Der Zweck heiligt die Mittel - oder auch nicht?

GeschichteHumor, Krimi / P12 Slash
08.12.2018
08.12.2018
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Der Zweck heiligt die Mittel - oder auch nicht


für Rosalie18



Es ist dunkel, doch der Mond und die Straßenlaternen beleuchten das Zimmer schemenhaft und in harten Kontrasten. Die Rollläden sind heute nicht zugezogen, schließlich ist Melanie nicht da. Ihr Bett ist wie immer ungemacht und über den Boden verteilen sich Kleidungsstücke, die sie noch vor wenigen Stunden vor dem Spiegel anprobierte, um sich dann für das selbe Kleid zu entscheiden, das sie immer trägt, wenn sie mit ihren Freundinnen um die Clubs zieht. Wie immer wird sie wohl erst in den frühen Morgenstunden zurückkommen – ob das auch der Gestalt bewusst ist, die in diesem Moment  vor ihrem Fenster auftaucht? Die in Schwarz gekleidete Person, schaut sich um, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Dann hebt die Gestalt einen klobig aussehenden Arm und schlägt auf das Fenster ein, bis ein Loch in der Scheibe entsteht. Dadurch, dass der Arm des Einbrechers mit einer dicken Decke umwickelt ist, ist das Rummsen und Klirren relativ gedämpft. Doch es ist auch zweifelhaft, dass einer der Nachbarn bei deutlich lauteren Geräuschen reagiert hätte – in diesem Viertel der Stadt kann man des Nachts immer wieder schreienden Betrunkenen und klirrenden Glasflaschen lauschen, die Anwohner sind das gewohnt. Auch Melanie arbeitet fleißig darauf hin, sich eine Wohnung in einer angenehmeren Gegend mieten zu können, doch dafür muss sie erst ihre Unentbehrlichkeit bei der städtischen Tageszeitung unter Beweis stellen; ein Unterfangen, das zur Zeit eher schleppend von der Hand geht.

Der Einbrecher hat inzwischen die Hand durch das Loch im Glas gesteckt und so das Fenster von innen öffnen können. Unelegant hineingekraxelt schaut sich die Gestalt nun in der kleinen Ein-Zimmer-Wohnung um. Die Kochnische bleibt unbeachtet genauso wie all die Gegenstände, die verstreut den Fußboden zieren. Was auch immer der Eindringling sucht, er sucht es auf dem Schreibtisch. Notizblöcke und Stifte werden achtlos zur Seite gewischt, bis endlich das gesuchte Objekt auftaucht: Melanies Laptop!

Es wird schon fast wieder hell als Melanie zu Hause ankommt und am liebsten würde sie sich sofort ins Bett werfen. Sie ist so müde, dass sie sich mit keinem Blick umsieht und den klaffenden Riss im Fenster wahrscheinlich gar nicht bemerkt hätte, hätte sie nicht ein kalter Luftzug für einen kurzen Moment wach gemacht. Ungläubig starrt sie auf das kaputte Fenster und sieht sich dann um. Der Raum sieht so aus wie immer, doch Melanie, die weiß, dass sie nur einen Gegenstand besitzt, der teuer genug ist, dass es sich lohnen würde, ihn zu stehlen, rennt in großen Schritten sofort zum Schreibtisch. Es dauert wirklich eine Weile bis sie, bei den Bergen an Notizen, Büchern und Schreibwaren, wirklich sicher sein kann, doch irgendwann muss sie sich, inzwischen wieder vollkommen wach und nüchtern, der Erkenntnis stellen, dass ihr Laptop gestohlen wurde.

Sie denkt gar nicht daran, sich das von einem kurzen, wütenden Tränenausbruch verschmierte Make-Up aus dem Gesicht zu wischen, oder auch nur aus dem paillettenbesetzten Kleid in ein formaleres Outfit zu wechseln. Stattdessen sitzt sie auf dem ungemachten Bett und starrt ins Leere. Sie schnieft. Für eine angehende Journalistin ist der Laptop wohl der wichtigste Gegenstand – all ihre begonnenen Artikel waren nun weg. All die Deadlines, die sie in der kommenden Woche nicht würde einhalten können. Bevor sie tief in Trübsal versinken kann, klingelt es aber glücklicherweise an der Tür. Sie presst den Knopf für den Türöffner und schiebt mit dem Fuß ein paar Kleidungsstücke zur Seite, sodass die ankommenden Polizisten eine freie Schneise zum Schreibtisch haben.

Da Melanie im Erdgeschoss wohnt, dauert es nicht lange, bis zwei uniformierte Beamten vor ihrer Tür auftauchen, die beide viel wacher aussehen, als Melanie es um diese Uhrzeit erwartet hätte. Aber gut, wer regelmäßig in solchen Schichten arbeitet, verschiebt vielleicht nach einer Weile den ganzen Schlafrhythmus.
„Guten Morgen – ich bin Polizeikommissarin Alexandra Skawran und das ist mein Kollege, Polizeihauptmeister Sven Franke.“ Die rothaarige, großgewachsene Frau schüttelt Melanies Hand mit festem Druck.
„Ähm, ja, hallo. Ich bin Melanie Gräfen und habe eben gemerkt, dass bei mir heute Nacht eingebrochen wurde.“
Zur Verdeutlichung zeigt sie auf das Fenster, durch dessen Loch nun frostige Morgenluft zieht.
„Dann erzählen Sie uns mal, Frau Gräfen – wie und wann haben Sie den Einbruch bemerkt? Ist etwas gestohlen worden?“
Melanie würde den beiden gerne etwas zu Sitzen anbieten, doch es gibt nur das ungemachte Bett und den Schreibtischstuhl, dessen Lehne beim Zurücklehnen derartig quietscht, dass es ihr unangenehm ist. Also bleibt sie einfach stehen und die anderen beiden tun es ihr gleich, während sie erzählt, was sie weiß, was nicht sehr viel ist. Franke macht sich dennoch ausführliche Notizen, während Skawran zunächst das Fenster und dann den Schreibtisch einer genauen Untersuchung unterzieht. Dabei fällt Melanie gegen ihren Willen auf, dass die Kommissarin einen durchaus ansehnlichen Anblick bietet. Vor allem von hinten. Melanie fühlt sich erröten und hofft, dass sie am Vorabend so viel Make-Up aufgetragen hat, dass das nun nicht sichtbar ist, und bemüht sich, diesen gerade äußerst unpassenden Gedanken zur Seite zu schieben.

Viel zu schnell also geht der „Besuch“ der Polizeibeamten vorbei. Melanie wird geraten, das Fenster möglichst schnell ersetzen zu lassen, das zahle bestimmt die Versicherung, sich aber nicht zu viele Hoffnungen zu machen. „Solche Einbruchdiebstähle werden eher selten aufgeklärt,“ meint Kommissarin Skawran bedauernd.
Na toll. Dann wird ihr Plan für diesen Samstag also sein, bei der Versicherung anzurufen, und außerdem zu versuchen, die schon fast fertig geschriebenen Artikel aus dem Nichts neu zu erschaffen.
Alexandra Skawran bemerkt ihren Unmut und fragt bedauernd und gleichzeitig vorwurfsvoll: „Haben Sie von ihren wichtigsten Dokumenten denn Sicherheitskopien angefertigt?“
Melanie schüttelt nur den Kopf. Sie kann gar nichts sagen, so wütend ist sie auf sich selbst. Als die beiden Polizisten gegangen sind, seufzt sie und löst ein Tütchen Aspirin in einem Glas Wasser auf. Das würde ein langer Tag werden und für Schlaf war keine Zeit.

Zum Glück verläuft das Gespräch mit der Versicherung erfreulich und Melanie kann schon für den selben Nachmittag Handwerker in ihre Wohnung bestellen. Bis es soweit ist, beschließt sie, noch ein paar Stunden in einem nahegelegenen Café zu arbeiten, da es in ihrem Zimmer inzwischen einfach zu kalt ist. Mit einem Espresso Macchiatto und einem Macadamia-Keks setzt sie sich also an einen Ecktisch und zieht ein Notizbuch hervor. Sie hat lange nicht mehr handschriftlich an längeren Texten gearbeitet, und wäre die Situation nicht so deprimierend und sie nicht so in Eile, wäre sie nun von Nostalgie erfüllt. Zunächst fertigt sie eine Liste der Texte an, an denen sie zur Zeit gearbeitet hat. Sie war im Kulturressort der Lokalzeitung tätig, doch leider nicht auf einer solchen hohen Ebene, dass sie, wie einige Kollegen, auf Kosten der Zeitung große Konzerte oder Festivals besuchen durfte. Nein, in letzter Zeit hatte sie ein Konzert eines Stadtteil-Blasorchesters besuchen müssen, dessen Highlight war, dass auf Grund einer Meinungsverschiedenheit einer der Musiker seine Trompete (oder war es eine Posaune?) nach dem Dirigenten geworfen hatte, bevor er erzürnt von der Bühne gestürmt war. Ansonsten hatte sie eine Theateraufführung eines Gymnasiums besucht (auf Latein!), den Herbstmarkt einer Grundschule besichtigt (immerhin hatte sie einen kostenlosen Zierkürbis einsacken können), sowie einen Autor der kürzlich im Selbstverlag einen Regionalkrimi herausgebracht hatte, interviewt. Hektisches und hoffnungsvolles Blättern im Notizbuch lassen sie zumindest auf ihre Notizen zum so unerwartet unterbrochenen Konzert stoßen, auch die Interviewaufnahme mit dem Schriftsteller sind noch auf ihrem Handy zu finden. So würde Melanie also nur zwei Texte gänzlich von vorne schreiben müssen, was machbar ist. Trotzdem ist sie unglaublich genervt von sich selbst – wenn man mit Texten sein Geld verdiente, sollte man doch wirklich darauf achten, sämtliches Material doppelt und dreifach zu sichern. Bisher war sie zu unvorsichtig gewesen, den Fehler würde sie aber nicht noch einmal machen! Sie hätte aber auch nie damit gerechnet, dass ausgerechnet bei ihr eingebrochen werden würde. In ihrer Gegend gibt es hauptsächlich billige Mietwohnungen, es ist der letzte Ort, wo sie nach Wertgegenständen suchen würde.

Sie schüttelt die Gedanken ab und steht auf, um sich ein weiters Getränk zu bestellen. Es lohnt sich nicht, lange über gemachte Fehler zu sinnieren, es bleibt ihr jetzt nichts anderes übrig, als sich einfach daran zu machen, die gestohlenen Texte aufzuarbeiten. Während sie sich in die Schlange einreiht, fällt Melanie zu ihrer Überraschung auf, dass die Frau, die vor ihr steht, nicht nur eine Polizeiuniform trägt, sondern, wie an ihren leuchtend roten Haaren, die ihre Kappe nur halb verstecken kann, erkennbar sit, die Kommissarin von heute früh ist.
„Oh, hallo! Kommissarin Skawran, richtig? So eine Überraschung, Ihnen noch ein Mal über den Weg zu laufen!“, kann es Melanie sich nicht nehmen lassen, die andere Frau zu begrüßen.
„Ja, genau die bin ich – nach der Nachtschicht hole ich mir immer hier einen Morgenkaffee und falle dann ins Bett“, erklärt die Kommissarin mit einem offenen Lächeln. „Konnten Sie sich inzwischen mit der Versicherung in Verbindung setzen?“
„Ja, und es ist auch alles gut gelaufen“, seufzt Melanie erleichtert. „Mein Fenster wird für mich kostenfrei ersetzt, und wenn mein Chef bescheinigt, dass ich ohne Laptop nicht arbeiten kann, wird sogar der erstattet.“
„Das freut mich zu hören! Sie haben ja erwähnt, Sie sind Journalistin, da ist man ja wahrscheinlich wirklich auf den Laptop angewiesen.“
„Gerade deshalb bin ich erstaunt, wie ich so blöd sein konnte, mir keine Sicherheitskopien meiner Dokumente zu machen. Aber den Fehler mache ich nie wieder!“
„Oh, Sie wären erstaunt, wenn Sie wüssten, was ich in meinem Job alles erlebe und wie fahrlässig Leute mit ihrer Sicherheit, sei es online oder offline, umgehen. Man erwartet einfach nicht, dass ausgerechnet man selbst Opfer eines Verbrechens wird.“

Nachdem Alexandra einen Vanilla-Latte und Melanie einen Cappuccino bestellt hat, gerät das Gespräch ins Stocken, während sie die beiden arbeitenden Barista, die sich trotz des engen Raumes nahezu elegant zwischen den schäumenden, brauenden und sirup-spritzenden Gerätschaften bewegen, beobachten.
Schließlich nimmt Alexandra ihren To-Go-Becher entgegen und die Frauen standen sich peinlich berührt lächelnd gegenüber. „Also dann – äh, viel Erfolg beim Verbrecherfangen?“, schlägt Melanie vor.
„Dankeschön – Ihnen viel Erfolg beim Nacharbeiten ihrer Texte. Vielleicht sieht man sich ja wieder! Also, hoffentlich sehen wir uns wieder wenn wir den Einbrecher erwischen, meine ich. Aber ansonsten bin ich auch häufig hier in diesem Café.“

Beide laufen gleichzeitig knallrot an und während Melanie ihre Tasse zum Tisch balanciert, ohne etwas von der schaumigen Flüssigkeit zu verschütten, läuft Alexandra nach Hause. Doch statt sich wie üblich gleich mit dem heißen Kaffee ins Bett zu verkriechen, setzt sie sich noch einmal an den Schreibtisch. Es ist ihr seltsam wichtig, diesen Einbruch aufzuklären.



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Liebe Rosalie18,

zunächst einmal: die Verspätung tut mir schrecklich Leid!! Und leider ist das auch noch nicht die vollständige Geschichte, wie du siehst. Sie ist mir plot-mäßig ein bisschen entlaufen, es werden wohl eine handvoll Kapitel, die ich im Abstand von ein oder zwei Tagen jeweils hochzuladen plane.
Wie du siehst, kam das Zitat thematisch noch gar nicht vor, aber keine Sorge, das kommt noch! =)

Liebe Grüße
Jubilee
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