Mittelerde Adventskalender 2018 - „Schuld war der Eierlikör“

von Sulime
KurzgeschichteKrimi, Romanze / P12
Bilbo Beutlin
02.12.2018
02.12.2018
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Anmerkung: Hier kommt mein erster Text für den Mittelerde Adventskalender 2018 von Pethryn. Ich freue mich sehr, wieder am Projekt teilnehmen und ein paar Türchen beisteuern zu können.

Das heutige Stichwort lautet: Geselliger Eierlikör.

Der Oneshot nimmt Bezug auf einen anderen Text von mir, der sich in meiner 120er-Sammlung finden lässt, dessen Lektüre aber zum Verständnis nicht notwendig ist. Falls ihn dennoch jemand lesen möchte, kann er oder sie dies hier tun.


Disclaimer: Die Rechte liegen wie üblich bei J.R.R. Tolkien und Erben. Alle bekannten Charaktere und Schauplätze leihe ich mir nur aus, ohne Geld damit zu verdienen.


Schuld war der Eierlikör

Stechpalmen schmückten die Tische, das Kaminfeuer prasselte fröhlich vor sich hin und der Duft von selbstgebackenen Plätzchen und Früchtepunsch zog durch alle Räume. Ein paar Hobbits hatten traditionelle Lieder angestimmt, jemand schickte sich an, ein Gedicht vorzutragen und der ausgelassene, beseelte Geist des Julfestes erfüllte die Luft.
     Lobelia Straffgürtel rümpfte die Nase.
     Gekleidet in ihr bestes, mit Lobelien verziertes Festtagskleid und mit sorgfältig frisierten Locken hatte sie an der großen Esstafel Platz genommen und beobachtete nun, wie ihre Verwandten pünktlich zum Jahresende die verschiedenen Grade zunehmender Alkoholisierung demonstrierten.
    Wäre es nach Lobelia gegangen, hätte ihre Familie das Julfest wie jedes Jahr zuhause in Steinbüttel gefeiert. Doch Lobelias Mutter war einer Einladung ihres Bruders Rollo gefolgt und hatte die ganze Familie über die Feiertage kurzerhand nach Hobbingen verfrachtet, eine Entscheidung, die – wie Lobelia vermutete – in einem Zusammenhang mit Rollos berühmtem selbstgemachten Eierlikör stand. Nun saßen die Straffgürtels mit rund fünfzig anderen Hobbits an einer enorm langen Tafel, welche aus diversen Tischen bestand, die aneinander gereiht worden waren, was beinahe die komplette Höhle füllte.
    Dem Ruf von Rollos Spirituosen waren noch andere gefolgt, wie Lobelia bei einem Blick in die Runde feststellte. Ihr Vater unterhielt sich angeregt mit dem rotnasigen Adalbert Bolger, der ihn über die Vorzüge der Tabakplantagen im Südviertel aufklärte. Die redefreudige Dora Beutlin erteilte ihren Nichten Lebensratschläge, während ihr dem Punsch ausgesprochen zugetaner Bruder Drogo auf seinem Stuhl eingenickt war und, die Hände über der beachtlichen Körpermitte zusammengefaltet, zu schnarchen begonnen hatte. Auch sehr entfernte Verwandtschaft der Boffins war eingetroffen. Am Kopfende, nicht weit entfernt von Dora, saß der sonst nicht unbedingt für seine Geselligkeit bekannte Bilbo Beutlin, der zur Feier des Tages seine beste, mit Gold bestickte Weste trug und jovial mit seinem Gastgeber über dessen selbstgeschriebene Jul-Lieder plauderte. Lobelias Augen verengten sich und ihr Gesicht nahm einen noch verächtlicheren Ausdruck an. Sie hatte Bilbo noch nie leiden können und seine Anwesenheit in der Runde steigerte ihre Laune nicht.
    „Was hast du denn, mein Blümchen?“, erkundigte sich ihr Vater, der sein Gespräch mit Adalbert unterbrochen hatte und seiner Tochter einen besorgten Blick zuwarf.
    „Nichts, Vater“, sagte Lobelia, insgeheim verärgert darüber, dass ihr Vater es nicht lassen konnte, sie mit alten Spitznamen anzusprechen. „Ich wundere mich lediglich über die maßlose Eitelkeit gewisser Beutlins, die sie so unverhohlen zur Schau stellen.“ Die Bemerkung war auf Bilbos Aufmachung gemünzt, aber ein Räuspern ihres Vaters machte Lobelia darauf aufmerksam, dass sie etwas über das Ziel hinausgeschossen war. Blanco Straffgürtel deutete mit dem Kopf unauffällig in Richtung einer Hobbitdame, die Lobelia schräg gegenüber auf der anderen Seite des Tisches saß. Schweigsam und nach dem Tod ihres Mannes noch immer in triste Farben gekleidet, starrte Camellia Beutlin, geborene Sackheim, auf ihren kaum angerührten Teller. Und neben ihr, mit einer düsteren Miene beim Anblick von Onkel Bilbo, welche Lobelias in nichts nachstand, saß Camellias Sohn. Otho Sackheim-Beutlin, wie er sich inzwischen nannte – ob aus Geltungssucht oder um sich von anderen Verwandten mit dem Namen Beutlin abzugrenzen, vermochte Lobelia nicht zu sagen – schien Rollos Festessen nicht besonders zu schätzen. Jedenfalls hatte er noch keine Anstalten unternommen, sich mit irgendwem zu unterhalten und machte auch sonst den Eindruck eines Hobbits, der sich eine ganze Menge angenehmerer Dinge vorstellen konnte, als im Kreise seiner zunehmend beschwipsten Verwandten das Julfest zu begehen. Auch Lobelia, die ihm immerhin gegenüber saß, hatte er bereits den ganzen Abend lang ignoriert, mit der Ausnahme eines einzigen Vorfalls, als er sie nach dem Salzstreuer gefragt hatte.
    „Manche Hobbits wissen einfach nicht, wie man sich in Gesellschaft zu verhalten hat“, bemerkte Lobelia spitz und ihr Vater seufzte lediglich.
    Rollo nutzte das durch übermäßigen Nahrungsmittelkonsum langsam eintretende Schweigen, um zur Bescherung überzugehen. Wie jedes Jahr hatten seine Gäste körbeweise mathom mitgebracht, der nun an Familienmitglieder, Freunde und natürlich den zufrieden lächelnden Gastgeber verteilt wurde. Lobelia öffnete ein Paket ihrer Mutter, das einen neuen Zierkamm erhielt und ein Geschenk ihres Vaters, das eine hübsch bemalte Glasfigur beinhaltete, die voll und ganz in die Kategorie mathom fiel, da sie ebenso dekorativ wie nutzlos war. Das Geschenk ihres Bruders Bruno enthielt einen Schal, was angemessen war, da er zur gleichen Zeit Lobelias Präsent auspackte, aus dem ein paar Handschuhe purzelten. Lobelia hatte sich noch nie für besonders kreativ gehalten.
    Reihum wurde nun die entferntere Verwandtschaft mit Geschenken bedacht. Von Tante Dora erhielt Lobelia ein Buch mit Schönheitstipps, von dem sie sich vornahm, es am Ende des Abends in Rollos Smial zu „vergessen“. Onkel Rollo schenkte ihr eine kristallene Blumenvase und von Bilbo erhielt sie ein Silberputztuch.
   Lobelias Augen weiteten sich bei dem Anblick und sie verschränkte empört die Arme vor der Brust, was Rollos Silberbesteck in den Taschen ihres Kleides zum Klirren brachte.
    Der Abend schritt fort und die Stimmung wurde ausgelassener. Lobelias Bruder zog sich mit ein paar Gleichaltrigen zum Kartenspielen zurück und ihre Eltern schlossen sich einer Gruppe Hobbits an, die einen sichtlich geschmeichelten Rollo dazu aufforderten, seine Lieder ein weiteres Mal zum Besten zu geben. Ein paar kleine Hobbits spielten Fangen und brachten beinahe den Tisch zum Umstürzen, wobei Lobelia nur mit Mühe ihr Weinglas festhalten konnte. Bilbo Beutlin bot Dora einen Teller voller Zimtsterne an. „Oh, sehr freundlich, aber ich muss ablehnen“, sagte seine Base. „Von Zimt schwillt mein Mund immer so an, dann bekomme ich keine Luft mehr und außerdem…“ Dora verfiel in eine Litanei über ihre vielen Krankheiten, die Bilbo mit leicht gequältem Gesichtsausdruck über sich ergehen ließ.
    Die Kinder hatten ihr Spiel eingestellt und Lobelia sah, dass Otho begonnen hatte, Servietten-Tiere für sie zu basteln. Ein kleines Mädchen strahlte, als er ihr einen Schwan überreichte und ein anderes sagte aufgeregt: „Oh, mach einen Olifanten, bitte! Ich möchte einen Olifanten.“
    „Tut mir leid“, sagte Otho etwas verlegen. „Ich kann nur Vögel und Schildkröten.“
    Lobelia wandte den Blick ab. Unwillkürlich fragte sie sich, warum ihr Gegenüber den ganze Abend noch kein Wort mit ihr gewechselt hatte. Tatsächlich kannten Otho und Lobelia sich bereits seit einer ganzen Weile. Trotz eines unglücklichen Vorfalls, bei dem ein Limonadenglas und eine gestohlene Pastete eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hatten, waren sie und Otho in Hobbingen gelegentlich gemeinsam Tee trinken gegangen. Dies war Othos Art gewesen, sich dafür zu bedanken, dass sie ihn aus einer unangenehmen Situation gerettet hatte, bei der sich eine äußert wertvolle Taschenuhr Bilbo Beutlins auf unerklärliche Weise in Othos Tasche wiedergefunden hatte. Lobelia war die einzige gewesen, die ihn in Schutz genommen hatte und zum Dank dafür hatte er sie auf eine Tasse Tee eingeladen, was sie zögerlich angenommen hatte. Es schadete schließlich nicht, die Großzügigkeit eines für gewöhnlich sehr geizigen Hobbits wie Otho anzunehmen. Da war es praktisch, dass er nie erfahren hatte, dass Lobelia ihm die Uhr höchstpersönlich untergejubelt hatte, um sich für den Pastetendiebstahl zu rächen.
     Bruno Straffgürtel kehrte derweil vom Kartenspiel mit seinen Freunden zurück, das Gesicht rot angelaufen und die Hosentaschen bedeutend leerer.
   „Sag mal, Lobelia, du hast nicht zufällig noch ein wenig Silber, das du mir leihen könntest?“, wandte er sich an seine Schwester.
    Diese schürzte die Lippen. „Warum denken alle… Ich meine, was bin ich denn, eine Elster?“
    Diese Bemerkung brachte ihr einen überraschten Blick von Otho ein, der für einen Moment mit dem Serviettenfalten aufgehört hatte.
    „Ah, Otho, würdest du mir ein Glas von Rollos wunderbarem Eierlikör einschenken?“, wandte sich plötzlich Bilbo an seinen Vetter, in einem recht durchschaubaren Versuch, das Gespräch mit Dora zu einem Ende zu bringen.
    Ein sichtbar verstimmter Otho griff nach der einzig verbliebenen Flasche von Rollos Spezialgetränk, die noch nicht geleert worden war und goss ein Glas davon ein. In diesem Augenblick begann Rollo eine weitere nicht unbedingt gesellschaftsfähige Eigenkomposition, deren brachial gereimter Text von der auch mit Alkohol im Blut leicht singbaren Melodie perfekt ergänzt wurde. Die Kinder nahmen ihr Fangenspiel wieder auf und rissen fast das Tischtuch herunter, was Bilbo dazu brachte, seinen Essteller schnell in Sicherheit zu bringen. Er betrachtete das Geschehen mit einem Ausdruck forcierter Resignation, der Aufschluss darüber gab, weshalb er niemals eigene Kinder in die Welt gesetzt hatte. Otho machte ihn mit einem Räuspern wieder auf sich aufmerksam und reichte ihm das Eierlikör-Glas, nach dem Bilbo dankbar griff.
   „Oh, Bilbo, du lässt mich doch sicher davon probieren, nicht?“, wandte sich nun Dora mit leuchtenden Augen an ihren Verwandten. „Ich möchte unbedingt Rollos Spezialität kosten, bevor nichts mehr davon übrig ist!“ Bilbo, ganz wohlerzogener Spross aus gutem Haus, reichte ihr galant sein Glas und ließ sich von Otho ein weiteres einschenken.
    Lobelia lauschte derweil Rollos schiefem Gesang und wünschte inständig, zuhause in Steinbüttel zu sein. Warum nur hatte sie sich keine Entschuldigung ausgedacht, um die Jul-Feiertage daheim verbringen zu können? Dann hätte sie sich in Ruhe mit ihrem Strickzeug oder einem guten Buch in ihr Zimmer zurückziehen können und…
    Ein seltsames Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. Jemand schnappte nach Luft und ein Glas fiel klirrend zu Boden.
    Lobelia blickte auf. Bilbo war aufgesprungen und stützte eine rot angelaufene Dora, die röchelnd nach Luft schnappte. Sie zitterte und ihr Mund stand offen, doch es kam kein Ton heraus außer dem furchtbaren Röcheln.
    Chaos brach in Rollos Smial aus. Jemand schrie nach Hilfe, ein junger Hobbit fiel in Ohnmacht und Lobelias Vater, die Augen vor Entsetzen aufgerissen, murmelte leise: „Gift“.
    Das Wort verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Höhle und war plötzlich in aller Munde. Otho, die Flasche mit dem Eierlikör noch in Händen, blickte entgeistert zu Dora.
    Ein Giftanschlag war etwas, das man im Auenland nur aus Schauergeschichten kannte, doch diese waren nicht unbeliebt und vor allem weit verbreitet. Raunen und aufgeregte Stimmen vermengten sich zu einem Klanggemisch, aus dem das Wort „Gift“ immer wieder herauszuhören war. Alle Augen richteten sich auf Otho. Der junge Beutlin ließ die Likörflasche los.
     „Das hätte ich niemals für möglich gehalten“, konnte Lobelia ihre Mutter flüstern hören und sie sah, wie ihr Vater benommen den Kopf schüttelte.
    Wie bereits bei dem Vorfall mit der gestohlenen Taschenuhr schien es nur einen Verdächtigen zu geben.
   „Aber warum sollte jemand Dora vergiften wollen?“, fragte Bruno hörbar verwirrt.
   Lobelias Mutter senkte die Stimme. „Das Glas war für Bilbo bestimmt. Und jeder weiß, dass Otho nach Beutelsend giert. Er ist Bilbos nächster Verwandter und somit sein Erbe.“
   Bilbo führte derweil eine immer noch schwankende Dora zu einem der Sessel, in dem sie sich mit der Hilfe ihres Vetters niederließ. Sie war sichtlich benommen, aber sie atmete und ihr Gesicht nahm wieder eine normale Farbe an. Ihre robuste Konstitution und die Tatsache, dass sie nur einen kleinen Schluck Eierlikör getrunken hatte, schienen ihr das Leben gerettet zu haben.
    Einige Minuten lang herrschte ängstliches Schweigen in dem Smial. Camellia Beutlin brachte Dora ein Glas Wasser, welches diese mit zitternden Händen entgegennahm. Derweil richtete sich die Aufmerksamkeit des Gastgebers auf Camellias Sohn.
   „Otho“, begann Rollo, blass, aber mit klarer Stimme, „was ist hier passiert?“
   „Ich weiß es nicht“, murmelte Otho und starrte auf die Tischplatte. „Ich habe nur den Eierlikör eingeschenkt, ich weiß wirklich nicht, wie…“
   Lobelia betrachtete ihn eingehend. In Othos blasses Gesicht waren hektische rote Flecken getreten. Er machte einen elenden Eindruck, aber ob aus Mitleid oder Schuldgefühl, ließ sich nur schwer sagen.
   „Willst du etwa behaupten, dass ich meinen eigenen Eierlikör vergiftet hätte?“, verlangte Rollo mit kaum verhohlener Wut zu wissen. „Wir haben alle davon getrunken, warum war das Gift dann nur in Bilbos Becher?“
   „Ich weiß es nicht“, antwortete Otho sichtlich verzweifelt. „Ich war es nicht, das schwöre ich!“
    Lobelia starrte ihn an. Sie hatte Otho nur einmal so hilflos und unglücklich gesehen – damals, als man ihn fälschlicherweise bezichtigt hatte, die Taschenuhr gestohlen zu haben. Nur wusste außer ihr niemand, dass der damalige Verdacht ein falscher gewesen war.
   Die junge Straffgürtel blickte zu Dora, die schwer atmend die Armlehnen ihres Sessels umklammerte. Sie sprach nicht und ihr Körper bebte noch immer.
    Plötzlich kam Lobelia eine Idee. Sie streckte die Hand nach Doras Eierlikör-Glas aus.
    „Lobelia!“, rief ihre Mutter entsetzt. „Was tust du?“
   Mit einer ruhigen Handbewegung, die über ihre innere Aufregung hinwegtäuschte, ergriff Lobelia das Glas, welches immer noch halb mit Likör gefüllt war.
   Otho starrte sie an. „Lobelia, nicht…“
   Die junge Hobbitfrau hob das Glas, prostete ihm zu und setzte es an die Lippen.
   Lobelias Mutter stieß einen Schrei aus und ihr Mann packte den Arm seiner Tochter, doch es war zu spät. Lobelia hatte das Glas bereits geleert.
    Für einen Augenblick herrschte Totenstille im Smial.
    Lobelias Mutter hatte Tränen in den Augen, ihrem Vater stand der Schweiß auf der Stirn. Otho, der aufgesprungen war, sah sie fassungslos an. Sie erwiderte seinen Blick kühl. Dann stellte sie das leere Glas ab.
    „Ein interessantes Aroma“, kommentierte sie gelassen. „Ist das eine Zimtnote, die ich da herausschmecke?“
   Die spannungsgeladene Stille löste sich auf, als mehrere Hobbits kollektiv aufatmeten. Lobelias Onkel Rollo betrachtete sie mit einem Gesichtsausdruck, der deutlich besagte, dass er sie für verrückt hielt.
   „Es ist eine neue Sorte“, sagte er schwach. „Eine Prise Zimt verfeinert den Geschmack.“
   Lobelia nickte. „Dachte ich es mir doch.“ Sie warf einen eisigen Blick in die Runde. „Dora verträgt keinen Zimt. Deshalb ist der Eierlikör nur für sie gefährlich. Es befindet sich kein Gift darin.“
   Wieder trat Schweigen ein, dieses Mal jedoch ein äußert betretenes. Otho blickte Lobelia über den Tisch hinweg an, als hätte sich ein Olifant direkt vor seiner Nase manifestiert.
    Lobelia schob gelassen ihren Stuhl zurück und erhob sich.
    „Es ist doch immer das Gleiche“, bemerkte sie. „Ein Schaf beginnt zu blöken und schon stimmt die ganze Herde mit ein.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Was für eine lächerliche Annahme, dass Otho Bilbo vergiften wollte. Und dann auch noch auf so eine offensichtliche und dumme Art!“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber nein, natürlich malen wir uns alle sofort eine Schauergeschichte aus, als befänden wir uns irgendwo im verfluchten Alten Wald und nicht hier im friedlichen Hobbingen. Erstaunlich, was ein Übermaß an Jul-Punsch alles ausrichten kann!“
   „Lobelia“, konnte sie die drängende Stimme ihres Vaters vernehmen, aber sie ließ sich nicht beirren.
   „Ich kann diese kleingeistige Naivität nicht mehr ertragen. Statt ein paar Minuten lang nachzudenken, verdächtigen wir lieber einen unbescholtenen Hobbit, der sich nichts zu Schulden kommen lassen hat, außer vielleicht, mit Bilbo Beutlin verwandt zu sein!“
   Sie warf diesem einen missgünstigen Blick zu, während andere Hobbits noch darüber nachgrübelten, was „kleingeistige Naivität“ bedeutete.
    Lobelia warf wütend den Kopf zurück. „Entschuldigt mich, aber ich brauche frische Luft“, sagte sie und raffte ihre Röcke. „Und in Zukunft würde ich es vorziehen, Jul allein zu feiern!“
   Mit diesen Worten rauschte Lobelia aus dem Zimmer, verfolgt von den ungläubigen Blicken und dem Kopfschütteln ihrer Hobbitverwandtschaft.
    Bevor die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, konnte sie ihren Bruder noch sagen hören: „Sie hat aber nicht ganz Unrecht, oder?“

***

Die Luft war winterkühl und der Sternenhimmel über dem Smial klar. Lobelia hatte auf dem Dach Platz genommen und blickte wortlos in die Nacht. Um nach Hause zu laufen, war der Weg zu weit, aber in die Höhle zurückkehren wollte sie auch nicht. Sie mochte schon vor ihrem Ausbruch unter den anderen Hobbits als unhöflich und sonderbar gegolten haben, aber jetzt war sie endgültig für alle Zeiten berüchtigt. Seltsamerweise störte sie dies weniger, als sie zuvor gedacht hätte.
   Kaum hörbare Schritte kündigten ihr an, dass sich ein anderer Hobbit in der Nähe befand. Ein Schatten fiel auf sie und verdeckte den Mond.
    „Du hast deinen Mantel vergessen“, sagte eine verlegene Stimme.
    Lobelia blickte nicht auf, als Otho Sackheim-Beutlin sich wortlos neben ihr niederließ, aber sie protestierte auch nicht, als er ihr den Mantel umlegte.
    Eine Weile betrachteten sie schweigend die Sterne.
    Dann sagte Otho leise: „Das… war ziemlich mutig, was du da drinnen getan hast.“
    Lobelia zuckte die Schultern. „Ich war mir sehr sicher, dass es kein Gift sein konnte.“ Sie schnaubte. „Mord im Auenland! Wer hat schon einmal von so etwas gehört?“
   „Das kommt alles durch diese Geschichten, die Bilbo immer erzählt“, sagte Otho. „Drachen und Zwerge und Ungeheuer… Das setzt den Leuten Flausen in den Kopf und sie beginnen, an alles zu glauben.“
   Lobelia nickte vehement. „Und die Leute hängen ihm an den Lippen! Als wäre er etwas Besseres, nur, weil er reich ist und die Welt bereist hat!“
    Nun war es an Otho, zu nicken. „Man kann kaum glauben, dass er ein Beutlin sein soll. Bei seinem Stammbaum würde ich ein anderes Verhalten erwarten…“
    Otho verstummte unvermittelt und Lobelia starrte geradeheraus in die Dunkelheit. Wieder einmal hatte Otho sie daran erinnert, dass er aus einer der ältesten und angesehensten Hobbitfamilien stammte, während sie selbst nur eine einfache Straffgürtel aus Steinbüttel war.
   „Ja, es ist wirklich sonderbar“, sagte sie spitz.
   Otho schwieg, aber soweit Lobelia es im Dunkeln richtig erkennen konnte, war er errötet.
   „Aber auch die altehrwürdigsten Familien können Sonderlinge hervorbringen“, bemerkte Lobelia und dieses Mal lief Otho tatsächlich unverkennbar rot an. „Schräge Vögel finden sich überall.“
   Otho warf ihr einen langen Blick zu. „Elstern, zum Beispiel?“, fragte er.
   Lobelia spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Konnte es sein…?
   „Wie dem auch sei“, fuhr Otho in seinem normalen, etwas blasierten Tonfall fort. „Ich denke, ich bin dir etwas schuldig. Würdest du es als Beleidigung auffassen, wenn ich dich auf ein Getränk einlüde?“
    Lobelia hob die Augenbrauen. „Nachdem du den ganzen Abend lang nicht mit mir geredet hast? Ja, das würde ich.“
   Othos Überheblichkeit verflog so schnell, wie sie gekommen war. „Lobelia, ich wollte nicht… Ich wusste einfach nicht…“
    Die Angesprochene verdrehte die Augen. „Schon gut. In Anbetracht der Umstände werde ich das Getränk akzeptieren.“ Sie sah zu Otho, erkannte die Erleichterung in seinen Augen und spürte erneut, wie ihr Herz schneller schlug. „Vorausgesetzt, es ist kein Eierlikör.“    
   Für einen Augenblick sah Otho sie verblüfft an. Dann lachte er leise und Lobelia, obgleich sie die Augen verdrehte, schmunzelte doch. Vielleicht war es am Ende doch kein so schlechtes Julfest gewesen.
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