Adventskalendertürchen 7: Der Tag an dem Justus Jonas starb

von justsweet
OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
07.12.2018
07.12.2018
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Hallo Ihr Lieben und mein herzliches Dankeschön an Polly für die tolle Organisation sowie die ehrenvolle Einladung, beim diesjährigen Adventskalender mitzumachen, den ich schon viel länger verfolge als ich hier schreibe!
Er ist jedes Jahr wie ein bunt gemischter Pralinenkasten und es sind schon wieder so verschieden schöne, markante und süße Türchen geöffnet worden.
Daher möchte ich hier lieber noch einmal einen Warnhinweis aussprechen, dass die kleine Oneshot-Praline hinter meinem Adventstürchen ziemlich bitter gefüllt ist. Aber da auch so eine Praline ein Türchen haben will und Weihnachten nun mal auch das Fest des Innehaltens und Zusammenkommens ist, soll ihr Inhalt in anregender Weise daran erinnern, unsere Liebsten immer ganz fest an der Hand zu halten.
Und wenn Euch gar nicht nach so einer Praline ist, esst bitte lieber die Süßen!

Ich wünsche Euch allen frohe Weihnachten und noch ganz viel Lese-Spaß in unserem fantastischen Forum!

Liebe Grüße Eure Justsweet

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Diesen Tag werde ich niemals vergessen.

Zu schwarz ist die Erinnerung, die er mir wie eine Tätowierung ins Gewissen gestochen hat, zu tief das Loch in meinem Herzen und beides zu fest miteinander verbunden.

Es ist Weihnachten und ich bin nachhause geflogen, um wenigstens die Feiertage mal wieder mit meinen Eltern zu verbringen.
Mit dem geliehenen Wagen meines Vaters fahre ich durch die vertrauten Straßen unseres schönen Küstenstädtchens, an den vielen Häusern vorbei, von denen ich viele sogar von innen kenne. Sie alle sind bunt geschmückt, wie jedes Jahr um diese Zeit, bei knapp 20°C. Und wie die letzten Jahre bilde ich mir auch dieses Mal ein, dass die Lichterketten früher einfach wärmer geleuchtet haben.

Ich habe nicht damit gerechnet, ihn zu sehen.

Schon oft war ich wieder mal in Rocky Beach gewesen und wir waren uns nicht begegnet. Es hatte nicht daran gelegen, dass wir uns nicht verabredet hätten.
Verabredet hatten wir uns.
Versucht hatten wir es.
Mehrfach, als wir uns noch ab und zu Emails geschrieben hatten.

"Diesmal muss es klappen, Bob! Wir müssen uns treffen, unbedingt! Es gibt so viel zu reden!"

Aber begegnet waren wir uns nicht mehr.
Der letzte Versuch war vor drei Jahren gewesen.

Es hatte so gut gepasst, denn sogar Peter hatte über Weihnachten Zeit finden können und wir hatten uns die Tage zuvor so unsagbar gefreut, endlich einmal wieder zusammenzukommen.
Keine Frage, der Abend war schön gewesen.
Wir hatten uns in einer netten Bar im Hafenviertel verabredet, wie man das halt so macht als herangewachsene Männer. Jeder von uns hatte erzählen wollen, was ihm alles so widerfahren war seit dem Schulabschluss, seitdem Peter sich im Olympic Center von Chula Vista ganz und gar seiner sportlichen Karriere gewidmet hatte und ich für meinen Bachelor in Journalismus nach New York gezogen war.

Aber derjenige, der den kürzesten Weg gehabt hatte, war nicht gekommen.

Nicht einmal abgesagt hatte er, weswegen wir auch zu späterer Stunde immer noch darauf gehofft hatten, dass er vielleicht doch jeden Moment durch die Tür kommen würde.

Zu der Zeit war es schon so gewesen, dass wir nicht mehr bei den Jonas' zuhause nachfragen mochten, wo er denn stecken könnte. Denn die Frage hatten sie schon länger nicht mehr beantworten können und den beiden wieder einmal ihre hilflose Unwissenheit vor Augen zu führen, war auch für uns jedes Mal schmerzhaft gewesen.
So hatten der Große und ich uns an dem Abend nach meinen zwei echten und seinem alkoholfreien Bier zum Abschied fest umarmt und uns jeweils wieder einmal genauso fest vorgenommen, den Kontakt zu uns aufrecht zu erhalten und denselben zu unserem vermissten Freund wieder aufzubauen.

Doch die Versuche waren im Alltag versunken, der sich im Laufe der Zeit wie ein kriechender Nebel über die guten Vorsätze gezogen hatte und sie still und leise verschlang. Ich frage mich, ob wir damals einfach den Glauben daran verloren hatten, ihn aufhalten zu können, denn nach Peters letzten frustrierten Erzählungen hatte er weiß Gott schon zu viel verschlungen.


Mein Herz krallt sich regelrecht in meiner Brust fest anstatt im normalen Rhythmus weiterzuschlagen, als ich mit meinen Einkäufen für unser familiäres Weihnachtsessen aus dem Store komme und den alten Pickup seines Onkels auf dem Parkplatz des Shopping Centers wiedererkenne.
Dieser Wagen löst augenblicklich so viele emotionale Erinnerungen in mir aus und ich bin Titus im Stillen dankbar, dass er ihn nicht verkauft hat.
Als ich den mittlerweile wahrlich alt wirkenden Mann an der offenen Wagentür hantieren sehe, ist die Sehnsucht nach den alten Zeiten in mir nahe dem Zenit. Ich gehe auf ihn zu und will ihm guten Tag sagen, seine Stimme hören, die mir unsere glorreichen Zeiten auf dem Schrottplatz vor Augen führen soll. Die Nähe zu meinem damals besten Freund spüren, der meines Wissens immer noch bei ihnen zuhause wohnt.
Oder wieder. Nach einem weiteren Abbruch eines Studienganges.
Mehr weiß ich von ihm nicht.
Er hatte nach unserem geplatzten Weihnachtstreffen noch einmal geschrieben:
"Entschuldigt bitte, dass ich Euch sitzen lassen habe, aber mir war etwas dazwischengekommen. Nächstes Mal klappt es sicher, ganz bestimmt!"
Danach hatte er auf meine Emails nicht mehr geantwortet und auch am Telefon hatte ich höchstens eine hilflose Mathilda Jonas am Apparat.

Ich gehe mit schnellen Schritten auf den Pickup zu und kurz bevor ich in einer Distanz bei Titus bin, die das Rufen seines Namens nicht mehr unhöflich wirken lassen würde, höre ich das klirrend-schabende Geräusch von auf der Ladefläche abgestellten Getränkekisten und sehe im nächsten Augenblick, wie jemand hinter dem Pickup hervortritt, der ihn wohl auf seiner Einkaufstour begleitet.
Leicht unrund scheint sein Gang, doch ich erkenne trotzdem die Art, wie er sich bewegt.
Etwas eingefallenere Statur, aber breite Schultern, schwarzes Kapuzen-T-Shirt, das ihm bis tief über die dunkle Bermudas hängt, wirre, schwarze Haare.

Justus.

Wir hätten ihn aufhalten müssen. Den Nebel.
Denn seine Spuren sind unübersehbar.
Die ewig anlastende Frage ist nur, ab wann hätten wir erkennen müssen, dass er so dicht werden könnte, dass wir uns verlieren würden?
Denn dieser Nebel kam nicht als eine weiße Wolke, die sowohl in ihrem Umriss als auch in ihrer Bewegung deutlich sichtbar über den Boden hinweg auf uns zukroch, sondern er begann für uns unscheinbar, wie eine geräuschlose Trübung der Luft um uns herum, die schleichend und nahezu etappenlos alle Transparenz darin verschluckte.

Ich frage mich wieder, wann.

Etwa schon damals, im naiven Alter von knapp sechzehn Jahren, als wir langsam auf den Highschool-Abschluss zusteuerten und bei einer Party auf dem Dachboden eines Freundes das erste Mal zusammen getrunken hatten? Ob aus der guten Erziehung seiner Zieheltern heraus oder aus überzeugter Vorsicht, Justus war diesbezüglich immer recht abweisend gewesen, aber an jenem Abend hatte er sich letztlich doch einen Ruck gegeben und auch an die in dem Alter nicht unübliche Erweiterung des Erfahrungsschatzes gewagt.
Und wie ich es in Erinnerung habe, hatten wir nicht versucht, den allgemein wachsenden Druck von ihm abzuhalten. Wozu denn auch?
Es war wie eine Art Feuertaufe, durch die jeder irgendwann einmal hindurchging und so hatte schließlich auch er sich einmal einschenken lassen und mit uns allen zusammen angestoßen.
Und hatte dann aus freien Stücken wiederholt sein Glas zum Auffüllen gehoben und sich damit aus der Position des beäugten Außenseiters in den Kreis der Feiernden getrunken. Ich erinnere mich, wie im Laufe dieses Abends so viele statt über ihn mit ihm geredet hatten, ja, wahrlich an seinen Lippen gehangen hatten, wie er über die Tiefgründigkeiten des Lebens philosophiert hatte.
Es hatte ihm so gefallen.

Ich muss gestehen, dass es auch mir gefallen hatte. Die friedvolle und innige Atmosphäre, mit der leisen Musik im Hintergrund, wir alle miteinander. Es war so besonders und irgendwie wichtig gewesen, dies gemeinsam zu erleben.

Come as you are…and nothing else matters.

Tatsächlich hatte er sich nie zuvor auf diese Weise geöffnet wie an jenem Abend.
Er hatte später erzählt, er hätte sich so leicht und unbeschwert in seinen Gedanken gefühlt und dass er diese Erfahrung als durchaus positiver verbuchen wollte als er ursprünglich erwartet hätte.
Wir hatten an dem Abend wirklich eine Menge Spaß, hatten uns gegenseitig über unsere zunehmend getrübten Sinne aufgeklärt, uns köstlich amüsiert über unsere motorischen Ausfälle und waren zu späterer Stunde einfach in den Sofakissen liegengeblieben, um über all die Pläne zu reden, die wir hatten. In blumigen Farben ausgemalt, wie wir die Welt verändern würden, die besonders ihm mit seiner besonderen Gabe so unendlich viele Möglichkeiten geboten hatte.
Am nächsten Tag um die späte Mittagszeit hatten wir uns alle an Reue in nichts nachgestanden und Zurückhaltung bei der nächsten Gelegenheit gelobt.
Die jedoch hatte nicht lange auf sich warten lassen, denn Partys allgemein und die Neugier auf diese neue, noch verbotene Welt war zunehmend in die Freizeitgestaltung so ziemlich aller Teens in unserem Alter geschwappt.
Denen es eben einfach so gefiel.
Und Detektive hin oder her, wir waren auch Jugendliche und somit mittendrin.


Als ich ihn nun sehe, kommt mir diese Zeit vor wie in einem anderen Leben. Eine vernebelte Phase, die wir alle gemeinsam durchlebt und lange hinter uns gelassen hatten und er darin verirrt geblieben war.
Wie jetzt.
Er bleibt neben seinem Onkel stehen und schiebt die Hände in die Taschen seiner Bermudas, sein Blick wandert über den Boden.
Als stelle er sich darauf ein, einer längeren Unterhaltung seines Onkels beizuwohnen. Ohne etwas dazu beizutragen.

Meine Augen bleiben an ihm hängen, wohl etwas zu lange, und ich fühle mich schlecht, als ich in das Gesicht von Titus Jonas sehe, das meinen fragenden Blick schon erwartet hat.
Ich sehe dessen Mundwinkel in trauriger Offenbarung müde zucken - Eine minimale Geste, die meinem Freund früher niemals entgangen wäre.
Doch dessen verträumter Blick verrät mir, dass er sich nicht einmal selber angesprochen fühlt, als ich jetzt vor ihm stehe.
Sehe ich schon so anders aus?

"Hallo, Justus!" kommt mir über die Lippen.

Er hebt langsam den Kopf, neigt ihn dabei leicht zur Seite, so dass ihm seine viel zu langen schwarzen Strähnen über sein rechtes Auge fallen, hebt ebenso die Augenbraue, bemüht, mich zu fokussieren, blinzelt mich nun an und ich will daran glauben, ihn hätte zuvor einfach nur die Sonne geblendet, als jetzt auch sein Mundwinkel nach oben geht und er lächelt.

"Heyyy!"

Er klingt dabei wie jemand, der einen guten Freund an der Türschwelle begrüßt und ihn im nächsten Moment in die Arme schließen würde.


So wie früher, wenn wir uns getroffen hatten, aber schon immer weniger Zeit in unserer Zentrale auf dem Schrottplatz verbrachten, sich unsere Aufträge als Detektive reduzierten und wir über diese Entwicklung an einem neuen Ort redeten, diesem ausrangierten Keller unter der Stadtkirche, der sich mehr und mehr zu einem neuen Aufenthaltsort etabliert hatte.
Viele Abende.
Neue Freunde waren hinzugekommen und sie brachten wieder Neues mit.
Justus hatte sich von Beginn an gut mit ihnen verstanden, sich stundenlang mit ihnen ausgetauscht und es hatte ihn sichtlich glücklich gemacht, so manchen Abend mit einem der Mädchen im Arm in der lauschigen Sofaecke zu sitzen. Mal zu küssen oder mal geruhsam einzudämmern.
Und ich weiß noch zu gut, wie er mir mit umnachtet kleinen Augen hinter seinen Strähnen zum ersten Mal einen Joint hinhielt und sagte:
"Das ist eindeutig besser, Bob! So freie Gedanken, sage ich dir, ganz fantastisch. Probier mal, du hast morgen nicht mal einen Kater!"

Das war der Moment gewesen, an dem der Nebel nicht mehr zu übersehen war. In diesem dämmrig beleuchteten Raum, um uns herum, da hatte man ihn sehen können!
Also hatte ich Justus mit raus vor die Tür gezerrt und ihn gefragt, was zum Teufel er da mache, war richtig außer mir gewesen.
Er dagegen war die Ruhe selbst geblieben, hatte mich tatsächlich mit seiner üblich souveränen Art ebenso beruhigen können, ich weiß nicht mehr wie, und was er genau gesagt hatte, aber ich hatte mich am Ende auf ihn verlassen und das hatte ich bis dahin ja niemals zuvor bereuen müssen.

So hatte ich ihm auch da vertraut, dass er sich in diesem Nebel zurechtfinden würde.
Aus dem naiven Glauben heraus, dass dieser sich dann auch schon wieder verziehen würde, wenn man nur die Fenster öffnete, dass diese Phase einfach tangential zum Erwachsenwerden dazugehören mochte, auf gewisse Weise unseren Erfahrungshorizont erweitern und auch wieder vorbeigehen würde.

Peter war aufgrund seiner sportlichen Ambitionen und aus der Intention heraus, ihm damit ein deutliches Zeichen zu setzen, schon zuvor vielen abendlichen "Sessions" ferngeblieben, ich dagegen hatte mit Justus noch so einige lange und philosophische Nächte im Keller unter der Kirche verbracht.
Ich hatte mich dabei weiter auf den mittlerweile kalkulierbaren Rausch aus der Flasche beschränkt und mich anschließend den berechtigten Konsequenzen gestellt, aber ich war weiter bei ihm geblieben.
Vor allem, weil ich ihn nicht ganz den neuen Freunden überlassen wollte, in deren Einfluss er zunehmend versank.
Immerhin jedoch war ich langsam dabei zu begreifen, dass die Definition von Horizonterweiterung bei ihm ein anderes Ausmaß angenommen hatte.
Und wenn ich heute darüber nachdenke, war wohl dies die Zeit gewesen, in der ich seine Hand im Nebel verlor.

Zumal es mehr als befremdlich war, dass Peter und ich nun diejenigen waren, die ihn zur Annahme neuer Fälle unseres Detektivunternehmens überreden mussten und er sich zunehmend oft anderwärtig verabredete.
Wie oft hatten wir uns deswegen gestritten, aus einem Versuch heraus, ihn zu seiner verlorenen Vernunft zurückzuführen. Vor allem Peter hatte ihn mehrere Male angebrüllt, einmal sogar geschlagen.
Es hatte keinen dauerhaften Erfolg gehabt.
Ich hatte ihn auf meine Art mehrfach gewarnt, hatte versucht, ihn in seinen zugänglichen Momenten zu überzeugen, den Sog zu erkennen, der ihn hinabzuziehen drohte, aber er war so verdammt stur darin gewesen, es anders zu sehen:

"Keine Sorge, Bob! Ich habe dabei alles im Griff, es hilft mir nur, meine Gedanken über alles zu ordnen, ganz in Ruhe, verstehst du? Ich weiß, wie arglos das klingen mag, aber ich könnte jederzeit aufhören, glaube mir. Nur im Moment will ich das nicht…"

Auf welche Weise besonders ihn diese geistigen Höhenflüge fasziniert und in einen unbekannten Bann gezogen hatten, war Peter und mir immer ein ungelöstes Rätsel geblieben.
Das eine große Fragezeichen, das trotz unserer zermürbenden Suche nach dem entscheidenden Schlüssel immer bestehen blieb und letztlich zunächst Peter und dann mich in die Knie zwang.

Wir alle waren unverkennbar dabei, einen Entwicklungsprozess durchzumachen, neue Tore zu öffnen.
Detektivspiele gehörten da wohl tatsächlich immer weniger dazu und es war weder Peter noch mir entgangen, dass der so benötigte Scharfsinn unseres ersten Detektivs immer weniger zur Lösung unserer Fälle beitragen konnte.
Es gab Termine, zu denen er entweder gar nicht oder in einem desolaten Zustand erschien, es folgten Fälle, bei denen ihn keiner mehr ernst nahm und die wir nicht mehr als abgeschlossen zu den Akten legen konnten.
Das war dann der Zeitpunkt, als wir beschlossen, unsere Detektei für eine Weile auf Eis zu legen.

Diese Weile ging nie zu Ende.


In diesem Moment, wie sein Blick jetzt wieder zu Boden wandert, tritt sein Onkel auf mich zu. Sein Gesicht sieht unglaublich alt aus, dem zehrenden Kummer Tribut zollend, seine Augen glänzen feucht, aber er kommt zu mir und legt die Arme um mich:

"Bob! Wie schön, dich zu sehen, mein Junge!"

Dann habe ich das Gefühl, als hielte er sich an mir fest. Ein paar Sekunden, die er unsere Begrüßung für etwas hernimmt, das ihm Halt gibt. Trost. Ich nehme ihn ebenso in den Arm und halte ihn.


Einige Male fallen mir ein, wie ich auch seinen Neffen, meinen Freund, der wie unbeteiligt neben uns auf den Boden starrt, so gehalten hatte, wenn der seine Unfähigkeit, noch geradeaus laufen zu können, nicht mehr hatte überspielen können.
Und wie er mir dann versprochen hatte, endlich aufzuhören.
Stattdessen hatte ich erfahren, dass er seine freie Gedankenwelt mittlerweile nicht mehr nur trank oder rauchte, sondern sie sich vor allem einschmiss.
Peter und ich hatten ihn in einer Nacht lange gesucht, in einem erschreckend paraweltlichen Zustand bei einem `Freund´ vorgefunden und in Absprache mit seinen verzweifelten Zieheltern Hilfe gerufen.
Wir hatten ihn unterstützen wollen, hatten eine Klinik herausgesucht, doch mit einem klaren Kopf hatte ihn dann wohl der tiefe Scham getrieben, es nicht mehr für nötig zu halten und er hatte sich vehement gegen unsere Hilfeversuche gewehrt. Hatte sich ein paar Tage zurückgehalten und uns allen den falschen Glauben aufgezwungen, er wäre stark genug und würde das alles nicht brauchen.
Er würde es jetzt einfach sein lassen.
Die Drohungen in die Tat umzusetzen, ihn anderenfalls aus dem Haus zu werfen, hatten Mathilda und Titus nie übers Herz gebracht.
Selbst unsere Lehrer hatten die letzte Zeit bis zum Abschluss wie blind und tatenlos zugesehen, was aus ihrem hochgelobten und vielversprechenden Musterschüler, unserem Klassenprimus, bereits geworden war, hatten ihm auch in mündlicher Mitarbeit noch weiter sein obligatorisches 'A+' aufs Papier geschrieben, obwohl sein Kopf im Unterricht mehr auf dem Tisch lag als geistige Beteiligung zu suggerieren.


Onkel Titus löst sich von mir und setzt ein studiert gefestigtes Lächeln auf. Bevor er seinen Neffen am Arm nimmt und zu ihm spricht:

"Sieh mal, wer hier ist, Justus! Ein guter alter Freund! Kennst du ihn noch?"

Es grenzt an selbstverletzendem Verhalten, was er da macht. Wie er daneben steht und mit ansieht, wie sein geliebter, damals so unsagbar kluger und wortgewandter Neffe einen unsicheren Schritt auf mich zu macht und mich mit demselben Lächeln erneut anblinzelt.

Ich jedenfalls halte es kaum aus.
Meine Augen brennen und ich muss ebenso blinzeln.


Es hatte schon so furchtbar wehgetan, ihn an meinem 18. Geburtstag an unserer Haustür zu sehen. Und zu riechen.
Wie weit wir da schon voneinander entfernt gewesen waren, wurde mir mit der Verwunderung eines Freundes darüber schmerzlich bewusst, dass ich ihn überhaupt einladen wollte. Für mich war dies nie eine Frage gewesen und ich hatte es noch einmal als Chance gesehen, zu ihm zurückzufinden, ich hatte mir so gewünscht, dass er zu meiner Feier kommen würde.
Peter war selbstverständlich da gewesen, hatte sich extra die Zeit genommen, mir bei den Partyvorbereitungen kräftig unter die Arme zu greifen und wir waren gemeinsam an die Tür gegangen, als es viel zu spät noch geklingelt hatte.
Da hatte unser Freund gestanden, unser ehemaliger Chef, mit einer Flasche Wein in der Hand und einem Freund neben sich, mit winzig kleinen Augen und diesem debilen Lächeln auf dem Gesicht hatte er mir gratuliert.
Er muss mir meine Enttäuschung angemerkt haben, denn ich hatte mir von ihm nur gewünscht, dass er wie versprochen abstinent bleiben und nüchtern kommen würde. Aber immerhin war er gekommen und natürlich hatte ich ihn dann trotzdem hereingelassen und wir hatten uns sogar recht gut unterhalten.
Er wolle jetzt wirklich aufhören und etwas mit seinem Leben anfangen, hatte er gesagt.
Wir hatten uns umarmt und ich hatte ihm wieder gesagt, dass ich immer für ihn da sein würde, ihm dabei helfen wollte!
Bald darauf war sein Freund jedoch unruhig geworden und er war mit ihm noch weitergezogen. Um drei Uhr nachts.
Wie Peter und ich ihn da zuvor noch zur Seite genommen und auf ihn eingeredet hatten, ihm beinahe die Pistole auf die Brust gesetzt hatten, am besten einfach hier und jetzt einen Schlussstrich zu ziehen, es hatte ihn nicht davon abhalten können, wieder abzutauchen.
Und heute weiß ich, dass er in diesem verfluchten Nebel eine schützende Maske für seine ihn beschämende Verirrung gefunden hatte.
Denn das war das letzte Mal gewesen, dass ich ihn gesehen hatte.


"Justus?" spreche ich ihn noch einmal an und sehe dabei zu ihm auf.

Meines Wissens nach nimmt er nichts mehr.
Aber ich verstehe gerade nicht den Unterschied.

"Hey," sagt er wieder, nur leiser und ich merke, dass er nachdenkt. Auf seiner Stirn erkenne ich zwischen seinen Strähnen kleine Falten.
Er überlegt, wer da vor ihm steht.

Mein Hals würgt sich krampfhaft zusammen, bis es schmerzt, aber ich berühre behutsam seine Schulter, will von ihm hören, was passiert ist und frage ihn:

"Wie geht es dir, Just?"

Er nickt. Sein Lächeln kehrt zurück und er legt den Kopf wieder zur Seite, als er antwortet:

"Gut, danke!"

"Das ist Bob, Justus, weißt du noch?" greift Titus in unser Gespräch ein und Justus sieht mich nun endlich direkt an, konzentriert sich merklich. Sein Blick kehrt nach innen und bevor mir bewusst wird, was mir dabei noch gefehlt hat, sehe ich, wie er langsam seine Hand hebt und mit dem Zeigefinger über seine Unterlippe streicht.

"Recherchen und Archiv, Bob Andrews, ...aber sicher!" sagt er, nur deutlich langsamer als früher, "wir haben uns ...lange nicht mehr gesehen."

"Das stimmt," erwidere ich und streichele über seinen Arm, muss mich stark beherrschen, ihn nicht einfach an mich zu reißen und fest zu drücken.
Seine Hand zu greifen und nicht wieder loszulassen.
Ein Zittern durchfährt mich, vor meinen Augen wird es verschwommen und nun brennt auch meine Nase. Unwillkürlich ziehe ich sie hoch, als mich das Gefühl überwältigt, wie sehr ich ihn vermisst habe.

"Wir müssen uns unbedingt wieder treffen, Bob. ...Reden!"

Mein Herz macht einen Sprung, als er das sagt, ich greife jetzt doch nach seiner Hand, halte sie und antworte:
"Ja, unbedingt! Wann? Ich bin noch ein paar Tage hier! Sag mir, wann ich kommen soll, ich komme dich besuchen, okay? Dann reden wir!"

Mein Blick will nur schnell die Zustimmung seines Onkels einholen und dann schaue ich schon wieder zurück zu ihm.
In seine graublauen Augen, die mich nach wie vor ansehen, mit diesem Blick, den er wohl nur zustande bringt, wenn er den Kopf so schief legt wie er es gerade tut.
Aber jetzt schiebt sich Unruhe hinein. Angst, die auch mich erfasst.
Ich will seine Hand nicht loslassen.

"Wann, Justus?!"

Er schüttelt irritiert den Kopf, tritt einen Schritt zurück.
Und seine Hand rutscht aus meiner.

"Ich kann nicht! Ich muss los...Onkel Titus bei den Einkäufen helfen."

Er dreht sich hilfesuchend zu seinem Onkel um, der ihm behutsam auf die Schulter klopft und sagt:

"Schon gut, mein Junge, wir haben schon alle Einkäufe erledigt. Wir fahren jetzt wieder nachhause. Setz dich schon mal in den Wagen!"

Das tut er.

Ohne sich von mir zu verabschieden.

Es reißt mir das Herz raus, wie ich ihn gehen sehe.
Tausend hochgestochen klingende Beschreibungen fallen mir ein, die der Justus Jonas, den ich gekannt habe, für eben diesen traurigen, rudimentären geistigen Zustand benutzt hätte, um es mir zu erklären. Und ich sehne mich danach, mit ihm darüber zu reden, ich will ihm sagen, wie unendlich leid es mir tut und der Justus Jonas, den ich gekannt habe, würde seine Hand auf meine Schulter legen und mir versichern, dass alles gut sei.

Aber der Justus Jonas ist nicht mehr da.
Mein bester Freund.

Während ich dastehe, mit meinen Einkaufstüten rechts und links neben mir auf dem Boden und dem Druck auf meiner Kehle, der es mir unmöglich macht, all das zu schlucken, redet Titus noch mit mir. Erklärt mir das, was ich wissen wollte, doch es dringen nur Wortfetzen davon zu mir durch. 'Schlaganfall' verstehe ich, `Amphetamine´ und `vaskuläre Demenz´ höre ich und 'untergegangen'…

Ohne Schlagzeile, ohne Glockenklänge, ganz still und leise.
Ertrunken.
Dabei war er immer ein so guter Schwimmer gewesen.

Es hatte keine Beerdigung gegeben, keine Trauerfeier, keinen Grabstein.
Keinen Tag.

Wenn es das alles irgendwann mal geben sollte, wäre es egal.
Peter und ich, wir werden ihn besuchen.
Mit ihm reden.
Aber für mich wird immer dies, vor meinen Augen und mit einem großen Teil von mir, der Tag sein, an dem Justus Jonas starb.
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