Lost & Found

von Arkia
GeschichteFamilie, Übernatürlich / P18 Slash
Detective Nick Knight Lacroix
05.12.2018
12.12.2018
2
16338
 
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Titel: Lost & Found I – Gefühlschaos
Fandom: Forever Knight
Episodenbezug: 3x10 Night in Question
Rating: P 18 Slash
Genre: Übernatürlich, Familie
Länge: 7802
Beta: nein
Zusammenfassung: Nach seinem Gedächtnisverlust kämpft Nick nicht nur darum, sich wieder an die Geschehnisse im Lagerhaus erinnern zu können, sondern auch mit seinen Gefühlen einem ganz bestimmten Besucher gegenüber.
A/N: Nach dem Ansehen der Episode war es plötzlich da, das Plotbunny, das Nicks Beschreibung seines Verhältnisses zu LaCroix „Vater-Sohn, bzw. Brüder“ ein „Liebhaber“ hinzugefügt hat, vor allen Dingen, da es sich sehr gut in die Episode einbetten lässt. Und nach dem doch recht versöhnlichen Abschluss der Episode habe ich mich außerdem gefragt, was passiert sein muss, dass die beiden in der nächsten Folge in ihrer Beziehung wieder da sind, wo sie schon vor Nicks Gedächtnisverlust standen.
Mein Schulfranzösisch hat sich in die hintersten Regionen meines Kopfes verkrochen, aber die für diesen Abschnitt nötigen Sätze habe ich noch im Wörterbuch gefunden. Für den Fall, dass sich dort in den letzten Jahren etwas verändert hat, was mir entfallen ist, so wäre ich für Hinweise dankbar.
* kennzeichnet Zitate aus „Night in Question“



Lost & Found I – Gefühlschaos

Jetzt war er also allein; nun, nicht ganz allein, denn Dr. Lambert... Natalie, verbesserte sich Nick in Gedanken, lag schlafend unten auf der Couch.
Fast war ihm so, als könne er ihren Herzschlag hören, was natürlich vollkommener Unsinn war. Er atmete tief durch und versuchte, das Geschehen des heutigen Tages noch einmal zu rekapitulieren – und scheiterte kläglich daran. Nun ja, für jemanden, der durch einen beinahe Kopfschuss das Gedächtnis verloren hatte, war sein Versuch vielleicht schon von beachtlichem Erfolg gekrönt, doch für Nick selbst war die Rekapitulation äußerst unbefriedigend.

Das Erste, woran er sich erinnern konnte, war die Stimme gewesen, dann die schemenhaften Umrisse der Gestalt neben seinem Bett und dann wieder nur die Stimme. Er hatte die Worte nicht verstanden, doch bei ihrem Klang hatte er eine Ruhe verspürt, es war fast so etwas wie ein Schlaflied gewesen, das ihn für kurze Zeit erneut hatte einlullen können, bevor er in die brutale Realität zurückgekehrt war.
Er hatte sich so verloren gefühlt, als sie vor seinem Bett gestanden und gefordert hatte, dass er ihren Namen sagen möge, denn er hatte absolut keine Ahnung davon gehabt, wer sie war. Nun, jetzt zumindest wusste er es.
Natalie Lambert, Dr. Natalie Lambert.

Später dann hatte sie ihn hierher gebracht, in dieses dunkle Loft, das wohl sein Zuhause war. Es fühlte sich nur nicht wie ein Zuhause an, zumindest nicht wie seines. Aber Natalie fühlte sich auch wie eine Fremde an und nicht wie jemand, den er angeblich schon Jahre kannte, genauso verhielt es sich mit seinem Vorgesetzten bei der Mordkommission, Joe Reese, und seiner Partnerin im Dienst, Tracy Vetter. Und so hatte er sich in dieser neuen, für ihn völlig fremden Umgebung noch verlorener als im Krankenhaus gefühlt.
Erst als er das Piano gesehen hatte, hatte sich dieses Gefühl verändert. Der Anblick des Instrumentes hatte etwas in ihm geweckt, was sich ein wenig nach einem Zuhause angefühlt hatte, und so war er einem Impuls gefolgt und hatte zu spielen begonnen. Er hatte sich nicht daran erinnern können, wie das Stück hieß, nur dass es von Beethoven stammte. Und dann war plötzlich eine Erinnerung über ihn gekommen und er war wohl so davon überrascht gewesen, dass sich das auch mimisch bemerkbar gemacht hatte oder Natalie hätte ihn nicht angesprochen. Also hatte er Natalie erzählt, dass er, als er das Stück schon einmal gespielt hatte, bei einem Freund gewesen war und dass dieser Freund einige Dinge niedergeschrieben hatte – und zwar mit einer Feder. Das hatte ihn schon sehr verwirrt, dass die Feder doch tatsächlich zum Schreiben gebraucht worden war. Aber das, was er Natalie erzählt hatte, hatte nicht der vollständig Wahrheit entsprochen, denn niemand hatte in seiner Erinnerung mit dieser Feder geschrieben, sie hatte einfach nur dagelegen, auf dem Beistelltisch, und neben ihr das Pergament, und Nick hatte sie zunächst mit halbgeöffneten Augen angesehen, während sein Geist und seine sonstigen Sinne mit etwas gänzlich anderem beschäftigt gewesen waren. Aber dieses Andere hatte er einer ihm im Grunde völlig unbekannten Frau einfach nicht anvertrauen können – Doktor hin oder her.

Er hatte gespielt und sich dabei wohl und geborgen gefühlt – heimisch eben – und dann hatte sich etwas Schweres auf seine Schultern gelegt, starke Hände hatten das seidene Hemd von diesen geschoben und begonnen, sie mit erstaunlichem Geschick zu massieren. Er hatte sich in die Berührung gelehnt, wohlig ausgeatmet – und zu spielen aufgehört. Die Bewegungen waren daraufhin in sanftes Streicheln übergegangen und dann hatte er einen Atemzug neben seinem linken Ohr gespürt.
„Bist du denn des Spielens bereits überdrüssig, mon chouchou?“, war es neckisch und dennoch unglaublich verheißungsvoll an sein Ohr gedrungen.
Er hatte zunächst nicht geantwortet, sondern die Augenlider zur Gänze geschlossen, einfach nur diesen Augenblick genossen, bevor er schließlich beinahe schon schelmisch gemurmelt hatte: „Dieses Spieles schon.“
Ein zustimmendes, dunkles Summen war gefolgt und dann war da eine Zunge an seinem Ohrläppchen gewesen. Vor Überraschung und Erregung gleichermaßen hatte er ein Keuchen nicht unterdrücken können und letztlich, als die Erregung durch die weiter fortschreitenden, stimulierenden Berührungen kontinuierlich angewachsen war, versucht, eine der Hände zu greifen, um sie an eine Stelle seines eigenen Körpers, die den Hautkontakt jetzt sehr viel dringender als seine Schultern benötigte, zu befördern. Aber das war ihm nicht gelungen.
Die vertraute Stimme hatte tadelnd und dennoch ein wenig belustigt geraunt: „Jedes Mal so ungeduldig, Nicholas. Du hast deine Lektion immer noch nicht gelernt, n'est-ce pas?“
Er selbst hatte geseufzt und halb provozierend, halb einladend gewispert: „Hhm...évident pas, mon cher.“
„Nicholas, Nicholas“, hatte die Stimme immer noch rügend geflüstert.
Die rechte Hand hatte sich von seiner Schulter gelöst und dann hatte er einen leichten Druck auf seiner Unterlippe gespürt und nur mit Mühe hatte Nick den Impuls unterdrücken können, diesen Finger, der dort so nah und verführerisch geruht hatte, in seinen Mund zu saugen.
Er hatte sich damit begnügt, dass er über die sensible Haut gestrichen war, die Berührung ebenso von dem Zukommenden geschwängert wie die Stimme, die äußerst eindringlich ergänzt hatte: „Dann wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als dir diese Lektion nochmals zu erteilen.“
Daraufhin hatte Nick seinen Gedanken einfach Taten folgen lassen müssen und sich den Finger oral einverleibt. Das wohlige Stöhnen, das als Reaktion darauf an seine Ohren gedrungen war, hatte ihn davon überzeugt, das Richtige getan zu haben.
Und so hatte er, nachdem er den Finger wieder freigegeben hatte, keuchend gefordert: „Allez-y!“
Daraufhin hatte er es einfach nur mit jeder Faser seines Körpers in sich aufgenommen, wie der andere dieser Aufforderung nachgekommen war, wie die Lippen von seinem Ohr zu seinem Hals hinabgeglitten waren und kräftig an diesem gesaugt hatten.

Und genau in diesem Moment hatte Natalie ihn mit ihrer Frage nach dem Komponisten des Stücks aus seiner Trance gerissen. Wenig später hatte sie ihn mit dem Ratschlag, wenn er Hunger verspüre, solle er unbedingt etwas essen, allein gelassen.

Er hatte in den einen Apfel gebissen, war zu dem Schreibtisch gegangen, hatte seine Dienstwaffe hervorgeholt und sie betrachtet, denn das sollte doch das Natürlichste der Welt für ihn sein, immerhin war er ein Polizist bei der Mordkommission in Toronto; und dennoch hatte die Waffe in seiner Hand ein merkwürdiges Gefühl hinterlassen, nicht so sehr die Tatsache, dass er vermutlich im Dienst schon damit getötet hatte (Denn bei dem Einsatz gestern Nacht, bei dem er angeschossen worden war, war der Gedächtnisverlust reines Glück gewesen, er hätte auch tot sein können, und dieser war Einsatz bestimmt nicht der erste dieser Art gewesen), eher das Gefühl, dass es nicht die richtige Waffe für ihn war. Und plötzlich war neben einem Erinnerungsfetzen an den gestrigen Schusswechsel ein Gefühl über Nick gekommen, und zwar das Gefühl, dass er nicht mehr allein war.
Daraufhin war er mit gezogener Waffe herumgefahren. Und da hatte er gestanden, von der auf ihn gerichteten Schusswaffe gänzlich unbeeindruckt und mit einer Flasche Wein, an deren Hals eine Schleife samt Kärtchen befestigt gewesen war, in der Hand – der Doktor aus dem Krankenhaus. Augenblicklich war ein Schauer Nicks Rücken hinabgeronnen und dieser hatte dafür gesorgt, dass eine Gänsehaut über seinen gesamten Körper gekrochen war.
Und dann hatte sich sein Gegenüber mit einer Spur Tadel in der Stimme und dennoch mit einem Hauch Belustigung erkundigt: „Ist das denn eine Art deinen Retter zu begrüßen, Nicholas?“*
Sofort waren Nick wieder die Erinnerungsbilder vom Klavierspiel präsent gewesen, denn diese Stimme, diese Tonlage, es gab da absolut keinen Zweifel: Sie gehörten zu dem Mann aus der Erinnerung, der Mann, der am Klavier hinter ihm gestanden hatte, der Mann, der... Der Mann aus der Erinnerung und dieser hier in der Realität, das waren ein und dieselbe Person, davon war Nick felsenfest überzeugt.
Aber irgendwie war es ihm gelungen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und das hatte beinhaltet, der Rationalität mehr Raum als dem vermeintlichen Wissen zu geben, und so hatte Nick mit ruhiger Stimme wissen wollen, wie er hier hereingekommen sei.
„Ich habe eine allzeit gültige Einladung.“*
Mit einem Laut der Erkenntnis hatte Nick die Waffe gesenkt, denn wenn das tatsächlich der Mann aus seiner Erinnerung sein sollte, so hatte er natürlich eine allzeit gültige Einladung, dieses Haus zu betreten. Aber dann war Nick etwas eingefallen, vielleicht war sein Gedächtnis in dem Zustand, in dem es sich derzeit befand, nicht gerade das verlässlichste, und so brachte er möglicherweise auch hier etwas durcheinander.
Also hatte er das Einzige, was ihm zu diesem Zeitpunkt richtig erschienen war, entgegnet: „Sie sind der Arzt aus dem Krankenhaus.“*
„Oh, ich bin viel mehr als das.“*
Seine Stimme hatte die Gänsehaut an Nicks Körper permanent aufrechterhalten, war geradezu berauschend für Nick gewesen.
Und erst jetzt war Nick dazu gekommen, ihn näher zu betrachten. Groß und stattlich, ein, zwei Dekaden älter als er selbst, also in seinen frühen oder späten Vierzigern, sehr kurzes, blondes Haar, das Nick augenblicklich ans Militär hatte denken lassen, so wie auch seine gesamte Gestik und Mimik es getan hatten. Und dann waren da noch die hellen, eisblauen Augen, in denen Nick sich zu verlieren geglaubt, in denen er zu ertrinken geglaubt hatte; und dann die komplett schwarze Kleidung, von der die Alabasterhaut nur noch mehr abgestochen hatte. Sie war es gewesen, die das gesamte Erscheinungsbild noch mysteriöser und gleichzeitig auch unheimlicher gemacht hatte.
Er war auf ihn zugekommen und seine Worte hatten die bisherigen Gefühle, die Nick ihm gegenüber verspürt hatte, nur noch zementiert, als er mit einer undefinierbaren Bestimmtheit in der Stimme gefragt hatte: „Zeigen dir die Emotionen, die du jetzt gerade spürst, nicht, dass ich so viel mehr als das bin?“*
Nicks ganzes Inneres hatte geschrien: „Ja, das tun sie“, aber das hatte er natürlich unmöglich zugeben können, auch wenn bei der nächsten Aussage seines ungebetenen – oder doch gebetenen – Gastes diese Gefühle noch sehr viel stärker geworden waren.
„Wir haben ein sehr spezielles Verhältnis, Nicholas. Versuch, so weit wie es dir möglich ist, dich zu erinnern. Ich bin dein ältester Freund.“*
Nick hatte die Stirn grüblerisch gerunzelt und überlegt, ob das Wort „ältester“ nicht ein Platzhalter für das Wort „engster“ war.
Und bei den nächsten Worten war er sich dessen ganz sicher gewesen, denn der Ton seines Besuchers hatte sich verändert, war vertrauter geworden, und es hatte sich darin auch etwas Verzweiflung eingeschlichen, als er ergänzt hatte: „Wir haben zusammen so viel durchgestanden.“*
So langsam hatte Nick begonnen zu verstehen, warum er ihm nicht einfach sagte oder besser zeigte, was er für ihn war. Denn wäre Nick selbst schlicht seinem Instinkt gefolgt, hätte er sich ihm einfach an den Hals geworfen, ganz gleich, ob die Flasche dabei zerbrochen wäre, und hätte seine Lippen auf die seinen gepresst. Aber das war schlichtweg nicht möglich gewesen, denn nach diesem Tag hatte er ja nur zu gut gewusst, dass er seinen Sinnen nicht hatte trauen können und genau das hatte auch sein Gegenüber wohl so gesehen. Und Nick seinerseits hatte somit auch verstanden, warum der Doktor es nicht hatte tun können, auch wenn dieser sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als ihn in den Arm zu nehmen, jedenfalls wenn sein Blick denn ein Indikator gewesen war. Er hatte Nick wohl nicht verschrecken wollen. Und so hatte Nick schweren Herzens das geantwortet, was nun einmal der Wahrheit dieses Momentes entsprochen hatte, auch wenn er durch das eben Gesagte hatte erahnen können, wie sehr sein Gegenüber diese Worte nun hatten schmerzen müssen.
„Ich erinnere mich nicht an dich.“*
Aber dabei hatte er es nicht belassen, denn auch wenn das Gesicht des Doktors keine erkennbare Reaktion gezeigt hatte, so hatte Nick doch geglaubt, die Pein, die diese Worte ihm verursacht hatten, in seinen Augen ablesen zu können, das hatte er nicht vor ihm verbergen können.
Auch wenn Nick sich nicht an ihn erinnerte, so hatte er trotzdem das drängende Bedürfnis verspürt, ihm Hoffnung geben zu wollen und so hatte ergänzt: „Aber wenn du mich so gut kennst wie du sagst, dann hilf mir, sag mir, wer ich bin!“*
Mit dieser Aufforderung hatte er ihm zu verstehen geben wollen, dass er es ihm sagen konnte, dass er ihn mit dieser Wahrheit nicht verschrecken würde. Aber diese versteckte Botschaft hatte ihre Wirkung verfehlt, und vielleicht aus einem guten Grund. Daraufhin war er an ihm vorbeigegangen. Und auch wenn er ihn jetzt nicht mehr angesehen hatte, so war auch diese Geste für Nicholas mehr als unbefriedigend gewesen, denn sie milderte den Drang, ihm einfach noch näher sein zu müssen, nicht im Geringsten.
„Es geht nicht so sehr darum, wer du bist, Nicholas, es geht eher darum, was du bist. Du bist außergewöhnlich.“* Das kurze, fast kaum wahrnehmbare Lächeln war aus seinem Gesicht gewichen und er hatte mit einer extremen Kälte in der Stimme hinzugefügt: „Du bist ein Mörder.“*
Diese Aussage hatte Nick zunächst verwirrt, aber dann hatte er geglaubt, auch hinter diesen Worten einen Sinn zu entdecken. Außergewöhnlich war er für ihn, den namenlosen Doktor, ein Killer für die anderen, für die anonyme Masse der Intoleranten, von denen er nicht wusste, welchen Anteil sie an der Bevölkerung hatten, für diejenigen, deren Meinung nach die Homosexuellen immer noch für die Verbreitung von AIDS verantwortlich waren. Also hatte Nick auf die Waffe, die er immer noch in der Hand gehalten hatte, hinuntergeblickt und ihm dann in die Augen, in denen er versucht hatte, zu ergründen, um was es hier eigentlich gegangen war... oder vielleicht auch, um sich aus diesem Blick die Erlaubnis zu holen, um ihn an sich zu ziehen und ihn zu küssen. Aber er hatte nichts dergleichen getan.
Und dann war da wieder diese Stimme, die ihn ganz schwindelig werden ließ, gewesen, als er sich frustriert auf das Piano aufgestützt hatte.
„Nun, wenn du mir nicht glaubst, warum gehst du nicht hinaus und entdeckst dich selbst?“*
Auch das war erneut ein geheimer Fingerzeig gewesen, den der Doktor ihm gegeben hatte, da war sich Nick wieder ganz sicher gewesen. Vielleicht hätte ihn sein Instinkt zielsicher zu einem besonderen Platz geführt, eventuell in diesen bestimmten Park oder in einen Schwulenclub oder auch ins Präsidium. Denn es war nicht auszuschließen, dass sie sich bei der Arbeit kennengelernt hatten.

Dann hatte sich plötzlich die Tür geöffnet und Natalie war mit zwei Einkaufstüten hereingekommen. Und da hatte Nick sofort gespürt, dass jetzt alles zu ende war, dass er nun von dem mysteriösen Doktor keine Antwort mehr erhalten würde.
Das sehr unterkühlte „Guten Abend“* des Doktors war ihm dann eine erste Bestätigung gewesen. „...Dr. Lambert“*, den Namen hatte der Doktor fast schon ausgespuckt, „...nicht wahr?“*
Der Ton seiner Stimme hatte Nick augenblicklich verraten, dass ihm die Präsenz der Frau sehr zuwider war.
Natalie hingegen war zumindest äußerlich unbeeindruckt zum Küchentisch hinübergegangen, hatte die Tüten auf diesem abgestellt, sich den braunen Mantel ausgezogen, ihn über die Stuhllehne gehängt und ihm entgegnet: „Ich weiß, wer Sie sind.“*
In Nicks eigenen Ohren hatte das beinahe wie eine kleine Androhung geklungen.
„Wie schmeichelhaft...“*
Die Worte waren in einem ebenfalls fast schon drohenden Tonfall über seine Lippen gekommen, und wie um diese verbale Botschaft zu bekräftigen hatte er sich ihr auch räumlich genähert.
„...meine Reputation eilt mir also voraus!“*
Obwohl die Laute selbst keinerlei Rückschlüsse darauf zugelassen hätten, war es vielmehr die Art, wie er sie ausgesprochen hatte, die die Drohung nur noch bekräftigt hatte. Das alles hatte Nick zutiefst verwirrt und Natalies Entgegnung hatte nicht im Geringsten dazu beigetragen, diese Verwirrung zu mildern, ganz im Gegenteil.
„Danke, dass Sie ihm im Krankenhaus geholfen haben.“*
Höfliche Worte, neutraler Tonfall, aber dennoch nichts weiter als eine leere Hülse, die nicht verbergen konnte, was sie in Wahrheit empfunden hatte.
Ein kurzes, gelachtes „Ja“* seinerseits war gefolgt, so als sei seine Hilfe selbstverständlich und nicht erwähnenswert, aber auch so, als könne Natalie das nicht verstehen. Ein Lachen wie es ein Erwachsener vielleicht über den naiven Kommentar eines Kindes ausgestoßen hätte, eines Kindes, dem er alles andere als wohlgesonnen war.
„Wir haben schon ein gutes Team abgegeben, nicht wahr?“*
Belustigung hatte in dieser Entgegnung mitgeschwungen, doch auch das Erstaunen darüber, dass sie ein Team gebildet hatten und so waren seine Empfindungen ihr gegenüber deutlich gewesen, und noch deutlicher, als der Sarkasmus bei den folgenden Worten die Oberhand gewonnen hatte.
„Das hat doch wirklich Spaß gemacht.“*
Und plötzlich hatte Nick sich dazu gezwungen gesehen zu vermitteln, immerhin waren sie doch alle erwachsene Menschen, aber Natalies bestimmte Wiederholung des Wörtchens „hat“* hatte ihn davon abgehalten.
„Aber nun, denke ich, dass Sie ihn besser allein lassen“*, hatte sie dem in Nicks Wahrnehmung todbringenden „hat“ hinzugefügt.
Ein abwertendes Schnalzen mit der Zunge war gefolgt und dann hatte er in neutralem Ton erklärt: „Wie Sie meinen.“*
Denn was wäre ihm auch anderes übrig geblieben? Schließlich saß er am kürzeren Hebel. Denn wenn publik werden würde, dass er als Arzt eine langjährige Beziehung zu einem Polizeibeamten unterhielte, so wären ihrer beider Leben doch auch in der Mitte der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts ruiniert gewesen.
„Ich vertraue darauf, dass Sie ihn auf seine spezielle Veranlagung und Bedürfnisse während meiner Abwesenheit hinweisen“*, hatte der Doktor verlauten lassen, als er an Natalie vorbeigegangen war.
Instinktiv hatte Nick ihn aufhalten wollen, aber er hatte es nicht getan.
„Vielleicht nicht“*, hatte der Doktor nach einer kurzen Pause des Überlegens hinzugefügt. Es hatte ernüchtert geklungen. „Vielleicht nutzen Sie die Möglichkeit, um das Unmögliche zu erreichen: um ihn zu läutern.“*
„Ich denke, es ist besser, wenn Sie jetzt gehen!“*, hatte Natalie erneut gefordert und in Nicks eigenen Ohren hatte es sich nicht so angehört, als wenn Natalies Worte der Wahrheit entsprochen hatten.
Der Doktor hatte seinen Blick zum Oberlicht gehoben, vielleicht als Wink darauf, dass er nach oben gehen, sich hier nicht vertreiben lassen würde.
Aber Natalie war auf diese mimische Provokation hin deutlicher geworden: „Durch die Tür!“*
„Wie Sie meinen, Doktor.“*
Dann war er gegangen, zumindest so weit, bis er direkt neben Natalie gestanden hatte, und Nick hatte nichts tun können, um das zu verhindern, dazu war er von dem eben Erlebten einfach noch zu bewegt gewesen.
Der Doktor hatte Natalie demonstrativ die Flasche unter die Nase gehalten, sich zu ihr hinübergebeugt und sarkastisch gewünscht: „Viel Glück bei Ihrem kleinen Unterfangen!“*
Dann hatte er sich ein letzten Mal an Nick gewandt, sein Tonfall war neutral gewesen, als er gesagt hatte: „Werd bald wieder gesund, Nicholas, komm mich besuchen, wenn du kannst!“*
Und Nick hatte sich gefragt, wie er wusste, dass er zu ihm kommen wollen würde. Denn genau das zu tun, war jetzt sein sehnlichster Wunsch gewesen. Dann hatte der Doktor sich umgedreht und, ohne noch einmal zurückzusehen, die Schiebetür des Lofts hinter sich geschlossen.

„Puh!“*, hatte Natalie laut ausgestoßen und dann gezwungenermaßen gelacht, als Nick sie einfach nur angesehen hatte, stumm um Erklärungen bittend.
Doch Natalie war gar nicht darauf eingegangen, hatte sich die zwei aus Jute gefertigten Einkaufstaschen vom Tisch geschnappt und lediglich gefragt: „Wie geht es dir? Hast du gegessen?“*
Nick hatte sich von ihr alleingelassen gefühlt, denn wieso hatte sie nicht verstehen können, dass ihn die Szene eben äußerst verwirrt hatte; und Natalies Weigerung, ihn darüber aufzuklären, irritierte ihn nur noch mehr. Bisher hatte sie ihm doch auch jeden kleinen Pups erklärt, und bei dieser großen Sache hatte sie es also vorgezogen, sie nicht mit einem Wort zu würdigen. Also hatte er deutlicher werden müssen.
„Er hat gesagt, ich bin ein Mörder. Warum hat er das gesagt?“*, hatte Nick gänzlich verunsichert gefragt.
Aber auch so hatte er keinerlei Erfolg gehabt. Zuerst war von Natalie nichts gekommen, dann hatte sie ziemlich unbestimmt geantwortet: „Bei deiner Arbeit haben Leute auf dich geschossen und du hast auf sie geschossen. Sie haben dich verfehlt, du sie hingegen...“*
„Das ergibt wohl Sinn“*, hatte Nick konstatiert, aber er hatte genau gespürt, dass das nicht alles war.
Und so einfach hatte er das deshalb nicht abtun wollen – zumindest nicht auf diese Art und Weise. Also hatte er unerbittlich weiter gebohrt.
„Was meinte er denn mit meiner 'speziellen Veranlagung'?“*, hatte er weiter gefragt, mit besonderer Betonung auf den letzten beiden Worten.
„Ach, er...“* Sie hatte sich unterbrochen und dann mit energischerer Stimme neu angesetzt: „Du musst nichts von dem, was er dir sagt, glauben.“*
Das hatte im starken Kontrast zu seinen eigenen Empfindungen gestanden und sich zudem vehement mit den Erinnerungsfetzen gebissen. Nick war ihr nachgegangen, als sie die Kühlschranktür geöffnet hatte.
„Er hat gesagt, er wäre mein ältester Freund.“*
„Er ist nicht dein Freund!“*, hatte sie mit Bestimmtheit geantwortet.
Mein Geliebter?
Natalies folgende Worte hatten Nick in diesem Gedankengang bestärkt. „Er kann dir nicht helfen. Nicht so wie ich es kann.“*
„Aber irgendetwas stimmt mit mir nicht, oder?“*, hatte er aufgebracht entgegnet, denn er war dieses Spiels so leid gewesen.
Warum konnte man ihm nicht einfach die Wahrheit sagen? Er hatte sein komplettes Gedächtnis verloren, da wäre der Fakt, dass er sich zu Männern hingezogen fühlte, nichts, was er nicht hätte verkraften können.
„Bin ich krank, oder was?“*
Vielleicht hatte er AIDS, vielleicht war es das, was der Doktor ihm so nicht hatte mitteilen wollen, aber Natalie als Arzt und etwas distanziertere Bezugsperson konnte ihm jetzt doch wohl reinen Wein einschenken, oder?
Offensichtlich nicht, denn sie hatte sich mit einem „Ich denke nicht, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, um darüber zu reden“* einfach von ihm abgewandt und war zum Klavier hinübergegangen, hatte davon geredet, dass es ein langer Tag für sie beide gewesen sei und sie Schlaf bräuchten.
Und dann hatte Natalie in sehr ernstem Tonfall von Nick gefordert, dass er ihr etwas versprach: Er solle das Loft nicht verlassen.
Angst, dass ich dann gleich mit einem in die Kiste steige und ihn infiziere?
Dieser absurde Gedanke war augenblicklich in seinem Kopf gewesen.
Aber das hatte Nick sich nicht anmerken lassen und stattdessen verwirrt gefragt: „Warum würde ich gehen wollen?“*
Die Antwort darauf hatte er sich augenblicklich gedanklich selbst gegeben: Warum gehst du nicht hinaus und entdeckst dich selbst?*
„Wir beide haben hart und sehr lang daran gearbeitet, um in deinem Leben eine Veränderung herbeizuführen. Der Unfall ist sozusagen... er eröffnet jetzt ganz neue Möglichkeiten“*, hatte Natalie kryptisch erklärt.
„Welche Veränderung ist das?“*, hatte er gefragt und es hatte nicht nur Neugier, sondern ein Hauch von Angst in seiner Stimme mitgeschwungen.
Denn vor der Wahrheit hatte er jetzt doch Angst gehabt. Denn das war es doch, was sie in seinem Leben ändern wollten, oder nicht? Dass er den Männern abschwor, dass Natalie ihn läuterte, wie der Doktor es genannt hatte, und er seine Lust auf Frauen richtete, denn die Sehnsucht, ihm auch körperlich nahe zu sein, war, seit der Doktor gegangen war, ungeheuer stark gewesen.
Aber ihre Antwort hatte Nick nicht zufriedengestellt. „Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass diese Veränderung augenscheinlich gerade passiert. Es fühlt sich so an, als würden wir wirklich vorankommen.“*
Er war ihr bis zum Kamin gefolgt. Sie hatte ihn flüchtig am Arm berührt.
„Aber du musst mir vertrauen“*, hatte Natalie eindringlich gesagt. „Du musst es langsam angehen lassen... wir müssen es langsam angehen lassen.“*
„Wir? Was meinst du mit 'wir'?“*
Sie hatte nicht geantwortet. Und da hatte Nick beschlossen, seine Hypothese, dass dieses „es“ Natalies Versuch war, ihn aus den Armen des Doktors in ihre zu treiben, vielleicht – wie sie ja gesagt hatte – auf seinen eigenen ausdrücklichen Wunsch hin, denn es gab schlicht kein anderes Szenario, zu dem ihre und die Worte des Doktors gepasst hätten. Also hatte er ihr die Pistole auf die Brust gesetzt.
„Haben wir eine Beziehung?“*
„Nein, wir... wir sind nur Freunde.“*
Sie hatte ernüchtert geklungen, aber er hatte aus ihrer Stimmlage geschlossen, dass sie sich schon lange mehr wünschte.
Und genau das hatte er nun näher ergründen müssen und so hatte er ihr seine rechte Hand an die Wange gelegt und sie gestreichelt, sanft gesagt: „Weißt du, als ich dich das erste Mal im Krankenhaus gesehen habe, da wusste ich, dass zwischen uns etwas Besonderes ist. Etwas sehr Gutes.“*
Er hatte ihr mit seinem Daumen über das Kinn gestreichelt, ganz so wie es ihm aus der Erinnerung mit dem Piano im Kopf präsent gewesen war.
„Das ist schwer zu erklären. Wir haben...eine ein...einzigartige Beziehung“*, hatte sie gestottert.
Er hatte sich nach vorne gebeugt und sie kurz und leicht auf die Lippen geküsst, den Kuss gleich wieder unterbrochen und gesagt: „Aber du willst mir nicht sagen warum.“*
Weil du mich von einem anderen geliebten Menschen fortreißt?
Er hatte sich vorgenommen, den Stier bei den Hörnern zu packen. Wenn sie nicht mit der Wahrheit herausgerückt war, dann hatte er es eben getan: Er hatte jetzt herausfinden müssen, was er für sie empfand oder auch nicht. Und deshalb hatte er sich erneut zu ihr gebeugt, sie fordernder geküsst.
„Ich weiß nicht, ob ich das sollte“*, hatte sie gewispert und er hatte geflüstert:
„Ist es denn wichtig?“*
„Nein, jetzt nicht...“*
Sie hatten sich weiter geküsst, ihre Berührungen hatten sich intensiviert, aber dann hatte Natalie ihm schließlich die Hand gegen die Brust gedrückt und gesagt: „Nick, hör auf!“
„Was?“, hatte er gefragt und sie erneut zu sich herangezogen.
„Wir dürfen das nicht tun. Ich darf das nicht tun“, hatte sie sich verbessert.
„Was meinst du damit?“
„Du bist nicht du selbst. Ich... ich sollte das nicht...“
...ausnutzen.
„...wir sollten jetzt wirklich schlafen.“
„In Ordnung“, hatte Nick zugestimmt, denn für seinen Geschmack war sein kleines Experiment abgeschlossen gewesen.
Denn das, was er bei den Küssen mit Natalie verspürt hatte, war nicht einmal ansatzweise an die Empfindungen, die er nur bei der Erinnerung an das Klavierspiel oder dem Zusammensein mit dem Doktor im gleichen Raum – und dieser hatte ihn ja nicht einmal berührt – verspürt hatte, herangekommen.

Nick schreckte aus dem Traum hoch. Er wusste nicht, ob es ein Albtraum gewesen war oder nicht. Er hatte Natalie geküsst und ihr dann plötzlich in den Hals gebissen und dann war da noch dieses andere Gefühl gewesen, dass das nur so etwas wie ein Vorspiel gewesen war und es danach erst richtig losgegangen wäre. Nick versuchte, wieder einzuschlafen, aber das gelang ihm nicht, denn das Gefühlschaos tobte unablässig in seinem Kopf.
Immer wieder schossen die Worte des Doktors wie ein Mantra durch seinen Kopf: Du bist ein Mörder. Warum gehst du nicht hinaus und entdeckst dich selbst?*
Und genau das musste er jetzt einfach tun, und das ging vermutlich am besten, wenn er an den Ort zurückkehrte, an dem alles angefangen hatte, an den Ort, wo er im Dienst angeschossen worden war. Also zog er sich an und ging hinunter, sah kurz nach Natalie, die immer noch unten auf der Couch schlief, zog die Schublade auf und steckte sich seine Dienstwaffe in das Holster. Dann fuhr er mit dem Fahrstuhl hinunter und ging in die Garage.

Seinen Caddy hatte Natalie ihm ja schon bei der Ankunft hier gezeigt. Und plötzlich erstarrte er. Was war, wenn er vergessen hatte, wie man Auto fuhr? Nick schüttelte den Kopf.
Eins nach dem anderen.
Er stieg ein, versuchte, sich von allen Gedanken freizumachen und auf seinen Instinkt zu hören. Alle Handgriffe schienen die richtigen zu sein, der Sitz war auf ihn eingestellt, Kupplung, Gas, Bremse, seine Instinkte ließen ihn offenbar nicht im Stich. Als er sich sicher genug fühlte, fuhr er aus der Garage und schaltete das Radio ein. Ein Stück Popmusik drang an seine Ohren, von dem er absolut nicht sagen konnte, ob es brandneu oder schon so etwas wie ein Oldie war. Er kannte es, das war alles, was die Erinnerung hergab, ein vages Gefühl von „Habe ich schon 'mal gehört“. Als das Stück verklungen war, verabschiedete sich der Moderator und wünschte den Hören viel Vergnügen mit der nächsten Sendung, einer Call-in Show, die von einem Mann, der den komischen Namen „Nightcrawler“ trug, moderiert wurde.
Als er dessen Stimme hörte, musste Nick sich allerdings zusammennehmen, um das Lenkrad nicht zu verreißen. Ja, das war er, der Doktor!
„Bon soir, mes amis, c'est moi, der Nightcrawler. Und ich werde bis zum Sonnenaufgang bei euch sein, euch Gesellschaft leisten und eure Verwirrungen besänftigen.“*
Nick stützte seinen Kopf kurz in den linken Handteller. Das konnte doch nicht sein, und dennoch konnte er nicht leugnen, dass ihn allein beim Klang der Stimme eine innere Ruhe überkam, die sich jedoch mehr und mehr verflüchtigte, als er auf die gesprochenen Worte achtete.
„Die heutige Sendung ist Verlorenen gewidmet. Allen, die füreinander verloren oder auch sich selbst gegenüber verloren sind. Und die einfache Tatsache ist, dass der Weg zurück für den einen, der Weg zurück für den anderen ist.“*
Nick schüttelte den Kopf. Das musste doch alles anders zu erklären sein, denn es konnte ja wohl nicht sein, dass er jedes einzelne Wort auf sich beziehen konnte.
Oder etwa doch?
„Denn wir dürfen niemals vergessen, was wir sind.“*
Das hatte er heute Abend auch im Loft zu ihm gesagt, zumindest so etwas ähnliches.
„...oder von wem wir abstammen.“*
Es war, als hätte jemand dem Nightcrawler Nicks Gedanken in den Mund gelegt. Denn woher kam er denn?
„Das ist unser Lebensblut. Unsere Nahrung. Ohne sie verwelken wir und werden zu nichts.“*
Nichts...
So fühlte Nick sich gerade, von allem abgetrennt, allein. Mit jedem Satz war die Stimme eindringlicher geworden und jetzt hatte Nick wirklich das Gefühl, als würde der Nightcrawler ihn direkt ansprechen.
„Du wirst zurückkommen...“*
...Nicholas.
Auch wenn er seinen Name nicht gesagt hatte, so ergänzte Nick ihn doch in Gedanken ganz automatisch.
„Du musst zurückkommen...“*
...Nicholas.
Obwohl von Natalie mit keinem Wort erwähnt, war Nick nun der Überzeugung, dass der Doktor und sie um ihn kämpften, denn sonst hätten sie sich doch diesen Abend im Loft nicht dieses merkwürdige verbale Duell geliefert.
„Es ist dein Schicksal und mit dem Schicksal spielt man keine Spielchen!“*
Das klang ganz klar wie eine Drohung und das war einfach zu viel für Nick und er musste das Radio ausschalten.

Das Gelände war verlassen und so gelang es Nick recht schnell, das polizeiliche Absperrbändchen, das über der Tür klebte, zu durchtrennen und das Gebäude zu betreten. Er blickte sich in dem Lagerhaus um, und dabei flatterten immer wieder Erinnerungsfetzen vor seinem geistigen Auge auf. Auch der Fetzen, dass er den Schützen fühlte, bevor überhaupt...und da war noch etwas... ein Gesicht. Er hörte sie... die Schüsse, fühlte den Schmerz.
„Keine Bewegung, bleiben Sie da stehen!“*, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich.
Das hatte er in seiner bisherigen beruflichen Laufbahn schon oft selbst gesagt und so verspürte er keinerlei Furcht.
„Hände hoch!“*
Also drehte er sich langsam mit erhobenen Händen zu der Frauenstimme um. Während sie seinen Ausweis beäugte, passierte etwas ganz und gar Unglaubliches. Vor seinen Augen tanzten Punkte und plötzlich sah er sie nicht mehr normal. Es war, als würde er durch ein Infrarotgerät sehen, er nahm sie ganz anders wahr, als könnte er ihre Körperwärme sichtbar machen. Diese Hitze, die ihr Körper ausstrahlte, das Blut, ihr Blut, das in seinen Ohren rauschte, das schlagende Geräusch des Herzens, das Blut unablässig durch ihre Adern pumpte... Es war, als könne er die Ader unter der Haut am Hals stärker als alles andere wahrnehmen, als würde sie zu ihm sprechen, ihn rufen, dass er... als müsste er...
Nick drehte sich von ihr weg und erst dann fühlte er sie: die übergroßen Eckzähne. Er schloss ruckartig den Mund und schlitzte sich so selbst die Zunge auf. Nick atmete tief durch. Er wusste selbst nicht, wie es ihm gelang, der Frau zu antworten. Ihm war übel und gleichzeitig verspürte er einen entsetzlichen Hunger und... Er suchte Halt an einem der im Lager stehenden Gegenstände und stützte seinen Kopf ab.
Die Polizistin fragte, ob er in Ordnung sei, fasste ihn sachte am Arm an. Er versicherte ihr, dass alles in Ordnung sei, dass er selbst hinausfinden würde und dann ging sie zum Glück, denn er hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, er müsse über sie herfallen.
Nick brauchte einen Augenblick, um wieder zu sich selbst zu finden. Die Zähne hatten inzwischen wieder eine normale Größe angenommen, der Geschmack seines eigenen Blutes im Mund war verflogen. Das musste er sich alles eingebildet haben.
Letztlich öffnete er den Notausgang des Lagerhauses. Was dann geschah glich einer Szene aus einem schlecht gemachten Horrorfilm: Die Sonne versengte seine Haut, verbrannte sie. Entsetzt wich Nick in das Innere des Gebäudes zurück. Das konnte doch nicht sein. Schließlich beruhigte er sich wieder, griff sich eine der Feuerlöschdecken und hechtete darin eingewickelt wie eine Mumie zum Auto, ließ das Faltdach des Caddys hochfahren und jagte im Blindflug über die Straßen, verließ sich ganz auf seine Instinkte, denn schon der kleinste Strahl der Sonne brannte höllisch auf der Haut. Als sich die Tür der Tiefgarage hinter ihm schloss, war immer noch keine Zeit zum Durchatmen, denn sein ganzer Körper schmerzte entsetzlich. Mit letzter Kraft schleppte er sich zur Tür, öffnete sie, krabbelte in den Fahrstuhl, schloss die Tür wieder und drückte den Knopf.

Nick war außer sich vor Wut, denn sein Gesicht fühlte sich an, als sei ihm die Haut komplett abgezogen worden – bei lebendigem Leibe wohl gemerkt.
Und so schrie er Natalie dann auf den Knien hockend an, nachdem er in seine Wohnung gestolpert war: „Wusstest du, dass das passieren würde?“*
„Ich hab' dir doch gesagt, du sollst nicht 'rausgehen!“*, entgegnete sie kleinlaut.
„Warum hast du nicht gesagt warum!“* Er blickte auf seine verbrannten Hände. „Was stimmt mit mir nicht?“* Irgendeine Allergie konnte das nicht sein. „Wie kann es so grauenhaft sein?“*
Sie hatte die ganze Zeit gewusst, was mit ihm war. Und das erfüllte ihn mit einer unbeschreiblichen Wut. Sie erhoben sich beide wieder. Natalie wirkte in dem Bademantel so verletzlich und vielleicht war es dieser Anblick, der etwas in ihm bewegte, der ihn dazu veranlasste, sie geradezu anzuschreien: „Sag's mir!“*
Er packte ihre Hände an den Handgelenken und hielt sie fest, wie zwei Schraubzwingen. Natalies Mimik verriet ihm, dass er ihr wehtat, aber er zügelte sich nicht, denn das Gefühlschaos hielt ihn davon ab, und rief immer noch aufgebracht: „Warum wolltest du es mir nicht sagen?!“*
„Warum musstest du gehen?“*, fragte sie geradezu verzweifelt.
Das konnte er ihr nicht sagen, obwohl er es wusste, aber er konnte ihr etwas anderes sagen, etwas, das er im Lagerhaus herausgefunden hatte und das das Gefühlschaos noch stärker auflodern ließ.
„Ich habe den Schützen gespürt, bevor er geschossen hat, ich habe ihn gespürt und das bedeutet etwas!“*
Und plötzlich war diese Wut wieder da, die brennende Rage und so schrie er sie erneut an: „Komm schon, sag mir, was es bedeutet!“*
Denn dass sie das wusste, erkannte er an ihrem Blick. Sie stammelte wieder etwas von wegen „So nah dran, wir waren so nah dran...“*
Er nahm sie kurz in den Arm, hatte das Gefühl, sie würde zusammenbrechen, obwohl er sie bis jetzt doch gänzlich anders erlebt hatte. Dieser Impuls, sie im Arm zu halten, war vom Gefühlschaos von einem auf den anderen Augenblick angeknipst worden.
Und dann überkam Nick eine weitere Erinnerung. Da war wieder dieses Gesicht, wie schon im Lagerhaus und plötzlich verstand er: Das war der Schütze.
Das sagte er Natalie dann auch und dass er los müsse, seine Kollegen unterstützen müsse, aber sie entgegnete: „Du kannst nicht gehen, bis die Sonne untergegangen ist.“*
„Warum?“*
„Es gibt keinen einfachen Weg, dir das zu sagen...Nick, du bist... ähm.... du bist ein Vampir.“*
Normalerweise hätte er lachen sollen, normalerweise hätte er den Kopf schütteln müssen, aber genau das erklärte doch – zumindest den Legenden nach – alles, was er erlebt hatte: die Sonne, den Hunger beim Anblick der Frau im Lagerhaus, diese Gabe, Dinge fühlen zu können, die Menschen unmöglich waren. Hoffentlich war das Gefühlschaos damit auf seinem Zenit angelangt, denn noch mehr würde er zumindest jetzt nicht ertragen können.
Und so begnügte er sich damit, sich erst einmal an den Küchentisch zu setzen. Sie sagte nichts mehr, aber Nick registrierte das fast nicht, denn er war viel zu sehr mit seinen Händen beschäftigt, in denen der Schmerz gänzlich nachgelassen hatte. Vampirheilkräfte berichtete Natalie ihm auf seinen fragenden Blick hin. Sie kam zu ihm, setzte sich ebenfalls.
„Wie lange bin ich schon ein Vampir?“*, fragte er schließlich, vor allen Dingen deswegen, weil sie ja schon über das Foto anlässlich seines letzten Geburtstages gesprochen hatten und Natalie so komisch gewesen war, jetzt wusste er zumindest warum.
Er erwartete etwas zwischen 150 und 450, aber was dann kam, ließ ihn schwer schlucken.
„767 Jahre.“*
So alt fühle ich mich absolut nicht.
Und dann kam ihm noch ein Einfall, denn wenn es richtig war, was er vermutete, dann läge er vielleicht falsch, dann war es vielleicht alles ganz anders. Er nahm ihre Hand.
„Natalie, ist das, was ich bin, die Sache, die dich so traurig macht?“*
Sie sah ihn nicht an, als sie antwortete: „Das verhindert, dass wir zusammen sind.“*
„Letzte Nacht... Wir können nicht zusammen sein?“*, hakte er nach.
„Letzte Nacht... letzte Nacht habe ich geglaubt, dass es möglich ist, dass wir endlich obsiegt haben“*, sagte sie ernüchtert, fast verbittert, auch wenn sie es nach außen hin zu verbergen suchte. „Wir können nicht die Beziehung, die wir haben wollen, haben, Nick. So funktioniert das nicht. Es tut mir leid. Ich hätte dir die Wahrheit sagen sollen.“*
Aber alles war damit immer noch nicht klarer. Was es mit dem Doktor und den Gefühlen, die er für ihn hegte, auf sich hatte beispielsweise, aber davon schien Natalie nichts zu wissen, und so stand er erst einmal auf und krümmte sich urplötzlich kurz darauf zusammen. Es war, als würde eine monströse Gestalt ihre Klauen in sein Gedärm schlagen.
„Setz dich hin!“*, befahl Natalie und nur peripher bekam Nick mit, wie sie die Flasche des Doktors öffnete und ihm ein Glas einschenkte. „Trink das!“*
Er stürzte den Inhalt des Glases hinunter und das Erste, was er fühlte, war Stärke, und dann folgte das andere, was er nicht in Worte zu fassen vermochte. Sein erneut aufwallendes Gefühlschaos schien sich mimisch bemerkbar zu machen.
„Normalerweise trinkst du nur Kuhblut“*, erklärte Natalie und Nick benötigte eine Weile, um zu begreifen, dass das, was er eben getrunken hatte, Menschenblut gewesen war. „Du hast schon vor langer Zeit aufgehört, menschliches zu trinken, nur für den Fall, dass du dich wunderst.“*
Wie könnte ich so etwas wie dem hier je abschwören?
Nick verbalisierte diesen Gedanken vorsichtshalber nicht, blickte Natalie einfach nur an.
„Ich könnte dir alles erklären, aber bevor du dein Gedächtnis nicht zurück hast, wirst du es nicht verstehen.“*
Nur halb hörte Nick ihr zu, der Geruch, der aus der Flasche drang und seine Nase kitzelte, war zu verlockend. Und er war ein Vampir und da war das doch das Normalste der Welt, oder nicht? Er nahm noch einen Schluck, beließ ihn kurz im Mund wie den Tropfen eines guten, nein, exklusiven Weines. Natalie sah ihn geschockt an.
„Du willst kein Vampir sein!“*
Diese Aussage verwunderte ihn absolut, mehr als die, dass er ein Vampir war, denn wie hätte er das nicht wollen können? Dieses Getränk hier, das war Ambrosia. Gut, der Tag war sein Feind, allerdings empfand er sich nicht wie eine Person, die gerne sonnenbadete, auch wenn die Höhensonne, die er in einem der oberen Zimmer vorgefunden hatte, da eine andere Sprache sprach. Aber wahrscheinlich war es nur eine Zwischenlagerung für jemand anderen, schließlich besaß ein Vampir keinerlei Verwendungszweck für eine Höhensonne.
Nick räusperte sich. „Nun, ich denke, das heißt, mein Körper hat das einfach gebraucht, nach der Sonne und allem...“, erklärte er den erneuten tiefen Zug aus der Flasche, da er Natalie nicht beunruhigen wollte.
Sie nickte daraufhin nur schwach. Es entstand eine erdrückende Stille, bevor Nick erneut einfiel, was er gewollt hatte, ehe Natalie ihm sein wahres Wesen enthüllt hatte.
„Ich muss ins Präsidium. Ich weiß, wie der Täter aussieht.“
Die Sonne schien durch die Lamellen des Rollos. Natalie deutete zu ihnen.
„Dann muss ich wenigstens Reese anrufen und ihm sagen, dass sie alles bereithalten sollen, sobald ich da bin!“, insistierte Nick und griff sich den Hörer seines Festnetztelefons.

Und dann, als er sich mit Reese die Täterfotos angesehen hatte, wussten sie schließlich auch, wer der Täter war, und was noch schlimmer war, dass er es nicht auf Nick sondern auf Tracy abgesehen hatte.
„Ich muss zu ihr!“, rief Nick, nachdem er sie telefonisch nicht hatte erreichen können.
Verdammt, es wird eng!
Nick war bei seinem Wagen auf dem Parkplatz des Präsidiums, als ihm die Worte des Doktors erneut in den Sinn kamen: Warum gehst du nicht hinaus und entdeckst dich selbst?*
Und das wollte er jetzt tun. Im schlimmsten Fall würde er sich einen Knöchel brechen, aber es würde schon gutgehen, denn Autofahren hatte er schließlich auch noch gekonnt und die Selbstheilungskräfte hatten ja auch einwandfrei funktioniert. Kaum war der Gedanke gedacht, erhob er sich auch schon in die Lüfte. Er war nicht so unsicher wie beim Autofahren, es lief alles ganz wie von selbst. Nun, Auto fuhr er erst seit gut 100 Jahren, fliegen tat er wohl schon sein ganzes Vampirleben lang.
Aber auch in Tracys Apartment hatte er kein Glück, nur die von ihr niedergekritzelte Notiz gab ihm einen Anhaltspunkt. Nick wusste nun, wohin er musste und verlor keine Zeit.
Er konnte sie spüren, und auch ihn, sie, die sich hinter den Metallfässern verschanzte, und ihn, der mit einem Zielfernrohr auf sie feuerte. Nick landete genau neben ihm, die Fänge entblößt, sah er ihn als Beute, aber genau das tat er irgendwie doch nicht, etwas hielt ihn zurück, so dass er den Schützen lediglich vom Dach stieß, so dass sich dieser das Genick brach. Nick brauchte einen Augenblick, um wieder normal denken zu können. Er blickte auf den leblosen Körper hinunter, und spürte, wie eine Welle der Erleichterung über ihn hinwegrollte, als Tracy mit gezogener Dienstwaffe hinter den Fässern hervorkam. Hier war also alles erledigt.
Nick flog direkt zum Präsidium zurück. Dort nahm er seinen Caddy und fuhr nach Hause. Nur um auf dem Weg dorthin ganz automatisch das Radio einzuschalten. Sofort drang die vertraute Stimme wieder an sein Ohr.
„Ende gut, alles gut... auch wenn es für einige von uns niemals endet. Bis morgen verbleibe ich als ein Freund aller und denkt wie immer daran: Wenn man den Nightcrawler zum Freund hat, wer braucht da noch Feinde?“*
Wie merkwürdig, dass diese Worte auf das eben Erlebte zutrafen, immerhin hatte Nick wohl gerade Tracys Leben gerettet.

Als er die Tür des Lofts öffnete, kam Natalie ihm schon entgegen.
„Da bist du ja! Sie haben dich nicht erreichen können. Ich hab' mir solche Sorgen gemacht.“
Er hob beschwichtigend die Hand. „Kein Grund zur Sorge. Dr. La... Natalie. Es gibt wohl nichts außer der Sonne, was mich in Schwierigkeiten bringen könnte, oder?“
Sie seufzte. „Nicht wirklich.“
Doch Nicks Gedanke hatte ihn auf eine Idee gebracht. „Oder gibt es etwa Werwölfe?“, hakte er argwöhnisch nach.
„Nein... zumindest nicht soweit ich weiß“, korrigierte Natalie ihre Aussage.
Nick stand mittlerweile am Tisch und Natalie dort, wo er selbst gestanden hatte, als sie ihn mit dem Doktor überrascht hatte.
„Aber ER kann es mir beantworten, oder?“, erkundigte sich Nick.
Natalie verstand sofort. „Vermutlich“, entgegnete sie prompt.
„Ist er auch...?“, fragte Nick nach, obwohl er die Antwort schon zu kennen glaubte.
„Ja.“
„Sein Sender war im Autoradio eingestellt. Es war komisch... als ich seine Stimme gehört habe... also... “
Nick brach ab. Er glaubte nicht, dass Natalie das verstehen würde.
Doch dann keimte diesbezüglich noch Hoffnung in ihm auf und so setzte er erneut an: „Ich meine, es ist komisch, dass ein Vampir eine Radiosendung hat, aber ihn zu hören... das war... ich kann es irgendwie nicht in Worte fassen.“
Natalie stand Nick jetzt genau gegenüber. „Er ist nicht nur ein anderer Vampir... Er... er hat dich in einen Vampir verwandelt. Du hast 'mal gesagt, ihr habt so etwas wie ein Vater-Sohn-Verhältnis oder ihr wärt wie Brüder... so ähnlich jedenfalls.“
Wie Liebhaber?, fragte Nick sich, sprach den Gedanken jedoch nicht laut aus.
Doch seine Mimik musste intensiv gewesen sein, denn Natalie sprach weiter: „Sein Name ist Lucien LaCroix.“
Dieser Name sagte Nick nichts. Natalie erzählte ihm das Wenige, was sie von seiner unsterblichen Familie wusste. Dann sah er sie eine Weile einfach nur schweigend an und sie tat das Gleiche.
„Der Fall ist jedenfalls gelöst“, berichtete Nick dann, denn Natalies leidender Blick zeigte ihm an, dass sie dieses Thema nicht weiter vertiefen wollte, es schien ihr beinahe unheimlich zu sein.
Als er ihr dann erzählte, wie sich alles zugetragen hatte, nickte sie nur und meinte, dann sei wohl alles beim Alten und er solle sich trotz allem ein paar Tage freinehmen. Er verabschiedete sich von ihr mit einem Kuss auf Natalies Stirn und Worten des Dankes, erklärte, er müsse da noch jemanden aufsuchen und ganz bewusst nannte er seinen Namen nicht.
Nachdem sie gegangen war, ging Nick zu dem Mülleimer hinüber, holte die inzwischen leere Flasche hervor und las die an ihr baumelnde, kleine Karte. Die Handschrift darauf erschien ihm seltsam vertraut.
„Einer meiner Besten. L.“, stand dort lediglich und auf der Vorderseite: „Raven“.
Was immer das sein mochte. Die Adresse hierzu war jedenfalls klein auf der Rückseite der Karte vermerkt. Also fuhr Nick zu dieser.

Über dem Eingang hatte der Name des Clubs gestanden. Eigentlich hätte er ja eher etwas wie „Bat“ erwartet, aber vielleicht wollte man dann doch nicht so auf Klischees herumreiten.
Der Clubraum war verlassen, aber er spürte jene Präsenz dennoch deutlich. Und dann war er plötzlich aufgetaucht und Nick wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte, jetzt da er wissentlich seinem Vater gegenüberstand, weil er sich nicht sicher war, wie sie sich angemessen begrüßten. Aber sie waren schließlich erwachsene Men...Vampire und so und kam er erst einmal neben der Bar zu stehen, würde sich an dem Erfahreneren orientieren. Lucien LaCroix – so wusste er ja jetzt – schenkte sich etwas des speziellen Weines ein.
„Nicholas, ich bin so froh, dass es dir gutgeht.“*
Trotz der freundlichen Worte wirkte seine Stimme distanziert und so wusste Nick darauf nichts zu erwidern. LaCroix... Lucien hatte sich auf dem Barhocker niedergelassen, sah ihn nicht an, als er sich in nüchternem Tonfall erkundigte: „Was führt dich her? Das Bedürfnis nach Gesellschaft? Irgendeine polizeiliche Angelegenheit?“*
Dann wandte er doch noch den Kopf und blickte ihn nun an. Nick konnte nicht verhindern, dass er ihn warm anlächelte.
„Nein, nur ein Gefühl“*, entgegnete Nick etwas verunsichert, denn innerlich verspürte er den Drang, ihm gleich um den Hals fallen zu müssen. Aber auf Gefühle konnte er sich immer noch nicht verlassen und so erklärte er lediglich in freundlichem Tonfall: „Ich vermute, du kannst mir dabei helfen, die Erinnerungslücken zu schließen.“* Er sah ihn einfach nur an, doch Lucien erwiderte nichts. „Mir helfen, herauszufinden, wer ich bin. All das, was ich bin“*, setzte er deshalb betonend hinzu.
Lucien verdrehte ein wenig die Augen und seine Stimme hatte etwas Gelangweiltes an sich, als er meinte: „Es ist fast Sonnenaufgang. Ich fürchte, du musst den Tag hier mit mir verbringen.“* Er hob das Glas an und suchte Blickkontakt. „Wir haben sehr viel Zeit.“*
Seine Stimme wurde bei diesen Worten etwas freundlicher und so fasste auch Nick etwas Mut.
„Die Ewigkeit, so wurde mir gesagt“*, kommentierte Nick belustigt und dennoch mit einer Spur Aufregung in der Stimme.
„Gut.“*
Die Stimmlage, mit der er ihn nun adressierte, veranlasste Nicks Körper dazu, sämtliche Härchen an sich aufzurichten.
„Denn was du bist, Nicholas, ist eine lange, lange Geschichte.“*
Das kleine Lächeln ließ Nick etwas hilflos zurück, die Kälte der Stimme, die so gar nicht zu dem passte, was er erwartet hatte. Natürlich unter der Voraussetzung, dass es denn stimmte, was Natalie ihm von seiner Vampirfamilie erzählt hatte.
Aber nichts brach das Eis so gut wie ein gemeinsames Glas Wein. Das musste doch auch für ihresgleichen gelten, oder nicht?
Also trat Nick an die Bar heran, ließ sich lockerer als es sich anfühlte auf den Hocker neben ihm fallen und fragte: „Bekomme ich auch ein Glas, Lucien?“
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