[Leseprobe] Fisch Hinkebein

von CThomas
LeseprobeAllgemein / P16
02.12.2018
31.12.2019
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02.12.2018 3.859
 
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CThomas




Dezember 1838, New South Wales, Primbaker-Frauenstrafanstalt

»Vielleicht ist heute der Tag, an dem ich hier endlich rauskomme«, murmelte Siebzehn-Kinder-Mary und schlug die geballte Faust in die offene Hand, fest entschlossen, diesen Tag, den 8. Dezember 1838, zu ihrem Glückstag zu machen. »Aber diese blöden Schlampen werden mir wieder keinen Platz in der Mitte gönnen. Na, die können was erleben, heute nicht, nicht mit mir! Ich will hier verflucht noch mal endlich raus!«
Ein böser Blick traf die jungen Frauen, die sich in der Mitte des Platzes scharrten, dann spuckte Siebzehn-Kinder-Mary aus und machte sich auf den Weg ins Getümmel, fest entschlossen, einen guten Platz zu ergattern.
Der Tumult im Hof war derselbe wie an jedem Heiratssamstag. Die aufgeregten Insassinnen machten sich gegenseitig so hübsch wie möglich und beteten so inbrünstig wie an keinem anderen Tag um einen netten, gut aussehenden Siedler, der sie aus dem Elend der Anstalt befreite und mit auf eine Farm nahm.
Die junge Frau, die sie »Fisch« nannten, tat nichts dergleichen. Es war der 38. Heiratssamstag, den sie miterlebte, und es sollte ihr vorletzter sein. In drei Monaten musste man sie freigeben, sieben Jahre Verbannung waren dann vorüber, ihre Strafe abgebüßt.
Als das Signal zur Aufstellung kam, begann der übliche Kampf um die besten Plätze, und Fisch beobachtete, wie Siebzehn-Kinder-Mary verbissen mehrere Insassinnen zu Boden riss und damit aus dem Weg räumte. Die Frauen, die in Tornähe standen, bekamen nie einen Siedler ab, die Männer gingen an ihnen vorbei und pickten sich eine Ehefrau aus der Mitte oder vom Ende der Schlange. Am Anfang der Reihe wollte deshalb kaum jemand stehen. Fisch platzierte sich immer ganz vorne, unter den ersten zehn Gefangenen. Niemand würde sie wählen, auch dann nicht, wenn sie auf dem besten Platz stand, das war ihr ebenso klar wie jeder anderen Frau. Sie hatte sich damit abgefunden. Für sie überwogen die Vorteile, sorgte doch diese Tatsache dafür, dass ihre Mitinsassinnen sie gut leiden konnten – sie stellte keine Konkurrenz dar.
Der Heiratssamstag war eine schrecklich langweilige Veranstaltung, das lange Stehen belastete ihr schlimmes Bein, die Temperatur im Hof war kaum erträglich. Die Dezemberhitze brachte den gepflasterten Boden zum Glühen, wurde von den Wänden der Wirtschaftsgebäude reflektiert und brannte einem fast ein Loch in den Nacken. Fisch starrte auf ihre Füße, versuchte Lärm und Klima so gut es ging zu ignorieren und sich ins House Butterfly zurückzuziehen, ein gemütliches, kleines Haus, das sie in ihrer Fantasie bewohnte. Während sie sich vorstellte, wortgewandt und anmutig zu sein, Bücher lesen und Briefe schreiben zu können, wurden die heiratswilligen Siedler in den Hof gelassen und die Auswahl begann. Staubige Männerstiefel zogen in ihr vorbei, blieben meistens gar nicht stehen und wenn, dann nur so lange, bis die Wärterin sie in drei Sätzen vorgestellt hatte. Immer die gleiche Erklärung, danach verschwanden die Stiefel aus ihrem Blickfeld. In sechseinhalb Jahren hatte keiner der Männer auch nur ein Wort an sie gerichtet oder ihr Gesicht sehen wollen. Die dürren Eckdaten ihrer Geschichte reichten, um sie alle zu vertreiben.

»Sie hat keinen Namen. Wir nennen sie Fisch. Fisch Hinkebein«, verkündete die Wärterin, während Fisch auf das 28. Paar Stiefel an diesem Vormittag starrte.
Braunes Leder, staubig und abgestoßen. Kaum einer machte sich die Mühe, die Sonntagskleider anzuziehen, wenn er auf Brautschau ging. Eine Strafgefangene war das nicht wert. Außerdem wäre es noch lächerlicher als es schon war, wenn ein Mann im feinen Zwirn, mit geputzten Schuhen und ordentlicher Rasur, eine Kriminelle in verschlissenen Kleidern heiratete.
»Keinen Namen? Fisch Hinkebein?«, fragte der Besitzer der Stiefel und klang ebenso erstaunt wie irritiert.
Sie sprach in Gedanken die Antwort der Wärterin mit, sie kannte sie auswendig, hatte sie jeden Heiratssamstag unzählige Male gehört.
»Sie humpelt. Und sie ist so stumm wie ein Fisch. Niemand weiß, wie sie heißt. Sie kam bereits namenlos auf das Schiff, das sie hierher transportiert hat. Ihr offizieller Name ist Mary Smith, so nennen wir alle, deren Identität unbekannt ist.«
»Wie lange ist sie schon hier?«
»Fast sieben Jahre. Sie hat noch drei Monate, dann wird sie entlassen.«
Fisch runzelte die Stirn. Das war neu, noch nie hatte einer gefragt, wie lange sie hier war.
»Was war ihr Verbrechen?«
»Hat Äpfel und ein Brot gestohlen. Glaube ich. Auf jeden Fall Diebstahl.«
»Ist sie auch taub?«
»Nein. Sie hört. Und sie schuftet wie ein Ochse, obwohl sie humpelt. Sie ist außerordentlich fleißig. Ich kann nur Gutes über sie berichten, Mister.«
Für ein paar Sekunden war es irgendwie seltsam still, trotz des Lärmes und Trubels im Hof, dann sagte die Wärterin: »Heb doch mal den Kopf, Mädchen, lass dich betrachten.«
Fisch zuckte zusammen und folgte der Aufforderung zögerlich, zwang sich, den Heiratsinteressenten anzusehen. Vor ihr stand ein großer, schlanker Mann, ungefähr 30 Jahre alt, blonde Haare, helle Augen. Er hielt seinen Hut in den Händen, als sei das hier ein Höflichkeitsbesuch und keine Fleischbeschau zum Zwecke der Anschaffung einer billigen, abhängigen Arbeitskraft, die Tag und Nacht zur Verfügung stand.
Er sollte den Hut wieder aufsetzen, wenn er keine Brandblasen im Nacken haben will, dachte Fisch und zupfte an dem Tuch herum, das ihren Kopf vor der Sonne schützte.
»Wie alt ist sie?«
»Ungefähr 23, schätze ich. Wir wissen kaum etwas über sie. Sie gehorcht, ist unauffällig, macht niemals Ärger und arbeitet hart.«
Er lächelte sie an, ein offenes, freundliches Lächeln und ließ dann seinen Blick über ihren Körper wandern, der unter dem sackartigen, graubraunen Kleid, das alle Insassinnen trugen, nur zu erahnen war.
»Miss«, sagte er, nickte ihr zu und ging zwei Schritte weiter, zur Siebzehn-Kinder-Mary, die man so nannte, weil sie siebzehn hungrige Kinder in London hatte zurücklassen müssen, und die, ganz offensichtlich, beim Kampf um die besten Plätze doch unterlegen war.
Fisch senkte den Kopf und lauschte dem kleinen Wort »Miss« hinterher. So hatte sie noch nie jemand angesprochen. Es hörte sich respektvoll, höflich und freundlich an. Sie nahm den Klang seiner Stimme, prägte ihn sich ein, packte ein Bild seines Lächelns hinzu und verwahrte diese beiden Schätze sicher in ihren Gedanken, in dem kleinen Haus, in dem sie ungehemmt sprechen und gehen konnte.

Drei Stunden später war der Heiratsmarkt beendet, 23 Paare wurden in einem Eilverfahren getraut und die zurückgebliebenen Insassinnen begannen, sich um die besten der freigewordenen Pritschen zu streiten. Der blonde Mann, der so viel Interesse an ihr – und an jeder anderen Frau – gezeigt hatte, war unverheiratet gegangen. Entweder hatte er hohe Ansprüche oder die Lust verloren, sich mit einer Strafgefangenen einzulassen. Trotzdem dachte Fisch in den folgenden acht Wochen oft an ihn, an das freundliche Lächeln, das seine Augen erreichte, und ihn so offen und gütig wirken ließ, und an die respektvolle Anrede: »Miss«. Die Begegnung mit ihm war, das musste sie zugeben, das schönste Erlebnis auf diesem verfluchten Kontinent gewesen. Das Netteste, das ihr passiert war, seit dem verdammten Tag vor acht Jahren, an dem sie drei Äpfel und ein Brot gestohlen hatte.


Fischs letzter Heiratssamstag unterschied sich von keinem der vorherigen. Sie stand am Anfang der Reihe, wie immer, und machte sich auf einen halben Tag voller Langeweile gefasst. Wenn sie doch bloß in ihrer Zelle bleiben dürfte, heiraten würde sie sowieso niemand. Doch bis auf die neuesten Insassinnen mussten alle teilnehmen, auch wenn man wie Fisch seit sechs Jahren und zehn Monaten nicht erwählt worden war. Nur die Frauen, die vor weniger als zwölf Wochen angekommen waren, blieben in den Zellen.

Die Parade der staubigen Stiefel zog ohne Unterlass an ihr vorbei, kaum einer hielt an, alles war wie immer. Außer, dass es zum letzten Mal passierte, und das verursachte ein eigentümliches Gefühl. Beim nächsten Heiratsmarkt in acht Wochen war Fisch eine freie Frau, eine ehemalige Strafgefangene ohne Dach über dem Kopf, ohne Arbeit, ohne Essen. Keine besonders guten Aussichten. Über kurz oder lang würde sie vermutlich wieder hier stehen, weil man sie dann abermals bei einem Diebstahl ertappt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt hatte. Eine Rückkehr nach London war ausgeschlossen, die Überfahrt war viel zu teuer. Eine Anstellung erschien ebenso unwahrscheinlich wie ein Mann, der sie versorgen konnte. Also blieb nur der Hungertod oder die Fortsetzung ihrer kriminellen Tätigkeiten, was so sicher wie der Blatterntod zu einer erneuten Anreihung langweiliger Heiratssamstage führte.
»Miss ... äh ... Fisch?«, sagte eine Männerstimme und sie hob den Kopf, blickte in das freundliche Gesicht des blonden Mannes, an den sie so viel gedacht hatte. »Erinnern Sie sich an mich? Ich war vor acht Wochen schon einmal hier. Mein Name ist Joshua Porter. Ich habe eine kleine Farm, sie liegt eine halbe Stunde Fahrt westlich von Rosemeadow. Ich möchte Sie gerne mit dorthin nehmen, wenn Sie sich vorstellen können, meine Frau zu werden.«
Fisch starrte ihn mit offenem Mund an und überlegte, ob er sie wohl zum Narren halten wollte, sie verhöhnte, sich einen Spaß auf ihre Kosten erlaubte.
»Fisch! Mr. Porter macht dir einen Antrag! Du musst nicken, Mädchen, na los«, zischte die Wärterin laut und gab ihr einen Schubs, der sie aus ihrer Starre befreite.
»Ich verspreche, mich gut um Sie zu kümmern, Miss. Sie haben nichts zu befürchten.« Mr. Porter lächelte und Fisch nickte langsam.
»Nehmen Sie meinen Antrag an, Miss?«, fragte er und legte den Kopf schief, betrachtete sie eindringlich.
Obwohl sie keine Ahnung hatte, was sie davon halten sollte, warum er ausgerechnet sie erwählte: Sie würde ihn heiraten. Ihre Zukunftsaussichten sahen mit einem Ehemann doch deutlich besser aus als ohne. Und wenn sich herausstellte, dass er ein schlechter Mensch war, konnte sie sich immer noch davonmachen.
Noch einmal nickte sie und Joshua Porter atmete hörbar aus: »Danke schön, Miss.«
»Wieso kriegt Fisch einen Kerl und ich nicht? Sie hat nicht mal einen Namen!«, maulte Siebzehn-Kinder-Mary und er wandte sich ihr zu: »Nun hat sie einen. Mrs. Joshua Porter. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Ma’am, vielleicht ist ja noch ein guter Ehemann für Sie dabei.«

Die Vermählung zog wie im Traum an Fisch vorbei, sie nickte an der richtigen Stelle und setzte drei zittrige Kreuze auf die Heiratsurkunde. Dann brachte man sie in ihre Zelle, wo sie ihre wenigen Kleider zusammenpackte, ihren Kamm und zwei Haarbänder in das Bündel schnürte, und sich das Kissen und die Decke unter den Arm klemmte. Diese Dinge gehörten ihr und sie hatte sie teuer bezahlt. Auf keinen Fall wollte sie ihre wertvollsten Besitztümer zurücklassen.
»Ich nehme Fischs Pritsche!«, rief Anna, die neun Wochen zuvor in der Sträflingskolonie angekommen war, und als die Neue in der Zelle bislang auf dem Strohsack auf dem Boden geschlafen hatte.
Anna ließ sich auf die schäbige, durchgelegene Matratze fallen und lachte. Fisch lächelte ihr zu und wusste, dass die Neue nicht lange auf dieser Pritsche schlafen musste. Sie war so schön wie die Morgensonne, ausgestattet mit einer strahlenden, heiteren Persönlichkeit und genug Charme, um eine ganze Schiffsmannschaft zu bezirzen. Hätte Anna am heutigen Heiratssamstag teilgenommen, wäre sie bestimmt ebenfalls dabei, ihre Sachen zu packen. Im April konnte Anna hier raus sein, es sei denn, sie lehnte einen Antrag ab. Aber das taten die wenigsten Frauen. Nur wenn ein Mann wirklich außerordentlich abstoßend war, erhielt er einen Korb.
Fisch schenkte ihren Zellengenossinnen zum Abschied ein schmales Lächeln und folgte der Wärterin den Gang hinunter in Richtung Ausgang. Sie wurde zum Gefängnistor geführt, erstaunlich herzlich verabschiedet, und beobachtete dann, wie Mr. Porter ihre wenigen Habseligkeiten auf seinen Wagen lud. Er half ihr auf den Kutschbock, als sei sie eine wahrhaftige Lady, und nur Sekunden später ließen sie das Primbaker-Gefängnis hinter sich.
Hoffentlich für immer, dachte Fisch und sah nicht zurück.
Mr. Porter hielt kurz darauf vor einem Gemischtwarenladen und kaufte viele Meter Stoff in Grau, Taubenblau und Braun, zwei schlichte Hauben für ihre Haare, außerdem einen Leinenstoff für Chemisen, Nachthemden und die Unaussprechlichen – die Unterhosen. Er lud alles auf den Wagen und lächelte ihr zu, bevor er das nächste Geschäft ansteuerte und weitere Vorräte kaufte.
Sie ließen die Stadt schnell hinter sich und Fisch betrachtete das Land, das sie noch nie gesehen hatte, obwohl sie bereits fast sieben Jahre hier lebte. Sie kannte den Hafen und das Gefängnis, das war alles.
»Bist du schon immer stumm?«, fragte Joshua nach einer Weile und sie schüttelte den Kopf.
»Das heißt, du kannst sprechen?«
Sie zuckte mit den Schultern, einmal, zweimal. Er nickte und schwieg für ein paar Minuten.
»Was ist mit dem Bein, Fisch? Humpelst du schon immer?«
Wieder verneinte sie und er fragte weiter: »Hattest du einen Unfall?«
Sie nickte, dachte an den Tag, an dem es passiert war. Sie erschauerte unwillkürlich und versuchte sich an einem beruhigenden Lächeln, als sie bemerkte, dass Joshua ihre Reaktion wahrgenommen hatte.
»Es war schlimm«, stellte er fest und zog eine Grimasse.
Sie nickte abermals und machte eine wegwerfende Handbewegung. Lange her. Passiert ist passiert. Nicht mehr zu ändern. Der Wagen rumpelte über die staubigen Wege und sie konzentrierte sich wieder auf die Landschaft, saugte die Bilder in sich auf und beschloss, sich immer an diesen schönen Tag zu erinnern. Sie war frei und versorgt und Joshua Porter schien nett zu sein. Obwohl sie wusste, wie schrecklich man sich in Menschen täuschen konnte, erlaubte sie sich die Hoffnung, ein einziges Mal im Leben Glück gehabt zu haben.
»Du brauchst einen Namen, ich kann meine Frau unmöglich Fisch nennen«, sagte er, als sie knapp zwei Stunden unterwegs waren, und eine kleine Stadt am Horizont auftauchte. »Ich wünschte, du könntest mir verraten, wie du heißt, Mrs. Porter.«
Sie zuckte bedauernd mit den Schultern und lächelte gequält.
»Nun, dann … bleibt mir doch nur Fisch. Oder Missy, als Abkürzung von Mrs. Porter.«
Sie hob vorsichtig den Daumen und schüttelte den Kopf, dann streckte sie den Zeigefinger nach oben und nickte, all das, während sie ihr Haupt gesenkt hielt und auf ihren Schoß starrte.
»Sieh mich an, bitte«, sagte Joshua und sie hob den Kopf. »Zweiteres also? Missy? Gefällt dir Missy?«
Er strahlte sie an, so offen, so freundlich, dass er ihr vorkam wie ein Engel. Sie wagte ein kleines Lächeln, senkte dann aber sofort wieder den Blick auf ihren Schoß.
»Ist das ein ›ja‹ zu Missy?«, fragte er und sie nickte.
Vielleicht war das der Beginn eines besseren Lebens, ein neuer Name für einen hoffnungsvollen Start. Missy Porter. Vielleicht.

Es vergingen ein paar Minuten, bevor Joshua wieder etwas sagte, doch Fisch empfand das Schweigen nicht als belastend.
»Schön. Du möchtest bestimmt wissen, warum ich ausgerechnet dich gewählt habe.«
Fisch, die nun nach vielen, vielen Jahren wieder einen halbwegs vernünftigen Namen hatte, nickte, und er seufzte: »Nun, dann will ich dir von Ella und Josephine erzählen. Und von mir, denn man sollte schon wissen, mit wem man verheiratet ist, nicht wahr?«
Das sollte man tatsächlich und sie fragte sich, warum er sie geheiratet hatte, wo man von ihr doch am allerwenigsten von allen Strafgefangenen wusste.
»Ich komme aus einer Familie von Bergarbeitern. Aus der Tyneside. Jeder arbeitet dort unter Tage. Ich musste das auch tun, aber ich hasste es aus tiefstem Herzen. Ich wollte Sonne, Weite, offenes Land, Abenteuer. Keinen dunklen Schacht und ständige Angst, verschüttet zu werden. Ich träumte davon, mit Ella, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, eine Farm zu führen. Wir waren unzertrennlich, schon als Kinder, ein Herz und eine Seele, füreinander bestimmt. Aber sie begann sich zu verändern, als wir zwölf Jahre alt wurden.«
Joshua machte eine Pause und starrte auf den Rücken des Pferdes. Fisch konnte sehen, dass ihn die Erinnerung schmerzte.
»Sie zog sich zurück, sie aß immer weniger und verlor Gewicht. Und sie verstummte langsam. Mit 14 sprach sie kein Wort mehr und die fröhliche Ella aus unserer Kindheit verschwand endgültig, übrig blieb nur noch eine abgemagerte, schweigende, traurige Hülle.«
Fisch nickte nachdenklich, konnte jedes Wort nachvollziehen. Sie verstand, dass Ella sich vor etwas unsichtbar machen wollte, vor irgendeinem gewalttätigen Grauen. Nur nicht auffallen, keine Angriffsfläche bieten.
»Der Grund war, dass ... dass sich ihr Stiefvater ... also, er ...«, Joshua suchte verzweifelt nach Worten und räusperte sich, bevor er mit fester Stimme fortfuhr: »Ich weiß nicht genau, wie ich das beschreiben soll, ohne unanständig zu werden. Also, wenn Ellas Mutter außer Haus war, dann ... tat er mit ihr Dinge, die ein Mann nur mit seiner Ehefrau tun sollte.«
Sie nickte und Joshua fragte: »Verstehst du, was ich meine? Also, mhm, weißt du es?«
Wieder bejahte sie und hätte ihm am liebsten gesagt, dass sie eine Strafgefangene und ein Straßenkind war, keine Lady, die bis zur Hochzeitsnacht nicht wusste, was im Ehebett geschah.
»Ist dir das auch passiert?«
Fisch schüttelte den Kopf. Ihr Vater hatte sie nur verprügelt und sie in schöner Regelmäßigkeit die Treppe hinuntergestoßen, wenn sie für seinen Geschmack zu langsam lief. Er hatte sie, dem Herrn sei Dank, nie in sein Bett geholt.
»Oh, gut. Das ist beruhigend. Nun, ich wollte Ella helfen, sie heiraten und sie somit aus diesem schrecklichen Haus holen. Doch noch bevor ich alt genug war, um ihr einen Antrag zu machen, erhängte sich eines Nachts auf dem Dachboden.«
Fisch nickte langsam und biss sich auf die Lippe. So arg sie gelitten hatte, der Gedanke, ihr erbärmliches Leben zu beenden, war ihr nie als ein Ausweg erschienen. Doch sie verstand, dass sich manche Menschen dafür entschieden.
Es vergingen ein paar Minuten, bis Joshua aus seinen Erinnerungen auftauchte und weitersprach: »Und dann war da Josephine. Sie war die jüngste Wirtstochter und bediente im Gasthaus. Sie war missgestaltet, hatte einen Buckel, humpelte stark und ihr Gesicht war entstellt. Sie mochte mich, weil ich ... weil ich freundlich zu ihr war und sie niemals hänselte. Die Männer im Wirtshaus neckten sie immer damit, dass sie unsterblich in mich verliebt sei. Josephine lachte meistens darüber, doch manchmal ... wurde sie dann auch traurig oder wütend, genau das, was die Kerle wollten. Nun, jedenfalls ... nach Ellas Tod begrub ich meinen Plan von der Farm und versuchte, mich mit dem Leben als Bergmann zu arrangieren. Ich ging nach der Schicht ins Gasthaus, trank, spielte Karten. Ich bin ein guter Kartenspieler, weißt du? Na ja, also … einmal jährlich gibt es dort ein Turnier, bei dem die Gewinne in einen Topf geworfen werden. Der Sieger gewinnt alle Einsätze des Tages, ein richtiges Vermögen. Vor knapp vier Jahren meldete mich für den Wettbewerb an, mehr aus Langeweile, und gewann eine Partie nach der anderen. Vor dem letzten Spiel drängten die Zuschauer Josephine dazu, mir einen Kuss auf die Wange zu geben, um mir so Glück zu bescheren. Auch wenn die Männer sie nur aufziehen und verhöhnen wollten, so funktionierte es doch. Sie brachte mir tatsächlich Glück. Ich bekam eine hervorragende Hand und gewann das Turnier. Damit hatte ich von einem Tag auf den anderen genügend Geld, um nach Australien auszuwandern und mir eine kleine Farm aufzubauen. Und genau das tat ich dann auch.«
Mit dem Ende von Joshuas Erzählung erreichten sie die Stadt und durchquerten sie innerhalb weniger Minuten.
»Das ist Rosemeadow. In einer knappen Stunde sind wir zuhause«, erklärte er und tippte sich mehrmals an den Hut, um den einen oder anderen Passanten zu grüßen.
Fisch nickte und er nahm seinen Bericht wieder auf: »Nach zwei Jahren auf der Farm fühlte ich mich ein wenig einsam und dachte darüber nach, mir eine Frau zu suchen. Abel, einer der Nachbarn, brachte mich auf die Idee mit dem Heiratssamstag im Gefängnis, also bin ich hingefahren, um zu erfahren, wie so eine Brautschau vor sich geht. Heiraten wollte ich gar nicht. Ich habe keine Ahnung, wieso, aber ich fühlte mich gleich zu dir hingezogen, in dem Moment, in dem ich dich zum ersten Mal sah – du gefällst mir gut, weißt du? Du bist hübsch anzusehen. Als die Wärterin sagte, du seist stumm und würdest humpeln, dachte ich erst an einen schlechten Scherz. Stumm, wie das Mädchen, das ich liebte, humpelnd, wie die Frau, die mir Glück gebracht hat. Die anderen Insassinnen interessierten mich eigentlich gar nicht mehr, aber ich wollte doch höflich bleiben, also bin ich bis zum Ende der Reihe marschiert.«
Fisch nickte und warf noch einmal einen Blick über die Schulter auf die kleine Ansiedlung, die sie hinter sich gelassen hatten.
»Ich habe viel an dich gedacht, nach dem Heiratsmarkt. Heute Morgen habe ich noch mit der Oberaufseherin gesprochen und sie konnte mir nur Gutes über dich berichten. Tja, und den Rest kennst du.«
Die nächsten Meilen fuhr Joshua den Wagen schweigend, dann begann er wieder zu sprechen: »Missy, ich habe keine Idee, was dich zum Schweigen gebracht hat, aber du sollst wissen, dass du mit mir reden kannst, jetzt sofort oder wenn wir uns besser kennen und du Vertrauen gefasst hast. Ich bin ein guter Mensch und ich habe die Wahrheit gesagt, als ich sagte, du hättest nichts zu befürchten. Ich weiß, dass du mich nicht aus freien Stücken geheiratet hast. Solltest du feststellen, dass du mich hasst, so kannst du mich verlassen. Wir haben vier Wochen Zeit, um uns kennenzulernen, so lange können wir die Ehe annullieren lassen. In einem Monat ist deine Strafe abgegolten, dann bist du eine freie Frau und darfst gehen, wohin auch immer du willst. Oder du bleibst bei mir. Ich überlasse die Entscheidung dir.«
Sie nickte und schaute angestrengt auf ihren Schoß, versuchte, die Tränen der Dankbarkeit und der Erleichterung zurückzuhalten. Er klang so anständig und so nett, großherzig und vernünftig. Wie der Mann, der mit ihr in ihrer Fantasie im House Butterfly wohnte und sie von ganzem Herzen liebte.


Mr. Porters Besitz war in Fischs Augen unbeschreiblich schön. Das Wohnhaus kam dem Haus aus ihrer Fantasie recht nahe, auch wenn Joshua nur drei Bücher besaß – nachdem sie aber nicht lesen konnte, war das nur ein kleiner Makel. Zur Farm gehörten ein Pferd, drei Kühe und ein Ochse, eine hundertfünfzigköpfige Schafherde, fünfzehn Hühner, ein Hahn, drei Hunde und zwei Katzen. Die Landschaft schien verschwenderisch üppig zu sein, Grün in allen Schattierungen, so weit das Auge reichte, Büsche, Bäume, ein Wasserlauf, der Besitz schimmerte und glänzte geradezu vor Fruchtbarkeit. Hinter den Weiden lag ein kleines Waldstück, in dessen Schatten eine Feldscheune zu erkennen war.
Kaum, dass sie alles gesehen hatte, die Schafweiden, die Ställe, die große Scheune und das Wohnhaus, zeigte ihr Joshua, wie man auf dem Herd kochte und ließ sie es gleich ausprobieren. Er holte Eier und Butter aus der Vorratskammer und brachte ihr bei, wie man Spiegeleier briet. Sie spürte, dass sie lächelte und dass sich dieses Lächeln gar nicht mehr abstellen ließ, ein Zustand, der ihr völlig unbekannt war. Die großen Hunde namens Bogey, Chuck und Wiggles, die ihr wie Schatten folgten, gefielen ihr ebenso gut wie die beiden Katzen, die sie aus der Ferne beobachteten. Bevor sie sich an den Tisch setzten, nahm sie allen Mut zusammen und streichelte Wiggles, der ihr als der Zutraulichste der Hunde erschien, über den Kopf, und spürte, dass sie einen Freund fürs Leben gewonnen hatte.
»Du bist ein Stadtkind, habe ich recht?«, fragte er beim Essen und Fisch nickte. »Ich werde dir beibringen, wie man Brot backt und Butter und Käse macht. Falls du in vier Wochen zurück in die Stadt gehst, hast du dann wenigstens etwas Nützliches gelernt.«
Fisch schüttelte den Kopf und deutete auf den Boden. Sie wollte hierbleiben, wünschte sich, dass Joshua so freundlich blieb und sie ihm keinen Grund lieferte, sie seinerseits zurückzuschicken.
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