Die Darcys auf Pemberley Teil XXVIII

von Bihi
GeschichteRomanze, Familie / P16
06.12.2018
12.02.2019
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Am nächsten Tag traf man sich also bei Anne und George. Als die Darcys und die schottischen Gäste eintrafen, tobte bereits das Leben: Auch die Cantervilles waren gekommen, und Klein-Dorothy gab sich mit liebevoller Unterstützung von Carlotta die größte Mühe, Silvias Truppe noch ein wenig trubeliger zu gestalten. Die anderen, zahlreichen Gäste waren mehr oder weniger aus dem Trubelalter heraus, leisteten aber, sofern sie noch nicht debütiert hatten, den Trublern Gesellschaft. Eine Familie bildete auf Lewis' Anregung vorerst eine Ausnahme.
Anne hielt das Verlobungspaar unter einem Vorwand zurück. Das verriet nicht, dass der Vorwand unnötig sei, und hofften darauf, dass Peter und Arthur sich daran erinnerten, dass sie doch nichts sagen wollten. Die beiden waren aber sofort zu den Trublern geschickt worden, konnten also den Erwachsenen nichts vor der Zeit erzählen.
Sir Gwenoch nutzte die Wartezeit für Komplimente zum Kleid: rotes Seidenmoiré mit gelben Paspeln und dunkelblau unterlegten Falten an Ärmeln und Rock. Er bat sie abschließend darum, dieses Kleid auch auf dem Hofball zu tragen. Die Robe für den Hofball konnte sie doch vielleicht zu Miss Stanfolks Hochzeit tragen?

Dann sollten Dorothy und Sir Gwenoch in den großen Salon eintreten – und Dorothy blieb vor Überraschung nach zwei Schritten stehen: Auf die Cantervilles hatte sie gehofft, weil schließlich Ostern war, dass aber auch die Marlboroughs, Gloucesters, Kents und Yorks erschienen waren, erstaunte sie nun doch. Fitzwilliam lächelte. Er hatte beim Eintritt in den Salon hoffentlich nicht ebenso auffällig gestutzt. Er hatte darauf vertraut, dass der Earl of Derby nebst Gemahlin und die Cavendishs kämen, aber mit den Hoheiten außer mit Canterville hatte auch er nicht gerechnet.
„Ich gehe davon aus, dass Ihr alle meinetwegen gekommen seid. Für meine Eitelkeit bin ich ja sattsam bekannt. Ich bin überrascht und so gerührt, dass mir die passenden Worte fehlen. (Das hörte man ihr auch an.) Falls Ihr Euch wundert, warum ich in einer Robe eines Hofballes würdig erscheine: Sie passt so wunderbar zu meinem Ring, den ich vor kurzem von Sir Gwenoch Ardmore erhalten habe.“ Damit hielt sie die Hand mit dem Ring hoch und ließ ihn im Licht funkeln. Dann dirigierte sie Sir Gwenoch sanft zur Dowager Gloucester. Sie versank in einen Hofknicks, Sir Gwenoch machte daraufhin einen halben Kniefall: „Hoheit, ich bin hocherfreut, dass Ihr Euch der Mühe eines Besuchsabends unterziehen könnt!“
„Da ich wohl nicht mehr die Kraft habe, nach Derby zu fahren, würde ich es mir nie verzeihen, wenn ich nicht wenigstens bei Eurer Verlobung anwesend gewesen wäre, Baronesse Dorothy.“
Dorothy erhob sich, trat einige Schritte zurück und versank in einen zweiten Hofknicks, Sir Gwenoch wieder in einen halben Kniefall: „Der ist für alle Gäste. Ich weiß, Susan und Jane haben vor sechzehn Jahren eine Glanzleistung vollbracht, die ich mir aber nicht zutraue.“ Susan und Jane grinsten.
Erst dann begrüßte das Paar die Gäste dem Rang nach. Ihre zukünftigen Verwandten waren beeindruckt, wie sicher sie sich in der Reihenfolge war, und vor allem, wie diskret sie ihren Verlobten zu lenken wusste.
Nach dieser Begrüßung stand Prinz John auf: „Wenn ich jetzt entschuldigt werden könnte: Ich bin nur hiergeblieben, weil ich nicht wusste, was Arthur sagt, wenn er mich bei den anderen findet. Wir sollten doch eine Überraschung sein. Jetzt muss ich aber dringend zu ihm.“ Er wartete keine Antwort ab, er verschwand einfach – mit den Prinzessinnen Mary und Amanda dicht hinter ihm.
Seine Mutter schüttelte verwundert den Kopf, die Dowager sagte: „Wenn er seine Sehnsucht nach Arthur früher deutlich gemacht hätte, hätte ich ihn häufiger zu mir eingeladen.“
Prinz Henry hatte leider einen Termin, aber sein Söhne waren gekommen; so saßen Prinz Edward und Baronesse Annie wieder beisammen. Der jüngere, Prinz Jacob, half alles andere als schüchtern den Trublern – erst beim Trubeln und dann beim Essen. Peter und Arthur waren ihm dankbar dafür. Es waren einfach zu viele, die noch Hilfe brauchten.
Bevor es zu Tisch ging, lenkte Dorothy ihren Verlobten noch einmal zu den Gästen. Sie ging auf Jane zu, umarmte sie herzlich, Edmund nur schicklich, und sagte: „Ich vermute, der Dank für diese Feier gebührt neben Anne und George vor allem Euch beiden!“ Dann ging sie zu den Gastgebern, um auch sie herzlich zu umarmen. Sir Gwenoch begnügte sich jeweils mit einem Händedruck.
Arthur kam ganz kurz herein; nach einer ehrerbietigen tiefen Verbeugung gegen die hohen Gäste fragte er: „Anne, können diejenigen von uns, die die hohen Gäste noch nicht begrüßt haben, kurz kommen, bevor wir in unseren Speisesaal gehen?“
Das wurde natürlich erlaubt. Es waren nur wenige: Peter, Matthew, Arthur und Charleen. Sie stellten sich nebeneinander auf, die Jungen machten eine tiefe Verbeugung, Charleen einen Hofknicks. Als sie sich wieder aufgerichtet hatten, sagten sie im Chor: „Wir wünschen den Milords und Miladies und allen anderen geschätzten Gästen einen guten Abend!“ Bei dieser Formulierung hatte Prinz John geholfen, weil Arthur nicht wusste, ob er nun alle Titel einzeln aufzählen sollte.

Auf dem Weg in den Speisesaal erklärte Dorothy, was die angesprochene Glanzleistung gewesen war. Sir Gwenoch war tief beeindruckt. „Baronesse Dorothy, ich bin froh, dass Ihr Euch diese Leistung nicht zugetraut habt. Ich weiß nicht, ob ich dann aus dem letzten Kniefall ohne Hilfe hochgekommen wäre.“
„Warum habt Ihr den überhaupt gemacht? Das habt Ihr doch auch nicht bei der Taufe gemacht?“
„Heute geht es um die offizielle Aufnahme in den hohen Zirkel. Da ist es zumindest in Schottland so üblich. Ich hatte vergessen, mich zu erkundigen, ob es hier auch so gemacht wird.“
Es gab keine Tischordnung. Anne begründete es damit, dass sie sich nicht sicher war, welche Paare zusammensitzen wollten. So fanden sich gegenüber Lord und Lady Darcy die Paare Fürst und Fürstin Southey und Sir Braenwydd Durthy und Lady Durthy ein. Susan flüsterte ihrem George etwas zu, und er verließ den Raum, ihr Notizbuch und einen Stift zu holen.
Die Dowager winkte Henry James an ihre linke Seite, Gigi an ihre rechte. Beiden war es nicht recht. Henry James hätte lieber neben Gigi gesessen und Gigi befürchtete Vorwürfe. Da die Dowager aber nichts von den kürzlich aufgetauchten Reibungspunkten wusste, blieben Fragen oder auch nur Andeutungen aus. Am Ende des Essens sah sie auf das Brautpaar und sagte gedankenverloren: „Als ich damals heiratete, war ich noch am Tag zuvor von Eifersucht geplagt. Die war damals ziemlich unsinnig, weil es eine arrangierte Ehe war. Als mein Gatte viel später davon erfuhr, meinte er nur: 'Ohne Eifersucht kann Liebe nicht wachsen – sofern die Liebe stärker ist, natürlich.' Sir Gwenoch Ardmore hatte die Größe, seine Eifersucht zuzugeben. Also kann die Liebe jetzt wachsen. Ich warte immer auf ein Anzeichen, dass einer von Euch beiden endlich ein wenig eifersüchtig wird, damit ihr nicht in einer Kinderliebe steckenbleibt. Das fände ich wirklich schade für beide von Euch.“ Sie sagte es ohne Hintergedanken, tröstete aber damit Gigi ungeheuer.
Die Dowager verließ nach dem Essen das Haus. Sie war erschöpft und wollte in ihre eigenen Räumlichkeiten zurück.

Auf dem Weg zum Ballsaal sagten die Eltern ihren jüngeren Kindern: „Ihr könnt noch im Spielzimmer gemeinsam spielen, wenn ihr müde werdet, geht ihr in die getrennten Schlafräume, wo ihr ins Nachtgewand wechseln und auf die Ballteilnehmer warten könnt.“
Marc heulte auf: „Und ich? Mama hat nicht sagt, ich muss Nachtwand einpacken!“ Sein Vater schüttelte den Kopf, nahm ihn auf den Arm und ging mit ihm, das Nachtgewand zu besichtigen. Als Heathcoat zurückkam, sagte er nur erstaunt: „Er hat doch schon hier in seinem Nachtgewand geschlafen! Die Logik wird sich hoffentlich noch in seinem Verstand einstellen!“
Lady Ardmore erzählte ihrer Schwägerin leise, was es mit diesen gemeinsamen Schlafräumen und dem Warten auf die Ballgäste auf sich hatte.

Drei Paare eröffneten den Ball: Dorothy und Sir Gwenoch, natürlich, dann Lord Darcy mit Lady Ardmore und Sir Braenwydd Durthy mit Lady Darcy.
Alle tanzten den ersten 'offenen' Tanz, bevor sich die Eltern, Susan und Emma auf die Zuschauerrolle verlegten. Ja, es war wieder einmal eine gemischte Gesellschaft, aber man nahm darauf bei der Partnerwahl keine Rücksicht. Selbst die Countess of Derby hatte sich inzwischen daran gewöhnt. Wenn sie damals nur auch einer Verlobungsfeier für Edmund zugestimmt hätte!
Henry James spürte erleichtert, dass Gigi nicht mehr ganz so reserviert war.
Sie erklärte: „Für heute kannst Du kein Zeichen von mir erwarten. Das habe ich Dir doch schon bei den Marlboroughs gegeben. Ich gebe zu, das war nicht beabsichtigt, aber es tut mir absolut nicht leid, dass ich es gegeben habe. Zu mehr bin ich momentan nicht in der Lage.“
„Ich habe es wirklich als Zeichen empfunden und war unsagbar froh, dass es früher als angekündigt kam. Mit dieser Ermutigung warte ich nun ab, wann Du bereit bist für den nächsten Schritt.“ 'Mit Gigis und mit der von Großmama. Denn Gigi hat sich doch bestimmt aus Eifersucht so verhalten. Das war mir erst vorhin klar geworden. Ja, wir werden uns jetzt anders lieben, weil wir uns fast verloren haben – falls Gigi diesen Schritt auch vollziehen kann.'

Beim Boulanger bestimmten sowohl George als auch Charles, dass ihre Gattinnen diesen Tanz ebenfalls auszusitzen hätten. So lange beim Ball dabei zu sein war schon die höchste aller erlaubten Anstrengungen. Da sie ja beisammen saßen, ließen sie sich diese Bevormundung ohne Widerrede gefallen. Nein, wegen der adligen Zuschauer hätten sie wohl auch nichts gesagt, wenn sie nicht beisammen gesessen hätten. Alle anderen Paare begaben sich wieder auf die Tanzfläche.
Danach begaben sich alle in ihre Quartiere. George versprach, gegen acht Uhr zu kommen, die Zeit, zu der Agatha normalerweise wach wurde.
Prinz John nutzte das leichte Durcheinander des Aufbruchs, um seinen Vater zu fragen: „Darf ich nicht auch hier bleiben? Mary und Amanda auch? Wir könnten uns Nachtgewänder von Lewis und Louisa leihen.“
„Ich weiß nicht, ob die euch passen. Ich werde euch vom Stadtpalais welche bringen lassen. Schickt morgen ein Billett, wenn ihr abgeholt werden wollt!“ 'Es werden sicher nur einige Minuten sein, die sie noch wach sind, aber für diese Minuten gönne ich ihnen die Gesellschaft.'
Prinz John war froh, dass er sich hierin durchgesetzt hatte, und mochte jetzt nicht weiter diskutieren. Aber er fand das Billett zur Abholung irgendwie schlecht formuliert. Ging es darum, wann sie gehen 'wollten' oder 'sollten'? Egal, das konnte er ja am nächsten Tag noch klären.

Die Nacht auf den Ostermontag war wieder eine sehr lange für die Kinder gewesen, sodass sie erst zu einem leicht verspäteten zweiten Frühstück auftauchten. Erst nach der ersten Tasse Tee fiel Prinz John wieder ein, was sein Vater gesagt hatte. Aber solange die anderen Kinder auch noch nicht abgeholt wurden, machte er sich um den richtigen Zeitpunkt keine großen Sorgen. Gegen Ende des Frühstücks sagte er freundlich: „Ich habe ja gar nicht gewusst, dass es in London eine Zweigstelle von Pemberley gibt!“
Anne schmunzelte: „Die wurde erst eröffnet, als wir dieses Haus erbten. Und diese Zweigstelle ist auch nur geöffnet, wenn aus welchem Grund auch immer das Haupthaus auf Pemberley geschlossen ist.“
Prinzessin Amanda stutzte kurz: „Klar, es wäre ja auch ein wenig umständlich gewesen, wenn wir nur für gestern Abend und dieses wundervolle Frühstück ganz bis nach Pemberley gefahren wären. Schließlich muss Papa ja ins Parlament. Jedenfalls meint Papa immer, dass die Pflicht vorgeht. Ich finde das nicht immer richtig. Aber das kann ich wohl nicht ändern, denn im Parlament dürfen nur debütierte Herren abstimmen, die mit der Schule fertig sind. Auch so eine Regel von Papa.“
George Fitzwilliam verkniff sich ein Grinsen: „Nein, Prinzessin, das ist nicht eine Regel Eures Vaters, das ist eine Regel des Hofes. Wie soll man denn richtig regieren können, wenn immer irgendwelche Peers bei den Abstimmungen fehlen?“
„So hab ich das noch nie gesehen. Deshalb also muss Henry James gute Zeugnisse kriegen, damit er dann ein guter Parlamentarier wird?“
„Genau!“
Jetzt mischte sich Prinz John wieder ein: „Und warum soll ich dann gut in der Schule sein?“
„Falls Prinz Henry James etwas zustößt, müsst Ihr dann übernehmen!“ George wunderte sich, dass man das diesem Jungen, schließlich war er der Zweitgeborene, nicht erklärt hatte.
„Das sagte mein Hauslehrer auch immer, aber ich dachte, das ist nur eine leere Drohung. Schließlich hieß es ja immer, ich sei zu schwach und zart und nicht belastbar.“

Dieses so lehrreiche Frühstück war beendet, und wie aufs Stichwort fuhren drei Kutschen der Darcys vor: Fitzwilliam hatte sich noch am Abend bereiterklärt, dafür zu sorgen, dass alle Übernachtungsgäste wieder sicher nach Hause kamen.
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