbar, in was für einer skurrilen Lage sie sich eigentlich befand – weil sie sich nachts im Ewigwald verirrt hatte und nicht in der Wildnis hatte schlafen wollen.
Aber gleichzeitig spürte die Grünhaarige auch ein verwirrendes Misch-Masch aus Gefühlen in ihrem Inneren.
Zum einen war da die Angst: Wenn irgendetwas schief laufen würde, würde sie hier nie wieder rauskommen. Außerdem war Chaneiras Ball nicht bei ihr und die junge Frau hoffte inbrünstig, dass sie ihr Pokémon schnell wiedersehen würde. Gleichzeitig war es ihr immer noch ein Rätsel, wie die ganzen Alpollo befreit worden waren. Hatte es einen Unfall gegeben? Wenn ja, dann könnte sich dieser doch theoretisch jederzeit ereignen. Sie wollte definitiv nicht in diesem dunklen Raum eingesperrt sein, während das geschehen würde! Am liebsten wäre sie dann schon gar nicht mehr in der Villa...!
Dann war sie auch wieder hin- und hergerissen, was sie von Alexander denken sollte. War er wirklich ein verrückter Wissenschaftler oder einfach nur ein verzweifelter Witwer, der seine Tochter beschützen wollte und die Mittel mit dem Zweck heiligte? Emilia wirkte trotz allem recht einsam in diesem großen Landhaus. Vielleicht sollte Alexander dennoch mehr Zeit mit ihr als mit seiner Forschung verbringen. Er versteifte sich zu sehr auf dieses eine Ziel und dachte dafür kaum über anderweitige Konsequenzen nach. Das konnte doch auch nicht ganz richtig sein, oder?
Und gerade was Emilia betraf, verspürte Raissa einen unglaublichen Drang, das Mädchen zu beschützen und für sie da zu sein. Sie wollte ihr helfen!
Aber dennoch war da auch diese Ungewissheit. Würde sie aus dieser ganzen Sache überhaupt selbst lebend rauskommen können? Raissa wusste immer noch nicht genau, was hier passiert war und es stand einiges auf dem Spiel. Nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das von Chaneira und irgendwie wahrscheinlich auch Emilias weiteres Schicksal.

Genau in diesem Moment tat sich etwas: Durch einen kleinen Spalt unter der Tür fiel plötzlich Licht in den Raum, sodass Raissa die sterilen, grauweißen Fliesen am Boden erkennen konnte.
„Ist der Verrückte etwa schon zurück..?“, hauchte Silvana sichtlich erschrocken. „Raissa, wenn er die Tür öffnet, dann hauen wir ihn zusammen K.O., okay? Bevor er sein Rotom wieder auf uns hetzen kann!“
Raissa nickte zögerlich. Irgendwie hatte sie nicht das Gefühl, dass es Alexander war, der in den anderen Raum getreten war. Aufmerksam lauschte sie dem Takt der Schritte. Ein langsamer, unregelmäßiger Gang – die Person schien nach wenigen Schritten immer wieder inne zu halten, ehe sie leise wieder einen Fuß vor den anderen setzte. Raissa beschlich eine leise Vermutung, die sie erschrocken Luft schnappen ließ. Das war nicht möglich, oder...?
Nein das war nie im Leben Alexander, egal wie sie es drehte und wendete. Seine Schritte waren etwas lauter und er würde nie im Leben derart unsicher in seinem eigenen Labor herumlaufen. Der Butler könnte es auch unmöglich sein, er hatte stets ein sehr rasches Lauftempo und wirkte dabei meist auch sehr zielstrebig. Gleichzeitig wirkte es aber auch unmöglich, dass ausgerechnet...!
„Emilia?“, entfuhr es Raissa leise, ehe sowohl Silvana als auch der Person aus dem anderen Raum ein erschrockener Laut entwich.
„Raissa..?“, murmelte das Mädchen, welches nun scheinbar auf die Tür zulief. „B-bist du das?“
„Ja. Und Silvana ist auch hier“, gab die junge Frau zur Antwort. „Könntest du uns irgendwie hier rausholen?“
„Hier draußen steckt ein Schlüssel in der Tür... soll ich ihn umdrehen?“, kam es unsicher zurück, woraufhin die Grünhaarige nickte – ehe ihr klar wurde, dass Emilia das Nicken natürlich nicht sehen konnte und sie noch ein „Ja bitte!“ von sich gab.
Ein leises Klacken ertönte und tatsächlich: Die Tür öffnete sich einen Spalt, ehe das schwarzhaarige Mädchen, welches ihre kleine Haspiror-Puppe wieder bei sich trug, diese vorsichtig aufzog. „R-raissa, was... was ist...“, gab sie ratlos von sich und sah die Ältere hilfesuchend an, welche sie reflexartig sofort in eine Umarmung zog.
„Alles ist gut“, flüsterte die Grünhaarige beruhigend, obwohl sie selbst wusste, dass das genaue Gegenteil der Fall war. „Das hast du gut gemacht, ich bin dir echt etwas schuldig.“
„Wir sind dir beide auf jeden Fall etwas schuldig“, meldete sich nun auch Silvana zu Wort und trat langsam aus dem dunklen Raum hinaus, woraufhin sie sich die Augen zusammenkneifen musste. Das helle Licht in Alexanders Arbeitszimmer stand in einem scharfen Kontrast zu der Dunkelheit, die in dem kleinen Raum geherrscht hatte und an welche sich die Iriden der jungen Frauen angepasst hatten.
„Wie hast du hier her gefunden?“

„I-ich... Raissa ich habe die Puzzleteile gefunden, sie waren unter meinem Bett. Aber du warst noch nicht zurück, also wollte ich dich suchen gehen und hab mein Haspiror mitgenommen.. und.. und.. dann ist mir aufgefallen, dass die Gerümpelkammer nicht richtig zu war und das Licht darin an war... und dann war da diese komische Luke und ich war neugierig, was dort unten ist. Es war ganz schön dunkel, aber ich habe einen Lichtschalter gefunden und dann waren da plötzlich die ganzen Alpollo in den Gläsern und sie sahen so traurig aus“, begann das Mädchen aufgeregt zur erklären und schluchzte kurz. „A-aber... sie sahen gleichzeitig auch so wütend aus und deswegen wollte ich ganz schnell weiter und habe dann diese Tür gefunden, aber sie ging nicht auf.. aber dann habe ich den Schlüssel benutzt, den ich in der Bibliothek gefunden habe und sie aufgeschlossen. Und dann habe ich euch entdeckt..!“
Raissa intensivierte die Umarmung, welche das Mädchen zaghaft erwiderte. Der Schlüssel, den sie in der Bibliothek gefunden hatte...?
„Hast du heimlich den Schlüssel aus der Schublade mitgehen lassen?“, erkundigte sich die junge Frau überrascht.
„J-ja!“, murmelte Emilia ein wenig stolz.
„Das hast du gut gemacht“, lobte die Grünhaarige und ließ schließlich von dem Mädchen ab. „Jetzt... sollten wir am besten unsere Pokébälle suchen, bevor wir dafür sorgen, dass wir hier raus kommen.“
„Gute Idee“, kam es nickend von Silvana, die sich ohne Umschweife daran machte, einige Schubladen und Schränke zu durchsuchen.
„Raissa was ist hier los..?“, murmelte Emilia in einem absolut ratlosen, leicht verzweifelten Tonfall. Es war offensichtlich, dass ihr diese Frage schon die ganze Zeit auf dem Herzen brannte.
„Ich.. erkläre es dir später. Versprochen“, versicherte die junge Frau, welche nicht wirklich wusste, was sie dem Kind antworten sollte. Natürlich konnte sie der Kleinen denkbar schlecht die gesamte Wahrheit ins Gesicht sagen, oder?
„W-wirklich versprochen?“, hakte die Schwarzhaarige erneut nach, woraufhin Raissa nickte und sich um ihr zuversichtlichstes Lächeln bemühte. „Versprochen!“
„Und.. was machen wir jetzt“, piepste Emilia unsicher und klammerte sich an das Kleid der jungen Frau. „Ich... ich fühle mich hier unwohl..“
„Wir suchen die letzten Puzzlestücke“, murmelte die Grünhaarige und sah auf das Kind hinab. „Alles wird gut. Wir sehen uns nur noch kurz hier in dem Zimmer um und verschwinden dann wieder, ja?“
„Okay.“

„Ich hab unsere Pokébälle gefunden. Und deinen Pokédex. Hier“, kam es nun plötzlich von Silvana, deren Nase tief in einer großen Schublade steckte. Als sie den Kopf wieder hob, hielt sie tatsächlich den Pokédex der Trainerin und die runde Kapsel, in der sich Chaneira befand – gut erkennbar an dem rosafarbenen Aufkleber in der Form eines C, den Raissa aus pragmatischen Gründen an dem Ball angebracht hatte. Dankbar seufzend schritt die Grünhaarige auf ihre Verbündete zu und nahm die Objekte in Empfang, wobei ihr Emilia nicht von der Seite wich. Dem armen Mädchen ging es hier wirklich nicht gut, sie sollten jetzt endlich weg – was dafür sorgte, dass sich die junge Frau ebenfalls unruhig und ruhelos fühlte.
Gleichzeitig fühlte sich Raissa aber auch unendlich erleichtert, dass sich endlich wieder ihr Pokémon an ihrer Seite befand. Chaneira war bei dieser ganzen Sache ein wichtiger Faktor, der dafür sorgte, dass sie nicht ihre Nerven verlor. Alleine, dass sie den Pokéball wieder in ihren Händen halten konnte, bescherte ihr ein Gefühl von Beistand und Sicherheit.
Ohne Umschweife befreite Raissa Chaneira nun aus seiner Kapsel, welches sich fiepsend vor ihr materialisierte. Schon viel besser. Auch Emilias Miene hellte sich sichtlich auf, sodass das rosa Ei ein quirliges Fiepsen von sich gab.

„Guck mal ob da hinten in dem Schrank noch irgendwas ist. Oder was das eigentlich für ein Raum war, in dem der Ver-.... wir eingeschlossen waren“, wies die Rothaarige Raissa an. Silvana hatte sich wohl absichtlich noch gerade so gebremst, um Alexander nicht direkt vor seiner Tochter versehentlich als Verrückten zu bezeichnen. Das Mädchen sah zwar etwas kritisch drein, stellte aber keine Fragen, obwohl ihr eindeutig einige auf der Zunge lagen.
Raissa nickte kurz und schritt – gefolgt von Emilia und Chaneira – auf die kleine Tür zu, welche noch halb offen stand. Ihr fiel nun auch der kleine Schalter auf, der sich direkt neben dem Eingang in den kleinen Raum befand. Konnte man damit das Licht anschalten? Einen Versuch war es immerhin wert und tatsächlich: Kaum hatte sie den Schalter betätigt, wurde der zuvor noch so düstere Raum in einem hellen, weißen Licht ausgeleuchtet.
Neugierig betrat Raissa das weiß-gräulich geflieste Zimmer und erkannte recht schnell, dass sich hier nur noch mehr Regale mit Büchern und allerlei Papierkram befanden. Aber auch noch ein paar kleine Schränke mit verdächtig anmutenden Schubladen, auf welche die Grünhaarige automatisch zusteuerte.
Als sie das erstbeste Fach aufzog – Emilia sah ihr dabei neugierig über die Schulter und Chaneira quetschte sich noch irgendwie dazwischen -, fand die junge Frau direkt ein kleines Plastikfläschchen vor, in dem sich eine durchsichtig-silbrige Flüssigkeit befand. Ihrer Neugier folgend, nahm sie das kleine Objekt sofort in die Hand und konnte eine Beschriftung entdecken, die scheinbar mit einer krakeligen Handschrift darauf gekritzelt worden war. „Noch nicht getestet. Vermutlich 4-5 Tage. Nebenwirkungen wahrscheinlich. Nummer 4.09“
Gleichzeitig griff Raissa auch nach einem weiteren Skript, das sich anbei in der Schublade befand. Sie überflog es kurz und stieß dabei auf eine Menge chemischer Strukturformeln und Reaktionsgleichungen, mit denen sie nicht wirklich etwas anfangen konnte. Was jedoch interessant war, waren verschiedene Notizen am Rand: „72 Stunden. Sehr zuverlässig. Wirkt nur ein wenig schlapp.“ oder „Prototyp. Maximal 48 Stunden. Leichte Aussetzer. Bewirkt Kreislaufprobleme.“
Die junge Frau schluckte schwer, als ihr eine Vermutung in den Sinn kam. Vielleicht wäre es besser, wenn sie dieses kleine Fläschchen mitnehmen würde... man wusste ja nie. Wenn es sich hierbei wirklich um das handelte, woran sie gerade dachte, dann würde es ihr sicher irgendwie nützlich sein können.
Die nächste Schublade beinhaltete verschiedene Reagenz- und Bechergläser, sowie sorgfältig beschriftete Behälter für verschiedene Chemikalien. Raissa erkannte einige direkt aus ihrer Schulzeit wieder: HCl war eindeutig Salzsäure und HNO3 stand für Salpetersäure. Handelte es sich bei Hg nicht um Quecksilber? Das Zeug war gar nicht mal so ungefährlich... was stellte Alexander hier bloß damit an - oder wollte sie das überhaupt so genau wissen?

„Hast du irgendetwas interessantes gefunden?“, tönte es aus dem anderen Zimmer.
„Ja... denke schon“, antwortete Raissa zögerlich und steckte das Fläschchen in die Tasche ihres Kleids, ehe sie unsicher direkt in Emilias große, tiefgrüne Augen sah, deren Blick fragend auf ihr ruhte. „Ich erkläre dir alles sobald wir hier weg sind“, flüsterte die Grünhaarige beruhigend, woraufhin das Kind stumm nickte und Chaneira ein „Kyaaa!“ von sich gab.
„Tut mir leid, dass ich dich echt die ganze Zeit so rumhetze, aber... kannst du mal kurz nochmal kommen?“, bat Silvana nun, wobei ihre ernste Stimmlage vermuten ließ, dass sie wohl einen wichtigen Fund gemacht haben musste.
„Ja, natürlich“, gab ihre grünhaarige Komplizin nun von sich und begab sich gemeinsam mit Chaneira und Emilia neugierig wieder zu der Arenaleiterin. „Was ist denn los?“
„Hier ist unter dem ganzen Papierkram scheinbar ein... Kontrollpult oder so“, berichtete die Rothaarige und sah fragend zu ihren beiden Verbündeten, als diese an sie herantraten. „Ich glaube.. das ist die Mechanik, mit der wir die Alpollo befreien könnten. Ist zwar nur so ein Gefühl, aber es wäre doch logisch, oder?“
Raissa schluckte geschockt und wich automatisch wieder einen Schritt zurück, wobei sie versehentlich ein wenig an Chaneira stieß. „Du.. weißt aber, dass es keine gute Idee wäre, sie hier und jetzt sofort zu befreien?“
Ein kurzer, nervöser Seitenblick zu Emilia ließ Raissa das große, rote Fragezeichen sehen, das eindeutig über dem Kopf des Mädchens schwebte, was der jungen Frau auch leid tat. Aber sie konnte ihr unmöglich in dieser Situation jetzt sofort alles verraten.
„Chaaan“, piepste das rosa Ei und stupste das Kind an, um es ein wenig zu beruhigen.
Aus einem unerfindlichen Grund war die Atmosphäre plötzlich zum Zerreißen gespannt.
„Silvana?“, hakte Raissa nun nach, da die Arenaleiterin immer noch nicht geantwortet hatte. „Alles okay?“
Immer noch keine Reaktion – dafür bemerkte die junge Frau nun, wie sich die Haltung ihrer Komplizin schlagartig geändert hatte. Ihr gesamter Körper schien plötzlich noch viel angespannter zu sein als zuvor schon: Die Hände zu Fäusten geballt, glitzernde Schweißperlen auf der Stirn und ein verkrampfter Gesichtsausdruck. Sogar die Luft hielt sie scheinbar an und malte sie gerade tatsächlich ihren Kiefer? Es war fast so, als ob sie sich wirklich anstrengen würde um.... gegen etwas anzukämpfen? War das der richtige Begriff? Es kam Raissa auf jeden Fall irgendwie so vor, als würde die Arenaleiterin einen Kampf in ihrem Inneren ausfechten. Nein das war sicher nur Einbildung, oder?
„Ist irgendwas los?“, piepste nun auch Emilia sichtlich beunruhigt und sah zwischen den beiden jungen Frauen hin und her.

Mir ist aufgefallen, dass es unmöglich für die Alpollo ist, Wände zu durchdringen, in welche Platin eingearbeitet wurde - auch wenn man es vorzugsweise dennoch vermeiden sollte, ihnen zu lange in die Augen zu sehen.
Als Raissa plötzlich wieder Alexanders Worte in den Kopf schossen, war es schon zu spät. Dafür jedoch sollte sie schon in diesem Moment erfahren, was der Forscher damit gemeint hatte – die Grünhaarige sah gerade noch, wie die Augen ihrer Kumpanin goldgelb aufblitzten, ehe ihre Hand wie hypnotisiert auf das Kontrollpult zuschellte und einen roten Schalter betätigte, der ziemlich wichtig aussah.
„Silvana!“, schrie Raissa entsetzt und schoss ebenfalls vor, um die Arenaleiterin noch irgendwie abzuhalten – jedoch reagierte sie zu spät. Der Schalter war umgelegt und zunächst geschah... gar nichts.
Mit weit aufgerissenen Augen und einem Herz, das sich so anfühlte, als würde es ihr gleich aus der Brust springen, stand die Grünhaarige da und starrte Silvana schockiert an. Ihre schwitzige, linke Hand war automatisch zu der von Emilia gewandert und hatte die kleinen, zarten Kinderfinger fest umfasst. Das Mädchen erwiderte den Griff sofort und schien direkt zu bemerken, dass gerade etwas Furchtbares passiert sein musste. Ein lautes Klirren ertönte aus dem anderen Teil des Labors. Jetzt war es aus.
Langsam zog Silvana ihre Hand zurück und sah ihre Kumpanin an – die braunen Augen der Arenaleiterin hatten den goldgelben Schimmer wieder verloren. „Mir ist... schwindelig“, murmelte die sonst so stark und entschlossen wirkende Frau mit brüchiger Stimme, ehe sie einen Schritt taumelte und sich an die Stirn fasste. „Raissa wieso habe ich das gerade getan?“

Eine Antwort auf diese Frage würde nie folgen, da nur einen Augenblick später eine ganze Schar von Alpollo durch die halb geöffnete Labortür hineinschwebte und das Trio von mehreren Paaren unheilvoller, goldgelb leuchtender Augen angesehen wurde. Ein sadistisches, leuchtendes Grinsen bildete sich in den Gesichtern der Gespenster.
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