Raus

von Fuxich
KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 Slash
06.12.2018
06.12.2018
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Der fünfte Drink seit sie angekommen war. Die runde, volle Glut zeichnete kleine Galaxien auf die mit Sommersprossen bedeckte Haut ihrer Nase. Der Sommer war längst vorbei und sie hatte sich schon lange nicht mehr frei gefühlt. Als sie die Augen schloss und den dichten, süßlichen Rauch inhalierte, hatte sie endlich wieder das Gefühl, dass sie ewig leben könnte. Eins mit der Musik, die über die Köpfe hinwegpulsierte. Eins mit der Bewegung, die aus ihr herausquoll und ihren ganzen Körper hin und her wiegte. Und plötzlich ein paar grüne Augen in der Menge, die ihren Blick einfingen. Adrenalin schoss aus der Magengegend durch ihre Adern. Immer wieder wurde der Blickkontakt von tanzenden, sich vorbeischiebenden Menschen unterbrochen. Immer hektischer wurden ihre Bewegungen, verzweifelt diesen Augen hinterherjagend. Und plötzlich eine weiche Hand in ihrer. Ganz nah und ganz real. Ihr rotes Haar duftete nach Vanille und Oleander und Jana schwor sich, diese Hand nie wieder loszulassen.

Manchmal konnte sie es gar nicht glauben, dass sie sich gefunden hatten. Immerzu starrte sie auf Linas Lippen, ewig hoffend auf ein Geheimnis, welches sie ihnen entlocken konnte. Immer haschend nach einer Begegnung mit der Welt hinter diesem Augenaufschlag. Es hatte Monate gedauert, bis sie in ihr Leben hatte eintreten dürfen. In diese kleine, wunderbare Welt, die so bunt und anders war als ihre.

Linas Wohnung spiegelte den lustigen Glanz ihrer Augen in allen Farben wieder und Jana liebte es, dazusitzen und zu lauschen. Auf die Stille zwischen den Worten. Auf das Kratzen der alten Schallplatten, die sie zusammen anhörten. Auf das Schnurren der kleinen schwarzen Katze auf ihrem Schoß. Hätte es ein Wunderland gegeben, das hier wäre es gewesen für sie.

Als sie sich das erste Mal küssten, machten so viele unverknotete Enden in ihrem Herzen plötzlich Sinn und fanden ihr Gegenstück in einem unangestrengten Schmiegen der gegenseitigen Unvollständigkeiten zu einem perfekten Eins. Die Monate verstrichen und sie erlebten, belebten und durchlebten ein gemeinsames Jahr.

Der erste Kuss im Schnee. Morgengrauengespräche im Frühling. Haut an Haut im Sommer. Als der Herbst kam, zogen mit ihm auch die ersten Wolken auf. Während manche Tage noch immer die Hitze eines goldenen Spätsommers hielten, kühlten andere Tage sich zu einem feuchten Dunkelnebelbrei zusammen, der ihr Angst machte. Angst, dass sie Linas kunterbunte Welt mit ihrer Schwere geschwärzt und dass sie etwas von sich in diesen kleinen Kosmos eingebracht hatte. Etwas, das dort nicht hingehört und alles vergiftet hatte. Ein Stachel im Herzen, der sein Gift über die Blutbahn auch bis in die letzte Zelle verbreitet.

Wenn Lina schrie, ging sie. Und wollte bleiben. Doch wenn Lina schwieg, dann schrie alles in ihr. Wie damals starrte sie auf ihre Lippen, doch sie öffneten sich nicht. Kein Wort, kein Kuss. Nichts gaben sie mehr Preis. Sie hielt es nicht aus.

Mit der Zeit wurden die Narben tiefer und mit jedem Schnitt wurde es schwerer, die unaufhaltsame Veränderung zu kaschieren. Die, die sie einmal gewesen war, war wieder da. Und die, die sie gern geworden wäre, war fort. Die erste Nacht ohne Lina. Der zweite Tag. Die dritte Woche. Mit jeder Stunde breitete sich die Leere in ihr und um sie herum weiter aus, bis da nichts mehr übrig war von einem Sein, welches sie ohnehin nicht mehr haben wollte.

Szenen der vergangenen Monate rasten an ihrem inneren Auge vorbei, als sie das Lenkrad noch fester umklammerte. Nach einem letzten Halt in einer Welt suchend, die ihr keinen Halt hatte geben können. Der Schotter rutschte unter den nassen Reifen als sie auf den kleinen Waldparkplatz einbog. Sie hatte alles vorbereitet. Ein Abschiedsbrief auf dem Küchentisch. Keine dreckigen Socken unter ihrem Bett. Sie hatte sich diesen Moment schon oft ausgemalt und nun war er endlich da.

Endlich? Leider? Sie wusste es nicht. Sie konnte nichts mehr erkennen von dem, was da außerhalb ihres Innens passierte. Die Stimmen aus dem Radio verschwammen zu einem weit entfernten Murmeln, der Geruch des grünen Duftbaums verschwand hinter einer dichten Wand aus weißem, kalten Nichts. Alles was blieb, war pure Emotion übersetzt in Handlungsimpulse, die sie das Leben kosten würden.

Eine dunkle Strähne klebte ihr auf der schweißnassen Stirn, als sie zitternd die Musik lauter drehte. Langsam ließ sie ihren Kopf in den Nacken sinken und auch das letzte bisschen Scham und Angst, dass sie doch noch rechtzeitig entdeckt und gerettet werden könnte, fielen von ihr ab. Mechanisch schüttete sie die Tabletten in den halb geöffneten Mund. Ein bitterer Geschmack verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. Das Schluchzen wurde lauter. Dann leiser.

Draußen legte sich die Dämmerung über das kleine Waldstück in der Nähe des Autobahnzubringers. Ein einsamer Laster fuhr an dem kleinen Parkplatz vorbei und bemerkte nicht den Lebenskampf, der sich in dem roten Kleinwagen mit den beschlagenen Scheiben abspielte. Sie schluckte. Würgte. Und atmete aus. Von hier an raus. Raus aus all dem. Raus, raus, raus. Sie musste raus und das war der Weg, den sie gewählt hatte.

Wie durch einen endlos langen und großen Tunnel, in dem sich jeder Hall fängt, nahm sie die Vibration ihres Handys wahr. Ewig scheinende Minuten brauchte sie, um das Display zu entsperren und die Nachricht zu öffnen.

„Jana Ich kann das nicht. Lass uns reden. Ich will nicht ohne dich sein. Und selbst wenn ich’s will, ich kann’s nicht.“ Betäubt und völlig desorientiert griff sie nach der Fahrertür. Wie ging diese verdammte Tür auf? Ihre Sicht wurde immer verschwommener. Endlich fand sie den kleinen grauen Hebel und schüttete sich selbst mit einer fallenden Bewegung auf den ausgewaschenen Boden des Parkplatzes. Die linke Hälfte ihres Gesichts gegen den Schotter gepresst, versuchte sie verzweifelt in Richtung Straße zu blicken. Ihre Hände gruben sich in den schwarzen Schlamm unter ihr, als sie es auf alles Vieren Meter für Meter in Richtung
Leitplanke schaffte.

In der Ferne nahm sie einen Lichtkegel wahr, der jetzt nichts mehr war als eine Ahnung von Richtung und Bewegung. Sie taumelte noch ein letztes Mal, bevor die feuchte Stille von quietschenden Reifen durchrissen wurde.

Als Ihr schlaffer Körper mit einem dumpfen Knall auf den Asphalt aufschlug, war sie bereits fort. Sie war diesen Weg zu weit gegangen, um noch einmal umzukehren. Sie war raus.
 
 
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