Niemals allein

GeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P18
Bert Alfred Mary Poppins
03.12.2018
08.12.2019
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London 1930


Es war ein wunderschöner morgen im Herbst. Die Vögel zwitscherten und die Leute genossen die letzten warmen Sonnenstrahlen. Die ersten goldenen Blätter vielen von den Bäumen und gaben der Stadt etwas elegantes und freundliches.

Vor dem Park in der Nähe der Cherry Tree Lane kniete Bert und malte, wie so oft, Kreidebilder auf den Boden.
Er pfiff fröhlich eine Melodie und genoss, wie die anderen auch, das schöne Wetter.
Er war so vertieft in seine Arbeit, dass er gar nicht bemerkte, dass er seit geraumer Zeit einen kleinen Zuschauer hatte.

„Das da ist schön.“

Bert blickte auf und sah ein kleines, etwa 6 Jahre altes, Mädchen, welches auf ein Bild des Big Bens deutete.

„Danke Dir!“

Ein herzliches Lächeln schlich sich auf ihre Lippen und Bert war sich sicher, dass er noch nie ein süßeres Kind gesehen hatte.
Ihre Augen waren blau wie ein Saphir, die Haare dunkelbraun mit einem Rotstich, die Haut angenehm Blass mit leichten Sommersprossen übersät und die Wangen zart rosa.
Er schaute sich um: sie war allein. Lediglich ein Junge, etwa zwei bis drei Jahre älter als sie, stand ein paar Meter, mit dem Rücken zu ihnen, dahinter. Er schien nervös zu sein, da er andauernd hin und her sah und hinter seinem Rücken die Hände knetete.

„Wo sind denn deine Eltern?“

„Hab keine…“, murmelte sie und begutachtete ihre Füße.

„Oh…“ Da wurde ihm klar, dass sie vermutlich aus dem nahegelegenen Waisenhaus ist. Er kannte die Kinder, da sie öfter im Park waren. Aber er kann sich nicht entsinnen sie mal gesehen zu haben.
Der Künstler schaute sich den Jungen im Hintergrund genauer an: es war Matthew, tatsächlich ein Waise.
Matthew war 9 Jahre alt und war immer einer der ersten, wenn Bert wieder musizierte.

Erneut schaute sich Bert um, sah jedoch niemand der zu dem Waisenhaus gehörte. Normalerweise waren die Kinder nämlich nie allein- erst recht nicht, wenn sie noch so jung waren!
Gerade als er seine Frage äußern wollte, ertönte ein hysterischer Ruf:

„Elizabeth! Matthew!“

Dem Mädchen war der Schreck ins Gesicht geschrieben, während der Junge herumwirbelte und sie böse anfunkelte: „Ich hab dir doch gesagt wir bekommen ärger, Liz!“

Eine dickliche Dame Anfang 40 kam auf die beiden zu und man konnte ihren Zorn schon spüren.
Ihre tadelnden Worte gingen an Bert vorbei. Die Reaktion der Kinder lenkte ihn davon ab.
Matthew war sichtlich beschämt und zeigte reue. Elizabeth, wie das Mädchen anscheinend hieß, war jedoch trotzig. Er hörte nun genauer zu:

„Ich will bei dem Wetter nicht drin sitzen! Ich will raus! Ich will spielen!“, Bert musste schmunzeln, als ihm der leichte cockney Akzent auffiel. ‚Ganz schön Taff für ihr alter‘

„Keine Diskussion, junge Dame! Auch ihr müsst euch, wie alle anderen Kinder auch, an Regeln halten! Jetzt entschuldige dich bei dem Mann, dass du ihn gestört hast!“

„Oh nein, Miss. Sie hat mich nicht gestört. Alles in Ordnung“, er lächelte die Kleine freundlich an und man sah, wie sie sichtlich entspannter wurde.

„Nun gut… Auf Wiedersehen“, die Dame nahm beide an der Hand und führte sie zurück zum Waisenhaus.

Bert tippte an seine Mütze und nickte: „Auf Wiedersehen.“
Er schaute den drei noch kurz hinterher, bevor er sich wieder seinem Bild widmete.

Einige Meter weiter warf Elizabeth einen Blick über ihre Schulter, bevor sie am Rock der Dame zog: „Darf ich kurz zurück?“, kaum nickte die Ältere rannte das Mädchen zurück zu Bert.

„Kann ich wieder kommen?“

„Ja, natürlich! Wenn ich hier bin könnt ihr mir immer zuschauen.“

„Danke Mr…“

„Nenn mich Bert“

„Elizabeth!“, ertönte es von hinten.

„Ich muss gehen… Tschüss Mr. Bert“, mit diesen Worten verschwand sie.


Am Abend saß Bert in seiner Wohnung und arbeitete an seiner neusten Ölzeichnung weiter. Es war ein Porträt von niemand geringerem als Mary Poppins.
Mary… Seit Jahren hatte er sie nicht mehr gesehen. Sie schrieben sich zwar hin und wieder Briefe aber sie bekam einfach keinen Job mehr in London. Er war sich aber sicher, dass sie einfach alle Jobs in dieser Stadt mied.
Die letzte Familie, bei der sie arbeitete, waren die Millers im Jahr 1922.

Die Millers waren eine arme Familie bestehend aus den Eltern Henry und Emma, den Zwillingen Peter und Colin sowie einem kleinen Jungen.
Die Zwillinge wurden immer gehänselt, worunter sie sehr litten. Die Jungs waren sehr schüchtern und der Vater war ein Alkoholiker.
Mary wurde kam nach einem stillen Hilferuf der Mutter.
Emma Miller war mit der ganzen Situation überfordert- vor allem auch, da sie sich sehr um ihren jüngsten Sohn kümmern musste. Diesen Sprössling hatte Bert früher am Tag gesehen: Matthew.
Mary kam zu ihnen, als die Kinder 10 und 1 Jahre alt waren.

Natürlich konnte Mary Poppins ihnen helfen und die Millers waren wieder glücklich. Bis zu einem verhängnisvollen Tag:
An Weihnachten 1923 brach ein Feuer in dem Haus, in dem sie lebten aus und lediglich der zweijährige Matthew konnte gerettet werden.
Als Bert dies erfuhr, brach es ihm das Herz. Diese Familie hatte so ein Schicksal nicht verdient!
Im Januar 1924 wurde Sie begraben- dies war auch das letzte Mal, wo er Mary sah.
Er erinnert sich an diesen Tag, als sei es gestern gewesen. Mary war zu dieser Zeit bei einer Familie in Schottland, kam aber zu der Beerdigung. Sie war komisch, sehr komisch.
Mary sah Bert mit einem Blick an an, als wäre sie beschämt- nur wieso?
Er war sich sicher, dass sich die Nanny Vorwürfe machte, dass sie die vier Verstorbenen nicht retten konnte. Sie mied ihn. Erst ein gutes Jahr später, an Weihnachten 1924, kam der erste Brief von ihr.

Bert ging zu seinem Tisch und nahm den besagten Brief aus der Schublade. Er lies die Finger über die schwungvolle Schrift gleiten uns las:


Bert,

ich weiß, dass ich mich seit einer Ewigkeit nicht mehr gemeldet habe.
Doch ich habe momentan sehr viel zu tun und wie es aussieht werde ich in absehbarer Zeit nicht mehr nach London zurückkehren.

Dennoch wollte ich dir von ganzen Herzen ein schönes Fest wünschen.

Auch wenn wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben, bist du immer noch ein wichtiger Bestandteil meines Lebens.

Ich hoffe, dass du Weihnachten nicht allein verbringst sondern diesen Tag mit Freunden feierst und Spaß hast. So ein besonderer und herzlicher Mensch wie du verdient es nicht allein zu sein.

Du erwähntest vor einiger Zeit, dass du einen neuen Pullover gebrauchen könntest. Dies habe ich natürlich nicht vergessen und habe dir einen gestrickt. Ich hoffe er gefällt dir.

Frohe Weihnachten und pass auf dich auf,

Mary



Bert spielte mit dem Ärmel des Pullis, den er gerade trug. Zufälligerweise war es genau der, den er von ihr damals bekommen hatte. Er liebte diesen Pullover einfach. Nicht nur weil er warm hielt- nein, hauptsächlich da er von Mary war.

Er ging wieder zu seinem Bild, gab diesem den letzten Feinschliff und begutachtete es.
„Wo bist du Mary? Wann kommst du wieder?“



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Endlich habe ich das erste Kapitel zu der Geschichte verfasst, die seit einer halben Ewigkeit in meinem Kopf ist.

Da ich schon alles von Anfang bis Ende geplant hab, kann ich euch sagen, dass die Geschichte (wenn ich sie denn wirklich fortsetze haha) sehr lang wird.

Die Geschichte geht hauptsächlich um Mary und Bert aber auch Elizabeth und Matthew werden eine Rolle haben :)
(Ach noch eine Info am Rande: In meiner Geschichte hat Bert auch etwas magisches und altert deshalb genauso wenig wie Mary. Mehr dazu aber in einem der späteren Kapitel)

Mary kommt übrigens auch bald ;)

Lasst doch ein Review mit eurer Meinung da :D
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