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Niemals allein

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P18 / Het
Bert Alfred Mary Poppins
03.12.2018
14.01.2022
62
105.036
15
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72 Reviews
Dieses Kapitel
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P18 Kapitel!

!!!TRIGGER WARNUNGEN!!!

Krieg
Luftangriffe
Explosionen
Enge Räume
Sexuelle Gewalt

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25. Juli 1943

Mary lag, mit den Händen über dem Bauch gefaltet, auf dem Bett und starrte an die Decke. Es war etwa ein Uhr in der Nacht und seit dem frühen Mittag war sie in Hamburg. Hamburg-Altona, um genau zu sein.

An sich war es nichts sonderbares, immerhin war sie schon öfters in diversen Ländern Europas als Nanny unterwegs. Doch zu Hamburg hatte sie keine gute Beziehung.
Denn immer wenn sie in dieser Stadt war, kamen unschöne Erinnerungen in ihr auf.

Erinnerungen voller Unsicherheit.
Erinnerungen voller Schuld.
Erinnerungen voller Schmerz.

Vor etlichen Jahren ist in genau dieser Stadt und auch genau diesem Stadtteil etwas passiert, was sie niemals ändern könnte. Sie war sich sicher, dass sie gewisse Dinge nicht ungeschehen machen könnte, selbst wenn sie die Gabe hätte die Zeit zurückdrehen.

Jahrelang hatte sie diese Gefühle in sich hineingefressen und versucht sie zu vergessen, sie zu verdrängen.
Aber es wurde immer schwerer und schwerer für sie und in diesem Moment hatte sie das Gefühl, sie müsse endlich Klartext sprechen.
Immerhin gab es eine Person, die ebenfalls von den Vorfällen von damals betroffen war, aber nichts davon wusste.
Mary kaute auf ihrer Lippe, als sie sich überlegte, wie sie es dieser Person beichten sollte.

Sollte sie es dieser Person einfach sagen, wenn sie sich das nächste Mal sehen würden?
Sollte sie dieser Person einen Brief schreiben?
Oder sollte sie genau das gleiche machen, wie die ganze Zeit und schweigen?

Es war auch ein merkwürdiger Zufall, dass sie wieder bei der Familie war, der sie auch 1923 geholfen hatte. Nur diesmal war das älteste der drei Kinder von damals die Mutter einer Tochter.
Ja, Gerda Seeler kannte sie noch, aber beide waren sich schnell einig, dass sie Mary als Maria Schmidt vorstellen würden. Alles andere wäre in Zeiten wie diesen zu riskant.
Aber warum war sie ausgerechnet bei dieser Familie!? Gerda und ihre Tochter Elke hatten es zwar nicht leicht, aber anderswo würde sie vermutlicher dringender gebraucht. Und wieso war sie in Hamburg und nicht irgendwo in England?

Fragen über Fragen schwirrten in ihrem Kopf herum, als plötzlich ein Geräusch an ihr Ohr drang, dass weder sie noch alle anderen hören wollten: Sirenen.

Rasendem Puls ging sie in das Kinderzimmer welches sich direkt neben ihrem befand. Nur Mary und die achtjährige Elke waren in dem Haus. Gerda war Krankenschwester und musste kurzfristig die Nachtschicht für eine Kollegin übernehmen, die gerade alles verloren hatte.

„Elke?“, rief sie, als sie das Mädchen nicht sehen konnte.

„Ich bin hier.“

Mary folgte der Stimme und bückte sich, um die Decke vom Boden zu heben. Unter dem Bett lag das kleine brünette Mädchen und hielt sich die Ohren zu.

„Komm“, meinte Mary und streckte ihre Hand aus, um Elke zu symbolisieren, dass sie nicht alleine war.

Als sie die Treppen hinunter liefen, versuchte Mary sich auf ihr Gefühl zu konzentrieren, welches ihr sagte, dass der Bunker die Straße runter, der richtige Unterschlupf wäre und nicht der hauseigene Keller.
Währenddessen wurden die Geräusche von Flugzeugmotoren immer lauter und sie hören bereits die ersten Explosionen.

„Wenn ich ‚jetzt‘ sage rennst du zum Bunker, verstanden?“

Elke sah sie mit angsterfülltem Blick an: „Und was ist mit dir, Maria?“

„Ich bin direkt hinter dir und passe auf dich auf.“

Das Mädchen nickte und machte sich bereit; sie war gespannt wie ein Bogen.
Mary hingegen schloss die Augen und versuchte sich erneut auf ihr Gefühl zu konzertieren. Ja, ihre Magie war stark, aber normalweise ließ sie sich eher vom Wind und von Logik geleiten und nicht von ihrem Gefühl. Doch von Elizabeth hat sie gelernt, dass dies gar nicht mal so falsch ist.
Andererseits war die junge Dame auch Meisterin darin sich von ihrem Gefühl leiten zu lassen.

Trotz allem öffnete Mary die Tür, als ihr Gefühl ihr sagte, dass nun der richtige Moment sei und rief „Jetzt!“

Elke sprintete dicht gefolgt von der Nanny auf die Straße. Die Kleine versuchte sich stets stupide auf den Weg zu konzentrieren, während Mary den Rundumblick behielt. Ein Blick gen Himmel ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen: Überall waren Flugzeuge; Britische wie es aussah.

Es dauerte nicht lange, bis die beiden im Bunker ankamen und sich schweratmend und zitternd niederließen - Es war eng und stickig
Während Mary den Blick über die anderen Hamburger gleiten ließ, schmiegte Elke sich an sie und vergrub ihr Gesicht: „Ich will, dass Mama hierher kommt.“

„Sie wird in Sicherheit sein… Da bin ich mir sicher.“

Die Nanny drückte sie näher an sich und hielt ihr das Ohr zu, damit sie die Explosionen nicht hörte.
Doch während Mary versuchte die Geräusche auszublenden wurde eine Stimmt in ihrem Kopf immer lauter und lauter. „Du musst dein Geheimnis bald lüften, Mary Poppins. Entweder das oder es wird alles kein gutes Ende nehmen.“

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26. Juli 1943

Elizabeth saß auf dem moosigen Waldboden und lehnte sich an einer massiven Buche, während sie gedankenverloren Grashalme flocht und die Enten auf dem nahegelegenen Weiher beobachtete. Es war heiß und trocken, weshalb sie ihr Hemd relativ weit aufgeknöpft und die Ärmel nach oben gekrempelt hatte.

Bert und Andrew hatten wieder Streit und ihr Ziehvater hatte sie weggeschickt, bevor sie wieder einen Spruch loslassen würde, der sie wieder an einen Baum fesseln würde.
Da sie selbst keine große Lust hatte diesen Vorfall zu wiederholen, gehorchte sie ihm und ging davon.

Es war ungewöhnlich ruhig die letzten Tage. Es gab keine Spuren von anderen Soldaten und es gab auch keinerlei Neuigkeiten von irgendwelchen gelungenen oder misslungenen Operationen.
Auch von Mary gab es keinerlei Briefe.

In ihrem letzten Brief meinte sie, dass sich der Wind für sie drehen würde und das sie sich auf eine baldige Reise bereit macht. Sie meinte, dass es nach Hamburg gehen würde, aber dass es nicht das erste Mal wäre, dass sie in Deutschland wäre. Außerdem wäre Liz ja auch schon dort gewesen ohne das was passiert sei.
Elizabeth würde sich nach so einem Text keine großen Gedanken machen, wenn es dauern würde, bis wieder neue Post ankommen würde. Aber irgendwas war anders.
Einerseits aufgrund der Art, wie er verfasst war und andererseits weil sich ein beklemmendes Gefühl in ihr breit machte.

Sie legte ihr geflochtenes Kunstwerk weg und lies den Kopf gegen den Stamm fallen. Einige wenige Sonnenstrahlen fielen durch das dichte Blätterwerk und erzeugten ein Licht- und Schattenspiel auf ihrem Gesicht.
Elizabeth versuchte all ihre bösen Gedanken für einen kurzen Moment zu verbannen und schloss die Augen, um ein paar Minuten Ruhe zu bekommen.

Doch ihre kurze Rast war nicht von langer Dauer, denn unweit entfernt hörte sie eine raue Stimme fluchen. Sie die Augen öffnete und sah in Richtung der Quelle: Andrew kam geradewegs auf sie zu.

‚Einfach keine Beachtung schenken‘, dachte sie sich und lies ihren Kopf wieder gegen den Baumstamm fallen. Aber genau das war ein Fehler - Sie hätte weggehen sollen.

Sie riss ihre Augen auf, als zwei starke Hände sie am Kragen packten und ein stinkender Atem in ihr Gesicht hauchte. Andrew stank nach Zigaretten, altem Alkohol, Schweiß und Dreck - Ein Geruch, den Elizabeths Nase zu oft riechen musste.

„Jetzt zu dir!“

„Lass mich los, du Bastard!“, knurrte Liz und versuchte sich aus seinem Griff zu befreien, doch er war einfach zu groß und stark. Also blieb ihr nicht viel übrig, als sich gegen den Baum drücken zu lassen und abzuwarten, bis er sie endlich locker lies.

Er ignorierte sie. Stattdessen glitt sein Blick nach unten und er musterte ihr Décolleté und ein dreckiges Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit und offenbarte seine gelben Zähne.

„Andererseits“, er lies eine Hand zu ihrem Ausschnitt wandern und spielte Knopf, „für eine Sache könntest du vielleicht doch gut sein.“

„Bist du taub!? Ich sagte: Lass mich los!“, ihre Stimme hatte einen Anflug von Panik, doch er ignorierte sie.

Er nahm mit der Hand, mit der er gerade noch den Knopf geöffnet hatte, ihr Gesicht in die Hand und wollte sie scheinbar küssen. Auch wenn Elizabeth nicht stark war, hatte sie eine andere Fähigkeit: Sie war schnell.
Als er sie kurz mit der anderen Hand los lies um diese erneut an das Hemd zu führen, ergriff sie die Chance und befreite sich.

Sie rannte in die Richtung aus der er gekommen war, aber blieb mit dem Fuß an einer Wurzel hängen und fiel zu Boden - Ihr Schnürsenkel hatte sich gelöst und hat sich an einem Stück des Holzes verfangen.

„Scheiße!“, fluchte sie und versuchte sich zu befreien - Doch aufgrund der Hektik machte sie alles nur noch schlimmer.
Hätte sie nicht wieder ihre Wickelgamaschen an, hätte sie einfach den Schuh ausgezogen und wäre Barfuß weiter. Aber so hätte sie zuerst die Gamasche aufwickeln müssen, was auch nochmal Zeit gekostet hätte.

Gerade als sie sich befreit hatte nagelte Andrew sie auf den Boden: „Halt still, Püppchen.“

Die junge Frau hörte nicht auf ihn und versuchte sich erneut aus dem Griff zu befreien, diesmal indem sie versuchte ihn irgendwie zu treten.
Der Sergeant war sichtlich genervt von dem Gezappel, weshalb er ihr eine heftige Backpfeife verpasste: „Halt still, hab ich gesagt!“
Während er sich erneut näherte kam Liz ein Geistesblitz. Sie sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an und nur wenig später lies er von ihr ab und taumelte.

Andrew sah auf seine Hände: Sie brannten! Die kleinen Flammen schlugen um ihn und gingen auf seine Uniform das getrocknete Laub über, welches er berührt hatte um nicht zu fallen.

Elizabeth musste gehässig lächeln, bevor sie sich aufrappelte und zurück zum Lager rannte.
Während sie das tat knöpfte sie ihr Hemd zu und schwor sich, dass sie niemals jemandem davon erzählen würde.
Alles was sie jetzt noch brauchen würde wäre eine Ausrede für die geschwollene und blutende Wange.

Kaum war sie bei den anderen sah Bert, der nur unweit entfernt stand und mit Jerry Butterfield redete, in ihre Richtung.
Sie wandte ihr geschundenes Gesicht ab und wollte sich zu den Sanitätern begeben, um die Wange eventuell etwas behandeln zu können.

„Lizzy, warte.“

Innerlich fluchte die junge Frau und würde ihn am liebsten ignorieren und einfach weiter gehen. Aber sie kannte Bert und wusste, dass er nicht locker lassen würde, wenn er etwas wissen wollte.
Also drehte sie sich zu ihm.

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, bevor er ihre Wange sah und einen Moment inne hielt: „Was ist denn passiert?“

Liz wollte gerade antworten, als ein junger Private um die Ecke kam und in die Runde schrie: „Es gab einen erfolgreichen Angriff.“

Sowohl die beiden Alfreds, als auch einige andere sahen ihn kurz fragend an, bevor sie sich wieder abwandten und ihren Tätigkeiten nachgingen. Es gab fast andauern Angriffe, also war es nichts besonderes. Vielleicht war es etwas neues für den Private. Immerhin war er noch nicht lange Soldat und hat sich sogar freiwillig gemeldet. Vermutlich war er so von der Propaganda geblendet, dass er nach solchen Angriffen etwas wie Stolz empfand.
Stolz - Eine Emotion, die weder Liz noch Bert in Zeiten wie diesen verstehen konnten. Sie hingegen empfanden eher ein Gefühl der Abscheu.

„Gestern Nacht über Hamburg. Eine große, deutsche Stadt.“

Bert und Lizzy sahen sich augenblicklich mit geweitetem Blick an und ihre Herzen begannen zu rasen: Mary war in Hamburg.

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Ich wünsche euch allen ein frohes neues Jahr 2022! :)

Als Neujahrsgeschenk habe ich ein neues Kapitel für euch ;D

Mein Ziel für 2022 ist es tatsächlich diese Geschichte zu beenden. Aber keine Sorge: Ich habe bereits ein Prequel geplant und womöglich auch ein Sequel ;)


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