Niemals allein

GeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P18
Bert Alfred Mary Poppins
03.12.2018
27.07.2020
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08.12.2018 1.457
 
Bert bekam seit dem ersten Treffen nahezu jeden Tag besuch von Elizabeth. Sie bewunderte einfach seine Werke und seine Musik- sie wurde inspiriert.
Den Künstler erfreute es natürlich, dass seine Sachen so gut ankamen.
Liz war die meiste Zeit still und beobachtete ihn ganz einfach. Manchmal redeten die Leute auch mit Bert und sie hörte gespannt zu.
Das wohl interessanteste Gespräch war, als ein Schornsteinfeger seinen Kollegen auf dessen Geburtstag ansprach, der ja am nächsten Tag seie. Dies brachte das Mädchen auf eine Idee.

Am nächsten Morgen schlich sich Elizabeth heimlich aus dem Waisenhaus.
Sie stieg aus dem Fenster und kletterte über den Baum, der davor stand, nach unten. Es war nicht das erste Mal, wo sie das tat und ihr war auch egal, ob sie ärger bekam- sie wollte ein Geburtstagsgeschenk als Dankeschön besorgen.

Schnell rannte sie vom Waisenhaus weg und zu Mrs. Corry’s Laden.
Sie wusste, dass sie dort alles finden würde was sie braucht: Kreide und Lebkuchen.
Es war Anfang November und der regen der letzten Nacht war gefroren, weshalb Liz immer wieder ausrutschte.
Kurz vor dem Laden stolperte sie, fiel und schlitterte über den vereisten Boden.
Tränen schossen in ihre Augen aber sie blieb ruhig, da sie kein Aufstehen erregen wollte. Ihre linke Hand und die linke Wange taten verdammt weh und als sie die Wange berührte, bemerkte sie, das sie blutete.
Dennoch lies sie sich nicht abhalten und ging zum Shop- diesmal jedoch langsamer.

Am Laden angekommen, versicherte sie sich nochmal, dass sie niemand sah. Immerhin war sie in geheimer Mission unterwegs.
Leise schlich sie in das Geschäft und ging zuerst in die Abteilung mit dem Lebkuchen. Ihr Glück war es, dass sie nicht nur jünger aussah, als sie eigentlich war sondern auch sehr klein und zierlich war. Ein Arzt meinte mal, dass sie sehr wahrscheinlich zu früh auf die Welt gekommen ist.
Beim Lebkuchen angekommen lies sie ihr Blick wieder durch die Regale streifen: es war niemand da. Schnell steckte sie eine kleine Tüte in ihre Jackentasche und ging unauffällig weiter.
Dennoch versuchte sie ungesehen zu bleiben, da ihr niemand etwas verkaufen würde- jeder wusste, dass sie ein Waisenkind ohne Geld ist.

Sie setzte ihren „Einkauf“ fort und ging in den hinteren Ecken des Ladens, wo es unter anderem Kreide gab. Elizabeth wusste, dass Bert dunkelblau und dunkelrot ausgingen, weshalb sie sich für diese Farben entschied.
Das Mädchen hatte Probleme an diese beiden Farben dran zu kommen. Als sie sich umsah, sah sie eine Kiste. Diese schob sie an die passende stelle und kletterte hinauf.
Gerade als sie die Farben in ihre Taschen stecken wollte unterbrach sie eine Stimme: „Was wird das denn, junge Dame?“
Erschrocken lies sie die Kreide fallen, die beim Aufprall auf den Boden natürlich kaputt ging.
Sie drehte sich nicht um. Hinter ihr stand Bert und sie konnte es nicht ertragen ihm nach so einer Aktion in die Augen zu sehen. Dennoch klang seine Stimme nicht wütend sondern eher enttäuscht.
„Ich… ich hab mir Kreide angeschaut“, log sie und kletterte von der Kiste, den Blick stets gen Boden gerichtet.

„Elizabeth…“, seine Worte waren nun mahnender, aber dennoch kaum mehr als ein Flüstern, „und was ist das in deiner Tasche?“

„Lebkuchen…“, sie kratzte sich am Hinterkopf und schaute weiterhin beschämt auf ihre Füße.

„Aha… Und was wolltest du mit der Kreide und dem Lebkuchen machen?“

„Ich wollte dir was zum Geburtstag schenken…“

Mit einem traurigen Lächeln kniete Bert sich vor Liz und legte eine Hand auf ihre Schulter: „Wieso in aller Welt wolltest du mir was zum Geburtstag schenken? Ich brauche keine Geschenke, erst recht nicht, wenn sie geklaut sind.“

Sie blickte auf und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Bert ihre Verletzung im Gesicht sah: „Meine Güte, Lizzy! Was ist denn mit dir passiert? Hat dir jemand was angetan?“
Er klang entsetzt und sie sah die Sorge in seinen Augen.

„Nein, ich bin eben ausgerutscht. Tut aber nur ein bisschen weh.“

„Hast du dich sonst irgendwo verletzt? Musst du zum Arzt?“

„Meine Hand tut weh.“

„Lass mal sehen“, als sie ihm die Hand hinhielt nahm er diese behutsam und begutachtete diese, „halb so wild. Ich denke du musst vorerst nicht zum Arzt.“

Mit einem Blick voller Bewunderung schaute Liz den Künstler an. Sie kannten sich erst seit ein paar Monaten aber dennoch sorgte er mehr für sie als alle anderen Menschen, die sie je kennengelernt hat. Er war schon fast wie ein Vater für sie. Doch auch ihre Frage, ob sie nicht bei ihm wohnen kann antwortete das Waisenhaus immer ganz komisch. Irgendwas mit unverheiratet und Klassen. Letzteres verstand sie nie, bis sie vor einer Woche Bert fragte was es damit auf sich hat.

„Weißt du, Lizzy, es gibt Leute, die etwas mehr Geld haben als andere. Manche haben viel, manche haben wenig und dann gibt es noch die dazwischen. Deshalb hat man es in die Oberschicht, die Mittelschicht und die Unterschicht eingeteilt.“

„Und wo bist du?“

Bert war diese Frage leicht unangenehm. Wie sollte er einem Kind erklären, dass er trotz Arbeit kaum Geld hatte?

„Ich bin in der Unterschicht. Dies heißt aber keinesfalls, dass man schlechter als die anderen ist. Man hat nur weniger Geld.“


Sie wurde aus ihren Gedanken geworfen, als Bert aufstand und meinte: „Komm, gib mir den Lebkuchen und die Kreide und wir gehen weg von hier bevor Mrs. Corry was komisches von dir denkt.“

Elizabeth nickte, gab ihm die Tüte mit dem Lebkuchen und sammelte die Kreide auf.
Beide gingen an die Kasse, wo Bert mit seinem gestrigen Verdienst bezahlte.
Vor dem Laden gab er ihr beides: „Hier, du kannst damit machen was du willst.“

Ihre Augen leuchteten, als ihr eine Idee kam: „Danke! Ich bin gleich wieder da!“

„Aber renn nicht und sei vorsichtig! Ich will nicht, dass du dir noch was brichst!“

Dennoch flitzte sie zum Waisenhaus, kletterte über den Baum in das Zimmer, ging auf den Flur und rannte zu einem Raum wo sie wusste, dass sie dort alte Zeitungen finden wird. Und tatsächlich: ein ganzer Haufen lag in der Ecke.
Schnell nahm sie sich eine Zeitung und verpackte den Lebkuchen und die Kreide so gut es ging.


Bert verkaufte im Park heiße Kastanien und etwa eine Stunde nachdem sie verschwunden war, stand Elizabeth mit einem schiefen Grinsen vor ihm, die Hände waren hinter dem Rücken und das Gesicht mittlerweile geschwollen und blau: „Links oder rechts?“


„Mhmmm. Links.“

Strahlend hielt sie ihm ein, in Zeitung verpacktes, Geschenk hin. Darauf war eine eine hellgrüne Haarschleife geklebt: „Alles gute zum Geburtstag, Mr. Bert!“

Mit einem Lächeln nahm er das Geschenk entgegen: „Vielen Dank, Lizzy“


Elizabeth verbrachte wieder den ganzen Tag im Park, nach einer weile kam auch Matthew vorbei und beide Kinder spielten im Park. Bert war etwas besorgt, da Liz viel hustete und ihre Wunden immer wieder aufgingen. An einem bestimmten Punkt besorgte er ein Pflaster für das Gesicht und einen Verband für die Hand und verarztete das Mädchen.

Später am Tag begann Bert ein Bild zu zeichnen. Still wurde er dabei von den beiden Kindern beobachtet. Matthew ging als der Himmel sich langsam rosa färbte, Liz blieb jedoch noch einen Moment.

„Bert?“, Elizabeth schaute auf ihre Füße und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Sie sah aus, als müsste sie ihm beichten, dass sie seine Wohnung zerstört hat. Wollte sie sich für den Vorfall am Morgen entschuldigen?

Der Angesprochene blickte von seiner neusten Kreation, die er gerade fertiggestellt hat, auf und zog eine Augenbraue hoch: „Ja?“

„Ich weiß du bist sauer auf mich aber… Kannst du mir das beibringen?“

Ein schiefes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht: „Ich bin doch nicht sauer auf dich… Ich war einfach nur enttäuscht, da ich dir sowas nicht zugetraut hätte.“

„Wirklich?“

„Wirklich… Und was willst du beigebracht bekommen?“

Ihre Augen weiteten sich: „Alles! Ich will auch so toll malen wie du! Und ich will auch Musik machen können! Und zeig mir wie man jemand verarztet!“

Bert stand auf und klopfte sich den Kreidestaub vom Hemd und der Hose.

„Ich kann’s versuchen…“, er kratzte sich verlegen am Hinterkopf, „morgen wollte ich hier im Park Gitarre spielen. Vielleicht sollen wir damit anfangen?“

Elizabeth grinste vom einen Ohr zum anderen: „Ja! Ich bin morgen da! Und ich werd mir mühe geben! Bis morgen.“

Mit diesen Worten verschwand sie in Richtung des Waisenhauses.


Am nächsten Tag wartete Bert geduldig auf Elizabeth- doch sie kam nicht.
Als sie auch am nächsten und übernächsten Tag nicht da war, begann er sich sorgen zu machen. Irgendwas stimmte nicht.

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Ich hoffe euch hat das zweite Kapitel gefallen :)

Bin zwar selbst nicht ganz zufrieden damit aber es ist eben ein typisches Übergangskapitel.
Für das nächste hab ich schon lange Pläne und Ideen ;) Außerdem kommt ein bekannter Charakter dazu- wer dies wohl ist ;P

Freue mich über Reviews! :)
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