Senator

von SophieW
GeschichteDrama, Sci-Fi / P18
05.12.2018
15.05.2019
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Achi wusste, dass es nicht richtig war, was die Frauen in der guten Kleidung taten. Sie versuchten zu flüchten, vor seinem Meister zu flüchten, dass hatte er mitgehört. Schlimmer noch, sie versuchten ihn mit in die Sache hineinzuziehen.
Achi war nicht stark.
Er war auch nicht besonders groß.
Niemand hatte ihn je in seinem Leben ernst genommen- weder in seiner Familie, wo er vier ältere Geschwister gehabt hatte, noch nach seiner Entführung im Imperium.
Aber Achi war schlau. Er lernte schnell, besonders seit er hier ist.
Wenn die anderen Sklaven rebellierten oder von Zeit zu Zeit versuchten die Aufseher anzugreifen, hatte er sich stets in eine Ecke verkrochen. Die Überlebenden der Revolte, soweit welche vorhanden waren, hatten ihn als feige beschimpft. Als einen Schwächling, der sein Schicksal in der Leibeigenschaft akzeptierte. Und dann hatten sie wieder versucht die Meister zu übertrumpfen, so als wären die Peitschen und Elektrostäbe der Aufseher zusammen mit der verblassenden Erinnerung verschwunden.
Natürlich funktionierte es wieder nicht.
Irgendwann waren alle tot.
Achi war noch da. Er war schlau.
Neue Sklaven wurden gebracht und alles begann von vorne.
Die Twi’lek Dromai, die ihm vor wenigen Stunden versucht hatte die Buchstaben beizubringen, hechtete mit einer Tasche an ihm vorbei.
Sie war ihm freundlich vorgekommen und gar nicht wie andere Sklaven. Mehr als einmal hatte sie beharrt, seine Wunde am Auge doch zu versorgen, doch Achi hatte abgestritten. Seinem Lord so in den Rücken zu fallen, wagte er dann doch nicht.
Das die sonst so sanftmütige Twi’lek auch eine andere Seite hatte, war ihm erst vor wenigen Stunden mehr als deutlich geworden.
So brachte er es nicht über sich, sie vor der Sinnlosigkeit ihres Vorhabens zu warnen. Niemals würde er riskieren sie so zu reizen, dass er der Nächste war, der mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden lag.
Die Frau schmiss die Tasche auf das Bett im Schlafzimmer der Senatorin, wo sich besagte aufhielt und immer noch auf die brennende Stadt starrte.
Feuer in Kaas City sind keine Seltenheit, doch dieses wütete besonders heftig. Achi liebte die Stadt, wenn auch nicht die Leute.
Er war auch schon an anderen Orten gewesen, doch dieser erinnerte ihn am Meisten an Zuhause.
Die Bäume und die Parks…und nun standen sie in Flammen.
Völlig überfordert war er aus dem Raum geflohene und hatte sich neben jenen Sessel gehockt, wo er bei seiner ersten Begegnung mit der Senatorin auch gekniet hatte. Sie mochte es anscheinend, wenn er dort war.
Er hörte wie die Frauen im Schlafzimmer diskutierten und schielte zur Tür.
Es war falsch.
Auf der einen Seite wollte er der Herrin nicht missfallen, auf der anderen durfte, nein konnte!, er die Anweisungen seines Lords nicht ignorieren. Wenn sie floh, würde alles nur schlimmer werden. Für alle Beteiligten.
Trotzdem versetzte es ihm ein Stich ins Herz, als er sich erhob und zur Eingangstür schlich.
Auf halbem Weg warf er einen Blick zurück durch die halb geöffnete Schlafzimmertür. Die Senatorin stand noch immer am Fenster, während ihre Dienerin auf sie einredete.
Mit einem letzten Seufzer legte er die Hand auf die Klinke…und fror vor Schreck zu einer Marmorsäule ein, als er zuerst das verräterische Surren vernahmt und schließlich die kalte, dünne Linie an seiner Kehle spürte, die wie er wusste, eine Messerklinge war.
Noch immer die Hand an der Klinke und ohne sich umzudrehen, ahnte er, mit wem er es zu tun hatte.
„Ein Wort und das war’s.“ hauchte Rakee, doch anstatt ihn von der Tür zu entfernen, drückte sie seine Hand herunter, sodass der Zugang zum Apartment aufschwang, und die Nische und einen kurzen Abschnitt vom Flur freigab.
Achi ließ es voller Überraschung über sich ergehen, wachte erst richtig auf, als die Tür sich hinter ihnen schloss.
Vereinzelte Bewohner des Gästeflügels liefen über den Flur, einige hechteten mit ihrem Gepäck Richtung Ausgang.
Narren.
Das Hauptquartier des Militärs zählte zu den sichersten Gebäuden auf Dromund Kaas, vielleicht auch zu den Sichersten der gesamten Galaxis. Selbst wenn das Feuer es wirklich bis an das Gebäude heran schaffen sollte, was alleine durch den großen betonierten Vorhof unwahrscheinlich war, dann gab es noch immer genügend Soldaten und vor allem Ressourcen hier, die es innerhalb von Minuten zurückschlagen konnten.
Rakee beobachtete sie ebenfalls für einige Herzschläge, doch während der Flur hell beleuchtet war, waren sie in der dunklen Nische unsichtbar. Sie leckte sich in einer Geste der Nervosität über die Lippen, bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf Achi richtete.
Ihr Gesicht trug Kratzer, die sogar höchstwahrscheinlich von ihr selbst stammten  und in ihren von Tränen aufgequollenen Augen stand ein wahnsinniges Flimmern.
Sie hatte das Reich der Vernunft verlassen.
„Ich will das nicht…“ begann sie sich mit einer Art zu rechtfertigen, die Achi des Öfteren bei Verbrechern beobachtet hatte, sie sein Meister verhörte. „Aber ich kann nicht…weg…nicht jetzt…“
Sie ließ von ihm ab und wich einige Schritte zurück, wobei sie ihre Nägel in die Oberarme krallte. Achi hielt es für umsichtiger, zu schweigen. Er war nur erleichtert, dass sie das Messer herunter genommen hatte.
„Ich muss…noch etwas…erledigen.“ Fuhr sie fort, was in ihrem mentalen Zustand von ,Ich habe auf dem Markt noch ein Pak Obst zu kaufen' bis ,Ich werden den Imperator töten und aufessen' wirklich alles bedeuten konnte.
„Ich auch.“ Sagte er wage und bewirkte tatsächlich, dass sie ihm zuhörte. „Warum erledigen wir nicht zuerst Euren Teil und dann meinen?“ fragte er, selbst beeindruckt wie geschickt ihm die List von den Lippen ging.
Ihr Gesichtsausdruck wechselte schnell zwischen Freude, Misstrauen und Überraschung, während sie nachdachte.
Schließlich überwog der Wahnsinn.
„Los dann!“ grinste sie freudig und machte Anstalten die Nische zu verlassen, als Achi hörte, wie jemand seinen Namen rief.
„Kommt, schnell!“ hauchte er und zog sie am Ärmel um die Ecke, just in dem Moment, wo Dromai die Eingangstür aufriss.

„Nichts.“ Sie warf die Tür frustriert ins Schloss. „Wir haben einmal nicht aufgepasst! Für fünf Sekunden!“
Camaasa begutachtete  noch eine ganze Zeit das aufgebrochene Schloss von Rakees Zimmertür, bevor sie antwortete.
„Das Achi uns in den Rücken fällt war klar. Er hatte keine Wahl. Aber Rakee…war alles nur gespielt? Alles? Ihre Loyalität, ihre Überzeugungen…“
„Das glaube ich nicht.“ Dromai schüttelte entschieden den Kopf, sodass ihre Lekku flogen. „Ihre schlimme Vergangenheit hat nur schon immer in ihr geschlummert und wurde nun wach gerufen. Das macht sie aber nicht weniger loyal.“
Camaasa kaute an ihrer Unterlippe. „Wir versuchen es trotzdem. Es bringt nichts, dass wir hier alle festsitzen. Mit etwas Glück gabeln wir sie unterwegs auf.“ Murmelte sie und sah schuldbewusst zu ihrer Dienerin auf. Sie wusste genau, was Dromai davon halten würde.
Doch seltsamerweise widersprach sie dieses Mal nicht. Sie schulterte stumm die Tasche und strebte die Eingangstür an.
Von dort ging es in durch die Nische in den Flur, wo sie ab und an auf einige andere Gäste stießen. Merkwürdige Seitenblicke von beiden Seiten folgten bei jeder Begegnung.
Mittlerweile konnte man den Feuerschein auch von dieser Seite des Gebäudes erahnen.
Der Komplex war wirklich unnötig kompliziert aufgebaut und so waren beide Frauen erleichtert, als sie die Lobby mit den Aufzügen gefunden hatte.
Zusammen betraten sie den einzig leeren. Dromai warf einen Blick auf die Steuerung. „Auf welcher Etage war nochmal der Hangar?“
„Vergiss den Hangar. Ein nichts autorisierter Flug aus der Hauptstadt fällt viel eher auf als einer aus dem großen Raumhafen.“
„Camaasa.“ Die andere Frau drehte sich zu ihr um. „Du weißt, was zwischen der Hauptstadt und dem Raumhafen ist?“ fragte sie ironisch und zeigte aus dem Fenster auf das gewaltige grüne Meer, das Dromund Kaas Dschungel bei Nacht darstellte. „Wer weiß was da auf uns lauert!“ „Lieber lasse ich mich von tausend hungrigen Bestien zerfleischen, als dem Geist zum Opfer zu fallen!“ brachte sie derartig leidenschaftlich hervor, dass Dromai lachen musste. „Gut dann also erst einmal raus.“

Das „Raus“ ließ sich für ein so komplexes Gebäude wie ein imperiales Hauptquartier doch wesentlich einfacher gestalten als ursprünglich angenommen.
Wie die Senatorin gehofft hatte, waren viele Wachen abgezogen worden, um den Truppen zur Bekämpfung des Feuers zu Hilfe zu kommen. Und die anderen nahmen keine wirkliche Notiz von den beiden Frauen in roten Umhängen.
Das Gäste hier ein und ausgingen war immer hin Alltag und grade jetzt, wo mehrere Anstalten machten das Gebäude zu verlassen, fielen sie in der Menge nicht weiter auf.
Doch von Rakee oder dem Jungen war keine Spur zu finden.
Schweren Herzens und reichlich unentschlossen standen die beiden Republikanerinnen schließlich vor dem Gebäude. Die Luft roch nach Rauch und der Regen schien nachzulassen, was für die Löscharbeiten nicht wirklich vorteilhaft war.
„Was nun?“ fragte Camaasa. Nicht einmal nach dem Dinner mit dem Großmoff hatte sie sich so elendig gefühlt.
„Ich will sie nicht zurück lassen…“
„Rakee floh aus eigenen Stücken! Und jetzt tun wir das Selbe.“ Dromai ergriff ihre Hand und zog sie weiter.
Sie schlossen sich einer Gruppe junger Menschen an, die einen Shuttle Platz in der Nähe anstrebten.
Plötzlich ertönten Schreie von vorne und man sah zwei Frauen, eine trug offensichtlich ein Kind auf dem Arm, die grob von mehreren Soldaten von der Plattform gezogen wurden. Sie zogen sie hinter sich her und passierten die Schlange, in der auch die Senatorin anstand.

Als ihre Schreie langsam leiser wurden, machte  ein Mann in grauer Uniform auf sich aufmerksam. Zuerst war die Senatorin sich aufgrund der Dunkelheit unsicher, doch als er sprach erkannte sie ihn als den Selben, der sie gestern Morgen hier in Empfang genommen hatte.
„Meine Damen und Herren, ich bitte einen Moment um Aufmerksamkeit. Bitte halten sie ihre Ausweise und Aufenthaltsgenehmigungen bereit, um eine Ausreise so schnell und unkompliziert wie möglich zu gestalten. Nicht autorisierte Personen oder Personengruppen die dennoch versuchen zu fliehen, werden als Feinde des Imperiums eingestuft und müssen dementsprechende Konsequenzen tragen.“
Einen Moment blieb er noch an Ort und Stelle stehen, um seine Worte einwirkten zu lassen und nahm dann wieder seine Position neben der Shuttlerampe ein.
Keiner der beiden Frauen sagte ein Wort, doch Camaasa spürte, wie Dromai ihre Hand während der Rede immer fester drückte.
Allerdings schienen nicht nur sie verunsichert. Das Pärchen vor ihnen murmelte vor Aufregung und einige Personen lösten sich tatsächlich aus der Reihe, um schnell zurück zum Gebäude zu eilen.
„Wir brauchen einen Plan.“ Flüsterte Camaasa und sah sich unauffällig um. Doch neben zwei Kampfdroiden, der Hand voll Soldaten an der Rampe und den anstehenden Gästen die ausreisen wollten, war der Vorhof des Gebäudes verlassen.
Ihre Hände wurden eiskalt.
Hinter ihr ertönte eine leise Stimme. „Wir auch…“
Camaasas Atem beschleunigte sich.
Für einen kurzen Augenblick der Hoffnung dachte sie, es würde sich vielleicht um Rakee handeln, doch als sie herumfuhr blickte sie in die roten Augen einer Chiss Dame in einem hellen, bodenlangem Gewand mit blauer Musterung.
Um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen, drehte sie sich schnell wieder nach vorne, während sie spürte, wie die Fremde sich näher an sie heran schob.
„Wir wurden reingelegt. Man hat uns falsche Versprechungen gemacht und nun sitzen wir seit Monaten hier fest. Wir warten nur auf unsere Hinrichtung. Ich erwarte ein Kind. Ich darf hier nicht sterben.“ Fasste sie ihre Geschichte in kurzen Sätzen zusammen und trotz des ihres anfänglichen Misstrauens, spürte Camaasa jähe Zuneigung für die Chiss in sich aufflammen.
„Wie? Wir haben nichts.“ Zischte Dromai zurück und machte damit deutlich, dass sie ebenfalls sofort damit einverstanden war, die potenzielle Verbündete anzunehmen.
„Wir haben eine Elektrogranate gestohlen. Aber nur eine. Sie wird niemanden töten…höchstens Bewusstlos…“
Sie brach ab als ein Soldat die Reihe entlang patrouillierte.
„Aber halt nur einen Versuch…“ fügte sie an, als er außer Hörweite war.
Die Reihe schob sich weiter nach vorne.
Nur noch wenige Minuten, dann würden sie dran sein. Eine Granate. Camaasas Verstand raste.
Was konnte man mit einer Granate anstellen, dass genug Schaden anrichten würde, dass mindestens drei Personen unbemerkt in eines der Shuttle verschwinden konnten?

„Der Herr ist weg?!“ fragte Achi seinen Leidensgenossen fassungslos, als sie vor der Bürotür seines Meisters standen.
„Seine Exzellenz ist gestern Abend nicht zurück gekehrt.“ Erkläre die andere Sklavin ihm tonlos.
„Und wo ist er jetzt?“ schrie er sie schon beinahe an, was ebenso sinnlos wie unnötig war.
Als wenn der Großmoff eine namelosen Sklavin benachrichtigen würde, wo er sich wann aufhielt.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht auf der Flotte. Vielleicht außerhalb der Stadt.“ Spekulierte sie halbherzig.
Er ahnte, dass es sie kein bisschen interessierte, wo ihr Herr verweilte, solange es nur weit genug weg von ihr war.
In jeder anderen Situation hätte Achi diese Ansicht geteilt.
Nur jetzt nicht.
Er warf einen Blick über die Schulter, doch Rakee blickte aus einem der Flurfenster und schien ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken. „Weißt du, ob…“ Er senkte die Stimme. „…die Gouverneurin Shila Maroons noch in Kaas City ist?“
Die Frau machte nur große Augen. Sie hatte den Namen vermutlich noch nie in ihrem Leben gehört. „Ach vergiss es.“
Er machte auf dem Absatz kehrt und gesellte sich zu der Dienerin der Senatorin.
„Hast du sie gefunden?“ fragte diese sogleich. Rakee hatte ihn erst vor wenigen Minuten in ihr wahnsinniges Vorhaben eingeweiht und Achi ahnte, dass sie keinen Erfolg haben würde. Eine Gouverneurin zu töten war beinahe eine Sache der Unmöglichkeit, grade wenn sie unter dem Schutz seines Meisters stand.
Doch sein Leben hing davon ab, sie bei Laune zu halten. „Ich glaube ich weiß nun, wo sie ist.“ Log er und sah wie ihre Augen aufblitzten. „Bring mich hin!“ befahl sie und grinste lauernd.
„Natürlich.“ Versprach er mit gesenktem Blick und ging vor, ohne einen Schimmer, wohin er eigentlich wollte.
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