Die Darcys auf Pemberley Teil XXVIII

von Bihi
GeschichteRomanze, Familie / P16
06.12.2018
11.12.2018
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Man ging den Tag sehr ruhig an. Es gab nur noch zwei Schulkinder, die aber angesichts der Dunkelheit, die noch herrschte, nicht zur Fröhlichkeit neigten. Annie hatte sich in der Hinsicht schon immer von ihren Geschwistern, erst Gigi, dann Arthur animieren lassen, aber Gigi ging nicht mehr zur Schule und sah daher keinen Grund, aufgesetzt fröhlich zu sein, und Arthur war schlicht verärgert, dass man ihm zumutete, in finsterer Nacht in die Schule zu gehen. Kurz bevor die Kutsche vorfahren würde, fragte er: „Papa, und das ist jetzt kein Scherz? Ihr habt nicht nachts heimlich alle Uhren verstellt? So dunkel ist es doch sonst nie!“
Fitzwilliam und Elizabeth dachten gleichzeitig daran, dass er früher in der Kuschelstunde wach wurde, aber die fiel ja nun fort. Sie rührten nicht daran. Sie zwangen niemanden aus dem Ehebett, lockten aber auch niemanden hinein. Wer kam, kam freiwillig.
„Arthur, nein, das haben wir nicht. Es wird eben jeden Tag ein wenig dunkler. Das war schon immer so, und ich frage mich, warum es Dir erst heute auffällt. Es wird übrigens bis zum 21. Dezember immer dunkler und dann erst so allmählich immer heller. So, aber die Kutsche müsste jeden Augenblick aus der Remise kommen.“
Arthur und Annie schnappten sich die Schulsachen und marschierten ab.
Dorothy sagte: „Ich finde, Arthur hat Recht. Es ist unziemlich dunkel heute. Am fehlenden Mond und den fehlenden Sternen kann es doch nicht liegen, oder?“
Gigi starrte sie entsetzt an, sprang ohne Entschuldigung vom Tisch auf und lief zum Fenster. Sie öffnete den Vorhang einen Spalt und sah vorsichtig hinaus. Sie ging nun damenhaft zum Tisch zurück und sagte mit weißen Lippen: „Ich bin ja gespannt, wann wir Arthur und Annie wiedersehen. Entweder ganz schnell oder vielleicht auch erst morgen oder so. Es stürmt ziemlich, und so, wie es aussieht, wird es wohl auch noch schneien.“
Fitzwilliam klingelte gleich nach einem Knecht, der die Kutsche zurückholen sollte. So wichtig war Bildung nun auch wieder nicht, dass er dafür seine Kinder in Gefahr brachte. Bevor er die Order geben konnte, kamen Arthur und Annie wieder herein: „Wir hätten ruhig im Bett bleiben können, bis es heller wird“, informierte Arthur indigniert. „Es ist so stürmisch und dunkel draußen, dass die Pferde sich weigern, den Stall zu verlassen.“
Fitzwilliam klingelte nun nach einem weiteren Knecht: „Einer von Euch geht nach Lambton und einer nach Kympton und informiert Lehrer und Eltern, dass die Schule leider ausfallen muss. Ich hoffe, der Weg nach Lambton ist nicht so schwierig, weil ihr den Wind im Rücken habt. Außerdem kommen da wahrscheinlich schon Boten entgegen. Wer von Euch beiden nach Kympton geht, bleibt entweder in der Schule oder bei Mr. Darcy, bis der Sturm vorüber ist, und bekommt auch ohne Arbeit den vollen Lohn und eine Sonderzahlung wie üblich.“
Die Knechte verzogen sich bis an die Hintertür, wo sie erst einmal knobelten, wer welchen Weg nehmen durfte. Gerade als das klar war, kamen Boten aus Lambton und aus Kympton, dass der Weg zur Schule wohl zu gefährlich sei.
Fitzwilliam war froh, dass er seine Knechte nicht diesem Wetter aussetzen musste, und ließ den Boten Plätze in den Gesindestuben anweisen, damit sie nach einer wärmenden Mahlzeit hier abwarten konnten, bis der Sturm sich legte.
Arthur verzog sich in den Frühstücksraum, um die Aufgaben zu machen, die wahrscheinlich in der Schule bearbeitet würden. Zum wieder Einschlafen war er jetzt zu munter und zum Spielen war es zu dunkel, fand er, da konnte er genau so gut wieder seine privaten Lernzeiten machen.
Gigi und Annie setzten sich zu Dorothy und halfen ihr bei ihrer Decke, nachdem sie sich das Muster hatten erklären lassen. Beide fragten sich, was wohl die Familie Ardmore zu der Farbwahl sagen würde, und schwiegen aus unterschiedlichen Gründen. Falls diese Farben nicht erwünscht waren, hatte Dorothy wenigstens ihre Lieblingsfarbe zum Wärmen. Gigi war sich sicher, dass Henry James ihr niemals Blautopas untersagen würde und Annie dachte sich, dass ein Herr, der nicht einmal in der Decke rot erlaubte, einfach der falsche Herr für Dorothy war. Sie jedenfalls würde nie einen Herrn heiraten, der ihr Meerschaumgrün untersagte.
Der Schneefall begann bevor die Kutsche die Schule erreicht hätte. Alle atmeten erleichtert auf, dass die Pferde so verständig gewesen waren.
Zur Mittagszeit, also kurz nach der Mittagssuppe, waren Fitzwilliam und Elizabeth auf einmal verschwunden. Arthur ahnte, dass sie in die geheime Waldkammer gegangen waren, und fand es im ersten Moment nicht nett, dass er nicht eingeladen worden war, bemerkte dann aber, dass es ja nicht ging, ihn einzuladen, wenn andere zuhörten. Die durften von dem Geheimnis doch nichts erfahren! So einfach hingehen und fragen, ob er auch mitmachen dürfe, mochte er aber auch nicht. Selbst, wenn die Eltern es erlaubten, wäre die Waldkammer bestimmt nicht einverstanden, dass er sich so einfach reindrängelt. Er zog sich also auf seinen eigenen Laubhaufen zurück. Seit der auch Dorothy geholfen hatte, fand Arthur das Geschenk des Weihnachtsmannes noch viel toller. Das heißt, er wusste ja inzwischen, dass es keinen Weihnachtsmann gab, aber trotzdem: Konnten Mamas, selbst Elfen-Mamas, so eine Decke fertigen? Bestimmt nicht.
Die drei jungen Damen saßen vor dem Kamin – mit zwei extra Petroleumlampen – und arbeiteten weiter an der Decke. Nun war es schön anheimelnd. Je größer die Teile wurden, desto wärmender waren sie für die fleißigen Häklerinnen.

Beim Tee wurde Gigi gefragt, warum sie damals für den Vikar gewarnt hatte und dieses Mal für ihre Geschwister nicht. „Das habe ich mir auch schon überlegt. Vermutlich schmerzte mich mein Knie damals. Das tat es auch heute, aber erst, als Arthur und Annie wieder da waren. Warum das so war, kann ich auch nicht sagen. Vielleicht drückte der Wind damals anders auf die Fenster, sodass ich das früher spürte?“
„Nein, die Reaktionszeit war ungefähr gleich, wenn man bedenkt, wann der Schneefall einsetzte“, beruhigte Fitzwilliam.
Arthur sah nachdenklich auf seinen Teller: „Papa – Pfarrer will ich lieber doch nicht werden. Das hab ich ja schon gesagt. Dann bleibt mir noch Advokat … oder aber, ich werde Heiler oder Arzt.“
„Wenn Du Arzt werden willst, kommt aber nur die Universität von Edinburgh in Frage. Das ist die beste für Medizin, jedenfalls hier in Großbritannien. Ich habe gehört, die in Paris ist auch sehr gut. Dafür müsstest Du französisch lernen. Aber auf eine andere Universität werde ich Dich nicht gehen lassen. Du sollst die beste Ausbildung bekommen, die möglich ist.“
„Gut, ich kann dann vielleicht immer noch nicht Gigis Knie helfen, aber vielen anderen Leuten. Und das ist wichtig, oder?“
Gigi sagte: „Das ist sogar sehr wichtig. Mein Knie ist jetzt schon so lange so, das wird bestimmt nicht besser. Ich bin schon froh, dass es nicht schlimmer wird.“
„Was ist eigentlich mit Deinem Knie?“
„Das weiß ich nicht. Bei Kälte muss ich es besonders warm einpacken oder Schmerzmittel nehmen. Dann schon lieber dicke Wollstrümpfe. Das war schon immer so.“
Fitzwilliam mischte sich ein: „Deine Geschwister wurden alle an Masern krank – alle außer Annie, die noch nicht geboren war. Und bei Gigi ist leider die Krankheit nicht ganz weggegangen, sondern hat sich geändert und ist ins Knie gezogen. Und von da kann man sie nie so ganz verscheuchen, aber im Sommer wenigstens schwächen.“
„Ja, dann muss man was erfinden, dass die Masern nicht mehr kommen können!“
„Vermutlich forscht man in Edinburgh bereits daran, aber bisher ohne Erfolg.“
„Und in die Universität darf ich dann gehen?“
„Wenn sie Dich annehmen, ja.“
„Gut. Das wäre dann doch auch ein guter Beruf, finde ich, sogar besser als Advokat. Als Advokat muss ich mich ja immer um Streithammel kümmern, entweder direkt oder um ihre Opfer. Das ist auch nicht immer schön.“
Ja, die Familie war sich einig: Wenn Arthur durchhielt, wäre das ein guter Beruf für ihn, einer, mit dem er keine Reichtümer verdienen könnte, der ihm aber Befriedigung verschaffen würde, weil er helfen konnte. Vielleicht stiegen bis dahin ja noch Ansehen und Einkommen. In der heutigen Zeit konnte man nie wissen. Sonst müsste Fitzwilliam eben mit George noch vor der Gutsübergabe absprechen, wie hoch ein Legat sein könnte.
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