Um Sieben in der Früh

GeschichteAllgemein / P18 Slash
05.12.2018
03.07.2019
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Etienne fühlte sich wohlweißlich, und das musste er heute erneut vor dem Herrn gestehen, absolut nicht wohl, als Legenstein, der seinen Blick, den er vor wenigen Minuten angenommen hatte, noch immer nicht senkte, um ihn herum trat, ihn durch den Spiegel anblickte und seinen Kragen hochklappte. Seine Hand legte sich auf Etiennes Schulter, der diese Position hasste, sich aber, ob seiner Gedanken, die darum kreisten, ob Legenstein ihn denn wirklich analysierte, nicht wirklich freimachen konnte, zu fest hing er im fangenden Blick des Staatsanwaltes.

Legenstein öffnete, nachdem er die warme Hand, welche er durchaus mit Absicht etwas länger auf der Schulter hatte ruhen lassen, wieder entfernt hatte, langsam Etiennes Krawatte und blickte ihm dabei weiterhin in die Augen. Er war mächtig, dessen war er sich besonders bei Etienne bewusst. Egal, was er nun tun würde, der vom Ministerium gesandte Schützling würde es mitmachen. Aber er legte Wert auf saubere Krawattenknoten.

„Legen Sie jetzt das Ende auf Ihre Schulter. Herrgott, zivilisiert, nicht geisteskrank!“
Etienne stellte sich mit Absicht etwas ungeschickter an, als er es eigentlich war, ihm gefiel, auf morbide Art und Weise, wie er zugab, die aufgebrachte Stimmung des Staatsanwaltes. Er bekam so für wenige Minuten das Gefühl, den übermächtigen Nicolae Legenstein aus seinem Refugium zu verstoßen und endlich ein Stück, wenn auch nur einen Krümel, vielleicht einen Streusel, des großen Kuchens der Macht abzukriegen. Er schmiss sich die Krawattenseite förmlich über die Schulter und kam nicht umhin, zu hoffen, er hätte Legenstein ein wenig im Gesicht oder zumindest am Haaransatz getroffen.

„Wenn Sie dieses gespielte Dummsein noch länger durchhalten wollen, bringe ich Ihnen gerne Tee“, seufzte Legenstein nach weiteren fünf Minuten. Etienne wurde unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen und es setzte bei ihm der Vorgang der Realisation ein. Natürlich hatte Legenstein auch diese Taktik durchschaut. Er durchschaute alles.
„Verzeihung“, murmelte Etienne und sah herab.
„Sie hatten heute Ihren großen Machtauftritt. Sind Sie dann fertig und binden sich den Halsschmuck jetzt vernünftig?“
Etienne nickte nur noch. Sein Plan war in den Sand geworfen und gewürgt worden, ganz so, als hätte Legenstein dem Plan das Knie in den Rücken gerammt, den Oberkörper nach oben gebogen und es in die Mangel genommen. Diesen Vorgang traute ihm Etienne absolut zu.

Während er sich die Krawatte vor dem Spiegel band, schweifte sein Blick nach rechts, verweilte aber dann an dem, was er im Spiegel sah. Legenstein stand einige Schritte hinter ihm, fast versteckt hinter seinem Rücken und richtete sich seine weiße Fliege. Er zog mit seinen Händen kurz und kräftig an beiden Seiten und rückte sie notorisch gerade, ganz so, als sei eine schiefe Fliege das Unheil der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und als würde ihn das vielleicht den nächsten Fall verlieren lassen. Bei diesem Gedanken kam Etienne wieder die Frage in den Kopf, wieso er denn eigentlich Anzug tragen musste, wo ihm der Kragen scheuerte, die Manschetten ihn einengten und das Sakko sich so anfühlte, als würde ein Gängelband um ihn gelegt worden sein, nur, damit man ihn an der kurzen Leine halten und kontrollieren konnte, sodass er ja nicht ausbrach. Legenstein traute er das zu.
Sein Blick ging erneut an die rechte Seite, Legenstein drehte sich gerade herum und blickte geradewegs in den Spiegel.
Ihn traf der stechend heiße Blick des Staatsanwaltes, als würde man ihm kochendes Wasser in den Rücken schütten, als würde man ihm die abblätternde Haut in ihrem flickenteppichartigen Aussehen nach dem Kochgang einzeln von der Oberfläche ziehen und als hätte man dann ein heißes Eisen mit dem Buchstaben „A“ für „analysiert“ auf den Rücken gepresst. Es durchfuhr ein brennender Schmerz seine Glieder und machte sich besonders in Armen und Beinen breit. Alles kribbelte und brummte, er spürte wieder, dass Schmerz in seinen Kopf zurückschoss und mit mindestens der Intensität anklopfte, die auch das heiße Eisen gehabt haben muss, das man ihm auf die Haut gestanzt hatte.

„Werden Sie fertig, zum Teufel!“, ließ Legenstein seine Stimme durch das Büro schallen und verschwand mit Robe und Koffer in der Hand bereits aus dem Büro.
Etienne schreckte aus seinen Gedanken auf, band sich die Krawatte ablenkungsfrei zu und zog dann die Tür hinter sich zu, auch wenn Legenstein davon nichts erwähnt hatte. Er war sich sicher, das wäre das richtige.

Legenstein hastete über den Flur und jagte um die erste und zweite Ecke, Etienne hatte Mühe, in seinem Zustand hinterher zu kommen, denn der Staatsanwalt, dessen Anzug, wie Etienne nebenbei bemerkte, mehr als perfekt, ja besser als nur angegossen, saß, hatte scheinbar nicht vor, sein Tempo zu verringern. Lieber fegte er in Jagdfliegermanier die wenigen Treppenstufen hinunter, öffnete die Tür und stürmte über den Parkplatz. Etienne fragte sich ernsthaft, ob er vor etwas flüchtete oder er ihm nicht mehr in die Augen sehen konnte, es schien ihm, als sei Legenstein ein notorischer Eisklotz, der vor allem wegrannte.

Und vor allem konnte sich Etienne nicht erklären, wieso er so über die Gefühlswelt des Mannes, der ihn an den Beruf des Staatsanwaltes heranführen sollte, nachdachte, dass er sich an der kalten Stimmung stieß. Vermutlich, weil es das Arbeitsklima gehörig belastete.
Und wieder wollte eine kleine Stimme Etienne schelten und ihn zum Teufel, von der sie wohl direkt kam, wünschen. Natürlich störte er sich stark daran, dass Legenstein ihn ständig so ansah und ihn dann ignorierte, dass sein brennender Blick ihn erst völlig leerte und er dann als bloße Hülle, als gebrechlicher Korpus, nur mehr als brüchige Glasschale auf den Boden der äußerst harten Realität fiel und wohl mehr und mehr Risse bekam. Denn er hatte Angst, bare Angst. Er konnte Legenstein, der sich inzwischen zu ihm umgedreht hatte und ihn wieder fixierte, nicht einschätzen und das nagte heftig an ihm.

„Wovor haben Sie Angst? Mir? Das sollten Sie auch. Ihres hübschen Hinterns wegen kommen wir sehr knapp zum Termin, schlagen wir dort zu spät auf, werden Sie demnächst aufschlagen und zwar auf dem Boden des Naturschutzgebietes hier in der Nähe. Und glauben Sie mir“, nun trat er noch näher an Etienne heran und jener hatte das Gefühl, der Staatsanwalt streckte seine Brust zur Unterstreichung der Situation noch hervor, „das wird dann kein Spaß mehr. Da werden Sie sich wünschen, sich lieber an der Krawatte aufgehangen zu haben, als sich dummzustellen.“
Nun stand Legenstein so, dass seine Lippen direkt an Etiennes Ohr waren, denn er hatte die letzten Teile des Satzes nur gemurmelt.
„Steigen Sie ein und hören Sie auf, mir auf den Arsch zu starren. Das ist auffällig.“

Etienne schluckte, als er um das Auto, einen schwarzen BMW, herumgegangen war und unschlüssig, fast hilflos anmutend, vor der Tür stand. Legenstein hatte … Tja, was hatte er eigentlich? Er hatte ihm klargemacht, dass er für die Verspätung verantwortlich war und die darauffolgende Erklärung hatte ihm in besonderem Maße gezeigt, was folgen würde, käme er nochmals auf diese Idee.
„Zur Hölle, jetzt bewegen Sie Ihren Hintern aufs Leder, sonst packe ich Ihnen da mal hin und das ganz anders, als sie es erwarteten. Verflixte Bohne, begreifen Sie denn nicht, dass wir spät dran sind?“

Etienne saß und er starrte nur geradeaus. Legenstein bewegte den Wagen sanft, aber mit ruppigen Anfahrbewegungen durch den Verkehr. Etienne bemühte sich, nicht zu der Hand zu sehen, die sich gerade vom Schaltknauf zu den Lippen des Staatsanwaltes bewegte. Er hatte während der Fahrt sehr wohl bemerkt, dass Legenstein diese Geste scheinbar ziemlich exzessiv betrieb, wenn er aufgeregt war. Zumindest war das inzwischen das vierundzwanzigste, und wieder fragte Etienne sich heimlich, wieso er das mitgezählt hatte, Mal, dass Legenstein sich zur Lippe fuhr. Er legte den Zeigefinger dann in den Spalt zwischen Ober- und Unterlippe und strich nach rechts und links, ganz so, als müsse er etwas verwischen. Das musste er nicht, wie Etienne feststellte, und dessen war sich sicher auch Legenstein bewusst, auch wenn er aktuell abgelenkt wirkte.

Das Auto stand auf dem Parkplatz des Landgerichtes, was sich ein einem imposanten Altbau, Etienne schätzte ihn auf die Gründerzeit, befand und schon von außen durch die Fassade, die äußerst kunstvoll mit allerlei Ornamenten und einigen aufgesetzten Figuren daherkam, beklemmend. Das Gebäude maß nicht weniger als acht Stockwerke in die Höhe und der übermächtig erscheinende Schatten erdrückte Etiennes Gedanken fast. Legenstein würde ihn dort hinein begleiten.

Er schreckte auf, als er eine feste Hand auf seinem Hintern spürte.
„Hey!“, keuchte er entsetzt und drehte sich um, schaute direkt in das grinsende, breit grinsende, was fast einen schmierigen Zug annahm, Gesicht Legensteins, der seine Hand noch immer nicht von der Stelle entfernte, wo sie zuvor lag.
„Sie hatten vorhin gezögert. Ich mache Drohungen wahr …“, philosophierte er ernst und betrachtete Etienne dann wieder mit seinem Blick. Der Schatten in seinem Rücken, den er, ganz im Gegensatz zu vorhin, als eiskalten Schauer spürte, und Legensteins Blick zwängten ihn in die Angsthocke. Er ruckte die Arme etwas hoch, als Legenstein ihm wieder zu nahe kam und sein Gesicht direkt vor Etiennes parkte, ihm in die Augen starrte und flüsterte: „Übrigens müssen Sie nicht glauben, Sie könnten mich durchschauen. Fürchten Sie sich nur weiter.“

Dann ging er. Legenstein hatte seine Gedanken wieder gelesen. Und Etienne fürchtete sich. Ganz schrecklich.
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