Fisch Hinkebein

von CThomas
GeschichteAllgemein / P16
02.12.2018
09.11.2019
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Cillian holte tief Luft, bevor er das Arbeitszimmer seines Vaters betrat. Die Tatsache, dass er zu einem Gespräch einbestellt wurde, bereitete ihm ein ungewohnt heftiges Unbehagen. Normalerweise empfand er nur Unwillen, doch diesmal ging das Gefühl weiter, führte in Abgründe, die er nicht erkunden wollte.
»Tag«, grüßte er knapp und sein Vater erwiderte den Gruß, ohne von dem Schriftstück, das er las, aufzusehen.
Cillian nahm breitbeinig Platz, lehnte sich zurück und verschränkte die Hände über dem Bauch. Allein diese Art zu sitzen würde dem Alten schwer missfallen. Nevill blickte hoch und runzelte die Stirn.
»Fragst du dich manchmal ernsthaft, Sohn, warum du nur Whiskey auslieferst und nicht schon längst in einem eigenen Kontor sitzt? Falls du das tust, dann sieh dir nur an, wie du auf diesem Stuhl herumlungerst. Obszön ist das. Setz dich ordentlich und gerade hin.«
Schwer seufzend kam Cillian der Anweisung des Vaters nach: »Du hast mich herbestellt, um meine Art zu sitzen zu kritisieren?«
»Nicht nur deswegen«, antwortete Nevill trocken. »Vor allem möchte ich wissen, was mit dem Pferd ist. Wie hast du das Vieh genannt? Willie?«
»Ja. Was ist mit ihm?«
»Gibst du ihm auf meine Kosten das Gnadenbrot?«
»Nein, wieso?«
»Weil ich das Vieh seit Wochen nicht mehr gesehen habe.« Nevill deutete grob in die Richtung, in der der Stall für die Pferde der Brennerei lag.
Cillian überlegte hektisch, was er sagen sollte. Die Wahrheit? Dass ihm das Tier gestohlen worden war, als er sich wegen Fionas Tod betrunken hatte? Er räusperte sich, um Zeit zu schinden, und sagte dann: »Gibt’s hier noch ein Tässchen Tee, oder wird daran auch gespart?«
»Bedien dich. Du bist alt genug, um dir selbst einzuschenken«, antwortete Nevill und deutete auf das Tischchen, auf dem ein Tablett mit einer Teekanne und mehrere Tassen standen.
Cillian erhob sich, schenkte sich Tee ein und erklärte dann: »Willie hat sich die Mauke geholt. McHay sagt, das kommt daher, weil wir zu viel Schlempe füttern.«
»McHay, na, wenn der was behauptet, wird es schon die Wahrheit sein! Was meint der Veterinär? Du hast doch einen konsultiert? Und wieso weiß ich nichts davon?«
»Ich dachte, es wäre nicht wichtig und ich regele das alleine. Du hast ja wohl andere Sorgen als einen alten Gaul mit Mauke. Der Tierarzt hat Karbolöl empfohlen, das habe ich besorgt und trage es vorschriftsmäßig auf. Außerdem hat er gesagt, wir sollen Ätzkalk unter die Schlempe mischen, dann kriegen die Tiere nicht so oft die Mauke, seiner Erfahrung nach. Zweieinhalb Kilo frisch gebrannter Kalk auf 1000 Liter Schlempe tun da bereits einen guten Dienst.«
»Na schön«, murmelte Nevill und Cillian atmete erleichtert aus.
Er beschloss, dem Pferdenarren McHay, der so gerne Tierarzt werden würde, einen Humpen Bier zu spendieren. Das hatte er sich als Dank für den ebenso langweiligen wie langatmigen Vortrag über Entstehung und Behandlung der Mauke redlich verdient.
»Und wo steht das Vieh? In unserem Stall ja wohl nicht«, fragte Nevill nach einer kurzen Pause, und stand auf, um sich selbst Tee einzuschenken.
»Äh, bei McHay. Der kümmert sich doch liebend gerne um kranke Pferde. Ich habe mir für die Liefertouren ein Tier der McHays ausgeliehen.«
»Na schön. Er soll mir eine Rechnung schreiben, wenn unser Gaul wieder einsatzfähig ist. Apropos: Ich habe keine Rechnung des Veterinärs gesehen, Junge. Im Regelfall schreibt er sie schneller aus, als man seinen Namen buchstabieren kann.«
»Ich habe ihn bar bezahlt«, antwortete Cillian schulterzuckend. »Wie gesagt, ich wollte dich nicht damit belasten.«
»Wie fürsorglich«, merkte Nevill spöttisch an und öffnete dann die Schublade mit der Geldkassette. »Wie viel?«
In Cillian regte sich das schlechte Gewissen, dem Vater für eine Tierarztrechnung, die es nicht gab, das Geld aus der Tasche zu ziehen. Andererseits wurde er, was seine Bezahlung anging, an einer kurzen Leine gehalten, also erschien ein kleiner Extra-Lohn nicht unverdient. Er nannte eine nicht allzu utopische Summe, die Nevill anstandslos über den Tisch reichte. Was für ein erfolgreicher Vormittag – bis jetzt.
»Nun zu etwas anderem, Junge. An der Tatsache, dass ich einen Enkel wünsche, und die Brennerei auf lange Sicht einen Nachfolger braucht, hat sich nichts geändert. Ich habe deswegen nach Melbourne geschrieben. Dort hat sich letztes Jahr der McFarlane-Clan aus Drogheda niedergelassen. McFarlane hat drei Töchter im heiratsfähigen Alter und ich ...«
»Nein«, sagte Cillian entschieden und hob abwehrend beide Hände. »Nein. Ich heirate niemanden. Weder eine McFarlane noch eine O’Brien, eine Gallagher oder die verdammte Victoria, Königin von England. Und wenn du mich mit einem Messer im Rücken zum Altar zwingst, antworte ich dem Pfaffen trotzdem mit einem lauten und deutlichen ›Nein‹.«
Er erhob sich, ging zur Tür und öffnete sie. Im Türrahmen drehte er sich um und erklärte: »Falls ich noch einmal ein Eheversprechen abgebe, Vater, wird es an eine Frau sein, die ich verehre, niemals an eine, die du mir per Befehl auf den Bauch bindest. Wenn du nicht warten willst, bis ich die Liebe gefunden habe, kannst du ja einen deiner Neffen aus Irland herschaffen, und ihn zum Erben machen. Ich verzichte.«
»Bettelst du gerade darum, von mir enterbt zu werden, Cillian?«
Er überlegte einen Moment, dann nickte er langsam: »Ja. Ja, das tue ich. Es ist mir egal. Die Brennerei interessiert mich nicht.«
»Das wirst du bereuen, mein Sohn. Ich tue so, als hätte dieses Gespräch niemals stattgefunden. Es ist die Trauer, der Schock, die dich noch im Griff haben.«
Cillian zuckte mit den Schultern. »Wenn du das sagst, Vater ...«
»Wie dem auch sei. Die McFarlanes werden nach den Weihnachtsfeiertagen eine Reise nach Sydney unternehmen und zwei Wochen bleiben. Deine Mutter ist bereits mit den Planungen eines Neujahrsballes befasst. Die Anwesenheit eines gewissen Cillian Codd setze ich ebenso voraus, wie die Bereitschaft, den drei jungen Damen mit Charme, Offenheit und Galanterie zu begegnen. Für welche der Kandidatinnen du dich entscheidest, ist mir dabei sogar egal. Öffne dein Herz und lass es wählen, Junge. Der Hochzeitstermin ist für den nächsten November angesetzt, damit ist das Trauerjahr mehr als erfüllt und ihr habt Zeit, euch kennenzulernen.«
»Nein.«
»Warte ab, bis du sie siehst. Angeblich spricht ganz Melbourne von der Schönheit der McFarlane-Schwestern. Klug sollen sie außerdem sein, erzählt man sich.«
Cillian schüttelte den Kopf und schloss die Tür unerwartet sanft hinter sich. Auf dem Flur machte er einen Schritt nach vorne und lehnte sich mit der Stirn an die gegenüberliegende Wand. Er brauchte einen Plan oder eine Frau, die er dem Alten präsentieren konnte. Verheiraten lassen würde er sich nie wieder, das war das Einzige, das er sicher wusste. Ganz egal, wie schön und klug die von Nevill Codd Auserwählte sein würde, er wollte sie aus Prinzip nicht.


»Flora heißt sie. Cillian, der Whiskeyhändler, hat es herausgefunden«, sagte Margaret Baneham und lächelte ihrem Küchenmädchen zu.
»Flora! Was für ein hübscher Name. Verzeihst du mir, wenn ich manchmal noch Fisch sage?«, fragte Jewel und strahlte sie an.
Flora nickte und schob ihrem Gegenüber das von ihr gewünschte Stück Kuchen über den Tisch hinweg zu. Das Mädchen aß sehr viel in letzter Zeit und hatte ein paar Pfund zugelegt. Entweder glich sie den Hunger in der Primbaker-Strafanstalt aus, oder es hatte sich ein Kind auf den Weg gemacht. Flora hoffte, dass es Ersteres war.
Das Haus der Schmetterlinge brummte vor Betriebsamkeit, es war viel zu tun an diesem Samstagabend. Zahllose Gäste warteten in der Eingangshalle bei Whiskey, feinen Pralinen, kräftiger Schokolade und von Flora selbst gebackenen Käsecrackern darauf, dass ihr favorisiertes Mädchen Zeit für sie hatte. Der Lärmpegel war beträchtlich und die Stimmung gut. Von einem ruhigen Abend konnte also keine Rede sein. Die Schmetterlinge brauchten Tee und den einen oder anderen Imbiss, den sie nur zu gerne zubereitete. Ihre Koch- und Backkünste wurden allenthalben gelobt, ein Umstand, der sie sehr glücklich machte. Trotzdem freute sie sich auf eine Pause, die sie in der warmen Sommernacht auf dem Hof verbringen wollte, mit einer Tasse Tee und einem Schinkenbrot. Cillian hatte am Morgen Whiskey geliefert und in Aussicht gestellt, gegen Mitternacht, auf dem Weg ins Dovecote Inn vorbeizukommen, wo er, wie fast jeden Samstag, mit Diggle und McHay das Leben feierte.

Sie saß erst ein paar Minuten im Hof, als sie aufgeregte Stimmen an der Hintertür hörte.
»Fass mich nicht an, Arschloch!«, brüllte eine Männerstimme.
»Ich denke, Sie gehen jetzt besser, Sir. Kommen Sie morgen wieder, wenn Sie nüchtern sind«, antwortete Jimmy, einer der beiden männlichen Prostituierten im Haus Butterfly.
»Fass mich nicht an«, wiederholte der betrunkene Gast und Flora überlegte, wo sie diese Stimme schon gehört hatte. »Ich hau dir auf’s Maul, bis du Sterne siehst. Ich hab für’s Ficken bezahlt, also ficke ich die Schlampe.«
»Sie haben Ihr Geld zurückbekommen, Sir, und wir haben Regeln. Kommen Sie einfach wieder, wenn Sie nüchtern sind. Hier ist die Tür, Sir. Schönen Abend noch.«
»Ich geb dir schönen Abend, Drecksau!«
Eine Gestalt stolperte aus der Hintertür, die sofort zugezogen und abgeschlossen wurde.
Mist, dachte Flora, die keinen Schlüssel einstecken hatte. Jetzt muss ich zur Vordertür wieder rein.
Für ein paar Sekunden fluchte der Gast unflätig herum und trat gegen die verschlossene Tür, dann sah er sich um, orientierte sich. Sie blieb still auf der Bank sitzen, in der Hoffnung, der Mann würde einfach gehen. Doch dieses spezielle Glück wäre vielleicht zu viel verlangt, dachte sie noch, und wappnete sich seufzend für ein paar Beleidigungen.
»Na, sieh mal einer an, wer da sitzt«, sagte er und trat aus dem Schatten neben der Tür ins Licht.
Erschrocken stand Flora von der Bank auf und starrte fassungslos auf Brock Redburn, der sie mit glasigem Blick betrachtete. Er fing an zu grinsen, nicht amüsiert, böse grinste er. Ihr lief es kalt den Rücken herunter, während sie bereits nach dem besten Fluchtweg suchte.
»Das flüchtige Frauchen. Ich habe dich vermisst, Liebling. Überall gesucht.«
Flora schüttelte den Kopf und sah sich hilfesuchend um. Vergeblich. Die Hintertür war zu, außer ihr und dem hinausgeworfenen Gast befand sich keine Menschenseele im Hof. Der Lärm im Haus war zu laut, als das man einen Hilfeschrei hätte hören können – und selbst wenn es leise wäre, sie konnte nicht schreien. Im Nachbarhaus, der Herrenschneiderei, war alles dunkel. Niemand wohnte dort, der Schneider und seine Angestellten hatten schon seit Stunden Feierabend. Von dieser Seite war keine Hilfe zu erwarten.
»Da gönnt man sich einmal im Jahr einen Vollrausch und eine Hure, und trifft im Puff die eigene Ehefrau. Nicht zu fassen!« Brock lachte kurz auf und rieb sich über das Kinn. »Weißt du, was ich außer dir noch gesucht habe? Die Urkunden, die du miese Schlampe hast mitgehen lassen. Den Kaufvertrag für Joshuas Land. Den besitzt du doch, oder?«
Brock kam näher, stand jetzt dicht vor ihr. Sein Atem roch nach Schnaps und Bier, sein Hemd war fleckig und sollte dringend gewaschen werden. Seine Hand schnellte vor, die Ohrfeige traf Flora nicht völlig unerwartet, aber heftig genug, um sie wanken zu lassen. Der Schmerz trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie stöhnte leise und versuchte auszuweichen, doch Brock packte sie an der Knopfleiste ihres Kleides und zog sie nahe an sich. Die Sehnen an seinem Hals traten hervor, als sich sein Gesicht vor Wut verzerrte, als er begann, sie zu schütteln.
»Mhm«, machte sie und versuchte, ihn von sich wegzudrücken.
Brock lachte hämisch über ihren erfolglosen Widerstand, und schlug noch einmal zu, so fest, dass Flora Sternchen vor ihren Augen flimmern sah.
»Um die Papiere kümmern wir uns später, Liebling. Wenn die mich da drin nicht ficken lassen, dann mach ich es eben gleich hier. Billiger ist das auf jeden Fall. Und sogar mein gutes Recht, du kleine Schlampe.«
»Nnnn«, machte Flora und hob abwehrend die Hände.
»Was treibst du hier eigentlich im Puff? Verkaufst du dich?«
Sie schüttelte den Kopf und versuchte, nach links auszuweichen, doch er hielt sie fest.
»Hiergeblieben. Hoch mit dem Rock«, zischte er. »Sofort.«
Er drehte sie um und zerrte den Saum ihres Kleides nach oben. Sie wimmerte und versuchte, sich loszureißen, doch sein Griff war unerbittlich. Er schob sie nach vorne, hob sie hoch, zwang sie in eine kniende Position auf die Bank. Sie hörte, wie er am Latz seiner Hose nestelte, und nutzte die Gelegenheit für einen Fluchtversuch.
»Wenn du dich noch einmal bewegst, Mrs. Redburn, schlage ich dich hier und jetzt, auf der Stelle, tot. Hast du mich verstanden, du kleine Schlampe?«, zischte er und griff in die Haare an ihrem Hinterkopf, zog ihren Kopf zurück und knallte ihn dann gegen die Hausmauer.
Flora stöhnte laut auf, als das Nasenbein brach, Blut schoss aus ihrer Nase über ihre Lippen, ihr Kinn, sie fühlte, wie ihr die Sinne schwanden, wie alles neblig und dumpf wurde. Der Schmerz im Gesicht überlagerte für einige Sekunden jede weitere Empfindung, und als er ganz langsam nachließ, spürte sie, dass Brock sie gar nicht mehr festhielt, sie nicht berührte. Stattdessen hörte sie eine andere Stimme.
»Flora? Flora, ist alles in Ordnung? Hier, nimm das Taschentuch und drück es auf die Nase.«
Vorsichtig legten sich zwei Hände auf ihre Schultern, zogen sie auf die Füße und drehten sie um.
»Setz dich, na los.«
Sie blinzelte die Tränen weg und schaute in das kalkweiße Gesicht von Cillian Codd.
Brock war verschwunden, nirgendwo mehr zu sehen. Sie wurde auf die Bank gedrückt, eine Hand blieb auf ihrer Schulter, stützte sie.
»Kann ich dich loslassen, ohne, dass du mir umkippst?«, fragte er und sie nickte.
Wohin zum Teufel war Brock gegangen?
»Gut. Ich schleife ihn hinter die Kisten, dann renne ich zur Destillerie, hole einen Wagen und ein leeres Fass. Du passt auf, dass ihn niemand entdeckt. Verstanden?«
Flora schüttelte den Kopf und runzelte verwirrt die Stirn. Wovon sprach Cillian da bloß? Träumte sie? Doch der Whiskeyhändler bemerkte ihre Antwort gar nicht, bückte sich und nahm zwei Knöchel in die Hände.
»Hchchch«, machte sie entsetzt, als sie Brocks Körper gewahr wurde, der bäuchlings schlaff zu ihren Füßen lag.
Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, und doch wurde ihr schlagartig klar, dass der Mann tot war. Aus seinem Rücken ragte ein Messergriff, er wehrte sich nicht dagegen, von Cillian über den Hof geschleift zu werden. Tot. Mausetot.
»Diggle hat mir das erklärt. Diese Stelle, nach oben stechen, und dein Gegner fällt um wie ein gefällter Baum, tot, bevor er auf dem Boden aufschlägt. Ich ... ich hätte nie gedacht, dass das wirklich ... oh, mein Gott, scheiße!«, murmelte er, ließ Brocks Beine fallen, drehte sich um, wankte ein paar Schritte weiter und übergab sich vor den Kistenstapel.
Für eine Minute war alles still, dann flüsterte Cillian: »Ich hab den Kerl umgebracht, Flora. Wer war das? War das wirklich dein Ehemann?«
Sie nickte, und fragte sich, woher er das wusste. Hatte er im Dunkeln des Durchgangs gestanden und Brocks Tirade belauscht? Wie von selbst griff Flora zu der Teetasse, die immer noch neben ihr auf der Bank stand, und reichte sie Cillian, der sich erst den Mund damit ausspülte, dann einen tiefen Schluck trank.
»Danke. Du sagtest, du seist verwitwet.«
Sie nickte abermals und hielt zwei Finger hoch.
»Dein zweiter Ehemann?«
Wieder bejahte sie stumm, fassungslos auf den Toten zu ihren Füßen starrend. Cillian seufzte, zog das Messer aus Brocks Rücken, säuberte es an einem weiteren Taschentuch und unternahm dann einen neuen Versuch, den Leichnam hinter die Kisten zu ziehen.
»Es tut mir leid«, sagte er und Flora schüttelte den Kopf.
Sie wusste, sie würde am nächsten Morgen froh sein, wenn sie verstanden hatte, dass sie nun endgültig frei war. Brocks Körper verschwand vollständig hinter den leeren Gemüsekisten, sie hörte Cillian leise fluchen, dann hatte er es geschafft. Sekunden später ließ er sich schwer neben sie auf die Bank fallen, deutete auf ihre Nase, auf die sie immer noch das Taschentuch presste, und fragte: »Blutet es noch? Lass mich sehen.«
Er nahm ihr den Stoff ab und starrte im Halbdunkeln auf ihr Gesicht. »Keine Ahnung. Ich kann nichts erkennen. Es ist zu düster hier. Egal. Darum kümmern wir uns später. Jetzt hör mir zu, ja?«
Flora nickte schniefend, woraufhin das Blut wieder zu laufen anfing.
»Nicht«, warnte er, doch natürlich war es zu spät. »Also, ich laufe zur Destillerie, hole den Wagen und ein paar leere Fässer, damit es nicht so auffällt. Wir stopfen seinen Leichnam in ein Fass, fahren raus aus der Stadt und ... tja, das überlegen wir uns noch. Entweder buddeln wir ein Loch und beerdigen ihn mitsamt dem Fass oder wir werfen ihn den Dingos zum Fraß vor. Oder welchen Viechern auch immer.«
Flora nickte, während ihre Gedanken wild durcheinanderwirbelten.
»Es wird alles gut, hörst du? Vertrau mir, wir kriegen das hin. Hol dir einen kalten Lappen für dein Gesicht, dann warte auf mich. Einverstanden?«
Noch einmal nickte sie, Cillian erhob sich und rannte durch den Torbogen zur Straße.
Sie blieb zurück, starrte auf die Gemüsekisten, und dachte darüber nach, dass sie nun frei war. Und die Erbin der Porter- und der Redburn-Farm gleichermaßen. Von einer Sekunde auf die andere war die stumme, hinkende Strafgefangene Flora, genannt Fisch Hinkebein, aufgewachsen in der Gosse in Wapping, zu einer Großgrundbesitzerin in den Kolonien geworden.
Sie presste sich das Taschentuch auf die Nase und musste lachen. Was für seltsamen Sinn für Humor das Schicksal doch besaß.
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