Um Sieben in der Früh

GeschichteAllgemein / P18 Slash
05.12.2018
31.07.2019
15
19830
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Legenstein schüttelte einem schmalen aber noch größeren Mann, als er selbst es wohl jemals sein würde, die Hand und unterhielt sich kurz mit ihm. Er ließ den Namen „Comenius“ fallen und drehte sich dann zu Etienne um, wobei er sorgfältig darauf Acht gab, seinen Auftritt imposant oder zumindest etwas eindrucksvoll wirken zu lassen:
„Sehen Sie, Comenius war im Referendariat mein Mentor. Er ist ein wirklich guter, aber harter Richter. Wir müssen sehen, dass wir ihn gut überzeugen. Er scheint zwar, wie ich finde gerade durch diese randlose Brille, sehr nett, aber er ist ein Zuchtmeister der Gesetze. Lassen Sie sich nicht allzu sehr einschüchtern, verstanden?“
Etienne nickte und versuchte sich an einem überzeugenden Lächeln, da mit er vertrauenswürdig wirkte, das schien ihm allerdings, dem Blick Legensteins nach zu urteilen jedenfalls, der mehr aussah, als hätte er gerade in eine geöffnete Hundeleiche, über die man zuvor dreifach mit brutalster Art gefahren war, geschaut, nicht zu gelingen, weshalb er die Mundwinkel wieder fallen ließ und sich stattdessen an den schweren Holztisch setzte.
Dieser gab ihm, absurderweise, wie Etienne durch den Kopf schoss, etwas Sicherheit, denn er fürchtete sich insgeheim doch etwas vor der Verhandlung. Das war – bei Gott – nicht sein erster Tag in einem Gerichtssaal, aber doch, es war der erste, den er auf der Anklagebank verbrachte und der erste Tag, an dem er seinen Chef außerhalb seines gewohnten Büroumfeldes zu sehen bekam. Ihn beschlich der Gedanke, dass er vielleicht eine neue Seite an Legenstein kennenlernen würde.
Vielleicht keinen cholerisch schreienden Staatsanwalt, wie Etienne es sich, und dieser Gedanke, den er allerdings zugeben musste, war ihm schon, als er ihn gerade erneut seinen Kopf passieren ließ, peinlich, in seinen Träumen vorgestellt hatte. Manchmal hatte er nachts wirklich das Bild Legensteins in Robe, und die Realität, die er sich hier gerade besehen durfte, sah wesentlich besser aus, im Kopf, wie er argumentierte und sich mit der Verteidigung stritt, wie er laut und sarkastisch wurde und wie der Richter ihn bremsen musste.

„Nun beruhigen Sie sich“, hörte er Legensteins Stimme und sah, wie der Staatsanwalt eine Hand auf seine legte. Etienne spürte es nicht, dazu waren seine Gedanken gerade zu wirr, er sah es. Und er bemerkte, dass er zitterte.
„Hey, das ist nicht dein Fall. Guck zu und lerne ein bisschen, fühl dich in die Atmosphäre. Es wird schon, einfach mir nachmachen, okay?“
Legenstein hatte das Flüstern begonnen, seine Stimme klang rau und tief, fordernd und gleichzeitig stark, sie gewährte Etienne unheimlich viel innere Sicherheit und langsam kam er aus seinen wattebauchartigen Gedanken zurück, die ihm beinahe die Ohren dichtend vollgestopft hatten und er spürte sanft die feingliedrigen, warmen, teils streichelnden Finger. Er hatte alles verstanden, ja, jedes Wort vernommen und begriffen. Legenstein hatte ihn mit du angeredet und ihm zugesprochen wie einem verängstigten Hundewelpen. Und, verdammt, das musste Etienne wieder zugeben, er hatte sich gut dabei gefühlt! Da war etwas Warmes, Berauschendes dabei gewesen!

In den Saal kamen der Verteidiger und sein Mandant, besser auszudrücken, seine beiden Mandanten. Scheinbar würde es eine Doppelanklage geben, Etienne hatte keine Chance gehabt, sich auf den Fall vorzubereiten und in Hinblick auf die Anklage, die Legenstein nachher verlesen würde, würde er da auch sehr froh drum sein, das war ihm zu diesem Zeitpunkt nur noch längst nicht klar.
Die Angeklagten setzten sich und starrten Etienne direkt an. Der Blick des Mannes war forschend, suchend und Etienne glaubte, die Augenfarbe erkennen zu können, so schillerte ihm ein Blau entgegen, das Tiefe besaß. Aber er war sich nicht sicher. Stattdessen verschwamm das Bild vor seinen Augen etwas und er sah den Blonden aus der Straßenbahn vor sich. Diese Augen waren ähnlich, sie konnten sich fast vergleichen lassen und doch sträubte sich in Etienne etwas, den Vergleich zu wagen, denn der Blonde sollte unvergleichlich für ihn bleiben. Die Augen des Angeklagten wurden vom Gesicht des Blonden umrundet.
Langsam verhärteten sich die Gesichtszüge, die Wangen wurden definierter, ein sanfter Bartschatten legte sich auf sie. Die Stirn wurde deutlicher, der Haaransatz dunkler, die Augen gefährlicher. Es schien, als würden sie sich und ihn anknurren. Tiefdunkles Grün nahmen sie an, er hatte Angst vor ihnen, uneingeschränkt. Das Grün ließ ihn sich kalt fühlen, leblos. Sie analysierten ihn. Das war Legensteins Gesicht.

Etienne wurde schmerzhaft an seinem rechten Arm hochgerissen, er musste seine Knie durchdrücken, um zu stehen, dabei schob er seinen Stuhl geräuschvoll nach hinten. Die Gesichter verschwanden sofort, er starrte den Angeklagten an und bemerkte, dass alle auf ihn selbst starrten. Legenstein knurrte ihm ins Ohr:
„Wenn der Vorsitzende und die Kammer den Saal betritt, haben Sie gefälligst aufzustehen, Sie Tölpel!“
Etienne rieb sich den Ellenbogen und besah den Richter, der mit zusammengekniffenen Augenbrauen auf ihn starrte und mindestens so bedrohlich guckte wie Legenstein. Die Augen hatten eine ähnliche Tiefe, aber sein zurückgekämmtes graues Haar ließen das Gesicht noch kantiger wirken.
„Verzeihung“, murmelte, fing sich dabei aber nur das Murren des Vorsitzenden ein und setzte sich zusammen mit Legenstein.

„Gut, ich eröffne die Hauptverhandlung, Herr Staatsanwalt, die Anklage bitte!“Und dann stand Legenstein auf und begann und Etienne bekam mit jedem Satz mehr das Gefühl, dass er nie wieder enden würde.

Nicolae Legenstein war vieles nicht. Er war kein Fremdsprachenexperte, wohl auch kein Maschinenbauer, kein schmieriger Rechtsverdreher, aber er war, und das musste Etienne sich sofort eingestehen als er die Stimme und das Wort, das Legenstein an die Angeklagtenbank richtete, vernahm. Sie durchdrang alles im Raum, sie schmetterte im Trommelfell und Legensteins Metaphern, die er wohl spontan einbaute, um den Sachverhalt anschaulicher zu machen, zerrissen ihm jenes gleich wieder, denn an Grausamkeit war es nicht zu überbieten. Und als sei die trockene Tatbestandschilderung noch nicht genug, so verdeutlichte der Staatsanwalt alle Fakten mit Bildern.

Etienne schossen auch nachdem Legenstein wieder neben ihm saß und eine sanfte Wärme ausstrahlte, die er genoss, hunderte Gedanken durch den Kopf. Wie konnte man ein Kind nur vergewaltigen und danach töten? Er verstand es nicht. Das eigene Fleisch und Blut so zu behandeln, es nahezu auseinanderzureißen, wenn man sich die Bilder ansah. Es kribbelte ihn am ganzen Körper und er tippte mit dem linken kleinen Finger auf seinen Oberschenkel. Er war nervös, denn seinen Kopf fluteten die Bilder eines Kleinkindes, das …

„Sie können das doch nicht so stehenlassen!“, er war außer sich und brüllte Legenstein an, er schrie vor Wut. Legenstein hatte dem letzten Zeugen, der die Anklage fast in allen Punkten grandios widerlegt hatte, kein Kontra gegeben, er hatte stattdessen die Vertagung beantragt und war danach aus dem Saal gestürmt.
„Herr Legenstein, jetzt hören Sie doch! Sie können das nicht …“, schlagartig presste ihn der Staatsanwalt mit dem Rücken ans Auto und sah ihn an. Er hielt ihn mit seinem Arm so eingekeilt, dass er sich nicht bewegen konnte. Stattdessen spürte er den fauchenden Legenstein vor sich, dessen Atem ihm warm die Nase streichelte und ihn fast genießerisch die Augen schließen ließ, als er plötzlich zwei Lippen auf seiner Wange spürte, die sich sofort wieder zurückgezogen hatten.

„Was glauben Sie, was ich alles kann“, knurrte Legenstein äußerst gereizt und stieg in den Wagen.
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