Wie das Feuer zum Wasser kam

von minokami
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12 Slash
02.12.2018
30.12.2018
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Weiter geht's mit den beiden :) Danke an alle Leser und Favorisierer bisher. Ich freue mich übrigens auch über Reviews ;)

Habt einen schönen zweiten Advent!


~*~


Die nächsten Tage verliefen ruhig.
Meine Hausarbeit wurde rechtzeitig fertig und bekam eine hohe Punktzahl, die Vorlesungen und Seminare fielen mir leicht und in der Unibibliothek ergatterte ich das letzte ausleihbare Exemplar einer Literaturempfehlung zum Strafverfahrensrecht.
Rob hielt sich brav an sein Versprechen und kochte die ganze Woche für uns, wodurch ich ganze vier Tage lang in den Genuss verschiedenster Köstlichkeiten kam. Auch wenn danach die Rückversetzung der Küche in einen präapokalyptischen Zustand wie üblich mir zufiel. In der Zwischenzeit postete Rob fleißig Bilder seiner Festmahle bei Instagram und erzählte mir freudestrahlend jeden Tag, wie sein abfotografiertes Essen immer mehr Likes und Follower abgriff. Er hatte sogar irgendeine Serie oder Challenge begonnen, bei der jeden Tag selbstgemachtes Essen online gestellt werden musste und seine kleinen Festmahle fanden offenbar in der »Community« großen Anklang.
Schön und gut. Aber ganz im Ernst: Ich besaß weder einen Instagram-Account noch sonst welche Konten in sozialen Medien und ich hatte nicht das Gefühl, als würde mir etwas fehlen. Im Gegenteil. Tatsächlich hatte ich mir mal einen Account bei Facebook angelegt, vor einigen Jahren. Aber nachdem ich dort nie sonderlich aktiv gewesen war, hatte ich ihn wieder gelöscht. Der Gipfel der Gefühle war für mich eine WhatsApp-Gruppe für meinen Studienjahrgang, um alte Prüfungsaufgaben auszutauschen und Lerngruppen zu bilden. Ich war wirklich kein Misanthrop, aber meine sozialen Kontakte pflegte ich lieber in der echten Welt – zum Beispiel beim traditionellen Clubbesuch am Samstagabend. Außerdem war Rob Unterhaltung genug. Man musste ihn nur mal einen halben Tag lang beobachten und bekam die ganze Bandbreite dessen, was die Leute vermutlich am Internet so faszinierte, geboten. Nur halt live und in Farbe.
»Kannst du mal die Kerze da rüber stellen?«, fragte Rob just in diesem Moment und wedelte mit der freien Hand in meine Richtung. Mit der anderen hielt er sein Smartphone fest und versuchte den richtigen Aufnahmewinkel zu finden. »Dann ist die Ausleuchtung besser.«
Pff, Ausleuchtung. Als wäre er ein Profifotograf. Hätte ich ihm fast abgenommen, aber alles, mit dem ich ihn jemals irgendetwas habe fotografieren sehen, war sein Handy. Und das Fotomotiv war meistens das Essen. Oder der Himmel. Oder irgendwelche Leute von hinten, er hatte da echt die seltsamsten Spleens. Eine echte Kamera hätte er sich eh nie leisten können; für viel mehr als die Grundbausteine des monatlichen Überlebens – halbe Miete, Essen, Mate, Bier, Handyrechnung – reichte es bei ihm eh nie.
Ohne weiteren Kommentar schob ich den dreiarmigen Kerzenhalter näher an seinen Teller, auf dem er ein zart gegartes Rindersteak, grüne Bohnen im Speckmantel und Kartoffeln derart appetitlich und harmonisch drapiert hatte, als hätte er Ahnung von dem, was er tat. Wer weiß, vielleicht steckte ja doch ein Fotograf in seinem Innersten. Tief unter der Schale eines verplanten Nerds mit einem unerklärlichen Händchen für Garpunkte und Geschmackskombinationen.
»Hast du eigentlich schon etwas für nächsten Sonntag geplant, Jojo?«, fragte Rob, als die Fotoprozedur beendet, alle Leuchter und Teller an ihrem Platz und wir endlich beim Essen waren.
»Außer ausnüchtern und mindestens bis zum Nachmittag meinen Kater pflegen?«, fragte ich zurück und steckte mir ein Stück Rindfleisch in den Mund. Verdammt, war das lecker. »Nee, bisher nichts.«
»Dann könnten wir ja gemeinsam auf den Weihnachtsmark gehen«, schlug Rob vor und verschanzte sich schnell hinter seinem Trinkglas.
»Was? Wieso sollte ich mit dir auf einen Weihnachtsmarkt gehen?!«
Rob schien in sich zusammensinken – vermutlich hatte ich harscher geklungen als beabsichtigt. Also fügte ich an: »Macht man so was nicht mit seiner Freundin oder so?«
»Na ja, wie du weißt, sind wir beide Single«, merkte Rob an, der sich wieder hinter seinem Bier hervortraute. Ernsthaft, so ein gutes Essen und er trank dazu Bier? Bei mir durfte es zum Fleisch schon ein ordentlicher Rotwein sein. »Aber ich hab gehört, dass es dieses Jahr ein schönes altes Karussell geben soll und …«
»Ein Karussell?!«, echote ich. »Warte mal, für wie alt hältst du uns?«
»Du musst ja nicht damit fahren. Ist vermutlich eh nur für Kinder. Aber es soll hübsch sein und ich mag so alte Sachen.«
»Dann geh doch hin und schau es dir an. Was hab ich damit zu tun?«
»Alleine macht es nur halb so viel Spaß«, murmelte Rob und hatte schon wieder diese Steine-zum-Heulen-bringen-Miene aufgesetzt. »Was ist verkehrt daran, einfach mal am zweiten Advent über den Weihnachtsmarkt zu schlendern und sich das Spektakel anzugucken? Wir können ja auch noch einen Glühwein trinken. Oder zwei.«
Er grinste schief und schaufelte sich eine Gabel voll Bohnen in den Mund.
»Also?«
»Ich kapier zwar immer noch nicht, warum ich da unbedingt mit muss und du nicht einfach irgendeinen von deinen Uni-Freunden fragst, aber wenn's sein muss …«
Die Aussicht auf Glühwein war immerhin nicht allzu schlecht und wenn Rob glücklich war, wenn er sein dämliches Karussell anschauen konnte – warum nicht. Ich war keineswegs der Grinch, auch wenn ich mit dem ganzen gefühlsduseligen Weihnachtskram nicht viel am Hut hatte.
Während wir weiter aßen und Rob im Anschluss als Dessert einen selbstgemachten Schokopudding mit Vanillesoße servierte, erzählte er mir die ganze Zeit davon, dass er als Kind jedes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt in seiner Heimatstadt auf einem alten Holzkarussell gefahren war. So ein richtig altes Ding – also, damals schon alt –, das von einem Opa mit Lupenbrille und Schiebermütze bedient wurde. Danach hatte ihm sein Vater immer einen Schokoapfel oder eine Tüte gebrannte Mandeln spendiert und zu Hause gab's dann Kakao und Weihnachtsplätzchen und … irgendwann hörte ich nicht mehr zu. Aber eine Sache blieb hängen: Das war scheinbar das Highlight der Vorweihnachtszeit für Kiddie-Rob.
Na, dann sollte er halt das Karussell anschauen gehen, wenn es ihm so viel bedeutete. Zum Fahren war er ja glücklicherweise zu groß, das hätte ich ihm sonst auch noch zugetraut. Aber die Aussicht auf den einen oder anderen Glühwein am Sonntag und vielleicht ein neues Paar Lederhandschuhe für den Winter war gar nicht so schlecht. Selbst wenn das hieß, mit Rob zusammen den halben Sonntag zu verbringen, den ich sonst zu verschlafen pflegte.

~*~


Am Sonntagmorgen klopfte Rob an meine Tür. Nun ja, »Morgen« war nicht ganz richtig, immerhin war es bereits 14 Uhr, wie ich auf mein Handy schielend erkannte. Aber ich war gerade mal sechs Stunden im Bett und bis auf einen kurzen Ausflug ins Bad irgendwann gegen zwölf hatte ich bis eben durchgeschlafen. Zählte also noch als »Morgen«.
»Hm?«, machte ich also langgezogen und beförderte in der gleichen Bewegung mein Handy zurück auf den Nachttisch, mit der ich mich in meinem Bett umdrehte.
»Jojo, aufstehen! Wir wollten doch auf den Weihnachtsmarkt«, hörte ich Robs Stimme von draußen. Ich beschloss, dass es dafür noch zu früh war und ich noch ein paar Umdrehungen zu viel in meinem Kreislauf hatte, also schwieg ich und zog die Decke höher. Wieder klopfte es an meine Tür.
»Jojo, bist du wach?«
»Nein«, erwiderte ich und versuchte noch ein paar Minuten lang zu dösen. Wir hatten ja schließlich keinen Termin mit dem Weihnachtsmann oder der Glühweinfee vereinbart.
»Komm schon, sonst ist es dunkel, bevor wir da sind.«
»Was ist so schlimm daran?«, nuschelte ich und mochte die Vorstellung eigentlich, meinen Augen kein grelles Tageslicht zumuten zu müssen. Das waren sie an einem Sonntag auch echt nicht gewohnt.
»Dann kann ich das Karussell gar nicht richtig sehen.«
Das hatte ich kaum verstanden, weil Rob so leise in seinen nicht vorhandenen Bart genuschelt hatte. Aber es reichte, um mich davon abzuhalten, noch einen Ausflug nach Ausnüchterungshausen zu machen. Schwerfällig setzte ich mich auf, registrierte Kopfschmerzen, Schwindel und schmerzende Augen und verfluchte im ersten Moment meine Zusage. Ob ich mich einfach krank stellen und den Sonntag doch verschlafen sollte?
»Jojo, bist du wieder eingeschlafen?«
»Schon gut, schon gut«, knurrte ich und schüttelte den Kopf, um die Müdigkeit zu vertreiben. Blöde Idee, jetzt fühlte ich mich wie in einem Kettenkarussell. Eigentlich genug Karussell-Experience für heute, aber ich war ja prinzipiell jemand, der zu seinem Wort stand. So auch diesmal. Schon allein, weil ich keine Lust auf die Heulende-Steine-Miene hatte, die Rob vermutlich bis zu den Semesterferien im Februar nicht wieder ablegen würde.
»Ich komm ja schon. Lass mich wenigstens noch duschen.«
Damit schälte ich mich aus meinem Bett und registrierte beiläufig Robs freudiges »In Ordnung! Ich mach dir einen Kaffee!« von der anderen Seite der Tür, dann Schritte in Richtung Küche.
Das war ja wohl das Mindeste.

~*~


»Wow! Und schau dir mal die handgeschnitzten Pferde an! Wie echt!«
»Hm, ja«, machte ich und hoffte, dass Rob in seinem Freudentaumel nicht bemerkte, dass ich seine Begeisterung nicht teilte. Aber es war schon irgendwie niedlich, ihn mit leuchtenden Augen vor dem Karussell aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts stehen zu sehen. Mein Körper hatte sich wieder eingekriegt – Kaffee und Kopfschmerztabletten wirkten Wunder – und der von der Wetter-App versprochene Schneeregen war zum Glück auch ausgeblieben. Jetzt hoffte ich nur noch, dass Rob bald fertig war, damit wir zum zweiten und weitaus angenehmeren Teil unseres Ausflugs kommen konnten: Glühwein trinken.
Allerdings sah es so aus, als würde das nicht allzu bald passieren. Das Karussell war schon hübsch und zweifelsohne eine handwerkliche Meisterleistung, aber das war es auch schon für mich. Rob dagegen konnte sich gar nicht sattsehen. Seit der Betreiber ihm gesagt hatte, dass das Gerät tatsächlich nur für Kinder ausgelegt war und er nicht damit fahren konnte, hatte er sich darauf verlegt, es aus allen möglichen und unmöglichen Winkeln zu fotografieren. Na, wo die ganzen Schnappschüsse landen würden, war mir direkt klar.
Plötzlich kam Rob zu mir herüber gelaufen, umarmte mich stürmisch und hielt sein Handy auf Armlänge entfernt schräg über unsere Köpfe.
»Danke, dass du mit mir hergekommen bist, Jojo!«, strahlte er mich an und wandte sich dann zum Handybildschirm. »Say cheeeeese!«
Völlig überrumpelt glotzte ich auf das Gerät und merkte erst jetzt, dass er Selfies von uns schoss. Ich sah darauf aus wie ein Vollidiot, während Rob grinste wie ein Honigkuchenpferd. Im Hintergrund konnte ich vage das Karussell erahnen.
»Was soll das denn?«, motzte ich ihn an, aber mein Unmut schien an ihm abzuperlen.
»Erinnerungsfoto«, grinste er und steckte das Handy wieder weg. »Ist doch was Besonderes!«
»Stell das ja nicht online!«
»Keine Sorge!«
Dieses breite Grinsen schien sich in Robs Gesicht festgefressen zu haben. Ich glaubte ihm kein Wort. Bevor ich ihm mit Nachdruck klar machen konnte, dass diese Fotos wirklich nirgendwo landen sollten, wo irgendjemand sie sehen konnte, legte er mir überschwänglich und wie selbstverständlich den Arm um die Schultern.
»Los, auf zum Glühweinstand! Ich lad dich ein!«
Schnell schüttelte ich ihn ab. Warum kannte dieser Typ keine Hemmungen? Zu Hause war ja eine Sache, aber hier, inmitten von hunderten Menschen? Nein, danke – keine Lust auf Knuddelattacken.
»Ich nehm dich beim Wort«, erwiderte ich und überschlug im Kopf, wie viele Glühweine ich trinken konnte, ohne dass ich morgen wie ein Zombie im Hörsaal saß. Auf alle Fälle genug, um Rob klarzumachen, welch großes Opfer ich hier für ihn erbrachte. »Aber lass uns vorher noch eine Bratwurst essen. Das alles ertrag ich sonst nicht auf nüchternen Magen.«
Rob stimmte zu und ging voran. Keine Ahnung, ob ich mir das einbildete, aber sein strahlendes Lächeln schien plötzlich eine Spur dunkler. Offenbar hatte er die Anspielung verstanden. Das hätte mich freuen sollen, aber aus unerfindlichen Gründen pickte das schlechte Gewissen hinter meiner Stirn wie ein Specht, während ich ihm nachging. Wie ein verdammt nerviger Specht.
Bevor ich also wieder Kopfschmerzen bekommen konnte, schloss ich mit einem ergebenen Seufzen zu Rob auf und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung eines Standes, an dem gebrannte Mandeln, Schokoladenfrüchte und andere Süßigkeiten verkauft wurden.
»Es sei denn, du möchtest vorher noch woanders hin.«
Er folgte meinem Deut und sein Gesicht hellte sich merklich auf. Hundert rote Weihnachtspunkte für mein Hirn, das Robs Ausführungen über seine Kindheit doch irgendwie abgespeichert hatte.
»Oh, es gibt sogar Äpfel mit Zartbitterschokolade! Willst du auch einen?«
»Lass mal, ich warte hier. Geh du nur und such dir was aus.«
Rob kämpfte sich durch die anderen Weihnachtsmarktbesucher zum Tresen vor und kam wenig später freudestrahlend zu mir zurück, die Beute seiner erfolgreichen Jagd empor gereckt. Und damit waren die Stimmung, der Abend und scheinbar die ganze Welt gerettet.
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