Love on Top: Baby it's You!

GeschichteHumor, Romanze / P18 Slash
Genji Hanzo McCree Moira Reaper Soldier:76
04.12.2018
09.11.2019
8
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Die Hitze des Sommers wurde gen Wochenende kurz abgelöst und gleichzeitig aufgepumpt von einem enormen Gewitter: die Schwüle war drückend, doch der Wolkenbruch war noch nicht gekommen, also sagte niemand das Auswärtsspiel ab.
Man sagte Footballspiele nicht ab. Man verschob sie höchstens.
Es war eine beschissene Wetterlage für die Premiere von Jacks erstem Spiel auf neuer Position, mit neuen Mitspielern und... neuen Cheerleadern. Er wusste nicht, wie sie sich dabei fühlten, dass ihr Auftritt vor lethargischem Publikum und mit dem großen Risiko auf ein Schlammbad stattfinden würde, doch wenn sie nur halb so fatalistisch waren wie Jack, versprach das Bombenstimmung im Bus.
Außerdem fiel dann die Beachparty aus.
Dieser Name klang eher nach St. Tropez und Panama City Beach, als würden dort Menschen in Strandkleidern mit Cocktails in der Hand flanieren und atmosphärische Gitarrenmusik erzeugen. Tatsächlich bedeutete es, auf der Rückfahrt zufällig an einem kurzen Flussarm zu halten und ins Wasser zu springen, der auf dem Weg lag, und ebenfalls zufällig war ein Kasten Bier da und nach einer Stunde stieg man wieder in den Bus und legte die restliche Strecke nach Hause zurück. Juckte die Schulleitung offenbar nicht, und Rutledge auch nicht, der fuhr immerhin.
Aber bei Gewitter würden sie das eher nicht tun, nicht mal, wenn sie alle schweißverklebt und dreckig waren und eine akute Geruchsbelästigung darstellten. Und nicht nur wollte Jack wirklich gern ein Bad im Freien, er wollte auch eventuell sehen, wie Gabriel von einem Baumstamm ins Wasser sprang und glitzernd und tropfend wieder auftauchte.
Leider durfte Jack offiziell keine schönen Dinge mehr haben. Keine Badetour. Kein Arschbombenwettbewerb. Kein Bierdosenzerdrücken am Kopf. Na gut, auf letzteres konnte er auch verzichten.
Auf noch mehr sexuelle Frustration eigentlich auch.
Jack starrte verdrossen vor sich hin, während er auf seinem Bett saß und auf seine Knie trommelte. Seine Sporttasche lag gepackt vor ihm, seine Eltern waren weg, der Pickup stand aufgeladen vor der Haustür, aber es war noch zu früh, um schon loszufahren. Und zu spät, um noch etwas Sinnvolles zu tun.
Er nahm lustlos sein Holopad zur Hand, um durch Spanischvokabeln zu scrollen, die einfach nicht in seinem Gedächtnis haften wollten – jedes Wort las sich gleich, sprach sich dann völlig anders und... er war unkonzentriert. Ana würde sagen, er brauchte eine bessere Organisationsstrategie, aber er war selbst zu unkonzentriert, um sich die auszudenken.
Jack warf einen weiteren Blick auf die Uhr. Er war angespannt wegen der neuen Position und Akande und diesem ganzen Captain-Scheiß, konnte er nicht wenigstens kurz mal etwas durchatmen-
Huh, warum eigentlich nicht. Dieses ganze Wochenende würde anstrengend und frustrierend werden, wenn er also etwas von diesem Frust abbauen konnte, profitierten alle. Er hatte noch etwas Zeit übrig und war allein, und es würde ihm helfen, den Kopf freizukriegen, wenn er sich mal mit sich selbst beschäftigen konnte.
Jack biss sich auf die Lippe. Trotz dieses Gedankens fühlte er sich, als würde er etwas Falsches tun, als er das Holopad weglegte und sich langsam rücklings aufs Bett sinken ließ. Sein Knie wippte unruhig, seine bloßen Füße drückten ihre Zehen in den weichen Webteppich, der den Holzfußboden vor dem Bett bedeckte. Seine Zimmerdecke starrte grau und leer zurück, und da war der Mickey-Mouse-förmige Wasserfleck, wo im Gästebad mal ein Rohr geplatzt war...
„Warum kümmert dich, was ich glaube?“ wiederholte Gabriel leise, während er seinen Kopf zwischen Jacks Blick und den Wasserfleck schob. Dunkle Haarsträhnen fielen in seine Stirn, und er stützte einen Arm auf der Matratze quer von Jack auf, sodass er sich über ihn lehnte. Sein Gewicht drückte das Polster herunter, Jacks Atem stockte in einem hilflosen kleinen Pfeifen.
Gabriel grinste raubtierhaft und beugte sich etwas tiefer, sodass Jack das spöttische Glitzern in seinen Augen sehen konnte.
„Komm schon, Morrison... Lass den Druck ab.“ Er lachte leise und tief. „Falls es dir hilft – glaubst du echt, du bist der einzige in diesem Kaff, der an mich denkt, wenn er wichst?“
Jack kniff die Augen zu und ächzte, während sein ganzes Gesicht förmlich vor Hitze kribbelte. „Stellst du dir etwa vor, wie sich andere dich vorstellen?“
Sein Tonfall transportierte vielleicht nicht das richtige Maß an Befremdung, denn Gabriel lachte erneut, noch leiser und noch tiefer. „Die Uhr tickt,“ sagte er statt einer Antwort. „Du willst doch nicht etwa nur reden?“
Gott, sogar seine Fantasie von Gabriel verarschte ihn nach Strich und Faden. Es war nicht fair.
Jack öffnete die Augen wieder und hob die Hände, um sie an Gabriels bärtige Wangen zu legen: er stellte sich vor, wie der Bart seine Handflächen kitzelte, drahtig und weich zugleich, und wie Gabriel für einen langen Moment überrascht war, dort berührt zu werden.
Jack sagte nichts. Seine Fingerspitzen fuhren mit einem leisen Knistern über das kurzgeschorene Haar an den Seiten des Schädels und erreichten dann die schweren, seidigen Strähnen weiter oben, in denen er sich vergraben konnte. Er zog, auffordernd, doch Gabriel beugte sich nicht tiefer zu ihm herab, ließ sich nicht küssen; stattdessen schmunzelte er, eine Spur herablassend wie immer, und packte Jacks Schritt so abrupt, dass dieser schwor, das Jersey seiner Jeans habe Abdrücke in seiner Haut hinterlassen.
Jack keuchte und rollte mit den Hüften, sich selbst nicht sicher, ob er aufforderte oder schon bettelte. „Gabe.“ Es fühlte sich fremd an auf seiner Zunge. Kurz und weich, wie Gabriels Haar. Fremde Finger hakten sich unter den Hosenknopf, besaßen aber noch nicht die Gnade, ihn auch zu öffnen.
„Gabe.“ Jack versuchte es erneut. Mit jedem Mal fühlte sich der Name... besser an. Sein Mund war trocken, seine Zunge schwerfällig vor Erregung, aber das war etwas, das er herausbekam. „Gabe.“
„Du redest ja schon wieder.“ Gabriel drückte seinen Handballen gegen die Front von Jacks Jeans, wiegte die kleine Kuhle zwischen Handkante und Daumenballen beunruhigend präzise über die Spitze von Jacks hartem Glied. „Ich hör' dir zu, chico.“
Gabriel drehte den Kopf und öffnete den Mund, um – oh Gott – seine Zungenspitze langsam über die Innenseite von Jacks Unterarm gleiten zu lassen, heiß und feucht und doch so deplatziert...
„Gabe,“ Jack gab zu, dass es fast ein Wimmern war. „Zeig'...“ Er schnappte nach Luft, als Gabriel seine Hose öffnete und seine Fingerspitzen unter den Bund der Boxershorts tauchten.
„Mhm?“ machte er freundlich, drückte einen Kuss gegen Jacks bläuliche Venen. „Was soll ich dir zeigen?“
Es war so wahnsinnig schwer, Worte zu formen. Jacks Zunge fühlte sich zu groß für seinen Mund an, und er kniff vor Frustration und Lust die Augen zu. „Zeig' mir,“ murmelte er undeutlich.
„Zeig's mir, Tiger?“ hörte er Gabriels amüsierte Stimme, jetzt viel näher. „Okay...“
In diesem Moment vibrierte Jacks Handy energisch und zerriss die Fantasie abrupt.
Jack fuhr so heftig hoch, als wäre gerade seine gesamte Verwandtschaft mütterlicherseits im Zimmer aufgetaucht, und nur durch schieres Glück klemmte er sich bei dieser unbedachten Bewegung nicht die Erektion, die er voll Schuldbewusstsein losgelassen hatte. Als hätte der Anrufer ihn wirklich bei etwas ertappt.
Und... Fuck. Obwohl seine vollkommen unrealistische Fantasie von Gabriel Reyes nur das sehr einfache Spanisch sprach, das Jack schon gelernt hatte, und noch absurder, 'Teach me, Tiger' von vor schlappen plusminus hundert Jahren zitierte, war er... unfassbar erregt deswegen. Und Jack kannte seine Standard-Fantasien mit ihren stereotypen Szenarien, die ihn nie so schnell mitrissen wie die bloße Vorstellung von keinen expliziten Tätigkeiten mit dem anderen.
Tatsächlich mit Gabriel zusammenzusein würde ihm wohl einen Herzinfarkt bescheren. Trotzdem hatte Jack das Gefühl, dass das gerade unvernünftig verlockend geworden war.
Er stöhnte, diesmal aus Verzweiflung, und stützte den Kopf in die Hände, um sich das Haar zu raufen. Sein Handy lärmte immer noch, und er wollte da wirklich nicht drangehen... Aber er war jetzt der Captain. Er musste so kurz vor dem Spiel erreichbar sein. Scheiße.
Er stürzte das Glas Wasser auf seinem Nachttisch herunter und schloss sehr vorsichtig wieder seine Hose, bevor er gottergeben sein Handy heranzog – ohne Videochat, er musste sich aktuell nicht noch mehr demütigen. „Ja?“
Jack krümmte sich beim Klang seiner eigenen Stimme – heiser und belegt, als wäre er gerade wirklich kurz vor lebensverkürzendem Sex mit einem Cheerleader gewesen – doch bevor er sich räuspern konnte, leuchtete sein Display lebhaft auf.
„JACK!“
Er ließ bei dem dröhnenden Laut beinahe das Gerät fallen.
„Reinhardt,“ murmelte er überrascht: er hatte beim Annehmen des Anrufs nicht darauf geachtet, wer es war, zu gedrückt von seinem ertappten schlechten Gewissen. „Oh... Hi.“
„Warum sehe ich dich nicht?! Ah, ist ja auch egal. Du bist Captain!“
Obwohl es völlig legitim war, dass Reinhardt dieses Amt nicht mehr hatte, vermutlich mittlerweile sogar ein besseres hatte (in einer professionellen College-Mannschaft), zuckte Jack zusammen. Er kam sich vor wie ein Usurpator, weil... Reinhardt immer ihr Captain war. Selbst nach seinem Abschluss. Er fehlte, und ein diffuses Schuldgefühl hatte Jack davon abgehalten, mit ihm Kontakt aufzunehmen, seit er den Posten hatte.
Hatte sich nun erledigt.
„Ja,“ murmelte er matt. Wenigstens brachte das seinen Körper zuverlässig runter. „Nicht meine Idee.“
„Das ist GROßARTIG!“ donnerte Reinhardt durch die Leitung, so viel Eifer in seiner Stimme, dass Jack das Gefühl hatte, etwas verpasst zu haben. „Was denn?“
„Dass du endlich ein Team führst! Das hättest du längst tun sollen! Wo hast du deinen Kopf?!“
Ah, hm. Vielleicht sollte man mit Blutmangel im Gehirn keine Anrufe beantworten. Außerdem war Jack ziemlich sicher, dass Reinhardt auf die letzte Frage keine Antwort haben wollte, es sei denn, er hatte den anderen jahrelang falsch eingeschätzt.
„Ich bin etwas nervös,“ erwiderte Jack lahm – nicht, dass es gelogen wäre. Er atmete tief durch und räusperte sich diskret. „Wie geht es dir?“
„Gut, gut!“ Das war eigentlich die übliche Antwort, wenn man Reinhardt nach seinem Befinden fragte. Jeder Mensch hatte schlechte Tage, doch Reinhardt fand selbst die 'gut'. Nur eben in der Einzahl. „Was soll das heißen, du bist nervös?!“
Das war das Wunderbare... und gleichzeitig Problematische an Reinhardt. Er hatte unverbrüchlichen Glauben in andere, als wäre Versagen unmöglich. Und obwohl er zu intelligent war, um zu glauben, dass wirklich jeder alles schaffen konnte, weigerte er sich in vielen Fällen einfach, Platz für Zweifel zu lassen.
Jack tat das auch manchmal, doch er könnte es nie mit so viel Elan durchziehen wie Reinhardt. Und im Mannschaftssport waren das die entscheidenden Prozente.
„Bisschen Lampenfieber, sonst nichts.“ Jack verlagerte unbehaglich sein Gewicht und schielte auf die Uhr. „Was machst du?“
Am anderen Ende der Leitung schlug Reinhardt krachend auf etwas, das unter der Wucht erzitterte – die nette Smalltalk-Frage ging fast darin unter. „Ich wollte dir Zeit lassen, mir die guten Neuigkeiten selbst zu sagen, aber das tust du nicht, also – wie kannst du glauben, dass du das nicht hinkriegen kannst? Du bist ein Anführer, Jack, das habe ich immer gesagt!“
Jack wollte kein Anführer sein. Er war nur lieber ein Anführer als ein Arsch. Und idealerweise war er dabei... mehr Anführer als Arsch, doch das zu beurteilen lag nicht bei ihm. „Rein...“ Wie viel entspannter wäre diese Situation, wenn Reinhardt in seiner Quarterback-Montur vor ihm stehen und mit ihm das kommende Spiel besprechen würde, so wie sonst? Keine Selbstzweifel, keine Nervosität, keine Verantwortung. Nur Spaß, Kampfgeist, gutes Adrenalin: all das, was aktuell knapp war.
„Ich krieg' das hin. Ich krieg' es nur nicht so gut hin wie du.“
Jack war sich sicher, dass er einen ruhigen, zuversichtlichen Tonfall ohne Selbstmitleid angeschlagen hatte, denn hey, man musste nicht immer in allem die volle Punktzahl haben.
Deswegen war Reinhardts in die Leitung krachendes „Unsinn!“ fast schon aggressiv.
„Du brauchst doch nicht zu kapieren, wie man es richtig macht, um es richtig zu machen!“
„Ich kann dir nicht folgen.“
„Du bist anders als ich!“ Immer noch klang Reinhardt in seiner Vehemenz geradezu wütend. Wahrscheinlich drohte er seinem Handy gerade mit einem empörten Zeigefinger und einer gereckten Faust. „Türlich bist du das, deine Haare sind nicht mal seidig-“ „Hey!“ -“und du musst immer noch mehr essen und hörst komische Musik! Was davon macht dich zu 'nem schlechten Anführer?!“
Jack rieb sich die Stirn und hielt die Finger von seinem Haar fern, um nicht zu prüfen, ob es wirklich so viel kratziger als Reinhardts war. Es war unfair, niemand hatte so eine Löwenmähne... „Weißt du, das ergibt immer noch keinen Sinn.“
„Exakt!“ Reinhardt hämmerte auf die geplagte Unterlage an seinem Ende der Leitung und hob die Stimme um noch ein paar Dezibel. „Du bist ein guter Captain! Kein bloßer Mangel an Alternativen! Jeder weiß das, außer einer Person, und die bist du!“
Fast jeder Satz von Reinhardt endete mit einem Ausrufungszeichen – seltsamerweise wurde er dadurch nicht einfach unglaubwürdig. Selbst jetzt spürte Jack seine eiserne Überzeugung, sogar auf die Ferne und ohne die Videoübertragung. Es war ein ähnliches Gefühl wie in der Bibliothek, als er Angela gegenüber zugegeben hatte, dass ihn seine Pflichten nervten.
Aber selbst ihr hätte er nicht gesagt, dass er Angst davor hatte, es zu versauen. Dass die Menge Verpflichtungen nur die Hälfte waren.
„Hast du angerufen, um mir das zu sagen?“ Jack schrubbte sich über Wangen und geschlossene Lider, bis bunte Funken hinter ihnen flackerten. „Jetzt?“
„Nein!“ verkündete Reinhardt stolz. „Um mit dir zu reden.“
„Mhm. Das ist meist der Grund eines Anrufs, und ich muss langsam-“
„Weil du,“ unterbrach Reinhardt ihn ungebremst, „schon wieder versuchst, alles allein zu machen. Und ich weiß nicht, ob du das machst, um keinen zu belasten oder weil du denkst, dass sie das nicht schaffen. Aber du bist nicht allein! Ob du es willst oder nicht!“
„Rein-“
„Du bist nicht allein!“ Reinhardt ließ seine Faust noch einmal auf die Unterlage krachen, und irgendwo knirschte Material bedrohlich. „Und jetzt geh' da raus und führe dein Team! Und sag'... Ana, dass ich Hallo gesagt habe.“
Nicht einmal dieser etwas gebremstere Nachtrag half so völlig gegen das dumme Grinsen, das Jacks Gesichtsmuskeln in Beschlag nahm, auch wenn er sich verbot, amüsiert zu sein. „Verstehe, es geht dir gar nicht um mich. Das tut weh.“
„Trödel' nicht rum, Captain Morrison.“ Reinhardt schnaufte zur Untermalung seiner Worte in die Sprechanlage, beendete seinen Satz aber ausnahmsweise nicht mit einem Krachen.
Es war das erste Mal, dass dieser Titel nicht klang, als gehörte er jemand anderem.

Der Mannschaftsbus der Unity Soldiers war ein mittelmäßig gut erhaltenes Ding mit immerhin Panoramafenstern als Dach, die man kippen und dunkler stellen konnte, und einer Toilette, die man nicht benutzte, wenn es nicht absolut unbedingt sein musste. Eine Tatsache, die manche der neuen Cheerleader gerade feststellten, als Jack eintraf.
Er nahm nicht zur Kenntnis, wie Gabriel am Heck des Busses stand und mit Jesse redete. Oder dass er grinste und die Stimme senkte und Jesse kurz auflachte. Gar nicht.
„Jack!“ Isak entdeckte ihn und schlug ihm auf die Schulter, als wollte er sich vergewissern, dass Jack keine Halluzination war. „Sieh dir das an!“
Der Schulparkplatz war relativ leer, abgesehen von den paar Autos der Spieler und Cheerleader, und etwa drei Viertel waren bereits da, warteten allerdings außerhalb des Busses – warum auch einsteigen und sich von jeder Luftzufuhr abschneiden, bevor man das musste. Jack fand nichts Bemerkenswertes, er war nur beruhigt, dass Akande bereits da war und die Welt um sich herum ignorierte.
„Was?“
Ludvig grinste. „ Ich meine, Amélie ist zwar nicht da... Aber der Bus wird voll!“
Oh, hm. Normalerweise füllte eine Footballmannschaft keinen Bus aus. Rutledge hatte eine simple Regel, die sich zusammenfassen ließ mit 'Bist du kein Spieler, fährst du nicht mit', und die obligate Ausnahme dieser Regel lautete: 'Wer mehr als 200 Milliliter Blut pro Minute verliert, kann sich melden'.
Und früher waren die Cheerleader eine überschaubar kleine Truppe gewesen, also war der Bus nicht voll besetzt gewesen. Ganz davon zu schweigen, dass Rutledge keine Co-Trainer tolerierte, keine Masseure, keine Maskottchen und nein, auch keine noch so handlichen kleinen Roboter oder niedlichen Hunde.
Jetzt... Nun. Würde kuschelig da drin. Und das bei dem Wetter. Und einer praktisch nicht benutzbaren Toilette.
„Das wird super!“
Ludvig war viel optimistischer eingestellt als Jack, oder er hatte ein anderes Verhältnis zu dem Gemisch von Schweiß und Talg bei Abwesenheit von Sauerstoff. Und Jack nahm regelmäßig einen Bus, er beklagte sich so leicht nicht. Amélies Abwesenheit schien die Cheerleader zwar auch zu bedrücken, doch nachdem sie gerade mit den anderen aneinandergeraten war, war es noch weniger überraschend als eh schon, dass sie fernblieb.
Wahrscheinlich war es besser, dass er keine Musik hören konnte – das fiel nicht unter 'Präsenzzeigen', wie Reinhardt es immer getan hatte. Mit eiserner Selbstkontrolle ließ Jack seinen Blick nicht auf Gabriel verweilen, wie dieser den Saum seines schwarzen T-Shirts vom Bauch pellte, um Luft darunter zu lassen, sondern klatschte schallend in die Hände. „Soldiers zu mir!“
Ein Teil von ihm war immer noch überrascht, dass sich daraufhin Menschen zu ihm bewegten. Er bildete sich nur ein, dass der Teil langsam kleiner wurde.
Football-Spieler in Freizeitkleidung sammelten sich um Jack, ein paar von ihnen waren sogar tapfer genug, ihre Lettermans um die Hüften geknotet zu haben. Die Jacken mitzuschleppen war irgendwie ein Teil des Aberglaubens, selbst Jacks steckte zusammengerollt in der Sporttasche, die er eben in die Gepäckluke des Busses gestellt hatte.
„Hey.“ Brian schnippte mit den Fingern, als wollte er sich im Unterricht melden. „Was macht der Freak hier?“
Jack sah über die Schulter, kurzzeitig aus dem Konzept, bevor er überhaupt mit seiner Besprechung hatte anfangen können – und entdeckte Jamison, der auf den verblichenen Trittstufen des Busses saß und sehr beschäftigt schien, die Schnürung seiner schweren Wanderschuhe kreuz und quer neu zu arrangieren.
Nun, Jack hatte auch keine Ahnung, warum er ausgerechnet hier war, aber es ging ihn auch nichts an. Das hier war ein stickiger Parkplatz bei einer Luftfeuchtigkeit von gefühlt hundert Prozent; wenn Jamison das gegen eine Eisdiele mit Klimaanlage eintauschte, war das sein Bier. „Ist doch egal. Akande, du-“
„Ernsthaft?“ Cutter runzelte die Stirn. „Will der etwa mitkommen?“
„Halt die Klappe,“ beschied Jack ihn mit einem freundlichen Lächeln, dessen Unehrlichkeit er seiner Unterversorgung an entspanntem Musikkonsum zuschrieb. „Ist für das Spiel wichtig, ob und wer außer uns gerade hier ist?“
Cutter hatte offenbar nicht mit dieser Reaktion gerechnet, und Jack war nahezu überrascht, dass es ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen schien. „Als würde Rutledge uns erlauben-“
„Dann frag' den Coach, aber unterbrich mich nicht.“ Jack spürte das Erstaunen ringsum immer noch, und es verriet ihm etwas Unangenehmes: dass er zu oft tolerierte, unterbrochen zu werden. Etwas, das das Team bei Reinhardt nicht getan hatte – und nicht nur, weil seine normale Gesprächslautstärke ein paar Dezibel über Jacks lag.
Cutter machte ein frustriertes Geräusch und wandte sich von der Gruppe ab und Jamison zu, der keine Notiz von dem Gespräch ein paar Meter entfernt zu nehmen schien. „Scheiß drauf. Wird Zeit, dass-“
Jack hätte ihn aufhalten müssen; nicht nur, weil er nicht hinnehmen konnte, dass seine Autorität untergraben wurde, wenn sie als Team agieren mussten, sondern auch, weil er es nicht einfach zulassen konnte, wenn vor seinen Augen jemand anders drangsaliert wurde. Und er nahm gutmütig an, dass er nicht der einzige wäre, dem es so ging.
Doch bevor Cutter nennenswert weit kam, kollidierte er ruckartig mit Rutledges massiger Gestalt, die ihrem Volumen zum Trotz aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien. Obwohl das Ungleichgewicht zwischen einem kräftigen, hochgewachsenen Footballspieler und einem dicken Hünen nicht so klaffend war wie sonst, stolperte Cutter einen halben Schritt zurück, während Rutledge sich keinen Millimeter rührte.
„Ich unterbrech' den Schwanzvergleich ja wirklich nur ungern,“ schnaufte der Coach, und seine schmalen Augen bohrten sich durch Cutter in die anderen Spieler. „Aber das Kaffeekränzchen muss warten. Steigt in den Scheiß-Bus, Ladies.“
„Haben Sie 'Ladies' eben als Beleidigung gemeint?“
Jack nahm es mit mangelnder Disziplin und Mobbing-Versuchen seiner Teamkollegen auf, auch mit Pep-Talk und einer beschissenen Position.
Er nahm es nicht mit Rutledge auf, um Gender-Fragen und politische Korrektheit zu erörtern. Ja, er war'n Feigling. Angst vor Rutledge zu haben war kein Straftatbestand, denn das hatte jeder.
Außer Zarya, anscheinend. Was zum Teufel. Die Kraftsportlerin hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah zu Rutledge auf, den Kopf schiefgelegt und die Augenbrauen hochgezogen. Auf ihrem Top war ein gekreuzigter Teddybär aus Strass aufgedruckt, der gequält über ihre Arme spähte.
„Nein,“ grunzte der Coach knapp.
„Ihre Mannschaft besteht aber aus männlichen Schülern.“ Ella bezog neben Zarya Stellung und schürzte die Lippen, während ihr Team sich subtil zu formieren begann – Jack riskierte einen Blick auf Gabriel, doch der grinste nur, offenbar nicht nachhaltig beunruhigt.
Er kannte ja auch Rutledge nicht.
„Ist das so.“ Rutledge kratzte sich die Seite seines Bauches, wo irgendwo seine Rippen situiert waren. „Donnerwetter.“
„Meinen Sie also auch uns mit 'Ladies'?“
Selbst Akande schien das Gespräch jetzt zu verfolgen – vielleicht aus Ungeduld, oder vielleicht war er ähnlich bizarr-fasziniert von diesem Diskurs wie Jack.
Wenn er sich nicht irrte, filmte Shakti das gerade.
Gabriel meldete sich mit erhobener Hand in spöttischer Artigkeit, während Jack von der Reglosigkeit von Rutledges Rücken ableitete, dass dieser gerade noch in Gedanken bis zehn zählte und nicht versuchte, sich ein Opfer auszuwählen. „Wenn ja, Sir, würden Sie davon bitte abweichen? Ihr Team sind die Ladies, meins nicht.“
Nun war es klassisch so, dass Footballspieler traditionell als Inbegriff der Männlichkeit galten (das zählte doppelt für ihre Selbstwahrnehmung), und auch wenn die Zeiten sich quälend langsam änderten, sagte man ihnen selten ins Gesicht, dass man sie für weibisch hielt. Und wenn man das tat, dann untereinander, freundschaftlich... nicht im wahrsten Sinn des Wortes vor versammelter Mannschaft plus Trainer. Das musste sogar friedliche Typen wie die Lindholms provozieren.
Was vermutlich genau Gabriels Absicht war, seinem Grinsen nach zu urteilen.
„Und das von dem Typen, der sich für seinen Tuntensport den Schwanz in so'n Tütü presst?“ Brian machte eine vielsagende Geste, während Ludvig noch zornig knurrte. „Spürst du ihn überhaupt noch?“
„Wüsstest du das gern?“ Gabriel drückte die Zunge seinerseits bildlich hinten gegen die Zähne und grinste über Ludvigs empörtes 'Spinnst du?!' hinweg – dann wurde das Stimmengewirr zu dicht, um Äußerungen jedem zuordnen zu können. Das Wetter trug seinen Teil zur Reizbarkeit bei, aber Jack machte sich nichts vor: das hier wäre nie friedlich und erwachsen ausgegangen. Der Schlüssel zu einem guten Teamzusammenhalt war leider meist, sich gegen jemanden zu verbünden... nur was dieser jemand sonst immer das Gegnerteam, nicht die eigenen Unterstützer.
Ruhe!
Wenigstens die Lindholms wurden still – vielleicht erinnerten sie sich noch an 'Scary Jack', wenn er hungrig und unausgeglichen und verschwitzt war. Heute war er nur zwei von dreien, doch es reichte, um den Lärmpegel herunterzudrehen; wenigstens auf dieser Seite.
Jack konnte nicht versuchen, nicht wütend zu sein.
„Weißt du, Miller,“ grollte er, und seine Stimme klang mit seiner Wut noch etwas spröder als sonst, während er Brian fixierte, „ich glaube, das Tight End ist heute zu tuntig für dich. Du kannst deinen Arsch heute auf der Bank lassen.“
Das errötete Gesicht des jungen Mannes wurde nahezu violett. „Das kannst du nicht-“
„Doch.“ Jack ignorierte, dass die Cheerleader in seinem Rücken immer noch nicht still waren. „Chopra, hast du genug für's Familienalbum oder kannst du auch spielen?“
Shaktis Hand mit dem Handy erschlaffte erschüttert, während sein Gesicht erstaunlich farblos wurde. „Was?“ Auf Jacks bohrenden Blick hin fügte er hastig hinzu: „Ja!“
„Moment! Coach, wieso?!“
Aus den Augenwinkeln nahm Jack Rutledges kühlen Fokus wahr: der Coach entschied die Aufstellung. Der Captain konnte ein Mitspracherecht haben, und Reinhardt hatte eins gehabt, doch Jack schien noch nicht weit genug für dasselbe Privileg zu sein. Rutledge konnte all das mit einem einzelnen Wort wieder einreißen und Jacks Autorität zugunsten seiner eigenen einschmelzen.
Der Hüne schnaufte und hustete trocken in die hohle Faust. „Ihr habt den Captain gehört,“ brummte er, und seine fleischigen Lippen zuckten. „Und ihr wolltet ihn,“ fügte er nur halblaut hinzu, bevor er die Stimme wieder hob. „Schluss jetzt mit dem Tratsch. In den Bus.“
Wie immer hatte Jack keine Ahnung, ob Rutledge sein Verhalten billigte oder schlichtweg zu genervt oder zu gleichgültig gewesen war, um sich selbst um eine Konfliktlösung zu bemühen... und im Grunde war es ihm auch egal. Es ließ sich nicht rückgängig machen, und wenigstens jetzt schien es auch wie das Richtige.
Wenn er den Job schon machte, wollte er auch die wenigen Vorteile auskosten.
Jamison war nicht mehr auf den Trittstufen, als Jack sich dem Bus näherte, allerdings steckte er in einer anatomisch höchst anspruchsvollen Position im Fußraum des Sitzes direkt hinter dem Fahrersessel – und hielt sich die Augen zu, als bedeutete das, dass ihn niemand sehen konnte.
Rutledge musste ihn durchaus gesehen haben, doch entweder war er nicht bereit, sich so bald wieder mit Teenagern zu befassen, oder er fand Jamison weniger anstrengend als Sportler. Diese Meinung hätte er exklusiv, aber... wenn das Jack mal nicht am Arsch vorbeiging.
„Morrison.“
Er hatte es nicht geschafft, Akande die Freude der Vornamenbenutzung begreiflich zu machen, doch er arbeitete daran. Nur nicht jetzt. Jack nahm den Blick von der schmalen Bustür und einsteigenden Spielern (und immer noch tuschelnden Cheerleadern), um Akandes frustrierend undurchdringlicher Miene zu begegnen. „Ja?“
Der andere presste einen Moment lang die Lippen zusammen. „Zorn,“ sagte er bedächtig und missbilligend zugleich, „ist kein guter Ratgeber.“
Huh. Jack hatte nicht gerade eine High Five erwartet, aber einen Tadel – er war instinktiv genervt von dieser Einmischung, denn was hätte er tun sollen?! Zulassen, dass-
Er musste zugeben, dass er nicht genau beziffern könnte, wessen Kränkung er eher hatte verhindern wollen... Eine gegen die Cheerleader oder vor allem gegen Gabriel.
Das muss aufhören. Rückgrat.
Jack produzierte ein sonniges Lächeln, nachdem ihm nicht gerade der Sinn stand, aber von dem er wusste, dass Menschen es meist für ehrlich hielten. „Manche Ansagen werden nicht ernst genommen, wenn sie nicht mit Schärfe gemacht werden.“
Akande zog die Augenbrauen hoch. „Ist das so?“
Wenn er wissen wollte, ob Jack diese an Aggression grenzende Leidenschaft an den Tag legen konnte, die Reinhardt hatte, dann – nein, konnte er nicht. Aber, Pluspunkt, Akande kannte Reinhardt offenbar nicht, immerhin war er auf einem Austausch. Er verglich also auch nicht Jack mit ihm.
Jack zuckte mit gespielter Lässigkeit mit den Achseln; er bildete sich ein, dass er darin besser wurde, seit professionelles Lügen sich in seinem Verhalten häufte. „Hab' ein bisschen Vertrauen?“
Akande brummte skeptisch und enthielt Jack somit vor, ob er zufriedengestellt war oder ein Fettnäpfchen als getreten betrachtete, doch zumindest wandte er sich ab und stieg in den Bus.
War es gierig, sich zu fragen, ob Zarya vielleicht einen ähnlich unkomplizierten Bruder hatte, der an Football interessiert war? Jack seufzte und schwang sich als einer der letzten die Stufen hoch, um sich nach einem Platz umzusehen.
Wie befürchtet hatten die beiden Teams sich getrennt wie Öl und Wasser: früher waren die Sitzplätze auch nicht unbedingt durchmischt gewesen, je nach dem, wer gerade mit wem zusammen war und wer unauffällig danach trachtete, einen fliegenden Wechsel beim Partnerstatus zu machen, aber es gab auch keine ungeschriebene Regel, Cheerleader und Footballer nicht ins selbe Sitzpaar zu lassen. Man versuchte nur, sich auf der Fahrt nicht permanent ins Ohr zu schreien.
Jetzt offenbar schon. Die Football-Hälfte des Busses war hinten, wo man die Fenster etwas weiter kippen konnte und im Schnitt mehr alte Kaugummis als Stoffbezug auf den Sitzen waren, und die Cheerleader waren vorn. Wegen ihres Teamzuwachs' verlief keine besonders akkurate Grenze von leeren Sitzen, doch die Ausrichtung der Anwesenden sagte genug.
Was würde Reinhardt tun? Zweifellos würde er sich mitten im Gang aufbauen und alle herzhaft anbrüllen. Und zwar so lange, bis keiner mehr Widerworte gab und alle sich irgendwie albern dabei vorkamen, wie man jemals herumgejammert hatte. Wenn jemand so energetisch und laut sein konnte und sein Haar so malerisch-schwungvoll lag, trotz tropischer Luftfeuchtigkeit, wollte man da wirklich der sprechende Eiterpickel sein, der keinen Spaß hatte?
Aber Jack brüllte für seinen Geschmack schon zu viel, und sein Haar imitierte die Ringe des Saturn.
Fakt war, er hatte gerade Wogen erzeugt und ein Spiel zu bestreiten, für das er sein Team einschwören musste. Akande hatte insofern Recht: wenn er wirklich den Eindruck erweckte, Spieler aus einer Laune heraus zu bestrafen, würden sie sich noch wünschen, ihn nie zum Captain gedrängt zu haben.
Verlockend, aber Reinhardts gekränkter Appell klang noch in Jacks Ohren nach. Er räusperte sich und hielt sich an den beiden Sitzlehnen vorn im Bus fest, als Rutledge den Bus mit einem spuckenden Zischen der Schubdüsen anwarf und das Gefährt sich stotternd noch eine Handbreit höher hob.
Jamison nahm im Fußraum eine fast übertrieben aufmerksame Haltung ein, während er mit eidechsenhafter Schnelligkeit einen Geldschein in seiner Tasche verschwinden ließ.
Das lokale Drogenbusiness in den nächsten Ort zu schleppen war bestimmt... okay. Die rauchten ihr Gras ja alle nach dem Spiel. Sonst würde Jack Köpfe abreißen und mit ihnen einen Touchdown erzielen. Mit. Jedem. Einzelnen.
„Uh, hey.“
Jack registrierte vorwiegend Aufmerksamkeit und wertete das als gutes Zeichen, auch wenn ihm viel eher danach war, sich in die Ecke eines Fenstersitzes zu klemmen und sich so wenig wie möglich zu betätigen, um seine Energie einzuteilen. Er fand immer noch kein Vergnügen daran, so viele Augen auf sich gerichtet zu haben.
Warum hatte er nicht daran gedacht, Reinhardt konkreter um Rat zu fragen? Ach ja. Situation. Jack war bestimmt wirklich nicht der einzige, der sich Details davon ausmalte, wie Gabriel zum Abkühlen den Saum seines Shirts lüftete.
„Viel Glück heute.“ Jack erwog tatsächlich, einen der wilden Begriffe wie 'Ruhm' und 'Schlacht' unterzubringen, wie Reinhardt das tat, entschied sich aber schnell dagegen. „Ich bin… echt gespannt, wie wir heute zusammenarbeiten. Einige von uns sind heute auf 'ner neuen Position,“ Jesse schob den Zahnstocher in den anderen Mundwinkel, und irgendwo regte sich Wehmut in Jack, „und noch kann 'ne Menge schiefgehen,“ Ella zog eine finstere Miene, „aber ich bin ziemlich sicher, dass es gut wird.“ In seinen eigenen Ohren klang er wie ein Fernsehprediger, dennoch fügte Jack entschieden hinzu: „Geben wir alles!“
Sein Team antwortete solidarisch (aber hoffentlich nicht nur deswegen) mit einem Aufstampfen, gefolgt von drei kräftigen Schlägen auf die Oberschenkel – ein Ritual, bei dem sich manche der neuen Cheerleader mit einem befremdeten Blick umdrehten.
Ein ordinärer Pfiff schnitt in das letzte Drittel des Klatschens, und Jack brauchte nicht zu sehen, wie Gabriel Daumen und Zeigefinger wieder von den Lippen zog, um zu wissen, wer das gewesen war – doch noch bevor er herausfand, welcher Natur das Geräusch war, traf eine Faust schallend in eine flache Hand und löste den Pfiff als neustes Geräusch ab.
Zarya grinste über eine Rückenlehne hinweg und wiederholte die Geste mit der anderen Hand. „Wenn heute scheiße läuft, du kannst zumindest bei uns mitmachen!“ Sie drehte sich zum hinteren Teil des Busses um und zwinkerte unter ihrem tapferen, bonbonrosa Lidschatten. „Rest von euch muss erst vortanzen.“
Einen Moment lang war es so still, dass man das Rattern der Sprungfedern im Getriebe hören konnte.
Dann entfuhr Jamison ein derart schrilles, lautes, kreischendes Auflachen, dass es in den Ohren wehtat und sich bis ins Mark bohrte, ein den ganzen Bus ausfüllendes, scheußliches Geräusch.
Unbegreiflicherweise war es vollkommen unmöglich, nicht mitgerissen zu werden.
Jack hätte nicht mal genau sagen können, was lustig war. Vermutlich konnte das hier keiner. Nervosität, Aggression, Aufregung, Vorfreude und unbestimmbare weitere Emotionen kumulierten sich und beim Kontakt mit dem absurden Zeitpunkt explodierten sie in brüllendem Gelächter, das diese leicht hysterische Note hatte.
Jack gluckste immer noch dümmlich, als er ein paar Mal nachlässig applaudierte und zu einem freien Platz am Ende des Busses wankte. Vernetzung war gut und schön, aber er hatte auch mit seinen eigenen Leuten ein bisschen Boden gutzumachen... und sein Zwerchfell tat weh.
„Wenn du mit so 'ner Rede nicht Präsident wirst, weiß ich auch nich'.“ Jesse grinste und wedelte mit seinem zerkratzten Handy. „Ist schon für die Ewigkeit festgehalten.“
Jack war etwas zu reizüberflutet, um sich darüber zu ärgern, dass jemand Zeit gefunden hatte, das zu filmen – vorerst lehnte er sich nur zurück und kurbelte seinen Mittelfinger hoch. „Mach's besser, Cowboy.“
„Wobei, ernsthaft,“ Isak grinste immer noch, lehnte sich aber vertraulich zu Jack herüber. „Deine Thronrede für Homecoming wird schon besser, oder?“
Gott, war dieses Thema immer noch nicht durch... Jack schnaufte und fuhr sich über sein zerzaustes Haar, verschmierte seine unauffällig abgewischten Lachtränen irgendwo dort. „Wer auch immer sie hält, hat mein volles Mitgefühl.“
Er ignorierte die bedeutungsvollen Blicke, die manche bei seinen Worten tauschten, und übte sich in Optimismus, je weiter der Bus auf der Landstraße entlangsurrte.

'Auswärtsspiel' klang immer nach einer unmöglich langen Fahrt in fremde, exotische Städte... und vielleicht ging es Jacks Eltern so, die sich wegen ihres abgelegenen Wohnorts und ihrer Arbeit vielleicht zwei Mal im Jahr mehr als fünfzig Meilen von ihrem Land entfernten.
Tatsächlich aber war Outer Bluegrass weder fremd noch exotisch, und von einem ländlichen Sportplatz zum nächsten dauerte es nicht gerade den halben Tag. Es sei denn, man hatte eine unfassbar lahme Karre, und Rutledge hatte einen ziemlichen Bleifuß.
Also spuckte der Bus sie eine gute Stunde später in dieselbe klebrig-schwüle Luft und die Arme ihres Empfangskomitees.
Trotz einer hoch digitalisierten Welt voller leicht zugänglicher Technik änderten sich manche Dinge erstaunlich wenig: zum Beispiel, dass Kleinstädte ihr eigener Kosmos waren. Es bestand die Möglichkeit, mit der ganzen Welt zu sozialisieren, aber letztlich beschränkten Menschen sich immer noch lieber auf die Umgebung, die sie physisch zur Verfügung hatten. Nachbardörfer und diese eine Bar 'weit weg' gehörten zwar irgendwie dazu, trotzdem schwamm man am liebsten im vertrauten Teich.
Dass das Captain-Trikot gewechselt hatte, war für die Heim-Mannschaft keine Überraschung: die Cheerleader schon. Vor allem aufgrund ihrer Zahl, denn Gabriel ging vermutlich als Footballer durch, solange er darauf verzichtete, seine Uniform frühzeitig anzuziehen.
(Es gab eine neue Uniform. Anscheinend hatten Emily und Brigitte sich die Finger wundgenäht, um sie noch einigermaßen fertigzustellen, und das bedeutete zumindest, dass erstere heute nicht dabei war… Jack hatte ein schlechtes Gewissen, so erleichtert zu sein.)
Rutledge verließ als letzter den Bus und wischte sich gereizt Schweiß von der Stirn; Jamison schien sich in Luft aufgelöst zu haben, sobald sich die Türen öffneten, doch auf dieselbe rätselhafte Weise würde er sich wohl auch wieder materialisieren, bevor sie abfuhren. „So.“ Rutledge hustete kurz und bellend, dann musterte er das kleine Empfangskomitee aus gegnerischem Captain, Trainer, irgendeinem anderen Lehrkörper und weiteren Schülern desinteressiert.
Die Gastmannschaft bei ihrer Ankunft zu begrüßen war ein beliebtes Psychospiel, wer heute in der Aufstellung sein würde: der Captain war gesetzt, aber alle anderen an- oder abwesenden Spieler waren mögliche Distraktoren, die dazu verleiten sollten, in letzter Minute übereilte Strategiewechsel zu provozieren.
Was bei Rutledge noch nie geklappt hatte. Aus irgendeinem Grund war es unmöglich, den Coach zu verarschen, und Jack war natürlich froh darum: wenn Rutledge nach der Begrüßung noch seine Pläne änderte, dann zeigte sich für gewöhnlich, dass es besser so gewesen war. Oder zumindest weniger schlimm, wenn sie verloren.
Heute hatten sie allerdings genug unbekannte Variablen dabei, um die Gastgeber selbst zu beunruhigen. Jack behielt eine unschuldige Miene bei, während der Captain des Gegnerteams ihm die Hand reichte und nicht zu wissen schien, wohin er als erstes sehen wollte.
„Habt ihr eure Ersatzmannschaft gleich mitgebracht?“
Angesichts der offenkundigen Überraschung geriet die typische sportliche Beleidigung fast zu einer echten Frage, während Jack aus dem Augenwinkel sah, wie Rutledge in geschätzter Tradition die Hand des gegnerischen Coachs zerquetschte. War wirklich immer lustig zu beobachten, solange es nicht die eigene war.
Allerdings war ihm nie so wirklich aufgefallen, dass niemand die Cheerleader gesondert begrüßte, und meist waren sie auch nicht anwesend – nicht als Distraktoren brauchbar, weil sie nicht männlich waren, und ansonsten sowieso irgendwie vernachlässigbar. Er konnte sich selbst nicht davon ausnehmen, dass er diese Truppe sonst allenfalls beachtete, wenn sie auf dem Feld waren und er gerade nichts zu tun hatte.
Aber davor hatte er sich auch nie Gedanken gemacht, ob es harte Arbeit war, ein Spiel aufzuheizen.
„Könnte man so sagen.“ Jack lächelte unschuldig und ließ die Hand des anderen Captains los, um Gabriel zu winken und ihn wenigstens offiziell vorzustellen; von einem Captain zum anderen und so.
Der Kerl sah in die andere Richtung. Und nach den bisherigen Erfahrungen mit Gabriels beunruhigend weitem Aufmerksamkeitsradius spürte er auch, dass Jack ihn meinte. Zum Teufel, Ella stupste ihn sogar in die Seite!
Zugunsten einer Art Gleichberechtigung hatte Jack sich sogar verkniffen, das andere Team glauben zu lassen, Gabriel sei ein Footballer. Mit seinen Oberschenkeln konnte er das Tight End spielerisch ziemlich interessant machen, aber nein, Jack hatte die taktische Überlegung tapfer zurückgestellt, um wenigstens etwas dafür zu tun, dass man Cheerleader nicht wie Pappaufsteller mit Glitzer behandelte.
Und Gabriel ignorierte es. Absichtlich.
Bevor die Situation ernsthaft peinlich werden konnte (schon wieder), passierte etwas Unglaubliches.
Das Gesicht des anderen Captains wurde schlaff und angespannt zugleich, sodass Jack seine kurzgeschlossene Mimik sah, bevor er den Duft von Maiglöckchen roch.
Enchanté.“
Amélie streckte die Hand aus und legte sie kurz in die des Captains, kaum mehr als eine flüchtige Berührung, bevor sie eine unsichtbare Falte aus ihrem dunkelblauen Chiffon-Kleid strich. „Amélie Guillard. Ich manage vorübergehend den neuen Cheer-Squad.“
Der gegnerische Captain starrte sie hilflos an, und Amélie neigte anmutig den Kopf und tolerierte es – der Mann konnte einem leidtun. Jack fühlte sich an sich selbst erinnert, aber aktuell honorierte er vor allem, dass Amélie taktisch das schwere Geschütz auffuhr.
Hormone. Ein Teufelszeug.
„Jacques,“ flötete sie geziert und berührte ihn mit kühlen Fingern an der Luft über seinem Arm, „wärst du so freundlich, uns vorzustellen?“
Als jemand, der noch wusste, wie es war, wenn man plötzlich den eigenen Namen vergessen hatte, nur zu gern. Allerdings hatte Jack – Jacques, oh Gott – auch einen Job zu erledigen.
„Amélie,“ er deutete schwungvoll auf den Captain und wer auch immer von dessen Mannschaft noch alles wie hypnotisiert beobachtete, wie Amélie das Ende ihres dunklen Pferdeschwanz' um den Zeigefinger drehte, „die heutige Verlierer-Mannschaft.“
Nicht der beste Trash-Talk, den er je gemacht hatte. Doch er hatte ausnahmsweise den Luxus, dass Primitivität es auch tat.
„Ah,“ machte Amélie weich. „Das dachte ich mir.“
Dann zog sie ihren schwarzen Spitzenfächer aus ihrem Stoffgürtel und schien den 'Schlagabtausch' (der diesen Namen nicht verdiente, doch das war eh nicht Jacks liebster Teil der Sache) für beendet zu erklären.
Und weil er größenwahnsinnig war, bemerkte er leise zu Amélie, als die Heimmannschaft sich zurückzog: „Du hättest auch einfach mit uns im Bus herkommen können.“
Nun, er kannte die Anziehung eines miefigen Busses im Vergleich zum Komfort von Amélies todschicken und vor allem klimatisierten Privatflitzers, den sie mit niemandem teilen brauchte. Die 'Beschuldigte' zog nur die Augenbrauen hinter dem Fächer hoch. „Mitnichten. Ich bin doch keine von denen.“
Jack wusste nicht, ob diese Äußerung irgendjemand außer ihm gehört hatte.
Aber er gönnte Amélie völlig, dass sie im nächsten Augenblick von Ella um die Taille gegriffen und hochgehoben wurde, um sie in den begeisterten Pulk nervöser und aufgedrehter Cheerleader zu zerren, um dort zu erleben, wie es war, wenn man einfach nicht gefragt wurde, ob man dazugehören wollte.

Rutledge knurrte seine Mannschaft noch kurz an, dann schickte er sie in die Kabine: und Gabriel mit ihnen, wenig überraschend.
Jack war im Grunde tatsächlich zu sehr mit den Gedanken bei dem Spiel und all den Dingen, die sich noch nicht erprobt genug anfühlten, deswegen war die Vorstellung, sich mit Gabriel zusammen umzuziehen, ausnahmsweise nicht vorherrschend (Ah, Fortschritt!).
Er war es nicht gewohnt, dass es alle anderen interessierte.
Gut, es gab Ausnahmen. Jesse oder Akande etwa schienen mit sich selbst beschäftigt, Brian schmollte noch. Doch die meisten schienen sich zu fragen, wie so jemand freiwillig am Spielfeldrand herumzappelte statt mitten drauf.
Und dann waren da noch Dinge, die Jack höflich nicht bemerkt hatte.
„Alter!“ Ludvig wischte sich sein rotbraunes Haar aus der Stirn und reckte den Kopf. „Hast du echt'n Tattoo?!“
Noch mehr Köpfe drehten sich jetzt unverhohlen, während Gabriel seine dunkelgraue Turnhose hochgezogen hatte. Jack sah ein, dass Cheerleader, wie Footballer auch, engen Stoff tragen mussten, damit sie sich nirgendwo verhakten, aber... Footballer trugen noch was drüber!
In den Zeiten von 3D-Druckern, die selbst gefahrlos unter die Haut bohren konnten, waren Tätowierungen nicht mehr länger ein großer Gesundheitsaspekt. Und erst ab achtzehn erlaubt, und auch wenn Gabriel dieses Alter vielleicht schon erreicht hatte, waren die meisten vorsichtig damit, sich gleich etwas stechen zu lassen. Jedenfalls hier auf dem Land, wo man konservativer war.
Und Schläge von seinen Eltern riskierte. Jack nahm an, dass Ludvigs Vater ihm persönlich die Tinte aus der Haut meißeln würde, wenn er auf die Idee kam, sich unüberlegt zu tätowieren.
Außerdem war Gabriel notorisch geizig mit Auskunft über sich selbst, allerdings war ihm selbst wohl auch klar, dass er spätestens beim Duschen Farbe bekennen musste.
„Jup.“ Gabriel hakte den Daumen in den Bund seiner Shorts und zog ihn ein Stück herunter.
Jack wusste, er sollte das nicht tun, aber er sah hin.
Über dem Schambein und direkt am Haaransatz thronte ein schwarzer, stilisierter Widderschädel, etwa so groß wie der Handteller einer Frau. Die Symbolik der gedrehten Hörner und ihrer Rammbock-Funktion direkt über primären Geschlechtsteilen war nicht direkt schwer zu verstehen, doch das kantige Design und die Andeutung von roten Augen inmitten der schwarzen Tinte ließen es eher bedrohlich als verheißungsvoll wirken.
Es war, zugegeben, ziemlich cool. Nichts, was Jack eingefallen wäre. Wegen des ungewöhnlichen Motivs war es vielleicht sogar von einem echten Tätowierer gestochen worden, nicht von einem Drucker – und wer richtete schon gern Nadeln auf seinen Schritt. Denn das hatte sich nicht geändert, das Tätowieren von gut durchbluteter und empfindlicher Haut tat weh.
Ludvig räusperte sich und zog solidarisch seinen Lendenschutz etwas höher. „Cool, Mann. Cool.“
Für einen Moment wurde das Geraschel von Kleidung und Kunststoff fast übertönt von all den unausgesprochenen Fragen.
„Also... Kommt so was an bei Frauen?“
Ein paar weitere Köpfe drehten sich verstohlen in die Richtung, um die Antwort mitzuhören. Jack wandte sich wieder ab und grinste in sein Trikot.
Manchmal gingen die Dinge auch ihren eigenen Weg.

Egal, wie heiß und schwül es war und dass es nur die abgeschabten Tribünen einer Nachbarschule waren, die einen umgaben: ab dem Moment, in dem man ins Feld einlief, spielte das alles keine Rolle mehr.
Jack atmete tief durch, den Helm unter dem Arm, und winkte ein wenig verlegen – so weit im Zentrum der Aufmerksamkeit kam er sich immer noch vor, als würde Reinhardt hinter ihm stehen, doch er drehte sich zumindest nicht um.
Auch, weil die aufgeladenen Minuten vor dem Spielbeginn den Cheerleadern gehörten. Und er sehen wollte, wie diese sich für ihren Auftritt vorbereiteten.
Wenn Gabriel die irritierten Blicke und das Raunen von den Tribünen etwas ausmachten, zeigte er es nicht. Emily hatte offenbar ihre Finger wundgearbeitet, um die Uniformen der Cheerleader noch abzuändern: von dem Marineblau mit dem Paillettenrand zu einem dezenteren Dunkelblau mit silbernen Säumen. Damit ähnelte die Aufmachung nicht mehr so stark den Trikots der Unity Soldiers, was einigen Leuten... bisher vielleicht gar nicht bewusst gewesen war.
Und niemand trug Röcke. Die farblich abgesetzten, helleren Hosen der Flyer (erkennbar noch nicht ganz fertig) imitierten das zwar, bauschten sich aber nicht bei den Dehnübungen.
„Hose voll, Morrison?“
Rutledge klang nicht, als hätte er vor, eine mitfühlende Hand zu halten. Jack unterdrückte ein Schnauben. „Nein.“
„Dann guck' auch nicht so verdammt starr.“ Der Coach verpasste ihm einen nicht zu sanften Klaps zwischen die Schulterblätter, wo die Gurte zuletzt gescheuert hatten. „Wer weiß, ob du heute deine Position zurückgewinnst,“ fügte er beiläufig hinzu.
Jack riss den Blick von aufwärmenden Cheerleadern los, um Rutledge anzusehen. „Sie haben mich schon mal überzeugender verarscht.“
„Irrtum.“ Rutledge hustete kurz in seine Faust. „Früher war's nur leichter, dich zu verarschen. Helme auf, Ladies!“
Den Helm aufzusetzen bedeutete das Ende der 'Besprechung', falls es je eine gewesen war, und markierte quasi den Start, auch wenn das Spiel noch nicht begonnen hatte.
Seit die Ausrüstung für Sportler selbst intelligenter geworden war, musste man mit erweiterten Regeln dafür sorgen, dass die Träger selbst sich nicht dumm anstellten: nach dem Aufsetzen des Helms war es streng verboten, ihn wieder abzunehmen, bevor der Schiedsrichter abpfiff. Intelligente Polster passten sich durch Wärme und Druck penibel der Schädelform an, doch dieser Schutz verkehrte sich ins Risiko, wenn man den Helm zwischenzeitlich absetzte und die Positionen so verschob. Die erhöhte Verletzungsquote war in einem Sport, der nun mal immer mit Verletzungen lebte, so lange nicht ernst genommen worden, dass es mittlerweile mit einem endgültigen Platzverweis geahndet wurde, wenn man den Helm vor dem erlaubten Signal entfernte.
Luftleere Hitze und Enge schlossen Jacks Kopf ein, während die Polster des Helms sich anpassten. Das war er normalerweise gewohnt, doch das hier war auch nicht sein vertrauter Helm, es war ekelhaft schwül, und-
Gabriel schüttelte die Arme aus und deutete einen Salut an, der sich auf halber Strecke zu einem 'tuntigen' Luftzufächeln verkehrte. In Jacks Richtung.
Schon aus reinem Trotz würde ihm nicht schwindelig werden.
„Alles okay?“
Jesse musterte ihn durch das Visier seines Helms, und Jack wurde von Neuem bewusst, wie schlecht einsehbar es von außen war – er wusste nicht, ob die Frage ernstgemeint war oder nicht. Er entschied sich, sie als Ernst zu behandeln. „Klar.“ Er grinste und versuchte, nicht so zu wirken, als fühle er sich in deiner Aufmachung fehl am Platz. „Pass auf Akande auf.“
Ein neuer Spieler war immer das Ziel der Angriffe, da man ihn zu Recht als schwächstes Glied betrachten konnte, als am wenigsten mit dem Team verbunden. Es gab im Moment andere, schwächere Glieder, also war es Jack nur willkommen, wenn jemand auf die Idee kam, Akande wäre leichte Beute.
Nicht, dass sich das lange halten würde.
„Mhm.“ Jesse schnaubte vielsagend, doch es ging fast in der Musik unter, die durch die von Natur aus überdrehten Lautsprecher des Sportplatzes drang.
„Was is' mit dir?“ fragte er einen Moment später, fast als hätte Jack ihn beim ersten Mal nicht richtig verstanden.
Möglich. Nur verstand Jack ihn jetzt nicht besser, wenn er gerade eine Art religiöser Offenbarung erlebte.
Jack war ein durchschnittlich guter katholischer Junge, und Cheerleading war ein Sport, der vor allem eine Stimmung erzeugen, eine Gruppe ergreifen sollte, indem Musik, Bewegungen und Chants selbstbewusst, energetisch und auf der richtigen Seite der Aggressivität waren.
In der Quintessenz, Sex vor der Ehe war Sünde (und dran denken auch) und Cheerleading musste nicht gymnastisch perfektioniert sein, um erfolgreich zu sein.
Und dann schleuderte Ella sich aus dem Katapult von Zaryas verschränkten Händen in Gabriels Arme, hakte die Unterschenkel über seine Schulter und ließ sich kopfüber von seinem Körper baumeln. Als zwei Mädchen ihre Arme ergriffen, um sie nach dem Manöver wieder aufzurichten und zur nächsten Figur überzugehen, blieb Ella mit der Kante ihres Gymnastik-Schläppchens irgendwie an einem vermutlich nicht fertig vernähten Saum seines Trikots hängen und riss den Stoff beinahe ab; in letzter Sekunde befreite sie die Rauledersohle und ruckte den Stoff nur nach oben, wo er aufgrund von Schweiß und der allgemeinen Enge der Uniformen auf der Mitte der Rippen zusammengerollt blieb.
Von den Tribünen wurde für ein Footballspiel vor dem eigentlichen Spiel ziemlich anzüglich gepfiffen, und Jack sah für einen Moment das Licht.
Scheiße, Johnny Cash hatte immer Recht gehabt.
„... Jack?“
Jesus, mach, dass ich nicht noch mal in Ohnmacht falle. Ich geh' auch mal wieder in die Kirche.
„Okay,“ krächzte Jack und kniff für einen Moment die Augen zu. „Alles okay. Vergiss nicht, dich zu rollen und... wir gewinnen das.“

Es war ein Arbeitssieg.
Objektiv wusste Jack, dass sie bloß 'befriedigend' spielten – zu viele Manöver, die noch nicht saßen, ein paar raue Zusammenstöße, die Kommunikation war noch nicht eingespielt. Aber sie waren zäh, Akande ließ sich nicht aufhalten und... na ja, Jack warf wenigstens nicht daneben. Plus, sie hatten ablenkende Cheerleader, die eben nicht nur Jack ablenkten.
Er würde nie wieder eine Grimasse über Amélie ziehen – all die Störsignale, die sie generierte, nur weil sie in der ersten Reihe thronte und Menschen eine Spur zu oft wissen wollten, ob sie gerade zu ihnen sah, waren unschätzbar wertvoll.
Doch letztlich war es vor allem mehr anstrengend als euphorisierend. So war das erste Spiel nach den Ferien meist, und Jack wusste, dass er nur begrenzt auf die Stimmung Einfluss nehmen konnte... dennoch fühlte es sich ein wenig an wie seine Schuld, wie ruhig alle nach dem Spiel waren.
Half nicht, dass sie keine Beachparty haben würden. Half auch nicht, dass nun, wo Amélie da war, natürlich kein Cheerleader die Einladung annahm, sich in einem Diner auf fettige Burger und Milchshakes zu treffen und zu feiern, denn man hatte Arbeit zu erledigen und man aß so was schon mal gar nicht.
Ehrlich, Jack beneidete den Esprit etwas. Die Cheerleader hatten es schwer, und in vielerlei Hinsicht mussten sie eigene Energie investieren, anstatt Hilfe von außen zu bekommen. Doch gerade das befeuerte den Zusammenhalt... und ließ weniger Platz für Eitelkeiten und Traditionen. Den Kram, mit dem er sich rumschlagen musste, ohne auf zu viele Zehen zu treten.
Wenigstens Zarya sah aus, als würde sie es bedauern, keine Burger und Pommes zugeführt zu bekommen, als der Bus sie alle wieder auf den heimischen Parkplatz entließ (und das verdammte Gewitter immer noch nicht da war). Sie wischte sich über die Stirn, ohne sich an den rosa Schlieren verschmierten Lidschattens zu stören, und stieß Jack dann ihre pink angehauchte Faust in die Schulter.
„Angebot steht noch, Morissen,“ informierte sie ihn grinsend. „Fehlt noch Größe.“ Sie deutete anhand ihrer eigenen Höhe an, was sie meinte, und Jack ermahnte sein träges Gehirn, nicht bloß zu nicken. Zumindest hatte Zaryas Faust seinen neusten blauen Fleck verfehlt – ugh, er hasste es, Quarterback zu sein. „Ich glaube, ich würd' eher stören... Ihr wart jetzt schon ziemlich cool.“
„Waren wir,“ Zarya grinste und deutete Anführungszeichen in der Luft an. „Aber nicht symmetritchka, ja? Nicht gut genug für'n Wettkampf.“
Davon hörte Jack zum ersten Mal, allerdings hatte er auch kaum Zeit gehabt, mit irgendeinem Cheerleader zu reden: und manche von ihnen schienen immer noch zu denken, er sei eine Art Rivale, weil Gabriel, das Arschloch, seine Launen an ihm abarbeitete. „Ihr trainiert für einen Wettkampf?“
Zarya schien sich für einen Moment zu fragen, ob sie das hätte geheim halten sollen – um dann zu entscheiden, dass sie den Grund dafür nicht überzeugend fand, und nickte. „Jep. Anmeldung läuft.“ Sie schmunzelte und deutete auf den dichter werdenden Cluster von Cheerleadern, der sich absonderte, statt sich auf den Weg zu machen. „Deswegen der Zirkus. Nehmt nicht persönlich.“
Ein eigener Wettkampf, auf den man hinarbeitete... Das war Jack bisher nicht in den Sinn gekommen, obwohl er bemerkt hatte, wie eingeschränkt Cheerleading als Nebensport war. Anscheinend hatte er einfach nicht weit genug gedacht.
„Ah... Viel Glück.“ Jack erwiderte das Schmunzeln. „Ich hoffe, dafür kommst du nicht in Schwierigkeiten.“
„Bah!“ Zarya spannte ihre bemerkenswerten Arme an, gleichzeitig zwinkerte sie Jack verschwörerisch zu. „Ich hoffe doch.“

Für seinen Teil als bescheidener Captain war Jack froh, als er endlich in sein Auto steigen, gesättigte Fettsäuren verdauen und sich auf eine kalte Dusche und sein Bett freuen konnte.
Konstruktive Kritik war angebracht, aber... Scheiße, nicht jetzt. Er hatte Feierabend und wollte seine verdammte Ruhe.
Er war gerade aus dem Teil des Dorfes heraus, wo kaum noch Straßenbeleuchtung existierte, als das Gewitter einsetzte: es war ohnehin bereits dunkel, und der von einem Moment auf den anderen fallende Platzregen verdunkelte das Licht seiner Scheinwerfer so sehr, dass er das Tempo drosseln musste. Wasser rann plätschernd die Frontscheibe herunter, bevor die Scheibenwischer es wegschieben konnten, und Jack war versucht, den Kopf aus dem Fenster zu halten... doch er wusste, dass der herangerollte Gewitterregen im Sommer erstaunlich kalt sein konnte, und wenn er sich jetzt eine Erkältung holte, war er selbst Schuld.
Na gut, dann eben noch langsamer. Yeesh, hoffentlich ersoff Jesse nicht auf der Heimfahrt im Rinnstein-
Bei dem Aufblitzen von Rosa vor den Scheinwerfern trat Jack so heftig auf die Bremse, dass das Hoverfield am Heck des Pickups für einen Moment aus dem Gleichgewicht geriet und das Auto heftig schaukeln ließ. Jack packte das Lenkrad eine Sekunde länger so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten, dann zischte er einen Fluch und fuhr die Scheibe der Fahrertür herunter.
„Wolltest du gerade auf die Straße rennen?!“
Unter dem Schirm ihres rosa Basecaps hervor, das gerade Schlimmeres verhindert hatte, funkelte Hana ihn wütend an. „Ich dachte, es wär' der Bus!“ Über das Prasseln des Regens musste sie die Stimme heben, und das helle Kippen verriet ihren Schrecken trotz ihrer patzigen Fassade.
Jack verkniff sich die Frage, was daran besser war, und schaltete das Warnblinklicht an, bevor am Ende wirklich jemand auffuhr.
Nur nicht der Bus. „Es ist Wochenende.“
„Dann kommt trotzdem ein Bus, du Idiot!“ Hana stampfte platschend mit dem Fuß auf, und Jack überlegte einen Moment lang, was für ihn schwerer wog: dass sie ihn einen Idioten genannt hatte oder dass sie bis auf die Knochen durchnässt war.
Es war nicht schwer zu erkennen, wofür er sich entschied. Weil, na ja, er war kein Kinderhasser.
„Nicht wirklich. Bei schwierigen Wetterverhältnissen außerhalb der Werktage bleibt der manchmal liegen.“ Nicht auszuschließen, dass er auch oft genug 'zufällig' liegen blieb, bevor wirklich ein technischer Defekt aufgetreten war, aber das Ergebnis blieb dasselbe – kein Bus um diese Zeit und bei diesem Regen.
Jack lehnte sich über den Beifahrersitz und öffnete die Tür. „Steig' ein.“
Hana starrte ihn nur schweigend und grimmig an, die Arme trotzig (und vermutlich frierend) verschränkt.
Gut, es war verständlich, als junges Mädchen nicht in der Dunkelheit einer ziemlich spärlich bewohnten Straße zu einem weitgehend fremden Mann ins Auto zu steigen. Und auch klug. Aber die Alternative bestand darin, weiterzufahren und sie allein zu lassen.
Jack mochte sich irren, doch er war ziemlich sicher – wenn Hana jemanden anrufen könnte, der sie abholte, hätte sie es schon getan. Vielleicht wollte sie es einfach nicht, aber was auch immer der Grund war, Jack konnte nicht so tun, als hätte er nichts gesehen.
Er rutschte auf dem Sitz zur Seite und grub in der Hosentasche nach seinem Handy. „Soll ich jemanden anrufen, der weiß, bei wem du bist?“ Er durchforstete sein Gehirn nach den wenigen Kontakten, die er Hana zuordnen konnte. „Lena? Oder Brigitte?“
Hana schwieg einen Moment länger. Dann zog sie die Nase hoch und marschierte um die Kühlerhaube von Jacks Auto herum, um sich in den Beifahrersitz zu werfen, ohne ihn anzusehen.
Immerhin. Jack drehte die Heizung hoch, hatte allerdings keine Hoffnung, dass die so bald anlaufen würde, nachdem der Motor jetzt kalt war, und tastete auf dem Rücksitz nach seiner Tasche. Sein Handtuch konnte er niemandem außer der Wäsche zumuten, doch er hatte immerhin noch sein Letterman, wegen der Hitze das einzig saubere, trockene Kleidungsstück, das er ausleihen konnte.
Hana sah ihn immer noch nicht an, als sie die Jacke nahm und sich flink darin einwickelte – wenig überraschend war sie ihr viel zu groß. Hanas Kinn zitterte, und Jack wusste nicht, ob sie so sehr fror oder andere Gründe hatte.
„Im Handschuhfach sind Taschentücher.“
Mehr eisernes Schweigen.
„Und Sesam-Kräcker, glaube ich.“
Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiteten, neigten dazu, überall haltbares Essen zu deponieren – Jack hatte schon mal den Sicherungskasten für die Elektrozäune an der alleräußersten Weide geöffnet, die sie kaum je benutzten, und banana-flavored Jerky gefunden. Und eine Tüte Käsechips auf dem Heuboden. Oder eingeschweißte Butterkekse im Schrank des Gästebads, obwohl er wirklich hoffte, dass die da nur vergessen worden waren.
Er überlegte noch, welche Absicherung er Hana für das ähnlich suspekte Essen von fremden Menschen anbieten konnte (auch wenn er noch nie von K.O.-Kräckern gehört hatte, aber so was gab's bestimmt), als das Mädchen von sich aus das Handschuhfach öffnete und hineingriff.
Ein Taschentuch wurde zu einem langen und ausgiebigen Schnäuzen verwendet, das nicht zu einem so zarten Wesen passte, ein weiteres zum Trocknen des Gesichts benutzt, bevor Hana die Kräcker sondierte. „Kannst fahren,“ sagte sie ungeduldig und räusperte sich. „Hast du nichts Süßes?“
Jack war heute schon gründlich auf den Sack gegangen worden, er hatte aktuell noch keine Kapazitäten, um sich wieder zu ärgern. Also klopfte er seine Hosentaschen noch mal ab und fand eine kleine Tüte Vanille-Marshmallows, die er nicht in seinen Milkshake gekippt, aber aus Gewohnheit eingesteckt hatte. Hana nahm die paar Gramm schaumiger Diabetes mit einem unbeeindruckten Schniefen und schielte zu ihm. „Worauf wartest du?“
„Darauf, dass du dich anschnallst.“
Hana stöhnte und griff nach dem Gurt. „Mann, du bist so alt.“
Was hatte es auf sich mit kleinen Mädchen, dass man sich gleich so fühlte, wenn sie das sagten? Jack unterdrückte den kleinlichen Wunsch, die Heizung wieder herunterzudrehen – denn ihm war nicht kalt! – und warf einen unauffälligen Blick auf Hanas Kleidung. Sie schien nichts weiter dabeizuhaben und war nur für Hitze gekleidet. Vielleicht hatte das Gewitter sie überrascht, trotz aller Vorzeichen.
„Wohin willst du?“
Jack entging nicht, wie Hana ein paar Millimeter tiefer in den Sitz sank, als er sie das fragte.
„Fahr weiter,“ sagte sie nach kurzem Zögern. „Ich sag' dir Bescheid, wenn du abbiegen musst.“
Anstatt ein Navigationsgerät zu benutzen, und das bei diesem Wetter, bei dem man kein Straßenschild sah, wenn man sich nicht auskannte.
Es war nicht so, als würde Jack das nicht bemerken. Aber er fuhr trotzdem los. Im Kriechtempo von Starkregen.
Hana beschäftigte sich mit ihren Snacks und schien nicht besonders auf die Straße zu achten – und wirklich, Jack hatte absolut keine Ahnung, ob er etwas sagen sollte. Er war kein... Empathietalent, er konnte nicht geschickt Fragen stellen, sodass es kein Verhör und keine Zwangsberatung wurde. Er kannte sich mit kleinen Mädchen nicht aus – Brigitte kam dem am nächsten, und Reinhardt sagte, dass sie ihre 'Sachen' selbst regelte. Musste man als jüngstes unter so vielen Geschwistern wohl. Und obwohl Jack auch mal in die Pubertät gekommen war, war er dabei noch nie ein Mädchen gewesen, also... beschränkte er sich darauf, ein Auto zu fahren und leise das Radio laufen zu lassen.
Hana schlüpfte aus ihren Sandalen und zog die Füße auf den Sitz und die Knie vor die Brust. Jack wollte gerade fragen, ob sie immer noch fror, als sie sich räusperte. „Rechts.“ Und direkt darauf: „Das Aftershave passt nicht zu dir. Du brauchst was Schärferes.“ Sie roch betont an dem Kragen der Jacke und schniefte dann erneut. „Kardamom oder Yuzu.“
Jack wusste nicht mal, was Yuzu war, und er wollte nicht von kleinen Mädchen über seine Körperpflege belehrt werden... aber es war besser als das verstockte Schweigen. Er spielte mit.
„Wofür brauche ich das?“
„Um cooler zu sein!“ Jack konnte förmlich hören, wie Hana die Augen rollte. „Für deine Außenwirkung.“ Sie wippte auf dem Sitz hin und her und nahm sich einen weiteren Kräcker. „Und deine Haare stylst du nicht, oder?“
Jack konnte ihr sagen, dass er das doch tat, aber unerklärlicherweise wollte er nicht das Mitleid eines kleinen Mädchens, weil er das nicht besser hinbekam. „Nicht wirklich,“ es war wirklich größtenteils wahr! „Ich bin zufrieden mit mir, trotzdem.“
„Bist du nicht,“ erwiderte Hana in dem altklugen Tonfall jeden Teenagers, und warum klang diese Formulierung, als gehörte Jack nicht zu dieser Altersgruppe?! „Niemand ist je mit sich zufrieden. Ich wette, ich bekomme dein Haar besser hin.“
„Coachst du mich schon wieder?“
Jack hatte es nur als Scherz gemeint, doch als Hana wieder das Gesicht abwandte und nicht antwortete, hatte er sie offenbar stattdessen an die Quelle ihres Ärgers auf ihn erinnert.
Wow, großartig. Er hatte das echt drauf.
„Ich meine,“ fuhr Jack behutsam fort, „du musst mir das wenigstens attraktiv verkaufen. Mach mir ein paar Werbeversprechungen, anstatt bloß Forderungen zu stellen. So funktioniert das immer.“ Es sei denn, man war ein massiger Muskel-Fett-Berg wie Rutledge, dann brauchte man nichts zu versprechen. Aber diese sehr spezielle Option würde Hana wohl nie offen stehen.
Hana schwieg so lange, dass Jack annahm, sie habe wieder zu schmollen angefangen. Doch schließlich begann sie, Sesamkörner vom Kräcker zu kratzen und zu essen, während sie sich allmählich wieder ihrem Fahrer zuwandte. „Wenn ich dich coache, kriegst du rum, wen auch immer du willst.“
Ugh, kein Thema für Smalltalk. Bevor Jack dafür Hilfe von kleinen Mädchen beanspruchte, überlegte er sich das mit dem Sex vor der Ehe noch mal.
Trotzdem erstaunlich, dass Hana der erste Mensch war, der nicht so tat, als hätten Angela und er schon die Kapelle für ihre Hochzeit ausgesucht. „Zu übertrieben. Stapel' tiefer.“
„Deine Wurftechnik wird viel besser!“
„Du hast mich heute gar nicht spielen sehen.“
„Dann... wird dein Pep Talk endlich inspirierend!“
„Autsch. Aber es wird wärmer.“
„Ich mache einen richtigen Captain aus dir!“
Jack lachte leise bei ihrem herausfordernden Tonfall, und Hana warf das leere Marshmallow-Tütchen nach ihm – es drehte eine Pirouette im Heizungsgebläse und verschwand im Fußraum. „An genau dieser Haltung müssen wir arbeiten, Mann! Du nimmst das gar nicht ernst!“
Es war eigentlich gar nicht zum Lachen, es war deprimierend. Aber da Heulen keine Option war, verfolgte Jack den Gedanken Kraft seines sonnigen Gemüts einfach nicht und... dachte nicht an die Implikationen in dieser Aussage. „Warum bist du so fixiert darauf, an mir zu arbeiten?“
Womöglich fühlte Jesse sich so, wenn Jack ihn mit Schulstoff drangsalierte, doch der Kerl musste wenigstens wissen, was ihm die Ehre einbrachte. Jack dagegen hatte keine Ahnung, warum Hana so versessen darauf war, good ole J.F.M. aufzupimpen.
Bis in die Haarspitzen auch noch.
Er brauchte Hana nicht anzusehen, um zu wissen, dass sie sich versteifte, deshalb sprach er weiter, als hätte er nichts bemerkt: „Du kennst mich immerhin gar nicht. Warum-“
„Zwei Mal rechts jetzt,“ unterbrach Hana ihn spröde.
Der Regen hatte etwas nachgelassen, sodass Jack ein besseres Bild davon hatte, wo sie jetzt waren: auf einer schnurgeraden Straße außerhalb des Ortes, relativ neu asphaltiert, und die einzig abzweigenden Wege waren...
Ah. Okay. Wenn Hana ein Soldatenkind war, erklärte das... ein paar Dinge an ihr.
Als er noch klein gewesen war, hatte Jack geglaubt, diese Gegend wäre militärisch bedeutsam, weil es hier einen Stützpunkt internationaler Streitkräfte gab: dabei war er hier platziert worden, als es die Omnica-Fabriken noch gegeben hatte, und man gleichzeitig die Lager von Sondersprengstoff hier und in den umliegenden Bundesstaaten schützen wollte. Der Militärstützpunkt war hier, weil... Platz war. Und die Gemeinde sich offenbar nicht gewehrt hatte.
Natürlich war es kein beliebter Stützpunkt, so weit außerhalb, und er lief auf Minimalbesetzung. Weiter entfernt konnte Jack durch den Regenvorhang die Flutlichter der Sicherheitstore sehen und sich vorstellen, warum es kein Ort war, an dem Hana mehr Zeit als nötig verbringen wollte.
„Seid ihr gerade erst hergezogen?“ fragte Jack, auch wenn er sich das anhand Hanas schwacher Vernetzung mit Altersgenossinnen denken konnte.
„Du meinst, ich bin hergezogen,“ erwiderte Hana bitter. „Meine Eltern sind grade irgendwo in Boston oder so. Vielleicht sind sie nächste Woche zurück, vielleicht nicht.“
Vereinigte Streitkräfte bedeuteten auch die Anwesenheit der verbündeten Kräfte, auch aus einem anderen Land. Für die Karriere wirkte sich das positiv aus, vor allem in Friedenszeiten. Und es wurde gut bezahlt, auch was die Unterbringung und Versorgung von Familien anging.
Allerdings war es, was es war – ein abgelegener Fleck Erde in einem anderen Land, außerhalb der eigenen Zeitzone und ziemlich weit weg von alten Freunden.
„Klingt, als würdet ihr öfter umziehen.“
Hanas Schnauben war Antwort genug. Als Jack einen Blick zur Seite riskierte, knetete sie den feuchten Ärmel seines Lettermans mit zusammengepressten Lippen.
Dann nahm sie ein neues Taschentuch und putzte sich noch einmal ausgiebig die Nase, als hätte sie zwischenzeitlich unmerklich geweint. Es war... nicht schön, wenn sie dazu in der Lage war.
„Macht keinen Spaß, sich überall was Neues aufzubauen,“ erzählte sie im Plauderton, als berichtete sie gerade von den Sehenswürdigkeiten ihres letzten Zuhauses. „Hält ja sowieso nicht. Aber na ja, aus dir könnte noch was werden, wenn ich dich angeleitet hab'.“
Jack konnte sich denken, dass es außerdem eine Strategie war, um Kontakte zu knüpfen; etwas, mit dem Hana sich offenbar schwer tat, trotz des Entgegenkommens anderer Menschen. Warum das so war, überstieg seine Kompetenzen, doch Hana fehlte noch die Übung, um nicht durchblicken zu lassen, was hinter ihren hochmütigen Worten steckte.
Jack war meistens gutwillig, allerdings musste er sich fragen, ob er überhaupt Zeit hatte, das 'Projekt' eines heimwehkranken Mädchens zu werden – Anas Antwort wäre ein resolutes 'Nein' – und ob er sie ermutigen sollte, das zu tun, anstatt sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Zu viele Verpflichtungen einzugehen bedeutete, alles nur halbherzig zu machen, und was dabei herumkam, hatte er bei Jesse und Hanzo gesehen.
Deswegen hörte er eher auf die Innere Ana (TM), als er behutsam begann: „Ich bin sicher, aus deinem Mund ist das ein großes Lob, aber-“
„Na ja, du musst das nicht sofort entscheiden, du wolltest drüber nachdenken, oder?“ unterbrach Hana ihn rasch. „Okeydokey, du bist ja ein nachdenklicher alter Herr. Zum Glück bin ich verständnisvoll, ich geb' dir meine Nummer – für wenn du endlich zu 'ner Entscheidung gekommen bist.“
Am Ende des Tages hatte Jack Morrison nur eine harte Schale und einen weichen Keks. Er sagte sich, dass er darauf bloß einging, damit Hana seine Nummer hatte, sollte sie noch mal im Dunkeln stranden, es war gar nicht so, dass er nicht konsequent genug war, um gleich abzulehnen.
Jack hielt in erreichbarer Distanz zu den Sicherheitstoren und nahm sein Handy – sobald er es entsperrt hatte, hatte Hana es ihm schon aus den Fingern gezogen und tippte mit beunruhigender Geschwindigkeit Dinge ein, die definitiv nicht einfach eine Zahlenfolge waren.
Für Anfänger leuchtete seine Kontaktliste plötzlich pink.
„Bevor du noch mal im Dunkeln vor Autos springst... Ruf' mich bitte an, okay?“ Jack eroberte sein Handy zurück und stellte fest, dass er neuerdings einen blinkenden Hasenkopf auf dem Holodisplay hatte. „Und wehe, du machst damit Blödsinn.“
„Pfft!“ Hana warf ihr immer noch vor Feuchtigkeit strähniges Haar über die Schulter – zumindest versuchte sie es, bis es unter dem Jackenstoff stecken blieb. „Ganz ruhig, daddio.
Wenn man von kleinen, hübschen Mädchen 'Daddy' genannt wurde, die zudem noch die eigene, viel zu große Jacke trugen und einem gerade ihre Nummer eingespeichert hatten, gab es da eigentlich wenig misszuverstehen.
Allerdings schwang keine Koketterie in Hanas Stimme mit, und Jack fühlte sich auch keineswegs angebaggert – dafür, dass die Kleine permanent brastig und rotzig war, stellte er überrascht fest, dass er sie ganz gut leiden konnte. Anscheinend hatte er es... einfach nicht so mit normalen Menschen.
„Ich mein's ernst.“ Jack runzelte die Stirn und wischte den rosa Hasen vom Display, nur um festzustellen, dass der immer noch im Hintergrund lauerte. „Was zum Teufel ist das?“
„Keine Angst, wir suchen dir ein cooles, personalisiertes Logo, wenn wir mit der Arbeit anfangen. Ich hab' da schon Ideen.“ Hana klemmte sich den letzten Kräcker zwischen die Zähne und schnallte sich ab. „Ich schick' dir Vorschläge, wenn ich-... Zeit habe.“
Gerade noch davor gerettet, zu übereifrig zu erscheinen. Oder so. Jack seufzte geplagt und ließ sein Handy sinken, während Hana wieder in ihre Sandalen schlüpfte und den Letterman unter den Arm klemmte.
Letzteres stimmte Jack wachsam. Nicht, weil er sich Sorgen machte, dass man bei Hana die Schlüsse ziehen könnte, die es sonst gab, wenn ein Mädchen mit dieser personalisierten Jacke in der Schule auftauchte (außerdem war er quasi ein verheirateter Mann, also bitte), sondern wegen des leichtweg dahingesagten „Geb' ich dir Montag gewaschen wieder,“ das Hana an dem Kräcker vorbeisummte.
„Kannst du mit einer Waschmaschine umgehen?“
Denn Eitelkeiten mal beiseite, diese Jacken waren teuer und verziehen keine Fehler beim Waschprogramm, und das falsche Trocknen machte sie kratzig.
Hana drehte ihr feuchtes Haar zu einem Knoten zusammen und pustete dabei abschätzig ihren Pony und ein paar Sesamkörner zur Seite. „Natürlich.“
Sie schwieg einen Moment, dann schob sie sich den Kräcker im Ganzen in den Mund und warf Jack die zerknüllte Jacke in den Schoß. Ihrem energischen Kauen nach wollte sie bloß nicht auf diese Unzulänglichkeit angesprochen werden, und Jack beließ es bei diesem blöden wissenden Grinsen, das ihm sein eigener Vater damals auch hatte angedeihen lassen (als er das mit dem Waschen das erste Mal versaut hatte).
Es wirkte auf Hana natürlich genauso provozierend wie seinerzeit auf Jack.
„Blöder Idiot,“ murmelte sie und zog ihre Schirmmütze tiefer ins Gesicht, um aus dem Auto zu schlüpfen und durch den mittlerweile abgeschwächten Regen zur Sicherheitsschleuse zu flitzen.
Jack nahm die gründlich durchgefeuchtete Letterman von seinen Beinen und wartete, bis die Schleuse sich hinter Hana schloss, dann wendete er das Auto.
Zumindest... kam es ihm nicht vor, als hätte er alles falsch gemacht.
(Sogar Ana war seiner Meinung – wenn auch nicht ganz so wohlwollend.)

Die nächste Woche brachte ein paar Einsichten, die Jacks aktuelle Situation und Umstände charakterisierten.
Erstens: Hana machte das sekretärische Rumhocken bei Angelas Paartherapie ein bisschen amüsanter (sie sah es offenbar als ihre Aufgabe, Konkurrenz zu entmutigen), doch sie war offenbar ein wenig eifersüchtig auf Angela. Jack war froh, das Ende der Anmeldungsphase kommen zu sehen, zu dem Angela sich nach schierer Entnervung angesichts der zeit- und geduldraubenden Aufgabe letztendlich entschlossen hatte.
Zweitens: Er hatte nicht genug Zeit für all den Scheiß, den er erledigen musste. Also hatte er Moiras 'Besichtigung' in einem Anfall geistiger Umnachtung auf den kommenden Samstagmittag gelegt – er musste das endlich hinter sich bringen, bevor sie seine Getränke zu vergiften begann.
Drittens: Er musste dringend ein besserer Quarterback werden.
Viertens: Er musste dringend mehr schlafen.
Fünftens: Drei und vier würden nie passieren, wenn er nicht ein paar Dinge grundlegend änderte, und er hatte keine Ahnung, wie.
Deswegen konnte er nicht schnell genug zustimmen, als ein wenig produktives freitägliches Hausaufgabenzirkeln des Teams darin umschlug, das Nachholen der 'Beachparty' zu beschließen, und zwar unbedingt sofort. Improvisierte Parties mit einem kleinen Zeitfenster und universell unter Druck stehenden Gästen waren das einzige probate Mittel, um Mord und/oder spontane Selbstentzündung zu verhindern, und wenn Jack ehrlich war, sie verdienten das. Alle.
Das mit der Party, nicht die spontane Selbstentzündung.
Normalerweise schloss die Beachparty nur Footballer und Cheerleader ein, weil diese nun mal als einzige im Bus waren, doch mit der Freiheit, schon auf dem Home Turf zu sein, und einem drohenden Spiel am Sonntag waren die Möglichkeiten größer – vor allem, da diesmal kein Gewitter anstand. Und das Beste: kein morastiger Flussarm als 'Pool', sondern einer der Baggerseen.
Vermutlich hätte die Regierung diese Dinger nach dem Schließen der Omnica-Fabrik besser sichern müssen, um zu verhindern, dass Generationen von Teenagern daraus ein völlig ungesichertes Spaßbad machten, lose zusammengebundene Flöße auf eisigen Tiefen und so. Praktisch hatte wahrscheinlich niemand Lust dazu gehabt, mehr als ein paar Absperrungen hinzustellen, die mittlerweile als improvisierte Badeinsel mit einer fast durchgerosteten Kette vertäut lagen.
Also – keinen stinkenden Matsch an den Sachen, erweiterte Gästeliste und die Option, ungestört Alkohol zu konsumieren und andere verabscheuungswürdige Aktionen durchzuführen, und das alles ohne erwachsene Ägide auf einem ungesicherten Spielplatz.
Fuck yes. Jack wollte das. Und er war nicht der einzige.
„Du hast mich nicht gesehen und ich bin nicht hier,“ Genji blickte sich um, als könnte sich zwischen den Hemlocktannen rund um den Baggersee jemand verstecken, „aber sag' mir Bescheid, wenn du Jamie siehst.“
Jack wandte seine Aufmerksamkeit von dem Herstellen von Jungle Juice ab – traditionell die Art Mischgetränk, in die jeder etwas reinkippte, und idealerweise war es bunt – und überließ es der Schwerkraft, ob Nel wirklich die Dosenpfirsiche in das bruchsichere Bowlegefäß kippen wollte. „Wenn ich nicht weiß, wo du bist?“
„Hast du nicht immer alles im Blick?“ Genji zuckte mit den Schultern und grinste, doch es war angespannt. Jack musste zugeben, dass sie in der vergangenen Woche kaum geredet hatten, und den Andeutungen vom Rot geplatzter Äderchen in Genjis Augen schien der Jüngere selbst unter Strom zu stehen.
„Wenn es wegen den Lindholms ist...“
Aber Genji schnalzte nur abfällig mit der Zunge und wippte auf den Sohlen. „Bullshit. Ist nichts, ich hab' einfach keine Lust, später leer auszugehen.“
Es war nicht übermäßig schockierend, wenn Genji vorhatte, high zu werden, doch die Dringlichkeit, die in seinen Worten mitschwang, machte Jack hellhörig. Als wäre es nicht nur Stressabbau, sondern schlichtweg nötig, um die nächste Woche zu funktionieren. Es passte nicht zu ihm.
Nur – wie fragte man danach taktvoll, ohne wie der besorgte Elternteil zu klingen, auf den Genji vermutlich verzichten konnte?
„Noch was vor?“
Es war offensichtlich die falsche Frage, oder Jack hatte nicht ganz so beiläufig geklungen, wie er gewollt hatte. Oder, nun, Genji war per se reizbar heute, denn sein Grinsen offenbarte zu viele Zähne für lockere Belustigung. „Spaß haben. Weiß nicht, ob du das noch kennst, Cap.“
Er bewarf Jack mit unsichtbaren Credits und machte dann einen Satz zurück, um eine elegante Pirouette zu drehen und eine Fingergun auf Lena abzufeuern, die dem Projektil bewundernswert auswich, ohne dabei ihre Schale fallen zu lassen. Nachdem sie der unmittelbaren Gefahr entgangen war, präsentierte sie Jack stolz ihr Mitbringsel.
„Teig! Für Stockbrot und so!“
Und da hatte Jack vorgehabt, am Feuer allenfalls Marshmallows zu rösten. Er nahm die Schale – es war wirklich eher ein Eimer – an und stellte fest, dass neben dem Teig noch Schalen mit Aufstrich unter dem Handtuch steckten. „Stilvoll. Du ruinierst all die Primitivität.“ Er zwinkerte ihr zu. „Vielen Dank.“
Lena grinste ihn an, gerade als Genji irgendwo zwischen den Bäumen und endgültig außer Sicht verschwand. „Stil? Ich? Nee, das ist von Ange. Tut ihr leid, dass sie nicht kommen kann, da ist irgendein Komitee-Ding, das sie aufhält. Aber sie hat mir das mitgegeben!“
Angela kam nicht? Davon hatte sie am Nachmittag noch nichts erwähnt, doch anscheinend war sie kurzfristig aufgehalten worden. Es sah ihr nicht ähnlich, das über jemand anders ausrichten zu lassen, aber jeder hatte das Recht auf ein paar Launen.
Jacks Aufmerksamkeit wurde von der Ankunft einer Gruppe abgelenkt – bunt durchmischt, doch er war mittlerweile dressiert wie ein Pawlowscher Hund, Gabriel zu erkennen.
Vielleicht hatte Genji Recht. Vielleicht lag das alles nur daran, dass er mattgraue Scheuklappen trug.
Lena hatte begonnen, auf den Sohlen zu wippen – ebenso wie Genji vorhin, dennoch sah Jack etwas von seiner nervösen Energie plötzlich bei ihr gespiegelt und... niemand hatte Lena vorgeworfen, sie hätte nie Spaß im Leben.
Oder wüsste es nicht zu würdigen, dass eine der Cheerleader sich ihr Shirt über den Kopf zog, um in Shorts und Bikini-Top ins Wasser zu rennen, bis zu den Knien hineinzuwaten und dann quietschend wieder herauszuzischen, um sich neben Emily zu schütteln wie ein nasser Hund.
„Ich hasse euch, weißt du,“ sagte Lena leise und vollkommen ernst zu Jack, ohne den Blick abzuwenden. „Ich werde einen von euch umbringen, seine Identität annehmen und bei euch mitmachen. Dafür.“
Zarya hob von Weitem triumphierend die Hände, in denen sie jeweils eine Wassermelone hielt, und Emily joggte heran, halbtransparente Wasserflecken auf ihrer Bluse und eine schief sitzende Sonnenbrille auf ihrem in der Abendsonne glühenden Haar. „Wir machen einen Zerdrück-eine-Wassermelone-mit-den-Oberschenkeln-Wettbewerb! Ihr macht mit, ja?“
Sie wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern rannte weiter zu der noch nicht entfachten Feuerstelle, um das Angebot von Getränken durchzuwühlen und sich dabei energetisch nach Amélies Anweisung mit durchgedrückten Knien über die Kühlkiste zu beugen.
Lena äußerte ein winziges hohes Seufzen, und Jack warf ihr einen mitfühlenden Seitenblick zu. „Es ist nur schlimmer aus der Nähe.“
Lena fuhr sich mit beiden Händen durch ihr kurzes braunes Haar und griff nach dem Saum ihres T-Shirts. „Masochisten vor, mein Lieber!“
Zum Teufel damit. Jack stellte die Teigschüssel ins Gras und schloss sich ihr an.

Auch wenn es eine verlegte Beachparty war, musste man immer noch so tun, als hätte es irgendetwas mit Sport zu tun – als käme man gerade von einem Spiel und müsste einen Sieg zelebrieren. Es war eine Art Gewohnheit, um ein wenig Zeit mit Kindereien zu verbringen, weil sie alle immer noch gut erzogen waren und man den ethisch verwerflichen Teil der Party nicht bei Tageslicht beginnen konnte.
Außerdem versammelte man sich nun mal erst um ein Feuer, wenn es annähernd dunkel war. Und diese Dunkelheit es weniger auffällig machte, wenn Leute zwischenzeitlich verschwanden.
Und ein guter Chicken Fight war eine ehrenhafte Disziplin der Überbrückung... und manchmal eine Überleitung zum Sittenverfall, wenn man bedachte, dass man sich eine andere Person auf die Schultern setzte und diese versuchte, ihren Gegner von den Schultern eines anderen zu schubsen. Denn typischerweise waren nun mal die Männer die 'Vehikel' und die Frauen die 'Angreifer' – aber das war vor Zarya gewesen.
„Bist du schon drauf? Ich spür' gar nichts.“ Sie grinste und kniff Genji in die Wade, der ihr daraufhin seine Ferse platschend in die Rippen drückte. „Ich war noch nie so beleidigt. Scheiß auf Mutter Russ-“
Zarya knurrte und packte seine Füße, um ihn kurzerhand hinterrücks von ihren Schultern zu werfen – unter dem begeisterten Johlen der Konkurrenz.
„Sie kegeln sich selbst aus dem Rennen.“ Lena stemmte ihren Ellbogen auf Jacks Kopf und trommelte ungeduldig mit den Zehen auf der Wasseroberfläche, während Genji prustend und fluchend wieder auftauchte. „Haben wir schon gewonnen?“
Chicken Fight war erst dann richtig herausfordernd, wenn man auf glitschigen Kieseln stand und die unberechenbaren Strömungen eines tiefen, künstlichen Sees einem dann und wann plötzlich eiskaltes Wasser um die Kniekehlen spülten, bevor alles wieder normal war. Es gab Extrapunkte, wenn man nicht nur den Angreifer runterwerfen, sondern auch das Vehikel untergehen lassen konnte – oder den Top und den Bottom, wie Lena es mit britischer Contenance nannte – und alles war erlaubt.
Gabriel machte nicht mit.
Er war nicht der einzige, der sich dem Chicken Fight nicht anschloss: für manche war es schlichtweg zu früh und man selbst zu nüchtern, um in Badebekleidung auf jemandes Schultern zu steigen, und Jesse hatte es rundheraus abgelehnt, irgendwessen Pony zu sein (wenn man doch erkennbar der Cowboy war) – er steckte die obligaten Witze, dass er nicht geritten werden wollte, unverdrossen weg und ersetzte seine Zigarette ab und an mit einer Trillerpfeife, um den Schiedsrichter zu geben (Jack verdächtigte ihn, bloß nicht seinen Hut abnehmen zu wollen). Und manche anderen wollten sich ohne damit verbundene Anstrengung abkühlen, das war kein Problem.
Gabriel lehnte es ab, überhaupt ins Wasser zu gehen.
Jack riskierte einen Blick, während Genji noch seiner Empörung Luft machte (reine Show, weil er wusste, dass die holde Weiblichkeit dann seine Partei ergriff – aber wenigstens war das wieder annähernd normales Verhalten für ihn). Gabriel schälte die Rinde von ein paar Stöcken, um daraus später Spieße zu machen, während Emily mit ihm redete – die zahlreichen Pflaster an ihren Fingern hielten sie davon ab, tiefer als bis zu den Knien ins Wasser zu gehen, sehr zu Lenas Leidwesen.
Sie kriegten wohl beide nicht das, was sie wollten, also wollten sie wenigstens gewinnen. Sie hatten viel Frustration zu geben.
„Wird das noch was, ihr beiden Hübschen?!“ Lena wippte hin und her, und Jack musste den Blick von kleinen Freuden wie Gabriel in kurzen Hosen losreißen – konnte er mit seinen Oberschenkeln bitte bald diese Wassermelone zerdrücken, bevor Jack den Verstand verlor – um seine Balance zu halten.
„Njet.“ Zarya warf ihr nasses rosa Haar zurück und Genji sein grünes. Es war ja nicht so, als hätten sie ihre Allianz aufgrund ihrer Farbkombination geschlossen.
(Doch, war es.)
„Wir haben unüberbrückbare Differenzen,“ verkündete er, und sein Blick ging zum Ufer – wo das eben entzündete Lagerfeuer, wie alles Brennende und Gefährliche, Jamison magnetisch angezogen hatte.
„Ich kann nicht mit, eh, kleine Vogel.“ Zarya verpasste Genji einen gutmütigen Klaps auf den Rücken, der andere Menschen zu Boden, oder in diesem Fall unter Wasser geschickt hätte. Genji hielt sein Gleichgewicht auf dem rutschigen Untergrund, hatte aber seinerseits einen 'Vogel' zu zeigen, bevor er wieder an Land watete und Unflätigkeiten in seiner Muttersprache murmelte.
Jack wünschte nur, es gäbe einen anderen Grund für sein 'Aufgeben'.
Zarya ließ ihre Faust in die flache Hand klatschen, ihr angriffslustiger Blick schweifte über die anderen 'Kombattanten': die Lindholm-Zwillinge traten immer zusammen an (damit sie danach diskutieren konnten, wer von ihnen Schuld war oder wem sie den Sieg verdankten – aber wehe dem, der sich da einmischte), Fount und Ella hielten sich ganz gut, doch allgemein war Lena viel rücksichtsloser, als ihr sonniges Wesen ahnen ließ, und kitzelte ihre Gegnerinnen gnadenlos aus dem Sattel. Plus, uhm, Jack war ziemlich groß und flexibel, und Lena wog praktisch nichts.
Um gegen die Elite dieses würdevollen Wettkampfs zu bestehen, brauchte man schon einen guten Partner. Das war spätestens dann klar, als Lena eine ihrer Trackteam-Kolleginnen ins Wasser fegte, bevor diese überhaupt einen Angriff hatte starten können.
„Gabe!“ Zarya schlug ihre flache Hand schallend aufs Wasser. „Was ist, du wolltest auf meine Schultern!“
Gabriel winkte ab, obwohl Emily ihn ermutigend in die Seite stupste, und brüllte zurück: „Nicht in der Brühe!“
„Jetzt sei keine Pussy, wenn du nicht mal eine hast!“ Ella hob die Hände über den Kopf und begann zu klatschen. „Gabe! Gabe!“
Wie mit allen Chants fielen die meisten prompt ein, selbst Jesse, um dann in ein aufgekratztes Johlen zu verfallen, als Gabriel das Messer zur Seite warf und aufstand. Jack las einen gewissen Widerwillen aus seinen Bewegungen, konnte jedoch nicht sagen, ob das wirklich damit zusammenhing, dass er den See ekelhaft fand. Aber selbst wenn er nicht schwimmen könnte, was heutzutage ziemlich selten war, befanden sie sich hier in einer Tiefe, in der jeder noch stehen konnte, es war also kaum gefährlich.
Die anderen skandierten immer noch, während Zarya sich bis zum Kinn ins Wasser sinken ließ, um Gabriel auf ihre Schultern steigen zu lassen. Auch wenn er deutlich mehr wog als Genji, schien sie sein Gewicht stemmen zu können... und Jack war nur ein kleines bisschen neidisch, wie sie dazu kam, dass Gabriel seine muskulösen Oberschenkel gegen ihren Kopf drückte.
Ein paar Sekunden lang gewöhnte Gabriel sich an sein Gleichgewicht, und Zarya klemmte seine Unterschenkel unter ihren Armen ein, um sie gegen die Rippen zu drücken. Auf diese Art konnte sie besser zufassen, als wenn sie versuchte, seine Knie oder Oberschenkel zu halten, die bei spritzendem Wasser schnell aus dem Griff glitten... doch Jack sah einen Schatten von Unbehagen, den er nicht einordnen konnte. So wie Menschen manchmal dreinblickten, wenn sie in der Gondel des Karussells saßen und sich nicht ganz sicher waren, ob sie wirklich wollten, dass sie losfuhr.
Zarya grinste und reckte das Kinn. „So! Los!“
„Okay! Hammer Time!“ Isak stieß seinem Bruder die Ferse in die Seite, welcher daraufhin losstürmte – im brusthohen Wasser deutlich langsamer als sonst, aber das war sowieso nötig für die Dramatik. Immerhin wollten sie hier ernsten Bullshit machen. Jack wandte sich seinerseits ab, um Lena auf ihren nächsten Kontrahenten loszulassen... und sich ein bisschen näher an eine Badepause zu bringen, denn so langsam spürte er seine Zehen nicht mehr.
Noch bevor Lena ihre hinterhältigen kleinen Finger in kitzelige Rippen gestoßen hatte, brachte eine Welle Fount ins Schwanken – Lena erkannte ihre Chance und schubste Ella von dessen Schultern, als diese mit den Armen ruderte.
„Das zählt nicht!“ Ella tauchte hustend und spritzend wieder auf und machte eine anklagende Geste auf die Lindholms, die noch ihre jeweiligen Glieder sortierten. „Da kam 'ne Welle!“
„So ist das in 'nem See.“ Lena kicherte und beugte sich zu Jack herunter, um ihm konspirativ zuzuflüstern: „Gabe hat Ludvig gegen die Schulter getreten und sie umgeworfen. Pass auf, dass er das nicht auch bei dir macht!“
„Sieht nicht aus, als müsste ich mir deswegen Sorgen machen,“ murmelte Jack, während er hin und her gerissen beobachtete, wie Zarya die Unterschenkel ihres Partners wieder einklemmte, diesmal fester. Da Gabriel nun mal größer und schwerer war als Genji oder eins der Mädchen, war es leichter für ihn, auch versehentlich Zaryas Körperschwerpunkt ins Wanken zu bringen, und dann gingen sie beide unter. Niederlage durch Selbstsabotage wollte keiner erleben, wenn man schon so weit gekommen war.
„Er will das so schnell wie möglich hinter sich bringen.“
Jack hatte nicht bemerkt, dass er das vor sich hin gesagt hatte, bis er Lena glucksen hörte. „Kann er haben!“
Wahrscheinlich hatte sie Recht... Je eher hier ein Sieger gekürt wurde, desto weniger musste Jack sich den Kopf zerbrechen.
Er legte die Hände wieder auf Lenas Knie: bisherige Duelle hatten gezeigt, dass er ihr am besten Bewegungsfreiheit ließ, und sie war so schmal und sehnig, dass es ausnahmsweise leichter war, sie dort zu halten und wie eine Balancierstange zu benutzen.
(Er wollte damit nicht zitiert werden, doch das würde ja auch nicht passieren.)
Jesse blies in seine Trillerpfeife, nachdem die Zigarette gegen diese ausgetauscht hatte. Zarya wandte sich Jack zu, die Stirn konzentriert gerunzelt.
„Auf die Plätze!“
Jede Unsicherheit war wieder von Gabriels Gesicht verschwunden, als Lena und er einander mit Blicken maßen. „Das bisschen Kitzeln reicht bei mir nicht, Twiggy.“
Lena lachte ausgelassen. „Ich kann dich ja auch kneifen!“
„Fertig!“
„Verdreh' ihm die Nippel,“ empfahl Jack seiner Teampartnerin, und Zarya ließ folgen: „Zieh' ihr an den Haaren.“
„Beides!“ Lena duckte sich über Jacks Kopf, sodass er ihr aufgeregt schlagendes Herz an den Rippen über seiner Kopfhaut spüren konnte.
„High Noon!“
Lena trommelte mit den Beinen aufs Wasser, sodass es überall spritzte – gerade genug Ablenkung, damit Jack zurückweichen konnte, bevor Gabriel Lena am Arm packen konnte. Sie quietschte und zappelte. „In die Flanke!“
Jack war schneller als Zarya, allerdings war ihm auch klar, dass sie nur ein Mal nah genug kommen musste, um ein Leichtgewicht wie Lena wegzufegen. Als Gabriel und sie gleichzeitig Wasser in ihre Richtung schoben, spürte er schon, wie Lena sich an seine Schultern klammerte.
Sie brauchten tieferes Wasser, um das auszuhebeln. Jack wich zur Seite und tastete sich mit den Zehen über den steinigen Untergrund, während das Wasser seine Schultern hochspritzte.
„Kennst du Stierkampf, Jack?“ flüsterte Lena ihm über das Johlen und Gurgeln zu, während Zarya sich ihnen zuwandte.
Jack schluckte. „Bin mir nicht sicher, ob ich dafür schnell genug bin.“ Denn wenn nicht, rutschte er vermutlich weg und sie hatten verloren.
„Vertrau' mir!“ Lena kicherte übermütig und schlug ihre Ferse wieder spritzend ins Wasser-
Zaryas Hand schoss aus dem dunklen Wasser und packte ihren Knöchel, und Lenas Kichern verwandelte sich in ein erschrockenes Japsen.
Jack machte trotzdem einen großen Schritt zur Seite, so schnell wie eben möglich, und versuchte Zarya dazu zu zwingen, Lena loszulassen, damit sie ihr Gleichgewicht nicht verlor.
Zarya ließ nicht los. Jedenfalls nicht schnell genug. Auf dem glitschigen Untergrund rutschte sie zur Seite, Gabriels Unterschenkel immer noch fest gegen die Seiten gepresst, im Moment des Erschreckens wahrscheinlich noch fester.
Jack sah das Entsetzen in Gabriels Augen, als er nach hinten in die Tiefe kippte, ohne dass er seine Beine zum Schwimmen unter sich bringen konnte. Ohne nachzudenken ließ Jack Lenas Knie los, um zu versuchen, Gabriels in der Luft rudernden linken Arm zu erwischen-
Seine Nägel schrammten über die Haut und die steinharten Muskeln darunter, bevor Gabriel unterging.
Es gab ein enormes Platschen und Spritzen: Jack spürte, wie Lena von seinen Schultern rutschte und sich noch an seinen Rücken klammerte (selbst jetzt noch kompetitiv gestimmt), und zu einem anderen Zeitpunkt hätte Jack als hormonerwachter Teenager zumindest zur Kenntnis genommen, wie sie ihre Brüste dabei gegen seinen nackten Rücken drückte.
Jetzt nicht. Jetzt sah er für einen unrealistisch lang erscheinenden Moment, wie Gabriel rücklings ins Wasser fiel und das Schwarz seiner riesigen Pupillen alles zu verschlingen schien.
Dann tauchten er und Zarya wieder auf – selbsttätig und hustend, und niemandem fehlte etwas. Außer ein bisschen Würde.
„Gewinner!“ Lena feixte und rutschte von Jacks Rücken, um sich angemessen feiern zu lassen; was Jack auch getan hätte, wäre es nicht so schwer, Dinge zu vergessen, die er gesehen hatte.
„Nicht schlecht.“ Zarya grinste und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. „Revanche?“
„Bist du verrückt? Ist arschkalt hier drin.“ Gabriel verschränkte die Arme fest, und Jack beeilte sich, ihm zuzustimmen – in diesem Fall, weil ihm selbst kalt war. „Nope, Lena und ich haben gewonnen und wollen das ewig vor uns hertragen, ohne dass uns jemand herausfordern darf, vielen Dank.“
Zarya schnaubte enttäuscht, aber nicht wirklich verärgert, während Gabriel bereits beidrehte und so schnell wie eben möglich aus dem See watete. Die anderen folgten langsamer, immer noch ausgelassen, und Jack für seinen Teil war ziemlich mit der Welt versöhnt, als er sein Handtuch um die Schultern legen und die nach wie vor heiße Abendsonne auf seiner kalten Haut aufnehmen konnte, während Junkfood und Bier zu zirkulieren begannen.
„Nettes Rodeo.“ Jesse grinste und öffnete eine Tüte Jerky. „Schmoll' nich', Gabe – du hast sogar Kampfwunden, das wird 'ne Geschichte für Generationen.“
Gabriel warf ihm einen unbeeindruckten Blick zu und griff in die Tüte: dabei schienen ihm die parallelen Kratzer an der Seite seines Unterarms jetzt erst aufzufallen. Jack nahm an, dass er zuvor geflutet von Adrenalin gewesen war und keinen Schmerz gespürt hatte... doch selbst wenn das stimmte, würde Gabriel das jetzt kaum zugeben.
„Huh. Welches Arsch war das denn.“
Jack machte eine unschuldige Miene – er war schließlich nur das Vehikel gewesen – doch Gabriels Augen richteten sich lauernd auf ihn. Es war wieder dieser kühle, alles kalkulierende Ausdruck, der versuchte, mindestens bis auf seine Knochen zu sehen.
Jack nahm sich eine Handvoll Jerky und ließ affektiert seine Wimpern flattern, weil er das konnte. „Lenkst du gerade mit etwas Gejammer davon ab, dass du verloren hast, Reyes?“
Gabriel musste noch ein wenig durchgeschüttelt von seinem 'Sturz' sein, denn er reagierte nur mit einem verhältnismäßig lahmen „Leck mich, Morrison“ und einem abwesenden Blick in Jacks Richtung, bevor er mit einem Zischen sein Bier öffnete.
Der Abend war ja noch jung.

Letztlich zerdrückte niemand eine Wassermelone mit den Oberschenkeln, weil Genji sie in einem unbeobachteten Moment herzlos aufschlitzte und erklärte, dass er niemandes Schamhaare in seinem Melonenstück haben wollte. Jack vermutete, dass ein paar der Anwesenden trotz ihres Gemosers erleichtert waren, dass sie nun doch nicht auf den Prüfstand kamen: was, wenn man die Melone nicht knackte? Gerade als Sportler hatte man da etwas zu verlieren, und mit wenigen Ausnahmen waren hier nun mal vor allem Sportler.
Je weiter die Zeit voranschritt, desto weiter spaltete die Party sich auf – kleinere Gruppen entstanden, von denen manche um die Badeinsel herumplanschten, manche beim Feuer blieben, andere am Ufer und, nun, ein paar verschwanden eben. Und tauchten nach undefinierbarer Zeit wieder auf oder... eben auch nicht. Das machte den Charme aus – und man musste ab hier etwas aufpassen, wohin man sich zum Pinkeln verzog.
Jack blieb am Feuer sitzen und genoss das Gefühl, für nichts und niemanden verantwortlich zu sein. Es war weder zu heiß noch zu kalt, seine Kleidung war noch trocken, dank Angelas Einsatz hatten sie sogar relativ vorbildlich gegessen, und in seinem Blut zirkulierte gerade genug Alkohol, um entspannt und schwerelos zu sein.
Dann drückte ihm jemand einen roten Einweg-Becher aus Bambusfaser in die Hand, in dem cyanblau-grüne Jungle Juice herumschwappte – plus ein halber Dosenpfirsich.
Er sah irritiert zu Cutter auf, der ihn angrinste. „Wir spielen 'Ich hab noch nie'!“
Er händigte gefüllte Becher an Jesse, Lena, Zarya, Emily, Isak und Gabriel aus und grinste vielsagend. „Ich meine, ist ein Kennlern-Spiel!“
War's nicht, es war ein Trinkspiel, aber meistens war es lustig. Solange alle den Kodex befolgten, die Dinge, die sie dabei erfuhren, nicht groß herumzuposaunen – doch es war nicht so, als fragte irgendjemand nach substanziellen und weltverändernden Fakten.
(Und man konnte ja immer noch lügen, im Notfall.)
„Wieso nicht einfach fragen?“ Zarya fischte eine geviertelte Zitrone aus ihrem Drink und schob sich den Schnitz ohne Wimpernzucken zwischen die Lippen.
„Wo bleibt da die Ausrede für Substanzmissbrauch?“ Genji tauchte aus der Dunkelheit jenseits des Feuers auf, schnappte sich zwei Becher und filterte die Jungle Juice so weit, dass er kein Obst mit einfüllte.
„Plus, wer 'ne dumme Aussage macht, muss auch trinken,“ fügte Lena hinzu. „Wegen der Idioten, die immer 'Ich war noch nie tot' gesagt haben.“
Genji prostete ihr zu. „Du hast die metaphysische Ebene dieser Aussage einfach ignoriert, Oxton.“
„Deine metaphysische Mama, mein Lieber. Jetzt setz' dich endlich hin.“
Genjis Blick huschte kurz zwischen Jesse und den Lindholms hin und her, und Jack konnte nicht sagen, was für ihn weniger attraktiv war: mit jemandem zu spielen, mit dem er Stress hatte, oder in Gegenwart von wachsamen großen Brüdern über Sex reden; denn das war immer das Thema dieses Spiels.
(An dieser Stelle: 'Sex' war alles, was irgendwie auf Geschlechtsverkehr hinauslief. Unter dem enthemmenden Einfluss von Alkohol hörte man sonst nämlich Details, die keiner wissen wollte. Jack für seinen Teil wollte nie wieder etwas über die Feinheiten gewisser Handjobs erfahren.)
„Ich weiß schon mehr über euch alle, als ich je wissen wollte.“ Er zwinkerte Zarya zu. „Nichts für ungut.“
„Feigling.“ Zarya grinste und roch geringschätzig an ihrem Getränk, dann klopfte sie sich auf die Oberschenkel. „Meinetwegen. Spielen wir!“
Jack riskierte einen Seitenblick auf Gabriel. Das Feuer malte zuckende Schatten auf sein kantiges Profil und warf einen warmen Schimmer auf seine hohen Wangenknochen und sein dunkles Haar. Er wirkte nicht enthusiastisch, doch es war zu spät, um zu kneifen... und vermutlich machte er sich auch nicht gerade Sorgen, wonach hier jemand fragte. Jacks Magengrube kribbelte elektrisch, und er nippte an seinem Becher, um seinen Mund zu befeuchten.
„Uh.“ Er verzog das Gesicht, während Genji wieder verschwand, ohne dass Jesse diesen kritischen Wink der Einladung ausgesprochen hätte. „Warum schmeckt das wie verdünnter Hustensaft?“
„Kräuterlikör,“ bemerkte Jesse lakonisch. „Und Tequila, deswegen schwimmt da 'ne Zitrone.“
Und schon war es unattraktiv, das trinken zu müssen. Aber egal, erfahrungsgemäß behob sich das Problem, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hatte.
„Ich fange an!“ Emily rang aufgeregt ihren Becher in den Händen. „Ich habe noch nie... eine ganze Chilischote gegessen!“
Ein unschuldiger Auftakt, der nur Jesse und Gabriel zum Trinken nötigte. Den versteinerten Mienen nach war es keine Erfahrung, die sie wiederholen würden... ohne dabei überhaupt von der Art der Chili zu sprechen.
Zarya warf einen Blick in ihren trüben Becher, dann grinste sie wieder. „Ich hab' noch nie ein Kleid getragen.“
Wie sich herausstellte, hatte das auch keiner der anwesenden Männer, bis auf... Jack warf Isak einen verblüfften Blick zu. „Wann?“
„Muss ich dir nicht sagen,“ brummte der andere verlegen, nur damit sein Bruder mit dem siebten Sinn für Peinlichkeit vom Ufer aus brüllte: „Trachtenfoto!“
„Ihr seid so öde.“ Cutter schnaubte und hob seinen Becher bedeutungsvoll. „Okay, ich hab' noch nie jemanden beim Sex erwischt!“
Emily wirkte milde entsetzt bei der Aussicht, dass irgendjemand da andere Erfahrungen haben sollte, deswegen stieß sie ein leises Quieken aus, als Jack und Zarya einen Schluck nahmen. Gabriel kratzte sich nachdenklich den Bart. „Gilt es auch, wenn es den Leuten egal war, ob sie wer sieht?“
Selbst Cutter schien einen Moment lang verunsichert von der Frage (und ob Gabriel ihn verarschte), dann zuckte er steif mit den Schultern. „Klar, Alter... Wie zum Teufel...“
Gabriel setzte seinen Becher wieder ab und leckte sich desinteressiert die Lippen. „Schwimmbad.“
„Oh, apropos.“ Cutters Stimme zitterte vor unterdrücktem Lachen. „Ich hatte nie Sex in diesem See.“
„Du blödes Arschloch.“ Jesse setzte seinen Becher an und zog seinen Hut etwas tiefer in die Stirn gegen die mal befremdeten, mal angewiderten Blicke, die ihn trafen. „Rein aus Interesse,“ begann Lena vorsichtig. „War's penetrativer Sex?“
„Und wie lange ist das her?“ Zarya verzog das Gesicht und spülte sich den Mund mit Juice aus, die sie unter einer kleinen Flammenlohe ins Feuer spuckte.
Jack räusperte sich und durchsuchte sein stockendes Gehirn nach einer Aussage, die dringend das Thema wechselte, bevor er Antworten erhielt, die er nicht verkraften konnte. Er hatte dieses Wasser in den Mund bekommen. „Ich hab' noch nie einen Pornofilm bis zu den Credits geschaut.“
Niemand trank. Oh, fantastisch.
„Und ich dachte, ihr hättet Kultur.“
„Blöde Aussage, Morrison. Runter damit.“
Gabriel wartete mit einem aufreizenden Halblächeln, bis Jack einen angemessen nicht-mehr-ganz-so-ekligen Schluck genommen hatte, dann sagte er: „Ich hab' noch nie versucht, betrunken auf einen Baum zu klettern.“
Er wirkte so gar nicht überrascht, als alle außer Emily daraufhin ihren Becher ansetzten. Sie schien etwas ratlos, als ob sie da etwas verpasste; Gabriel schnaubte bloß. „Das is' zu einfach.“
„Ich hab' noch nie...“ Lena trommelte sich mit den Fingern auf die Knie und wippte energetisch im Schneidersitz hin und her, „in Unterwäsche Autos gewaschen!“
Das Wippen hörte abrupt auf, als neben Jack (der so weit draußen wohnte, dass er sich im Sommer keine Sorgen machen musste, gesehen zu werden) auch Emily ihren Becher hob, um verlegen daran zu nippen. „Du, ah...“ Lena räusperte sich trocken. „Das ist... unerwartet...“
„Es ist wirklich meditativ.“ Emily praktizierte einen unschuldigen Augenaufschlag, der Lena durch Mark und Bein gehen musste. „Ich mache das jedes Wochenende.“
„Ist-... ist das so.“ Lena wischte sich die Handflächen an ihren bloßen Beinen ab und schluckte mühevoll. „Tja, das... wow...“ Trotz ihrer sonstigen Lebhaftigkeit schien sie nicht zu wissen, was sie sagen sollte, und Jack fühlte mit ihr.
Jesse offenbar nicht, denn er schlug prompt in dieselbe Kerbe. „Ich hab' noch nie Reizwäsche getragen.“
„Aber deine badass motherfucker Unterwäsche ruft bei mir Augenreizung hervor,“ brummte Jack, während Zarya und nach kurzem Zögern auch Lena und Cutter ihre Becher hoben.
„Reizwäsche ist jede Unterwäsche, die jemand anders dazu bringen soll, sie auszuziehen?“ Emily drehte sich eine ihrer roten Haarsträhnen um den Finger und sah Jesse verschmitzt von der Seite an. „Wär's dann nicht besser, gar keine zu tragen?“
Gabriel schnaubte und fuhr sich mit einem leisen Knistern, das Gänsehaut über Jacks Arme geistern ließ, über das kurze Haar in seinem Nacken. „Sie dranzulassen macht mehr Spaß.“
Emily lehnte sich vor, um über die Flammen hinweg Zarya neugierig zu mustern. „Ist das wahr?“
Zarya schmunzelte rätselhaft und stützte ihr Kinn auf die Faust. „Musst du selbst herausfinden, Kätzchen.“
Emily kicherte verlegen, dann schien sie sich zu erinnern, dass sie an der Reihe war, eine Aussage aufzustellen. „Ich äh... habe noch nie einen romantischen Abend verbracht?“
Für eine Weile wurden die Themen harmloser, allenfalls semi-frivol – sie mussten sich einigen, ob bei 'Ich habe noch nie ein Rollenspiel mitgemacht' die Pflichtkurse in Selbstbehauptung zählten, in denen man so tat, als wollte einem jemand an die Wäsche, und ob 'unerlaubt ein Auto gefahren, das ich nicht hätte fahren dürfen' hieß, dass man dabei unzureichend bekleidet war.
Erinnerungswürdig war die Aussage „Ich habe noch nie den Namen von jemand anders beim Sex genannt“ und die folgende Frage, ob „Gott“ und „Jesus“ als solche galten.
„Gott zählt nich', aber Jesus schon,“ beschloss Jesse, und Zarya machte ein angewidertes Gesicht, während Isak unsicher nickte. „Der war ja mal... da. Oder so.“
„Ihr kommt in die Hölle,“ stellte Jack eher mittelmäßig schockiert fest. „Oder so.“ Er angelte ungeschickt den halben Dosenpfirsich aus seinem Becher und biss davon ab; prompt lief ihm Saft übers Kinn und tropfte hier und da auf sein T-Shirt, aber das war egal – er wollte in Ruhe betrunken sein, nicht darüber nachdenken, ob er blaugrüne Flecken später wieder rausbekam.
Er spürte einen bohrenden Blick auf sich und begegnete Gabriels dunklen Augen, die ihn eindringlich beobachteten.
Dann sah der andere weg, scheinbar um zuzuhören, wie die Gott-ist-unter-uns-Debatte ausging, doch die Muskeln seiner Kehle arbeiteten sichtbar, als er schluckte. Normalerweise waren seine Reflexe so schnell, dass Jack allenfalls ahnte, wenn Gabriel ihn angesehen hatte, aber Alkohol wirkte sich auch auf so etwas aus.
„Ich binnoch nie verhaftet word'n,“ stellte Isak trotzig fest, vermutlich noch halb in der Diskussion über die vorige Aussage verstrickt, die irgendwann, als Jack nicht zugehört hatte, zum Thema Unzucht in einer Kirche umgeschwenkt war.
Jesse trank, was Jack nicht überraschte (aber den Schatten eines unguten Gefühls heraufbeschwor). Gabriel auch, was ihm neugierige Blicke sicherte, bis Zarya den Rest ihres Getränks herunterkippte. Emily stieß einen entzückten kleinen Schrei aus. „Warum?“
„Für Protest,“ erwiderte Zarya achselzuckend, und Jesse starrte irgendwohin, als er sagte: „Gefälschter Ausweis.“
Die Geschichte kannte Jack nicht, und er hielt sie auch nicht unbedingt für glaubwürdig; bei allem, was Jesse und Ashe unternommen hatten, war ein gefälschter Ausweis vermutlich nicht das einzige, aber er würde den Teufel tun und das laut sagen. Immerhin schuldete niemand eine genauere Antwort.
Das ließ Gabriel übrig, der sich trotz auffordernder Blicke genau darauf zu berufen schien, denn er reagierte nicht weiter.
Lena zögerte und trommelte gegen die Fasern des Bechers. Irgendwie schaffte sie es, eine gestochene Aussprache zu bewahren, aber die Röte auf ihren Wangen sprach Bände. „Zählt der Versuch, verhaftet zu werden?“
„Klar.“ Jack war alles recht, um dieses erwartungsvolle Schweigen zu brechen, außerdem versuchte er immerhin, ein passabler Wingman zu sein – auch wenn es schwer war, Emilys Aufmerksamkeit von Zarya zu nehmen und er Lenas Frustration spüren konnte. Für Protest verhaftet zu werden war nun mal cooler als brav zu sein.
Lena stieß mit ihm an, und Jesse hustete dramatisch. „Am Arsch. Ihr macht nie was Illelales!“
„Hab Graffiti gesprüht,“ verkündete Lena nicht ohne Stolz.
Augen richteten sich auf Jack. Auch Gabriels, fast schwarz unter seinen schweren Lidern. Unignorierbar mit ihrer Verlockung, ihn beeindrucken zu wollen, selbst wenn...
„'s war kein Sturm, als dieser Rentierschlitten vom Supermarktdach... auf der Polizeistation hing.“ Er zog eine Grimasse und sah zur Seite. „Mehr sag' ich nich'.“
„Ach komm.“ Cutter warf einen versengten Marshmallow in seine sehr ungefähre Richtung. „Das has' du nich' allein gemacht.“
Jack zog die Augenbrauen hoch – hatte er nicht noch vor zwei Sekunden betont, dass er das nicht verraten würde – als Zarya sich erhob und Dreck von ihrer Hose klopfte. Sie schien überhaupt nicht beeinträchtigt; es war ein Klischee, dass Russen Wodka im Blut hatten, doch entweder machte ihr Alkohol in dieser Menge wirklich nichts, oder sie war einfach gut darin, sich nichts anmerken zu lassen. „Wird Zeit, Kinder. Ich muss gehen.“
Emily war am offensichtlichsten enttäuscht, während Zarya bereits ihre Tasche über die Schulter warf. „Aber es ist Wochenende!“
Zarya zwinkerte ihr zu und warf sich mühelos in eine Bodybuilder-Pose, die im Feuerschein und mit der entsprechenden Leichtigkeit tatsächlich ästhetisch anstatt albern aussah. „Training hat kein Wochenende. Macht keine Dummheiten!“
Sie schlenderte davon, ohne sich die Mühe zu machen, bei jeder anderen Gruppe vorbeizugehen und sich zu verabschieden – und das, bevor irgendjemand in dieser Runde wirklich etwas Aufschlussreiches über sie erfahren hatte. Perfektes Timing.
Vielleicht war es Emilys niedergeschlagenes Seufzen, vielleicht die allgemeine Alkoholkonzentration oder eine simple Laune, als Lena die Hände flach auf ihre Oberschenkel klatschte und verkündete: „Ich hab' noch nie mit einem Kerl geschlafen!“
Emily errötete leuchtend, trank jedoch nichts. Gabriel schon.
Das Knacken des Feuers schien mit einem Mal sehr laut.
„Du... was?“ Isak war offenkundig vor allem völlig überrascht, Cutter verzog reflexartig das Gesicht. „Uh. Du warst aber... dicht, oder?“
Gabriel maß ihn mit einem kühlen Blick über den Rand seines Bechers hinweg. „Geht dich nichts an.“ Ein Muskel auf seiner Wange zuckte, und er richtete sich etwas weiter auf, der herausfordernde Ausdruck arbeitete sich weiter aus seiner Mimik hervor. „Nope, war ich nich',“ fügte er hinzu, seine Zähne blitzten drohend bei der Parodie eines Lächelns. „Und 's war auch nich' nur ein Mal.“
Jack hatte das Gefühl, dass Bienen in seinen Ohren summten: fast betäubend laut und schwindelerregend, während er versuchte, nicht wie ein Idiot zu starren.
In der Sicherheit seiner Gedanken hatte er nie in Frage gestellt, dass Gabriel auch auf Männer stand, weil duh, es war eine Fantasie. Natürlich bog er sich die zurecht. Er hätte nicht angenommen, dass jemand, der einen traditionell weiblichen Sport ausübte, deswegen automatisch mit Männern schlief, er hatte noch nicht einmal ausgearbeitet, wie er in Erfahrung hatte bringen wollen, ob Gabriel eventuell so etwas in Erwägung zog, selbst für so etwas hatte ihm die Zeit gefehlt, und jetzt...
„Du bist rumgekommen, was?“ Lena lächelte und zuckte mit den Schultern. „Cheers, die Welt gehört den Tapferen!“
Sie prostete Gabriel zu, vermutlich auch, um zu signalisieren, dass sie ihn nicht hatte bloßstellen wollen, und Jack imitierte ihre Geste, immer noch benommen von dieser plötzlichen Überschneidung von seinen geheimen Wünschen und... der Realität.
Die anderen schlossen sich nach der anfänglichen Überraschung an, nur Cutter schien noch irritiert. Den ganzen Abend lang waren Gabriel und er nicht sonderlich aneinandergeraten, Isak und Ludvig schienen ihn sowieso ganz gut leiden zu können, doch Jack war nicht blind für die Auffassung einer der konservativsten Sportkategorien der Moderne.
„Deswegen dieser Cheerleading-Kram... mit Röcken un' so...“
Gabriels unangenehmes Lächeln wurde breiter, schärfer, und Emily warf Cutter einen wütenden Blick zu. „Das hat doch nichts damit zu tun!“
Cutter lachte fassungslos.
„Und jetzt lässt du dich vonnem Mädchen retten... Kann nicht fassen, dass irgendwer mal Reyes' Harem gesagt hat...“
„Dann bist du ja jetz' erleichtert, oder?“ Gabriel lachte selbst leise, aber es war kein fröhlicher Laut. „Schade, zu früh gefreut.“
„Du-“
„Verdammt, halt endlich dein Maul, Isaac.“ Jack war selbst auf abstrakte Art erstaunt von der Vehemenz in seiner eigenen Stimme, die seine ohnehin tiefe Tonlage in ein splittriges Grollen verwandelte. Es war, auch objektiv betrachtet, keine Stimme, der man Widerworte gab.
Es sei denn, man war betrunken und stand mit dem Rücken zur Wand.
„Sonst was, Jackie?“ Cutter lehnte sich vor, als wollte er, dass die Flammen an seinem Kinn leckten. „Schmeißt du mich auch außem Team? Für die Schwuchtel?“
„Für uns alle,“ warf Jesse schneidend ein, „weil du'n beschissener Bastard bis'.“
Im Feuerschein wirkte Cutters Grinsen wie eine Grimasse, als er seinen Becher wie zu einem Salut zu Jesse hob: über das Rauschen von Blut in seinen Ohren konnte Jack hören, wie Lena versuchte, die Situation wieder zu beruhigen, doch es war zu spät dafür.
„Übrigens, McGee – ich bin noch nie 'ner Frau nachgerannt wie'n erbärmlicher Köter!
Normalerweise war Jesse ein stoischer Mensch, der anderen nicht die Genugtuung gönnte, sie merken zu lassen, wann sie ihm einen Schuss vor den Bug gegeben hatten. Aber Alkohol hatte auf diese Fähigkeit einen maßgeblichen Einfluss, und darüber hinaus waren sie hergekommen, eben weil die meisten von ihnen gestresst und nicht in einer ausgeglichenen Gemütsverfassung waren.
Jesse kam so schnell auf die Beine, dass er fast stolperte; er presste die Lippen zusammen und schleuderte seinen Becher ins Feuer. Jack zuckte ebenso reflexartig zurück wie die anderen, das leere Gefäß ging allerdings nur mit einem Knistern und Zischen in Flammen auf, anstatt das Feuer auflodern zu lassen.
Jesse bleckte die Zähne und wandte sich ab. Jack rappelte sich auf, um ihm zu folgen, doch noch bevor er den ersten Schritt gemacht hatte, sagte Jesse „Nein, Jack“ über die Schulter. Weder laut noch wütend, aber endgültig.
Jack kannte den Tonfall. Er respektierte ihn, doch es... fiel ihm nicht leicht.
Jesse verschwand in Richtung des Sees. Gabriel stand ebenfalls auf, während Isak und Emily noch wie erstarrt dasaßen und Lena mit einer für ihr fröhliches Gesicht erschreckend finsteren Miene ihre Hände knetete. Cutter erwiderte Jacks Blick nur trotzig, mit hektischen roten Flecken auf den Wangen und dem Hals.
„Ich geh' pinkeln,“ sagte Gabriel mit einem geradezu liebenswürdigen Lächeln Richtung Cutter. „Wenn du mir nachrennen willst, nur zu.“ Weder das Lächeln noch der zuckrige Tonfall ließen einen Zweifel daran, dass das nicht so ablaufen würde wie bei den anderen, die zusammen 'verschwanden'.
„Uh.“ Isak runzelte die Stirn und sah Cutter an. „Nich' cool.“ Er schüttelte den Kopf und stemmte sich ebenfalls hoch. „Ech' nich' cool.“
Er verließ das Feuer, vermutlich um seinen Bruder zu suchen, und Jack gab es auf, die richtigen Worte finden zu wollen, ohne zu schreien.
Es kostete ihn den Rest seiner Überwindung, Lena ermutigend zuzunicken und zu gehen, nicht wegzurennen und gegen etwas zu treten, das zu hart und standfest dafür war.
Er sah nicht nach rechts und links, als er in den Wald stapfte; sein Körper wählte automatisch die Richtung, aus der er weder verdächtiges Rascheln noch leise Stimmen und Gekicher hörte, und hielt erst an, als er sich sicher war, allein zu sein.
Dann grub er die Hände in sein Haar und knurrte jede einzelne Verwünschung, politisch inkorrekt wie gotteslästerlich und anatomisch unmöglich, die ihm einfiel.
„Wow.“ Gabriels Stimme war leise und spöttisch und jagte Jack einen Schauer über den Rücken. „Das war der längste ehrliche Satz, den ich je von dir gehört hab'.“
Obwohl sein Herz hämmerte und seine Brust sich jetzt aus einem anderen Grund eng anfühlte, und wie bewegte sich der Kerl so leise, drehte Jack sich um und verschränkte ärgerlich die Arme. „Was willst du, Gabriel. Wird langsam anstrengend.“
Gabriels Blick war kurz abgerutscht und kehrte jetzt zu Jacks Gesicht zurück: zwischen ihnen befanden sich immer noch gut zwei Armlängen Abstand, doch die Tannen waren hier nicht besonders nah beieinander, genug für Mondlicht und Lichtverschmutzung von dem beleuchteten Warnschild ein paar Meter entfernt.
„Dann lass es endlich bleiben, Morrison.“ Gabriel verschränkte seinerseits die Arme hinter dem Kopf, und Jack war fast abgelenkt genug, um zu ignorieren, wie sein Shirt sich dabei über der Brust straff zog.
„Kann dir nich' folgen.“
Gabriels Zähne blitzten weiß, als er grinste. Wie ein Hai. „Aw, horchata. Und ich dachte, du bis' mir gefolgt.“ Er ließ seine Arme wieder fallen und musterte Jack mit schräg gelegtem Kopf. „Das machen Typen wie du. Ich kenn's.“
„Du kennst mich nicht.“ Jack sagte das, weil er es wusste. Es gab nämlich wenige Menschen, die ihn kannten. Wenige, die willens waren, ihn nicht so zu sehen, wie sie ihn gern hätten, als Projektionsfläche für den All American Boy.
Gabriel lachte heiser. „Typen wie du...“ Er atmete leise ein. „Immer nett. Immer dabei. Wie'n scheiß König mit seinem Hofstaat. Und wer aufmuckt... kommt an den Pranger.“
Er trat einen Schritt näher und hob seinen linken Arm, um ihn beiläufig zu betrachten, im bläulich-weißen Licht zu drehen. Die Kratzer waren kaum sichtbar auf seiner braunen Haut, doch Jack wusste, dass sie da waren. Sinnbildlich für ihn.
„Du machst das echt,“ fuhr Gabriel fort, bevor Jack Gelegenheit hatte, ihn zu unterbrechen, und irgendetwas an seiner weichen, tiefen Stimme mit ihren leicht verwaschenen Vokalen und dem Unterton von Schärfe war... hypnotisch. „Vorhin. Letztes Wochenende. Ständig. Lass es sein, Juanito. Ich werd' kein Teil deines Hofstaats.“
„Du irrst dich.“
Irgendwo tat es weh, dass er tun konnte, was er wollte, und Gabriel änderte seine Meinung über ihn nicht. Irgendwo war es frustrierend und bösartig und ungesund. Aber Jack hatte sich für einen Abend genug gestritten. Morgen wieder, übermorgen, nicht... nicht jetzt.
„Du gibst mir...“ Jack fuhr sich noch einmal durchs Haar, „einfach keine Chance.“
„Oh?“ machte Gabriel seidig. „Dachte, dafür bist du hier.“
Er kam noch einen Schritt näher, ein kaum wahrnehmbares Wiegen in den Hüften, das sonst nicht da war. Es war jetzt noch etwa eine Armlänge Abstand.
„Für 'ne Chance. Auf ein kleines Experimend.“ Gabriel schnaubte amüsiert. „Bi curious, hm?“
Jack wusste, dass er sich unglaubwürdig machte, wenn er das nicht kategorisch bestritt. Dass Gabriel nie Einsicht haben würde, wenn Jack nicht geduldig dabei war, ihn von seiner vorgefassten Meinung abzubringen, und dass jetzt auch kein guter Moment war, um so etwas zu besprechen.
Aber alles, was er dazu zu sagen hatte, war: „Bisschen.“
Gabriel lachte spöttisch, aber es war zumindest nicht mehr dieses kalte, abfällige Geräusch. „'Bisschen' untertrieben.“ Jack sollte nicht so versucht sein, selbst zu lachen. Er hatte keine Ahnung, was hier passierte; vielleicht hatte er sich im Wald irgendwo an einem niedrig hängenden Ast den Kopf angeschlagen und war auf einen Stein gefallen. Das passierte nicht. Und wenn es passierte... warum verfolgte er keine Langzeitstrategie, warum riskierte er ihre völlig wacklige, miese Beziehung und das bisschen Vertrauen für-
„Okay.“ Seine Kehle fühlte sich an wie mit Schmirgelpapier ausgeschlagen. „Ich will das.“ Er schluckte, und es klickte sogar leise dabei. Er fragte sich, ob Gabriel es gehört hatte. „Warum willst du...“ Seine Stimme erstarb, als Gabriel zu ihm aufschloss. Nah genug, um ihn zu berühren, aber immer noch nicht verräterisch, sollte sie jemand sehen.
Was Jack egal war. Es war ihm immer egal gewesen. Bloß der kleine Teil seines Gehirns, der noch durchblutet war, wiederholte ein verzweifeltes 'Warum?'.
Warum war Gabriel so pessimistisch. Warum hatte er in seinem Alter schon so viel hinter sich, für das andere sich mehr Zeit ließen. Warum behandelte er die ganze Welt, als wäre sie nur da, um ihn zu enttäuschen.
Gabriel seufzte ungeduldig, und Jack spürte den warmen, nach Zitrone und Kräutern riechenden Luftzug an einer Wange.
„Hörst du je auf, dumme Fragen zu stellen, Jack?“
Jack.
Er wusste, er sollte warten. Aber da war endlich sein verdammter Name aus Gabriels Mund, und es war jedes bisschen so gut, wie er es sich vorgestellt hatte.
Jack packte den anderen an den Schultern und zog ihn zu sich, um ihn zu küssen.
Das war sogar besser, als er es sich vorgestellt hatte.
Gabriels Bart kratzte störrisch über seine Lippen, war aber insgesamt weicher als erwartet: es war nur so verwirrend, dass er überall war, drahtig und knisternd unter Jacks Fingerspitzen, sobald er die Hand hob. Bei allem, was Jack sich vorgestellt hatte, war ein Kuss ihm seltsamerweise immer zu... abstrakt vorgekommen.
Und jetzt kam es ihm vor wie eine Offenbarung.
Seine forsche Initiative hatte Gabriel offensichtlich überrumpelt: nun spürte er ein schwaches Grinsen gegen seine Lippen, Belustigung angesichts seiner verzweifelten Neugier.
Gabriel dachte, er hätte Angst. Dass er sich so energisch verhielt, weil er keine Ahnung hatte, was er hier tat, und deswegen ließ er ihn eher machen, als sich zu beteiligen. Und das ließ Jack nicht auf sich sitzen.
Er öffnete seine Lippen etwas, legte weniger Druck in die Berührung; nicht so, als suchte er irgendetwas Bestimmtes, sondern forschend. Er ließ die Hand von Gabriels Wange sinken, die dort ziellos gelegen hatte, als würde er das Fell eines Tiers streicheln, und schloss sie stattdessen um die Halsbeuge. Kräftige Muskelstränge spannten sich unter seinem Griff an, und Jacks Magengrube fühlte sich auf gute Art flau an bei der Ahnung, wie viel Kraft darin steckte. In dem ganzen Typen. Wie viel Selbstbewusstsein. Wie heiß er war, selbst wenn er sich gebärdete wie ein Vollidiot und ein Arschloch.
Wie es sich anfühlte, als könnte Jack seinen eigenen Namen jetzt noch auf Gabriels Lippen schmecken. Er wollte ihn dort wieder haben.
Gabriel atmete gegen seine Wange aus: es war fast ein Seufzen, und das allein entzündete so viel Hitze in Jacks Unterbauch, dass seine Knie sich weich anfühlten. Doch dann bewegten Gabriels Lippen sich, anstatt nur geduldig stillzuhalten, eine Spur feuchter als Jacks, mit mehr Neigung des Kopfes.
Noch einmal so viel besser.
Gabriels Eckzahn zwickte Jack in die Unterlippe, spöttisch und verspielt, aber bevor er sich dem entgegenlehnen konnte, waren seine Lippen wieder züchtig versiegelt und ließen sich auch nicht von Jack dazu verlocken, sich wieder zu öffnen. Stattdessen schob er die Hände unter Jacks T-Shirt, zögerte unmerklich – gerade genug Zeit, um Jack sich wundern zu lassen – und drückte seine warmen Handflächen auf Jacks Brust.
Jack sog leise und verdutzt die Luft ein, und Gabriel fluchte. Ähnlich leise und in unübersetzbarem Spanisch, bevor er die Finger krümmte und zupackte.
Jack war immer sportlich gewesen, und wie als Entschuldigung der Natur dafür, dass er kein Waschbrettmuster auf dem Bauch bekam, hatte er immer relativ eindrucksvolle Pektoralmuskulatur gehabt, ohne sich erinnern zu können, je darauf trainiert zu haben. Im Football war das eher lästig, weil die Gurte dort tendenziell scheuerten. Manchmal fing man sich dafür auch einen blöden Witz. Jack hatte dem nie besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Bis zu diesem Moment, in dem Gabriels raue Handflächen über seine Brustwarzen schrammten und sich in die weichen Wölbungen gruben, als könnten sie sie umfassen, und der andere daraufhin ein heiseres, gequältes Geräusch machte, das die Stimmung von einer Sekunde auf die andere von Verspielt zu Verrucht umschlagen ließ.
Jack hatte das Gefühl, seine Knie könnten wirklich nachgeben, als er Gabriel enger zu sich zog und dabei dessen Hände zwischen ihnen einklemmte. Sein Atem ging hastig, fast keuchend, ohne dass er sich erinnern konnte, wann das passiert war. Seine Lider flatterten, als er Luft holte, ohne Gabriel loszulassen – sie waren in einem Scheiß-Wald, aber keiner dieser Bäume war nah genug, um den anderen dagegen zu drücken, bevor der protestieren konnte, war das zu fassen?!
Demonios,“ knurrte Gabriel rau. „Hast du Titten...! Den ganzen verdammten Abend...“ Er brach ab, als er Jacks Grinsen bemerkte, und presste seine Handflächen unvermittelt fester gegen Jacks Brust, während er die Brustwarzen fast schon brutal zwischen Daumen und Handteller einschloss.
Es war, wie gesagt, keine Körperzone, der Jack bisher viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte; genauso wie seine bisherigen weiblichen Kontakte, die andere Stellen interessanter gefunden hatten.
Deswegen war die Intensität, mit der ihn die Berührung durchfuhr, wie ein elektrischer Schlag. Jack grub die Hände in Gabriels Schulter und Seite, als er für einen Moment unsicher war, ob er schwankte. Und es spielte nicht einmal eine Rolle, als er hörte, wie Gabriel selbstzufrieden schnaubte – es gab ihm nur eine Ausrede, sich mit mehr Gewicht als zuvor gegen den anderen zu lehnen und ihn zu küssen. Und diesmal begegnete Gabriel ihm mit einladend einen Spalt geöffneten Lippen und einer unvernünftig heißen Zungenspitze, die Jacks Mundwinkel streifte.
Jack sagte sich, dass er nicht gestöhnt, sondern bloß den Anfang von Gabriels Namen gemurmelt hatte. Und dass der andere es eh nicht gehört hatte, obwohl er umso hungriger seine Lippen über Jacks rieb und seine linke Hand – immer die Linke, verdammt – begonnen hatte, mitleidlos Jacks Brust zu kneten und ihn von Kopf bis Fuß vor Hitze kribbeln zu lassen.
Jack ballte seine Hand an Gabriels Seite einen Moment lang zur Faust, bevor er den letzten Rest Schamhaftigkeit erstickte und dessen Rücken hinunterstrich bis zu seinem Hintern.
Scheiße. Scheiße. Diese Erinnerung würde ihm nie wieder erlauben, den anderen unbeteiligt von hinten anzuschauen. Neidlos, Gabriels Arsch war fantastisch. Sein eigenes Tempo machte Jack schwindlig, und er wollte nicht zu viel zu schnell verlangen, aber... er hatte noch nie so große Probleme gehabt, die Bremse überhaupt zu finden, geschweige denn zu ziehen.
In dem Moment, in dem Gabriel sein Shirt hochschob und lauwarme Nachtluft an seiner erhitzten Haut Jack scharf einatmen ließ, spürte er eine Vibration an seinem Handgelenk, die da... nicht hingehörte.
Es dauerte einige weitere Sekunden, bis Jack begriff, was das war, und dann noch ein paar, bis er es über sich brachte, sich lange genug von Gabriel zu lösen, um Worte zu formen. Seine Zunge fühlte sich ungeschickt und schwerfällig an, und diesmal hatte es wenig mit Jungle Juice zu tun. „Dein, hah... dein Handy...“
Gabriel schmunzelte und drückte Jack einen keuschen Kuss auf die Wange, der seinen Magen jäh in Schmetterlingen aufgehen ließ, weil es eine so merkwürdig zärtliche Geste war – auch, wenn sie offensichtlich spöttisch gemeint war. „Willst du mich loswerden, rubiecito?“ raunte er in Jacks Ohr, und Jack verpasste ihm beinahe eine Kopfnuss, als er ungelenk ebendiesen Kopf schüttelte. „Nein, ich...“ Er lachte glucksend – das war so surreal, und gleichzeitig war er so... wirr glücklich. „Will nich' aus Versehen... auf Tasten komm'n...“ Und auch nicht die Hände von Gabriels Arsch lassen, nur um dieser Gefahr zu entgehen. „Ich mein', da is' so'n Typ, der mich... eh schon stalkt...“
Gabriel seufzte theatralisch und zog eine Hand unter Jacks hochgerolltem T-Shirt hervor, um in seine Hosentasche zu greifen. Jack besänftigte ihn nach bestem Wissen mit rauen Küssen den Hals entlang: Gabriels Bart kratzte so wundervoll auf der Wange, und bei seiner dunklen Haut sah man wahrscheinlich nicht mal Spuren, anders als auf Jacks.
„Hey,“ die Umgebung nahm einen schwach rötlichen Glanz an, als Gabriel das Display seines Handys zum Leben erweckte. „Du wolltest das, lass mich-... ah, Scheiße.“
Mit dem Aktivieren des Displays ging das Handy vom Vibrieren zum Klingeln über.
Jack kannte die Melodie, auch wenn sie keinen Text beinhaltete: Electric Barbarella. Er erstarrte verunsichert, zu überwältigt von dem sehnsüchtigen 'Können wir weitermachen?' und dem Gefühl, dass etwas sehr eigenartig war und er es nicht richtig greifen konnte.
Gabriel machte sich von ihm los und trat zurück – nicht grob, aber ohne Koketterie, den Blick auf sein Handy gerichtet. Es hörte auf zu klingeln, ohne dass er eine Holo-Taste berührte, und er steckte es wieder in die Tasche.
„Wird Zeit zu gehen,“ murmelte er und räusperte sich. Sein Blick ging irgendwo Richtung der Häuser in der Ferne, darüber hinaus.
Jack erinnerte sich an diesen Ausdruck. Als sie zusammen aus dem Bus gestiegen waren und Gabriel wie ausgewechselt schien, als wäre er mit einem Mal völlig ernst.
Und er ahnte, dass es auch diesmal nichts daran zu rütteln gab, aber er legte trotzdem den Kopf schief. „Musst du...?“
Gabriel sah ihn immer noch nicht an, doch wenigstens zuckten seine Mundwinkel ein wenig. „Oh, versuch' das gar nich' erst, Prinz Charming.“
Da war ein Motorengeräusch, das von der Straße aus näher kam – ein ganzes Stück von hier, trotzdem wie eine Erinnerung an die Welt da draußen. Außerhalb dieses Waldes, der an diesem Abend das einzig Gute war.
Jack sah es nicht ein, sich albern vorzukommen, als er fragte: „Können wir uns morgen sehen?“
Diesmal sah Gabriel ihn an. Er lächelte sogar.
Es war ein schmerzhaft desillusioniertes Lächeln.
„Mal sehen, wie du morgen darüber denkst, Captain.
„Gabe...“
Jack wusste nicht, ob er sich einbildete, dass Gabriel zusammenzuckte – denn er hatte sich schon umgedreht und marschierte wortlos in Richtung der Straße davon.