Fisch Hinkebein

von CThomas
KurzgeschichteAllgemein / P16
02.12.2018
18.06.2019
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Es vergingen ein paar Minuten, bevor Joshua wieder etwas sagte, doch Fisch empfand das Schweigen nicht als belastend.
»Schön. Du möchtest bestimmt wissen, warum ich ausgerechnet dich gewählt habe.«
Fisch, die nun nach vielen, vielen Jahren wieder einen halbwegs vernünftigen Namen hatte, nickte, und er seufzte: »Nun, dann will ich dir von Ella und Josephine erzählen. Und von mir, denn man sollte schon wissen, mit wem man verheiratet ist, nicht wahr?«
Das sollte man tatsächlich und sie fragte sich, warum er sie geheiratet hatte, wo man von ihr doch am allerwenigsten von allen Strafgefangenen wusste.
»Ich komme aus einer Familie von Bergarbeitern. Aus der Tyneside. Jeder arbeitet dort unter Tage. Ich musste das auch tun, aber ich hasste es aus tiefstem Herzen. Ich wollte Sonne, Weite, offenes Land, Abenteuer. Keinen dunklen Schacht und ständige Angst, verschüttet zu werden. Ich träumte davon, mit Ella, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, eine Farm zu führen. Wir waren unzertrennlich, schon als Kinder, ein Herz und eine Seele, füreinander bestimmt. Aber sie begann sich zu verändern, als wir zwölf Jahre alt wurden.«
Joshua machte eine Pause und starrte auf den Rücken des Pferdes. Fisch konnte sehen, dass ihn die Erinnerung schmerzte.
»Sie zog sich zurück, sie aß immer weniger und verlor Gewicht. Und sie verstummte langsam. Mit 14 sprach sie kein Wort mehr und die fröhliche Ella aus unserer Kindheit verschwand endgültig, übrig blieb nur noch eine abgemagerte, schweigende, traurige Hülle.«
Fisch nickte nachdenklich, konnte jedes Wort nachvollziehen. Sie verstand, dass Ella sich vor etwas unsichtbar machen wollte, vor irgendeinem gewalttätigen Grauen. Nur nicht auffallen, keine Angriffsfläche bieten.
»Der Grund war, dass ... dass sich ihr Stiefvater ... also, er ...«, Joshua suchte verzweifelt nach Worten und räusperte sich, bevor er mit fester Stimme fortfuhr: »Ich weiß nicht genau, wie ich das beschreiben soll, ohne unanständig zu werden. Also, wenn Ellas Mutter außer Haus war, dann ... tat er mit ihr Dinge, die ein Mann nur mit seiner Ehefrau tun sollte.«
Sie nickte und Joshua fragte: »Verstehst du, was ich meine? Also, mhm, weißt du es?«
Wieder bejahte sie und hätte ihm am liebsten gesagt, dass sie eine Strafgefangene und ein Straßenkind war, keine Lady, die bis zur Hochzeitsnacht nicht wusste, was im Ehebett geschah.
»Ist dir das auch passiert?«
Fisch schüttelte den Kopf. Ihr Vater hatte sie nur verprügelt und sie in schöner Regelmäßigkeit die Treppe hinuntergestoßen, wenn sie für seinen Geschmack zu langsam lief. Er hatte sie, dem Herrn sei Dank, nie in sein Bett geholt.
»Oh, gut. Das ist beruhigend. Nun, ich wollte Ella helfen, sie heiraten und sie somit aus diesem schrecklichen Haus holen. Doch noch bevor ich alt genug war, um ihr einen Antrag zu machen, erhängte sich eines Nachts auf dem Dachboden.«
Fisch nickte langsam und biss sich auf die Lippe. So arg sie gelitten hatte, der Gedanke, ihr erbärmliches Leben zu beenden, war ihr nie als ein Ausweg erschienen. Doch sie verstand, dass sich manche Menschen dafür entschieden.
Es vergingen ein paar Minuten, bis Joshua aus seinen Erinnerungen auftauchte und weitersprach: »Und dann war da Josephine. Sie war die jüngste Wirtstochter und bediente im Gasthaus. Sie war missgestaltet, hatte einen Buckel, humpelte stark und ihr Gesicht war entstellt. Sie mochte mich, weil ich ... weil ich freundlich zu ihr war und sie niemals hänselte. Die Männer im Wirtshaus neckten sie immer damit, dass sie unsterblich in mich verliebt sei. Josephine lachte meistens darüber, doch manchmal ... wurde sie dann auch traurig oder wütend, genau das, was die Kerle wollten. Nun, jedenfalls ... nach Ellas Tod begrub ich meinen Plan von der Farm und versuchte, mich mit dem Leben als Bergmann zu arrangieren. Ich ging nach der Schicht ins Gasthaus, trank, spielte Karten. Ich bin ein guter Kartenspieler, weißt du? Na ja, also … einmal jährlich gibt es dort ein Turnier, bei dem die Gewinne in einen Topf geworfen werden. Der Sieger gewinnt alle Einsätze des Tages, ein richtiges Vermögen. Vor knapp vier Jahren meldete mich für den Wettbewerb an, mehr aus Langeweile, und gewann eine Partie nach der anderen. Vor dem letzten Spiel drängten die Zuschauer Josephine dazu, mir einen Kuss auf die Wange zu geben, um mir so Glück zu bescheren. Auch wenn die Männer sie nur aufziehen und verhöhnen wollten, so funktionierte es doch. Sie brachte mir tatsächlich Glück. Ich bekam eine hervorragende Hand und gewann das Turnier. Damit hatte ich von einem Tag auf den anderen genügend Geld, um nach Australien auszuwandern und mir eine kleine Farm aufzubauen. Und genau das tat ich dann auch.«
Mit dem Ende von Joshuas Erzählung erreichten sie die Stadt und durchquerten sie innerhalb weniger Minuten.
»Das ist Rosemeadow. In einer knappen Stunde sind wir zuhause«, erklärte er und tippte sich mehrmals an den Hut, um den einen oder anderen Passanten zu grüßen.
Fisch nickte und er nahm seinen Bericht wieder auf: »Nach zwei Jahren auf der Farm fühlte ich mich ein wenig einsam und dachte darüber nach, mir eine Frau zu suchen. Abel, einer der Nachbarn, brachte mich auf die Idee mit dem Heiratssamstag im Gefängnis, also bin ich hingefahren, um zu erfahren, wie so eine Brautschau vor sich geht. Heiraten wollte ich gar nicht. Ich habe keine Ahnung, wieso, aber ich fühlte mich gleich zu dir hingezogen, in dem Moment, in dem ich dich zum ersten Mal sah – du gefällst mir gut, weißt du? Du bist hübsch anzusehen. Als die Wärterin sagte, du seist stumm und würdest humpeln, dachte ich erst an einen schlechten Scherz. Stumm, wie das Mädchen, das ich liebte, humpelnd, wie die Frau, die mir Glück gebracht hat. Die anderen Insassinnen interessierten mich eigentlich gar nicht mehr, aber ich wollte doch höflich bleiben, also bin ich bis zum Ende der Reihe marschiert.«
Fisch nickte und warf noch einmal einen Blick über die Schulter auf die kleine Ansiedlung, die sie hinter sich gelassen hatten.
»Ich habe viel an dich gedacht, nach dem Heiratsmarkt. Heute Morgen habe ich noch mit der Oberaufseherin gesprochen und sie konnte mir nur Gutes über dich berichten. Tja, und den Rest kennst du.«
Die nächsten Meilen fuhr Joshua den Wagen schweigend, dann begann er wieder zu sprechen: »Missy, ich habe keine Idee, was dich zum Schweigen gebracht hat, aber du sollst wissen, dass du mit mir reden kannst, jetzt sofort oder wenn wir uns besser kennen und du Vertrauen gefasst hast. Ich bin ein guter Mensch und ich habe die Wahrheit gesagt, als ich sagte, du hättest nichts zu befürchten. Ich weiß, dass du mich nicht aus freien Stücken geheiratet hast. Solltest du feststellen, dass du mich hasst, so kannst du mich verlassen. Wir haben vier Wochen Zeit, um uns kennenzulernen, so lange können wir die Ehe annullieren lassen. In einem Monat ist deine Strafe abgegolten, dann bist du eine freie Frau und darfst gehen, wohin auch immer du willst. Oder du bleibst bei mir. Ich überlasse die Entscheidung dir.«
Sie nickte und schaute angestrengt auf ihren Schoß, versuchte, die Tränen der Dankbarkeit und der Erleichterung zurückzuhalten. Er klang so anständig und so nett, großherzig und vernünftig. Wie der Mann, der mit ihr in ihrer Fantasie im House Butterfly wohnte und sie von ganzem Herzen liebte.


Mr. Porters Besitz war in Fischs Augen unbeschreiblich schön. Das Wohnhaus kam dem Haus aus ihrer Fantasie recht nahe, auch wenn Joshua nur drei Bücher besaß – nachdem sie aber nicht lesen konnte, war das nur ein kleiner Makel. Zur Farm gehörten ein Pferd, drei Kühe und ein Ochse, eine hundertfünfzigköpfige Schafherde, fünfzehn Hühner, ein Hahn, drei Hunde und zwei Katzen. Die Landschaft schien verschwenderisch üppig zu sein, Grün in allen Schattierungen, so weit das Auge reichte, Büsche, Bäume, ein Wasserlauf, der Besitz schimmerte und glänzte geradezu vor Fruchtbarkeit. Hinter den Weiden lag ein kleines Waldstück, in dessen Schatten eine Feldscheune zu erkennen war.
Kaum, dass sie alles gesehen hatte, die Schafweiden, die Ställe, die große Scheune und das Wohnhaus, zeigte ihr Joshua, wie man auf dem Herd kochte und ließ sie es gleich ausprobieren. Er holte Eier und Butter aus der Vorratskammer und brachte ihr bei, wie man Spiegeleier briet. Sie spürte, dass sie lächelte und dass sich dieses Lächeln gar nicht mehr abstellen ließ, ein Zustand, der ihr völlig unbekannt war. Die großen Hunde namens Bogey, Chuck und Wiggles, die ihr wie Schatten folgten, gefielen ihr ebenso gut wie die beiden Katzen, die sie aus der Ferne beobachteten. Bevor sie sich an den Tisch setzten, nahm sie allen Mut zusammen und streichelte Wiggles, der ihr als der Zutraulichste der Hunde erschien, über den Kopf, und spürte, dass sie einen Freund fürs Leben gewonnen hatte.
»Du bist ein Stadtkind, habe ich recht?«, fragte er beim Essen und Fisch nickte. »Ich werde dir beibringen, wie man Brot backt und Butter und Käse macht. Falls du in vier Wochen zurück in die Stadt gehst, hast du dann wenigstens etwas Nützliches gelernt.«
Fisch schüttelte den Kopf und deutete auf den Boden. Sie wollte hierbleiben, wünschte sich, dass Joshua so freundlich blieb und sie ihm keinen Grund lieferte, sie seinerseits zurückzuschicken.
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