Um Sieben in der Früh

GeschichteAllgemein / P18 Slash
05.12.2018
31.07.2019
15
19830
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Schwitzige Hände, Kopfschmerzen, alles brummte und hämmerte. So hatte Etienne sich zuletzt nach seiner letzten Geburtstagsparty gefühlt aber sicher in einer solchen – eigentlich simplen – Situation noch nie! Was, wenn er drinnen zerfleischt würde? Von einem Briefbeschwerer getroffen, vielleicht stolperte er und landete mit seinem Auge direkt auf dem Brieföffner, der zufällig dort lag? Vielleicht musste er sich vor Aufregung übergeben? Oh Gott, hatte er überhaupt etwas gegessen?
Etienne zwang sich, durchzuatmen. Ja, natürlich, heute Morgen hatte er sich zwei Scheiben Toast, einen grünen Tee und ein Ei hinter gewürgt, Hauptsache, dass sein Magen aufhörte, so endlos zu rebellieren wie er es gerade schon wieder tat. Die Wirkung des Frühstücks ging gegen Null und Etienne fragte sich irgendwo im letzten Eckchen eines Kopfes, der eigentlich gerade damit beschäftigt war, sich den GAU auszumalen, wieso er dann eigentlich überhaupt etwas gegessen hatte? Naja, ändern konnte er es eh nicht mehr.
Dann presste er die Türklinke herunter und stand im Büro seines Vorgesetzten auf Zeit, zumindest würde dieser Mann, der ihm beständig den Rücken zudrehte, ihm jetzt zeigen, was Rechtspraxis war.

Staatsanwalt Legenstein war eigentlich der perfekte Ansprechpartner. Er war fünfunddreißig, kurz nach dem Studium aufgestiegen in seine jetzige Position, in der es inzwischen üblich war, dass der Oberstaatsanwalt ihm und der Generalstaatsanwalt diesem blind über viele Tatsachen vertraute. Im Grunde war Nicolae Legenstein der perfekte Karrierist.

Vor Etienne allerdings hockte er am Schreibtisch, sah nicht auf, drehte sich nicht um, schrieb einfach weiter.
„Nie das Klopfen gelernt?“, gab er als Begrüßung von sich und sorgte so bei Etienne schon für einen perfekten ersten Eindruck.
„Doch, verzeihen Sie bitte. Ich bin …“
„Die Nervensäge, die ich demnächst herumschleifen darf. Sie kommen aus dem Studium, wollen oder müssen Rechtspraxis sammeln und dürfen Ihre Pflicht bei mir verbringen. Eigentlich wollten Sie gar nicht Jura studieren sondern irgendwas mit Sozialsein und fanden sich dann im Hörsaal wieder. Und nun stehen Sie hier und schauen mich wie ein Auto an. Vergaß ich irgendwas? Ach richtig, Sie können nicht klopfen.“
Etienne hatte mehrere Male den Mund aufgemacht und sofort wieder geschlossen. Dieser Mann ließ ihm ja nicht mal die Chance, sich zu verteidigen. Innerlich kochte Etienne hoch, er konnte es so schon nicht leiden, wenn man ihn nicht mal zu Wort kommen ließ, aber die Frechheit dieses Mannes, den er eigentlich respektieren sollte, brachte Etiennes Blutdruck auf ein neues Level. Seine Reizbarkeit war das, was er im Lebenslauf wohl unter „Schwächen“ eingetragen hätte.

„Na hören Sie mal …“, setzte Etienne an, aber vergebens, Legenstein ging dazwischen:
„Ja, was denn? Was soll ich denn hören? Ihr Klopfen? Geht ja nicht.“
Etienne, der immer noch in der Tür stand, glaubte, ein schelmisches Grinsen auf dem Gesicht des Staatsanwaltes erkennen zu können.
„Möchten Sie wohl bitte die Tür schließen, es wird kalt hier drin, diese Gebäude ziehen so.“
„Wer bin ich denn, mich so behandeln zu lassen?“, platzte es jetzt doch aus Etienne heraus und er schlug sich eine Hand vor den Mund.
„Sie sind derjenige, der jetzt die Tür zumacht“, versetzte Legenstein, „und außerdem ein gutaussehender Rechtsreferandar, der immer noch da steht wie ein Auto.“
Etienne war die Luft aus den Segeln genommen. Staatsanwalt Legenstein hatte ihn gerade beleidigt, ein Kompliment gemacht und dabei nicht nach oben gesehen. Mein Gott!

Etienne schloss die Tür, um weitere Vorfälle, zumindest der Tür wegen, zu vermeiden und sah sich im Büro des Staatsanwaltes um. Es war eng, wie wohl in jedem Beamtenbüro, stickig und kaum persönlich. Hier und da stand eine Blume im Fenster, es wirkte aber eher so, als wollten sich die beiden Pflanzen nicht berühren, so weit standen sie auseinander gerückt. An der linken Wand, die sich einer weißen Farbe erfreute, hingen zwei Bilder. Ein Kandinsky und ein Familienbild, naja, es glich eher einem Zwei-Mann-Porträt. An der rechten Wand stand der Schreibtisch, er verlief ums Eck, Legenstein saß am Fenster und schrieb dort, wo kein Computer stand, dieser nahm die andere Hälfte des Tisches an der rechten Wand ein. Das verhältnismäßig große und deplatziert wirkende Fenster nahm die Etienne gegenüberliegende Seite ein, unter jenem, also vor Legensteins Waden, befand sich ein Heizkörper, Marke „typisch Büro“.

Der Staatsanwalt war aufgestanden und stand hinter Etienne, dem das erst klar wurde, als er am Schreibtisch niemanden mehr vorfand. Er hatte sich kurz im Kandinsky verloren und sich ein Bild erträumt. Eigentlich fand er diese Schmiererei dort hässlich, aber was sollte es schon machen, wenn er das jetzt sagte? Also behielt er es für sich.

„Also ... Fünfundzwanzig, aus dem Norden der Stadt. Arbeiterkind, nie sonderlich beliebt. Ursprünglich blond, jetzt braunhaarig, leicht gelockt. Billigstes Rasierwasser, wenn Sie es denn nach der Rasur nehmen, die bei Ihnen kaum fünf Minuten dauern dürfte. Wenn nicht, dann haben Sie einfach einen schlechten Duftgeschmack. Ein Stangenanzug und die Finger verkrampft um die andere Hand. Richtig soweit?“

„Sechsundzwanzig“, flüsterte Etienne, der sich von der rückwärtigen Präsenz des Staatsanwaltes mächtig eingeschüchtert fühlte.
„Hm, sei’s drum. Keine Freundin, wohl auch kein Typ, der auf Frauen steht. Sie stehen auf Gershwin, hassen Sport und fahren morgens mit dem Bus, die Straßenbahn ist Ihnen zu voll und zu spät. Sie beherrschen maximal eine Fremdsprache, Englisch, und die auch nicht sehr gut.“
Etienne schluckte, reagierte nicht, sah nur weiter geradeaus, sein Blick fixierte kurz den Kandinsky. Staatsanwalt Legenstein musterte ihn weiter, stellte sich jetzt rechts von ihm auf, hielt die Arme weiter verschränkt. Sein Blick wirkte umso musternder.
„Kandinsky verabscheuen Sie, Ihr Kunstgeschmack ist nicht ausgeprägt, Sie haben mal das Geigenspiel gelernt, Spaß hatten Sie nie daran. Am Papier geschnitten haben Sie sich noch nie, Ihre Gefühle und Emotionen sind also fein ausgeprägt. Ihre Füße zeigen weg von mir, Sie wollen also flüchten. Ein schwacher Charakter, ausgeprägter Fluchtinstinkt. Richtig soweit?“
Wieder schluckte Etienne, wand seinen Blick ab und malträtierte sich die Unterlippe. Er fühlte sich dem Blick des Staatsanwaltes schamlos ausgesetzt, er las ihn wie ein offenes Buch.

Der Kopf Legensteins fuhr an ihn heran, er spürte den Atem am Ohr.
„Und als Größe tragen Sie … eine Sechs oder doch eher eine Fünf?“ Der Staatsanwalt setzte sich lachend wieder an seinen Schreibtisch und schrieb unbehelligt weiter, er konzentrierte sich wieder völlig.

Zur Hölle, woher kannte dieser Mann Etiennes Unterhosengröße?! Sie haben sich kaum – der Blick wanderte im Raum entlang, Etienne suchte eine Uhr, Staatsanwalt Legenstein murmelte ein „Tür“, Etienne wandte den Blick dorthin – zehn Minuten gegenübergestanden, davon hatte er maximal fünf Minuten Legensteins markantes Gesicht zu sehen bekommen. Und dieser - Etienne musste sich zurückhalten, nicht das Wort zu denken, was ihm im Kopf herumgeisterte - Mann kannte seine gesamte Biographie und sogar seine privatesten Details.

„Woher wissen Sie das?“, räusperte sich Etienne und hatte seine Stimme wiedergefunden.
„Ich bin Ermittler, Süßer, kein Hilfspolizist.“ Legenstein drehte sich Etienne wieder zu und sah ihn lange an.
„Wieso steht Ihnen die Angst im Blick? Bin ich so schlimm?“ Den letzten Teil intonierte er sarkastisch, er war sich seiner Wirkung natürlich bewusst.
Etienne blinzelte als könnte er damit dem Blick ausweichen, doch die Augen, die von Etiennes Standpunkt aus schwarz wirkten, fixierten ihn weiter.
„Setzen Sie sich, es wird für Ihre Spargelbeinchen nicht besser.“

Etienne blieb die Spucke weg. Mit dem sollte er arbeiten? Der sollte ihm Manieren beibringen, ihn vor Gericht einarbeiten? Der?
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