Fisch Hinkebein

von CThomas
KurzgeschichteAllgemein / P16
02.12.2018
04.07.2019
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Die ersten Sonnenstrahlen malten Kringel auf das schmale Bett, das sie sich teilten. Fisch streckte sich vorsichtig, dehnte das steife Bein und setzte sich auf. Sie sah über die Schulter zu Joshua, der ebenfalls wach war, aber die Augen noch geschlossen hatte. 13 Tage waren seit der Eheschließung vergangen und sie hatte jede Minute genossen, trotz der harten, schweren Arbeit, die sie verrichten musste. Joshua atmete tief ein und kratzte sich am Hals, verzog das Gesicht und gab ein äußerst unwilliges Geräusch von sich. Das Haus war still, die Gegend einsam, die Nachbarn rundherum eine gute Stunde Fußmarsch entfernt. Sie schwang die Beine über die Bettkante und beugte vorsichtig das Knie, biss die Zähne zusammen, als der wohlbekannte, allmorgendliche Schmerz wie eine kleine Flutwelle durch ihre Nervenbahnen schoss. Fisch schloss die Augen und massierte die Muskulatur, wie es ihr Bertram Connolly, ein Veteran, der sich seit der Schlacht von Waterloo mit ähnlichen Beschwerden herumschlug, vor mehr als einem Jahrzehnt gezeigt hatte.
Ihre Gedanken wanderten viele Jahre zurück, in die dunkle, enge Wohnung, die sie mit ihrer Familie geteilt hatte. Neun Menschen in zwei stickigen Zimmern, die Wände schwarz von Ruß und Schimmel, der Boden übersät mit leeren Flaschen, dreckigen Kleidern und allerlei Unrat. Die Armut lähmte alles, nur den Drang zum billigen Schnaps nicht, dem beide Elternteile reichlich zusprachen. Der Vater verdingte sich ab und zu als Tagelöhner im Hafen oder auf Baustellen, doch hauptsächlich brach er spätabends in den vornehmen Vierteln in Wohnungen ein und nahm mit, was er tragen konnte. Wenn er keine Arbeit hatte, trank er bis zur Besinnungslosigkeit. Die Mutter bildete sie und alle Geschwister zu erschreckend schlechten Taschendieben aus, arbeitete in einer Lederwarenmanufaktur, und verkaufte ihren Körper für einen Shilling oder noch weniger, wenn das Geld besonders knapp war.
Der süßlich-modrige Gestank nach Müll, ungewaschenen Menschen, vollen Windeln und nassen Wänden verursachte ihr jeden Morgen Übelkeit, und unterdrückte damit immerhin den Hunger. Der Magen meldete sich erst, wenn sie auf ihrem Weg durch die Stadt an einer Bäckerei vorbeikam, und der Duft nach frischem Gebäck und Brot einen verstörenden Gegensatz zu dem Elend, das das Auge erblickte, bildete. Dann verkrampften sich ihre Eingeweide und das Verlangen nach etwas Essbarem wurde übermächtig. Fischs Tagesgeschäft bestand aus schnellen Griffen in fremde Taschen, in Kutschengepäck, in Lieferwagenladungen und aus kleinen Ladendiebstählen, wenn das Personal abgelenkt war. An sonnigen Nachmittagen setzte sie sich in den Schatten des Schafotts am Execution Dock und bettelte, was oftmals sogar lukrativer war als das Stehlen.
An jenem schicksalhaften Tag, an dem sie ein Ladenbesitzer festhielt und ein Polizist sie ins Newgate-Gefängnis brachte, wo sie auf ihren Prozess warten sollte, war Fisch ihr altbekanntes Leben völlig egal. Weder wehrte sie sich, noch versuchte sie zu fliehen. Was auch immer der Richter verfügte, es konnte nicht schlimmer sein als die Wohnung in der Brewhouse Road in Wapping, und dass, obwohl das Newgate-Gefängnis als ein Vorort der Hölle verschrieen war.
In der ersten Nacht in der mit 35 Frauen völlig überbelegten Zelle dachte sie an die drei Männer, die sie Monate zuvor auf der Themse beobachtet hatte, die verzweifelt, aber aussichtslos, darum kämpften, ihren untergehenden Lastkahn zu retten. Fisch spürte, dass sie das unaufhaltsam sinkende Boot ihres bisherigen Lebens an diesem Tag endgültig verließ, Geschwister und Eltern damit dem ungnädigen Schicksal übereignete. Sie konnte einfach nicht mehr, so leid es ihr auch um die noch unschuldigen Seelen der Jüngeren tat. Die Verantwortung, die sie als das älteste und, bis zu ihrem Unfall, einzig vollständig gesunde Kind der Familie trug, war ihr schon lange über den Kopf gewachsen. Alle ihre Brüder und Schwestern waren schwachsinnig oder entstellt, manche auch beides. Lippenspalten, Klumpfüße, Zwergenwuchs, Schielen, Schwerhörigkeit, seltsame Verformungen der Arme und Hände, Buckligkeit, Fallsucht – Fisch wusste nicht, warum Gott ihre Familie so schwer strafte, doch Schwester Agatha vom Kloster St. Augustine äußerte einmal in ihrer Gegenwart die Vermutung, dass es an der gottlosen Trinkerei der Eltern liege. Säuferkinder seien sich immer ähnlich, egal, ob die Mütter in der Brewhouse Road lebten oder in einem Palast, erklärte sie und seufzte dabei schwer.
Sie lächelte bei der Erinnerung an die gütige Schwester Agatha und deren Bemühen, Fisch und ihre Geschwister zu unterstützen. Dann wanderten ihre Gedanken weiter zu dem schicksalbesiegelnden Tag, an dem man sie aus der überfüllten Zelle in den Gerichtssaal geführt hatte.
Die Schnellverfahren der Londoner Justiz gegen Mörder, Schläger, Urkundenfälscher, Diebe und Betrüger waren in den letzten Jahren berühmt geworden. Der Ankläger verlas die Anklageschrift, und der Richter entschied auf ›Sieben Jahre Verbannung nach New South Wales‹. Fertig, der Nächste, bitte. Ihr eigenes Verfahren hatte an diesem Tag tatsächlich am längsten gedauert. Nicht, weil der Vorsitzende gründlich überlegen musste oder Zweifel hegte, sondern weil ihre Identität dem Gericht unbekannt war. So hatte der Richter ihr zunächst einen Namen geben müssen, bevor er auf Verbannung entschied, und sie bis zur Abfahrt der nächsten Sträflingsflotte zurück nach Newgate schickte.
Nach der düsteren Wohnung, der grauen Stadt und den unerträglichen Verhältnissen im Gefängnis und auf dem Schiff hatte sie das blendende Licht in New South Wales fast erblinden lassen. Es dauerte Wochen, bis sich ihre Augen an die Sonne gewöhnt hatten. Nach einem Jahr verging sogar der lästige, in London niemals enden wollende Husten, und war bisher nie wieder aufgetreten. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, musste Fisch zugeben, dass die Verbannung auf diesen verdammten Kontinent vielleicht doch das Beste war, das ihr hatte passieren können.
Die lebendige, sattgrüne Weite, die sie jetzt durch das Fenster sah, die saubere Luft, die sie atmete, erschienen ihr wie das Paradies auf Erden. Die Bilder ihrer weinenden, hungernden Geschwister, das zahnlückige Antlitz des Vaters und das verhärmte Gesicht ihrer Mutter verblassten im Licht der Sonne.
»Guten Morgen«, murmelte Joshua in ihrem Rücken, die Stimme belegt und leise.
Fisch nickte, sowohl als Zeichen, dass sie ihn gehört hatte, als auch als Gruß, und stand auf. Sie verließ die Schlafkammer, entzündete das Feuer im gemauerten Herd, legte ihr Nachtgewand auf einen Stuhl und trat an den Waschtisch. Sie schauderte, mehr aus Gewohnheit, als sie das erste Mal mit dem Waschlappen über ihre Haut rieb, doch so kalt war das Wasser nicht. Sie trocknete sich ab und streifte das Unterkleid aus ungefärbten Leinen über den Kopf, legte das Mieder an und schlüpfte in den alten, braunen Rock, den sie schon bei ihrer Verhaftung in London getragen hatte. Fisch kämmte ihr Haar mit den Fingern aus und flocht es zu einem festen Zopf, den Blick aus dem Fenster auf den Sonnenaufgang gerichtet. Die Schönheit des frühen Morgens war auch am 13. Tag noch ein fast unbegreifliches Wunder. Steifbeinig, aber lächelnd, trat sie aus dem Haus, um Wasser vom Brunnen zu holen und ihr Tagwerk zu beginnen. Die Tiere mussten versorgt, das Frühstück vorbereitet und der Haushalt erledigt werden, außerdem wollte sie mit dem Nähen ihrer neuen Kleider vorankommen. Das schlimme Bein zwang sie zur Langsamkeit, doch Joshua hatte noch kein Wort darüber verloren, dass sie schneller arbeiten sollte. Jeden Morgen war das Knie steif von der Nacht, abends schmerzten Gelenke und Muskeln von der Belastung. Fisch war es gewohnt, und in den vergangenen dreizehn Tagen hatte es ihr weniger ausgemacht als jemals zuvor.
»Wir werden heute Gäste haben, Missy«, sagte Joshua, als sie mit zwei Eimern voller Wasser die Küche betrat. »Die Nachbarn kommen. Jeden zweiten Freitag treffen wir uns hier und spielen Karten. Cribbage.«
Fisch nickte und lächelte zaghaft, deutete erst auf den Herd und dann auf sich.
Er schüttelte den Kopf: »Du musst nichts kochen. Wir trinken und spielen nur. Es ist mehr ein zwangloses Beisammensein. Man wird hier draußen sonst recht schnell einsam, auch wenn man zu zweit ist.«
Sie hielt ihm die geballte Faust entgegen, streckte den Daumen aus und hob dann nacheinander langsam alle übrigen Finger.
Er runzelte die Stirn und überlegte einen Moment: »Willst du wissen, wie viele Gäste kommen? Es sind fünf. Die Ehepaare Brinsley und Sheridan und Brock Redburn. Er hat seine Frau im letzten Herbst beerdigt. Sie starb an einem Schlangenbiss.«
Fisch verzog mitleidig das Gesicht. Das war ein schlimmer, schmerzhafter Tod, der schrecklich anzusehen war. Während ihrer Zeit im Primbaker-Gefängnis waren zwei unvorsichtige Insassinnen ebenfalls nach der Begegnung mit einer Schlange gestorben.
»Ja, es war tragisch«, murmelte Joshua und schüttelte den Kopf. »Diese Biester sind verdammt gefährlich. Nimm dich in Acht, Missy.«
Sie nickte und wandte sich dem Herd zu, um die Eier für das Frühstück zu braten und den Topf mit dem Porridge aufzusetzen, Tätigkeiten, die sie mittlerweile alleine verrichten konnte.
Joshua hatte ihr gezeigt, wie man Damper, ein Brot aus Mehl, Salz und Wasser, das man in glühender Asche buk, zubereitete, was man mit Mulga- und Bunya-Samen machte, und wie man mit Yamswurzeln und wilden Pastinaken umging. Sie hatte zum ersten Mal in ihrem Leben eine Feige gegessen und Buschhonig gekostet, der von stachellosen Bienen, die ein bisschen wie Hummeln aussahen, produziert wurde. Als besonders köstlich empfand sie die Beeren, die ein Stück entfernt vom Haus an Büschen wuchsen, und die, so erklärte Joshua, den Himbeeren ähnelten. Fisch, die nie zuvor eine Himbeere gesehen oder gegessen hatte, sah ihn verständnislos an, zuckte dann mit den Schultern und aß eine ganze Handvoll der Früchte, seufzte glücklich und brachte ihn damit zum Lachen. Auch die Bäume mit Magentakirschen und Apfelbeeren besuchte sie täglich, und pflückte das Obst, um es unter Joshuas Anleitung zu Marmeladen zu kochen. Fisch lächelte, als sie an all die neuen Dinge dachte, die sie in den vergangenen Tagen erfahren und gelernt hatte, und stellte eine Schale mit Magentakirschen auf den Tisch. Sie schmeckten wunderbar zu einer Schüssel Porridge.
Joshua lächelte ihr zu, nahm das Rasiermesser vom Regal und begann mit seiner Morgentoilette, während sich Fisch darauf konzentrierte, nichts anbrennen zu lassen.
Der Tag verging wie im Flug und sie schaffte es, den ersten Rock und eine Schürze fertigzustellen. Insgeheim war sie froh, nicht in den abgetragenen Sachen, die sie aus dem Gefängnis mitgebracht hatte, vor die Nachbarn treten zu müssen. Mochten ihre neuen Gewänder auch schlicht und wenig modisch sein, sie waren praktisch, sauber und aus dem besten Stoff, den sie jemals besessen hatte. Joshua nickte anerkennend, als sie ihm den Rock vorführte, und sie freute sich über das Lob, fühlte, wie sich die Angst vor dem Abend ein bisschen beruhigte.


»Ich möchte euch meine Frau vorstellen«, sagte Joshua und winkte Fisch näher, die sich in eine Ecke des Zimmers gestellt hatte, als sich die Ankunft der Gäste mit Hufgeklapper und dem Poltern der Wagenräder angekündigte. »Das ist Missy. Missy, das sind Ian Brinsley und seine Frau Frances, Abel Sheridan und seine Frau Charlotte und Brock Redburn.«
An den Brinsleys fiel ihr neben der guten Kleidung, die für einen gewissen Wohlstand sprach, sofort der Hochmut auf, den vor allem sie ausstrahlte. Die Sheridans waren ärmlicher gekleidet, etliche Jahre älter, wirkten müde und abgekämpft, aber durchaus freundlich. Mr. Redburn hingegen erschien stark, gesund und tatkräftig, beängstigend groß und breit, ein stattlicher, gut aussehender Mann in den späten Zwanzigern. Er nahm den Hut ab und hängte ihn an den Haken neben der Tür, so als sei er hier zuhause. Aber vielleicht war er das ja auch ein bisschen, denn Joshua hatte erwähnt, dass Brock seit dem Tod seiner Frau oft bei ihm war und Gesellschaft suchte.
Fisch nickte jedem der Reihe nach zu, fühlte, wie sich die Stille ausdehnte und ihre Gäste sie erwartungsvoll ansahen – bis auf Frances Brinsley, der ein kleines Lächeln an den Mundwinkeln zog.
»Oh ja, ich vergaß, Missy redet nicht«, erklärte Joshua. »Sie ist stumm.«
»Wir nannten sie deswegen auch Fisch«, sagte Frances Brinsley. »Ein vollkommen passender Name.«
»Ihr kennt euch?«, fragte Ian und seine Frau seufzte tief, bevor sie antwortete: »Ja. Sie war schon im Gefängnis, als ich dort anfing. Da drin sind über 200 heiratsfähige Insassinnen und du suchst dir ausgerechnet die humpelnde Stumme aus, Joshua? Wieso denn das, in Gottes Namen?«
Scham und Demütigung breiteten sich wie eine Wolke aus heißer Asche in Fisch aus, sie spürte, wie sie errötete, kämpfte gegen den Fluchtreflex. Sie schluckte schwer, senkte den Kopf und sah sich Frances Brinsley trotzdem genauer an. Das Gesicht kam ihr vage bekannt vor. Niemand, mit dem sie in der Frauenstrafanstalt näher zu tun gehabt hatte, aber doch offensichtlich jemand, der sie kannte. Sie überlegte ein paar Sekunden, stellte sich ihr Gegenüber in dem graubraunen Kleid einer Strafgefangenen vor, das aufgedruckte »C« für »Convict« – Sträfling – auf der Brust, und biss sich nachdenklich auf die Lippe. Nein. Auch die gelbe Kluft der politischen Häftlinge passte nicht. Wohl aber die Uniform des Personals. Ja, das war es. Frances Brinsley war eine ehemalige Wärterin. Allerdings hatte sie nur wenige Monate in der Primbaker-Frauenstrafanstalt gearbeitet, bevor sie fortging, um zu heiraten.
»Sei nicht so frech, Frau«, murmelte Ian und zog eine Grimasse. »Es tut mir leid, Mrs. Porter. Bitte verzeihen Sie Frances ihre unverschämte Wortwahl.«
»Missy arbeitet hart und ist eine angenehmere Gesellschaft als das durchschnittliche, scharfzüngige Weib«, erklärte Joshua und Ian lachte glucksend: »Da hast du es, Mrs. Brinsley. Die ganze Kolonie fürchtet deine scharfe Zunge, so scheint mir.«
Er reichte Fisch die Hand, gefolgt von seiner Frau, die den Anstand hatte, eine Entschuldigung zu murmeln. Dann schüttelten ihr Abel und Charlotte die Hand und beteuerten, dass sie sich für Joshua freuten. Als letzter der Gäste stand Brock Redburn vor ihr und musterte sie gründlich.
»Willkommen in der Nachbarschaft. Meine Farm grenzt direkt an eure, hinter der Weide im Norden.«
Fisch nickte und sah zu Boden, fühlte, wie sich die Härchen in ihrem Nacken unter der intensiven, durchdringenden Musterung aufstellten. Brock Redburn hatte etwas an sich, das ihr unangenehm war. Er war zu nahe, zu präsent, und viel zu aufdringlich, obwohl er sie nicht einmal berührte. Doch noch konnte sie unmöglich erkennen, ob er einfach nur ein guter, aber distanzloser Mensch war, oder ob er zur üblen Hälfte der Menschheit gehörte. Fisch hoffte, dass sie ihm nicht allzu oft begegnen musste, und zwang sich zu einem Lächeln. Sie trat einen Schritt zurück und machte eine einladende Geste zum Tisch.

Während des Kartenspiels schenkte sie die Getränke nach und lauschte dem Tischgespräch aufmerksam. Neben der Zucht, den Wollpreisen und dem Wetter war die Koloniepolitik das beherrschende Thema. Gouverneur George Gipps war gerade ein Jahr im Amt und hatte es sich bereits mit den Siedlern verscherzt.
»Er hat sieben anständige Männer hängen lassen«, erklärte Ian Brinsley kopfschüttelnd und teilte eine neue Runde Karten aus, »wegen der Sache an der Myall Creek Station im Juni.«
»Das habe ich auch gelesen. Und er will uns das Land wegnehmen und es den Wilden zurückgeben.« Brock verzog angewidert das Gesicht, bevor er fortfuhr: »Dafür, dass er unsere Leute gehängt hat, als Sühne für die Beseitigung von Kreaturen, deren Leben das Papier des Gerichtsurteils nicht wert ist, gehört er schon aufgeknüpft.«
»An der Myall Creek Station wurden fast 30 Wilde erschossen, die meisten davon waren Frauen und Kinder«, erklärte Charlotte Sheridan, die Fischs ratlosen Gesichtsausdruck bemerkt und richtig interpretiert hatte.
»Die Beweise gegen die Gehängten erschienen uns allen viel zu dünn, um eine Verurteilung zu rechtfertigen«, fügte Abel an, legte eine Karte in die Tischmitte und sagte an die Mitspieler gewandt: »Siebzehn.«
»Gipps muss weg, je schneller, desto besser für uns«, verkündete Brock entschieden und Joshua wiegte nachdenklich den Kopf hin und her: »Er will sich um die Bildung kümmern, Schulen errichten, und Bourkes Bildungspolitik weiterführen. Zweiundzwanzig.«
»Hör mir auf mit Bourke, mein Freund«, schnaubte Brock. »Dieser heulende Schwächling mit seiner kranken Vorliebe für den Abschaum in den Gefängnissen … besseres Essen, eine begrenzte Anzahl Peitschenhiebe, weniger Sträflinge für jeden Unternehmer, das macht uns doch auf Dauer genauso kaputt wie Gipps’ sanfter Kurs den Wilden gegenüber.«
Fisch schluckte schwer und sah zum Fenster, kontrollierte den Stand der Sonne. Sie wünschte sich nichts mehr, als diesen unangenehmen Menschen und ihren widerwärtigen Gesprächen zu entkommen zu können.
»Bourke war eine Katastrophe für uns Siedler und Gipps macht es kein bisschen besser«, sagte Frances. »Aber man kann ihnen kaum einen Vorwurf machen. Diese Verweichlichung dem Abschaum gegenüber hat ja schon vor über 20 Jahren bei Macquarie angefangen. So stand es zumindest letzten Monat im Morning Herald.«
Fisch legte Joshua die Hand auf den Arm und deutete in Richtung Stall, als er sie ansah.
»In Ordnung«, sagte er leise und lächelte ihr zu. »Hol mich ruhig, wenn du Hilfe brauchst.«
Sie nickte und verließ, gefolgt von Wiggles, das Haus. Aufatmend lief sie in Richtung des Stalls. Sie wusste bereits nach dieser kurzen Begegnung, dass sie die Nachbarn nicht leiden konnte. Und sie hoffte, dass Joshua ein wenig gemäßigter dachte, denn immerhin hatte er ein Stück Abschaum geheiratet, und es bis jetzt gut behandelt.
Fisch ließ sich unangemessen viel Zeit mit der Stallarbeit und verbrachte eine volle halbe Stunde damit, das Pferd zu striegeln und zu streicheln, und das, obwohl sie Pferde nicht mehr leiden mochte. Jede Minute, die sie außerhalb des Hauses verweilte, war ein Geschenk. Erst nach Einbruch der Dunkelheit humpelte sie zurück ins Haus, entzündete eine Lampe, die sie in einer Ecke des Wohnraums an den Nagel in der Wand hängte, und nahm mit ihrem Nähzeug darunter Platz.
»… um den Straßenbau sollte sich Gipps kümmern. Das wäre vernünftig. Wir könnten viel schneller in Sydney sein, wenn die Straßen besser wären«, sagte Brock und gestikulierte zum Fenster. »In Rosemeadow gibt es seit ein paar Wochen einen zweiten Stellmacher, der vielen Achs- und Radbrüche wegen. Ein lohnendes Geschäft.«
Fisch dachte an die schmierigen, dreckigen Straßen in Wapping, an den Verkehr, an den Unfall. Sie schauderte bei der Erinnerung und schloss für einen Moment die Augen.
»Dieser Stellmacher soll ausgesprochen zuvorkommend sein. Und er hat eine unverheiratete Tochter, Brock«, sagte Charlotte mit einem Lächeln. »Für Joshua kommt die junge Dame ein bisschen zu spät, aber du könntest wieder auf Brautschau gehen. Es ist doch nun ein Jahr, nicht wahr?«
»Ja«, antwortete er. »Übernächste Woche wird das Trauerjahr vorüber sein.«
»Dann solltest du bei deinem nächsten Besuch in Rosemeadow bei ihrem Vater vorstellig werden. Bestimmt haben Jimmy McArthur und Douglas Tompkins ebenfalls ein Auge auf die Dame geworfen«, erklärte Frances. »Und wenn du gleich am Montag fährst, könntest du uns ein paar Vorräte mitbringen.«
Fisch wandte ihre Aufmerksamkeit zurück auf die Näharbeit und blendete die Gespräche aus. Sie betrat House Butterfly, ihre Fantasieheimat, und schritt dort, voller Anmut und ohne Schmerzen, durch die hübsch eingerichteten Zimmer. Sie öffnete den Kleiderschrank und ließ die Finger über die floralen Stickereien und die feine Spitze, die die Säume zierte, wandern. Die zarten, hellen Stoffe fühlten sich weich und leicht an, kein Vergleich zu den dunklen, festen Kleidern ohne jede Verzierung, die sie im Leben da draußen trug.
»Ich danke dir«, sagte sie leise zu dem gesichtslosen Mann, der den Raum betrat und sich hinter sie stellte.
Fisch wusste nicht, wer er war, doch sie spürte, dass sie sich liebten und dass sie sich voller Respekt und Ehrerbietung begegneten. Niemals fiel ein böses, lautes oder ungeduldiges Wort in ihrem Haus, es gab weder Gewalt noch Zwang. Dieser Mann, der dort mit ihr wohnte, zog sie oft in seine Arme, hielt sie fest und streichelte dabei über ihren Rücken. Dann flüsterte er Sätze, reich an Liebe und Ermutigung, die Fisch jedes Mal wieder fast zum Weinen brachten.
Sie löste sich vom Anblick der Kleider und setzte ihren Rundgang fort. Die Regale in den Vorratsschränken brachen unter der Last der Lebensmittel beinahe zusammen, niemand musste hungern oder um etwas zu essen betteln. Die Zimmer waren, wenn auch ärmlich eingerichtet, hell und sauber. Es gab weder Nacht noch Winter, kein Leid und nicht eine Träne, die sie nicht aus purer Freude weinte.
»Warum heißt unser Zuhause House Butterfly?«, wollte der Mann wissen und Fisch lächelte, weil er das jedes Mal fragte.
»Ich liebe Schmetterlinge, aber dort, wo ich aufwuchs, in Wapping, gab es fast keine. Es sind so zarte und wunderschöne Geschöpfe, frei und leicht. Sie sind anmutig und elegant, brauchen Flügel, um sich richtig fortzubewegen und ernähren sich vom Nektar der herrlichsten Blumen. Mein Haus soll so betörend und zauberhaft sein wie eine Welt voller bunter Schmetterlinge. Ich kann hier ein bisschen wie sie sein: fast schwerelos, bildhübsch anzusehen und frei.«
»Das bist du, meine Liebe«, antwortete er und Fisch wusste, dass er lächelte, obwohl sein Gesicht nur eine ungefähre Ahnung war.

»Missy?«
Joshuas Stimme riss sie aus ihren Gedanken und House Butterfly verschwand, hinterließ wie immer ein Gefühl der Leere und der Trauer.
»Die Gäste wollen gehen. Komm und verabschiede dich.«
Sie nickte, schenkte ihm ein Lächeln und stand auf. Der Schmerz, der in ihr Bein schoss, verdeutlichte ihr, dass ihre Träumereien nichts weiter als dumme Hirngespinste darstellten, eine erbärmliche Flucht aus der Wirklichkeit. Sie biss die Zähne zusammen, atmete gegen die Pein und humpelte auf die Gäste zu, die bereits an der Tür standen und auf sie warteten.
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