Ein Strauß blühendes Athelas

GeschichteRomanze, Fantasy / P16 Slash
06.12.2018
06.12.2018
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Hallo, ihr Lieben!

Es ist mal wieder soweit: Märchenstunde im Erebor.

Wieder erzählt Thror ein altbekanntes Märchen in Mittelerde. Was es dieses Mal sein wird? Lasst euch überraschen.

Liebe Grüße und eine besinnliche Vorweihnachtszeit wünsche ich euch.

AnnSophie





*********

1. Abend


»Nár!« Geradezu verzweifelt klingt die Stimme des Königs unter dem Berg, des Herrschers über Erebor und Erbe von Durins Thron, als er nach seinem Gefährten ruft, kaum dass er seine Räume betreten hatte. »Ich habe etwas vergessen!« Seine Worte werden vom krachenden Zuschlagen der Tür unterstrichen, schien den Erebor bis in die tiefsten Stollen und Kavernen zu erschüttern.
Der Gerufene eilt aus dem Nebengemach herbei, auf das Schlimmste gefasst. Stattdessen wird ihm von einem aufgewühlt wirkenden Thror die schwere Krone in einer nachlässigen Bewegung zugeworfen, ungeachtet, ob Nár sie fängt oder nicht. Ohne ein weiteres Wort der Erklärung tritt der König an das hohe Regal mit den kostbaren Büchern heran und zieht aus einem der untersten Fächer einen abgegriffenen Folianten hervor. Der Buchrücken weist feine Risse im Leder auf, spröde vom Alter. Der Goldschnitt ist kaum mehr als eine schwarze Färbung des Papiers und die Prägung auf dem Buchdeckel ist nur noch eine Ahnung unter seinen Fingerspitzen, als er sich einen Moment nimmt, um darüberzustreichen. Schließlich schlägt er das Buch auf und blättert eine Seite nach der anderen um. Immer hektischer werden seine Bewegungen und dabei murmelt er leise vor sich hin, ungehalten.
»Was ist nur los mit dir?«, verlangt Nár zu wissen, während er die Krone an einen herbeigeeilten Bediensteten weiterreicht. »Leg endlich die schwere Robe ab. Setz dich, lehne dich gemütlich zurück und erzähle, was los ist!«, fordert der grauhaarige Zwerg.
Mit einem lauten Knall schließt Thror das Buch und blickt aus geweiteten Augen seinen Gefährten an. »Ich habe ein Versprechen vergessen«, erwidert er mit spröder Stimme, dabei presste er das Buch an seine Brust. »Ich habe vergessen, den Kindern ein Märchen zu schenken. Schon im vergangenen Jahr, hätte ich es fast versäumt. Aber in diesem Jahr ...« Statt den Satz zu beenden, schüttelt er nur hilflos den Kopf.
»Nun, wenn das so ist!«, sagt Nár und tritt näher an den König. Mit ruhigen Bewegungen nimmt er ihm das Buch aus den Händen und klemmt es sich unter den Arm, um mit der anderen Hand nach Thrors Hand zu greifen. »Setz dich, mein Lieber. Es war ein langer Tag und sobald du etwas gegessen hast, überlegen wir, was zu tun ist.«
Ein dienstbarer Zwerg eilt auf Nárs Nicken hin heran. Gemeinsam helfen sie dem König aus der schweren Robe mit dem pelzverbrämten Kragen und dem breiten Gürtel. Die Hände und der volle Bart werden vom Schmuck befreit sowie eine Schüssel mit warmem Wasser und ein angewärmtes Handtuch für eine schnelle Reinigung gereicht. Zu guter Letzt werden dem König die Stiefel von den Füßen gezogen und weiche Pantoffel ihm stattdessen angezogen und als er endlich in seinem Sessel platzgenommen hat, wird ein kleiner Tisch vor ihm aufgebaut. Eilig wird er mit Schüsseln und Schalen gefüllt mit verschiedenen Speisen und einem Krug Bier gefüllt, während im Kamin das Feuer geschürt wird.
»Iss, mein Lieber!«, fordert Nár, der sich einen Schemel herangezogen hat und nun den König beobachtet. »Wir werden eine Lösung finden.«
»Das Gute ist«, beginnt Thror, während er sich ein Stück Fleisch auf den Teller hebt. »Das Gute ist, dass sie noch nicht nachgefragt haben. Die kleine Dís ... Ich verkrafte es nicht, sie traurig zu sehen.«
Nár nickt zustimmend, berührt den König an der Hand, streichelt über die Haut. »Du bist ein zu guter König.«
»Pah!«, stößt Thror aus, während er mit energischen Bewegungen das Fleisch auf dem Teller zerteilt. »Thranduil ist ein guter König und Girion auch – zumindest für einen Menschen und Fürsten. Sie würden niemals ein Versprechen vergessen, das sie gemacht haben!« Ungehalten schüttelt er den Kopf. »Ich versage schon an einem einzigen, meinen Enkeln gegebenen.«
»Warum tust du dir das an?«, fragt Nár mit nachsichtig weicher Stimme. »Warum vergleichst du dich mit diesen beiden Männern? Sie haben nichts mit den Zwergen und deiner Verantwortung gemein. Fast ist es, als würdest du Granit mit einem Diamanten vergleichen wollen.«
»Es ist aber so!«, behauptet der König und schiebt sich ein Stück Fleisch in den Mund, kaut nachdrücklich darauf herum, als müsse er sich damit selbst beweisen, dass es so ist und nicht anders.
»Du bist mit dir selbst uneins und deswegen ungnädig«, stellt Nár grummelnd fest. »Was meinst du wohl, warum der Meister von Esgaroth, Girion und der Elbenkönig ständig hier sind?«, verlangt er zu wissen, lehnt sich leicht vor. Eindringlich blickt er den König an. »Weil sie hier ihre Ruhe finden. Sie suchen Abstand von ihren Pflichten und finden ihn hier im Erebor. Du bist ihr Halt, ihre Zuflucht. Du bist ihr Gewissen. Sieh es, wie es ist: Der Erebor ist der einzige Ort, an dem sich die Hochherrschaftlichen wie die kleinen Kinder streiten dürfen.«
»Du deutest an, dass ich ihre Amme wäre?«, hakt der König nach, wiegt amüsiert das Haupt. »Ich könnte sie ohne Abendessen ins Bett schicken. Oder einen Klapps auf den Allerwertesten geben.«
Nár kichert und bricht schließlich in schallendes Gelächter aus, in welches Thror einfällt. »Der Waldelbenkönig mit blankem Gesäß über deinem Schoß und die Backen rot von deiner Strafe«, sagt er lachend, wischt sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel. »Bei Aule! Welch ein herrlicher Anblick muss das sein!«, verkündet er.
»Oh weh! Ich fürchte, ich kann Thranduil nicht mehr in die Augen blicken, ohne das Bild vor Augen«, flüstert Thror, atemlos vom Lachen. Erschöpft lehnt er sich in seinem Sessel zurück, während Nár einen Bediensteten herbeiwinkt, die restlichen Speisen und den Tisch zu entfernen. »Aber was mach ich nun mit den Kindern?«
Nachdenklich streicht Nár durch seinen Bart.
Thror beobachtet seinen Geliebten. Er kennt ihn so gut, wie sich selbst und könnte im Nachhinein den Moment nennen, in dem Nár eine Lösung für sein Problem findet. »Lade sie ein. Mach es ganz offiziell, lass sie sich wichtig fühlen, mit einem König auf gleicher Ebene. Und lasse alles vorbereiten, wie in den vergangenen Jahren. Kissenberg, Plätzchen, Kakao und such ein Märchen aus.«
»Du meinst: Angriff ist die beste Verteidigung?«, hakt Thror nach, doch ist er mehr als zufrieden mit dem Vorschlag. Er ist begeistert. Allein der Gedanke an Dís traurigem Blick im vergangenen Jahr, als sie glaubte, er habe das Märchen vergessen, treibt ihm selbst die Tränen in die Augen.
»Ich weiß, was für ein weiches Herz du hast, besonders, was deine Enkelkinder betrifft. Du kannst nicht abstreiten, dass Dís nur einmal mit dem kleinen Finger winken oder dich anlächeln muss und schon würdest du ihr den Mond vom Himmel holen wollen. Mit Frerin und Thorin ist es das Gleiche. Also: Bau deine Verteidigung aus, bevor die Kinder zum Angriff blasen.« Bekräftigend nickt Nár.
Diese Überlegung kann Thror keineswegs von der Hand weisen. Sie hat Hand und Fuß und das wusste er besser, als jeder andere. »Nun gut«, sagt er und deutet auf das Buch, das auf Nárs Schoß liegt. »Und welches Märchen würdest du vorschlagen?«
Nachdenklich zieht Nár die Stirn kraus, blickt auf das Buch, doch schlägt er es nicht auf, um es zu Rate zu ziehen. »Ich mochte schon immer ein ganz bestimmtes Märchen.«
Interessiert lehnt Thror sich vor. »Ja? Welches?«
Nár zögert, zupft an seinem Bart, als wäre er verschämt und doch ist da etwas, das ihn so sehr beschäftigt, dass er die folgenden Worte nicht zurückhalten kann:

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