Mittelerde Adventskalender 2018 - "An des Winters Grab"

von Thainwyn
OneshotDrama, Familie / P12
09.12.2018
09.12.2018
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Disclaimer: Mir gehört nichts, außer der Name von Helms Tochter, und sie selbst und alles andere gehört natürlich dem Herrn Tolkien und seinen Erben.
A/N: Das hier ist mein Beitrag zum Mittelerde Adventskalender von Pethryn. Danke dir, Pethryn, dass du das machst und dass ich mich an den Canon halten durfte!
Mein gewähltes Stichwort ist: Tiefe Glocken.
Und ja… scheint so, als wäre ich jetzt doch gezwungen gewesen, mir einen Namen für Helms Tochter zu überlegen.
Zeitpunkt des OS: Jahr 2759 DZ
Trotz der etwas düstereren, trostlosen Stimmung im Text wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen - und natürlich einen schönen Zweiten Advent!






An des Winters Grab







Der tiefe Klang der Glocken hallt über die Stadt. Langsam und schwer, Schlag für Schlag, während sich der Zug aus Menschen auf den Weg macht, um ihren König zu ehren.
Helm Hammerhand kehrt an diesem Tag nach Edoras zurück.
Fréaláfs junges Gesicht wirkt müde, wie er in Harnisch, Umhang und gezogenem Schwert unten vor den Toren steht. Die Klinge hat er aufrecht vor sich auf den Boden gestellt, die Hände auf den Knauf gestützt. Man sieht, dass sich große Mühe gemacht wurde, alles so vorbildlich wie möglich herzurichten, doch nichts kann die Müdigkeit und die Trauer aus den Augen des zukünftigen Königs vertreiben.
Stumm beobachtet er, wie der Karren, der Helm trägt, sich langsam einen Weg durch das aufgeschwemmte Land sucht. Sie alle sind froh über das Ende des Langen Winters, doch die Überflutungen durch den vielen geschmolzenen Schnee machen den Weg von der Hornburg nach Edoras nicht einfacher.
Fast drei Tage hat Helm bis hierher gebraucht, gebettet auf Fellen; sein Schwert und Schild bei sich. Das schwarze Horn hebt sich stark von seiner massigen, weißgekleideten Gestalt ab.
Die Männer, die den Wagen ziehen, sind hohlwangig und erschöpft. Pferde haben sie keine; der Hunger und der Lange Winter haben sie alle genommen. Als einer der Männer stolpert und beinahe fällt, springen seine Begleiter vor, doch der Mann winkt sie zur Seite, den Blick fest auf die Tore gerichtet.
Fréaláf nickt ihnen ernst zu, als sie an ihm vorüber kommen und neigt dann tief den Kopf, als Helm an ihm vorbei fährt.
Die anderen tun es ihm nach, manche fallen auf die Knie. Helms Tochter, die mit einigen Überlebenden vor ein paar Tagen aus den entlegenen Winkeln der Ostfold nach Edoras gekommen ist, scheint nicht einmal mehr dafür die Kraft zu haben. Stumm blickt sie auf ihren Vater, der an ihr vorüber zieht, und sagt kein Wort.
Byrnfled hat, seit sie hierhergekommen ist, nicht viel gesprochen, und Fréaláf hat sie nicht gezwungen, zu reden. Er sieht deutlich die Spuren des Hungers und der Kälte an ihr; es hat einen Grund, weshalb sie stets Handschuhe trägt, selbst in den eigentlich warmen Hallen. Er rechnet es ihr hoch an, dass sie an diesem Tag vor die Tore getreten ist, doch auf der anderen Seite ist sie die Tochter des Königs. Es ist ihre Pflicht, dies zu tun.
Viel Schmuck hat sie nicht angelegt, einzig ein silberner Stirnreif und eine ebenso silberne Kette, die sich wie Eis von ihrem dunklem Kleid abhebt, ziert sie. Ringe trägt sie keine; zu frisch sind sicherlich noch die Erinnerungen an Metall, das durch die Kälte an der Haut brennt.
Fréaláf hat diesen Biss selbst gespürt, wenn die Glieder seines Kettenhemdes zu dicht an die ungeschützte Haut seines Halses gekommen sind; wenn er gezwungen worden ist, sich seiner Handschuhe zu entledigen, um sein Schwert zu säubern, weil das Leder zu steif geworden ist.

Für einen Moment schweift sein Blick wieder den Hügel hinter sich hinauf, wo über den Toren ein wenig Gold vom Dach Meduseldes aufblitzt.
Halb überlegt er, ob er Wulf dankbar sein soll. Wulf, dem Dunländer, dem Sohn des späten Herrn Frecas, der Helm aus seiner Stadt vertrieb und sie als sein Eigen nahm. Er hat den Winter gut überstanden, dank vieler Vorräte, und in seinem letzten Atemzug hat er Fréaláf verflucht, ihm alles genommen zu haben.
Fréaláf hätte ihm diese Worte ebenso gut sagen können, doch dies wäre nicht ganz die Wahrheit gewesen. Er hat nie damit gerechnet, den Thron erben zu können – immer waren Háma und Haleth, Helms zwei Söhne, an erster Stelle. Immer ist er davon ausgegangen, dass einer von ihnen den Thron erben wird, denn er ist schließlich nur Helms Neffe.
Und auf einmal erreicht ihn die Nachricht, dass Helm vertrieben, Haleth erschlagen und Háma sicherlich erfroren sei. Dass Wulf den Thron an sich gerissen habe und man keinen Dunländer als König wolle, dulde.
In diesem Moment haben sie alle in dem kleinen Zelt, in dem sie sich vor der Kälte zusammengedrängt haben, ihn angeschaut. Er erinnert sich noch genau an diesen Moment, wo ihm die Kälte auf einmal durch Mark und Bein gekrochen ist.
Fréaláf muss König werden.
Und was für eine Wahl wäre ihm geblieben? Verhungern, mitsamt seinen Männern und dem Volk der Eorlingas, oder reiten und den Thronräuber erschlagen.
Er hat das Gefühl, als wenn das Blut Wulfs noch immer die Steine vor dem Thron befleckt, als wenn sein Schwert immer noch seine Spuren trägt.

Die tiefen Glocken hallen über die Stadt, und Helm ist an seinem Grab angekommen. Der Wind zieht mit noch kalten Fingern an seinem schneeweißen Umhang, als er auf seinen Schild gehoben wird.
Dann tritt Fréaláf vor, spricht einige formelle Worte, blickt zu Byrnfled zurück. Sie ist die Tochter des Königs, sie hat eine Pflicht. Sie sollte ebenfalls einige Worte an das Volk richten.
Doch Byrnfled steht nur stumm und blass dort, als sei sie aus Eis, und so spricht Fréaláf die Endworte. Niemand scheint sich daran zu stören; sie alle verfolgen Helm, der nun in sein Grab getragen wird. Noch ist der Hügel grün, doch sicherlich wird bald auch Simbelmynë auf ihm wachsen – weiß wie Helms Kleidung, wie der Schnee, der die Mark verhüllte.
Ein Sänger tritt vor, singt ein Lied, welches von Helms Ruhm spricht, und dann singen sie alle gemeinsam, um ihren König zu ehren.
Der tiefe Hall der Glocken verklingt über der Stadt.


Später, nachdem sich alle von ihm mit ihrem Beileid verabschiedet haben, bleibt Fréaláf noch am Hügelgrab zurück. Für angemessene Trauer ist keine rechte Kraft dagewesen, und als er in die Gesichter geblickt hat, hat er auch dort kaum Tränen, sondern nur eine alles verzehrende Müdigkeit gesehen.
Der Winter hat dem Volk sehr zugesetzt, und es wird lange dauern, bis es sich von diesem Schlag erholt hat.
Die Flamme des Kohlebeckens flackert im Wind, und Fréaláf kniet vor dem Hügelgrab nieder, neigt den Kopf.
Gebt mir ein wenig von Eurer Stärke, Onkel, denkt er. Ich brauche sie, um Euer Volk und das Eurer Söhne zu führen. Eure Angreifer sind erschlagen, die Dunländer vertrieben, doch der Winter hat Spuren hinterlassen.
Schritte ertönen hinter ihm, und als er aufblickt, sieht er den Saum eines dunklen Kleides neben sich. Lange Zeit steht Byrnfled schweigend da, und Fréaláf will bereits sein Gebet fortsetzen, als sie spricht.
„Ist es meine Schuld, dass mein Vater starb?“
Fréaláf hebt überrascht den Kopf, sieht, dass sie die Hände zu Fäusten geballt hat. Doch ihre Stimme bebt nicht, und keine Tränen sind auf ihrem Gesicht zu sehen.
„Weshalb denkt Ihr dies?“ fragt er langsam nach, erhebt sich.
„Er widersprach, meine Hand an Wulf zu geben“, sagt sie, während sie den Blick auf das Grab gerichtet hält. „Hätte ich ihn geheiratet, wäre all das vielleicht nicht geschehen, mein Vater nicht tot, meine Brüder noch am Leben.“
Fréaláf runzelt die Stirn. „Demnach, was ich von Frecas Wesen gehört habe, hätte Euer Vater sicherlich ohnehin widersprochen.“
„Und dafür bin ich ihm dankbar“, sagt sie. „Deshalb lasst Euch sagen, Fréaláf, Hilds Sohn, dass ich mich nicht noch einmal verheiraten werden lasse – von niemandem, außer meinem eigenen Willen.“
„Und was sagt Euer Wille?“
Für einige Zeit ist Byrnfled still, und Fréaláf wartet, sieht zu, wie ihre Hände sich entspannen, um sofort wieder zu Fäusten zu werden.
Ihre Stimme ist leiser geworden, jedoch nicht minder entschlossen.
„Ich werde mit Swægifu und Ellor in die Ostfold zurückkehren, Edoras den Rücken zukehren. Ihr, lieber Vetter, werdet König sein, und ich würde dem nur im Weg stehen.“
„Noch bin ich nicht König“, bemerkt Fréaláf, bestürzt über ihren düsteren Blick. „Es ist noch nicht zu spät, um Euch -“
Ihr habt Wulf erschlagen“, gibt sie kalt zurück. „Ihr habt Meduselde und Edoras zurückerobert, habt Rohan von den Dunländern befreit und auch vom Langen Winter. Die Krone gehört, dem Recht nach, Euch allein.“ Sie wendet den Kopf, und ihr Blick durchbohrt ihn. „Und ich werde nicht als Königin Byrnfled in die Geschichte eingehen, von der man sagen wird, dass sie ihren Vater umbrachte, um an die Macht zu kommen; die ihr Volk bluten ließ. Ich werde als Helms Tochter in die Geschichte eingehen, von der man weder Schicksal noch Namen weiß.“
Fréaláf spürt in diesem Moment wieder die Kälte, fühlt sich umgeben von ellentiefem Schnee. Er spürt wieder die stummen Blicke der anderen auf sich ruhen, die unausgesprochene Aufforderung in ihnen.
Fréaláf muss König werden. Fréaláf muss uns erretten.
Und die Sieger schreiben stets die Geschichte.
Er neigt tief den Kopf. „Erlaubt Ihr mir, Euch Verpflegung für die Ostfold mitzugeben, wenn Ihr aufbrecht? Auf dass Ihr diese dort an die Überlebenden verteilen könnt?“
„Dies werde ich tun“, antwortet sie, strafft die Schultern und holt tief Luft. „Ich habe meinem Vater Lebewohl gesagt, meinen Brüdern. Nun werde ich Euch Lebewohl sagen, Fréaláf, denn Ihr werdet mich heute zum letzten Mal sehen. Helms Tochter dankt Euch und wünscht Euch eine gute Herrschaft, mein König.“
Und mit diesen Worten geht sie.

Er blickt ihr einen Moment nach, seufzt tief. Er hat gehofft, dass sie noch eine Weile bleiben, ihn beraten würde, doch er versteht ihre Gründe. Sie hat keinen Platz mehr in Meduselde, will keinen Platz dort mehr haben – zu dunkel ist der Schatten des Winters, zu groß die tödliche Kälte des Schnees, die sich in das Herz eingebrannt haben.
Er wünscht ihr, dass sie irgendwann Frieden von der Vergangenheit finden möge, dass dies ihnen allen möglich sein wird. Er weiß auch, dass dies ungewiss ist.
Es wird womöglich Jahre brauchen, bis der letzte Schatten verschwunden ist, und bis dahin hat er eine Pflicht zu erfüllen.
Fréaláf muss König werden.
Und Fréaláf holt tief Luft und kehrt zu seinem Volk zurück.



ENDE



A/N: Eigentlich hatte Byrnfled erst den Namen Byrnhild bekommen sollen, wobei mir bei näherem Überlegen auffiel, dass mir der Name merkwürdig bekannt vorkam… Leser des Nibelungenlieds oder der Edda sollten erkennen, was gemeint ist.
Und außerdem hat die Tochter Helms ein unerwartetes Eigenleben entwickelt. Erst sollte sie nur stumm an Helms Grab stehen und am Ende mit Fréaláf einen Blick wechseln, der von ihrem gemeinsamen, geteilten Trauma spricht, aber nachdem mir das dann etwas zu… passiv wurde, sollte sie zumindest an sich selbst zweifeln. Und auf einmal zweifelte sie gar nicht mehr, sondern war sich sehr darüber im Klaren, was sie wollte.
Ganz am Anfang in meiner Planung war noch ein Auftritt eines Weihnachtsmannes netten alten Greises, der Geschenke bringt Zauberers namens Saruman geplant gewesen, aber da der erst zu Fréaláfs Krönung auftaucht und Fréaláf hier noch nicht gekrönt ist, wurde da auch nichts draus…
Hiermit ziehe ich mich aus dem Adventskalender zurück und danke, dass ich daran teilhaben durfte!
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