Cursed

GeschichteMystery, Angst / P16
OC (Own Character) Professor Eibe
09.12.2018
22.12.2019
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Als das Licht schließlich wiederkehrte, waren das Geistermädchen, die glühenden Augen und die weinerliche Stimme wieder verschwunden. Der Raum – allem Anschein nach eine verfallene Bibliothek – lag wieder still und regungslos vor Raissa. Sogar die kleine Lampe, deren Schein vorhin kurz erloschen war, leuchtete wieder stumm vor sich hin.
Woher waren die Augen und die Stimme gekommen? Raissa konnte ihren Ursprung nirgendwo ausmachen. Dennoch wurde die junge Frau das Gefühl nicht los, dass sie von irgendwem oder irgendetwas beobachtet wurde – alleine das war schon gruselig genug. Sie und Chaneira waren hier definitiv nicht alleine in diesem Raum.
„Alles in Ordnung, Chaneira?“, erkundigte sich die Trainerin besorgt, woraufhin ihr Pokémon ein enthusiastisches „Chaan!“ erklingen ließ, das der jungen Frau etwas Mut gab. Solange Chaneira bei ihr war, war alles noch halbwegs gut. Am besten würden sie diese Villa jetzt auf dem schnellstmöglichen Weg verlassen und diesen ganzen Abend sofort vergessen! Im Wald zwischen all den wilden Pokémon zu übernachten schien plötzlich doch eine ganz angenehme Option zu sein. Immerhin hätte sie es dann nicht mit irgendwelchen übernatürlichen Dingen zutun gehabt!
„Lass uns lieber endlich gehen“, schlug die Grünhaarige vor, woraufhin das rosafarbene Ei zustimmend nickte. Das Normal-Pokémon hatte sicherlich auch langsam genug von diesem Ort!
Raissa erhob sich von dem modrigen Sofa, klopfe sich den Staub von der Kleidung und schritt entschlossen, aber dennoch vorsichtig zur hölzernen Doppeltür, ehe sie sich daran machte, diese zu öffnen. Ohne Erfolg. Auch nach mehrfachem Rütteln und angstrengtem Ziehen, Schieben oder sogar einem verzweifelten Tackleversuch gab das massive Hindernis nicht nach, woraufhin Raissa frustriert abließ.
„Ich glaube, sie klemmt irgendwie“, stellte sie fest und sah hilfesuchend zu Chaneira, das diesen Blick ebenso ratlos erwiderte. „Was jetzt?“
Doch ohne einen gewissen Ehrgeiz wäre Raissa ohnehin nie zu einer Trainerin geworden – sie war fest entschlossen, diesem Zimmer zu entfliehen. Irgendeinen Ausweg gab es immer und solange ihr nicht wieder irgendein gruseliger Geist in die Quere kam, würden sie und Chaneira das schon irgendwie schaffen. Hoffentlich.­

Zuerst versuchte sie es auf eine altbewährte, weniger spektakuläre Methode: Rasch zog sie ihren Rucksack ab und fischte ihr Handy daraus hervor. Es war ein altes, kleines Klapp-Mobiltelefon, erfüllte seinen Zweck aber zuverlässlich und hatte einen nahezu unerschöpflichen Akku.
Was es wiederum gerade nicht hatte, war etwas, das für diese Situation essenziell gewesen wäre – Empfang.
Raissa versuchte zuerst, ihre Mutter anzurufen, musste jedoch schon schnell feststellen, dass sie diese von hier aus nicht erreichen konnte. Na toll. Dann eben Plan B! Die Grünhaarige packte, nachdem sie zur Sicherheit noch wenigstens eine kurze Nachricht geschrieben hatte, ihr Handy zurück in den Rucksack und ließ ihren Blick erneut durch das Zimmer schweifen, ehe dieser an einem bestimmten Möbelstück hängen blieb.
Raissa hatte in Filmen schon oft gesehen, wie sich irgendwelche Bücherregale durch einen geheimen Mechanismus zur Seite bewegten und einen Geheimgang freigaben – vielleicht war das hier ja auch der Fall?
Die junge Frau lief, gefolgt von ihrem treuen Chaneira, die wandhohen Regale ab und suchte nach irgendwelchen Auffälligkeiten. Ein hervorstehendes Buch? Eine seltsame Lücke? Ein Gegenstand, der nicht in das Regal zu gehören schien? Nein, Fehlanzeige. Nichts davon.
Was Raissa jedoch auffiel, war die große Anzahl an wissenschaftlichen Schriften: Einige, bekannte Werke erkannte sie sogar wieder. Professor Eibe hatte beispielsweise schon vor einigen Jahren ein Buch veröffentlicht, in dem er viele seiner Forschungsergebnisse festhielt und somit der Öffentlichkeit zugänglich machte.
Den versteckten Mechanismus, den Raissa suchte, fand sie aber trotzdem nicht. Nur eine ganze Menge Bücher, alle feinsäuberlich einsortiert. Wenn die junge Frau genau hinsah, schienen sie sogar alphabetisch angeordnet zu sein – oh Arceus, da hatte sich jemand ganz schön viel Mühe gemacht.
Diese Erkenntnis half der Grünhaarigen jedoch auch nicht sonderlich viel weiter, sodass sie den Boden näher inspizierte. Wenn sie sich jetzt in irgendeiner Krimi-Serie befände, könnte vielleicht auch irgendwo ein Mechanismus für eine Falltür befinden – wenn es schon keinen Geheimgang hinter einem Bücherregal gab!
Raissa brachte dieser Gedanke kurz dazu, schmal zu lächeln, ehe sie den Kopf schüttelte und sich zusammenriss. Sie befand sich hier in der bitteren, echten Realität.

In einer der hinteren Ecken befand sich sogar ein kleiner Spiegel, sodass Raissa sich kurz in dem spärlichen Licht betrachten konnte. Sie war ein wenig bleich, doch der leicht rosige Teint war nicht von ihren Wangen gewichen. Raissa schoss kurz der Gedanke daran, wie oft ihre Mutter sie als bildhübsches Mädchen bezeichnet hatte, in den Kopf. Sie vermisste die Stimme ihrer Mama angesichts ihrer Lage jetzt schon ein wenig.. aber deswegen sollte sie sich jetzt umso mehr darum kümmern, dass sie einen Ausweg fand. Zeit, sich weiter umzusehen.

Die Scherben am Boden brachten die junge Frau dann plötzlich auf eine Idee: Vielleicht könnte sie aus dem Fenster klettern? Ein kurzer Blick offenbarte der Trainerin jedoch direkt zwei Probleme: Wie sollten Chaneira und sie bis zu den Fenstern kommen, die sich mehrere Meter über dem Boden befanden und – noch wichtiger – wie sollten sie hinausklettern, ohne sich an dem ganzen spitzen, gesplitterten Glas, das sich noch in der Fassung befand, komplett blutig zu schneiden? So würden sie im Wald mit dem Geruch nach Blut nur irgendwelche räuberischen Pokémon anlocken, für die sie einen schnellen Mitternachtssnack darstellten. Abgesehen davon sahen die spitzen Glaskanten ohnehin wenig einladend aus.
Die Grünhaarige schauderte. Vielleicht sollte sie, bevor sie diese Option in Erwägung zog, noch weiter Ausschau nach einem anderen Weg finden.
„Chaaan!“
Etwas verblüfft hob Raissa wieder den Kopf und sah zu ihrem Pokémon, das nun aufgeregt mit den Patschehändchen wedelte, während es vor dem Tisch mit der Lampe stand. Neugierig lief die Trainerin zu Chaneira hin und sah es fragend an, was dieses jedoch nur mit dem für es typischen, breiten Lächeln erwiderte.
„Hast du etwas entdeckt?“
„Kyaaa!“
Raissa untersuchte das Möbelstück – das sich bei genauerem Hinsehen nun doch als eine Art Kommode entpuppte – genauer. Die kleine, unscheinbare Schublade zog dabei sofort die Aufmerksamkeit der Trainerin auf sich, sodass diese ohne Umschweife einen Versuch startete, diese zu öffnen.
Zuerst schien sie zu klemmen und bewegte sich nur wenige Zentimeter, doch die junge Frau gab nicht nach und rüttelte nun fester an ihr, woraufhin sich diese wieder ein wenig öffnete. Da dies aber noch immer nicht genügte, zog Raissa schließlich mit aller Kraft an dem Griff der Schublade – woraufhin ein Knacken ertönte und die Schublade sich quietschend öffnete und scheinbar aus dem Auszug flog.

Das resultierte dann schließlich darin, dass die Trainerin mit einem erschrockenen Aufschrei nach hinten flog, schmerzhaft auf ihrem Steißbein landete und die Schublade dabei versehentlich fallen ließ, sodass diese mit einem Knall auf dem Boden landete. Eine ganze Ladung vergilbter Blätter flog dabei aus der Luft und glitt nur langsam zu Boden.
Raissa kniff ängstlich die Augen für einige Momente zu, als sie bereits befürchtete, damit erneut den Zorn irgendwelcher Geister erweckt zu haben. Als schließlich nichts geschah, öffnete die junge Frau diese mit einem erleichterten Seufzer wieder und sah sich neugierig um, während Chaneiras besorgter – und leicht verwirrter – Blick auf ihr ruhte.
„Was ist das denn?“, entfuhr es der Trainerin überrascht, als sie all die Zettel sah, die sich um sie herum verteilt hatten.
Neugierig nahm sie eines der Blätter in die Hand, sah jedoch erschrocken dabei zu, wie es in ihrem Griff zerbröselte. Da dasselbe auch mit dem nächsten Papierstück geschah, kniete Raissa sich schließlich einfach hin und lehnte sich über die Blätter, um diese auf diese Weise lesen zu können. Sonderlich viel erkennen konnte sie nicht: Die Schriftstücke waren allesamt stark verwittert und auch das spärliche Licht, das die kleine Lampe auf der Kommode warf, erleuchtete den Raum mehr schlecht als recht.
Lediglich die Worte „Gas“ und „Platin“ waren zu entziffern, jedoch konnte sich die Trainerin beim besten Willen keinen Reim darauf machen, inwiefern das miteinander zusammenhängen sollte – oder wie dieses Wissen ihr in dieser Situation weiterhalf.
„Kyaaa!“
Chaneiras erneuter, aufgeregter Laut weckte Raissas Aufmerksamkeit. Die junge Frau richtete sich auf und sah zu ihrem Pokémon, das zu ihr hin gewatschelt war und nun die am Boden liegende Schublade fiepsend inspizierte.
„Chaneira, hast du etwas entdeckt?“
„Eira!“
Es dauerte einige Momente, bis der Trainerin schließlich bewusst wurde, worauf ihr Pokémon hinaus wollte: In der Schublade, die sie versehentlich komplett aus der Kommode herausgezogen hatte, lag zwischen einigen Spinnenweben, Staub, Papierfetzen und Stiften noch ein weiteres Objekt - ein Schlüssel!
Raissa griff aufgeregt nach ihm und wischte flüchtig den Schmutz daran ab. Sie konnte eine gewisse Erleichterung nicht verleugnen, als der Schlüssel ausnahmsweise nicht in ihren Händen zerbröselte - so wie es zuvor noch die Papierdokumente getan hatten. Das Metall fühlte sich kühl und kratzig an, wirkte jedoch auch sehr stabil.

Raissa schüttelte den Kopf, um sich wieder auf die essenziellen Dinge zu konzentrieren – ob sich der Schlüssel kratzig anfühlte oder nicht, spielte keine Rolle. Was jetzt wichtig war: Inwiefern war er wichtig?
Die junge Frau ließ ihren Blick erneut durch den Raum schweifen und stellte dabei überrascht fest, dass die große Doppeltür ein Schloss besaß – das war ihr vorhin ja gar nicht aufgefallen!
Langsam schritt die Trainerin, den Schlüssel fest in ihrer Hand haltend, auf den Ausgang zu und atmete tief durch. Ihre Intuition ließ sie ahnen, dass sich irgendetwas dahinter verbergen musste.
„Chaneira, bist du bereit?“, erkundigte sie sich sicherheitshalber bei ihrem Pokémon, das daraufhin nickte und ein „Chaaaan!“ von sich gab, ehe es sich direkt neben Raissa positionierte.
Mit zittrigen Händen führte die Trainerin den alten Schlüssel zur Tür und drehte diesen anschließend langsam im Schloss um – woraufhin ein Klacken ertönte und sich der rechte Flügel der Tür quietschend einige Zentimeter öffnete. Raissa zog den Schlüssel angespannt wieder aus dem Schloss heraus und verstaute ihn sicher in einer Seitentasche ihres Rucksacks. Wer wusste, für was sie ihn vielleicht noch benötigten konnte.

Entschlossen öffnete die junge Frau schließlich die Tür, hinter der sie lediglich eine einheitliche Schwärze empfing: Es war stockduster und gab scheinbar keine einzige Beleuchtung in dem vor ihr liegenden Raum.
Raissa dachte fieberhaft nach, wie sie wortwörtlich Licht in die Dunkelheit bringen konnte, fand jedoch keine Lösung. Ob sie nochmal in der Bibliothek nach Batterien für ihre Taschenlampe suchen sollte? Oh verdammt wieso hatte sie auch in Flori keine Ersatzbatterien gekauft?
Etwas ratlos holte die junge Frau dennoch das kleine Gerät aus ihrem Rucksack, versuchte es anzuschalten und schüttelte es. Erfolglos. Sie schlug es sogar mehrfach gegen ihre Handfläche – keine Reaktion. Was sollte sie denn jetzt tun? Hals über Kopf in diese Dunkelheit stürzen war keine gute Idee.
Was der jungen Frau dann schließlich einen weiteren Schrecken versetzte, war die Tatsache, dass die Lampe auf der Kommode anfing zu flackern, ehe sie schließlich – wie hätte es auch anders sein sollen – ganz erlosch. Instinktiv suchte Raissa die Nähe zu ihrem Chaneira, als die beiden schließlich komplett im Dunkeln standen.
Gerade als Trainer und Pokémon sich erneut in eine ängstliche Umarmung zogen, geschah ein Wunder: Raissas Taschenlampe fing plötzlich wieder an zu leuchten. Verwundert, aber auch erleichtert, sah die junge Frau die neue Lichtquelle an. Hatte das Schütteln also doch etwas gebracht? Naja, die Hauptsache war, dass sie wieder funktionierte – auch wenn es sie ungemein verwunderte, so gab es gerade wichtigere Dinge. Und am besten sollte sie sich jetzt beeilen, bevor die Taschenlampe doch wieder aufhören würde zu leuchten. Sobald sie in Sicherheit war, konnte sie weiter darüber nachdenken, was sie hier alles erlebt hatte.
Chaneira und die junge Frau lösten sich wieder ein wenig voneinander, hielten aber dennoch lieber weiterhin die Hand des jeweils anderen – so fühlten sie sich beide einfach wohler. Raissa begann, die Gegend auszuleuchten und wunderte sich kurz, ob ihre Taschenlampe plötzlich sogar heller schien als zuvor. „Sicher nur Einbildung“, murmelte sie nachdenklich und machte sich weiter daran, den Raum zu sichten.

Ein ziemlich kahl anmutender Gang, dessen Wände zum Teil geflickt zu sein schienen.. irgendwie kam Raissa das doch bekannt vor! Sie seufzte und versuchte sich zu erinnern, wo der alte Mann sie vorhin entlang geführt hatte, bis sie schließlich hierher gekommen waren.. dann würde sie auch den Ausgang finden! Das ganze Szenario glick einem schlechten Pokéwood-Klischees eines Alptraums, aus dem sie hoffentlich bald aufwachen würde.
„Weißt du, wo wir lang müssen?“, erkundigte sich Raissa und sah zu ihrem Pokémon, das ein enthusiastisches „Kyaaa!“ von sich gab und für sie beide beschloss, dass sie nun nach rechts laufen würden, indem es schon vorauswatschelte. Durch die Tatsache, dass die beiden immer noch Hände hielten, wurde die Grünhaarige also zwangsweise mitgezogen, leistete aber auch keinen Widerstand. Chaneira würde schon wissen, was sie taten, oder?
Während die Trainerin an der Seite ihres Pokémon den unheimlichen, dunklen Gang entlanglief und diesen mit ihrer Taschenlampe ausleuchtete, kam sie nicht umhin, noch einmal über das Geschehene nachzudenken. Wer waren der Butler und dieses seltsame Geistermädchen... und wieso hatte sich Ersterer in ein Alpollo verwandelt? Die offensichtlichste, einfachste Lösung wäre, dass einige Geist-Pokémon ihr einen bösen Streich spielten – doch gleichzeitig hatte die Trainerin das Gefühl, dass die Wahrheit nicht ganz so einfach war. Dieses Landhaus verbarg ein dunkles Geheimnis, das spürte sie einfach. Und diese Gespenster hatten sich gegen sie verbündet!
Dass sie durch die Fähigkeiten der Geister-Pokémon getäuscht worden war und diese ziemlich verfallene Villa deshalb zuvor noch ganz anders ausgesehen hatte, ergab Sinn. War dann überhaupt das Essen, das sie zu sich genommen hatte, echt gewesen? Das hungrige, knurrende Gefühl in ihrem Magen jedenfalls beantwortete diese Frage mit einem klaren 'Nein!'.
Ein Schauder lief Raissas Rücken hinab als sie mit diesem Hintergrundwissen an das alte Gemälde zurückdachte, welches das Gesicht des Butlers zeigte und sie geradewegs angestarrt zu haben schien. Vielleicht hatte irgendetwas sie da wirklich angestarrt? Sie fühlte sich hier wirklich alles andere als wohl.
Aber von was für einem Fluch hatte das Mädchen gesprochen? Raissa hatte nie davon gehört, dass irgendetwas in einem abgelegenen Landhaus im Ewigwald passiert sein sollte. War es vielleicht schon Ewigkeiten her oder hatte man es, aus welchem Grund auch immer, geheim gehalten? Oder wäre etwas derart abstraktes wie ein Fluch, der ein altes Gebäude inmitten eines Waldes heimsuchte, überhaupt an die Öffentlichkeit gedrungen?
Die Vermutung, dass der Vorfall vielleicht schon gut 40 oder 50 Jahre her war, wäre an sich zwar auch nur logisch, aber gleichzeitig befiel Raissa die Ahnung, dass die Villa wohl noch gar nicht so alt war, wie sie aussah. Es hatte wohl einfach seit Jahren niemand mehr hier gelebt und sich um sie gekümmert – die Pokémon, die sich in der Zeit hier eingenistet haben mussten, taten dann wohl ihr Übriges.
Aber verdammt, wer waren der Butler und das Geistermädchen dann? Waren sie wirklich nur zwei Alpollo oder sogar Gengar, die ihr einen bösen Streich spielten? Raissa hoffte innigst, dass ihr nicht noch ein Gespenst begegnen würde.

„Chaaan...“
Raissa wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie Chaneiras enttäuschten Laut vernahm. Der Grund dafür war offensichtlich: Sie hatten eine Sackgasse erreicht.
„Oh, hier geht es wohl nicht mehr weiter“, stellte die Trainerin seufzend fest. Aber gut zu wissen, dass es in diesem Irrgarten aus Gängen überhaupt Sackgassen gab.
Raissa sah sich vorsichtig, aber dennoch auch ein wenig neugierig um und leuchtete die Gegend weiter aus. Eine hundertprozentige Sackgasse war das hier nicht: Eine unscheinbare Holztür befand sich an der linken Seite des Ganges. Die Grünhaarige hatte – aus Angst vor weiteren Geistern – zwar nicht vor, hier jeden Winkel zu erkunden, doch eine gewisse Neugier packte sie nun doch. Außerdem fand sie ja vielleicht dadurch einen anderen Weg, sodass Chaneira und sie nicht zwangsweise umkehren mussten?
Vorsichtig drehte die junge Frau am Türknauf, um diesen zu öffnen. Mit einem unangenehmen Knarzen öffnete sich der Eingang zu einem neuen Raum, den Raissa sofort mit ihrer Taschenlampe beleuchtete.
Ein kleines Bücherregal lag am Boden – allem Anschein nach war es gewaltsam umgeworfen worden, sodass all die Schriften und Papierfetzen nun wild über den Boden im ganzen Zimmer verstreut lagen. Auch ein Sessel befand sich in einer eher ungewohnten Position auf dem roten Teppich, der den Boden schmückte. Ein Bett befand sich ebenfalls in dem Raum und stand ein wenig schief, hatte aber ansonsten noch eine Lage vorzuweisen, in der sich ein solches Möbelstück im Normalfall eigentlich befand. Auch ein Schreibtisch, der an einer Wand stand, schien halbwegs unbeschadet geblieben zu sein.
Was die gesamte Inneneinrichtung jedoch gemeinsam hatte, waren die Spuren der Zerstörung, die diese vorzuweisen hatte. Raissa kam nicht umhin, sich zu fragen, was hier bloß passiert war. Ein eiskalter Schauder lief ihren Rücken hinunter, während sie sich weiter umsah: Eher unscheinbar befand sich eine Tür – ebenfalls ziemlich malträtiert – in der Nähe des umgestürzten Bücherregals. Sie stand nur einen Spalt weit offen und schien irgendetwas zu verbergen. Was auch immer dahinter lag: Alleine der Anblick der tiefen Schwärze hinter der Tür bescherte der jungen Frau eine Gänsehaut. Dieses Szenario könnte wirklich aus einem Alptraum stammen.

Was ebenfalls die Aufmerksamkeit der jungen Frau auf sich zog, war das riesige Loch, das gleichzeitig auch in einer anderen Wand des Zimmers klaffte und so einen Durchgang zu einem gegenüberliegenden Korridor freigab: Raissa und Chaneira müssten also zum Glück doch nicht den ganzen Weg zurücklaufen.
„Was ist das hier...?“, murmelte die Grünhaarige nachdenklich und lief, wie magisch angezogen, auf die seltsame Tür zu.
„Chaaan..“, kam es in dem Moment auf einmal von Chaneira, das damit eindeutig sein Unbehagen bekundete und nervös an dem grünen Kleid seiner Trainerin zupfte. Die Intention dieser Geste war eindeutig: Das rosa Ei wollte auf der Stelle umdrehen. Diese Tür – oder eher gesagt das, was sich dahinter befand – schien in dem Pokémon ein starkes Unwohlsein hervorzurufen.
Raissa hielt in ihrem Tun inne. „Chaneira, was ist denn los?“
Natürlich verstand die Trainerin die Geste ihrer Partnerin – doch gleichzeitig konnte sie nicht bestreiten, dass diese Tür irgendwie ihr Interesse erregte. Irgendetwas schien sich dahinter zu verbergen...!
„Chaaan!“, ertönte es nun deutlich intensiver von dem Pokémon, das nun auch nicht mehr sein typisches, breites Lächeln auf dem Gesicht trug. Erneut zog es – dieses mal kräftiger – am Kleid seiner Trainerin und lief auf das große Loch in der anderen Wand zu, um Raissa eindeutig zu symbolisieren, dass sie lieber weitergehen sollten.
Der plötzliche Stimmungswechsel des sonst so optimistischen und enthusiastischen Pokémon verunsicherte nun auch Raissa, als sie schließlich von der Tür abließ. Vielleicht war es wirklich besser, wenn bestimmte Dinge einfach unentdeckt blieben. Oder...?

Der innere Kampf zwischen Angst und Neugier, der sich in Raissas Innerem abspielte, wurde von einer plötzlichen Welle des Unwohlseins, welche die junge Frau befiel, unterbrochen. Nein, igendetwas stimmte da ganz gewaltig nicht - alleine schon, wenn man sich die Verwüstung in diesem Zimmer ansah. Was auch immer hinter dieser Tür lag: Es sollte lieber dort bleiben und von niemandem jemals entdeckt werden.
„Lass uns doch lieber weitergehen“, beschloss Raissa und drehte um, sodass sie ihrem Pokémon folgen konnte, welches erleichtert vorauslief. Wenn sogar Chaneira nichts damit zutun haben wollte, was hinter dieser Tür lag.. dann war es wohl besser, wenn die Geheimnisse dahinter für immer Geheimnisse bleiben würden.
Die junge Frau spürte zwar – alleine schon aufgrund der Situation – noch immer eine unangenehme, permanente Angst, aber diese wich mit jedem Schritt, den sie sich von dieser Tür entfernten, wieder ein kleines bisschen, bis sie wieder bei ihrer ursprünglichen Intensivität angelangt war.
Orientierungslos – und weder die Dunkelheit, noch die Tatsache, dass alle Gänge irgendwie gleich aussahen, waren dabei sonderlich hilfreich – irrten Trainer und Pokémon die Gänge entlang, ehe sie nach einigen Minuten den Eingang zu einem Zimmer erreichten, der eine unsichtbare Anziehungskraft auszuüben schien. Eigentlich suchten sie doch nur den Ausgang... aber ein Blick hineinzuwerfen konnte doch nicht schaden, oder? Irgendwo war die Grünhaarige auch noch eine neugierige, junge Frau. Und vielleicht – hoffentlich - befand sich dort eine Art Plan, wie das Haus aufgebaut war, sodass sie sich leichter orientierten könnten um den Ausgang zu finden?
Bereits nach den ersten Schritten, die Raissa in eben jenes Zimmer getan hatte, erkannte sie den großen Speisesaal von vorhin wieder – nur in einem deutlich verfalleneren und verlasseneren Zustand.

Nervös leuchtete sie den großen Raum aus, als plötzlich ohne jegliche Vorwarnung die Kronleuchter an der Decke zu leuchten anfingen – wie durch Geisterhand. Trainerin und Pokémon quiekten gleichermaßen erschrocken auf und sahen sich hilfesuchend an. Vielleicht hätten sie den Speisesaal doch nicht betreten sollen...?
Als wäre das noch nicht genug gewesen, hatten sich plötzlich auch noch einige andere Dinge verändert: Der Tisch war jetzt plötzlich reich gedeckt, wobei eine riesige Pirsiftorte besonders hervorstach – die von sechs weiteren Personen bewundert wurde, welche auf einmal am Tisch saßen. Ein großes Tablett wurde gerade von dem Butler zum Tisch getragen – Raissa zuckte zurück, als sie den alten Mann erneut sah. Von diesem übergroßen Alpollo verfolgt zu werden war keine angenehme Erfahrung für sie gewesen.
Was ging hier vor sich? Träumte sie vielleicht wirklich einfach nur? Alles hier wirkte so surreal.
„H-hallo..?“, piepste Raissa unsicher und lief unsicher einfach auf die nächstbeste Person zu: Einen Mann mittleren Alters, der eine Brille und ein weißes Hemd trug. Sie wusste selbst eigentlich nicht wirklich, wie sie in dieser Situation reagieren sollte. Der Versuch, irgendwie auf sich aufmerksam zu machen, war eher irgendein verzweifelter Versuch um herauszufinden, was hier los war.
„Das sieht ja fantastisch aus“, entfuhr es dem Mann in einem begeisterten Tonfall: Die junge Frau ignorierte er scheinbar komplett. Jene nahm diesen Umstand irritiert zur Kenntnis und stand kurz wie angewurzelt da, ehe sie aus den Augenwinkeln sah, wie eine weitere Person herantrat und einfach durch Raissa hindurchlief, als wäre sie Luft.
Diese quiekte erschrocken und wich zur Seite – wie, in Arceus' Namen, hatte das bitte funktioniert?

Tatsächlich schien sich niemand an Raissas Anwesenheit zu stören – die Menschen unterhielten sich laut miteinander, tranken Wein und die Stimmung unter ihnen schien recht ausgelassen zu sein. Als sie noch einmal genauer hinsah, erkannte die junge Frau Professor Eibe und das Geistermädchen von vorhin, das betrübt auf seinen Teller starrte. Raissa konnte nicht anders und bekam erneut eine Gänsehaut, als sie das blasse Kind sah. Anders als vorhin wirkte sie jedoch weniger bedrohlich, sondern fast schon... traurig. Ja, ihre Ausstrahlung hatte eindeutig etwas Betrübtes an sich.
Die Aufmerksamkeit der jungen Frau wurde jedoch ziemlich schnell auf ein anderes Ereignis gezogen:
Der Mann, welcher gerade durch Raissa hindurchgelaufen war, warf dem Gast in dem weißen Hemd einen eindringlichen Blick zu, ehe er zu flüstern begann: „Professor Petrol, ich würde mich gerne nach dem Essen noch mit ihnen über meine.. Errungenschaften mit dem Pokémon unterhalten. Aber in Ruhe... wie wäre es mit der Bibliothek?“
Der größere der beiden Männer – er hatte braune, gewellte Haare, einen kurzen Bart und befand sich schätzungsweise irgendwo Mitte bis Ende der 30er, was man den Falten in seinem Gesicht entnehmen konnte – hatte sich etwas zur Seite gelehnt und die Worte gerade so laut gesprochen, dass der kleinere der beiden Männer ihn verstehen konnte – und Raissa, die zufällig in der Nähe stand. Sollten die anderen Gäste das etwa nicht hören?
'Professor Petrol', der eine dicke, runde Brille trug und wohl ein paar Jahre älter als der Mann mit den gewellten Haaren war, nickte unauffällig. „Ich bin gespannt auf ihre Ergebnisse.“
Raissa war vollends verwirrt und sah sich erneut um: Das kleine Mädchen starrte immer noch wie gebannt auf ihren Teller ohne etwas zu essen, während ein Mann mit blassvioletten Haaren scheinbar versuchte, es aufzumuntern indem er sich bemühte, ein Gespräch mit ihr zu führen. Professor Eibe schien sich angeregt mit einem anderen Mann auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches zu unterhalten, der ein breites, freundliches Lächeln auf den Lippen trug und deutlich jünger als der Pokémon-Professor aussah. Der Butler ging mit einer Weinflasche umher und schenkte die Gläser, welche bereits geleert waren, nach. Die einzige Frau im Bunde, die zwischen Eibe und dem Mann mit den blassvioletten Haaren saß, sah eindringlich mit ihren braunen Augen in die Richtung, in der Professor Petrol und der Hemdträger saßen.
„Möchtest du denn nichts essen, Emilia?“

Kaum hatte – anhand der Stimme zu urteilen - der Mann mit den lockigen Haaren dies ausgesprochen, erlöschte das Licht der Kronleuchter und die altbekannte Schwärze legte sich erneut über den Saal. Raissas Taschenlampe stellte wieder die einzige Lichtquelle dar, wobei der jungen Frau bewusst wurde, wie dankbar sie eigentlich dafür war, dass diese aus unerfindlichen Gründen wieder funktionierte. Es wäre trotzdem klug, so schnell wie möglich den Ausgang zu finden, bevor sie doch wieder den Geist aufgab.
„Chaneira, was war das...?“, murmelte die junge Frau ratlos und sah ihr Pokémon an, das nur ein ratloses Fiepsen von sich gab. Es war, als hätte sich diese Szene in einer anderen Dimension abgespielt - oder als wäre es gar ein Film gewesen. Irgendetwas stimmte hier nicht... aber was?
Neugierig sah sich die junge Frau etwas weiter in dem Saal um und beleuchtete den großen Tisch.
Tatsächlich war eine beschmutzte, weiße Tischdecke über eben jenen gespannt, wobei er zusätzlich durch zwei große, goldene Kerzenständer geschmückt wurde. Auch eine Vielzahl an Besteck, Tellern und Schüsseln befand sich hier: Es sah wirklich ganz so aus, als wäre er reich gedeckt gewesen, bevor er hier in Vergessenheit geraten war.
Etwas misstrauisch musterte die Grünhaarige einen übergroßen, runden Teller, auf dem sich krümelweise irgendwelche verschimmelten, undefinierbaren Essensreiste befanden. Hatte sich in diesem 'Film' gerade eben nicht sogar tatsächlich noch die Pirsiftorte dort befunden oder bildete Raissa sich das nur ein?

„Der Fluch, der auf diesem Haus lastet, lässt uns die Geschehnisse von damals immer und immer wieder erleben“, ertönte plötzlich die Stimme des Butlers hinter Raissa, woraufhin die junge Frau erschrocken quiekte und sich schlagartig umdrehte, während sie den Griff um Chaneiras Hand etwas festigte.
„S-sie schon wieder!“, stellte die junge Frau geschockt fest und nahm, nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte, sofort eine gespannte Haltung ein. Ihr Pokémon begab sich ebenfalls in Kampfstellung und war bereit, seine Trainerin zu verteidigen.
„Emilia und ich können nichts dagegen tun und auch nichts daran ändern, was damals passiert ist, da wir anwesend waren und immer wieder in die Rolle von damals zurückversetzt werden ohne es zu bemerken“, fuhr der Mann unbeirrt fort und rührte sich nicht. „Die Alpollo sind wütend und haben diesen Fluch zurecht ausgesprochen – nur die arme Emilia kann nichts dafür, was damals passiert ist. Ich bitte euch: Nur ihr könnt etwas bewirken, da ihr damals nicht anwesend wart und eure Rollen daher noch nicht festgelegt sind. Um das arme Mädchen von dem Fluch zu erlösen, müsst ihr verhindern, dass Emilia in dieser Na-...“
Der Mann stoppte schlagartig in seinen Ausführungen und fiel auf die Knie, während er verkrampft seinen eigenen Körper umschlung. Was war denn jetzt los?
„Verschwindet!“, rief er plötzlich und unter sichtlicher Anstrengung. Raissa wurde aus diesem Mann nicht wirklich schlau, aber dieser Aufforderung kam sie doch gerne nach.
„Komm, Chaneira!“, rief sie aufgeregt und nahm schleunigst die Beine in die Hand, während sie das rosa Ei hinter sich her zog. Was war bloß mit diesem alten Mann los? Und was war überhaupt mit diesem ganzen, verdammten Haus los? Sie hatte doch wirklich nur eine Bleibe für die Nacht gesucht! Vielleicht hatten sie ja doch beschlossen, im Wald zu schlafen und träumte all diese Sachen nur, während sie eigentlich friedlich zusammen mit Chaneira unter einem Baum schlummerte? Raissa würde langsam wirklich gerne aufwachen.. Alpträume hatte sie schon als Kind immer gehasst!

Die Grünhaarige spürte einen Luftzug und sah nur wenige Momente darauf, wie einer der Teller haarscharf an ihrer Wange vorbeiflog und mit einem lauten Klirren an einer Wand neben ihr zerschellte. Oh Arceus, das hätte ins Auge gehen können!
Ein panischer Schulterblick verriet Raissa, dass der Butler plötzlich eher an eine Mischung aus Mensch und Alpollo darstellte, während er mit gelblich leuchtenden Augen und zu einem breiten Grinsen aufgerissenen Mund hinter ihnen her schwebte – die linke Hälfte seines Gesichts wies bereits die zackenförmigen Umrisse auf, die auch bei Alpollo vorhanden waren. Doch nicht nur das: Wie eine Art grotesker Poltergeist schwebten einige Teller und eine Menge an Besteck um seinen Körper herum, die er als Wurfgeschosse verwenden konnte.
Genau davon machte der Butler-Alpollo-Hybrid nun auch wieder Gebrauch – Raissa stieß einen lauten Schrei aus, als sie sah, wie einer der Porzellanteller nun wie von Geisterhand direkt auf sie zuflog und dieses mal sicherlich nicht verfehlen würde. Chaneira hatte dies ebenfalls bemerkt und reagierte keine Sekunde zu spät, als es eine Eierbombe auf das fliegende Geschoss abfeuerte, woraufhin dieses zerbarst, bevor es sein Ziel treffen konnte.
Doch Ruhe wurde den beiden daraufhin nicht gegönnt: Zwei weitere Teller und eine Gabel bahnten sich daraufhin geradewegs ihren Weg auf die beiden zu. Dieses mal reagierte Raissa, eher reflexartig als wirklich beabsichtigt, und warf sich mitsamt ihrem Pokémon zur Seite. Den langsameren Tellern entgingen sie so zwar, aber die junge Trainerin bemerkte schmerzhaft, wie die Gabel sie noch leicht am Arm streifte, ehe sie beide ungeschickt eine Treppe hinunterstürzten.
Japsend rollten die beiden ein ganzes Stück, ehe sie schließlich im Erdgeschoss angelangten. Raissas Glieder schmerzten und Chaneira ging es wohl nicht anders, doch die Erkenntnis, dass sie die Treppe erreicht hatten und somit dem Ausgang nah waren, motivierte sie dazu, sich so schnell wie möglich wieder aufzuraffen – eine gewisse Sportlichkeit gehörte zum Trainerdasein ebenso dazu wie Ehrgeiz und Durchhaltevermögen.

Chaneira war trotz seines Körperbaus sogar noch schneller auf den Füßen als die junge Frau und wehrte entschlossen eine erneute Salve an Tellern ab, die drohte, seiner geliebten Trainerin etwas anzutun.
„Danke, Chaneira“, rief diese atemlos aus, ehe sie geradewegs auf die Tür zustürmte: Der Ausgang aus dieser Hölle befand sich endlich in greifbarer Nähe!
So leicht, wie die junge Frau es sich erhofft hatte, wurde es aber letztendlich doch nicht. Gerade als sie ihre Hände nach den Griffen der imposanten Doppeltür ausstreckte, erschien wie aus dem Nichts eine Klaue, die grob das Handgelenk der Trainerin packte und es gewaltsam zur Seite zog.
Diese schrie erschrocken auf und wollte ihren Arm zurückziehen, doch der Griff um diesen war eisern. Es dauerte nur wenige Momente, bis sie das Alpollo erblickte, zu dem die geisterhafte Hand gehörte: In nur wenigen Metern Abstand hatte es sich nahe einer Wand positioniert und grinste die panische Raissa mit gelblich leuchtenden Augen an.
Die ganze Zeit hatten sie – abgesehen von dem Butler, dessen Verhalten sie sich immer noch nicht erklären konnte – ihre Ruhe vor den Geistern gehabt, wieso erschienen sie nun ausgerechnet jetzt? Wollten sie verhindern, dass sie die Villa verlassen konnten?
„Ch-chaneira, Hilfe!“, quiekte die Grünhaarige aufgeregt und versuchte, irgendwie ihren Arm zu bewegen: Erfolglos. Wenn sie beide Hände benutzen könnte, gäbe es ja noch die Möglichkeit, einen Pokéball nach dem Gespenst zu werfen – aber solange sie nicht an ihren Rucksack kam, gab es keine Chance dazu.
Das rosa Ei hatte scheinbar gerade mit einer weiteren Eierbombe weitere Teller abgewehrt, die der Butler verschossen hatte. Oh Arceus, der war ja auch noch da! Sie sollten wirklich schleunigst weg hier!

Chaneira zögerte nicht, auch das Alpollo Ziel einer Eierbombe werden zu lassen: Der Bluff wirkte. Zwar wirkten Normal-Attacken nicht gegen Geister, aber durch den Abwehrreflex des Pokémon löste es sofort seinen Griff um Raissa, um die Eierbombe mit beiden Händen rechtzeitig von sich schleudern zu können.
Die Trainerin nutzte diese Gelegenheit sofort, um erneut nach der Tür zu greifen und diese endlich zu öffnen, doch genau in diesem Moment ergriff sie schließlich der Butler von hinten und zerrte sie mit einer unmenschlichen Kraft im letzten Augenblick von dem Ausgang weg. Raissa schrie und zappelte, aber nichts half. Nur wenige Zentimeter hatten ihre Finger von dem rettenden Ausgang getrennt, verdammt!
Chaneira schien es nicht besser zu gehen: Das Alpollo hatte seinen Fehler schnell bemerkt und mit der Erkenntnis, dass das rosafarbene Ei ihm nichts anhaben konnte, machte das Gespenst sich nun ebenfalls daran, das arme Pokémon zu verschleppen. Raissa wusste nicht, ob sie noch mehr in Panik verfallen sollte weil Chaneira dasselbe Schicksal wie sie erlitt, oder ob sie erleichtert sein sollte, weil sie beide in dieselbe Richtung gezogen wurden und so immerhin irgendwie beieinander blieben.
Die junge Frau zappelte wie eine Verrückte, doch der eiserne Griff des Butlers um ihre Hüften lockerte sich kein Stück. Gleichzeitig stieg ihr ein unangenehmer Geruch in die Nase, doch er war nicht allzu stark und gerade ohnehin nebensächlich. Sie mussten sich irgendwie befreien!
Bei all dem Gestrampel hätte die Trainerin sogar fast ihre Taschenlampe fallen gelassen – was mehr als nur unpraktisch gewesen wäre. Oder würde es dort, wo sie und Chaneira hin verschleppt wurden, überhaupt noch eine Rolle spielen?
Die junge Frau erkannte, dass der Geist sie in ein anderes Zimmer zerrte, ehe er plötzlich anhielt. Chaneira befand sich nur wenige Meter entfernt von ihr und wehrte sich immer noch – jedoch erfolglos.
„Für den Rest aller Tage“, sprach der Butler mit einer hallenden, absolut unmenschlichen Stimme, „Sollt ihr dort unten versauern!“
Noch ehe Raissa oder ihr Pokémon begriffen, was das bedeuten sollte, wurden sie plötzlich losgelassen – und stürzten sofort in eine unsagbare Tiefe hinab, wo niemand ihre entsetzten Schreie und Hilferufe hören würde.
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