To the stars who listen [Leseprobe]

LeseprobeMystery, Übernatürlich / P16
06.12.2018
06.12.2018
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‚To the stars who listen...‘




Ein kühler Luftzug begleitete seinen Mantel als dieser hinter ihm herwehte. Elegant landete er auf der Mauer des langsam marode werdenden Herrenhauses. Irgendwo östlich lag London, so weit entfernt, dass die industrielle Verschmutzung nicht bis zu seiner momentanen Bleibe vorgedrungen war. Hier draußen sah man die Sterne und er wusste, dass er diesen Anblick vermissen würde, sobald er sich in London befand.
Eigentlich hätte er sich erschrocken, wäre zusammengezuckt, seiner Kehle wäre vielleicht ein überraschtes Keuchen entwichen und sein Herz hätte einen Schlag ausgesetzt, das alles, wäre er noch ein Mensch. Jedoch hatte er die Anwesenheit der Frau, die jetzt -trotz ihres hohen Alters- geschickt die Mauer erklomm, bereits vor zehn Minuten wahrgenommen.
Eine Strähne der grauen Wellen war aus ihrer kunstvollen Steckfrisur entkommen und wehte unnachgiebig in ihrem Gesichtsfeld herum. Dieser Körper war zu schnell gealtert, das war ihnen beiden bewusst, aber durch den damaligen Zeitmangel hatten sie keinen erschaffen können, ihre Zeit hatte gerade so gereicht einen bereits existierenden Körper umzuformen. „Du wirst das hier vermissen, oder?“, verträumt sah sie gen Himmel. Ihre Stimme war noch dieselbe.
Er nickte nur. „Im Gegensatz zu Euch, verehrte Lady Gantwick, bin ich Londons Giftnebel schon lange Zeit nicht mehr ausgesetzt gewesen.“
„Und im Gegensatz zu mir, Lord Oakenhurst, macht Euch vergiftete Luft nichts aus“, sie verzog das Gesicht und er pflichtete ihr stumm bei; er war kein Mensch, sie hingegen schon und menschliche Körper waren nicht auf verseuchte Luft ausgelegt. „Und Euer Besuch in London hat rein gar nichts mit meiner Wenigkeit zu tun?“, er wollte unbeschwert klingen und bei jeder anderen Person wäre ihm dies gelungen, aber nicht bei ihr. Sie war höchstens zwanzig Jahre alt, doch ihre Anwesenheit verunsicherte ihn mehr als er zugeben wollte. Ihr Körper passte nicht zu ihrer Seele, ihre Seele nicht zu ihrem Alter und wie alles, das nicht zueinander passte, würden sich Körper und Seele trennen, honigfarbene Augen zurücklassen und Erinnerungen verblassen lassen. Aber daran lag es gar nicht, vielmehr an ihrer Ausstrahlung, denn ihr zeitweiliger Körper hatte unglaublich viele Schwachstellen, mehr als alle, die sie probeweise erschaffen hatten. Sie alterte zu schnell, konnte keinerlei Gefühlsregungen zeigen und litt unter dem Zerfall ihrer Seele.
Sie versicherte ihm seit fünf Jahren, dass es nicht der Rede wert sei und sie bloß einen Körper erschaffen müsse, bevor ihr jetziger sterbe, aber die Angst umgab sie wie ein Schleier, klebte in ihren Augen, verzerrte ihre Stimme und ließ sie noch älter erscheinen. Er wusste es, denn er kannte sie bereits seit eineinhalb Leben.
Es war einer der wenigen Momente -in denen sie neben ihm stand und ihre Augen so gerne Tränen vergossen hätten- in denen er Reue empfand. Und er mochte dieses Gefühl nicht.
„Nein, mein Besuch in London hat rein gar nichts mit Euch zu tun. Er dient meinen Forschungen“, Lady Gantwick schenkte ihm ein schmallippiges Lächeln, das er bereits von ihr kannte, aber an diesem Körper wirkte es grausam und erzwungen. Zudem klang sie ein wenig beleidigt. Denn während er ihr versicherte sie nicht zu brauchen, war genau das der Fall. Lady Gantwick war seine Lebensversicherung, denn seine Schritte wurden allesamt verfolgt, ihre nicht. Es erschien nicht verdächtig, dass er bei einer alten Frau auf dem Land wohnte, denn er hatte die Identität ihres kranken Pilgerenkels angenommen. Folglich wunderte es auch niemanden, dass er bei seinen Aufenthalten in London die Apothekerin Miss Malahide besuchte, während Louise Celia Ainsworth auf ihrem Anwesen blieb. Sie hatten erfolgreich alle Spuren verwischt und würden sich dem misslungenen Körper annehmen, sobald sie wieder in Gantwicks Apotheke vom Rest der Menschheit abgeschnitten waren.
„Ihr habt mir noch immer nicht erzählt, was Euch diesmal nach London führt.“
Sein Gesicht verfinsterte sich schlagartig. „Für jemanden, der mit einem verbannten Shinigami durch halb England reist, ohne je nach einem Grund für diese ungewollte Gesellschaft zu fragen, bist du jetzt verdammt neugierig, Louise“, er legte eine äußerst spottende Betonung auf diesen Namen, „Im Moment gehen dich meine Beweggründe herzlich wenig an. Pass einfach gut auf meine Death Scythe auf.
Gantwick war seine Lebensversicherung, weil sie die einzige Waffe besaß, die einem Teufel oder Shinigami gefährlich werden könnte. Man verfolgte ihn um besagter Death Scythe willen und sie würden erst zuschlagen, wenn sie die Waffe ausfindig gemacht hatten. Niemand ahnte, das Oakenhursts Death Scythe sich im Besitz einer Toten befand.
Augustus M. Ainsworth und Octavia D. Malahide waren normalsterbliche Bürger, denn sowohl Lord Oakenhurst, wie auch Lady Gantwick galten als tot.
Seit nunmehr achtzig Jahren.
Und sie würden sich aus ihren Gräbern erheben um London brennen zu lassen, bis die Flammen alles verschluckten.

Er grinste als er da neben ihr stand. Er; ein Verbannter, sie; eine Verdammte.
Lasst die Stadt brennen, lasst die Menschen schreien, auf das der Tod ihnen wohlgesonnen sein möge“, Fangzähne blitzten auf und sein Grinsen wurde noch eine Spur breiter als sie das Gedicht fortführte: „Lasst es brennen, und mit ihm die Seelen der Verdammten, derer die verbannt wurden. Lasst London brennen, bis die Flammen nichts mehr verschlingen können.
Er erlaubte sich ein kurzes Lachen und beobachtete wie sich das Licht der Sterne in ihren Augen spiegelte, ehe sie den letzten Vers gemeinsam sprachen: „Erde zu Erde; denn alles hat ein Ende. Asche zu Asche; bis nichts mehr übrig ist. Flamme um Flamme; bis der Himmel aus Feuer besteht. Auge um Auge; denn alle Verräter sterben am Ende.“
Lady Gantwick lachte nicht, sie lachte nie. Sie konnte gar nicht lachen, bloß grimassenartig lächeln, die Muskeln ihres Gesichts bewegen ohne eine Gefühlsregung.
Er war schon vor achtzig Jahren ein Shinigami gewesen, sie war -damals wie heute- Apothekerin gewesen, mit einem abgeschlossenen Medizinstudium, jedoch ohne ärztliche Lizenz.
Damals hatte er sie töten wollen, er hatte sie töten müssen, denn sie stand auf seiner Liste, galt als tot. Doch das verdammte Biest hatte bloß seelenruhig eine dünne Zigarre hervorgeholt, diese geraucht, bis sie nur noch ein Stummel zwischen ihren schlanken Fingern gewesen war und ihn anschließend angegrinst. Dann war alles zu schnell gegangen, mit ihrer anderen Hand hatte sie eine kleine Ampulle aus ihrem Mantel hervorgeholt, die glühenden Überreste ihrer Zigarre hineingeschoben und sie ihm anschließend ungeniert grinsend ins Gesicht geworfen. Seine Brille hatte es zerstört und seine Augen waren als nächstes dran gewesen. Blendpulver hatte sie es genannt, nachdem sie ihm die Death Scythe entwendet hatte und bevor alles schwarz wurde.
Als er wieder zu sich gekommen war, fand er sich in dem Hinterzimmer ihrer Apotheke wieder, eine Infusionsnadel im Arm und unfähig sich auch nur den kleinsten Millimeter zu bewegen. Sie hatte ihm gegenübergesessen, auf einem alten Sessel, ein in rotes Leder gebundenes Buch in der Hand. Gebannt hatte er auf die goldenen Lettern des Titels gestarrt. Seit fast achttausend Jahren war er nun schon ein Shinigami und seine Death Scythe war überaus wertvoll für ihn, ihre Herstellung und Veränderung war kompliziert gewesen, aber er hatte beides mit Bravour gemeistert. Dass diese Hexe ein Buch über Death Scythes besaß und offenbar mit der hebräischen Sprache vertraut war, hatte ihm zutiefst missfallen, zumal er nichts hatte tun können.
Er war ein Shinigami, ein sehr alter noch dazu, warum also konnte diese dahergelaufene Apothekerin ihn einfach so außer Gefecht setzen?
„Ich habe fast mein halbes Leben lang versucht etwas zu finden, das sich gegen den Tod und seine Begleiter als wirkungsvoll erweist. Obwohl Blendpulver nach wie vor nichts gegen Teufel ausrichten kann. Es tut mir leid Sie derart überrumpelt zu haben, Sir, aber wie ich Ihren Kollegen bereits mitgeteilt habe, bin ich durch und durch nicht bereit zu sterben. Sie müssen verstehen, dass ich noch ein bisschen mehr Zeit brauche“, sie hatte das Buch zugeklappt und ihm offen ins Gesicht gesehen. „Ach, halten Sie die Klappe, Sie...-“, er hatte gekeucht, denn es hatte ihn immense Kraft gekostet zu sprechen.
„Mein Name lautet Gantwick, Sol-“
„Ich weiß wie du heißt, verdammt! Mach mich los von diesem Ding!“, die Wut hatte ihn reden lassen.
„Aber, aber, Lord Oakenhurst, ich kann mich nicht entsinnen, ihnen das ‚du‘ angeboten zu haben“, Gantwick hatte ihm ein besonnenes Lächeln geschnekt, war aufgestanden und hatte sich vor ihn gekniet. Ganz leise hatte sie weitergesprochen: „Ich weiß, wer Sie sind, Theodore. Und ich weiß auch, dass Sie vor zweitausend Jahren verbannt wurden. Wenn Ihnen Ihre Death Scythe lieb ist, werden Sie mir helfen.“
Sie hatte sich erhoben und aus einer ihrer Rocktaschen ein Stillet gezogen. Er hatte nicht daran gezweifelt, dass sie ihn mit seiner eigenen Waffe erstechen würde.
„Ist das etwa eine Drohung, Mylady?“
„Nein, das ist ein Versprechen.“


Einhundert Jahre war es her, dass sie Theodore Oakenhurst zu einem Pakt überredet hatte. Irgendwann würde sie ihre Geschichte erzählen, irgendwann, wenn sie bereit war diese Welt zu verlassen. Irgendwann, aber nicht heute.

Einhundert Jahre war es her, dass er seine Death Scythe in den Besitz von Solin Gantwick übergeben hatte und sie ihn seitdem deckte. Eines Tages würde er ihre Geschichte erzählen, eines Tages, wenn nur die Sterne ihm zuhörten. Eines Tages, aber nicht heute.










~~~*~*~~~


Hallo!
Ich darf jeden Leser herzlich Willkommen heißen, zu meiner ersten FF.
Sie ist eine Leseprobe zu einem größeren Projekt in diesem Fandom und ich hoffen, ich konnte irgendwie das Interesse mancher wecken.
Lg,

solivagant
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