Um Sieben in der Früh

GeschichteAllgemein / P18 Slash
05.12.2018
14.12.2019
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Plötzlich waren Etiennes Kopfschmerzen wieder da und von innen pochte es heftig, wenngleich nicht so heftig wie zuvor, gegen seine Schädeldecke. Er suchte mit seinem Blick, vermutlich zur Ablenkung vom Schmerz, den Raum nach einem zweiten Stuhl ab.
„Verzeihung, aber wo soll ich mich setzen? Hier ist kein Stuhl.“
„Na da vor dem Schrank haben Sie Platz, ich suche eine Anklageschrift aus Neunzehnhundertdreiundneunzig. Dort vorn sind die Akten, sehen Sie nach. Es ist alles nach Jahr und Monat, wenn möglich gar Tag geordnet. Sollten an einem Tag mehrere Prozesse gewesen sein, dann ist die Uhrzeit des Sitzungsbeginns ausschlaggebend, suchen Sie für mich bitte Fall zwölf aus Dreiundneunzig und versuchen Sie, die Anklageschrift zu finden.“

Etienne besah die Stelle, die Legenstein ihm angezeigt hatte. Auf dem Teppich. Im Büro. Weit unten. Er musste einen schrecklichen Gesichtsausdruck machen, zumindest einen solchen, dass Legenstein mit den Achseln zuckte und trocken zu Bekenntnis gab, dass es aktuell keine andere Möglichkeit gäbe, er sich aber zeitnah umhören würde.
Etienne wollte etwas erwidern, da traf ihn der stechende Blick aus den undefinierbar farbigen Augen und betrachtete ihn lange. Wieder fühlte er sich, ob nun des oberflächlichen Blickes wegen oder weil er sich einbildete, der Blick würde ihn durchdringen und tief in sein Innerstes blicken, wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Kurz zuckte Etiennes Augenbraue, ganz so, als wolle er sich vor dem blendenden Licht schützen, da drehte Legenstein den Kopf wieder zum Schreibtisch herum, die nötige Eleganz fehlte ihm dabei keinesfalls, was Etienne nicht entging, er aber wohlwollend ignorierte, und wandte den Blick ab, sodass Etienne sich sicherer fühlte.

„Sie sind nicht von hier, richtig?“
„Nein, ich wurde fünfzig Kilometer von hier auf dem Dorf geboren.“
„Und Ihre Eltern zogen wohl hier her als Sie, Moment, zehn waren.“
Etiennes Augen weiteten sich. Seinen zehnten Geburtstag hatte er noch auf dem Dorf gefeiert, zwei Tage später stand er in seinem, mit Bedächtigkeit ist zu sagen größeren, Kinderzimmer an der Allee und blickte aus dem Fenster in den recht großen Garten, der sich allerdings doch einer Enge bemühte, die Etienne befremdlich vorkam, auf einen kleinen Platz, der zum Teil begrünt worden war. Das Nachbarhaus schloss dann weitere fünf Meter später an das Grundstück an und verdeckte die Sicht auf die weitere Straße, die graue Fassade machte Etienne an Regentagen für gewöhnlich das Zimmer im Licht dunkler und oftmals verlor er sich darin, bei den Hausaufgaben die Muster des Putzes zu erahnen und nachzufahren, wobei ihm lustige Bilder entstanden, die er spätestens ab dem fünfzehnten Geburtstag nicht mehr freiwillig aussprechen wollte.

„Naja, Sie müssen nicht antworten, ich sehe es schon so. Sagen Sie, warum finden Sie Kandinsky so schrecklich?“
Etienne schreckte hoch, mit einer solchen Frage hatte er beileibe nicht gerechnet.
„Er ist wirr, unsinnig, unschön. Er gefällt mir nicht.“
Mit jedem Wort wurde der junge Rechtspraktikant leiser und zog den Kopf ein, denn der Legensteins kam ihm, von seinem Stuhle aus, immer näher und wollte fast mit der Nase seine Stirn berühren, als er stoppte.
„Sie lieben Ordnung, richtig? Ein kleiner Fanatiker, der es nicht aussteht, wenn etwas nicht der Ordnung entspricht.“
Wieder schluckte Etienne sichtbar. Legenstein nahm den dünnen Aktenordner und öffnete ihn, dann ließ er die Blätter des damaligen Falles einzeln zu Boden gleiten. Etienne besah sich das Werk und wurde unruhig. Er verstand nicht, wie Legenstein das machen konnte, wie der Staatsanwalt diese Ordnung zurechtbekam und dann so einfach wieder überhäufte.

„Beruhigen Sie Ihren Puls und ordnen Sie die Blätter. Ich hole Kaffee.“
Etienne sah auf, wollte etwas sagen, doch da knallte die Tür zu, nicht ohne dabei die Blätter noch etwas weiter zu verrutschen, was Etienne nicht sonderlich gut tat, und das Büro war, bis auf Etienne, völlig leer. Er sah sich hektisch um, man könnte meinen, sein unruhiger Puls schoss ihm in die Augen und verursachte dort einen Spiegel seines Geistes, der sich noch wirrer und unruhiger gab, als es nach außen hin von einem neutralen Beobachter anzunehmen war.

Etienne sammelte gerade die letzten Blätter zusammen und legte sie auf einen Stapel, sodass er sie später, wenn Legenstein, der scheinbar bis nach Moskau gereist war, um Kaffee zu holen, ihm die Zeit dafür gab, wieder ordnungsgemäß einheften konnte. Gerade, als Etienne das letzte Blatt fein säuberlich auf die übrigen gelegt hatte, stieß Legenstein die Tür auf und kam mit einer Tasse wieder zurück und besah sich Etiennes Arbeit.
„Seit auf Seit, Eck auf Eck. Mein Junge, was war bei Ihnen zuhause bloß los?“ Legenstein schüttelte mit dem Kopf.
„Haben Sie die Anklageschrift gefunden, die ich Ihnen auftrug, zu suchen?“
Etienne rutschte das Herz in die Hose, sein Blick nahm aber keine Veränderung an, er starrte hart in die Augen Legensteins, versuchte sie, ähnlich wie der Staatsanwalt es zu Beginn bei ihm getan hatte, zu lesen und etwas herauszubekommen, was sich allerdings als eine schwierigere Sache herausstellte, als Etienne es angenommen hatte.

„Ich bewundere Sie für diese Tat, Junge“, versetzte Legenstein und klang dabei, als sei er nicht erst dreißig sondern bereits sechzig und würde demnächst in den Ruhestand gehen, was Etienne ein Stirnrunzeln verursachte. Seit seinem Versuch, Legenstein in die Seele zu blicken, waren etwa 2 Minuten vergangen, in denen sie sich unverwandt angesehen hatten, jetzt sprach der Staatsanwalt wieder.
„Lassen Sie sich in diesem Job nie unterkriegen, seien Sie stark! Das haben Sie eben gut gemacht.“
Dann hielt er Etienne die Tasse hin. Sie dampfte noch.
„Ich … ich mag keinen Kaffee“, stammelte dieser zusammen und musste sich, wie zuvor schon oft, dem Blick des Staatsanwaltes aussetzen, der ihn wieder zu lesen schien und dabei noch direkter und tiefgehender wirkte als zuvor schon, was Etienne mit einem ähnlich üblen Magengefühl, der in den letzten Tagen eh schon genug zu tun gehabt hatte, bestätigt bekam wie das, was er vorhin vor der Tür verspürt hatte.
„Ich weiß“, raunte Legenstein und hielt ihm die Tasse verdeutlichend vor die Nase.
„Es ist Pfefferminztee. Frisch, wie von Ihrer Mutter, richtig? Wenn Sie Bauchschmerzen hatten. Sie waren kein wehleidiges Kind, aber vor der Schule hatten Sie mächtige Angst, die Sie nachts teils verzehrte, korrekt soweit?“
Etienne nahm die Tasse und versuchte, das schreckliche Rauschen in seinen Ohren zu unterdrücken, es machte ihn beinahe verrückt, wenn er nicht aufpasste. Immer, wenn Legenstein begann, zu sprechen, dann analysierte er ihn. Dann fühlte Etienne sich wie ein Gedicht und Legenstein war sein Deutschlehrer, der es bis auf den letzten Punkt ausschlachtete. Der es benutzte und analysierte, interpretierte und verdrehte, bis seinen Schülern schlecht wurde.Wieder hatte er das Rauschen laut in den Ohren, als er die Tasse griff und Legenstein begann, etwas zu sagen: „Ihr Vater. Wie steht es mit ihm?“

„Könnten wir das bitte übergehen?“
„Oder überfahren, so wie Ihr Vater damals Ihren Nachbarn? Aus Unachtsamkeit? Aus Rache? Nein, er war nicht unachtsam, er war nicht rachsüchtig, jedenfalls nicht an Ihrem Nachbarn, richtig? Er hatte Streit mit Ihrer Mutter. Sie saßen vermutlich oben, in Ihrem Zimmer und hörten ihn schreien, als die bare Hand Ihrer Mutter seinen Kopf traf, als das Gewaltmonopol der Familie auf Ihre Mutter …“
„Hören Sie auf!“, platzte Etienne und sprang auf. Er hielt die Tasse unachtsam, Pfefferminztee tropfte auf den Boden des Büros, auf dem kleinen Stück Teppich sickerte es sofort ein. Etienne versuchte, seinen Atem, der stoßweise ging wie zuletzt beim Ausdauerlauf in der zwölften Klasse, den er schon immer gehasst hatte, weil ihm die Disziplin, dreißig Minuten um ein Feld zu rennen völlig sinnlos und realitätsfern vorkam, zu kontrollieren.
„Soweit also korrekt“, murmelte Legenstein und drehte sich wieder an den Schreibtisch, machte sich daran, die Anklageschrift seines aktuellen Falles einem Korrekturlesen zu unterziehen und hinterher im besten Falle zu unterschreiben.

Etienne starrte angstgepeinigt aus dem Fenster des Staatsanwaltes und musste weiter versuchen, seinen Atem zu beruhigen. Er wollte sich nie wieder an diese Szenen und Geräusche seines Elternhauses erinnern. Er wollte nie wieder etwas davon hören. Doch sein Chef, den Etienne inzwischen lieber mit anderen, weit unter die Gürtellinie reichenden Worten betiteln wollte, konfrontierte ihn damit.

„Ich gehe eben Luft schnappen“, informierte er den Staatsanwalt und nahm seine Tasse mit.
„Passen Sie auf, dass Ihr Glas dicht ist, sonst entweicht Ihnen die geschnappte Luft wieder!“, rief ihm Legenstein hinterher, Etienne aber reagierte nicht. Er hatte die Nase voll von solchen Sätzen und dabei war es erst der erste Tag! Aufgrund seiner Bahnverspätung, die ihn, wie er hoffte, die nächsten Wochen hin auch noch begleiten würde, war er zu spät gekommen und musste daher kaum mehr noch zwei Stunden absitzen, dann wäre seine offizielle Zeit für diesen Tag herum und er dürfte nachhause gehen. Allerdings bezweifelte er stark, dass diese zwei Stunden so verlaufen würden, wie er es sich vorstellte. Nicht bei Legenstein.
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