Erinnerst du dich noch?

KurzgeschichteTragödie / P6
OC (Own Character)
02.12.2018
02.12.2018
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Ich ... bin ein zerbrechliches Kerlchen. Sitze Tag für Tag auf meiner Mauer und warte auf jemanden, der hier vorbei kommt, um ihm etwas zu erzählen.

Was genau ich erzählen würde, das weiß ich nicht. Es wäre bestimmt eine Geschichte aus meinem Leben, wobei man sagen muss, dass dieses nicht sehr abwechslungsreich ist.

Vielleicht, vermutlich würde ich über mein Leid reden. Über die Last, die mich erdrückt. Wenn ich sie in Worte verpacke und ausspreche, verlässt sie mich vielleicht mit dem Schall. Doch ehrlich gesagt glaube ich nicht daran. So leicht geht es nun einmal nicht. Mein zerbrechlicher Körper muss weiter ertragen und ich muss aufpassen, dass ich nicht unter dem Gewicht in tausend kleine Stücke zerspringe.

Ich weiß, dass ich sehr schwach bin und nicht viel tragen kann. Sünden zieren mich und wurden von innen in meine Schädeldecke eingebrannt. Sünde um Sünde, die ich begangen habe. Das Blut auf meinem weißen Frack ist kaum noch zu sehen, doch ich sehe es immer. Immer habe ich die Gewissheit, dass es dort ist.

Und ich weiß, dass ich niemals freiwillig jemanden töten würde, aber ... ich war zu den Toden nicht bei Bewusstsein. Eine fremde Macht ergriff Besitz von mir.

So sitze ich Tag für Tag auf meiner Mauer, versuche verzweifelt zu vergessen und versuche dann noch ... die Sonne einzufangen, um sie in meinem Lächeln wiedergeben zu können. Einmal wurde mir gesagt, dass mein Lächeln so hell wie die Sonne sei. Darüber freute ich mich sehr und seit jeher versuche ich, dem Licht möglichst nahe zu kommen. Versuche zu leuchten, um die Dunkelheit zu verjagen, die ich einst brachte.

Vielleicht sieht mich so strahlend dann eher jemand und kommt herbei, um mit mir zu reden.

Eines Tages kommt tatsächlich jemand vorbei. Er hat etwas längere und sehr dunkle Haare und scheint in noch mehr Dunkelheit gehüllt zu sein als ich es jemals war.

Er bleibt bei mir und setzt sich neben mich auf die Mauer.

Ich erzähle ihm von meinem Leben und er erzählt mir, was ihm bis jetzt so geschah. Es waren rührende Geschichten und sie ließen mich weinen, doch auch lachen.

Und da hatte ich jemanden gefunden, für den ich leuchten konnte.

Tag um Tag sitzen wir auf meiner Mauer. Tag für Tag verliebte ich mich etwas mehr in diesen schönen Jungen und seine Geschichten. Ich wollte, dass er blieb. Ich wollte, dass er nie wieder ging. Für ihn strahlte ich, für ihn war ich schön und für ihn lächelte ich jetzt. Es hatte plötzlich alles etwas mehr Sinn.

Doch ... natürlich kam der Tag. Der Tag, an dem er wieder von unserer Mauer herunter glitt und seine Füße in das Gras darunter setzte. Er müsse gehen, sagte er. Er müsse weiter leben, um noch mehr Geschichten erzählen zu können.

Nein, sagte ich. Er musste doch bleiben, damit ich weiterleben konnte. Er musste für mich hier bleiben, weil ... weil ich nie wieder ohne ihn hier sitzen wollte.

Er lächelte traurig. Es ließ mir Tränen in die Augen steigen. Ich schüttelte den Kopf.

Doch er wandte sich um.

Und da fiel ich. Ich fiel von der Mauer, verzerrt von schmerzender Sehnsucht, und zerschellte mit meinem zerbrechlichen Körper auf dem Grund.

Ich bin Humpty Dumpty. Und gerissen von der Liebe, fand ich meinen Tod.




Humpty Dumpty sat on a wall




Humpty Dumpty had a great fall




All the kings horses and all the kings men




Couldn’t put Humpty togather again.
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