Fisch Hinkebein

von CThomas
KurzgeschichteAllgemein / P16
02.12.2018
06.10.2019
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Dezember 1838, New South Wales, Primbaker-Frauenstrafanstalt

»Vielleicht ist heute der Tag, an dem ich hier endlich rauskomme«, murmelte Siebzehn-Kinder-Mary und schlug die geballte Faust in die offene Hand, fest entschlossen, diesen Tag, den 8. Dezember 1838, zu ihrem Glückstag zu machen. »Aber diese blöden Schlampen werden mir wieder keinen Platz in der Mitte gönnen. Na, die können was erleben, heute nicht, nicht mit mir! Ich will hier verflucht noch mal endlich raus!«
Ein böser Blick traf die jungen Frauen, die sich in der Mitte des Platzes scharrten, dann spuckte Siebzehn-Kinder-Mary aus und machte sich auf den Weg ins Getümmel, fest entschlossen, einen guten Platz zu ergattern.
Der Tumult im Hof war derselbe wie an jedem Heiratssamstag. Die aufgeregten Insassinnen machten sich gegenseitig so hübsch wie möglich und beteten so inbrünstig wie an keinem anderen Tag um einen netten, gut aussehenden Siedler, der sie aus dem Elend der Anstalt befreite und mit auf eine Farm nahm.
Die junge Frau, die sie »Fisch« nannten, tat nichts dergleichen. Es war der 38. Heiratssamstag, den sie miterlebte, und es sollte ihr vorletzter sein. In drei Monaten musste man sie freigeben, sieben Jahre Verbannung waren dann vorüber, ihre Strafe abgebüßt.
Als das Signal zur Aufstellung kam, begann der übliche Kampf um die besten Plätze, und Fisch beobachtete, wie Siebzehn-Kinder-Mary verbissen mehrere Insassinnen zu Boden riss und damit aus dem Weg räumte. Die Frauen, die in Tornähe standen, bekamen nie einen Siedler ab, die Männer gingen an ihnen vorbei und pickten sich eine Ehefrau aus der Mitte oder vom Ende der Schlange. Am Anfang der Reihe wollte deshalb kaum jemand stehen. Fisch platzierte sich immer ganz vorne, unter den ersten zehn Gefangenen. Niemand würde sie wählen, auch dann nicht, wenn sie auf dem besten Platz stand, das war ihr ebenso klar wie jeder anderen Frau. Sie hatte sich damit abgefunden. Für sie überwogen die Vorteile, sorgte doch diese Tatsache dafür, dass ihre Mitinsassinnen sie gut leiden konnten – sie stellte keine Konkurrenz dar.
Der Heiratssamstag war eine schrecklich langweilige Veranstaltung, das lange Stehen belastete ihr schlimmes Bein, die Temperatur im Hof war kaum erträglich. Die Dezemberhitze brachte den gepflasterten Boden zum Glühen, wurde von den Wänden der Wirtschaftsgebäude reflektiert und brannte einem fast ein Loch in den Nacken. Fisch starrte auf ihre Füße, versuchte Lärm und Klima so gut es ging zu ignorieren und sich ins House Butterfly zurückzuziehen, ein gemütliches, kleines Haus, das sie in ihrer Fantasie bewohnte. Während sie sich vorstellte, wortgewandt und anmutig zu sein, Bücher lesen und Briefe schreiben zu können, wurden die heiratswilligen Siedler in den Hof gelassen und die Auswahl begann. Staubige Männerstiefel zogen in ihr vorbei, blieben meistens gar nicht stehen und wenn, dann nur so lange, bis die Wärterin sie in drei Sätzen vorgestellt hatte. Immer die gleiche Erklärung, danach verschwanden die Stiefel aus ihrem Blickfeld. In sechseinhalb Jahren hatte keiner der Männer auch nur ein Wort an sie gerichtet oder ihr Gesicht sehen wollen. Die dürren Eckdaten ihrer Geschichte reichten, um sie alle zu vertreiben.

»Sie hat keinen Namen. Wir nennen sie Fisch. Fisch Hinkebein«, verkündete die Wärterin, während Fisch auf das 28. Paar Stiefel an diesem Vormittag starrte.
Braunes Leder, staubig und abgestoßen. Kaum einer machte sich die Mühe, die Sonntagskleider anzuziehen, wenn er auf Brautschau ging. Eine Strafgefangene war das nicht wert. Außerdem wäre es noch lächerlicher als es schon war, wenn ein Mann im feinen Zwirn, mit geputzten Schuhen und ordentlicher Rasur, eine Kriminelle in verschlissenen Kleidern heiratete.
»Keinen Namen? Fisch Hinkebein?«, fragte der Besitzer der Stiefel und klang ebenso erstaunt wie irritiert.
Sie sprach in Gedanken die Antwort der Wärterin mit, sie kannte sie auswendig, hatte sie jeden Heiratssamstag unzählige Male gehört.
»Sie humpelt. Und sie ist so stumm wie ein Fisch. Niemand weiß, wie sie heißt. Sie kam bereits namenlos auf das Schiff, das sie hierher transportiert hat. Ihr offizieller Name ist Mary Smith, so nennen wir alle, deren Identität unbekannt ist.«
»Wie lange ist sie schon hier?«
»Fast sieben Jahre. Sie hat noch drei Monate, dann wird sie entlassen.«
Fisch runzelte die Stirn. Das war neu, noch nie hatte einer gefragt, wie lange sie hier war.
»Was war ihr Verbrechen?«
»Hat Äpfel und ein Brot gestohlen. Glaube ich. Auf jeden Fall Diebstahl.«
»Ist sie auch taub?«
»Nein. Sie hört. Und sie schuftet wie ein Ochse, obwohl sie humpelt. Sie ist außerordentlich fleißig. Ich kann nur Gutes über sie berichten, Mister.«
Für ein paar Sekunden war es irgendwie seltsam still, trotz des Lärmes und Trubels im Hof, dann sagte die Wärterin: »Heb doch mal den Kopf, Mädchen, lass dich betrachten.«
Fisch zuckte zusammen und folgte der Aufforderung zögerlich, zwang sich, den Heiratsinteressenten anzusehen. Vor ihr stand ein großer, schlanker Mann, ungefähr 30 Jahre alt, blonde Haare, helle Augen. Er hielt seinen Hut in den Händen, als sei das hier ein Höflichkeitsbesuch und keine Fleischbeschau zum Zwecke der Anschaffung einer billigen, abhängigen Arbeitskraft, die Tag und Nacht zur Verfügung stand.
Er sollte den Hut wieder aufsetzen, wenn er keine Brandblasen im Nacken haben will, dachte Fisch und zupfte an dem Tuch herum, das ihren Kopf vor der Sonne schützte.
»Wie alt ist sie?«
»Ungefähr 23, schätze ich. Wir wissen kaum etwas über sie. Sie gehorcht, ist unauffällig, macht niemals Ärger und arbeitet hart.«
Er lächelte sie an, ein offenes, freundliches Lächeln und ließ dann seinen Blick über ihren Körper wandern, der unter dem sackartigen, graubraunen Kleid, das alle Insassinnen trugen, nur zu erahnen war.
»Miss«, sagte er, nickte ihr zu und ging zwei Schritte weiter, zur Siebzehn-Kinder-Mary, die man so nannte, weil sie siebzehn hungrige Kinder in London hatte zurücklassen müssen, und die, ganz offensichtlich, beim Kampf um die besten Plätze doch unterlegen war.
Fisch senkte den Kopf und lauschte dem kleinen Wort »Miss« hinterher. So hatte sie noch nie jemand angesprochen. Es hörte sich respektvoll, höflich und freundlich an. Sie nahm den Klang seiner Stimme, prägte ihn sich ein, packte ein Bild seines Lächelns hinzu und verwahrte diese beiden Schätze sicher in ihren Gedanken, in dem kleinen Haus, in dem sie ungehemmt sprechen und gehen konnte.

Drei Stunden später war der Heiratsmarkt beendet, 23 Paare wurden in einem Eilverfahren getraut und die zurückgebliebenen Insassinnen begannen, sich um die besten der freigewordenen Pritschen zu streiten. Der blonde Mann, der so viel Interesse an ihr – und an jeder anderen Frau – gezeigt hatte, war unverheiratet gegangen. Entweder hatte er hohe Ansprüche oder die Lust verloren, sich mit einer Strafgefangenen einzulassen. Trotzdem dachte Fisch in den folgenden acht Wochen oft an ihn, an das freundliche Lächeln, das seine Augen erreichte, und ihn so offen und gütig wirken ließ, und an die respektvolle Anrede: »Miss«. Die Begegnung mit ihm war, das musste sie zugeben, das schönste Erlebnis auf diesem verfluchten Kontinent gewesen. Das Netteste, das ihr passiert war, seit dem verdammten Tag vor acht Jahren, an dem sie drei Äpfel und ein Brot gestohlen hatte.


Fischs letzter Heiratssamstag unterschied sich von keinem der vorherigen. Sie stand am Anfang der Reihe, wie immer, und machte sich auf einen halben Tag voller Langeweile gefasst. Wenn sie doch bloß in ihrer Zelle bleiben dürfte, heiraten würde sie sowieso niemand. Doch bis auf die neuesten Insassinnen mussten alle teilnehmen, auch wenn man wie Fisch seit sechs Jahren und zehn Monaten nicht erwählt worden war. Nur die Frauen, die vor weniger als zwölf Wochen angekommen waren, blieben in den Zellen.

Die Parade der staubigen Stiefel zog ohne Unterlass an ihr vorbei, kaum einer hielt an, alles war wie immer. Außer, dass es zum letzten Mal passierte, und das verursachte ein eigentümliches Gefühl. Beim nächsten Heiratsmarkt in acht Wochen war Fisch eine freie Frau, eine ehemalige Strafgefangene ohne Dach über dem Kopf, ohne Arbeit, ohne Essen. Keine besonders guten Aussichten. Über kurz oder lang würde sie vermutlich wieder hier stehen, weil man sie dann abermals bei einem Diebstahl ertappt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt hatte. Eine Rückkehr nach London war ausgeschlossen, die Überfahrt war viel zu teuer. Eine Anstellung erschien ebenso unwahrscheinlich wie ein Mann, der sie versorgen konnte. Also blieb nur der Hungertod oder die Fortsetzung ihrer kriminellen Tätigkeiten, was so sicher wie der Blatterntod zu einer erneuten Anreihung langweiliger Heiratssamstage führte.
»Miss ... äh ... Fisch?«, sagte eine Männerstimme und sie hob den Kopf, blickte in das freundliche Gesicht des blonden Mannes, an den sie so viel gedacht hatte. »Erinnern Sie sich an mich? Ich war vor acht Wochen schon einmal hier. Mein Name ist Joshua Porter. Ich habe eine kleine Farm, sie liegt eine halbe Stunde Fahrt westlich von Rosemeadow. Ich möchte Sie gerne mit dorthin nehmen, wenn Sie sich vorstellen können, meine Frau zu werden.«
Fisch starrte ihn mit offenem Mund an und überlegte, ob er sie wohl zum Narren halten wollte, sie verhöhnte, sich einen Spaß auf ihre Kosten erlaubte.
»Fisch! Mr. Porter macht dir einen Antrag! Du musst nicken, Mädchen, na los«, zischte die Wärterin laut und gab ihr einen Schubs, der sie aus ihrer Starre befreite.
»Ich verspreche, mich gut um Sie zu kümmern, Miss. Sie haben nichts zu befürchten.« Mr. Porter lächelte und Fisch nickte langsam.
»Nehmen Sie meinen Antrag an, Miss?«, fragte er und legte den Kopf schief, betrachtete sie eindringlich.
Obwohl sie keine Ahnung hatte, was sie davon halten sollte, warum er ausgerechnet sie erwählte: Sie würde ihn heiraten. Ihre Zukunftsaussichten sahen mit einem Ehemann doch deutlich besser aus als ohne. Und wenn sich herausstellte, dass er ein schlechter Mensch war, konnte sie sich immer noch davonmachen.
Noch einmal nickte sie und Joshua Porter atmete hörbar aus: »Danke schön, Miss.«
»Wieso kriegt Fisch einen Kerl und ich nicht? Sie hat nicht mal einen Namen!«, maulte Siebzehn-Kinder-Mary und er wandte sich ihr zu: »Nun hat sie einen. Mrs. Joshua Porter. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Ma’am, vielleicht ist ja noch ein guter Ehemann für Sie dabei.«

Die Vermählung zog wie im Traum an Fisch vorbei, sie nickte an der richtigen Stelle und setzte drei zittrige Kreuze auf die Heiratsurkunde. Dann brachte man sie in ihre Zelle, wo sie ihre wenigen Kleider zusammenpackte, ihren Kamm und zwei Haarbänder in das Bündel schnürte, und sich das Kissen und die Decke unter den Arm klemmte. Diese Dinge gehörten ihr und sie hatte sie teuer bezahlt. Auf keinen Fall wollte sie ihre wertvollsten Besitztümer zurücklassen.
»Ich nehme Fischs Pritsche!«, rief Anna, die neun Wochen zuvor in der Sträflingskolonie angekommen war, und als die Neue in der Zelle bislang auf dem Strohsack auf dem Boden geschlafen hatte.
Anna ließ sich auf die schäbige, durchgelegene Matratze fallen und lachte. Fisch lächelte ihr zu und wusste, dass die Neue nicht lange auf dieser Pritsche schlafen musste. Sie war so schön wie die Morgensonne, ausgestattet mit einer strahlenden, heiteren Persönlichkeit und genug Charme, um eine ganze Schiffsmannschaft zu bezirzen. Hätte Anna am heutigen Heiratssamstag teilgenommen, wäre sie bestimmt ebenfalls dabei, ihre Sachen zu packen. Im April konnte Anna hier raus sein, es sei denn, sie lehnte einen Antrag ab. Aber das taten die wenigsten Frauen. Nur wenn ein Mann wirklich außerordentlich abstoßend war, erhielt er einen Korb.
Fisch schenkte ihren Zellengenossinnen zum Abschied ein schmales Lächeln und folgte der Wärterin den Gang hinunter in Richtung Ausgang. Sie wurde zum Gefängnistor geführt, erstaunlich herzlich verabschiedet, und beobachtete dann, wie Mr. Porter ihre wenigen Habseligkeiten auf seinen Wagen lud. Er half ihr auf den Kutschbock, als sei sie eine wahrhaftige Lady, und nur Sekunden später ließen sie das Primbaker-Gefängnis hinter sich.
Hoffentlich für immer, dachte Fisch und sah nicht zurück.
Mr. Porter hielt kurz darauf vor einem Gemischtwarenladen und kaufte viele Meter Stoff in Grau, Taubenblau und Braun, zwei schlichte Hauben für ihre Haare, außerdem einen Leinenstoff für Chemisen, Nachthemden und die Unaussprechlichen – die Unterhosen. Er lud alles auf den Wagen und lächelte ihr zu, bevor er das nächste Geschäft ansteuerte und weitere Vorräte kaufte.
Sie ließen die Stadt schnell hinter sich und Fisch betrachtete das Land, das sie noch nie gesehen hatte, obwohl sie bereits fast sieben Jahre hier lebte. Sie kannte den Hafen und das Gefängnis, das war alles.
»Bist du schon immer stumm?«, fragte Joshua nach einer Weile und sie schüttelte den Kopf.
»Das heißt, du kannst sprechen?«
Sie zuckte mit den Schultern, einmal, zweimal. Er nickte und schwieg für ein paar Minuten.
»Was ist mit dem Bein, Fisch? Humpelst du schon immer?«
Wieder verneinte sie und er fragte weiter: »Hattest du einen Unfall?«
Sie nickte, dachte an den Tag, an dem es passiert war. Sie erschauerte unwillkürlich und versuchte sich an einem beruhigenden Lächeln, als sie bemerkte, dass Joshua ihre Reaktion wahrgenommen hatte.
»Es war schlimm«, stellte er fest und zog eine Grimasse.
Sie nickte abermals und machte eine wegwerfende Handbewegung. Lange her. Passiert ist passiert. Nicht mehr zu ändern. Der Wagen rumpelte über die staubigen Wege und sie konzentrierte sich wieder auf die Landschaft, saugte die Bilder in sich auf und beschloss, sich immer an diesen schönen Tag zu erinnern. Sie war frei und versorgt und Joshua Porter schien nett zu sein. Obwohl sie wusste, wie schrecklich man sich in Menschen täuschen konnte, erlaubte sie sich die Hoffnung, ein einziges Mal im Leben Glück gehabt zu haben.
»Du brauchst einen Namen, ich kann meine Frau unmöglich Fisch nennen«, sagte er, als sie knapp zwei Stunden unterwegs waren, und eine kleine Stadt am Horizont auftauchte. »Ich wünschte, du könntest mir verraten, wie du heißt, Mrs. Porter.«
Sie zuckte bedauernd mit den Schultern und lächelte gequält.
»Nun, dann … bleibt mir doch nur Fisch. Oder Missy, als Abkürzung von Mrs. Porter.«
Sie hob vorsichtig den Daumen und schüttelte den Kopf, dann streckte sie den Zeigefinger nach oben und nickte, all das, während sie ihr Haupt gesenkt hielt und auf ihren Schoß starrte.
»Sieh mich an, bitte«, sagte Joshua und sie hob den Kopf. »Zweiteres also? Missy? Gefällt dir Missy?«
Er strahlte sie an, so offen, so freundlich, dass er ihr vorkam wie ein Engel. Sie wagte ein kleines Lächeln, senkte dann aber sofort wieder den Blick auf ihren Schoß.
»Ist das ein ›ja‹ zu Missy?«, fragte er und sie nickte.
Vielleicht war das der Beginn eines besseren Lebens, ein neuer Name für einen hoffnungsvollen Start. Missy Porter. Vielleicht.
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